Angenrod im Dritten Reich – Die deutsch- völkischen und NS-Veranstaltungen auf Ebene des Dorfes und seiner näheren Umgebung INGFRIED STAHL Bislang durch Dokumente noch nicht grundlegend aufgearbeitet ist die Ge- schichte Angenrods in der Zeit vor 1945, dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Mit Priorität dokumentiert wurde allerdings in den letzten Jahren die Geschichte der einstmals blühenden Israelitischen Religionsgemeinde Angenrod, dies vor allem mit Blick auf die vielen Angenröder Shoah-Opfer.1 Mit dem Erscheinen von „Angenrod vor 1945 – Band 1 – Vom Vormärz bis zum Ende der Weimarer Republik“ wurde in 2015 eine weitere essentielle Epoche der Zeitgeschichte Angenrods der Öffentlichkeit vorgestellt.2 Die vorliegende Mitteilung schließt an den Primärbeitrag des Verfassers in den MOHG an. Sie thematisiert mit Fokus auf die deutsch-völkischen und NS- Veranstaltungen auf Ebene des Dorfes und seiner näheren Umgebung einen wesentlichen Teilbereich der NS-Ära des heutigen Stadtteils von Alsfeld. Bislang wurde diese Thematik lediglich im Rahmen einer öffentlichen Vortragsver- 1 Richard Jung, Angenrod, Vergangenheit und Gegenwart, in: 50 Jahre Männergesangverein „Harmonie“ Angenrod, Angenrod 1961 S. 21, 23, 25, 27, 29, 31 und 33; Ursula Wippich, Memorbuch von Klein-Jerusalemern in Angenrod, Romrod 1981/82; Helmuth Riffer, Die jüdische Gemeinde zu Angenrod, in: Angenrod – Bilder und Texte zur Geschichte eines Ortes, Bildband Angenrod, Magistrat der Stadt Alsfeld in Verb. mit dem Schmalfilm- und Foto-Club Als- feld e.V., mit dem Fotoclub Lauterbach e.V. und dem Geschichts- und Museumsverein Alsfeld e.V., Ehrenklau Druck und Verlag, Alsfeld 1989; Mathilda Wertheim Stein (Tilly), The Way It Was - The Jewish World of Rural Hesse. Atlanta 2000; Ingfried Stahl, Heimatchronik der „Oberhessischen Zeitung“, 22. Jahrgang, Heft 4, April 2006, Heft 5, Mai 2006, Heft 6, Juni 2006; Ingfried Stahl, Die Israelitische Religionsgemeinde Angenrod, in MittGMVA, Heft 1, Juni 2007; Website: http://www.alemannia-judaica.de/angenrod_synagoge.htm#Links %20und%20Literatur (abgerufen am 31.01.2015); Ingfried Stahl, Opfer des NS-Regimes - Angenrods letzte Israeliten. Etabliert seit 1736: Die Israelitische Religionsgemeinde Angenrod, in MOHG, 95. Band, Gießen 2010, S. 183-263; Ingfried Stahl, Online- Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen (MOHG digital) 2010, URL: http//www.ohg-giessen.de/mohg/digital/; Ingfried Stahl, Opfer der NS-Ideologie – Angenrods letzte Israeliten, selbstgestaltete erweiterte Dokumentation auf Basis des offiziellen Textbeitrags in den „Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen“, 95. Band, Gießen 2010, S. 18- 263, Selbstverlag, I. Stahl (Hrsg.), 2012; http://d-nb.info/103298127X (abgerufen am 31.01.2015). 2 Ingfried Stahl, Angenrod vor 1945 – Band 1 – Vom Vormärz bis zum Ende der Weimarer Repu- blik, Verlag F. Ehrenklau, Alsfeld 2014; http://d-nb.info/1067251693 (abgerufen am 20.09.2015). MOHG 100 (2015) 167 anstaltung des Verfassers in Kooperation mit der Evangelischen Kirchen- gemeinde im Jahre 2007 in den Blick genommen.3 Neben den Gesprächen mit den Angenröder Zeitzeugen bildete hier die Sichtung des Archivs der „Oberhessischen Zeitung“ (OZ) für den Autor eine hervorragende Quelle für die Erschließung von insbesondere spezifischen Be- richten zur Zeit des Nationalsozialismus in der Region Vogelsberg und auch zu Angenrod selbst. In den Hessischen Staatsarchiven und auch im Stadtarchiv Alsfeld sind aller- dings nur relativ wenige Belege zu jener Epoche recherchierbar, da die NS- Administratoren in der Endphase des Zweiten Weltkriegs alle Dokumente ̶ also auch zu den verschiedenen NS-Strukturen mit den jeweiligen Personenmitglied- schaften sowie -funktionen ̶ wohl beiseite schafften oder aber vernichteten. Lediglich zur NS-Kreisleitungsebene ist im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt (HStAD) eine Reihe von Dokumenten einseh- und somit auch auswertbar. Diese Akten konnten von den Nationalsozialisten nicht mehr rechtzeitig be- seitigt werden und wurden von den Alliierten sichergestellt. Die kommunalpolitischen Rahmenbedingungen ab 1933 Angenrod war seit 1832 und über die Zeit des Dritten Reichs hinaus eine der vielen Landgemeinden des ehemaligen Landkreises Alsfeld. Dieser bestand von 1832 bis 1972 und ging dann im Rahmen der Kommunalgebietsreform in den umfassenderen Vogelsbergkreis auf.4 Ihm gehört der jetzige Alsfelder Stadtteil auch heute an. Das Landratsamt, früher auch Kreisamt genannt, befand sich in der entspre- chenden Zeit auch stets in Alsfeld. Seit 1972 allerdings ist Lauterbach Sitz der Kreisverwaltung und somit auch des Landrats. Was die Jahre des Dritten Reichs (1933 – 1945) anbelangt, so war der Land- kreis Alsfeld, bis 1919 zum Großherzogtum Hessen gehörig, seitdem ein Be- standteil des „Volksstaats Hessen“. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der damit einhergehenden Gründung von Groß-Hessen gehörte der Landkreis Alsfeld und mithin auch seine Landgemeinde Angenrod dann zum Regierungsbezirk Darm- stadt. Bis zum Beginn der Zeit des Nationalsozialismus und dessen Autokratie zählte der Landkreis Alsfeld nach in der zurückliegenden Zeit abgelaufenen diversen Umstrukturierungen insgesamt 84 Gemeinden. Eine dieser 84 Land- gemeinden war auch das rund 550 Einwohner-Dorf Angenrod mit einem damals noch nennenswerten Anteil israelitischer Bevölkerung. Infolge der Auflösung des Kreises Schotten im Jahr 1938 (Gesetz vom 7. Ap- ril 1938)5 wurden mit Wirkung vom 1. Oktober 1938 noch weitere dreizehn Gemeinden dem Kreis Alsfeld zugegeben, darunter auch Köddingen und Stumpertenrod. 3 OZ-Archiv: 21.03.2007. 4 http://de.wikipedia.org/wiki/Landkreis_Alsfeld (abgerufen am 07.01.2016). 5 RegBl. 7, 1938, S. 37 f. 168 MOHG 100 (2015) Den Ort betreffende Beschlüsse wurden in all den Jahren, und dies ist auch im Protokollbuch der Gemeinde Angenrod (1901 bis 1934) handschriftlich do- kumentiert, vom Angenröder Gemeinderat getroffen. Die Gemeinde war seiner- zeit finanzpolitisch noch selbständig, und sie hatte ihre Mittel auch eigenständig zu verwalten. So bestellte der Gemeinderat unter anderem auch innerörtliche Dienstposi- tionen wie den Flur- oder Feldschütz, den Bullenhalter, er vergab die Jagdpacht und entschied auch über die Besoldung des Bürgermeisters, seines Stellvertreters und des Gemeindekassenverwalters. Ihre Einnahmen erzielte die Gemeinde neben den üblichen Gebühren der Bevölkerung insbesondere durch das Gewer- besteueraufkommen. Der Gemeinderat verfasste auch Stellungnahmen zu Eingaben von überört- licher Ebene, der Kreisverwaltung und diese oft auf Direktive des Regierungs- präsidiums Darmstadt. Dies ist auch häufig durch Bekanntmachungen in der „Oberhessischen Zeitung“ für den Bürger nachzulesen.6 Nach der Gleichschaltung reichsweit auf letztlich fast allen Ebenen war aber auch der Spielraum für das Ortsparlament streng vorgegeben und praktisch mit den Zielsetzungen der Nationalsozialisten konform gehenden ortspolitischen Beschlüssen gekoppelt. Die Weichenstellung für die ortspolitische Administration in der Zeit der NS- Diktatur wurde bereits mit den ersten Bürgermeisterwahlen nach der Machter- greifung Adolf Hitlers vorgenommen. Nicht der die Bürgermeisterwahl im März 1933 mit drei Stimmen Vorsprung gewinnende Johannes Bernhard II. („Scholtesse“) wurde als Bürgermeister ernannt, sondern Karl Hoffmann („Feicks“) schien den Angenröder National- sozialisten der geeignete NS-konforme Mann an der Spitze des Dorfes zu sein. Im Gegensatz zu Bernhard II. war Hoffmann nämlich der neuen Bewegung gegenüber recht positiv eingestellt. Offizielles Mitglied der NSDAP war er eige- nen Angaben zufolge seit 01.04.1933.7 Johannes Bernhard II. jedoch wurde von seinen Gegnern diskreditierend nachgesagt, dass er ein „Judenfreund“ sei, und am „angeblich von Marxisten und Kommunisten“ gewählt worden sei. Das wird auch in einer Zeugenaussage im Rahmen des Spruchkammerverfahrens im Jahr 1948 mitgeteilt.8 Karl Hoffmann, später seinen eigenen Worten zufolge enttäuscht über den Verlauf der NS-Zeit, trat Ende 1944 aus gesundheitlichen Gründen als Bürger- meister Angenrods zurück. Ihm folgte mit Adolf Geiß noch einige Monate lang bis zum Kriegsende und der Besetzung Angenrods durch das US-Militär noch ein ausgesprochener NSDAP-Aktivist an der Verwaltungsspitze Angenrods. Geiß war bereits sowohl Bürgermeister als auch NSDAP-Ortsgruppenleiter in Angenrods Nachbarort Leusel. 6 Archiv der „Oberhessischen Zeitung“ Alsfeld (OZ-Archiv). 7 HStAD, Best. N 1, Nr. 205. 8 HStDAD, Best. H 13 Gießen, Nr. 510/1-2; HHStAW, Best. 520/A, Nr. 3689-47 A.; Zeit- zeugenmitteilungen. MOHG 100 (2015) 169 Die eigentlichen kommunalpolitischen Beschlüsse und Ereignisse in Angen- rod sind allerdings heute nicht mehr zu dokumentieren. Aus dem Protokollbuch der Gemeinde Angenrod wurden alle Seiten der Gemeinderatssitzungen ab April 1934 entfernt, und zwar durch säuberliches Herausschneiden (Abb. 1). Ein Duplikat ist bislang nicht aufgefunden worden. Abb. 1: Herausgeschnittene Seiten aus dem Gemeinde-Protokollbuch (Stadtarchiv Alsfeld, Angenrod, Best. XV, Protokollbuch 1901-1934; Foto: Ingfried Stahl). 170 MOHG 100 (2015) Und auch in den Hessischen Staatsarchiven sind lediglich via Auswertung der Spruchkammerakten indirekte Schlüsse für den Verfasser möglich. Jedoch erhellen die Tradierungen der Zeitzeugen auch jene dunkle Zeit Angenrods in beachtlichem Ausmaß und machen diese Ära transparenter. Über die Etablierung der typischen NS-Strukturen, insbesondere die Grün- dung einer Ortsgruppe Angenrod der NSDAP, liegen aus archivalischer Per- spektive leider nur wenige Anhaltspunkte vor. Der Verfasser stützt sich daher vor allem auch auf die überaus wertvollen Überlieferungen der Angenröder Zeit- zeugen, dies des Öfteren kombiniert mit Berichterstattungen der „Oberhessi- schen Zeitung“ (Alsfeld) aus jener Zeit. Und über zum Beispiel deutsch-völkische Veranstaltungen im Dritten Reich wird gerade in dieser Lokalzeitung, wie auch von vielen anderen Dörfern und den Städten des ehemaligen Landkreises Alsfeld, sehr ausführlich berichtet. Na- türlich unterlagen auch diese Presseartikel der strikten Nazi-Pressezensur, das heißt, das, was dem Leser als Lektüre angeboten wurde, hatte einzig und allein den Interessen der NS-Ideologen und –machthaber zu dienen.9 Begonnen hatte diese unselige Entwicklung rasch nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten Anfang 1933 mit der zunächst inhaltlichen Gleichschal- tung der Presse und massiven Eingriffen in die Strukturen der Verlage. Diese waren bis dato rein wirtschaftlich orientiert, hatten sich dann aber im Zuge der Abschaffung der Pressefreiheit als Medien gänzlich den Belangen der neuen Machthaber zu fügen. Die dann folgende Pressezensur während der national- sozialistischen Autokratie wird als „wohl die radikalste in der Zensurgeschichte“ eingestuft. Mit der „Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat" („Reichstagsbrandverordnung“) vom 28. Februar 1933 wurden als Erstes Grundrechte wie Art. 118 ausgehebelt. Schon bald darauf, in Kraft getreten am 1. Januar 1934, wurde den Zeitungen mit dem „Schriftleitergesetz“ der Status eines „Trägers der öffentlichen Aufgaben“ zugewiesen.10 Waren sie zuvor ein Kontrollorgan des staatlichen Handelns gewesen, so wurden sie von nun vollumfänglich von der NS-Propaganda instrumentalisiert. Wie auch anschließend in diesem Beitrag mit einer Reihe von Veröffentli- chungen aus der Zeit des Dritten Reichs in Angenrod und – exemplarisch – von einigen umliegenden Orten des ehemaligen Landkreises Alsfeld in der „Oberhes- sischen Zeitung“ aufgezeigt werden kann, dienten diese zensurgeprägten Lokal- berichte ausschließlich der gezielten Beeinflussung und Steuerung der öffent- lichen Meinung. Diktatur-bedingt waren sie also keine freien Berichterstat- tungen, sondern durchliefen eine Zensur und verfügten letztlich über ein ausge- prägtes Demagogie-Potenzial. Vor allem dann mit Blick auf die Verächtlich- machung und Stigmatisierung der israelitischen Bevölkerung, aber auch von 9 https://de.wikipedia.org/wiki/Pressegeschichte_in_Deutschland#Presse_im_National- sozialismus (abgerufen am 02.09.2015). 10 https://de.wikipedia.org/wiki/Schriftleitergesetz (abgerufen am 02.09.2015). MOHG 100 (2015) 171 Regime-Kritikern und Andersdenkenden, trugen sie dann sogar ausgrenzend- unmenschliche Züge. Geschichte der NSDAP im Kreise Alsfeld Über die allmähliche Etablierung der NSDAP auf Ebene des damaligen Kreises Alsfeld, also im Umfeld des ländlichen Angenrod, finden sich in den Archivalien nur wenige Angaben. Der Verfasser dieses Beitrags kann sich aber erfreulicher- weise auf seine ausführlichen Recherchen im Archiv der OZ beziehen, bei denen er unter anderem auch einen umfangreichen Pressebericht zur NS-Geschichte des Kreises erfassen konnte. Der Bedeutung dieses grundlegenden Pressebe- richts mit auch Angaben zu den entscheidenden Führungskräften jener Epoche wegen sei hier der Originalbericht (Abb. 2, Abb. 3, Abb. 4) in seinem vollen Wortlaut wiedergegeben. 11 Abb. 2: Doppelseitiger Bericht in der „Oberhessischen Zeitung“ am 24.02.1934 über die „Geschichte der NSDAP im Kreise Alsfeld“. Personenstigmatisierend hatte ein früherer Recher- cheur mit rotem Stift Kennzeichnungen in das Original eingetragen (OZ-Archiv: 24.02.1934). 11 OZ-Archiv: 24.02.1934. 172 MOHG 100 (2015) Abb. 3: Der Alte Kämpfer – NSDAP-Mitglieder im Kreis Alsfeld mit einer Mitgliedsnummer unterhalb 100 000 (OZ-Archiv: 24.02.1934). 1927: Teilnahme der Lehrer Klostermann, Vockenrod, Zehfuß, Reibertenrod, am Reichs- parteitag in Nürnberg. 1928: Gelegentlich der Reichstagswahl vom 20.5. findet eine öffentliche Wahlversammlung, in der der Pg. Holz, Nürnberg, sprechen soll, in der Turnhalle zu Alsfeld statt. Der Redner bleibt aus, Klostermann muss in die Bresche springen und reden. Nach dieser Versammlung treten Klostermann und Zehfuß aus der Reserve heraus und werben Anhänger. In Wahlversammlungen zu Vadenrod und Storndorf sprachen auf Ein- ladung von Geiß, Vadenrod, die Genannten mit Erfolg. Bei einer weiteren Versammlung in Alsfeld will es wieder das Unglück, dass der Redner ausbleibt und die Versammlung muss von Lehrer Zehfuß bestritten werden. Wenn auch Alsfeld zu der Wahl am 20.5. nur 59 Stimmen aufbringen konnte, so trat doch in verschie- denen Dörfern die geleistete Arbeit bereits augenfällig bei dem Wahlresultat in Erscheinung. Im Ganzen brachte der Kreis rund 600 Stimmen für die NSDAP auf. Durch Sprech- abende und Zusammenkünfte im Mainzer Hof und bei Grundberger fanden sich im Laufe des Sommers 15 Mann aus dem Kreis zusammen, die die O.G. (Ortsgruppe, d. Verf.) Vocken- rod bildeten. Durch Neuzuwachs an Mitgliedern konnte am 1. November bereits Vadenrod mit 17 Mitgliedern von Vockenrod losgelöst und zur selbständigen O.G. erklärt werden (O.G.L. Klostermann gleichzeitig Bezirksleiter mit Geiß). MOHG 100 (2015) 173 Abb. 4: NSDAP-Kreisleitung Alsfeld 1934 (OZ-Archiv: 24.02.1934). Unabhängig von dieser Entwicklung entstand im Frühjahr und Sommer eine Gruppe von Parteigenossen in Nieder-Ohmen, da Pg. Otto Erb Beziehungen zu Marburger National- sozialisten angeknüpft hatte. Nachdem während des Sommers von Mund zu Mund geworben wurde, setzten im Herbst Versammlungen ein. Im Mainzer Hof zu Alsfeld sprach Pg. Friedhelm Kemper-Mannheim und dann Holz- Nürnberg. Die Versammlungen waren fast ausschließlich nur von den wenigen Pgg. besucht. Pg. Klostermann hielt Versammlungen in Strebendorf, Windhausen und Ober-Breidenbach. Pg. Georgi führt ihn nach Ermenrod. In Alsfeld selbst tritt Pg. Trips auf den Plan. Sein bester Mitkämpfer wird im nächsten Jahr Pg. Jantzen. Veranlasst durch den Terror der Kestricher Juden gegen Pg. Richter, Groß-Felda, kommt dort eine Versammlung zustande, in deren Verlauf der Pg. Klostermann die O.G. Groß- Felda gründet, deren Leitung später Pg. Ludwig Frey übernahm. Pg. Kirchner übernimmt die Leitung der Propaganda im Kreis. Pg. Wahl-Vadenrod, der sich von Anfang an der Werbung von Mitgliedern sehr verdient gemacht hat, wird um die Jahreswende mit der Gründung einer SA beauftragt. In Nieder- Ohmen wurde im Anschluss an eine Versammlung ein großer Aufmarsch veranstaltet. (Redner: Ringshausen, Klostermann). 