Nachruf Prof. Dr. Helmut Berding (1930 – 2019) Helmut Berding, emeritierter Professor für Neuere Geschichte an der Justus- Liebig-Universität Gießen, verstarb im Januar 2019 im Alter von 88 Jahren. Er gehörte dem Geschichtsverein seit 1981, also 37 Jahre an. Für seine großen Ver- dienste um den Geschichtsverein verlieh ihm der Verein im Jahr 2000 die Ehren- mitgliedschaft. Mit seinem Tod verliert der Geschichtsverein eine heraus- ragende Persönlichkeit, die uns sehr fehlen wird. Helmut Berding gehörte, wie der Historiker Paul Nolte vor einigen Jahren feststellte, zu der „Gruppe von Historikern aus dem aktiven Universitäts- leben, die in der Bundesre- publik nicht nur ihr eigenes Fach, die Geschichtswissen- schaft, geformt und in Vielem auch beherrscht hat, sondern die zugleich die politische Debatte und das intellektuelle Klima in der Bundesrepublik auf eine besonders wirkungs- volle Weise über eine unge- wöhnlich lange Zeit mitbe- stimmte.“ Und Nolte fährt fort, wann immer in den letz- ten Jahrzehnten Vergangen- heit zum Gegenstand öffent- licher Debatten geworden, wann immer um Geschichte über die Fachgrenzen hinaus gestritten worden sei, habe sich diese Gruppe zu Wort gemeldet und vernehmbar öffentlich ihre Stimme erhoben. Eckhart Fuhr hat dies um die Einsicht ergänzt, dieses Engagement sei aus den eigenen Erfahrungen und Erinnerungen erwachsen, die diese Gruppe mit der Kriegs- und Nachkriegszeit hätten verbinden können. Ihr unermüdlicher Ein- satz habe deshalb der Festigung und dem Erhalt der Nachkriegsdemokratie ge- golten.1 1 Paul Nolte, in: Merkur Heft 5, Mai 1999; E. Fuhr FAZ vom 18.3.1998. MOHG 103 (2018) 5 Von diesem nimmermüden Einsatz, für den Helmut Berding zahlreiche öffent- liche Ehrungen erhalten hat, hat auch unser Verein entscheidend profitieren dür- fen. Dafür sind wir Helmut Berding unendlich dankbar. So konnte auch unser Verein mit großer Freude an seinen vielfältigen und reichen wissenschaftlichen Er- kenntnissen auch für seine Vereinsarbeit teilhaben. Seine Arbeiten, die sich von der Zeit der französischen Revolution bis in die Zeitgeschichte erstreckte, die Fragen der Geschichtstheorie und der Geschichtsschreibung galten, seine Unter- suchungen der Transformations- und Modernisierungsprozesse für diese Zeit- spanne, ihre Auswirkungen auf Deutschland und ihren daraus resultierenden sozialen Protestbewegungen mit ihren politischen und territorialen Auswirkungen, bildeten für seine Studien zu landes- und regionalgeschichtlichen Beiträge den Horizont, in den er seine Detailstudien einzubetten vermochte. Er trug so auch mit wichtigen Arbeiten zur hessischen Landesgeschichte, insbesondere zur Ent- stehung der Hessischen Verfassung, bei und analysierte ferner Fragen der Juden- feindschaft, des Antisemitismus, der Judenemanzipation und der Geschichte des Nationalsozialismus. Auf diesen Grundlagen baute sein öffentliches Wirken auf und entfaltete er aus dem Geist, mit der Geschichte gesellschaftliche Aufklärung voranzutreiben, seinen Einsatz für eine fachlich und auch moralisch fundierte Erinnerungspolitik. Gerade dort, wo sich Helmut Berding scheinbar kleineren Themen und Ereig- nissen gewidmet hat, gelang es ihm, den Mikrokosmos von Einzelheiten in einen größeren Zusammenhang einzurücken. Mustergültig scheint das exemplarisch im Titel seines Vortrags zur Geschichte der Herderschule „Staat und Gesellschaft im Vormärz. Historische Betrachtungen zur Gründung der Provinzialrealschule Gießen“ auf. Als weitere Beispiele seien noch genannt seine Beiträge zur Gießener Stadtgeschichte in der Zeit der französischen Revolution, zur Bombardierung Gießens im Dezember 1944, zur Universitätsgeschichte, etwa der Geschichte der katholischen Fakultät im 19. Jahrhundert, zu den Gießener Ereignissen der Bücherverbrennung im Mai 1933 sowie zu der gleichermaßen würdelosen wie ent- würdigenden Praxis der Doktorentziehungsverfahren in der NS-Zeit durch die Ludwigsuniversität Gießen. Helmut Berding verdankt unser Verein eine Reihe von wertvollen Vorträgen und Aufsätzen, auf die wir mit Dankbarkeit und auch Stolz zurückblicken – aber nicht nur das hat unseren Verein mit Helmut Berding aufs Engste verbunden: äußerlich ließ sich das daran ablesen, dass Helmut Berding wie wohl kaum eines unserer sonstigen Mitlieder seit langen Jahren gemeinsam mit seiner Frau Elli nahezu alle unserer Vorträge besuchte und regelmäßig mit ihr an den Mitglieder- versammlungen teilgenommen hatte. Darin spiegelte sich für uns, wie wir auch stark empfunden haben, seine hohe Anteilnahme an unserem Vereinsgeschehen – ihm war das ebenso wie seiner Frau Elli ganz offenbar ein großes Anliegen. Und wir haben dies auch dort wiederkehrend erlebt, wo wir seinen Rat für unsere Arbeit suchend von ihm Unterstützung und Engagement erfahren durften. Helmut Berding werden wir gerne auch deshalb in Erinnerung behalten, weil und wie er auf Menschen zuging und ihnen mit menschenfreundlicher Neugier und großer Offenheit begegnete. Denen, die ihn ansprachen, zeigte er sich stets 6 MOHG 103 (2018) zugewandt und zur Unterstützung und Hilfe bereit. Und dort, wo ihm solches möglich war, bewies er vollkommene Verlässlichkeit. Begegnungen mit ihm waren meist von seiner Fröhlichkeit und nahezu immerwährenden Freundlichkeit geprägt. Das machte Begegnungen mit ihm, durchaus auch solche, bei denen es um ernste Angelegenheiten ging, so leicht und angenehm. Helmut Berding hat sich um unseren Verein und die Region verdient gemacht. Wir werden ihn sehr vermissen. Dr. Michael Breitbach/Manfred Blechschmidt/Dr. Eva-Marie Felschow MOHG 103 (2018) 7