Schnelle Lösung – aber langfristig ein problem? Alkohol macht soziale Situationen für Menschen mit Angststörungen nur am Anfang leichter Von Trisha Bantin, Stephan Stevens und Christiane Hermann 54 Justus-Liebig-Universität Gießen Schnelle Lösung – aber langfristig ein Problem epidemiologische untersuchungen belegen, dass Angststörungen und Alkoholprobleme häufig gemeinsam auftreten. Angststörungen zählen zu den psychischen Störungen, bei denen die Furcht vor einem Objekt oder einer Situation oder unspe- zifische ängste im Vordergrund ie Soziale Phobie (SP) gehört nes Gesprächs zu sein, weniger daran stehen. Dabei übersteigt die erlebte neben Depressionen und der denken zu müssen, welchen Eindruck Angst die tatsächliche Gefahr, die DAlkoholabhängigkeit zu den man auf andere macht, und lockerer, von dem Objekt oder der Situation häufigsten psychischen Störungen. weniger unsicher zu sein, wenn sie Al- ausgeht. In den meisten Fällen Betroffene Personen empfinden Situa- kohol getrunken haben. geht dabei die Angststörung dem tionen, in denen die Aufmerksamkeit Allerdings: Was bezogen auf die prob lematischen Alkoholkonsum auf sie gerichtet ist und sie von ande- Angst auslösende Situation als schnel- voraus. In epidemiologischen Studi- ren beobachtet oder bewertet werden le Lösung erscheint, hat langfristig en konnte gezeigt werden, dass u.a. könnten, als Qual. Schon der harmlo- Konsequenzen: Aufgrund der Angst Angststörungen wie panikattacken, se Plausch mit einem Bekannten oder reduzierenden Wirkung wird Alkohol phobien und soziale ängste ein ein gemeinsames Essen können dann immer häufiger konsumiert, so dass risikofaktor für eine Alkoholpro- zur Tortur werden. Im Vordergrund sich eine Abhängigkeit entwickeln blematik darstellen. Speziell bei steht die Angst, sich in sozialen Situa- kann. Unter Alkoholabhängigkeit ver- der Sozialen phobie ist das risiko tionen vor anderen zu blamieren, sich steht man den oft starken, gelegent- erhöht, dass sich aus Alkoholpro- lächerlich zu machen und daraufhin lich übermäßigen Wunsch, Alkohol negativ bewertet zu werden. Vorstel- zu konsumieren, den Konsum einer blemen eine Alkoholabhängigkeit lungen wie „Die anderen werden mer- immer größeren Alkoholmenge, um entwickelt. ken, dass ich unsicher bin, ich werde die gleiche Wirkung zu erreichen, und mich blamieren“ schießen den Betrof- das Auftreten von Entzugssymptomen fenen durch den Kopf. Sie befürchten, beim Verzicht auf Alkohol. dass das eigene Verhalten und auch das Zeigen von körperlichen Angst- wirkt Alkohol tatsächlich als symptomen wie Herzrasen, Erröten, Selbstmedikation? Schwitzen oder Zittern negativ, z.B. als Anzeichen für mangelnde Kompe- In einer Übersichtsarbeit [2] hat un- tenz, bewertet werden könnte. sere Arbeitsgruppe die empirischen Häufig geben Personen mit einer Befunde zur Selbstmedikationshypo- Angststörung an, Alkohol zur Angst- these zusammengestellt. Personen mit verringerung, also zur Selbstmedika- Sozialer Phobie konsumieren dann Al- tion einzusetzen. Nach Annahme der kohol vor sozialen Situationen, wenn „Selbstmedikationshypothese“ (SMH) sie einen anxiolytischen Effekt er- [1] konsumieren Angstpatienten Alko- warten und sicher gestellt ist, dass sie hol, um ihre Angstsymptome zu redu- durch den Konsum keine Beeinträch- zieren. Personen mit sozialen Ängsten tigung ihrer Leistungen oder einem erwarten durch den Alkoholkonsum Kontrollverlust befürchten müssen. Für Patienten mit Sozialer Phobie eine Angstreduktion (anxiolytische Patienten mit positiver Wirkerwartung ist es eine Herausforderung, vor Wirkung). So geben sie an, sich im berichten nach Alkoholgabe über sig- Publikum zu sprechen. Umgang mit Fremden sicherer zu füh- nifikant weniger Angst als diejenigen Foto: Franz Möller len, weniger nervös beim Beginn ei- mit negativer Wirkerwartung. Spiegel der Forschung · Nr. 2/2011 55 