Eingespannt und ausgeplündert – Allendorf/Lahn im November und Dezember 1813 THOMAS EULER Am Beispiel von Allendorf/Lahn soll dokumentiert werden, welche Auswir- kungen die so genannte „Franzosenzeit“ auf die einfachen Menschen vor Ort hatte. Dort, wo Krieg stattfindet, leiden nicht nur die Soldaten, sondern auch die zivile Bevölkerung. Das Leid entsteht in erster Linie dort, wo die Schlachten stattfinden. Das Leid entsteht aber auch da, wo Truppen durchziehen oder ein- quartiert werden. Deutschland war oft Kriegsschauplatz – auch die hiesige Re- gion, sei es im Deutschen Bauernkrieg (1524 bis 1526), im Dreißigjährigen Krieg (1618 bis 1648) mit Unterkriegen wie zum Beispiel im Hessenkrieg, im Spani- schen Erbfolgekrieg (1701 bis 1704) und im Österreichischen Erbfolgekrieg (1740 bis 1748), im Siebenjährigen Krieg (1756 bis 1763), in den Revolutions- kriegen und den Befreiungskriegen (1792 bis 1815) sowie im Zweiten Weltkrieg (1939 bis 1945). Der Raum Mittelhessen war wegen seiner zentralen Lage häufig Durchzugsgebiet von Truppen. Zudem war die Stadt Gießen eine Festung und an Allendorf vorbei verliefen für die damalige Zeit bedeutsame Fernstraßen, wie der „Wellerweg“ und die „Weinstraße“. Außerdem existierte in der Nähe des Allendorfer Wäldchens die „Wolfsfurt“ durch die Lahn. Mit Sicherheit musste die Landbevölkerung auch in unserer Gegend bereits im Dreißigjährigen Krieg sehr viel Leid ertragen. Hier sind aber Dokumente äußerst rar, denn es gibt für Allendorf (damals „im Hüttenberg“) lediglich eine Kriegschadensliste aus dem Jahr 1640. Über hundert Jahre später waren hingegen schon mehr Dokumente erhalten. Als während des Siebenjährigen Krieges in der Zeit von August bis Novem- ber 1759 circa 100.000 Soldaten sich hier beiderseits der Lahn gegenüber lagen, war die Belastung der Bevölkerung sehr groß. Auf dieser Seite der Lahn lagen circa 55.000 Franzosen und Reichstruppen, auf der anderen Seite der Lahn lagen circa 45.000 Braunschweiger, Preußen und Engländer. Truppenteile der französi- schen Armee lagen im Allendorfer Wäldchen. Die Reste von Schanzenanlagen zeugen heute noch davon. Glücklicherweise kam es zu keinen Kampfhand- lungen mehr, denn wenige Wochen zuvor schlugen sich die Armeen in der Schlacht bei Minden am 1. August 1759, bei der die Franzosen deutlich unter- lagen. Die Front an der Lahn verlor auch bald an Bedeutung, denn die Inter- essenslage der Franzosen und Englands in Übersee (Nordamerika und Indien) waren zu jener Zeit bereits – bedingt durch die Schlacht in der Bucht von Qui- beron und die Schlacht auf der Abraham-Ebene (Nordamerika) – zwischenzeit- lich geklärt und es gab vorübergehend kein Interesse mehr an einem Gemetzel; es kam sogar zu Friedensangeboten. Die Truppen zogen sich ins jeweilige Win- MOHG 98 (2013) 89 terlager nach Frankfurt/Main beziehungsweise nach Kassel zurück. Dennoch war dies für das recht dünn besiedelte Gebiet beiderseits der Lahn eine große Belastung, denn die Soldaten haben sich durch das Hinterland hinter der Front- linie ernähren lassen, haben die Lebensmittelvorräte, Futter und Tiere beschlag- nahmt sowie ganze Waldstücke abgeholzt. Außerdem haben sie die Landbevöl- kerung für Transport-, Flussübersetzungs- und sonstige Hilfsdienste einge- spannt. Allendorf/Lahn gehörte leider unmittelbar zu diesem betroffenen Ge- biet hinter der Frontlinie. Für die Dienste liegen teilweise Quittungen der Fran- zosen vor, diese wurden aber nicht immer in Geld eingelöst. Aus so genannten Kriegsschadensverzeichnissen ist zu entnehmen, welche Schäden in der Gemeinde geltend gemacht wurden. Allerdings sind nicht für alle Lasten Schadensausgleichszahlungen aus der Landeskriegskasse gezahlt worden. Aus den Allendorfer Kirchenbüchern1 sind zu jener Zeit auch Hinweise auf die französische Besatzung im Siebenjährigen Krieg zu entnehmen: • Beim Sterbeeintrag von Johann Balthasar Weigel am 27. August 1759 heißt es: „Dienstag, den 28. August in der Stille begraben, weil sich die Hinterbliebenen auf dies Lage nicht anschicken können, die Franzosen aber den Leichnam nicht länger im Haus dulden wollen.“ • Beim Sterbeeintrag des achtjährigen Andreas Zimmermann am 19. De- zember 1759 notierte der Pfarrer: „Das Kind wollte noch Zweygen in dem vor dem Dorf gestandenen französi- schen Lager Holz von deren zurückgebliebenen Hütten holen, ein an der Hütte stehender Camin brach ein fiel auf das Kind dass es darüber um das Leben kam.“ • Auch sieben Tage später bei dem Sterbeeintrag des elfjährigen Melchior Zimmermann wurde notiert: „Dieses Kind war mit vorigem auch im Camin gewesen durch den Einfall am Fuß verletzt worden vielleicht auch im Leib, u. hier ist es gestorben.“ In Folge der Französischen Revolution (1789) nehmen in den „Revolutions- kriegen“ (1792 bis 1797) in Allendorf/Lahn ab 1794 wieder Truppenbewe- gungen zu. In den Allendorfer Gemeinderechnungsbüchern ist diesbezüglich zu lesen, • dass im Jahr 1794 Kosten für Einquartierung von „Kaiserlichen Trup- pen“ sowie deren Übersetzung über die Lahn mit einem Kahn, außer- dem die Kosten für 37 Rationen Heu und 30 Rationen Hafer anfielen, und • dass im Jahr 1795 insgesamt 223 Pfund Brot sowie Heu und Hafer ab- zuliefern und größere Transportdienste zu verrichten waren. 1 Beerdigungsverzeichnis der Kirchenbücher der evangelischen Kirche von Allendorf/Lahn, Auszug aus dem Jahr 1759. 