174 MOHG 100 (2015) Abb. 5: Alfred Klostermann, Protagonist der NS-Bewegung im Altkreis Alsfeld (OZ-Archiv: 24.02.1934, HSt-AD, Best R 4, Nr. 16280, Reproduktion aus der Publikation „Festschrift 500 Jahre Stadt und Festung Rüsselsheim 1437-1937, Bibl. O. 5351, Urheber unbekannt. Das Foto findet sich auch auf der Website zu Klostermann: https://de.wikipedia.org/wiki/Alfred_ Klostermann#/media/File: KlostermannAlfred,jpg (abgerufen am 14.01.2016). Als Quelle ist hier angegeben: „unbekannt. - Büro des Reichstags (Hg,), Reichstags-Handbuch 1933, IX. Wahlperiode, Verlag der Reichsdruckerei, Berlin 1934.“ 1929: Im Februar wird eine Anzahl SA-Leute eingekleidet. Einige Zeit darauf erfolgt dann die Gründung des Sturmes 60 (Standort Groß-Felda) durch den damaligen Brigadeführer Vosshagen-Frankfurt. Die ersten SA-Männer waren von Vadenrod, Groß-Felda, Maulbach und Strebendorf. Gauleiter Ringshausen stiftet dem neugegründeten SA-Sturm eine schon in Offenbach im Kampf gewesene Sturmfahne. In diese Zeit fällt die Gründung der Ortsgruppe Strebendorf und etwas später die der Ortsgruppe Maulbach. In Maulbach sprachen der damalige Sozialdemokrat und spätere Kommunist Brüning zur Diskussion gegen Pg. Klostermann. Als Redner warben zu dieser Zeit neben Pg. Klostermann und Pg. Zehfuß die Pgg. Friedrich, Gutterer, Heyse und Ringshausen. Am 30.4.1929 trat die SA bei der Feder-Versammlung in der ´Post´ zum ersten Male in Alsfeld geschlossen als Saalschutz in Tätigkeit. In steter Erinnerung wird die Pfingst- werbefahrt der Frankfurter und Offenbacher SA, SS und HJ bleiben. An diesem ersten Pfingsttag sprach Gauleiter Ringshausen auf dem Alsfelder Marktplatz und in Strebendorf, Pg. Heyse in Groß-Felda. In Altenburg, wo ebenfalls eine Ortsgruppe entstanden war und in Groß-Felda wurde die auswärtige SA verpflegt. Durch das erstmalige Erscheinen größerer SA-Verbände erlebt die Bewegung einen starken Auftrieb. MOHG 100 (2015) 175 In den Orten, die von dem Aufmarsch berührt werden, festigt sich die Organisation. Eine Versammlung am 20. Juni in Alsfeld wies infolge der Bespitzelung der Juden wenig Besuch auf, dagegen war eine Versammlung mit demselben Redner (Pg. Albrecht) am 21. Januar ein voller Erfolg. Auf dem Bezirkskriegerfest zu Groß-Felda wurde eine große Hakenkreuzfahne gehisst, sehr zum Ärger der Juden. Am Reichsparteitag in Nürnberg, Anfang August, nahmen 17 Pgg. aus dem Kreise teil. Kurze Zeit nach dem Parteitag wurde in Ulrichstein, das damals zu unserem Kreisgebiet gehörte, die gesamte oberhessische SA durch Osaf-Stellvertreter Ulrich, Kassel, und Adjutant Fichte besichtigt. Nachmittags schloss sich eine Kundgebung auf dem Schlossberg an. Der Kampf gegen den Young-Plan und die Kommunalwahlen am 12.11. beleben den Kampf. Es erfolgen 4024 Eintragungen von 24413 Stimmberechtigten. Die Kommunalwahl ergab im Kreis 2412 NS- Stimmen, 4862 Landbund-Stimmen und 3198 Sozialdemokraten. Erfolgreiche Versammlungen hielten damals außer Pg. Klostermann die Pgg. Woweries und Dauser ab. Gottfried Feder sprach am 13.12. in Groß-Felda. 1930: Die Organisation ist so gewachsen, dass 25 Versammlungen in einem Monat gehalten werden konnten. Bei einer Tagung der Amtswalter am 3. Pfingstfeiertag in Zell war schon eine stattliche Zahl von Ortsgruppen vertreten, u. a. Storndorf, Brauerschwend, Erbenhausen. Im selben Maß, wie die Versammlungstätigkeit (Redner: Selzner, Kemper, Fett, Dr. Werner, Schneider, genannt ´Schnitter´, Albrecht u. a.) wurde auch die Zeitungspropaganda gesteigert. Im Nachsommer brachte Alsfelder SA wöchentlich 400 Hessenhammer an den Mann. Als sehr rühriger Zeitungsverkäufer betätigte sich Pg. Feger, Groß-Felda. Ein neuer Sturm (35) entstand in Mücke-Merlau und Umgebung. Bei der Sonnenwend- feier auf dem Hoherodskopf marschiert der Sturm 60 mit 72 Mann, der Sturm 35 mit 45 Mann auf. Als am 30. August der Führer zum ersten Mal in Frankfurt sprach, veranstal- tete die SA des Kreises Alsfeld mit der SA-Kapelle Billertshausen (gegr. durch Pg. Nagel) einen Werbemarsch durch Grünberg, Gießen und Friedberg. An der Landesgrenze bei Friedberg musste das Braunhemd mit Räuberzivil vertauscht werden. Die Wahlversammlungen zur Reichstagswahl am 14. September bestritt neben einigen von Prof. Werner, der Pg. Klostermann. In Alsfeld sprach Axel Ripke. Wahlergebnis 6041 NS-Stimmen (34 Prozent aller Stimmen), 2163 Stimmen mehr als der Landbund. Mit der Führung des neugegründeten Sturmes 36 wurde Pg. Hermann Trips beauftragt. Er hat es verstanden, den ständig wachsenden Terror zu meistern. Nach der Septemberwahl 1930 trat im Winter Dr. Müller in die Partei ein und wurde dann O.G.L. (Ortsgruppen- leiter, d. Verf.) in Alsfeld. Im Spätherbst 1930 sprachen in Alsfeld die Pgg. Ahlemann und Münchmeyer. 1931: Versammlungen mit Klostermann und Dr. Müller und auswärtigen Rednern u. a. Bierbrauer, Dr. Wagner, Stöckel, Graf Solms (Abb. 6) (Kundgebung des Sturmes 36 am 30.4.), Münchmeyer, Feder (2.7.). Die SS wurde gegründet. Eine eindrucksvolle Amtswaltertagung von etwa 100 Amtswal- tern erlebten wir in Groß-Felda. Gauleiter Peter Gemeinder hielt eine Rede von elementarer Wucht und machte die Herzen für den letzten Kampf stark. Damals wurde mancher Partei- genosse zum Fanatiker gemacht und für den Landtagswahlkampf vorbereitet, den Pg. Gemeinder nicht mehr erleben sollte. 176 MOHG 100 (2015) Abb. 6: Bernhard Bruno Graf zu Solms-Laubach (* 4. März 1900 in Lich-Arnsburg; † 13. März 1938 in Berlin) 1931 in Münzenberg in Uniform bei einer Ansprache vor Parteigenossen. Graf Soms war von 1931 bis 1933 NSDAP-Landtagsabgeordneter in Hessen.12 (HStAD, Best. R 4, Nr. 2114). Abb. in: „Oberhessen marschiert“, Gießen: Meyer & Hickel [1932] (Bibl. G 841). Trotz größter Sorgfalt konnte der Urheber hier und bei weiteren Abbildungen nicht ermittelt werden. Es wird gegebenenfalls um Mitteilung gebeten. In diesem Wahlkampf sahen wir als Redner die Pgg. Gauweller, Dörfler, Borchert, Dr. Wagner, Münchmeyer, Stövesandt u. a.. In Alsfeld waren innerhalb von zehn Tagen 4 große Versammlungen (Karpenstein, Jupp-Wagner, Gregor Strasser, Klostermann – Dr. Müller – Geiß). Am 4.10. war Hitler-Tag in Alsfeld, Aufmarsch des Sturmbann III/116. Kundgebung durch Pg. Kern und Graf Solms. Landtagswahlergebnis: 12800 Nationalsozialisten im Kreis. In der Stadt Alsfeld 1797 Nationalsozialisten gegen 831 Sozialdemokraten. Die Pgg. 12 https://de.wikipedia.org/wiki/Bernhard_zu_Solms-Laubach (abgerufen am 06.09.2015). MOHG 100 (2015) 177 Klostermann und Dr. Müller, Geiß und Wahl wurden in den Landtag gewählt. Im Kreis Alsfeld zogen wir aus eigenen Kräften die NS-Nothilfe (Winterhilfe) auf. Das erste SA-Heim wurde in der Jahnstraße eingerichtet. Pg. Klostermann wird Gau-Inspekteur, Pg. Müller Kreisleiter in Alsfeld. 1932: Die weitere Aufwärtsentwicklung zeigen die Wahlergebnisse: Reichspräsidentenwahl 13.3.: 14862 Hitler-Stimmen Reichspräsidentenwahl 10.4.: 15336 Hitler-Stimmen Landtagswahl 19.6.: 14917 Hitler-Stimmen Reichstagswahl 31.7.: 17616 Hitler-Stimmen Die einsetzenden Haussuchungen durch ein Ueberfallkommando der Polizei rief in Alsfeld eine ungeheure Erbitterung hervor. Die Parteigenossen demonstrierten in Gruppen bis tief in die Nacht hinein unter Absingen von Hitler-Liedern; die Straßen hallten von Sprechchören wieder. Am 15.4. versammelte sich die Bevölkerung zu einer Kundgebung im ‚Deutschen Haus’, wo die Pgg. Klostermann, Dr. Müller über die politische Notlage sprachen. Ein Höhepunkt des Jahres 1932 war auch die große Kundgebung mit Pg. Dr. Goebbels in der Festhalle. Nach Aufhebung des SA-Verbotes will Pg. Trips mit seinem Sturm den marxistischen Terror in Nieder-Ofleiden brechen. Bei einem Marsch nach Nieder-Ofleiden erfolgt in der Nacht vom 16. auf 17. Juli ein heimtückischer Feuerüberfall durch die Kommu- nisten. Die SA-Männer Willy Weber (Abb. 7) und Willi Dotzert werden dabei verwundet. Abb. 7: SA-Truppführer Willy Weber (OZ-Archiv: 24.02.1934). 178 MOHG 100 (2015) Willy Weber erlag am 9. September seinen Verletzungen. Die SA und SS von Oberhessen und des preußischen Nachbargebietes gaben ihm das letzte Geleit. Der Sturm erhielt den Namen ‚Willy-Weber-Sturm’. Die Hungerwahl am 6.11. zeitigte im Kreis Alsfeld einen verhältnismäßig geringen Stimmenverlust von 1493, das sind etwa 8 Prozent. Gegen Jahres- ende übernahm Pg. Klostermann wieder die Kreisleitung. Um die Schlagkraft der Partei zu erhöhen, werden organisatorische Maßnahmen getroffen.“ In einem gesonderten Rahmenartikel wird dann auf der gleichen Doppelseite in der OZ auch die damalige Führungsriege der Nationalsozialisten im Kreis Alsfeld veröffentlicht: 24.02.1934: Kreisleitung Alsfeld13 Kreisleiter: Fritz Kirchner, Alsfeld, Hochstraße 23 (Abb. 8) Stellvertretender Kreisleiter: Otto Geiß, Vadenrod Abb. 8: Nach Alfred Klostermann (1928), Dr. Hermann Müller (1931 bis Ende 1932) und erneut Alfred Klostermann (ab Ende 1932) ab wohl 1933/34 und dann bis 1936 Kreisleiter der NSDAP im Kreis Alsfeld: Fritz Kirchner. Kirchner, gebürtiger Maulbacher, war unter anderem ab 1933 Lehrer an der Volksschule zu Alsfeld und dann ab 1938 deren Rektor. Er fiel am 25. Juni 1942 laut Traueranzeige in der OZ im Kampf im Osten (OZ-Archiv: 24.02.1934) Es folgen die Amtsleiter bei der Kreisleitung: U. a. Personalamtsleiter, Organisations-Amtsleiter, Leiter der Geschäftsführung, Kassenwart, Propagandaleiter, Schulungsleiter, Presseamtsleiter, Kreisgerichts- vorsitzender, Kreis-Betriebszellenobmann, Landwirtschaftlicher Kreisfach- berater, Kommunalpol. Fachberater, Leiter des Amtes für Beamte, Leiter der NS-Hago, Leiter der NSV, Leiter des Amtes für Erzieher, Leiter des Amtes für Kriegsopferversorgung, Frauenschaftsleiterin, Adjutant des Kreisleiters. Abteilungsleiter bei der Kreisleitung: Leiter der Abteilung für Volksbildung, Funkwart, Filmwart, Kassenrevisoren, Kulturwart, Witab. 13 OZ-Archiv: 24.02.1934. MOHG 100 (2015) 179 SA-Führung im Gebiet des Kreises Alsfeld: Standarte 254, Sturmbann I/254 und Sturmbann II/254. SS-Führung im Gebiet des Kreises Alsfeld: Sturm 3/IV/33. HJ-Führung im Gebiet des Kreises Alsfeld: Unterbann IV/116, Unterbann V/116. BDM: Ringführerin, Ringführerin. Deutsches Jungvolk: Stamm 3 Widukind. In diesen NS-Leitungsfunktionen tritt nur ein Angenröder auf (SA). Einen detaillierten Überblick über die NS-Gliederungen der Region im Drit- ten Reich sowie deren Standorte gibt das Landesgeschichtliche Informations- system der Universität Marburg (LAGIS), der nachfolgend dokumentiert wird: NSDAP-Kreisleitung Alsfeld Lauterbach: Verwaltung in der NS-Zeit in Lauter- bach, Bahnhofstraße 10.14 Kommandeur der Sicherheitspolizei/SD Hessen, Alsfeld: in der NS-Zeit im Land- ratsamt Alsfeld.15 Am 29. März 1945 verließ der Kommandeur der Sicherheitspolizei/SD Hessen die Stadt Alsfeld. Dort hatte er in der Endphase des Krieges seinen Dienstsitz im Alsfelder Landratsamt eingerichtet. Nutzungsende: 29.03.1945 Weitere Nutzungen des Objekts: Alsfeld, Ausweichstelle der Gestapo- Dienststelle Frankfurt/Main, Landratsamt Alsfeld (24.3.1945–29.3.1945). Hungen, Jungmädeluntergauführung Alsfeld: Die Alsfelder Jungmädeluntergau- führung wurde von Alsfeld aus geleitet. Nutzungsanfang: 1933. 16 17 Gießen, Gestapo-Außenstelle beziehungsweise Gestapo-Gebäude: Neuen Bäue 23. „Dieses Gebäude war bis 1938 der Sitz des jüdischen Bankhauses Herz“. 1938 wurde das Haus der Gestapo übergeben. Der „Topografie des Nationalsozia- lismus in Hessen“ zufolge wurden in dem Keller der Gestapo „bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs“ dort „Gießener Bürger inhaftiert, verhört, drangsaliert, gefoltert.“ 18 14 Lauterbach, NSDAP-Kreisleitung Alsfeld Lauterbach in Topographie des Nationalsozialismus in Hessen (Stand: 16.2.2011). 15 Alsfeld, Kommandeur der Sicherheitspolizei/SD Hessen in Topographie des Nationalsozialis- mus in Hessen (Stand: 14.2.2011). 16 Hungen, Jungmädeluntergauführung Alsfeld in Topographie des Nationalsozialismus in Hessen (Stand: 14.2.2011). 17 Aufbau, Gliederung und Anschriften der Hitler-Jugend: Amtliche Gliederungsübersicht der Reichsjugendführung der NSDAP, Stand vom 1. Januar 1934, Abt. I der Reichsjugend- führung (Hrsg.), 1934. 18 http://lagis.online.uni-marburg.de/de/subjects/gsrec/current/16/sn/nstopo?q=alsfeld; Ulrike Puvogel, Martin Stankowski, Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus: eine Dokumentation, Teil 1, S. 307, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage, Hessen S. 273- 396, Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1995. 180 MOHG 100 (2015) NSLB-Kreiswaltung Alsfeld-Lauterbach (Hessen-Nassau): Alsfeld, Gemeinde Alsfeld, in der NS-Zeit: Hochstraße 23.19 Es handelt sich hier um den Nationalsozia- listischen Lehrerbund (NSLB). Laut Adressenwerk NSDAP 1939, Abschnitt II c 10 Gau Hessen-Nassau S. 17 befand sich die NSLB-Kreisverwaltung Alsfeld- Lauterbach in „Lauterbach z.Z. Alsfeld, Hochstr. 23“.20 SA-Brigade 147, Gießen: SS, SD-Außenstelle Gießen: BDM (Bund deutscher Mädel): NSKK (Nationalsozialistisches Kraftfahrerkorps): Jungvolk: DJ-Jungbann 2/16 (Alsfeld): In Grünberg war die Führung des Alsfelder Banns 2/116 ansässig.21 NSF (Nationalsozialistische Frauenschaft), Sitz der Kreisfrauenschaftsleitung Alsfeld- Lauterbach (Hessen-Nassau). Die Leitung der NS-Frauenschaft des Kreises Alsfeld-Lauterbach war in Lauterbach ansässig, in der NS-Zeit in der Hintergasse 6.22 Zäsur auch in Angenrod: Die Etablierung des örtlichen NS-Regimes 1933 Mit konkreten Belegen lässt sich heute die Etablierung des Nationalsozialismus auf der Mikroebene Angenrods kaum mehr nachvollziehen. Nur indirekt lassen sich das ein oder andere Mal anhand von Archivalien des Hessischen Staats- archivs Darmstadt (HStAD) und des Hessischen Hauptstaatsarchivs Wiesbaden (HHStAW) Schlussfolgerungen, so im Rahmen von gerichtlichen Streitigkeiten und der Spruchkammerakten, ableiten. So dürfte wohl eine Begebenheit rund um eine wehende Hakenkreuzfahne und deren Entfernung im Jahre 1929 in Angenrod als ein klares Indiz für den bereits damals in Angenrod Fuß fassenden Nationalsozialismus und die Hitler- Bewegung gewertet werden.23 Fotodokumente von jener in der Region um sich greifenden Hitler-Bewe- gung liegen dem Verfasser zwar nicht vor, jedoch erlauben die in der örtlichen Presse dokumentierten regionalen Wahlergebnisse Rückschlüsse auf die inner- örtlichen Sympathieverhältnisse der konkurrierenden Parteien. 19 Alsfeld, NSLB-Kreiswaltung Alsfeld-Lauterbach (Hessen-Nassau) in Topographie des Natio- nalsozialismus in Hessen (Stand: 14.2.2011). 20 Adressenwerk der Dienststellen der NSDAP mit den angeschlossenen Verbänden, des Staates, der Reichsregierung, Behörden und Berufsorganisationen in Kultur, Reichsnähr- stand, gewerbliche Wirtschaft, Reichsband., „Die deutsche Tat“, Verlag Heinrich Scheuer (Hrsg.), 1939. 21 Grünberg, Führung des DJ-Jungbann 2/116 (Alsfeld) in Topographie des Nationalsozialismus in Hessen (Stand: 14.2.2011) 22 Lauterbach, Sitz der Kreisfrauenschaftsleitung Alsfeld-Lauterbach (Hessen-Nassau) in: Topographie des Nationalsozialismus in Hessen (Stand: 14.2.2011). 