Bantin, Stevens, Hermann Diagnostische Leitlinien der Sozialen phobie und Alkoholabhängigkeit Soziale phobie Alkoholabhängigkeit • Starke und anhaltende Angst vor einer oder mehreren • Starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsu- sozialen Situationen oder Leistungssituationen, in denen mieren. die Person im Zentrum der Aufmerksamkeit anderer steht. Es wird befürchtet, sich in beschämender oder • Verminderte Kontrollfähigkeit bezüglich des Beginns, peinlicher Art und Weise zu verhalten (oder Angstsymp- der Beendigung oder der Menge des Konsums. tome zu haben). • Körperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder • Die Konfrontation mit der angstauslösenden sozialen Reduktion des Konsums. Situation führt zu einer sofortigen Angstreaktion (auch Körperreaktionen wie Erröten, Zittern, Übelkeit, Harn- • Toleranzentwicklung: Um die ursprünglich durch niedri- drang), die auch die Form einer situationsgebundenen gere Dosen erreichten Wirkungen des Alkohols hervor- Panikattacke annehmen kann. zurufen, sind zunehmend höhere Dosen erforderlich. • Die Person erkennt, dass die Angst übermäßig stark und • Fortschreitende Vernachlässigung anderer Vergnügen unbegründet ist. oder Interessen zugunsten des Alkoholkonsums, er- höhter Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen, zu • Die phobischen Situationen werden vermieden oder nur konsumieren oder sich von den Folgen zu erholen. unter intensiver Angst ertragen. • Anhaltender Konsum trotz des Nachweises eindeutiger • Deutliche Beeinträchtigung des normalen Tagesablaufs, schädlicher Folgen, wie z.B. Leberschädigung, depressi- der beruflichen oder geistigen Leistungsfähigkeit, sozia- ve Verstimmungen oder Verschlechterungen kognitiver ler Aktivitäten oder zwischenmenschlicher Beziehungen. Funktionen wie beeinflusst Alkohol die gruppe dargestellt. Wichtig ist hier, ziale Reize gemessen. In einer aktu- Angst in sozialen Situationen dass in den untersuchten Gruppen ellen Studie konnten wir z.B. zeigen, tatsächlich? kein Unterschied in der Höhe der dass hoch sozialängstliche Personen Blutalkoholkonzentration besteht. bei Alkoholgabe signifikant weniger Bislang liegen nur wenige experi- Gleichzeitig werden unterschiedliche Anspannung und Nervosität spürten, mentelle Studien vor, die die Wirkung Maße wie selbst berichtete Angst und wenn sie im Rahmen eines Rollen- von Alkohol auf die erlebte Angst die Aufmerksamkeitslenkung auf so- spiels mit einer anderen Person ein untersucht haben. Dabei werden die Gespräch führen mussten, als wenn Teilnehmer meist in zwei Gruppen 0,8 sie keinen Alkohol zu sich genommen SP aufgeteilt, eine Alkohol- und eine 0,7 KG hatten (siehe Abb. 2). nichtalkoholische Untersuchungsbe- 0,6 Noch interessanter ist aber, wie Al- dingung. 0,5 kohol die Aufmerksamkeitslenkung In Abbildung 1 ist beispielhaft die 0,4 beeinflusst. Dies lässt sich anhand von 0,3 so genannte Alkoholisierungskurve, 0,2 d.h. die Veränderung der Blutalko- 0,1 holkonzentration über verschiedene 0 Messzeitpunkte hinweg für Personen T1 T2 T3 Abb. 1: Veränderung der Blutalko- mit SP und einer gesunden Kontroll- Messzeitpunkt holkonzentration nach Alkoholgabe 56 Justus-Liebig-Universität Gießen BAK Schnelle Lösung – aber langfristig ein Problem Abb. 2: Selbstberichtete Nervosität 100 versität Gießen führen wir zurzeit wei- Alkohol und Anspannung 90 terführende Studien durch. Der Fokus 80 Nicht- 70 liegt auf der Untersuchung des Ein-Alkohol 60 flusses von Alkohol auf die Verarbei- 50 40 tung sozialer Informationen und die Reaktionszeitaufgaben untersuchen, 30 soziale Kompetenz bei Patienten mit die Aufschluss darüber geben, wie 20 Sozialer Phobie im Vergleich zu einer 10 Personen ihre Aufmerksamkeit auf 0 psychisch gesunden Kontrollgruppe. Gesichter mit unterschiedlichen Emo- Dabei werden die Teilnehmer entwe- tionen lenken (siehe Abb. 3). der in