90 MOHG 98 (2013) Auszug aus einer französischen Karte aus dem Siebenjährigen Krieg, die unter anderem die Stellungen am Allendorfer Wäldchen zeigt Am 15. und 16. Juni 1796 fand ganz in der Nähe das Gefecht von Wetzlar statt, bei dem 48.000 Franzosen 62.000 Österreichern gegenüber standen. Die Öster- reicher siegten. Für die Jahre 1797 und 1798 stellte auf 80 Seiten der damalige Allendorfer Schultheiß Johann Martin Wagner eine Kostenrechnung zusammen, die sich auf der Ausgabenseite auf 6.543 Gulden,2 19 Kreuzer und 3 Heller belief.3 Abzüg- lich „sonstiger Einnahmen“ musste die Gemeinde Allendorf/Lahn 6.009 Gulden und 12 Kreuzer darlehensweise aufnehmen. Darüber hinaus musste auch eine Kriegssteuer (Contribution) in Höhe von 30.000 Gulden an den französischen General Olivier gezahlt werden, denn zu Beginn des Berichtes von Schultheiß Wagner heißt es: „Nachdem die französischen Truppen im April 1797 die fürstlichen hessischen Darmstädtischen Lande occupiert, und hierauf am sechsundzwanzigsten April d.a. die Truppen in die Ortschaften verlegt wurden, hat die Gemeinde Allen- dorf nicht nur zu Bezahlung der von dem französischen General Olivier in Lich dem Amt Hüttenberg angesetzten Contribution á 30000 G sondern auch 2 Wikipedia: Um 1700 besaß ein Gulden etwa die Kaufkraft, die heute 40-50 Euro ent- spräche. 3 Alfred Weller in „Allendorf zwischen 1700 und 1900“ in Chronik zur 1200-Jahrfeier von Allendorf/Lahn , Gießen 1990. MOHG 98 (2013) 91 zu Bestreitung derer durch die Einquartierungen und anderer Kriegsvasallen sich ergebenden Kosten an Kapitalien aufnehmen müssen …“ [es folgte die detaillierte Aufstellung] Außerdem „ruinierten“ die Franzosen 1798 das Wachthaus an der Schildwacht. Aufgrund der hohen Kriegsschulden der Revolutionskriege verkaufte die Gemeinde Allendorf/Lahn später im Jahr den gemeindeeigenen Teil der Zech- weide an die Gemeinde Lützellinden. Gelegentlich ist während dieser Jahrhundertwende in den Kirchenbüchern zu lesen, dass mitunter als Vater nicht ehelicher Kinder französische Soldaten ange- geben wurden. Der heute noch verwendete Ausspruch „Mach’ mir kei’ Fisima- tente“ kommt aus jener Zeit, in dem gar mancher französischer Soldat weibliche Landbewohner zum Zeitvertreib in Lager locken wollten mit den Worten „Visi- tez ma tente“ (dt. „Besuchen Sie mein Zelt“). Im Spätherbst 1798 war auch der französische Divisionsgeneral Jean Baptiste Bernadotte mit seiner Armée de Mayence in Gießen (als Hauptquartier von Juli 1796 bis März 1799) und wurde von der Gießener Universität mit der Ehren- doktorwürde und der Ehrenmitgliedschaft in der Akademie ausgezeichnet. Jean Baptiste Bernadotte (1763 - 1844) , später als Karl XIV. Johann König von Schweden und als Karl III. Johann König von Norwegen. (Bild: davier.de) Gerade unter dem Einfluss des Kameralistik-Professors und Regierungsrats August Friedrich Wilhelm Crome waren die Gießener Gesellschaft und vor allem die Hochschule sehr franzosenfreundlich eingestellt.4 Als von Landgraf Ludwig eingesetzter Unterhändler gelang es Crome, Hessen-Darmstadt 1799 aus dem Koalitionskrieg gegen Frankreich herauszulösen.5 Durch den Reichsdeputationshauptschluss kam es bereits am 25. Februar 1803 zu einer radikalen Umgestaltung im Heiligen Römischen Reich. 112 kleinere Territorien gingen in anderen Staaten auf. Fast alle geistlichen Territorien wurden dabei säkularisiert. Die meisten ehemaligen freien Reichs- 4 Rolf Haaser: „Ehrenpromotion und Propaganda – Bürger Bernadotte und Prof. Crome in Gießen 1798“ in MOHG 96/2011, Gießen 2011. 5 Helmut Berding: „A.F.W.Crome – politischer Gelehrter und Publizist in Gießen“ in Wege der Neuzeit - Historische Forschungen Bd. 85, Berlin 2007. 92 MOHG 98 (2013) städte und zahlreiche Reichsritter wurden mediatisiert (d.h. größeren Ländern zugeordnet). Dann wurde im Juli 1806 die Rheinbundakte unterzeichnet, in der sich die Länder vom alten Reich lossagten und eine Konföderation und ein Militärbündnis mit Frankreich gründeten. Dies führte im August 1806 zur Auflö- sung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Frankreich annektierte bereits 1797 große Teile des Reiches, zum Beispiel die linke Rheinseite und schließlich 1810 mit den Mündungsgebieten von Ems, Weser und Elbe die deut- sche Küste an der Nordsee. MOHG 98 (2013) 93 In den Rheinbundstaaten fanden Staats- und Verwaltungsreformen, Justizre- formen, Finanz- und Wirtschaftsreformen, Agrarreformen, Bildungs- und Reli- gionsreformen statt und es wurden Verfassungen, Repräsentationsorgane, Grundrechte und für die bürgerlichen Rechte der „Code Civil“ (auch „Code Napoléon“ genannt) eingeführt. Allerdings kam im rheinbündischen Deutsch- land die Umgestaltung der politischen, rechtlichen und gesellschaftlichen Ver- hältnisse nach französischem Vorbild nur schleppend voran.6 Aber auch im Königreich Preußen, das nicht zum Rheinbund gehörte, gab es zu jener Zeit viele Reformen (zum Beispiel die Stein-Hardenberg’schen Refor- men). Die Landgrafschaft Hessen-Darmstadt wurde vergrößert und zum Groß- herzogtum erhöht und der Großherzog musste ebenso wie alle anderen Rhein- bundstaaten zur Erfüllung seiner Bündnisverpflichtung Truppen für Napoleons bevorstehende Feldzüge in Spanien und Russland stellen. Das Großherzogtum Hessen stellte seinem Verbündeten insgesamt 4.000 Soldaten zur Verfügung. Insgesamt waren es 150.000 deutsche Soldaten in Diensten der „Grande Armée“. Widerwillig zogen diese mit und für die Franzo- sen in den Russlandfeldzug 1812/1813. Der Feldzug endete nach anfänglichen französischen Erfolgen in einer der größten militärischen Katastrophen der Geschichte. Nach der geheimen von