23 HStAD, Best. G 27 Darmstadt, Nr. 42; MOHG 95, S. 213 (2010). MOHG 100 (2015) 181 Bei der Reichstagswahl 1930, nachdem auch bereits durch eine größere An- zahl einschlägiger Inserate in der OZ für die neue „Bewegung“ um den Natio- nalsozialismus hier in der Region sensibilisiert wurde, erhielt der Wahlvorschlag 5, die erstmals hier im Vogelsberg konkurrierende „Nationalsozialistische Deut- sche Arbeiterpartei“ (Hitler-Bewegung) bereits 57 von insgesamt 270 abgegebe- nen gültigen Stimmen, entsprechend 21,1 Prozent. Rund 60 Prozent entfielen auf die Sozialdemokraten inklusive der Kommunisten, also das linke Parteien- spektrum.24 Etwa jeder fünfte Wähler in Angenrod war offensichtlich schon in 1930 mit den Zielen der „Hitler-Bewegung“ und damit der NSDAP einverstanden. Im Zuge zunehmender NSDAP-Propaganda in der OZ und im Rahmen von Parteiveranstaltungen und aufrüttelnden Reden und Kundgebungen – zum Bei- spiel eine „Nationalsozialistische Kundgebung“ am 20. April 1931 in der Turn- halle Alsfeld25 mit den Rednern Pgg. Graf Solms und Klostermann, getitelt: „In Treue fest!“ – griffen die Nazi-Parolen immer mehr in der Region, insbesondere im ländlichen Umfeld, um sich. Mit einem großen Hakenkreuz versehen war dann auch die Ankündigung eines „Hitlertag in Alsfeld“ für den 4. Oktober 1931, verbunden mit „Aufmarsch des Sturmbanns III-116, unter Mitwirkung der Standarten-Kapelle 116“.26 Auch auf das Hitler-Buch „Mein Kampf – Auf jeden Weihnachtstisch das Buch der Deutschen!“ wurde mit einem Inserat einer Alsfelder Buchhandlung unübersehbar aufmerksam gemacht (Abb. 9).27 In späteren Jahren in der NS- Zeit sollte es in praktisch jedem deutschen Haushalt vorhanden sein, wurde es doch sogar bei standesamtlichen Eheschließungen als Geschenk mit auf den weiteren Lebensweg gegeben. Abb. 9: Inserat in der OZ für Hitlers „Mein Kampf“ (OZ-Archiv: 19.12.1931). 24 OZ-Archiv: 15.09.1930. 25 OZ-Archiv: 18.04.1931. 26 OZ-Archiv: 03.10.1931. 27 OZ-Archiv: 19.12.1931. 182 MOHG 100 (2015) Bereits im Februar 1931 ist in Heimertshausen durch eine Annonce in der Zeitung eine „Ortsgruppe der N.S.D.A.P.“ und eine „nationalsozialistische Ver- sammlung“ im direkten ländlichen Umfeld Angenrods mit einer Rede von Pg. Prof. Dr. Werner, MdL, dokumentiert.28 Heimertshausen ist deutlich bäuerlicher strukturiert als Angenrod mit einem ausgeprägten Arbeiteranteil, aber auch mit einer seit Anfang des 18. Jahrhunderts etablierten bedeutenden israelitischen Bevölkerung, die allerdings dann jäh im Zuge des NS-Terrorregimes mit insge- samt 41 gebürtigen Angenröder Shoah-Opfern auf schreckliche Weise zum Erlöschen kam (1942).29 Auch die „Ortsgruppe der N.S.D.A.P Storndorf“ war mit der Ankündigung einer „großen Volkskundgebung“ und des Redners „Pfarrer a.D. Münchmeyer, M.d.R.“ (Mitglied des Reichstags, d.Verf.)30 schon frühzeitig medial präsent.31 Diesen politischen Aktivitäten stand auch die „Nationalsozialistische Arbei- terpartei Ortsgruppe Altenburg“ nicht nach, die bereits für den 28. Februar 1931 zu einer „öffentlichen Versammlung“ bei Gastwirt Ebeling einlud. Es wurde auf „Freie Aussprache“ hingewiesen, Redner war in dem Alsfelder Nachbardorf Dr. Heinrich Müller (1896 – 1945).32 Die intensive Parteipropaganda stieß zunehmend auf Widerhall in der Bevöl- kerung auch des Kreises Alsfeld und dokumentierte sich kontinuierlich mit den Wahlerfolgen der Nationalsozialisten bis hin zur Machtergreifung im Januar 1933.33 So stieg der Stimmenanteil in Angenrod für die NSDAP („Hitler-Bewe- gung“) bei der Reichstagswahl am 31. Juli 1932 bereits auf 166 Wähler gegenüber 134 beziehungsweise 27 Wählern für die SPD beziehungsweise die KPD. Insgesamt umfasste demnach das Potenzial der NSDAP-Wähler bei dieser Wahl 28 OZ-Archiv: 20.02.1931. 29 Ingfried Stahl, Opfer des NS-Regimes - Angenrods letzte Israeliten. Etabliert seit 1736: Die Israelitische Religionsgemeinde Angenrod in MOHG, 95. Band, Gießen 2010. S. 183-263; Ingfried Stahl, Online-Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen (MOHG digital) 2010; URL: http//www.ohg-giessen.de/mohg/digital/; Ingfried Stahl, Opfer der NS-Ideologie – Angenrods letzte Israeliten, selbstgestaltete erweiterte Doku- mentation auf Basis des offiziellen Textbeitrags in den „Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins Gießen“, 95. Band, Gießen 2010, S. 18- 263, Selbstverlag, I. Stahl (Hrsg.), 2012; http://d-nb.info/103298127X (abgerufen am 31.01.2015). 30 https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_M%C3%BCnchmeyer (abgerufen am 24.09.2015); Münchmeyer (1885-1947), evangelischer Pastor, tat sich „durch besonders aggressive anti- semitische Hetzreden“ hervor. 31 OZ-Archiv: 25.02.1931. 32 https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_M%C3%BCller_%28Jurist%29 (abgerufen am 05.10.2015). Müller galt in der NSDAP-Propaganda als „Alter Kämpfer“. Er war Orts- gruppenleiter in Alsfeld und im Januar 1932 Kreisleiter in Alsfeld. Von 1931 bis 1933 war er Mitglied des Landtages des Volksstaates Hessen, ab 1933 Landtagspräsident. Seit 1931 gehörte Müller außerdem der SA an. Bei der SS stieg er am 9.11.1943 zum SS-Gruppen- führer auf. Mitte Mai 1933 hatte er auch temporär das Amt des Darmstädter Oberbürger- meisters inne. 33 http://de.wikipedia.org/wiki/Machtergreifung (abgerufen am 31.01.2015). MOHG 100 (2015) 183 schon über 48 Prozent der gültigen Stimmen gegenüber 47 Prozent für SPD und Kommunisten. Vergleicht man dieses Angenröder Resultat von Juli 1932 mit dem der übri- gen 83 Orte im Kreis Alsfeld - die Resultate bei der Reichstagswahl am 6. November 1932 waren in Angenrod sogar noch etwas günstiger für die Nazi- Partei (NSDAP 46,4%, SPD mit KPD 49,7%) -, so kann hervorgehoben werden, dass der NSDAP-Anteil hier sogar noch relativ niedrig war. In manchen Dörfern mit hohem landwirtschaftlichen Bevölkerungsanteil kamen die Nazis bereits damals auf an die 100 Prozent der Stimmen, so im Nachbarort Billertshausen (93,4 Prozent), in Bieben (98,7 Prozent), sowie auch in Gleimenhain und Hainbach (97,5 Prozent). In Heimertshausen mit seiner frühzeitig etablierten NSDAP-Ortsgruppe waren es dann sogleich 99,1 Prozent. „Rekordergebnisse“ von 100 Prozent wiesen damals zum Beispiel Münch-Leusel, Ober- und Unter- Sorg auf. Aber auch in Eulersdorf betrug der NSDAP-Stimmenanteil glatte 100 Prozent, ebenso in Kirschgarten, also in allesamt deutlich bäuerlich geprägten Dörfern. Auf 94,7 Prozent Stimmenanteil der NSDAP kam Angenrods katholisch strukturierter Nachbarort Vockenrod, sicher auch dank des dort ansässigen agi- tatorisch hoch aktiven NS-Lehrers und Mitbegründers der regionalen NS-Bewe- gung, Alfred Klostermannn. Vockenrod verfügte unter Klostermann bereits 1928 über eine NSDAP-Ortsgruppe. Weitere in der Folgezeit gegründete Ortsgruppen gab es einem ausführlichen geschichtlichen Rückblick in der OZ zufolge unter anderem in Groß-Felda, Altenburg (1929), Storndorf, Brauerschwend und Erbenhausen (1930). Bei einer „Tagung der Amtswalter“ am 2. Pfingstsonntag 1930 in Zell sei bereits, so heißt es in der OZ, eine „stattliche Zahl von Ortsgruppen“ (Abb. 10) vertreten gewesen: „Die Organisation ist so gewachsen, dass 25 Versammlungen in einem Monat gehalten werden konnten“.34 Abb. 10: Stellvertretend für andere hier ein öffentliches Ortsgruppenschild der NSDAP von Rainrod (Ingfried Stahl). 34 OZ-Archiv: 24.02.1934. 184 MOHG 100 (2015) Auch dann noch bei den ersten Reichstagswahlen am 5. März 1933, also nur fünf Wochen nach Hitlers Machtergreifung, erzielte die NSDAP in Angenrod im Vergleich mit allen übrigen Gemeinden des Altkreises Alsfeld ihr schlechtestes Ergebnis. Bei damals neun kandidierenden Parteien erhielten die Nationalsozialisten „nur“ 159 der gültigen Stimmen (48,9%), die SPD immerhin noch 130 (40%).35 Zudem stimmten damals auch 26 Wähler (8%) für die Kommunistische Partei, so dass auch diese Wahlen noch ein, wenngleich bereits deutlich modifiziertes, Abbild der Sozialstruktur des Dorfes waren. In manchen Gemeinden des Kreises Alsfeld mit einer dominant bäuerlichen Prägung erzielte, wie schon dokumentiert, die NSDAP bereits im März 1933 bis zu 100 Prozent der gültigen Stimmen. Die Linien vorzeichnend für die sich auch in Angenrod in unheilvoller Weise kehrenden Verhältnisse im Nazi-Deutschland waren aber dann schon sofort die Bürgermeisterwahlen im gleichen Monat. Um das Amt bewarben sich damals zwei Angenröder. Die örtlichen NS-Parteimitglieder bestimmten aber den bei der Wahl unterlegenen parteikonformen Karl Hoffmann („Feicks“) zum Angen- röder Bürgermeister. Diese Entscheidung unter Umgehung des korrekten Wahlergebnisses ist in den Angenröder Spruchkammerakten im Hessischen Hauptstaatsarchiv Wies- baden (HHStAW) dokumentiert, und zwar in Aussagen wegen Verstrickung in den Nationalsozialismus Beschuldigter vor der Spruchkammer Darmstadt Lager.36 Hier heißt es unter anderem: „... wurde auf Veranlassung der Parteimit- glieder in seiner Gemeinde zum kom. Bürgermeister bestimmt.“ Johannes Bernhard 2. („Scholtesse“), dem gute Beziehungen zu den Angen- röder Arbeitern und auch den Israeliten eine Herzenssache waren, hatte die Bürgermeisterwahl damals mit 148 : 145 Stimmen, also mit drei Stimmen Vor- sprung, für sich entschieden – und wurde dennoch nicht zum Bürgermeister ernannt.37 Im Rahmen von Spruchkammerverfahren nach Kriegsende wurde unter anderem die seinerzeitige Aussage von Angenröder NSDAP-Mitgliedern als Begründung für dessen Nichteinsetzung herangezogen. Johannes Bernhard 2. sei „von Juden und Marxisten“ gewählt worden. Bei den nachfolgenden Wahlen zum Reichstag allerdings – die nächste be- reits am 12. November 1933 – hatte sich auch in Angenrod das Gleichschal- tungsprinzip der Hitler-Diktatur voll durchgesetzt. 321 Wähler (99,7%) votierten für die NSDAP, die jetzt als einzige Partei kandidierte.38 Es gab lediglich eine ungültige Stimme. Bei der parallel stattfindenden Volksabstimmung lautete das Ergebnis in Angenrod: 328 Ja-Stimmen (99,7% der gültigen Stimmen), eine Nein-Stimme (0,3% der Stimmen), keine ungültige Stimme. 35 OZ-Archiv: 06.03.1933. 36 HHStAW, Abt. 520/A, Nr. 3689/47. 37 OZ-Archiv: 13.03.1933. 38 OZ-Archiv: 13.11.1933. MOHG 100 (2015) 185 Unter Berücksichtigung der Gesamtzahl der Wahlberechtigten dürften da- mals auch die noch in Angenrod lebenden Juden für die Nationalsozialisten gestimmt haben. Laut Bevölkerungsstatistik wohnten 1933 in Angenrod noch 63 Israeliten. Zu diesen zählten allerdings auch die nicht wahlberechtigten Kinder und Jugendlichen.39 Diktatur-Ära ab Ende 1933 auch in Angenrod und seinem Umfeld Mit der in weiten Kreisen der deutschen Bevölkerung euphorisch gefeierten Machtergreifung Adolf Hitlers und der NSDAP begann dann die Autokratie-Ära im Deutschen Reich, eine Zeit beispielloser Gleichschaltung auf allen Ebenen der Gesellschaft, Durchsetzung der Rassenideologie mit insbesondere Ausgren- zung und Repression von Staatsbürgern jüdischen Glaubens, dies alles aber auch dem bizarren Bild von der Überlegenheit des „deutschen Volkes“ untergeordnet und einem gottgleichen Führerkult um Adolf Hitler. Nach der Machtergreifung Hitlers und der Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 setzten diese sehr schnell mit der „Gleichschaltung“ ein elementares Ziel ihrer Herrschaft im Deutschen Reich um. Alle Aktivitäten im gesellschaftlichen Bereich hatten sich nunmehr an den ideologischen Zielen der Nazis zu orientie- ren. Insonderheit erfolgte auf kultureller Ebene eine strikte Ausrichtung im Sinne deutsch-völkischer Denkweise. Die Hitlersche Autokratie nach Ausschal- tung aller anderen politischen Parteien war in diesem Bereich eine exaltierte deutsche Volkstumspolitik.40 Diese hatte ihre Wurzeln in den Folgejahren des verlorenen Ersten Welt- kriegs mit den für die Deutschen schmerzlichen Gebietsabtretungen, die Hitler und die Nationalsozialisten wieder rückgängig zu machen trachteten. Getragen waren sie dabei von der überwältigenden Zustimmung der Bürger. So gelang es bald auch, einen erheblichen Teil dieser Gebiete wieder dem Deutschen Reich einzugliedern: zunächst das Saarland mit dessen Anschluss in 1935, dann Öster- reich mit dem sogenannten „Unternehmen Otto“ und schließlich auch 1938 das deutschsprachige Sudetenland gemäß der Parole „heim ins Reich“. Ab September 1939 und damit dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, ausge- löst durch den Überfall Hitler-Deutschlands auf Polen, erstreckte sich dann die praktische Umsetzung der deutschen Volkstumspolitik vorrangig auf die An- nexion Polens und die Besetzung großer Teile des europäischen Russlands. Insbesondere mit Blick auf Russland und seine Weiten wurde propagiert, neue Lebensräume für das „deutsche Volk“ zu schaffen. Die Volkstumspolitik „unterm Hakenkreuz“, also im Dritten Reich und hier im dann geschaffenen „Großdeutschen Reich“ hatte folgende Schwerpunkte: auf außenpolitischer Ebene die konsequente rassistisch-imperialistisch geprägte Ausdehnung der „Nürnberger Gesetze“. Das „Blutschutzgesetz“ vom 15. Sep- 39 Pinkas Hakehillot, in Encyclopedia of Jewish Communities from the foundation till after the Holocaust. Germany Vol. III Hesse – Hesse-Nassau – Frankfort, Yad Vashem, Jeru- salem 1992. 40 https://de.wikipedia.org/wiki/Volkstumspolitik (abgerufen am 25.09.2015). 186 MOHG 100 (2015) tember 1935 sollte dabei die „Reinheit des deutschen Blutes“ und das „artver- wandte Blut“ vor Vermischung mit „Artfremden“ wie Juden, „Negern“ und Zigeunern absichern.41 Geplant nach Kriegsbeginn war dann die „Ausweitung deutschen bezie- hungsweise ‚germanischen’ Volkstums bis zum Ural“, womit dann die Schutz- belange vor dem „Fremdvölkischen“ und dessen „Umvolkung“ hinzukamen. Als ganz essentieller Begriff im totalitären NS-Staat wurde auch sogleich mit Übernahme der Macht durch die Nationalsozialisten gerade diesem Aspekt der Ideologie auch in unserer Region Oberhessen durch Presseberichterstattungen in der „Oberhessischen Zeitung“ ausgiebig Rechnung getragen. Pressefreiheit, wie sie heute als zentrales Gut unserer Demokratie sogar im Grundgesetz der Bun- desrepublik Deutschland verankert ist, war im NS-Staat schon sehr bald nicht mehr gegeben. So finden sich, beginnend ab Frühjahr 1933, nicht nur für Angenrod, son- dern auch kreisweit viele absolut parteikonforme und Hitler und die national- sozialistische Bewegung glorifizierende Presseberichte und -mitteilungen, die gerade eben diesem deutschen Volkstumsgedanken mit Fokussierung auch auf die Überlegenheit der „arischen Rasse“ besonderen Nachdruck verliehen. Mehr oder weniger regelmäßig spiegelten sich diese ideologischen Grundzüge in jährlichem Turnus in, neben nationalsozialistisch gehaltenen Propaganda- artikeln, einer Vielzahl von typisch deutsch-völkisch akzentuierten, heute aber sehr befremdlich wirkenden Berichten vom Ortsgeschehen wider. Zu lesen ist regelmäßig von den sogenannten Sonnenwendfeiern – einem irrationalen kultischen Zentralbaustein nationalsozialistisch-germanischer Denkweise – und von Heldengedenk- beziehungsweise Volkstrauertagen. An diesen wurde zum einen der im Weltkrieg gefallenen „deutschen Helden“, deren Einsatz für das deutsche Vaterland glorifiziert wurde, feierlich gedacht. Zum anderen aber auch am 9. November den „Opfern der Bewegung“ an der Feld- herrnhalle in München, ebenfalls mit ausladend-feierlichem Programm. Berichtet wird aber auch von Fackelzügen – insbesondere nach der von der überwältigenden Mehrheit der Bevölkerung so sehr umjubelten Hitlerschen Machtergreifung, der Machtergreifung des „Reichskanzlers und Führers“ –, und von ausgiebigen einschlägigen deutsch-nationalen Umzügen in den Orten. Gepaart waren sie stets mit Huldigungen für „Führer, Volk und Vaterland“, mündend in die beiden Worte: „Heil Hitler!