eine Gruppe unter Alkohol- oder In einer früheren Studie, die von eine unter Nicht-Alkoholbedingung unserer Arbeitsgruppe durchgeführt Nervosität Anspannung aufgeteilt. Zusätzlich schätzen die wurde [3], konnte gezeigt werden, Probanden zu unterschiedlichen Zeit- dass Personen mit Sozialer Phobie zeigt sich in kürzeren Reaktionszeiten punkten ihre Angst, Nervosität, An- im Vergleich zu einer Kontrollgruppe für ärgerliche Gesichter (siehe Abb. spannung und Kognitionen ein. ihre Aufmerksamkeit verstärkt auf 4a). In dieser Studie wurde außerdem Dabei haben die Studienteilnehmer negative (hier: ärgerliche) Gesichter der Einfluss von Alkohol auf diese Auf- zwei Aufgaben: Nach der Trinkphase richten. Diese, als „Vigilanz“ bezeich- merksamkeitsverzerrung untersucht. werden sie gebeten, ein Aufmerksam- nete Aufmerksamkeitsverzerrung Interessanterweise blieb diese unter keitsexperiment am Computer auszu- legt nahe, dass Personen mit SP ihre Alkoholgabe aus (siehe Abb. 4b). Die führen. Dabei werden ihnen verschie- Aufmerksamkeit vor allem auf sozi- Aufmerksamkeit ist nicht mehr pri- dene Gesichter (neutral, ärgerlich, al bedrohliche Reize richten, weil sie mär auf den Angst auslösenden Reiz glücklich) und Alltagsgegenstände Angst vor einer negativen Beurteilung gelenkt, was erklären könnte, warum gezeigt. Während dessen werden die haben. Das heißt, Angst bezogene Personen mit SP angeben, nach dem Probanden gebeten, so schnell wie Reize werden schneller verarbeitet, Konsum von Alkohol weniger Angst in möglich auf bestimmte Reize zu re- weil die Aufmerksamkeit darauf fo- einer sozialen Situation zu haben. agieren. kussiert ist. Solch ein Vigilanzeffekt Eine weitere Aufgabe: Die Proban- Aktuelle Studien an der den halten eine kurze Rede zu einem universität Gießen kontroversen Thema. Während dessen Abb. 3a, b und c: Neutrales, ist ein kleines Publikum anwesend, wütendes und glückliches Gesicht. In der Abteilung für Klinische Psycho- das die Rede anhand verschiedener Fotos: Franz Möller logie und Psychotherapie an der Uni- Leistungskriterien beurteilt. Gera- Spiegel der Forschung · Nr. 2/2011 57 Bantin, Stevens, Hermann Nicht-Alkoholbedingung Alkoholbedingung Abb. 4a und b: Mittlere Reaktions- 700 700 Ärgerlich zeiten in der (a) Nicht-Alkoholbedin-680 Ärgerlich 680 660 Neutral 660 Neutral gung bzw. der (b) Alkoholbedingung 640 640 620 620 600 600 580 580 Dem Untersuchungstermin geht 560 560 ein diagnostisches Interview voraus. 540 540 SP KG SP KG Dieses wird von ausgebildeten Di-Gruppe Gruppe plompsychologinnen durchgeführt. Im Anschluss, erhalten die Teilnehmer de diese Situation stellt für Patienten bung handelt. Zusätzlich interessieren eine individuelle Rückmeldung über eine enorme Herausforderung dar. wir uns auch für physiologische Maße die Ergebnisse des Interviews. Für die Dabei ist es wichtig sich klar zu ma- wie Herzrate, Hautleitfähigkeit und Patienten bietet dieser Termin oft die chen, dass es sich hierbei um eine die Durchblutung des Gesichtes der erste Möglichkeit zu erfahren, ob es gute Übung in einer sicheren Umge- Probanden. sich bei ihren Problemen tatsächlich DIe AutOren trisha bantin, Jahrgang 1984, stu- Universität Münster, 2004–2007 psychischer Störungen, Psycho- dierte an der Eberhard-Karls-Uni- wissenschaftlicher Mitarbeiter in therapie von Angststörungen und versität Tübingen Psychologie, Dip- Klinischer Psychologie und Psy- Indikatoren psychotherapeutischer lomabschluss: 2009. Seit September chotherapie an der Universität Veränderung, Psychophysiologie. 2009 arbeitet sie als wissenschaft- Münster, 2007 Promotion an der liche Mitarbeiterin in dem von der Universität Münster, 2007–2008 christiane hermann, Jahrgang Deutschen Forschungsgemeinschaft psychotherapeutische Tätigkeit am 1964, hat seit April 2008 die W3- (DFG) geförderten Projekt „Effekte Universitätsklinikum Essen, Klinik Professur für Klinische Psycholo- einer Alkoholgabe auf die Informa- für Psychiatrie und Psychothera- gie an der Universität Gießen inne. tionsverarbeitung bei Personen mit pie, seit Juli 2008 ist er als Wissen- Sie ist approbierte Psychologische Sozialer Phobie“. 