General Johann David Ludwig Graf Yorck von Wartenburg ausgehandelten Konvention von Tauroggen am 30. Dezember 1812 erklärten sich die preußischen Hilfstruppen für die Grande Armée zunächst für neutral gegenüber den eigentlich verfeindeten Russen. Am 27. März 1813 er- klärte Preußen Napoleon den Krieg. Der preußisch-russischen Allianz schlossen sich nach und nach immer mehr Länder an, zunächst Österreich, dann Schwe- den, sogar Spanien und Portugal, dann vom Rheinbund Mecklenburg-Strelitz und Mecklenburg-Schwerin und später - kurz vor der Völkerschlacht - Bayern. Bei der Schlacht bei Lützen/Großgörschen am 2. Mai 1813 errang Napoleon erstmals seit dem katastrophalen Russlandfeldzug einen Sieg. Der Gießener Professor Crome schrieb im Auftrag des französischen Hauptquartiers eine Flugschrift, in der „die deutschen Völker vor Aufruhr und Empörung gegen die französi- schen Freunde gewarnt werden sollten. Kaiser Napoleon wolle nach wiederhergestelltem Frieden der deutschen Nation Ruhe und Schutz gewähren.“7 So schrieb Professor Crome: „… In der Schlacht von Lützen am 2. Mai 1813 entschied der Kaiser Napoleon darüber, ob künftig in unserem Vaterlande russisch-asiatische oder deutsch- fränkische Cultur herrschen solle …“ Mit insgesamt drei Armeen und zahlreichen Freicorps sollte Napoleon aus Deutschland vertrieben werden: 6 Helmut Berding: „Das Königreich Westphalen als napoleonischer Modell- und Satelliten- staat (1807 – 1813)“ in: Modell und Wirklichkeit – Forschungen zur Regionalgeschichte Bd. 56, 2008, Paderborn 2008. 7 Alfred Bock: „Blücher in Gießen – Ein Stimmungsbild zu den Freiheitskriegen“, Gießen 1907. 94 MOHG 98 (2013) • die 110.700 Mann starke „Nordarmee“ (mit schwedischen, russischen und preußischen Truppen) unter der Führung des Kronprinzen und späteren schwedischen (und norwegischen) Königs Karl XIV Johann, der ein paar Jahre zuvor noch als französischer General Jean Baptiste Bernadotte ein Diener Napoleons war und 1798 in Gießen zu Ehren- titeln kam (s.o.), • die 254.300 Mann starke „Böhmische Hauptarmee“ (mit österreichi- schen, russischen und preußischen Truppen) unter der Führung von Karl Philipp Fürst zu Schwarzenberg, eines Vorfahren des tschechi- schen Politikers Karel Schwarzenberg, und – was für unsere Region von großer Bedeutung ist, • die 105.000 Mann starke „Schlesische Armee“ (mit preußischen und russischen Truppen) unter der Führung von Marschall Gebhard Lebe- recht von Blücher, Fürst von Wahlstatt, der am 3. November 1813 in Gießen sein Hauptquartier aufschlug. Bereits in der Völkerschlacht bei Leipzig vom 16. bis 19. Oktober 1813 wech- selten viele Rheinbundsoldaten die Seiten, weil Deutsche nicht auf Deutsche schießen wollten. Ungefähr 5.000 im französischen Dienst stehende Rheinbund- soldaten (vor allem Truppen aus Baden, Württemberg und Sachsen) liefen über. Schließlich wechselte das Großherzogtum Hessen offiziell am 2. November 1813 als letzter der süddeutschen Staaten – weg von den Franzosen – auf die Seite der alliierten Truppen. Blücher hatte angewiesen, Überläufer wie Brüder aufzunehmen. Auch Männer aus Allendorf/Lahn dienten während jener Zeit in der groß- herzoglich-hessischen Armee8: • Johannes Volk (geboren am 30. Dezember 1782 in Allendorf/Lahn) war auch Soldat, wobei die Einheit nicht bekannt ist. Er heiratete noch am 12. Dezember 1811, doch seine Frau verstarb bereits am 10. April 1812 inmitten des Krieges. • Heinrich Wilhelm Volk (geboren am 5. Mai 1783 in Allendorf/Lahn) nahm als Leutnant der Landwehr an den Feldzügen teil. Er heiratete am 31. Mai 1814 in Allendorf/Lahn und verstarb am 3. Februar 1826 in Allendorf/Lahn. • Heinrich Binz (geboren am 20. August 1795 in Allendorf/Lahn) diente im 1. Bataillon des „Regimentes Prinz Emil“ und verstarb am 20. April 1815 im Lazarett Bickenbach. • Johann Caspar Schäfer (geboren am 7. Dezember 1784 in Allen- dorf/Lahn) war „Füsilier beim großherzoglichen 1. Leibfüsilier-Bataillon“ und fiel am 30. Oktober 1806 bei Erfurt. 8 Beerdigungsverzeichnis der Kirchenbücher der evangelischen Kirche von Allendorf/Lahn. MOHG 98 (2013) 95 • Johann Georg Luh (geboren am 19. Dezember 1785 in Allen- dorf/Lahn) ist laut Allendorfer Kirchenbuch ohne Sterbeeintrag „im russischen Feld zurück geblieben“. • Johann Ludwig Henkelmann (geboren am 15. Mai 1787 in Allen- dorf/Lahn) diente als „Füsilier im 2. Bataillon Groß- und Erbprinz zu M.“ und fiel im November 1809. • Johann Melchior Binz (geboren am 21. November 1789 in Allen- dorf/Lahn) diente als „Reservesoldat in der 3. Kompanie des 2. Marschbatail- lons der Brigade Hessen“ und war Teilnehmer an der Völkerschlacht bei Leipzig. Er wurde schwer verwundet und erlag seinen Verletzungen am 27. Oktober 1813 in Torgau an der Elbe. 9 Am 12. Februar 1813 wurde seine Tochter geboren, die ihren Vater nie gesehen hatte. • Johann Adam Neeb (geboren am 31. Mai 1791 in Allendorf/Lahn) diente als „Mousqutir beim 1. Leibregiment Nr. 38“ und verstarb am 6. September 1815 im Spital von Varcy. • Philipp Volk (geboren am 6. Mai 1792 in Allendorf/Lahn) „starb nach langen Leiden an der Auszehrung als gewesener Soldat“ am 15. Oktober 1823. • Johann Martin Volk (geboren am 19. Januar 1797 in Allendorf/Lahn) „starb an der Auszehrung als gewesener Soldat in Großherzoglichen Diensten“. Nach der Völkerschlacht bei Leipzig strömte die geschlagene französische Armee westwärts. Während der allergrößte Teil über Erfurt, Eisenach, Fulda, Hanau (hier besiegte – allerdings verlustreich – die französische Armee in