“ Auf kultureller Ebene, so, wie sie die Nationalsozialisten verstanden, erschien auch eine ganze Serie von Artikeln über „Deutsche Abende“, „Spielabende“, „Bunte Abende“ sowie auch „Volkskunstabende“. Sie alle waren NS-ideologisch orientiert an der anmaßenden Überhöhung des deutschen Volkstumsgedankens gemäß dem Leitideal der deutschen Überlegenheit anderen Völkern gegenüber als sogenannte Herrenrasse. Veranstalter von letzteren war in der Regel die hierfür zuständige NS-Gliede- rung, nämlich die NS-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF). Volkskunst- 41 dto. MOHG 100 (2015) 187 abende zum Beispiel wurden gerne in den Wintermonaten, also ab November, kreisweit angeboten. Für den damaligen Kreis Alsfeld verantwortlich zuständig war hierfür NS-Propagandaleiter Volksschullehrer Reinhard Schmoll (Elpen- rod).42 In der Ankündigung der NS-Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ für den Kreis Alsfeld im November 1934 heißt es dabei unter anderem: „In ausgeprägtem Maße soll in diesem Winter bei uns die Geselligkeit gepflegt werden. Die NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude’ hat die Aufgabe, den Aufbau eines neuen deutschen Kulturlebens, getragen von nationalsozialistischem Geist und durchsetzt mit natio- nalsozialistischem Gedankengut, durchzuführen. Es ist daher eine Selbstverständlichkeit und eine naturnotwendige Folge, daß die NS-Gemeinschaft ´Kraft durch Freude´ künftig das gesellschaftliche Leben auf allen Gebieten richtunggebend beherrscht und in die Bahnen lenkt, in denen sich die Umformung des deutschen Menschen vollzieht. Im Rahmen der Feierabendgestaltung werden zum ersten Male in der deutschen Kulturge- schichte im kommenden Winter in allen Teilen unseres Deutschen Reiches Veranstaltungen durchgeführt, die trotz ihrer Verschiedenheit in Art und Programmgestaltung doch alle nur das eine Ziel verfolgen und befehlend beherrscht sind von dem einheitlichen Willen, unserem deutschen Volke den Lebensnerv für eine wahre Volksgemeinschaft zu schenken, die das Volk in allen seinen Ständen und Schichten umschließt: ein neues deutsches Kulturleben auf nationalsozialistischer Grundlage.“ Zu diesen von NS-Gedankengut durchzogenen Berichten gesellte sich dann jedoch noch eine ganze Reihe weiterer mit Schwerpunkt der NSDAP-Propa- ganda hinzu: Berichte von NSDAP-Wahlversammlungen, auch mit Vorträgen von hochrangigeren Parteigenossen (PGs), von Jubel-Feiern nach den Wahler- folgen der Nationalsozialisten und auch von diversen Mitteilungen und Berich- ten von den verschiedenen Parteigliederungen, insbesondere auf Ebene des jugendlichen Nachwuchses, also von Junkvolkjungen (JV, „Pimpfe“), Jung- mädeln (JM), Hitlerjugend (HJ) und vom Bund Deutscher Mädchen (BDM) sowie NS-Frauenschaft (NSF). Spätere Berichte, nach zunehmender deutscher Aufrüstung und Beginn der militärischen Operationen im Ausland, widmeten sich dann vor allem dem wehr- sportlichen Aspekt im Deutschen Reich, also auch in der Region Vogelsberg. So ist über die regelmäßigen Reichssportwettkämpfe von Jungmädeln und Hitler- jungen zu lesen – hier spiegeln sich die bekannten Hitlerworte von „flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Krupp-Stahl“43 auch in der Rhetorik der NS-Journalisten bedrückend-eindrucksvoll wider – , und auch von bereits aggressiv militärisch ausgelegten Wettkämpfen der Sturmabteilungen (SA) im Kreis, also mit der Waffe in der Hand: Gewehr und Handgranaten. 42 OZ-Archiv: 03.11.1934; HStAD, Best. S 1, Nr. Nachweis; Reg. Bl. 1904, Beilage 26, S. 227; Reg. Bl. 1926, Beilage 1, S. 5; Zeitzeugenangabe. 43 Hitler in seiner Rede auf dem Reichsparteitag am 14. September 1935 in Nürnberg vor 50 000 Hitlerjungen; https://www.youtube.com/watch?v=rTv9V9w1VXg (abgerufen am 28.09.2015). 188 MOHG 100 (2015) Ein weiterer Hitler-Verherrlichungs-Bereich wird vor allem in der Anfangs- phase der Hakenkreuz-Ära im Deutschen Reich dokumentiert: die verschiedent- lich auf Beschlüssen der örtlichen Gemeinderäte basierenden Ehrenbürger- Ernennungen von „Führer Adolf Hitler“, aber auch die Pflanzung von „Hitler“- und „Hindenburg“-Linden oder –Eichen in mehreren Dörfern der Region wie zum Beispiel auch in Ober-Gleen und Leusel, allerdings nicht in Angenrod. Und auch den im Deutschen Rundfunk übertragenen wortgewaltigen Reden von Hitler galt es, seine uneingeschränkte Aufmerksamkeit zu schenken. Immer wieder wurden auf sie auch durch unübersehbare Bekanntmachungen in der Presse mit Nachdruck hingewiesen gemäß dem Motto: „Zuhören ist Pflicht!“ Dazu luden sogar vereint die ansässigen Gastwirtschaften, die über „Volks- empfänger“ verfügten, ein: Zuhören in Volksgemeinschaft. Standardbericht- erstattungen im Verherrlichungs-Modus waren aber auch alljährlich dem „Führer-Geburtstag“ am 20. April gewidmet. Die nachfolgenden, im Wesentlichen dem Archiv der „Oberhessischen Zei- tung“ (Alsfeld) zu verdankenden Berichte im Originalwortlaut und der völkisch- nationalen Denkweise jener Zeit, spiegeln die vorstehenden Grundsatzbemer- kungen zur Nazi-Ideologie wider. Ergänzt werden sie verschiedentlich durch Archivalien der Hessischen Staatsarchive und vor allem auch durch wertvolle Tradierungen der Angenröder Zeitzeugen. Chronologie der NS-Einzelveranstaltungen in Angenrod und Umgebung Die nachfolgende Auswahl von vor allem Original-Presseberichten der Zeit des Dritten Reichs aus Angenrod und seiner näheren Umgebung dokumentieren vor allem auch die Obrigkeitshörigkeit und Führerverehrung in einer Weise, die heute nur noch Befremden auslösen kann. Pressefreiheit, wie sie heute bei uns selbstverständlich und sogar im Grundgesetz verankert ist (Art. 5, Abs. 1 Satz 2),44 gab es im Dritten Reich schon sehr bald nicht mehr. Sie wurde insbeson- dere durch das Schriftleitergesetz, das am 4. Oktober 1933 verabschiedet und am 1. Januar 1934 in Kraft trat, de jure außer Kraft gesetzt.45 Diesem Gesetz entsprechend hatten sich Journalisten, um ihren Beruf auszu- üben, in eine Berufsliste eintragen zu lassen. Mit Festnahme und Haft zu rechnen hatten Schriftleiter, die nicht auf dieser Liste standen. Wer aber listen- mäßig erfasst war, der war gehalten, alles der NS-Ideologie zuwiderlaufende nicht in die Öffentlichkeit gelangen zu lassen, also abzudrucken.46 Die Medien waren somit, einhergehend mit der Abschaffung der Pressefrei- heit, vollumfänglich in den Dienst des NS-Staats gestellt worden. Es erfolgten sowohl eine rigorose inhaltliche Gleichschaltung als auch Eingriffe in die öko- nomisch-verlegerischen Strukturen im Sinne der Vereinheitlichung zugunsten 44 https://de.wikipedia.org/wiki/Artikel_5_des_Grundgesetzes_f%C3%BCr_die_Bundesre- publik_Deutschland (abgerufen am 21.09.2015). 45 RGBl. 1, Nr. 111, 1993, S. 713. 46 http://pressefreiheit-wissen.de/geschichte/drittes-reich.html (abgerufen am 21.09.2015). MOHG 100 (2015) 189 der NSDAP.47 Unter diesem Aspekt müssen daher auch die nachfolgenden Ori- ginal-Berichte journalistisch bewertet werden. 25.02.1933: Nationalsozialistische Wahlversammlungen (Inserat)48 Schon wenige Tage nach der Hitlerschen Machtergreifung am 30. Januar 1933 veröffentlicht die OZ ein unübersehbar von zwei Hakenkreuzen flankiertes Inserat mit der Bekanntmachung von insgesamt 17 NSDAP-Wahlveranstal- tungen im Kreis Alsfeld (26.02. bis 04.03.1933), darunter auch eine in Angenrod: „4.3.33 Angenrod, Redner: Schäfer (Vadenrod), 20 ½ Uhr“ Der Veranstaltungsraum beziehungsweise -saal ist hier allerdings nicht angege- ben. In einer weiteren Berichterstattung in der OZ wird auch Redner Schäfer detaillierter vorgestellt.49 Schäfer, Waldarbeiter aus Vadenrod, sprach damals in einer Versammlung der Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) im Kreis Alsfeld zum Thema „Was verlangt der deutsche Arbeiter von der nationalen Regierung“. 01.03.1933: Annonce: Hitler-Rede im Radio50 (Abb. 11) „Wo hören wir morgen abend die Reichskanzlerrede? – In den Gaststätten: Kronen-Café. Georg Kneisel, Metzgerei. Café Klingelhöffer, Obergasse. Hotel Deutsches Haus. Hessischer Hof. Bahnhofs-Gaststätte. H. P. Duchardt, ‚Erholung’. Emil Nicolai. Fritz Weber. Dörr, ‚Darmstädter Haus’. ‚Mainzer Hof’, ‚Grüner Kranz’.“ Die hier angegebenen Versammlungsstätten lesen sich wie das „Who is who?“ der damaligen Alsfelder Gastronomie und unterstreichen die exorbitante Bedeutung, die den markigen Ausführungen von Reichskanzler Hitler – histo- risch als demagogisch zu bewerten – schon gleich nach der Machtergreifung zugemessen wurde. 01.03.1933: SA-Aufmarsch von Angenrod nach Arnshain51 „Arnshain, 28. Februar. (Aufmarsch.) Am vergangenen Sonntag fand hier ein Aufmarsch von drei SA-Stürmen statt. Der Sammelpunkt war Angenrod. Von dort aus marschierten sie über Ohmes hierher, wo sie gegen 1.30 Uhr eintrafen. Nach einem Umzug durch unser Dorf wurde bei der Gastwirtschaft Seng halt gemacht. Hier erwartete die von dem Marsch ermüdeten und hungrigen SA-Leute ein kräftiges Mittag- essen, zubereitet von der NS-Frauenschaft Arnshain. Herr Gastwirt Seng hatte bereitwillig seinen Saal und einen Kessel zum Kochen zur Verfügung gestellt. 47 http://de.wikipedia.org/wiki/Pressegeschichte#Presse_im_Nationalsozialismus (abgerufen am 01.02.2015). 48 OZ-Archiv: 25.02.1933. 49 OZ-Archiv: 27.03.1933. 50 OZ-Archiv: 01.03.1933. 51 OZ-Archiv: 01.03.1933. 190 MOHG 100 (2015) Abb. 11: Reichskanzlerrede im Rundfunk (Inserat) (OZ-Archiv: 01.03.1933). Von den Gemeinden Arnshain und Bernsburg war reichlich Wurst, Fleisch, Eier und Erbsen gespendet worden, sodass es möglich war, die weit über 100 Mann zählende braune Schar zu sättigen. Nachdem sie sich genügend gestärkt und ausgeruht hatten, traten sie in strammer Marsch- ordnung den Rückweg über Bernsburg und Ruhlkirchen an.“ Weitere NSDAP-Kundgebungen, die den gewaltigen Stimmenzuwachs der Nazis bei den ersten Reichstagswahlen nach der Machtergreifung mit Freuden- feuern, Umzügen und markigen Ansprachen feierten, fanden, wie in der ört- lichen Presse dokumentiert, Anfang März 1933 in folgenden Gemeinden des Kreises Alsfeld statt: in Romrod (NSDAP-Ortsgruppe: Holzstoßentzündung auf dem „Leckerberg“),52 Arnshain (NSDAP-Ortsgruppe, NSF und SA Arnshain: „Kundgebung“ mit Holzstoßentzündung),53 Lingelbach („Tag der erwachenden Nation“ mit Fackelzug, angeführt von Lingelbacher SA, „trutzige Lieder“, Frei- 52 OZ-Archiv: 06.03.1933. 53 OZ-Archiv: 06.03.1933. MOHG 100 (2015) 191 heitsfeuer, Gesang des „Niederländischen Dankgebets“),54 Groß-Felda (NSDAP-Ortsgruppe: „Demonstrationskundgebung“ mit „Freiheitsfeuer“ unter Beteiligung von Gemeindevorstand, Vereinen, Jugend und SA Groß-Felda sowie zwei Musikkapellen),55 Bernsburg (NSDAP-Stützpunkt Bernsburg: Fackelumzug mit Entzünden eines von der Bernsburger SA errichteten Holzstoßes am „Leiderberg“),56 Elpenrod (NSDAP-Mitglieder, Freunde und Gönner der Partei unter Vorantritt der SA Elpenrod, Abbrennen des von der SA errichteten Frei- heitsfeuers auf dem „Hainberg“),57 Eudorf (NSDAP-Ortsgruppe, Verbrennen der schwarz-rot-goldenen Fahne auf der Dorfstraße),58 Deckenbach (SA-Mann- schaften der umliegenden Dörfer und Feuerwehrkapelle Homberg führen Zug der „Hunderte“ an, „mächtiges Freiheitsfeuer“ auf Anhöhe beim Ort)59 und Merlau (Fackelzug der NSDAP Merlau unter zahlreicher Beteiligung der Bevöl- kerung nach zuvor Hören der Kanzlerrede aus Königsberg).60 Detailliert und völkisch-euphorisch ganz im Sinne der NS-Propaganda gehalten wurde aus gleichem Anlass, nämlich des Hitlerschen Wahlsieges bei den Reichstagswahlen am 6. März 1933, auch aus den Kreisgemeinden Zell („Fackel- zug und Freudenfeuer in Zell“),61 Nieder-Gemünden („Vaterländische Kundgebung“),62 Strebendorf63 und Leusel („Des Flammenstoßes Geleucht facht an ...“)64 berichtet. In Altenburg wurde der „Sieg der nationalen Erhebung“ sogar von der Schuljugend gefeiert („Schuljugend feiert den Sieg der nationalen Erhebung“).65 Allen OZ-Berichten von den Wahlsiegfeiern der Nationalsozialisten gemein waren stets zum Schluss das Absingen des „Deutschlandliedes“, also „Deutsch- land, Deutschland über alles“ und des „Horst-Wessel-Lieds“ („SA marschiert, die Reihen fest geschlossen“ etc.). Das obligatorische und lautstark dargebrachte dreifache „Sieg Heil!“ setzte dann wohl generell den Schlusspunkt unter diese ersten reichsweiten Jubelfeiern aus Anlass der Machtübernahme von Reichs- kanzler und Führer Adolf Hitler und der NSDAP. Über ähnliche Feiern in auch Angenrod ist allerdings in der OZ nichts be- richtet worden. Da zu diesem Zeitpunkt noch keine eigenständige NSDAP- Ortsgruppe in Angenrod existierte und somit auch kein Ortsgruppenleiter einge- setzt war, ist somit die Ausrichtung einer offiziellen NSDAP-Jubelfeier in der 550-Einwohner-Gemeinde, darunter ein hoher Prozentsatz arbeitender und israelitischer Bevölkerung, unwahrscheinlich. Möglicherweise könnte hier die 54 OZ-Archiv: 06.03.1933. 55 OZ-Archiv: 06.03.1933. 56 OZ-Archiv: 07.03.1933. 57 OZ-Archiv: 09.03.1933. 58 OZ-Archiv: 14.03.1933. 59 OZ-Archiv: 16.03.1933. 60 OZ-Archiv: 07.03.1933. 61 OZ-Archiv: 08.03.1933. 62 OZ-Archiv: 28.03.1933. 63 OZ-Archiv: 28.03.1933. 64 OZ-Archiv: 28.03.1933. 65 OZ-Archiv: 20.03.1933. 192 MOHG 100 (2015) bereits existierende Angenröder SA aktiv geworden sein. Zeitzeugenaussagen hierzu liegen jedoch nicht vor. Exemplarisch für diese Jubelfeiern nach dem NSDAP-Wahlsieg seien hier die Presseartikel über die Veranstaltungen in Zell, vier Kilometer von Angenrod entfernt, und dem sechs Kilometer entfernten Altenburg zitiert. 08.03.1933: Fackelzug und Freudenfeuer in Zell66 „Zell, 7. März. (Fackelzug und Freudenfeuer zu Ehren des erwachten Deutschlands.) Anläßlich des Sieges der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und gleichzeitig der nationalen Einigkeit veranstaltete die hiesige Ortsgruppe der NSDAP am Montag abend einen Fackelzug. Der Ortsgruppenführer Karl Ruckelshausen forderte durch Bekanntmachung im Ort alle Vereine und sämtliche Einwohner des Dorfes auf, sich an dem Fackelzug zu beteiligen. Sein Ruf blieb nicht ungehört und abends 8 Uhr versammelten sich Krieger- und Gesangverein, Reiter- und Schützenverein und fast alle Dorfbewohner und Bewohnerinnen bei der Gastwirtschaft des verstorbenen Heinrich Mest. Um 8 Uhr erschienen die SA-Führer der umliegenden Dörfer mit ihren Scharen des Sturmes 11/254 und unter Vorantritt der fackeltragenden Jugend und der Hitlerkapelle Romrod setzte sich der aus etwa 500 Personen bestehende Zug in Bewegung. Nach Umzug durchs Dorf machte der Zug bei Zells Totenstätte auf dem hochgelegenen Frauenberg vor dem aufgebauten Holzstoß halt. Nachdem der Gesangverein das Lied ‚Deutschlands Sonnenwende’ gesungen hatte, ergriff Herr Lehrer Roth das Wort. Er führte aus, daß es keine Ueberhebung sei, heute zu rufen: ´Des Flammenstoßes Geleucht facht an, der Herr hat Großes an uns getan, Ehre sei Gott in der Höhe´, denn dieser Sieg bedeute mehr als ein bloßer Wahlsieg; er sei mehr als ein Sieg über äußere Feinde, denn er sei die Errettung des deutschen Volkstums aus dem Zerfall. An dem Untergang zweier Völker des Altertums, der Griechen und Römer machte er den Zerfall des deutschen Volkstums klar und kam zu dem Schluß, das [sic] falschgeleitete Demokratie, Pazifismus, Marxismus das Leichentuch der Völker und Nationen seien. Das erkannt zu haben sei das Verdienst der Männer der neuen Regierung. Das größte Verdienst jedoch gebühre dem Führer Adolf Hitler, der mit seinen braunen und schwarzen Bataillonen (SA beziehungsweise SS, d. Verf.) sein Leben gegen diese Zersetzungserscheinung gewagt habe. Jetzt müsse das Ringen um die Seele jedes einzelnen abseitsstehenden Deutschen beginnen, auf daß aus dem 50 Prozent dereinst ein 100 Prozent-Volk würde. Mit einem Dank an die führenden Männer des neuen Deutschland und einem Hoch auf unser geliebtes Vaterland schloß er seine Rede. Nachdem der Holzstoß in Brand gesetzt worden war, ergriff nach dem Absingen des Deutschlandliedes Herr Lehrer Fink das Wort und führte etwa folgendes aus: ‚Flamme empor. Steige mit loderndem Scheine auf den Gebirgen am Rheine glühend empor!’ Dieser Vers muß uns angesichts der lodernden Flamme ins Gedächtnis kommen. Der große Korse (Napoleon, d. Verf.) hatte seinen Siegeszug vollendet. Preußen und Oesterreich waren be- zwungen. Nur das ferne Rußland trotzte noch. Da faßte er den vermessenen Plan, nach Osten zu ziehen und auch diesen trotzenden Feind niederzuwerfen. 