2011 wurde sie auf schaftlicher Assistent in der Abtei- Psychotherapeutin und Psycholo- dem 29. Symposium der DGPs-Fach- lung für Klinische Psychologie und gische Schmerztherapeutin. Ihre gruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Universität Gie- Forschungsschwerpunkte sind Psychotherapie mit dem Posterpreis ßen beschäftigt. Er ist approbierter emotionales Lernen speziell bei ausgezeichnet für das Poster „Macht Psychologischer Psychotherapeut, sozialen Ängsten, kognitive Verhal- Alkohol es leichter? Auswirkungen seine Forschungsschwerpunkte tenstherapie von sozialen Ängsten, von Alkohol bei Patienten mit Sozi- sind u.a. der Einfluss von Alkohol experimentelle Schmerzforschung aler Phobie in einer Redesituation“. auf die Informationsverarbeitung/ im Kindes- und Jugendalter, lang- Symptomatik bei Angstpatienten, fristige Konsequenzen von frühen Stephan Stevens, Jahrgang 1980, die Rolle von Körpersymptomen bei Schmerzerfahrungen, sozialer Kon- 2004: Diplom in Psychologie an der der Entstehung/Aufrechterhaltung text und Schmerzerleben. 58 Justus-Liebig-Universität Gießen Mittlere Reaktionszeit (ms) Foto: Franz Möller Mittlere Reaktionszeit (ms) Foto: Franz Möller Schnelle Lösung – aber langfristig ein Problem [2] Stevens, S., Rist, F., & Gerlach, A. L. (2008): A review of experimental findings concerning the effect of al- cohol on clinically relevant anxiety. Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie, 37(2), 95-102. [3] Stevens, S., Gerlach, A. L., & Rist, F. (2009): Influence of alcohol on the processing of emotional facial expressions in individuals with soci- al phobia. British Journal of Clinical Psychology, 48(16), 125-140. Abb. 5: Selbstberichtete Angst Abb. 6: Selbstbezogene Aufmerk- samkeit kOntAkt Dipl.-psych. trisha bantin um eine Soziale Phobie handelt. Liegt kung von Alkohol und insbesondere Dr. Stephan Stevens eine SP vor, so erfolgt eine Beratung die Verringerung der Selbstaufmerk- prof. Dr. christiane hermann Justus-Liebig-Universität über eine störungsspezifische Thera- samkeit durch den Konsum von Alko- Abteilung für Klinische Psychologie pie und über Möglichkeiten, diese in hol in der sozialen Situation können und Psychotherapie Anspruch zu nehmen. negativ verstärkend wirken und so zur Otto-Behaghel-Straße 10, Haus F, 35394 Gießen Die bislang vorläufigen Ergebnisse Entwicklung einer Alkoholproblema- Telefon: 0641 99-26081 bestätigen eine Angst reduzierende tik beitragen. • info@angstinfo.org Wirkung von Alkohol (siehe Abb. 5). So waren die Patienten mit Sozialer Phobie in der Alkoholbedingung im Ǻ LIterAtur Vergleich zur Nicht-Alkoholbedingung signifikant weniger ängstlich, nervös [1] Quitkin,F.M., Rifkin, A., Kaplan, und angespannt. Die Alkoholgrup- J., Klein, D. F. (1972): Phobic anxi- pe zeigte außerdem eine reduzierte ety syndrome complicated by drug Selbstaufmerksamkeit (siehe Abb. 6). dependence and addiction - treatable Auf kognitiver Ebene zeigten die Pa- form of drug-abuse. Archives of Ge- tienten nach der Rede in der Nicht- neral Psychiatry, 27(2), 159-162. Alkoholbedingung eine Abnahme po- sitiver Kognitionen, wohingegen die Alkoholgruppe keine Veränderung aufwies. Dagegen war die soziale Kompetenz nicht deutlich beeinträch- tigt. Diese Befunde sprechen dafür, dass Alkohol bei Personen mit SP zu einer deutlich verminderten Angstre- aktion führt. Die anxiolytische Wir- Abb. 7: Dipl.-Psych. Trisha Bantin erklärt einer Probandin den Verlauf der Herzrate, die während der gesam- ten Untersuchung gemessen und aufgezeichnet wird. Fotos: Franz Möller Spiegel der Forschung · Nr. 2/2011 59