der Schlacht bei Hanau am 31. Oktober 1813 bayerisch-österreichische Korps), Frankfurt am Main nach Mainz an den Rhein strebte, zogen versprengte franzö- sische Einheiten auch über Mittelhessen westwärts. Die „Grande Armée“ zeigte immer mehr Auflösungserscheinungen. Johann Henrich Binz, der damals siebzehnjährige Cousin des in Torgau ge- fallenen Johann Melchior Binz (s.o.), fuhr Ende Oktober 1813 mit einem Kuh- gespann einen Wagen Mist auf einen Acker am Allendorfer Wäldchen. Ein Trupp zurückflutender französischer Soldaten ergriff ihn und durchsuchte ihn nach Brauchbarem. Sie stahlen ihm schließlich die Stiefel.10 Die Beschlagnahmungen und Erpressungen nahmen laufend zu. Für den Rückzug wurden die Bauern ständig für Vorspanndienste beansprucht, welche manchmal bis ins Rheinland gingen. Oft kehrten die Bauern erst nach Tagen mit ihren arg geschundenen Zugtieren zurück. Gar manchmal wurden auch Zug- ochsen beschlagnahmt oder abgeschlachtet, nachdem sie am Zielort angekom- men waren. 11 9 Kurt Binz in „1813“ Chronik zur 1200-Jahrfeier von Allendorf/Lahn, Gießen 1990. 10 Kurt Binz in „1813“ Chronik zur 1200-Jahrfeier von Allendorf/Lahn, Gießen 1990. 11 Alfred Weller in „Allendorf zwischen 1700 und 1900“ in Chronik zur 1200-Jahrfeier von Allendorf/Lahn, Gießen 1990. 96 MOHG 98 (2013) Marschall Blücher hatte Kenntnis von den Schriften des Gießener Professors Crome und dessen Franzosenfreundlichkeit. Als Blücher am 3. November 1813 in Gießen ankam und sein Hauptquartier aufschlug, war Crome bereits geflüch- tet. Auch war zwischenzeitlich auch an der Gießener Universität die einst fran- zosenfreundliche Haltung in das Gegenteil umgeschlagen. Marschall Blücher soll dem akademischen Rat erklären lassen haben: „Crome könne getrost zurück kehren. Was solch ein Lump denke, sei sehr gleich- gültig. Die Billigkeit fordert zu hören, was Crome zu seiner Vertheitigung an- führt.“12 Alfred Bock zitiert einen preußischen Offizier, der in der Aula der Gießener Universität in den ersten Novembertagen 1813 gesprochen hat: „Und wenn die Einrichtungen, welche die Franzosen trafen, noch so klug waren, wenn die Missbräuche, die sie abschafften, noch so drückend waren, so solltet ihr zum Danke sie dennoch auf Leben und Tod bekämpfen und aus dem Lande jagen, denn für ein Volk gibt es kein größeres Elend, kein zer- störenderes Unglück, als sich von Fremden beglücken zu lassen.“ Während seines Gießener Aufenthaltes schrieb Blücher einen Brief an seine Frau, der immer noch im Blüchermuseum in Kaub vorhanden ist. Zu seiner Gießener Zeit gibt es ein Gedicht des thüringischen Dichters Adolf Bube, das den Titel „Blücher in Gießen“ trägt: Blücher in Gießen13 Der greise Marschall Vorwärts saß Im Hauptquartier zu Gießen Und ließ ins grüne Römerglas Johannisberger fließen. Er trank im vollen Zug den Wein Und rief: Auf stimmet freudig ein. Wir setzen schleunig übern Rhein. Da rückten schnell der Gneisenau, der Müffling und der Rühle Wie auf’s Commandowort genau Und mit Geräusch die Stühle. Sie tranken vollen Zugs den Wein Und stimmten alle freudig ein: Wir setzen schleunig übern Rhein. Generalmarschall Gebhard Leberecht von Blücher, Fürst von Wahlstatt, Bild: Paul Ernst Gebauer, Stiftung Stadtmuseum Berlin, Inv.Nr. GEM 75/10 12 Alfred Bock: „Blücher in Gießen – Ein Stimmungsbild zu den Freiheitskriegen“, Gießen 1907. 13 Adolf Bube, Blücher in Gießen, Gotha, in Alfred Bock: „Blücher in Gießen – Ein Stim- mungsbild zu den Freiheitskriegen“, Gießen 1907. MOHG 98 (2013) 97 Drauf strich sich nach Husarenart Der alte Held und Zecher Nach rechts und links den grauen Bart Und hob aufs neu’ den Becher. Er trank im vollen Zug den Wein Und rief: Stimmt wieder freudig ein: Wir setzen nach Paris hinein. Das schlug so tief wie Wetterblitz Ins Herz der Generale, Sie sprangen auf von ihrem Sitz, Die Hand am Schlachtenstahle. Sie tranken vollen Zugs den Wein Und stimmten alle jubelnd ein: Wir setzen nach Paris hinein. Und aus dem Hauptquartiere drang Ins Heer das wärmste Leben, „Am Rhein, am Rhein“ erscholl Gesang, „Da wachsen unsere Reben, Feldmarschall Vorwärts schlägt darein, Er führt uns siegreich übern Rhein, Nach Frankreich, nach Paris hinein. Als Blücher am 3. November 1813 in Gießen erfuhr, dass Napoleon bereits einen Tag zuvor den Rhein überschritten hatte, genehmigt er seiner Armee eine Verschnaufpause, denn die Verfolgung war nahezu pausenlos und sehr anstren- gend. Nicht ohne Grund gaben die Russen ihm den populären Spitznamen „Marschall Pascholl“ (zu Deutsch: Vorwärts). Auch die geläufige Redewendung „Ran wie Blücher“ bezieht sich auf den Marschall und beschreibt im Allgemeinen ein sehr stürmisches und entschlossenes Vorgehen. Während das Hauptquartier der Schlesischen Armee mit Marschall Blücher sich in Gießen befand, wurden die zahlreichen Corps im Umland untergebracht. Auszug aus: Carl von Plotho: „Der Krieg in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814, Teil 2“, Seite 486. Der bekannteste Chronist der Befreiungskriege, Carl von Plotho, schrieb in diesem Zusammenhang unter dem Datum 3. November 1813: 98 MOHG 98 (2013) „ Das schlesische Kriegsheer erhielt heute die Nachricht, dass das französische Kriegsheer, nach dem Gefecht bei Hanau, seinen Rückzug nach Mainz fortge- setzt habe, und es marschirte: Das Hauptquartier des Feldmarschall v. Blü- cher und das Corps des Grafen Langerons bis nach Gießen. Das Corps des Generals von Sacken war in Wetzlar und Gegend. (…)“14 und weiter unter dem Datum 4. November 1813: „Da