66 OZ-Archiv: 08.03.1933. MOHG 100 (2015) 193 Da kam Gottes Strafgericht. Besiegt und vermoralisiert kamen die kümmerlichen Reste der einst so stolzen Armee zurück. Da schlug die deutsche Freiheitsstunde. Da brannten die Freudenfeuer auf den deutschen Bergen, und auch in den deutschen Herzen erwuchs ein mäch- tiges Glühen. Und nun brennen wieder die Feuer auf deutschen Höhen. Zwar ist kein Waffensieg erkämpft worden, aber eine andere große Schlacht ist geschlagen. Im Wahlgange des letzten Sonntags haben sich die rechtsstehenden Volksteile zusammen- gefunden und es ist gelungen, eine sichere nationale Mehrheit zu gewinnen. Darum herrscht in diesen Kreisen lebhafte Freude, und deshalb leuchten die Freudenfeuer von den Bergen. Möge denn ihr Schein die deutschen Herzen erwärmen und stark machen, dem nun einmal erreichten Zusammenschluß treu zu bleiben, dann kann keine Macht der Welt sie je zerspalten. Alles, was wir in dieser Stunde fühlen und denken, lasset uns zusammenfassen in den Ruf: ´Unser lieber Herr Reichspräsident von Hindenburg und das geeinigte Kabinett, sie leben hoch!´ Nach der Darbietung des Liedes ‚Rheintreue’ durch den Gesangverein ergriff der Orts- gruppenleiter Herr Karl Ruckelshausen das Wort. Er ermahnte alle zur Einigkeit und zum festen Zusammenschluß und dankte den Vereinen, den Lehrern, den SA-Kameraden und allen Teilnehmern an der Feier für das schöne Gelingen. Mit einem dreifach kräftigen ‚Sieg Heil’ auf den Führer Adolf Hitler, dem Absingen der Lieder ‚Nun danket alle Gott’ und dem Horst-Wessel-Lied wurde die Feier geschlossen. Vor dem Lokal Wennerhold löste sich der imposante Zug auf.“ Dieser regionale Beitrag in der OZ steht für zahlreiche jener Anfangszeit im Dritten Reich. Er ist ausgestattet mit überschwänglichem, das Deutschtum ver- herrlichendem Pathos. Da ist von der „deutschen Freiheitsstunde“, „deutschen Bergen“, „deutschen Herzen“ und „deutschen Höhen“ mystisch verklärend die Rede. Und wiederum äußerst bedrückend wird auch hier wieder „Gott“ ins Spiel gebracht: „der Herr hat Großes an uns getan, Ehre sei Gott in der Höhe“ und mit Blick auf Napoleons Scheitern beim Russlandfeldzug „Gottes Strafgericht“. Ironie der Geschichte: Dieses „Strafgericht“, um bei dieser Wortwahl zu bleiben, sollte 1942/43 auch zunächst Hitlers deutsche 6. Armee ereilen, dann auch alle übrigen deutschen Armeen im Rahmen ihres Überfalls auf Russland, der Operation „Barbarossa“. 20.03.1933: Wahlsieg-Feier der Schuljugend Altenburg67 „Altenburg, 18. März. (Schuljugend feiert den Sieg der nationalen Erhebung.) Heute morgen veranstaltete die hiesige Schuljugend unter Führung ihrer Lehrer einen Umzug durch unser Dorf. Stolz flatterten dem Zuge die Symbole des neuen Deutschlands voran, die schwarz- weiß-rote Fahne, flankiert von 2 Hakenkreuzfahnen. In festem Schritt und Tritt und unter dem Gesang von Liedern der Freiheitsbewegung, mit strahlenden Gesichtern und leuchtenden Augen marschierte die Kinderschar – gleichsam ein symbolischer Marsch ins neue Deutschland – in eine lichtvollere Zukunft. Da der einsetzende Regen die geplante Abhaltung der Feier auf dem Sportplatze unmöglich machte, fand dieselbe in einer zum Hofgut des Herrn Barons von Riedesel gehörigen Halle statt. Ein Choral bildete den Auftakt. In begeisterten Worten schilderte Herr Lehrer Stoll den Kindern die Bedeutung des 5. und des 13. März als den Marksteinen des Wiederaufstieges 67 OZ-Archiv: 20.03.1933. 194 MOHG 100 (2015) unseres Vaterlandes und auch des Hessenlandes aus trüber Vergangenheit zu neuem Licht und neuer Blüte. Das Deutschlandlied schloß den ersten Teil der Feier. Dann gedachte Herr Lehrer Stoll des Führers und der Vorkämpfer für das neue Deutschland, die in zähem Ringen und Kämpfen um die Seele des deutschen Volkes den Sieg des nationalen Denkens über Internationalismus und andere zerstörende Kräfte an unserem Volkskörper erfochten. In warmen Worten sprach er von denen, die Gut und Blut für die Idee und den Glauben an ein neues Deutschland hingaben. Das Horst-Wessel-Lied und der Choral ´Nun danket alle Gott´ beendeten die würdige Feier. Geschlossen bewegte sich der Zug zurück zur Schule, wo die Kinder entlassen wurden.“ Aus Anlass des NSDAP-Sieges bei den Reichstagswahlen im März 1933 kam es neben den vorstehend dokumentierten Jubelfeiern mit Fackel- und Dorf- umzügen der Nazis unter auch starker Beteiligung der örtlichen Bevölkerung zu einigen spektakulären Sonderaktionen: Hissen der Hakenkreuzfahne auf öffent- lichen Gebäuden und verschiedentlich auch zu Verbrennungen der schwarz-rot- goldenen Fahne, deren Tradition auf die erste deutschnationale Versammlung, das „Hambacher Fest“ (1835), zurückgeführt wird und heute die offizielle Fahne der demokratischen Bundesrepublik Deutschland ist. Außerdem wurde sogleich in huldigender Vorauseilung in einigen Kreisgemeinden Wahlsieger und Allein- herrscher Adolf Hitler durch Gemeinderatsbeschlüsse zum Ehrenbürger ernannt (neben Nieder-Ofleiden68 auch in Elpenrod69 und Nieder-Gemünden).70 Dort war auf der Turnwiese auch eine Eiche zu Ehren von Hindenburg und Hitler gepflanzt worden.71 Weitere Belege für die Ehrenbürgerschaft-Ernennung Adolf Hitlers sind im Hessischen Staatsarchiv Darmstadt (HStAD) recherchierbar, so beispielsweise, alphabetisch gereiht, für die Gemeinden Altenburg, Arnshain, Brauerschwend, Eudorf, Kestrich, Münch-Leusel, Ober-Breidenbach, Ober-Ohmen, Romrod, Strebendorf, Unter-Sorg und Windhausen.72 73 07.03.1933: Eine Folge des Wahlergebnisses74 „Alsfeld, den 7. März 1933. Eine Folge des Wahlergebnisses. Im Laufe des gestrigen Tages wurde durch eine Abordnung der SA auf dem Kreisamt, dem Rathaus und einer Anzahl weiterer öffentlicher Gebäude die Hakenkreuzfahne aufgezogen, ebenso später die schwarz- 68 OZ-Archiv: 11.03.1933. 69 OZ-Archiv: 09.03.1933. 70 OZ-Archiv: 28.03.1933. 71 dto. 72 HStAD, Best. H 2 Alsfeld, Nr. 1666; in dieser Archivalie dokumentiert sind insgesamt 21 Gemeinden des Kreises Alsfeld. Die Ehrenbürgerschaften wurden aber dann in nahezu allen Fällen bereits 1945 und dann auch 1946 auf Basis der Verfügung Nr Ia 1834 – 5083/46 des Regierungspräsidenten Darmstadt vom 05.06.1946 durch entsprechende Gemeinderatsbeschlüsse wieder aberkannt. 73 HStAD, Best. Bibliothek, Nr. O 26/33: Herbert Jäkel, Viele Gemeinden machten Hitler schon 1932 zum Ehrenbürger in Heimat-Chronik 6 (1999). 74 OZ-Archiv: 07.03.1933. MOHG 100 (2015) 195 weiß-rote Fahne durch eine Abordnung des Stahlhelm. Der gleiche oder ähnliche Vorgang spielte sich in anderen hessischen Städten und Städtchen ab.“ 08.03.1933: Fahnenverbrennung in Alsfeld75 „Alsfeld, den 8. März 1933. Auf dem Marktplatz wurden gestern abend die aus den hiesi- gen öffentlichen Gebäuden von einer Abordnung der SA. geholten schwarz-rot-goldenen Fahnen verbrannt. Landtagsvizepräsident Klostermann hielt dabei eine kurze, den symboli- schen Vorgang beleuchtende Ansprache.“ Auch im jetzigen Alsfelder Stadtteil Eudorf wurde im Rahmen der Jubelfeier mit OZ-Bericht vom 14.03.1933 das Verbrennen der schwarz-rot-goldenen Fahne auf der Dorfstraße erwähnt. Diese und ähnliche Aktionen andernorts waren ein eindeutiges öffentliches Signal, dass von nun an die Hakenkreuzflagge der Nationalsozialisten das Deutsche Reich repräsentiert. Das Hakenkreuz, in der Grundform eine Swastika, also Glücksbringer, und von der völkischen Bewegung, senkrecht stehend, als antisemitisch und rassistisch gedeutet, wurde schon 1920 als nach rechts gewinkeltes und um 45 Grad geneigtes Hakenkreuz zum Symbol der NSDAP.76 Heute dürfen Hakenkreuze in Deutschland nach § 86 Abs. 3 StGB nur bezüglich „staatsbürgerlicher Aufklärung“ und ähnlichen Zwecken gezeigt werden.77 Eine weitere großangelegte Veranstaltung völkisch-nationalen Tenors fand wenige Tage später auf dem Alsfelder Marktplatz statt, ein Fackelzug und Ehrung für Dr. Hermann Stammler aus Anlass seiner Wiedereinsetzung als Kreisrat.78 Im Rahmen dieser Ehrungsfeier unter Beteiligung aller Verbände, Vereinigungen, der SA, der SS, der Hitlerjugend, der Frauen- und Mädchen- gruppen, der Hassiajugend, des Stahlhelm, der Beamten und Behörden, der Feuerwehr und sämtlicher Vereine sprachen auch Alsfelds NS-Bürgermeister Karl Völsing, in Vertretung der 83 Gemeinden des Kreises Alsfeld Ökonomierat Gustav Korell (Angenrod) und als vorletzter Redner mit propagandistisch auf- rüttelnden Worten Landtagsvizepräsident Alfred Klostermann (Vockenrod). Klostermann gilt den Berichten in der OZ zufolge als maßgeblicher Initiator der Hitler-Bewegung, dies bereits mit Propaganda-Reden in der Region im Jahr 1926. Bei der vorstehenden Ehrung für Dr. Stammler sagte er unter anderem: „Tausende stehen hier und sind bereit, dem großen Führer Gefolgschaft zu leisten. Sorgen wir dafür, daß das große Werk der Revolution vollendet wird. Mit diesem Wunsche verbinden wir den Gedanken an den, der dies alles erschuf in einem unglaublichen Idealismus, in einem unerhörten Opfersinn. Wir gedenken auch des alten Generalfeldmarschalls, der die Brücke zu dem neuen Deutschland schlug, daß wir nun geeint marschieren und das Volk erretten aus seiner großen Not. Ein dreifaches Sieg-Heil schloß die Ansprache, an die sich das Horst Wessel-Lied anschloß.“ 75 OZ-Archiv: 08.03.1933. 76 https://de.wikipedia.org/wiki/Swastika (abgerufen am 28.09.2015). 77 Die politische Verwendung von Hakenkreuz-Symbolen ist seit 1945 in Deutschland, Öster- reich und weiteren Staaten verboten. 78 OZ-Archiv: 20.03.1933. 196 MOHG 100 (2015) Kreisdirektor Dr. Hermann Stammler,79 bereits im 64. Lebensjahr, ergriff zum Schluss, wie alle anderen auf dem Balkon des Kreisamtes stehend, ebenfalls das Wort und stimmte in den Grundtenor der national-völkischen Ausführungen seiner Vorredner ein, unter anderem mit: „Rein soll unser deutsches Wesen bleiben, rein unsere Denkungs- und Wesensart. Von der Familie ausgehend soll Reinheit, Einfachheit, Frömmigkeit, Pflichtgefühl und Ehre unser ganzes Leben durchdringen, übergehend auf die Gemeinde und das deutsche Volk. Dann werden unsere Kinder wieder erleben ein Reich in seiner Größe, Macht und Herrlichkeit. Dazu wollen wir alle mitarbeiten, und das will auch ich versprechen. Ich gebe das Gelöbnis, mein Amt so zu führen, wie es unser großer Führer Adolf Hitler uns vorlebt. In diesem Geiste will ich arbeiten zum Wohle unseres Kreises Alsfeld. Unser geliebter Kreis Alsfeld, er lebe hoch! – Alle Ansprachen waren von stärkstem Beifall begleitet. Der Abmarsch der Massen vollzog sich unter Musikbegleitung durch die Stadt nach dem Lindenplatz, wo sich der Zug auflöste. Die eindrucksvolle Kundgebung wird allen Teilnehmern in guter Erinnerung bleiben.“ Nach den ersten und von der NSDAP deutlich gewonnenen Reichstags- wahlen Anfang März 1933 deutete sich aber auch schon sehr rasch die national- sozialistische Umorientierung der Gesellschaftspolitik in Richtung deutsch-völki- scher Gemeinschaftsorientierung an, so mit einem Leitartikel in der OZ zu den Gesangvereinen.80 In einer Passage heißt es hier unter anderem: „Mit hoffnungsfrohem, dankbaren Herzen haben daher die deutschen Sänger die bedeutsamen Worte des großen Führers, unsres hochverehrten Kanzlers Adolf Hitler, entgegengenommen: ´Wir wollen unser Volk wieder beglücken mit einer wirklich deutschen Kunst, Architektur und Musik, die dem Volke seine Seele wiedergeben soll´ ...“. „Diese Worte bedeuten für die ganze deutsche Musikwelt ein Programm. Sie wollen auf- räumen mit der Verniggerung und Entseelung der hehrsten aller Künste.“ Massive Wahlpropaganda, auch in der OZ, erfolgte dann ein halbes Jahr später für gleich zwei parallele Aktionen: der Reichstagswahl und der Volksab- stimmung am 12. November 1933 für die Politik der Nationalsozialisten. Dabei wurde in der Presse wieder auf das optische Instrument einer Stimmzettelab- bildung mit vorgegebenem Kreuz für die NSDAP beziehungsweise Adolf Hitler zurückgegriffen (Abb. 12).81 Auch mit dem Appell „Fahnen heraus! Vom 10. bis 12. November als sichtbarer Ausdruck der Verbundenheit von Volk und Führung. Kein Haus in Dorf und Stadt darf ohne Flaggenschmuck sein!“ wurden mit Blick auf die „bedeutsame Ansprache des Reichskanzlers Adolf Hitler an das deutsche Volk“ eindeutige Vorgaben der NS-Regierung gemacht. 79 HStAD, Best. S 1, Nr. Nachweis; Stammler (1869 – 1945) war 1917 komm. Kreisdirektor, ab 23.05.1919 und bis Ende 1932 Kreisdirektor des Kreises Alsfeld. Von Januar bis März 1933 war er dann Kreisdirektor beim Kreisamt Heppenheim, um dann ab 14.03.1933 wieder als Kreisdirektor nach Alsfeld zurückzukehren. Am 01.11.1934 wurde Stammler in den Ruhestand versetzt. 80 OZ-Archiv: 15.04.1933. 81 OZ-Archiv: 09.11.1933. MOHG 100 (2015) 197 Abb. 12: Stimmzettel-Vorgaben mit eingetragenen Kreuzen zu „Wie wähle ich?“. ( OZ-Archiv: 09.11.1933). Solche offiziell angeordneten beziehungsweise eingeforderten Beflaggungen, also Heraushängen von Hakenkreuzfahnen an den Wohnhäusern, so berichten die Zeitzeugen, seien natürlich auch in Angenrod, wie überall im Reich, Usus gewesen. Unter anderem schaltete sich bezüglich der Doppel-Abstimmung im November 1933 auch der Evangelische Bund mit einem nazikonformem Aufruf an „jeden evangelischen Bundesmann“ in die Hitler-Propaganda mit Nachdruck ein. Auch eine erste nationalsozialistische Artikulation aus Angenrod zu diesem Anlass ist jetzt zu vernehmen: mit einer Wahlversammlung der „Ortsgruppe Billertshausen-Angenrod“. 09.11.1933: Aufruf des Evangelischen Bundes zum 12. November: 82 „Ich erwarte von jedem Evangelischen Bundesmann, wie von jedem ehrenhaften Deutschen, dass er am 12. November seine Wahlpflicht mit Freuden erfüllt und sich mit einem ganzen ´Ja´ zum Führer und zur Regierung des Deutschen Reiches stellt. Ich fordere von allen evangelischen Bundesgenossen, dass sie bei dieser Entscheidung um unsere Zukunft, Volksgenossen und –genossinnen zu gleicher Tat, mit allen Kräften eintreten für Deutschland, für Deutschlands Ehre, Freiheit, Recht und Frieden! Mit deutsch-evangelischem Gruß und Heil Hitler! Der Hessische Bundesführer: gez. Berck“ 10.11.1933: Wahlversammlung der Ortsgruppe Billertshausen-Angenrod83 „Angenrod, 6. Nov.: Im Saale des Gastwirts H. Bambey fand heute für die Ortsgruppe Billertshausen-Angenrod eine stark besuchte Wahlversammlung statt. Der Redner, Pg. Schuster-Frankfurt am Main, verstand es, in überzeugenden, volkstümlichen, von echt natio- nalsozialistischem Geiste getragenen Ausführungen den aufmerksam folgenden Zuhörern klar 82 OZ-Archiv: 09.11.1933. 83 OZ-Archiv: 10.11.1933. 198 MOHG 100 (2015) zu machen, warum das deutsche Volk am 12. November wieder zur Wahlurne schreiten muss. Jeder Teilnehmer gewann die Überzeugung, dass jeder echte deutsche Volksgenosse durch sein Ja auf dem Stimmzettel seine Schicksalsverbundenheit mit dem Führer bekundet und es jedes Deutschen Pflicht ist, so zu dem Führer zu stehen, wie er für sein Volk. Die Veranstaltung wurde von Liedern einer Gruppe des BDM umrahmt, die von den Zuhörern beifällig aufgenommen wurde.“ Das Wahlergebnis, nach der „Gleichschaltung“ im Prinzip eine Farce, war dann erwarteter Weise bizarr-eindeutig. Nach denjenigen Wenigen, die sich trauten mit „nein“ oder „ungültig“ zu stimmen, wurde im Nachgang in der Presse gefahndet, und es wurde zu Denunziationen aufgerufen. 13.11.1933: Wahlergebnis Kreis Alsfeld (Tabellenübersicht) 84 Angenrod: Volksabstimmung: 328 Ja-Stimmen, 1 Nein-Stimme Reichstagswahl: 492 NSDAP, 0 ungültig Alsfeld zum Vergleich: Volksabstimmung: 3537 Ja-Stimmen, 70 Nein-Stimmen, 41 ungültige Stimmen Reichstagswahl: 3355 NSDAP, 219 ungültige Stimmen Nach diesen zweiten Wahlen im nunmehr NS-Staat Deutsches Reich spiegelt sich die deutsch-völkische Ideologie, ab 1935 nach Erlass der sogenannten Judengesetze dann auch massiv menschenverachtend-antisemitisch und ras- sistisch gehalten, durchgängig in allen Presseberichten wieder. Der National- sozialismus hatte sich im Deutschen Reich als feste politische Größe, die keinerlei Abweichungen duldete, durchgesetzt. Mit einer Vielzahl von Gesetzen und Anordnungen wurde strikte Konformität mit der NS-Ideologie eingefordert, widrigenfalls Verfolgung, Inhaftierung und Bestrafung bis hin zu Todesurteilen drohte. Auch die „Glaubensbewegung Evangelische Christen“ mit einer Veranstal- tung „Nationalsozialismus und Christentum“85 und sogar die traditionell intensiv gottesgläubigen Katholiken des Katzenbergs86 mochten oder trauten sich jetzt nicht mehr außerhalb zu stehen. Sie klinkten sich, wie nachfolgend dokumen- tiert, leider in den Mainstream der Hitler- und Nazi-Hörigkeit und –Huldigung ebenfalls voll mit ein. Bei der Veranstaltung der Glaubensbewegung traten im Alsfelder Gasthaus „Vaterland“ gleich zwei evangelische Seelsorger als Redner auf: Pfarrverwalter Heinemann (Brauerschwend) und Pfarrer Dr. Adam, Frank- furt a.M.-Berkersheim. Das entsprechende Inserat (Abb. 13) endet dann be- zeichnenderweise mit: „Die SA-Kapelle spielt. – Eintritt 20 Pfg., Erwerbsl. gegen Ausweis 10 Pfg.“ 84 OZ-Archiv: 13.11.1933. 85 OZ-Archiv: 28.11.1933. 86 OZ-Archiv: 13.11.1933. MOHG 100 (2015) 199 Abb. 13: Inserat „Nationalsozialismus und Christentum“ (OZ-Archiv: 28.11.1933). Hier nun weitere Einblicke in den Veranstaltungs- und Vortragsreigen in der Ära des Dritten Reichs in Angenrod und seiner Umgebung. 22.11.1933: Deutscher Abend des B.D.M.87 „Angenrod, 20. Nov. Gestern abend veranstaltete der B.D.M. zusammen mit dem Jung- volk im Bambey’schen Saale einen Deutschen Abend, der als sehr gelungen bezeichnet werden kann. Man hatte sich zur Aufgabe gestellt, den Anwesenden einen Einblick in das Leben und Treiben, Fühlen und Wollen der heutigen deutschen Jugend zu geben. Gemeinsame Lieder wechselten mit Reigen und Singspielen, dazwischen Gedichte und Theatervorführungen. Die zum Teil sehr jugendlichen Darsteller beherrschten ihre Rollen ganz und fanden in dem gefüllten Saal recht dankbare Zuhörer. Sehr anmutig wirkten die Reigen und Singspiele, vorgeführt von dem B.D.M. Der Abend schloss mit einem Sieg Heil auf den Führer und je einer Strophe des Deutschlandliedes und des Horst-Wessel-Liedes.“ 30.11.1933: Rasse, Volkstum und Erbhof-Gesetz-Vortrag (Inserat)88 „Vortrag über Rasse, Volkstum und Erbhof-Gesetz Samstag, den 2. Dezember 1933, abends 8 Uhr, im kleinen Saale des Deutschen Hauses zu Alsfeld. Es ist Pflicht für jeden Deutschen, ob Städter oder Bauer, sich über diese wichtigen Tages- fragen Belehrung zu verschaffen. Heil Hitler! Kreisbauernschaft Alsfeld Geiß“ 87 OZ-Archiv: 22.11.1933. 88 OZ-Archiv: 30.11.1933. 200 MOHG 100 (2015) 07.02.1934: Hauptversammlung Gesangverein89 „Angenrod, 4. Februar. (Gesangverein.) Am Samstag, den 3. Februar, hielt der hiesige Gesangverein ‚Harmonie’ seine diesjährige Generalversammlung ab. … Zum Schlusse mahnte der Vereinsführer Jung (Karl Jung 6., d. Verf.) alle Sänger, das deutsche Lied zu pflegen, wie es unser Führer Adolf Hitler will. Sodann brachte die Ver- sammlung unserm allverehrten Reichspräsidenten von Hindenburg und unserem hochverehrten Volkskanzler und Führer Adolf Hitler ein dreifaches ´Sieg Heil´ aus. Nach Absingen der ersten Strophe des Deutschland-Liedes und des Horst Wessel-Liedes fand die Versammlung ihren Abschluss.“ 24.04.1934: Geburtstag des Führers90 (Abb. 14, Abb. 15) Abb. 14: Stützpunktstempel NSDAP-Angenrod (HStAD, Best. N 1, Nr. 207, S. 278). „Angenrod, 21. April. Gestern abend hatten sich sämtliche Formationen der NSDAP im Bambayschen Saale versammelt zu einer einfachen schlichten Geburtstagsfeier unseres Führers Adolf Hitler. Der Saal war mit dem mit Grün geschmückten Bildnis unseres herrlichen Führers und dem Symbol seiner Bewegung, der Hakenkreuzfahne, geschmückt. Nach einem Lied des BDM eröffnete Stützpunktleiter Pg. Lehrer Pfeiffer die Ver- sammlung und begrüßte alle Erschienenen. Zunächst verpflichtete er noch einige Parteigenossen durch Handschlag und Treuegelöbnis zu unserem großen Führer. Dann folgte ein gemeinsames Lied: ‚Ich hab’ mich ergeben’. Der Gesangverein ‚Harmonie’ trug dann einen wohlgelungenen Chor (‚Mahnung’) vor. Dann folgte ein Vorspruch. Stützpunktleier Pg. Pfeiffer gedachte dann des 45. Geburts- tages unseres Volkskanzlers. Er streifte noch einmal kurz die Erlebnisse der vergangenen Jahre und zu welchem großen Ziele der Führer das gesamte deutsche Volk in der kurzen Zeit geführt hat, wofür wir ihm alle herzlich dankbar sein können und schloss dem Führer zu Ehren mit einem dreifachen ‚Sieg Heil’, dem der erste Vers des Horst Wesselliedes sich anschloss. 89 OZ-Archiv: 07.02.1934. 90 OZ-Archiv: 24.04.1934. MOHG 100 (2015) 201 Abb. 15: Geburtstagsfeier Hitler in Angenrod (OZ-Archiv: 24.04.1934). Nun folgte ein Gedicht: ‚Wir Deutsche fürchten Gott’, vorgetragen vom Jungvolk, dem sich noch schöne Liedervorträge des Gesangvereins und BDM anreihten. Zum Schluss dankte Propagandaleiter Pg. Jung allen denen, die zur Verschönerung des heutigen Abends beige- tragen haben und besonders Pg. Pfeiffer für seine kernigen Worte und mahnte alle, dem Führer von neuem ewige Treue und unermüdliche Gefolgschaft zu leisten. Mit einem dreifachen ‚Kampf Heil’ dem Führer und Singen des Deutschlandliedes fand die schlichte Feier ihren Abschluss.“ Bei dieser Veranstaltung mit Vereidigung auf Adolf Hitler wurde Zeitzeugen- Tradierung zufolge von einem Angenröder Schulmädchen auch ein der damali- gen NS-Ära gewidmetes Gedicht vorgetragen.91 Die kurzen Reime wurden in Angenrod verfasst: „Ich bin ein braunes Mädchen, vom Kopf bis auf die Zeh’, am braunsten ist mein Herzchen, ich wollt’, ich könnt´ es einmal seh’n, und 91 Zeitzeugenüberlieferung. 202 MOHG 100 (2015) wenn ich einmal groß bin, und es will mich einer frei’n, so muss es mir gewiss – ein richtig Brauner sein.“ 04.05.1934: Sängertreffen92 „Angenrod, 3. Mai. (Sängertreffen.) Einem schönen, alten Brauche folgend, haben sich auch in diesem Frühjahr der Männergesangverein von Leusel und der hiesige zu gemeinsamer Arbeit zusammengefunden, und zwar diesmal dahier am Samstag im Bambayschen Saale. … Der Vorsitzende des Vereins, Karl Jung 4. (Karl Jung 6., d. Verf.), fand Worte herz- licher Begrüßung und betonte als Zweck der Zusammenkünfte einmal gegenseitige Aneiferung in der Pflege des Volksliedes und dann die Pflege echter Sangesbrüderlichkeit und freund- nachbarlicher Beziehungen. Besonderen Gruß widmete er Kreiswalter Wöll-Alsfeld und gab seinem Bedauern darüber Ausdruck, dass Kreis-Chormeister Zoll-Alsfeld am Erscheinen verhindert war, hätte derselbe doch so mannigfache Anregungen geben können. Kreiswalter Wöll dankte für die Einladung und äußerte sich, dass er es für seine Pflicht halte, sich von dem ernsten Schaffen der Vereine zu überzeugen. Das deutsche Volk bedürfe, so führte er weiter aus, zur Stärkung auf seinem neuen Wege des Gesanges, der froh und stark mache. Jeder Sänger müsse sich seiner Pflicht, auf seine Weise beim Aufbau des neuen Reiches mitzuwirken, voll bewusst sein und darum Opfer an Zeit, an Disziplin nicht scheuen. Den Gesangvereinen seien große und herrliche Aufgaben zugewiesen. Das deutsche Lied möge weiter klingen als ein Lied von der Kraft unseres Volkes, von der Pflicht des Volkes gegen Gott, der uns in unserem Volkskanzler einen so herrlichen Retter geschenkt hätte. – Die beiden Vereine trugen nun abwechselnd einige Chöre vor, die von fleißiger Arbeit zeugten. Das Schlusswort sprach Chormeister Heidt-Leusel, der besonders den hiesigen Verein zu seinem so strebsamen jungen Dirigenten Karl Mohr beglückwünschte. Heil deutschem Lied und deutschem Sang!“ 15.05.1934: Schulungsabend in Leusel93 In diesem OZ-Bericht über den Leuseler NSDAP-Stützpunkt heißt es unter anderem: „Nur als Gleicher unter Gleichen wird Deutschland bei zukünftigen Verhand- lungen zu finden sein. Anschließend sprach Stützpunktleiter Geiß über die Judenfrage. Er gab eine lebhafte Schilderung der Tätigkeit der emigrierten Juden, geißelte die überheblichen, jüdischen Rasse- gesetze und zog aus beiden die Lehre für das Verhalten jedes Volksgenossen und ganz beson- ders des Bauern dem Juden gegenüber. Was tat der Führer für dich, und wie lohnst du ihm seinen Kampf? Wie untergräbst du sein Werk, wenn du beim Juden kaufst, mit ihm handelst und ihn so unterstützt? Seine mit Humor gewürzten Ausführungen wurden von der Versammlung mit lebhaftem Interesse verfolgt.“ 92 OZ-Archiv: 04.05.1934. 93 OZ-Archiv: 15.05.1934. MOHG 100 (2015) 203 22.06.1934: NSDAP-Versammlung94 „Angenrod, 19. Juni. Am Sonntag abend 9 Uhr fand in dem Saale des Pg. Bambay eine öffentliche Versammlung der NSDAP statt, wozu sämtliche Organisationen und die ganze Einwohnerschaft eingeladen waren. Nach einem Chor des Gesangvereins eröffnete Stützpunktleiter Pg. Pfeiffer die Ver- sammlung und begrüßte alle Anwesenden recht herzlich. Als Redner sprach Kreisschulungs- leiter Pg. Geißer aus Homberg über das Thema ´Kampf den Miesmachern und Kritikern´. Zunächst führte uns der Redner zurück in die Zeiten der Fürstenherrschaft. Denken wir einmal an einen Kurfürsten von Sachsen, unter dessen Herrschaft deutsche Männer und Söhne ihr Blut für andere Länder opfern mussten, nur damit jene Herren sich ein angenehmes Leben machen konnten. Außer solchen gab es aber noch hervorragende Männer, wie Friedrich Wilhelm, König von Preußen, Friedrich der Große und ein Bismarck. Diese Männer führten Deutschland wieder zur Macht und Ansehen. Nach ihrem Beispiel wird es auch unserem Volkskanzler Adolf Hitler gelingen, Deutschland wieder zur Höhe zu führen, der seinen Posten unter den aller- schwierigsten Verhältnissen übernommen hat. Hat er doch in seiner kurzen Regierungsdauer schon so Großes geleistet, dass alle Welt bewundernd zu ihm aufblickt. Wie vielen deutschen Volksgenossen hat er wieder eine Ver- dienstmöglichkeit geschaffen! In selbstloser Hingabe wirkt er für sein Volk, und trotzdem gibt es immer noch Miesmacher und Nörgler, die an der Arbeit unseres Führers herumkritisieren. Gegen diese Kritiker wandte sich der Redner und rückte ihnen scharf zu Leibe. Hoffent- lich wird auch diesem Nörglerunwesen ein Ende bereitet. Unserem Führer aber wollen wir unseren Dank dadurch beweisen, dass wir im neuen Deutschland unseren Mann stellen und seinem Rufe folgen. Der Redner verstand es meisterhaft, die Herzen der Anwesenden für sich zu gewinnen, und seine Ausführungen fanden großen Beifall. Auch für diejenigen, welche die Versamm- lungen schlecht besuchen, wäre es kein Schaden gewesen, die Ausführungen des Redners einmal zu hören. Aber meistens sind diese Personen die Miesmacher und Nörgler. Die Versammlung wurde mit einem dreifachen ´Sieg Heil´ auf den Führer und dem Singen des Deutschland- und Horst Wesselliedes geschlossen.“ 18.09.1934: Fest der Schule95 „Angenrod, 18. Sept. (Fest der deutschen Schule.) Am Sonntagabend hatten sich die Schulkinder und die ganze Gemeinde im Saale des Hch. Bambay zusammengefunden, um den Tag der Deutschen Schule zu feiern. Nach einem gelungenen Chor des Gesangvereins Harmonie sprach Lehrer Pfeiffer einige Begrüßungsworte. Hierauf folgte ein Lied der Schulkinder ´Die Hand zum Schwur erhoben´. Nach mehreren Gedichten und Sprechchören wurde die Ansprache von Lehrer Pfeiffer über ´Deutschtum im Ausland´ gehalten. BDM und Gesangverein wirkten mit und verschönerten somit die Feier. 94 OZ-Archiv: 22.06.1934. 95 OZ-Archiv: 18.09.1934. 204 MOHG 100 (2015) Es wurden weiter noch Lieder und Sprechchöre von den Schulkindern vorgetragen, welche sehr gut zu der heutigen Zeit passten. Ein Sieg-Heil auf den Führer und das gemeinsam gesungene Horst Wessellied beendeten den schönen Abend.“ 04.10.1934: Erntedanktag in Kirtorf96 Mit einem ausführlichen ausgesprochen völkisch akzentuierten Beitrag in der OZ wurde vom Verlauf des „Deutschen Erntedanktags“ aus Kirtorf berichtet. Hier heißt es unter anderem: „Zum zweiten Male im neuen Reich des Nationalsozia- lismus Adolf Hitlers beging das ganze deutsche Volk in Land und Stadt den deutschen Erntedanktag als Demonstration eines einmütigen Bekenntnisses zu seinem Bauerntum und damit zu des Führers Staatsgedanken von Blut und Boden. Am Vorabend waren die Gliede- rungen der Bewegung: Bauernschaft, Arbeitsfront, Hitler-Jugend, NS-Frauenschaft, BDM und SA an der Alsfelder Straße angetreten und marschierten geschlossen auf den Marktplatz, wo sich die übrige Einwohnerschaft zahlreich eingefunden hatte.“ Und im weiteren Verlauf dieses Berichts wird Ortsgruppenleiter und Bür- germeister Lather zitiert, der auf Sinn und Bedeutung des Erntedankfestes hin- wies: „Wir danken dem Schöpfer der Natur für seine Gaben, die so reich waren, daß wir dem kommenden Winter getrost entgegensehen können. Aber, so führte er aus, wir müssen uns die Frage vorlegen, können alle, auch der letzte Volksgenosse dem kommenden Winter unbe- kümmert und getrost entgegensehen? Nein, sie werden hungern und frieren, wenn wir nicht alle mithelfen und im großen Winterhilfswerk der NS-Volkswohlfahrt mitkämpfen gegen die Not. Kein deutscher Volksgenosse darf hungern noch frieren. Redner ermahnte, die Worte zu beherzigen: ´Wer zwei Röcke hat, der gebe dem einen, der keinen hat´, denn wer so tue, sei wahrer Christ und handele im Sinne des Nationalsozialismus.“ Das Kirtorfer Erntedankfest wurde auch von Liedvorträgen umrahmt, so vom BDM und in gemeinsamem Gesang unter Mitwirkung des Bläserchors. Zu hören war auch das Kampflied der Bewegung „Brüder in Zechen und Gruben“. “Ein begeistert aufgenommenes dreifaches ‚Sieg Heil’ auf den Führer und der Gesang der beiden Nationallieder beendeten die Abendfeier.“ Am darauffolgenden Sonntagmorgen „hallte“ dem OZ-Bericht zufolge „der Weckruf der SA und Sprechchor durch die stillen Straßen.“ Bei sonnigem Herbstwetter seien die „Straßen des Ortes in einem farbenprächtigen Bild von Flaggenschmuck und Tannengrün“ erschienen. Und weiter ist zu lesen mit Blick auf die Versammlung der Gemeinde im Kirtorfer Gotteshaus: „Am Vormittag versammelte sich die Gemeinde im Gotteshaus, deren Altar mit den Gaben der Ernte und vornehmlich den Früchten des Feldes reich ausgestattet war, zum Fest- gottesdienst. Studienrat Dekan Dr. Unverzagt-Gießen, dessen Predigt die Worte vorausgingen: ´Herr, wie sind deine Werke so groß und viel, du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll deiner Güte´, führte die Gemeinde in packenden Worten hin zum Erntegedanken und Dankesschuld. Er sprach preisend Dank dem allmächtigen Schöpfer für seine große Güte und wußte Dank den Männern, die unser Schicksal leiten. Herr Dr. Unverzagt gab auch seiner Freude darüber Ausdruck, heute hier sein zu können, wo er vor 25 Jahren zu 12jähriger Wirkungs- 96 OZ-Archiv: 04.10.1934. MOHG 100 (2015) 205 tätigkeit sein Amt übernahm. Nach Mittag nahm auf der Au der Festzug Aufstellung. An der Spitze marschierten Jungvolk und Hitlerjugend mit Trommler- und Pfeiferkorps bezw. Spielmannszug, dann folgte die SA des Sturmes 2/254, mit Ähren bekränzte Schulmädchen, Polizei, Nachtwächter und Polizeidiener, berittene Bauern, vorn der Bürgermeister, begleitet von 2 Altbauern zu beiden Seiten und hinter diesen 3 Jungbauern.“ Das Erntedankfest 1934 in Kirtorf hatte dann noch weitere Höhepunkte: Einen großen erntebezogenen Umzug durchs Dorf unter Beteiligung auch der NSF in Bauerntracht und auch des BDM, ein Kleinkaliber-Schießen für Bauern und Jungbauern, Aufspielen zum Tanz und vor allem dann die „Übertragung der Feierlichkeiten vom Bückeberg mit den Reden des Reichspropagandaminister Dr. Goebbels, des Reichsministers Reichsbauernführer Darré und die große Rede des Führers und Reichs- kanzlers Adolf Hitler.“ Zum Schluss des Berichts werden aber auch noch einige kritische Worte bezüglich der NS-Gemeinschaft abseits stehender Kirtorfer Bürger wiederge- geben: „Bürgermeister Lather drückte in seiner Ansprache den Wunsch aus, daß diejenigen, die in diesem Jahr noch hinter den Fenstern und in den Ecken standen, bis zum nächsten Jahre den Weg in die NS-Volksgemeinschaft gefunden haben und sich dann auch beteiligen möchten. Baron Freiherr Schenck zu Schweinsberg-Kirtorf hielt darauf eine heitere Ansprache im Sinne der Worte ´Ueb´ Aug´ und Hand fuers Vaterland´ ueber die Bedeutung des Schießens. Nach dem Dank des Ortsgruppenleiters und Bürgermeisters Lather fand der Erntedanktag mit einem dreifachen ‚Sieg Heil’ auf den Führer und dem Deutschlandlied sowie nachfolgendem Tanz seinen Abschluß.