das schlesische Kriegsheer nun seit dem 14ten October ununterbrochen, ohne Ruhetag, in den sehr beschwerlichen Gebirgswegen marschirt war, welches die Truppen erschöpft hatte, auch außerdem viel Geschütz und Fuhrwesen gebrochen und zurückgeblieben war, so verordnete der Feldmarschall v. Blücher, es sollten die Truppen in der Gegend von Gießen einige Erholungstage genießen. Es verblieb demnach das Hauptquartier des Feldmarschalls v. Blücher in Gießen. Das Corps des Generals Baron Sacken in Wetzlar und der Gegend. Das Corps des Generals Grafen Langeron in Gießen. Das Corps des Generals Yorck hingegen marschirte: das Hauptquartier nach Groß-Linden [= Großen-Linden]; die Vordertruppen nach Allendorf [= Allendorf/Lahn], Mönchholz- hausen [= Münchholzhausen] und Dudenhofen [= Dutenhofen], die Reserve-Kavallerie nach Groß- und Kleinrechtenbach [= Rechtenbach], Hochelm [= Hochelheim], Harnschheim [= Hörnsheim], die 2te Brigade nach Gießen, Klein-Linden und Rödgen, die 7te nach Groß-Linden und Steinberg, Watzeborn [= Watzenborn- Steinberg] und Groningen [= Grüningen], die 1ste und 8te Brigade in Steinbach, Anneroth [= Annerod], Albach und Machelheim [?], die Reserve-Artillerie in Reis und Kirchen – Lihn [= Reiskirchen ?].“15 Ein weiterer Chronist, Johann Sporschill, schrieb zu diesem Thema (erkennbar ist hier der Bezug auf Plotho): „(…) Blücher befahl nun der Armee, in der Gegend von Gießen, Wetzlar und Großlinden so weitläufige Quartiere zu nehmen, dass sie sich wieder einiger- maßen erholen könne; denn die letzten Märsche über das Vogelsgebirge hatten zu den angestrengtesten des ganzen Feldzuges gehört, die Truppen waren den Mühseligkeiten fast erlegen, und außerdem war viel Geschütz und Fuhrwesen gebrochen oder zurückgeblieben (…)“16 So wurden auch in Allendorf/Lahn für längere Zeit, nämlich vom 2. November 1813 bis 27. Dezember 1813 große Kontingente preußischer und russischer 14 Carl Edler Herr und Freiherr von Plotho: „Der Krieg in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814“, Teil 2, Berlin 1817. 15 Carl Edler Herr und Freiherr von Plotho: „Der Krieg in Deutschland und Frankreich in den Jahren 1813 und 1814“, Teil 2, Berlin 1817. 16 Johann Sporschill: „Die große Chronik oder die Geschichte des Krieges des verbündeten Europas gegen Napoleon Bonaparte in den Jahren 1813, 1814, 1815“, Band 1, Braun- schweig, 1844. MOHG 98 (2013) 99 Truppen einquartiert. Aber auch danach gab es noch Nachzügler, und später die Kriegsrückkehrer, die einquartiert werden mussten. Bis zum Mai 1816 dauerten die Einquartierungen an, allerdings nicht mehr in der Stärke wie im November und Dezember 1813. Kartenausschnitt mit Allendorf/Lahn aus dem frühen 19. Jahrhundert Auch wenn das Großherzogtum Hessen offiziell am 2. November 1813 die Seite wechselte, war es der Landbevölkerung eigentlich völlig egal, ob Freund oder Feind einquartiert war. Die Lasten waren vor 200 Jahren für die Landbevölke- rung am Beispiel Allendorfs erdrückend, zumal das Dorf mit 320 Einwohnern und 60 Häusern recht klein und die Zahl der untergebrachten Soldaten sehr groß war. Das Dorf erstreckte sich von der Linde am Backhaus nur etwa 200 Meter in die Obergasse, die „Lehmekaute“ (heute Friedhofstraße), die Hintergasse, die Untergasse und die „Goaswoar“ (Gänseweide, heute Hüttenbergstraße). Von der Schlesischen Armee waren Quartiermeister eingesetzt, die für jede Beschlagnahmung und für jede Einquartierung einen schriftlichen Befehl erteil- ten. Einige Dutzend dieser Bescheide sind im Gießener Stadtarchiv zu finden. Schultheiß Johann Martin Wagner erstellte mehrere Einquartierungsver- zeichnisse bis hin zum Jahr 1816. Die größte Einquartierungsphase fand Anfang und Mitte November 1813 statt. Das hierzu erstellte „Unterverzeichnis der dahier einquartierten alliierten Truppen“ hatte sinngemäß folgenden Inhalt: Am 2. November 1813 waren an Kosaken und russischer Infanterie 2 Stabs- offiziere, 19 subalterne Offiziere, 851 Unteroffiziere und Gemeine sowie 420 Pferde in Allendorf/Lahn als Avantgarde (Voraustruppen, wahrscheinlich vom Corps des General Yorck) einquartiert. 100 MOHG 98 (2013) Am 3. November 1813 waren dann ein General, 1 Obrist, 20 Offiziere, 1.068 Unteroffiziere und Gemeine sowie 530 Pferde der russischen Infanterie und Artillerie in Allendorf/Lahn einquartiert; diese können aber unmöglich alle in den Häusern untergebracht gewesen sein; wahrscheinlich wurden Zelte aufgebaut. Bei dem in Allendorf am 3. November 1813 einquartierten General handelt es sich wahrscheinlich um Alexandre-Louis Andrault, Comte de (Graf von) Langéron, ein hoher russischer General französischer Herkunft (Führer eines russischen Armee- korps’ in der Schlesischen Armee mit ursprünglich 34.551 Mann). Russischer General Alexandre-Louis Andrault, Comte (Graf) de Langéron, Bild: en.wikipedia.org Vom 4. bis 6. November 1813 waren 2 Stabsoffiziere, 9 subalterne Offiziere, 480 Unteroffiziere und Gemeine sowie 70 Pferde der preußischen Infanterie in Allendorf/Lahn einquartiert, am 7. November kamen noch weitere 4 subalterne Offiziere und 220 Unteroffiziere und Gemeine sowie 250 Pferde der preußi- schen Artillerie hinzu, die jedoch am Folgetag weiter zogen. Am 8. November 1813 erschien „irreguläre Infanterie“ mit 7 Offizieren, 160 Unteroffizieren und gemeinen Soldaten mit 210 Pferden, am 9. November 1813 hingegen waren nur noch 65 Soldaten der preußischen Infanterie untergebracht. Nach einem Tag ohne Einquartierungen kamen am 11. November 1813 wieder 5 Soldaten