“ 03.11.1934: KdF-Veranstaltungen im Kreis, Ausschnitt97 „Veranstaltungen der NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude’, Kreis Alsfeld im Monat November.“ Es wird eine Fülle von Veranstaltungsterminen für diesen Monat bekannt gemacht, darunter überwiegend Totengedenkfeiern, Bunte Abende, Volkslieder- abende und auch Lichtbildervorträge zu „Tannenberg“. Die November-Veran- staltungen standen unter der Leitung von Kraus und insbesondere von Pg. Schmoll, nämlich Lehrer Reinhard Schmoll aus Elpenrod. Mit ihnen begann der Reigen der Winter-Veranstaltungen der KdF, wobei „in ausgeprägterem Maße“ „bei uns die Geselligkeit gepflegt werden“ solle. In dem Ankündigungsbericht wird zur Aufgabe der NS-Organisation KdF folgendes verlautbart: „Die NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude’ hat die Aufgabe. den Aufbau eines neuen, deutschen Kulturlebens, getragen von nationalsozialistischem Geist und durchsetzt mit nationalsozialistischem Gedankengut, durchzuführen. Es ist daher eine Selbst- verständlichkeit und eine naturnotwendige Folge, daß die NS-Gemeinschaft ‚Kraft durch Freude’ künftig das gesellschaftliche Leben auf allen Gebieten richtunggebend beherrscht und in die Bahnen lenkt, in denen sich die Umformung des Menschen vollzieht. Im Rahmen der Feierabendgestaltung werden zum ersten Male in der deutschen Kulturge- schichte im kommenden Winter in allen Teilen unseres Deutschen Reiches Veranstaltungen 97 OZ-Archiv: 03.11.1934. 206 MOHG 100 (2015) durchgeführt, die trotz ihrer Verschiedenheit in Art und Programmgestaltung doch alle nur das eine Ziel verfolgen und befehlend beherrscht sind von dem einheitlichen Willen, unserem deutschen Volke den Lebensnerv für eine wahre Volksgemeinschaft zu schenken, die das Volk in allen seinen Ständen und Schichten umschließt: ein neues deutsches Kulturleben auf nationalsozialistischer Grundlage.“ Vorstehende Ausführungen machen in drastischer und befehlender Weise deutlich, dass in der Nazi-Zeit Deutschlands die uns als aufgeklärten Bürgern so eminent wichtige freie Entfaltung der Persönlichkeit rigoros beschnitten wurde. Alles hatte den Zielen der NS-Ideologen mit ihrem völkischen Wahn unter- geordnet zu werden. 13.11.1934: Der 9. November98 „Angenrod, 11. November. Der 9. November, als Trauertag des deutschen Volkes, bot Anlass zu einem Treuebekenntnis zu Volk und Führer. Morgens schon war eine SA- Ehrenwache an der Gedenktafel in unserer Kirche aufgezogen. Im Namen der NSDAP wurde ein Kranz niedergelegt. Der Abend vereinigte die Gliederungen der Partei und die ganze Gemeinde zu einer schlichten Gedenkstunde. Propagandaleiter Pg. Jung eröffnete die Feier und gab bekannt, dass wir in dieser Stunde die Helden ehren wollten, die einst das größte Opfer für uns brachten. Danach hielt Stütz- punktleiter Pg. Pfeiffer die Gedächtnisrede. Der Gesangverein trug zwei ernste Chöre vor, die Schulkinder wirkten durch Vortrag passender Gedichte mit und gaben der Stunde eine weihe- volle Stimmung. Das Horst Wessellied schloss die ernste Gedenkfeier.“ Diese Veranstaltung, durchgeführt in der Kirche auf dem Getürms mit einer Ehrenwache der SA Angenrods, ist die erste konkrete Erwähnung der Angen- röder SA in der örtlichen Presse. Ob auch die Abendveranstaltung ebenfalls in der Kirche auf dem Getürms stattfand, geht allerdings aus dem Bericht nicht hervor. Wahrscheinlicher ist hingegen eine Gedenkveranstaltung im Saale Bambey, wo eigentlich im Dritten Reich alle relevanten örtlichen NS-Veranstaltungen durchgeführt wurden. Angenrods SA, die schon vor 1930 formiert war, habe sich einer Zeit- zeugentradierung zufolge zu ihren öffentlichkeitswirksamen Märschen stets im, damals noch ungepflasterten, Hof der traditionellen Angenröder Gastwirtschaft zusammengefunden.99 Von ihren späteren Aktivitäten wurde vom Zeitzeugen, der selbst ehemals Angehöriger des SA-Sturms war, berichtet, man habe militärische Ausbildung erhalten. Man habe sich getroffen: in kleinster Einheit als Schar, dann als Trupp und weiter vergrößert als Sturm. In seiner Schar mit etwa 15 Männern habe man sich wochenends zusam- mengefunden, und zwar komplett uniformiert mit brauner Uniform und auch SA-Kappen. Im Versammlungsraum, zum Beispiel in der Schule, sei dann ledig- 98 OZ-Archiv: 13.11.1934. 99 Konkrete Tradierung eines Zeitzeugen. MOHG 100 (2015) 207 lich Unterricht erteilt worden. Die Unterrichte hätten regelmäßig jede Woche stattgefunden. In der Schar des Zeitzeugen war allerdings kein Angenröder mit dabei. Erst auf der höheren Ebene des Trupps sei man mit auch Angenröder SA-Männern zusammen aktiv gewesen. Insgesamt mit auch weiteren SA-Scharen und -Trupps sei dies ein Sturm gewesen. Da seien auch zum Beispiel Männer aus Zell dabei gewesen. Die Aktivitäten der SA-Männer seien ausgesprochen geordnet erfolgt, „so, wie beim Militär“. Da sei auch gesungen worden. Vorangegangen sei dann der Sturmführer, A. K. aus Alsfeld. Angetreten sei man auf Befehl des Sturmführers, „wie es gerade passt“, an verschiedenen Orten. In Angenrod sei man bei W. H. angetreten. Unter den angetretenen SA- Männern seien dann auch Leuseler und Angenröder „Braunhemden“ gewesen. Dann sei man „rausmarschiert ins Gelände“, zum Beispiel zum Angenröder Sportplatz am Russberg. Dort sei dann wie beim Militär eine Aufteilung in die Scharen erfolgt, und es sei auch Geländelauf praktiziert worden. Bewaffnet seien diese SA-Leute nicht gewesen. Es seien also auch keine Schüsse abgegeben worden. Das Mitführen des eigentlich obligatorischen SA-Messers sei jedoch gestattet gewesen. „Es wurde marschiert, es wurde gelaufen“, erinnert sich der Zeitzeuge noch gut an die damaligen SA-Aktivitäten in freier Natur. Insgesamt habe es sich um „militärsportliche Übungen“ gehandelt. Der Führer des Angenröder Trupps sei bereits Truppführer gewesen auf Basis der Größe der SA-Gliederung. Zu seiner Zeit etwa Mitte der Dreißiger Jahre sei es zu keinen Ausschrei- tungen und zu Märschen durchs Dorf gekommen: „Bei uns war alles schon friedlich – ohne die Waffe.“ An Saalordnungen und -kontrollen durch die Sturmabteilung, insbesondere auch den früheren massiven Eingriffen der „Braunhemden“, habe er mit seiner SA schon nicht mehr teilgenommen. Lediglich bei einem Manöver im Vogelsberg habe man „etwas Ordnung schaffen“ müssen. Weil das Militär durchfuhr, seien dort technische Straßenab- sperrungen vorgenommen worden. 03.11.1934: Volkskunstabend in Angenrod, am 11. November 1934100 „Vortragsfolge: Hoch Heidecksburg, Marsch von R. Herzer. Schön ist die Jugend, Pot- pourri von Rhode. Oktoberlied, Lenzfahrt. 2 Volkslieder, Guitarrenspielschar Heimerts- hausen. Der nächste Morgen, Laienspiel, Laienspielschar Romrod. Dornröschens Brautfahrt. Humorist Fritz Lang-Alsfeld, humoristische Szene. 2 Volkslieder, Guitarrenspielschar Heimertshausen. Unter dem Siegesbanner, von Franz von Iflon. Münchner Kindl, Walzer von Komzak.“ 100 OZ-Archiv: 03.11.1934. 208 MOHG 100 (2015) 13.11.1934: Bunter Abend101 „Angenrod, 12. Nov. Am Sonntag, den 12. Nov. veranstaltete die NSG ´Kraft durch Freude´ in Angenrod einen ´Bunten Abend´, der durch eine kurze Ansprache des Amts- walters Jung eröffnete wurde. … Man kann sich die Wirkung einer derartigen Veranstaltung auf solche Menschen lebhaft vorstellen, die eingeengt in täglichen Mühen und Sorgen in der Stille dörflicher Abgeschiedenheit ihren harten Daseinskampf mutig und geduldig ausfechten. Und das will ja letzten Endes die herrliche Einrichtung der NSG ´Kraft durch Freude-Ver- anstaltungen´: Befreiung der Menschen von dem sie bedrückenden Gedanken zur Stärkung der innerlichen Bereitschaft für den Lebenskampf und den Kampf unseres ganzen Volkes. Mögen derartige Veranstaltungen noch oft in unserem kleinen schlichten Dörfchen stattfinden.“ 06.12.1934: Filmveranstaltung102 „Angenrod, 5. Dezember. (Filmveranstaltung.) Am heutigen Abend veranstaltete die NS- Filmgesellschaft im Saale der Gastwirtschaft Bambay einen Filmabend. Zur Vorführung gelangte der Großtonfilm ´Gold´, der in anbetracht dessen, was er an künstlerischer Größe und geistiger Tiefe bietet, in den Kreisen der Angenröder Bevölkerung leider eine zu geringe Beachtung fand. … Nicht gleisnerisches Gold, sondern ehrliche, redliche produktive Arbeit, die Werte erzeugend im Sinne und zum Wohle der Gemeinschaft wirkt, ist das Unterpfand eines ewigen Glückes der Menschheit. Ein Volk, das den Wert der ehrlichen Arbeit erkennt, das in friedlicher Arbeit seine Weltmission erfüllt, ist der stärkste Grundpfeiler und der sicherste Garant eines ewigen Weltfriedens. Dazu ist unser Volk auf dem besten Wege. Heil Hitler!“ 1935 12.02.1935: Vortrag über die „Erzeugungsschlacht“103 „Angenrod, 12. Februar. Am vergangenen Montagabend hielt in der Gastwirtschaft von Heinrich Bambey Herr Direktor Dr. Lehr von der bäuerlichen Werkschule Alsfeld einen Vortrag über das Thema: ´Erzeugungsschlacht´. Nach einleitenden Worten über Sinn und Zweck der Erzeugungsschlacht ging Redner dann zu den 10 Geboten der Erzeugungsschlacht über und erklärte nun an Hand von zahl- reichen Beispielen in sehr verständlicher Weise, welche Mittel und Maßnahmen dem deutschen Bauer zur Verfügung stehen, um auch das aus seinem Betrieb herauszuholen, was nur irgendwie möglich ist. An die sinnvollen Ausführungen des Herrn Redners schloss sich noch eine Aussprache an, in der noch verschiedene Fragen erörtert wurden. Im Namen der Ortsbauernschaft dankte Herr Höhler dem Referenten des Abends für seinen von der Versammlung so freudig aufge- nommenen Vortrag.“ 101 OZ-Archiv: 13.11.1934. 102 OZ-Archiv: 06.12.1934. 103 OZ-Archiv: 12.02.1935. MOHG 100 (2015) 209 26.02.1935: Versammlung Deutsche Arbeitsfront104 „Angenrod, 25. Februar. Am Sonntag, den 24. Februar, abends 8.30 Uhr, fand in der Wirtschaft Bambey eine öffentliche Versammlung der DAF (Deutsche Arbeitsfront, d. Verf.) statt. Kreiswalter Pg. Hartmann behandelte hauptsächlich die Judenfrage und sprach weiterhin über Zweck und Ziel der DAF. In seiner Rede streifte er die Gewerkschaften ums Jahr 1900, die größtenteils unter jüdi- scher Führung standen und die späterhin immer mehr ins Politische übergingen. Auch Deutschlands Zermürbung in den Kriegsjahren schilderte er in eingehender Weise und ging dann zur Gründung der NSDAP über. An den Schluss der Versammlung reihte sich eine allgemeine Aussprache.“ 08.03.1935: Liederabend „Harmonie“105 „Angenrod, 6. März. (Liederabend.) Der Gesangverein Angenrod hielt am vergangenen Sonntag einen wohlgelungenen Liederabend ab. Der Vereinswalter umriss die Aufgabe der Gesangvereine. Der Chor wartete mit einer geschlossenen, abwechslungsreichen Vortragsfolge auf: der erste Teil brachte Lieder vaterländischen Inhalts; der zweite Teil war auf volkstümlichen Ton abge- stimmt. Alle vorgetragenen Chöre begeisterten die Zuhörer, was durch reiche Beifallskund- gebung zum Ausdruck kam. Im Verlauf der Veranstaltung hielt auch der als Gast an- wesende Kreischorleiter, Herr Lehrer Zoll aus Alsfeld, eine kurze Ansprache. Er betonte, dass ein Gesangverein einen wichtigen Faktor in der Gemeinde für die Volks- gemeinschaft darstelle, und dass das deutsche Lied hier eine besonders gute Pflegestätte hätte. Er mahnte all die Jugendlichen, ihre Kraft der Sache zur Verfügung zu stellen. …“ 23.04.1935: Meldung Winterhilfswerk106 „Angenrod, 18. April. Nachdem das Winterhilfswerk abgeschlossen wurde, ist es gut, einen Überblick über die Wintermonate zu gewinnen; und da kann man ruhig sagen: Unsere Volksgenossen im Bereich der Ortsgruppe haben auch in diesem Jahr wieder ihre Schuldigkeit getan. Was will es schon heißen, wenn hier und da sich einer ausschließt, wenn beispielsweise gut- gestellte Landwirte aus der Zelle Billertshausen sich überhaupt an keiner Spende und Samm- lung für das WHW beteiligen. Denn noch nicht eine einzige Kartoffel hatten diese Herren übrig. Ein anderer Bauer, der 5 Pferde besitzt, erklärte, als er 20 Pfg. für eine Plakette spenden sollte: er wolle lieber Zigaretten für die 20 Pfg. rauchen. Wir werden wissen, wie wir uns sol- chen Leuten gegenüber zu verhalten haben und können ihnen nur den einen Rat geben: Stellt euch nicht länger abseits, sonst werden wir euch in der Öffentlichkeit als das nennen, was ihr seid: Verräter an Führer und Volk. 104 OZ-Archiv: 26.02.1935. 105 OZ-Archiv: 08.03.1935. 106 OZ-Archiv: 23.04.1935. 210 MOHG 100 (2015) Im übrigen betrugen die Geldspenden 410 Mark. Der Wert der gespendeten Naturalien beläuft sich nach vorsichtiger Berechnung auf 1090 Mk.; man kann also mit einem Gesamt- aufkommen von 1500 Mk. rechnen. Das ist eine beachtliche Leistung für eine Ortsgruppe von nur 700 Einwohnern, die sich zu 90 Prozent aus Kleinlandwirten und Arbeitern zusammensetzt.“ 27.06.1935: Sonnwendfeier107 (Abb. 16) Abb. 16: Sonnwendfeier in Angenrod (OZ-Archiv: 27.06.1935). Die auf vermeintlich altgermanischen Kult zurückgeführten Sonnenwendfeiern wurden von den Nationalsozialisten reaktiviert und sogar reichsweit als offizielle Feiertage entsprechend der „Volk, Blut und Boden“-Symbolik eingeführt.108 Eine tragende Rolle spielte hier vor allem die SS Heinrich Himmlers. „Angenrod, 25. Juni. (Sonnwendfeier.) Nach Einbruch der Dunkelheit marschierten am Sonntagabend die hiesige Jugend mit den Gliederungen der Partei und der Gesangverein bei starker Beteiligung der Bevölkerung nach dem Sportplatz (am Russberg, d. Verf.), wo eine erhebende Feierstunde stattfand. Ein Lied des Gesangvereins und Gedichte des Jungvolks leiteten die Feier ein. Nach einem Feuerspruch loderte die Flamme des entzündeten Holzstoßes machtvoll empor und leuchtete weithin in die Ferne. Stützpunktleiter Pg. Pfeiffer hielt die Feuerrede und sprach über die Bedeutung der Sonnwendfeier. Es folgten dann noch Sprechchöre, und einige Lieder bildeten den Abschluss.“ 22.07.1935: Auflagenhöhe von Hitlers „Mein Kampf“109 (Abb. 17) „Die 10jährige Auflagenhöhe von Hitlers ‚Mein Kampf’. In diesen Tagen voll- endete sich das erste Jahrzehnt des Buches ‚Mein Kampf’, das der Führer in seiner Haft auf der Festung Landsberg geschrieben hat. In diesen zehn Jahren hat das Buch einen Erfolg gehabt wie kein anderes politisches Buch vor ihm: es ist in 1 930 000 Exemplaren verlegt 107 OZ-Archiv: 27.06.1935. 108 https://de.wikipedia.org/wiki/Sonnenwende (abgerufen am 25.09.2015). 109 OZ-Archiv: 22.07.1935. MOHG 100 (2015) 211 worden. Ein Maßstab für die mengenmäßige Bedeutung dieser Zahl gibt die obige Statistik. Diese 1 930 000 Exemplare ergeben übereinander gelegt eine Höhe von 67 550 Meter. Dagegen bleiben die Zahlen, die sonst Inbegriff von ‚Höchstleistungen’ sind, weit zurück. Das nennt man Auflagen’höhe’! Abb. 17: Auflagenhöhe von Hitlers „Mein Kampf“ (OZ-Archiv: 22.07.1935). (Fodor Bildmaterndienst M.) 15.08.1935: Mehr Haltung in der Judenfrage110 Es häufen sich in dieser Zeit die antisemitischen Hetzberichte im Sinne Julius Streichers vom rassistischen NS-Organ „Der Stürmer“ auch in der „Oberhessi- schen Zeitung“. Unter anderem findet sich in dem o. a. Artikel folgende Passage: „Gewiss, die vergangene Zeit hat uns gelehrt, dass zwischen Juden und Deutschen kein Unterschied sei. Aber ist es denn möglich, dass diese Frauen so wenig Liebe und Verantwor- tungsbewusstsein für ihr ungeborenes Kind empfinden, dass sie sich nicht scheuen, sich mit einem rassefremden Menschen einzulassen.“ Und weiter lesen wir dann: „Wir Frauen des Dritten Reiches können es nicht verstehen, dass es in unseren Reihen noch immer eine Reihe von Frauen gibt, die sich durch einen Juden verführen und schänden lassen.“ 26.08.1935: Gemeinderat Leusel gegen Juden111 Nachdem einige Tage zuvor Angenrods Gemeinderat einen die Juden Angen- rods ausgrenzenden Beschluss gefasst hatte,112 zog auch die Nachbargemeinde Angenrods mit einem entsprechenden Beschluss nach: 110 OZ-Archiv: 15.08.1935. 