der preußischen Infanterie. Am 12. November 1813 folgten 28 Soldaten mit 15 Pferden der russischen Kavallerie. Vom 13. bis 14. November 1813 wurden 44 Soldaten der preußischen Infanterie einquartiert. Nach einem weiteren Tag ohne Einquartierungen kam am 16. November 1813 eine weitere Vorhut der russischen Infanterie mit 6 Offizieren, 240 Unter- offizieren und gemeinen Soldaten mit 11 Pferden, ehe vom 17. bis 19. Novem- ber 1813 wieder eine größere Einquartierung der russischen Infanterie mit 2 Stabsoffizieren, 19 subalternen Offizieren, 805 Unteroffizieren und Mann- schaftsdienstgraden mit 52 Pferden durchgeführt wurde. Wie aus der nachfol- genden Aufstellung ersichtlich wurden circa 470 Soldaten in den Häusern der Allendorfer Bürger untergebracht. Der Rest muss biwakiert haben. Nach drei Tagen ohne Einquartierung waren am 24. November 1813 wieder 22 russische Soldaten im Dorf. Nach wiederum 3 Tagen ohne Einquartierung mussten am 28. November 1813 wieder russische Truppen untergebracht werden, und zwar 3 Offiziere, 370 Unteroffiziere und gemeine Soldaten mit 76 Pferden. MOHG 98 (2013) 101 Deckblatt des Einquartierungsverzeichnisses Auszug aus dem Einquartierungsverzeichnis vom November 1813, Stadtarchiv vom November 1813, Stadtarchiv Ab dem 29. November 1813 richtete ein Stabsoffizier wahrscheinlich einen Stützpunkt mit 100 Pferden ein, die von einem Offizier, und zunächst 46 und ab 1. Dezember 1813 von 55 Unteroffizieren und einfachen Soldaten bewacht wurden. Diese blieben ununterbrochen bis zum 27. Dezember 1813 in Allen- dorf/Lahn. Aus einer von Schultheiß Johann Martin Wagner gefertigten Aufstellung geht folgende Einquartierungsverteilung für November 1813 hervor, wobei die Auf- zählung auf der rechten Seite der Obergasse beginnt, reihum über Friedhof- straße, Hintergasse, die Mühlen, Untergasse, Hüttenbergstraße führt und auf der linken Seite der Obergasse endet. Nr.: heutige damaliger Eigentümer: Einquartierung: Hausbezeichnung: 1. Obergasse 15 Heinrich Volck („der 1 Mann Mittlere“) 2. Obergasse 13 (ersetzt) Jakob Heep („der Jüngere“) 2 Mann 3. Obergasse 11 (ersetzt) Christian Euler 2 Mann, dann 4 Mann, dann 5 Mann 102 MOHG 98 (2013) 4. Obergasse 9 Melchior Binz (Andreas’ 1, Mann, dann 7 Mann, Sohn) dann - vom 17. bis 19. November 1813 - 28 Mann und 12 Pferde 5. Obergasse 7 Johannes Volk (Adams Sohn) 2 Mann, dann 4 Mann, dann 12 Mann 6. Obergasse 5 Johannes Volk (Johannes’ 7 Mann, dann 11 Mann Sohn) sowie 2 Offiziere und 2 Pferde 7. Obergasse 3 (ersetzt) Konrad Andermann 7 Mann, dann 35 Mann 8. Friedhofstraße 2 Adam Steinmüller 2 Mann 9. Friedhofstraße 4 , Johannes Volk (Zöllner) 1 Offizier und 6 Pferde Zollamt (abge- brochen) 10. Friedhofstraße 8 Heinrich Volk 2 Mann (ersetzt) 11. Friedhofstraße 10 Dietrich Heep keine Einquartierung (abgebrochen) 12. Friedhofstraße 12 Johannes Muhl 1 Mann (hinten) 13. Fredhofstraße 12 Kaspar Beppler 3 Mann (vorne, ersetzt) 14. Friedhofstraße 5 Ludwig Volk (Adams Sohn) 2 Mann (abgebrochen) 15. Friedhofstraße 1 Heinrich Wilhelm Henkel- 1 Offizier, 4 Mann, 1 (Rathaus und Schule, mann (Schulmeister) Gespann Zugtiere Gebäude ersetzt) 16. Hintergasse 6 (ersetzt) Heinrich Volk („Zeller- 1 Mann, dann 7 Mann, hennes“) dann 15 Mann 17. Hintergasse 7 Georg Philipp Luh 5 Mann, dann 8 Mann, dann 20 Mann und 3 Pferde 18. Hintergasse 3 (ersetzt) Georg Philipp Amend 2 Mann, dann 8 Mann, dann 13 Mann und 2 Pferde 19. Hintergasse 2 Johannes Volk (Melchiors 5 Mann Sohn) 20. Hintergasse 1 (ersetzt) Johannes Volk (Peters Sohn) 1 Mann, dann 4 Mann, dann 6 Mann 21. Untergasse 1 (ersetzt) Kaspar Mohr 4 Mann, dann 7 Mann, dann 20 Mann 22. Kleebachstraße 111 Johannes Hofmann (Müller- 2 Offiziere, 40 Mann (Obersorger Mühle) meister) 23. Kleebachstraße 113 Ludwig Lenz II. (Müller- 41 Mann (Mittelsorger Mühle) meister) 24. Hoppensteinstraße 40 Georg Adam Weber (Müller- 20 Mann (Untersorger Mühle) meister) 25. Untergasse 4 (ersetzt) Johannes Luh 3 Mann, dann 8 Mann 26. Untergasse 6 Johannes Amend 6 Mann und 5 Pferde, dann 13 Mann und 2 Offiziere und 2 Pferde MOHG 98 (2013) 103 27. Untergasse 10 (ersetzt) Jakob Volk 2 Mann, dann 3 Mann, dann 4 Mann 28. Untergasse 12 Jost Dormehl 2 Mann, dann 6 Mann, dann 8 Mann 29. Untergasse 16 Johannes Gimbel 4 Mann, dann 5 Mann und (umgebaut) 2 Offiziere und 2 Pferde 30. Untergasse 18 Wilhelm Sann 4 Mann, dann 5 Mann, dann 15 Mann 31. Untergasse 26 Konrad Schäfer und Ludwig 3 Mann Schäfer 32. Untergasse 28 (ersetzt) Georg Schmitt 2 Mann, dann 5 Mann, dann 8 Mann 33. Untergasse 33 (ersetzt) Adam Hildebrand 2 Mann, dann 5 Mann, dann 22 Mann 34. Untergasse 15 Heinrich Binz 1 Mann, dann 10 Mann, dann 34 Mann 35. Untergasse 9 (ersetzt Wilhelm Volk (Schneider) 4 Mann, dann 6 Mann, durch 2 Häuser) dann 7 Mann 36. Untergasse 3 Heinrich Weil 6 Mann, dann 9 Mann und 3 Offiziere und 2 Pferde 37. Untergasse 1 Kaspar Hardt 2 Mann 38. Hüttenbergstraße 2 Kaspar Volk (Melchiors Sohn) 4 Mann, dann 11 Mann und 2 Offiziere und 2 Pferde, dann 25 Mann 39. Hüttenbergstraße 6 Ludwig Volk (Philipps Sohn) 4 Mann, dann 6 Mann, dann 7 Mann 40. Hüttenbergstraße 8 Johannes Schmitt 6 Mann, dann 5 Mann 41. Hüttenbergstraße 14 David Franz 7 Mann, dann 2 Mann, dann 6 Mann 42. Hüttenbergstraße 17 Adam Volk (Jacobs Sohn) 2 Mann, dann 5 Mann, (abgebrochen) dann 30 Mann 43. Hüttenbergstraße 15 Martin Wagner (Schultheiß) 2 Offiziere und 4 Pferde, dann 5 Offiziere und 3 Pferde 44. Hüttenbergstraße 13 Melchior Gimbel 13 Mann und 12 Pferde, dann 6 Mann und 5 Pferde, dann 5 Offiziere und 3 Pferde 45. Hüttenbergstraße 11 Jakob Heep 4 Mann, dann 10 Mann (ersetzt) und 4 Pferde, dann 25 Mann 46. Hüttenbergstraße 9 Henrich Volk (Jacobs Sohn) 4 Mann, dann 9 Mann, (ersetzt) dann 11 Mann 47. Hüttenbergstraße 7 Kaspar Schimmel 5 Mann, dann 4 Mann, dann 13 Mann 48. Hüttenbergstraße 5 Balthasar Luh 3 Mann, dann 2 Mann (abgebrochen) 49. Hüttenbergstraße 3 Johannes Volk 12 Mann und 8 Pferde, (ersetzt) dann 8 Mann 104 MOHG 98 (2013) 50. Hüttenbergstraße 1 Friedrich Deiß 3 Mann, dann 7 Mann und 15 Pferde, dann 10 Mann und 7 Pferde 51. Obergasse 2 Gottfried Volk 5 Mann, dann 15 Mann und 8 Pferde, dann 9 Mann und 4 Pferde 52. Obergasse 4 Johannes Steinmüller’s Erben 2 Mann, dann 5 Mann, (abgebrochen) dann 6 Mann 53. Obergasse 6 (ersetzt) Ludwig Volk (Kaspars Sohn) 3 Mann, dann 7 Mann, dann 25 Mann 54. Obergasse 8 (Ge- Konrad Ebert 1 Mann meindehaus - ersetzt) 55. Obergasse 10 (ersetzt) Melchior Luh 2 Mann, dann 1 Mann 56. Obergasse 12 (ersetzt) Jakob Luh 2 Mann, dann 11 Mann 57. Obergasse 14 Johannes Volk (Jacobs Sohn) 5 Mann – ausgeplündert, deshalb danach von Ein- quartierungen verschont 58. Obergasse 16 Georg Viehmann 2 Mann, dann 5 Mann und (erneuert) 2 Pferde, dann 8 Mann 59. Obergasse 18 (erneut) Konrad Wagner 6 Mann und 4 Pferde, dann 4 Mann; dann 30 Mann 60. Obergasse 20 Wilhelm Hildebrand 6 Mann und 4 Pferde, dann 4 Mann, dann 27 Mann Dem Langeron’schen Korps gehörten Soldaten aus dem gesamten großen russi- schen Zarenreich wie zum Beispiel aus Jakursk sowie Baschkiren, Kalmücken, Tataren, Teptjaren und die Don-Kosaken an. Sie stammen aus Gegenden, die mehrere tausend Kilometer von hier entfernt sind. Teilweise hatten sie mongoli- sches Aussehen und waren mit Pfeil und Bogen bewaffnet. Vom langen (und schnellen) Marsch und von den Kämpfen müssen sie völlig erschöpft gewesen sein. Hunger, ständiges Biwakieren im Freien bei mangelnder Bekleidung und Ausrüstung trugen zur Erschöpfung bei. Die Soldaten litten wegen ihrer Auszeh- rung und ihrer schlechten körperlichen Verfassung an Fleckfieber und Typhus (Nervenfieber). Diese Krankheiten galten als die Geißel der Freiheitskriege.17 Sie trafen die französischen und die alliierten Truppen gleichermaßen, aber auch die Bevölkerung. Das Gießener Zeughaus wurde zum Lazarett umfunktioniert, in dem im No- vember und Dezember 1813 zeitweise 2.600 Soldaten18 lagen, die überwiegend an Nervenfieber erkrankt waren. Diese Krankheit wurde zwangsläufig auch in die Städte und Dörfer übertragen, in denen Soldaten einquartiert waren. Aus dem Kirchenbuch von Allendorf/Lahn kann man entnehmen, dass in der Folge der großen Einquartierung in der Zeit vom 24. Februar 1814 bis 25. 17 Bruno Dreier: „Mit Blücher bei Kaub über den Rhein“, Kaub 1993. 18 Alfred Bock: „Blücher in Gießen – Ein Stimmungsbild zu den Freiheitskriegen“, Gießen 1907. MOHG 98 (2013) 105 Mai 1814 bei zwölf von vierzehn Todesfällen in Allendorf/Lahn „Nervenfieber“ als Todesursache angegeben wurde: • Katharina Ebert am 24. Februar 1814 (41 Jahre alt) • ein Schuhmacher namens Eckhardt aus Hamburg am 3. März 1814 (65 Jahre alt) • Conrad Ebert am 4. März 1814 (31 Jahre alt) • Johannes Jeremias Volk am 18. März 1814 (63 Jahre alt) • Jacob Luh am 22. März 1814 (43 Jahre alt) • Johannes Braun am 22. März 1814 (53 Jahre alt) • Elisabetha Margaretha Luh am 25. März 1814 (50 Jahre alt) • Maria Catharina Volk am 1. April 1814 (33 Jahre alt) • Catharina Maria Wagner am 5. April 1814 (39 Jahre alt) • Anna Catharina Muhl am 11. Mai 1814 (50 Jahre alt) • Johannes Luh am 15. Mai 1814 (60 Jahre alt) • Johann Georg Schmitt am 25. Mai 1814 (57 Jahre alt). Im Gießener Stadtarchiv befindet sich eine Aufstellung, in der von Diebstählen einzelner versprengter Truppen berichtet wird. In erster Linie waren die drei außen liegenden Mühlen und die Häuser an den Ortsenden betroffen: „… sollen folgende Allendorfer Gemeindeleute, welche teils als einzelne Müller isoliert wohnen und teils Endwohnungen besitzen, die nachher verzeichnete Ge- genstände gewaltsam von einzelnen russischen und preußischen Militärpersonen, deren Regimenter nicht angegeben werden konnten, geraubt worden sein, näm- lich ….“ Es folgt eine Liste, die im Folgenden zusammengefasst wird: Zum Beispiel hatte Adam Volk einen Schaden von 120 Gulden, weil ihm Frucht, Mehl, Fleisch, Kleidung und „Weißzeug“ (weiße Wäsche) gestohlen wurde. Dem Schuhmacher (wahrscheinlich ist Georg Viehmann gemeint) wurde Leder für 36 Gulden gestohlen. Johannes Volk bekam Kleidung und Weißzeug im Wert von 50 Gulden gestohlen und die Allendorfer Schmiede bekam „Eisen- zeug“ im Wert von 44 Gulden entwendet. Die drei außen liegenden Mühlen wurden durch „Kriegsdurchziehende“ am intensivsten geplündert, wobei Frucht, Korn, Weizen, Heu, Salz, Stiefel, Kleider und Weißzeug gestohlen wurden im Gesamtwert von über 1.180 Gulden. Es gab aber auch offizielle „Erwerbungen“, die mit Quittungen belegt wur- den: „Förmlich requiriert wurden von denen unterm 4. November dahier einquar- tierten preußischen Truppen 480 Paqurth Tabak, welchen auch dieselben er- hielten, und welche kosteten per M. 16 Kr., mithin 32 Gulden.“ Insgesamt ist durch Plünderungen und Diebstahl ein Schaden in Höhe von 1.387 Gulden und 26 Kreuzer entstanden. Aus seinem späteren Hauptquartier in Höchst verfügte Marschall Blücher mit dem „Armeebefehl“ vom 20. November 1813, wie die Soldaten sich bei Ein- quartierungen, Requisition von Futter, Lebensmitteln und Gegenständen sowie 106 MOHG 98 (2013) Spanndiensten zu verhalten haben und wie diese zu belegen sind und das Über- griffe zu vermeiden sind. Er beginnt diesen Befehl mit den Worten: „Die Beschwerden, welche seit einigen Tagen über ungebührliche und über- spannte Requisitionen an die Städte und Dörfer, sowie über die Misshand- lungen der Beamten und Bewohner der hiesigen Gegend bei mir einlaufen, ver- anlassen mich zu nachstehendem, von allen Truppen der vereinigten Schlesi- schen Armee pünctlichst zu befolgenden Befehl: …“ [Es folgen 14 Regeln] 19 Soldatisches Nachtlager: 1813 kommt der Krieg in die Häuser von Bauern und Bürgern, in Form der gefürchteten Einquartierungen. Foto von Olaf Martens zum Aufsatz: 1813: „Wohin aber gehst du, Deutschland?“ in GEO 03/2013: „1813: Ein Schicksalsjahr der Deutschen“ Für die Bürger von Allendorf/Lahn kam dieser Armeebefehl Blüchers sicherlich zu spät, aber viele Orte am Rhein hatten im Dezember 1813 noch längere Ein- quartierungen zu erdulden. Nach dem (ersten) Pariser Frieden am 30. Mai 1814 waren die Befreiungs- kriege vorerst beendet. In Wien wurde von 18. September 1814 bis 9. Juni 1815 beim „Wiener Kongress“ über die Neuordnung Europas entschieden. Napo- leons neuerliche „Herrschaft der hundert Tage“ erforderte eine weitere Ent- scheidung in der Schlacht von Waterloo am 18. Juni 1815. Aber nach den zwei- ten Pariser Frieden vom 20. November 1815 waren die Befreiungskriege end- gültig beendet. 19 Bruno Dreier: „Mit Blücher bei Kaub über den Rhein“, Kaub 1993. MOHG 98 (2013) 107 Die Armeen der Sieger zogen wieder in ihre Heimatländer zurück und hatten es dabei durchaus nicht eilig, oft verblieben sie tagelang. Diese Durchmärsche endeten übrigens erst 1816 endgültig. Eine russische Einheit verblieb in Allen- dorf/Lahn bis zum Frühjahr.20 Schultheiß Johann Martin Wagner listete nach der großen Einquartierungs- phase auf, dass in jener Zeit 8.870 Rationen Hafer (Ration á 16 Pfund), 3.896 Rationen Gerste (Ration á 21 Pfund), 8.583 Rationen Heu (Ration á 12 Pfund) und 5.789 Rationen Stroh (Ration á 10 Pfund) an die Pferde verfüttert wurden. Mit diesen Futterkosten, den Kosten für die Versorgung der Soldaten, dem Ausgleich für Schäden durch Plünderung und Zerstörung, dem Leid, das der Bevölkerung zugeführt wurde, und den Todesfällen durch Nervenfieber, das die Soldaten eingeschleppt hatten, verarmte nicht nur die Gemeinde Allen- dorf/Lahn, sondern jeder einzelne Einwohner. Alfred Weller schildert in seinem Beitrag „Allendorf zwischen 1700 und 1900“ in der Chronik zur 1200-Jahrfeier von Allendorf/Lahn (1990): „Nachdem die Russen abgezogen waren, mussten die Allendorfer buchstäblich am Hungertuch nagen. Selbst für’s nackte Überleben mussten neue Darlehen aufgenommen werden. Die Saatfrucht holten sich unsere Vorfahren laut deren Erzählungen gegen Wucherpreise in Lützellinden. Bezahlung durch Darlehen lehnte man dort jedoch ab und man verlangte dort Land. Nahezu die gesamte „Rechte Aue“ und Teile der „Linken Aue“ im Zechweider Feld gingen dabei verloren. (…)“21 Das Verhältnis zwischen den beiden Nachbardörfern Allendorf/Lahn und Lützellinden kühlte sich merklich ab. Man hatte sich fortan nicht mehr viel zu sagen. Nach der Teilung des Hüttenberges im Jahr 1703 gehörten beide Dörfer bereits zu zwei verschiedenen Ländern. Da Lützellinden nach dem Wiener Kon- gress ab 1815 dann zum Königreich Preußen gehörte und Allendorf/Lahn zum Großherzogtum Hessen, bildete die „neue“ Gemarkungsgrenze gleichzeitig auch Staatsgrenze und war im Deutschen Krieg von 1866 sogar Kriegsgrenze. Seit 1946 gehören beide Dörfer aber zu einem Land (Hessen) und seit 1977 sogar zur selben Stadt. Heute gibt es zwar immer noch Rivalitäten zwischen beiden Stadt- teilen, die sind jedoch eher locker und humorvoller Art. In diesen 200 Jahren seit 1813 wurde Allendorf/Lahn noch einmal von aus- ländischen Truppen besetzt: Am 28. März 1945 kamen US-amerikanische Trup- pen, die 7. Panzer-Division der US-Army, in das Dorf. Dabei wurden über meh- rere Wochen zwar auch einige Häuser in der oberen Triebstraße beschlagnahmt, das Verhältnis zwischen den Besatzern (oder besser Befreiern) und der Bevölke- rung war aber gut. 20 Alfred Weller in „Allendorf zwischen 1700 und 1900“ in Chronik zur 1200-Jahrfeier von Allendorf/Lahn, Gießen, 1990. 21 Alfred Weller in „Allendorf zwischen 1700 und 1900“ in Chronik zur 1200-Jahrfeier von Allendorf/Lahn, Gießen, 1990. 108 MOHG 98 (2013) Allendorf/Lahn im 19. Jahrhundert mit Rathaus, Kirche und Storchennest, in: Chronik zur 1200-Jahrfeier Allendorf/Lahn, 1990 Man nahm keinen größeren Schaden. Leid gab es aber zuvor auch, durch die Bombarierungen, die Luftangriffe, den Verlust von Menschenleben und Gütern und den Verletzungen körperlicher und seelischer Art und den ganzen Nazi- Terror. Seit fast 70 Jahren gibt es keinen Krieg mehr auf deutschem Boden. Hoffen wir, dass wir auch weiterhin von Kriegen und mit all dem Leid, das diese über die Menschen bringen, verschont bleiben. Am 3. November 2013 gedachten Stadt und Landkreis Gießen in der Mehr- zweckhalle von Gießen-Allendorf/Lahn der Ereignisse von vor 200 Jahren in der sehr gut besuchten Veranstaltung „1813 - Jagd auf Napoleon durchs Gieße- ner Land“. Neben dem Vortrag „Eingespannt und ausgeplündert - Allen- dorf/Lahn im November und Dezember 1813“ referierten Prof. Dr. Helmut Berding über „Am Anfang war Napoleon - Erneuerung und Fremdherrschaft im Rheinbund“ und Dr. Andreas Emmerich über „Der Zug der Schlesischen Armee - zwischen Leipzig und Kaub“. MOHG 98 (2013) 109