111 OZ-Archiv: 26.08.1935. 112 OZ-Archiv: 17.08.1935; MOHG 95, S. 197 (2010). 212 MOHG 100 (2015) „Leusel, 25. Aug. (Scharfes Vorgehen gegen Juden und Außenseiter.) Der hiesige Gemeinderat nahm in seiner gestrigen Sitzung eine Entschließung an, nach der es jedem Gemeindebeamten, Gemeindevertreter, Ortsgerichtsmann und Feldgeschworenen nebst ihren Angehörigen verboten ist, mit Juden zu verkehren oder Geschäfte mit ihnen abzuschließen. Im Falle der Nichteinhaltung werden dieselben als Volksverräter gebrandmarkt und zur Niederlegung ihrer Ämter angehalten. Desgleichen können Handwerker oder Geschäftsleute, die oder deren Angehörige Juden in irgendwelcher Hinsicht unterstützen, bei Arbeitsvergebung oder durch Lieferung an die Gemeinde nicht mehr berücksichtigt werden. Dasselbe gilt für alle Arbeitnehmer. – Vieh, das an Juden verkauft wird, darf in Zukunft nicht mehr auf der Gemeindewaage gewogen werden. Um Umgehung dieser Bestimmung zu unterbinden, wurden geeignete Maß- nahmen getroffen. Außerdem werden Handwerker, die noch nicht in der DAF sind oder wieder ausgetreten sind, bei Arbeitsvergebungen durch die Gemeinde unberücksichtigt bleiben.“ 27.12.1935: Bunter Abend Winterhilfswerk113 „Angenrod, 25. Dezember. Am 22. Dezember veranstaltete die hiesige Schule gemein- schaftlich mit der NS.Frauenschaft, dem BDM und dem Gesangverein einen Bunten Abend zugunsten des Winterhilfswerkes. Stützpunktleiter Pg. Pfeiffer schilderte in seiner Ansprache die Entstehung und Herkunft des Weihnachtsbaumes und betonte, dass gerade der Adventskranz in der Nachkriegszeit fast verschwunden war und erst jetzt wieder zur Geltung kommt. Nach den Darbietungen der Schule, der NS. Frauenschaft und dem BDM folgte ein Theaterstück, welches die Lauheit oder gar Ablehnung noch mancher Volksgenossen im Sinne des WHW geißelte. Die angeschlossene Verlosung fand großen Anklang, und bei der Vertei- lung der gestifteten Sachen konnte man frohe Herzen und lachende Gesichter sehen. Ortswalter der DAF. Jung beschloss die Veranstaltung mit Ausführungen in national- sozialistischem Geiste. Gemütliches Beisammensein bildete den Abschluss des gut gelungenen Abends.“ 27.02.1936: 36 NS-Redner werben kreisweit für Hitler114 Mit einer großen Annonce „Sechsunddreißig Redner unseres Gaues, darunter: Die Gauinspekteure David Müller und Holzkämper, Dr. Hildebrand, Bullmann, Goerendt, Krug-Jahnke, Göckel u. a. m.“ wirbt die Kreisleitung Alsfeld der NSDAP im Vorfeld der Volksabstimmung für Adolf Hitlers NS-Politik. Es war eine kreisweit flächendeckende Propaganda-Reden-Serie in einer Ära, in der staatlich gesteuerte Lügen Triumphe feierten, mit insgesamt Veranstaltungen in 72 Orten des Kreises Alsfeld. Lediglich an sieben Veranstaltungsorten (Homberg mit Ober-Ofleiden, Grebenau mit Eulersdorf und Wallersdorf, Haarhausen mit Gontershausen, Unter-Sorg mit Ober-Sorg, Groß-Felda mit Kestrich, Otterbach mit Rülfenrod und Merlau mit Flensungen) erfolgte eine gemeinsame Veran- staltung für die zitierten Dörfer. Somit wurde also im Prinzip kein Ort ausge- lassen. Eine Veranstaltung mit Pg. Krug-Jahnke fand auch in Angenrod statt. 113 OZ-Archiv: 27.12.1935. 114 OZ-Archiv: 27.02.1936. MOHG 100 (2015) 213 02.03.1936: Volksversammlung mit Pg. Krug-Jahnke115 „Angenrod, 1. März. Pg. Krug-Jahnke sprach Sonntag Mittag hier in seiner ehrlichen Art, treffsicher und ungeniert über das, was die Leute bewegte. Er zeigte, wie die Partei der beste Kamerad für alle ist. Pg. Krug-Jahnke war ein Prediger der Anständigkeit und der männlichen Tugenden. Der Redner machte klar, wie der Führer die nationalsozialistische Bewegung, Menschen voll Tapferkeit will. Bei uns ist niemand ver- lassen, die nationalsozialistische Volksgemeinschaft tritt für jeden ein. Das Vaterland gehört allen. Wir nehmen heute vieles als selbstverständlich hin und meinen, es sei immer so gewesen. Doch haben wir – nichts mehr gehabt als Bankrott auf allen Gebieten. Krug-Jahnke erklärte, wie es der Führer fertig brachte, durch den Nationalsozialismus einen der anderen Welt uner- klärlichen Aufbau zu beginnen. Hervorragend waren die Erklärungen der Wirtschaftspolitik und ihr Einfluss auf den Heeresaufbau. Ohne Opfer freilich kommt kein Volk vorwärts. Das nationalsozialistische Deutschland wird ein Land der Leistung sein. Erhebend waren die Betrachtungen über Sozialismus und Nationalismus. Das letzte Kapitel behandelte sachlich das Judentum. Der Jude existiere für uns nicht. Ein sauberes, glückliches unzerstörbares Vaterhaus wollen wir schaffen. Die Versammlung war gut besucht, und die Ausführungen des Redners machten starken Eindruck.“ 12.03.1936: Mütterschulungskurs in Angenrod116 Der vierzehntägige Mütterschulungskurs unter Kursleitering Frl. Lisel Röhrig wurde von der Angenröder NS-Frauenschaft mit einer Feier „im Bambeyschen Saale“ abgeschlossen. Dem OZ-Bericht zufolge seien seit zwei Wochen ihre Frauen allabendlich zusammengekommen, um von der Kursleiterin „theoretische und praktische mütterliche Schulung zu erhalten.“ Es seien auch öfters Meinungs- und Gedankenaustauch und Aussprachen über allerlei Erziehungsfragen erfolgt. Dadurch sei „der praktischen Bastelei all der vielgestaltigen Spielzeuge für die Kleinen erst der richtige Sinn unterbreitet worden.“ Und zum Schluss ist dann zu lesen: „Nur zu schnell war es Mitternacht geworden, und nachdem zum Schluss nochmals des Führers gedacht und ihm für seine befreiende Tat des Tages gedankt worden war, beschlossen zwei Strophen des Deutschlandliedes die wohlgelungene Abschiedsfeier.“ Im Vorfeld der nach dreijähriger NS-Regierungszeit am 29. März 1936 durchgeführten Reichstagswahlen erfolgte natürlich auch in der OZ massive Propaganda für die Bestätigung Adolf Hitlers und seiner Politik. Zitiert wird er in einem ganzseitigen Titelseitenbild (Abb. 18) mit den Wor- ten: „Ich bitte jetzt das deutsche Volk, mich in meinem Glauben zu stärken und mir durch die Kraft seines Willens auch weiterhin die Kraft zu geben, um für seine Ehre und seine Frei- heit jederzeit mutig eintreten und für sein wirtschaftliches Wohlergehen sorgen zu können, und mich besonders zu stützen in meinem Ringen um wahren Frieden.“ 115 OZ-Archiv: 02.03.1936. 116 OZ-Archiv: 12.03.1936. 214 MOHG 100 (2015) Abb. 18: Titelseite der OZ mit Hitler-Foto und seinem Wahlaufruf (OZ-Archiv: 28.03.1936). (Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv: Ausschnitt von hoff-11554). Speziell für die Bevölkerung des Kreises Alsfeld erging auch ein Aufruf des Kreisdirektors i. V. Dr. Krüger, Regierungsrat:117 „Am 29. März soll die Welt er- kennen, daß des Führers Wille des Volkes Wille ist. Was in den drei Jahren abgelaufener nationalsozialistischer Staatsführung geleistet worden ist, kennt keinen Vergleich. Jeder fühlt die Dankesschuld gegenüber dem, der das Reich vor dem Zusammenbruch bewahrte, der es im Innern befriedet und nach Außen gesichert hat. Dem Führer im Kampfe um die Wiederher- 117 OZ-Archiv: 27.03.1936. MOHG 100 (2015) 215 stellung der deutschen Ehre und Gleichberechtigung Rückhalt und Stütze zu geben, ist sehn- lichster Wunsch jedes Volksgenossen. Der Ausgang der Wahl wird es beweisen. Tue jeder seine Pflicht! Der Kreis Alsfeld hat eine Tradition hoch zu halten – er wird sich, dessen bin ich sicher, in seiner Treue zum Führer nicht übertreffen lassen. Alsfeld, den 25. März 1936.“ 30.03.1936: „Sieg des Glaubens“118 Die OZ-Titelseite ist an diesem Tag nach der Volksabstimmung ausschließlich der Huldigung Hitlers gewidmet: „Der Sieg des Glaubens: 99 Prozent für den Führer!“ 18.04.1936: Ortsgruppe Alsfeld des Reichsluftschutzbundes (RLB)119 „Die im Februar und März dieses Jahres in ganz Oberhessen durchgeführte Werbung des Reichsluftschutzbundes zeigt, dass das Verständnis für die Luftschutzarbeit erheblich ge- wachsen ist. Überall stiegen die Mitgliederzahlen des RLB. Auch die Ortsgruppe Alsfeld nahm einen erfreulichen Aufschwung.“ Die Ortsgruppe (Alsfeld und 22 Nachbarorte) hatte am 15.3.1936 folgenden Mitgliederstand: Alsfeld, 5492 Einwohner, Mitgliederstand am 15.3.1936: 1986; Je Prozent: 36; Altenburg, 809 Einwohner, 261 Mitglieder, 32 Prozent; Angenrod, 518 Ein- wohner, 239 Mitglieder, 46 Prozent; Billertshausen, 266 Einwohner, 90 Mit- glieder, 34 Prozent. 20.04.1936: Aufnahme des Jahrgangs 1926 in das Jungvolk und Über- nahme der 14-jährigen Jungvolkjungen in die Hitlerjugend120 (Abb. 19) „Alsfeld, 19. April 1936. Der nationalsozialistisch umgestaltete Kasinosaal sah am Sonntagmorgen eine einheitliche Jugend. Führer und Gefolgschaften. Die aktiven Jahrgänge der Hitlerjugend und des Jungvolkes. Fahnen und Spielmannszüge. Die jungen Abteilungen, die ins Jungvolk oder in die Hitlerjugend aufgenommen werden sollten. Es schmetterten laute Fanfaren und Trommeln.“ Gesprochen wurden unter anderem folgende Worte: „Kameraden fragen nicht lange, woher? Nicht lange, wo bist du geboren? Sie haben alle zu einem Heer und zu einer Fahne geschworen. Kameraden fragen nicht lange, wohin? Und nicht nach Tod und Verderben. Sie haben alle ein Herz und einen Sinn; kann einer für den anderen sterben.“ Und ein Hitlerjugendführer sprach: „Fahne aus Erde, Glauben aus Blut, Fahne sei unser heiligstes Gut, Erfüll uns ganz mit deiner Kraft, Du lebst in Gottes Leidenschaft. Für dich und unsre Erben, Wolln zeugen wir und sterben.“ Ein Sprecher des Jungvolks rief: „So reihe uns nun, Führer, in deinen Orden ein, Und lass uns junge Kämpfer, Für dich und Deutschland sein.“ 118 OZ-Archiv, 30.03.1936. 119 OZ-Archiv: 18.04.1936. 120 OZ-Archiv: 20.04.1936. 216 MOHG 100 (2015) Abb. 19: Jungvolkjunge mit Hitlergruß (OZ-Archiv: 05.04.1934). Der OZ-Bericht schließt ab mit der Passage: „Wir wollen stolz sein, den Namen des Führers tragen zu dürfen und ihn grüßen Sieg Heil! Sieg Heil! Sieg Heil! Aus einfachem Jugendgeist heraus, ohne Zwang und ohne seelische Druckmittel, aus eigener Kraft war eine Feierstunde mit starkem Eindruck gestaltet. Der Hitlergeist, der kämpfend nur vorwärts blickt, hat in sich immer eine zwingende Gewalt auf alle, die noch guten Blutes sind. – Eine ähnliche Feier hatte der Bund Deutscher Mädchen.“ Auch Angenrod verfügte im Dritten Reich über eine engagierte Hitlerjugend (HJ).121 Sie implizierte, reichsweit konform, in den Jahren ab 1934 eine stringente politische und vormilitärische Erziehung in der Schule.122 Es gab auch Einbe- rufungen in das sogenannte Wehrertüchtigungslager der HJ, die Jugenddienst- pflicht und Schulungslager der HJ und des Jungvolks. Einem Zeitzeugenbericht zufolge wurde auch in Angenrods Volksschule all- wöchentlich Montag morgens auf Geheiß von Volksschullehrer Karl Pfeiffer der 121 Die entsprechenden Bestimmungen für die Gliederungen der HJ waren bereits im Juli 1933 von Baldur Schirach, dem Reichsjugendführer, herausgegeben worden: http://de. wikipedia.org/wiki/Hitlerjugend#Altersgliederung_und_Regionalstruktur (abgerufen am 01.02.2015). 122 HStAD, Best. G 15 Alsfeld, Nr. M 240. MOHG 100 (2015) 217 reichsweit vorgeschriebene „Wochenspruch“ – ritualisiert im Wechsel – vorge- lesen. Dabei handelte es sich um plakative unheilvoll richtungweisende Äußerungen Hitlers wie zum Beispiel „Nimmer wird das Reich zerstört, wenn ihr einig seid und treu!“ Unter anderem nahm Angenrods HJ seinerzeit auch an den alljährlichen und zweiwöchigen Zeltlageraufenthalten bei Ulrichstein und Nieder-Moos teil. Ein Angenröder zumindest soll laut Zeitzeugenmitteilung sogar an der Nordsee gewesen sein. Der nationalsozialistischen Ideologie entsprechend sollten diese Aktivitäten der Hitler-Jugend vor allem das Gemeinschaftsgefühl stärken. Ansonsten betätigte sie sich vor allem mit sportlichen, auch kämpferisch aus- gelegten Spielen auf dem alten Angenröder Sportplatz am Russberg. Insbeson- dere pflegte sie auch das Zusammengehörigkeitsgefühl, damals auch – retro- spektiv bewertet – kriegsvorbereitend richtungsweisend als „Kameradschaftsge- fühl“ bezeichnet. Organisatorisch zählte die Hitlerjugend zur Gefolgschaft 25/304. Wie von Zeitzeugen kolportiert wird, traf sich Angenrods HJ-Bann im Drit- ten Reich stets samstagvormittags in der ehemaligen Büroräumlichkeit der Angenröder Möbelfabrik zu seinen Schulungen. Samstags war in der Hitler-Ära von 1934 bis 1936 sogar schulfrei. Vielmehr waren die Samstage als „Staats- jugendtag“ ausgewiesen.123 124 Eingeführt worden war er per Verfügung am 07.06.1934 von Reichsjugend- führer Baldur von Schirach, abgeschafft wurde er dann am 01.12.1936. Von da an war nämlich die gesamte Jugend per NS-Gesetz, dem „Hitlerjugend-Gesetz“, zur Mitgliedschaft verpflichtet.125 Zuvor war die HJ-Mitgliedschaft noch den Einzelnen freigestellt, dann war sie aber gesetzlich verbindlich. Geleitet wurde die Angenröder Hitlerjugend, also der „Bann“, von dessen Bannführer. A. J. soll auch über gute pädagogische Fähigkeiten verfügt haben. Er führte auch die Schulungen in der Möbelfabrik durch. Angenrods HJ-Bann gehörte mit den Banns von Billertshausen, Zell, Stre- bendorf und Romrod zu der übergeordneten HJ-Gliederung, dem Fähn- lein/304. Dessen Führer war den Überlieferungen zufolge Albert Volz aus Romrod, Kassenwart soll der spätere Volks- und Realschullehrer Otto Reul (Alsfeld) gewesen sein. Die HJ Angenrods beteiligte sich zudem regelmäßig an den sogenannten Reichssportwettkämpfen. Dabei waren die Angenröder Jungen im Alter von 14 bis 18 Jahren zum Beispiel in Billertshausen 1938 ausgesprochen erfolgreich. Sie wurden sogar, wie im Jahr zuvor, erneut Mannschaftssieger.126 123 http://www.jugend1918-1945.de/thema.aspx?s=5401&m=3448 (abgerufen am 01.02. 2015). 124 http://de.wikipedia.org/wiki/Staatsjugendtag (abgerufen am 01.02.2015). 125 Hitlerjugendgesetz vom 1. Dezember 1936, RGBl 1/993. 126 OZ-Archiv: 30.05.1938. 218 MOHG 100 (2015) Die 10- bis 14-jährigen Jungen gehörten seinerzeit zum „Deutschen Jung- volk“ (DJ), auch „Pimpfe“ genannt. Auch hierzu gibt es für Angenrod, neben den Tradierungen der Zeitzeugen, noch konservierte Foto-Belege. Entsprechende Gliederungen im akribisch durchorganisierten Nazi-Reich gab es auch für die Mädchen, so auch in Angenrod als Untergliederungen die Jungmädelschaft (10 bis 14 Jahre), die den Jungmädeln (JM) unterstand, und die Mädelschar, zugehörig dem Bund Deutscher Mädchen (BDM) (14 – 18 Jahre). Ihren ersten eigenständigen öffentlichkeitswirksamen Auftritt hatten diese Mädchen bereits im November 1933 im Rahmen eines „Deutschen Abends“ im Saale Bambey.127 22.04.1936: Volksliederabend128 „Angenrod, 20. April. Gestern abend veranstaltete die NSG ´Kraft durch Freude´ einen Volksliederabend unter Leitung des Pg. Schmoll (Kreispropagandaleiter Reinhard Schmoll, Elpenrod, d. Verf.).129 Ortswalter Jung eröffnete die Veranstaltung. Sodann ergriff Pg. Schmoll das Wort zu seinen Ausführungen. In Bildern und Erzählungen schilderte er die Entstehung des deutschen Volksliedes. Er betonte das Edle und Reine des Volksliedes und wies darauf hin, dass alte Lieder und Tänze sich wieder im deutschen Volke einbürgern müssen. Umrahmt wurde der Abend durch Darbietungen des Gesangvereins und der NS-Frauen- schaft. Die Veranstaltung wurde mit einem dreifachen Sieg Heil auf Führer und Vaterland geschlossen.“ 04.05.1936: Sieger im Kreis Alsfeld beim Reichsberufswettkampf130 An die nachstehenden Sieger des Kreises Alsfeld beim Reichsberufswettkampf wurden gelegentlich der Großkundgebung am 1. Mai auf dem Festplatz in Als- feld die Zeugnisurkunden durch den Ortsgruppenleiter überreicht. Wettkampfgruppe Handel. Wettkampfgruppe Leder. Wettkampfgruppe Eisen und Metall. Wettkampfgruppe Holz. Tischler: L.-Kl. 1: August Schmidt- Angenrod. Wettkampfgruppe Bau. Wettkampfgruppe Bekleidung. Oberbe- kleidung. Wettkampfgruppe Nahrung und Genuss. 02.09.1936: Sommerkampfspiele in Billertshausen131 „Billertshausen, 2. Sept. (Sommerkampfspiele der hessischen Schulen.) Dieser Tage wurden auf dem Sportplatz in Zell bei recht schönem Wetter die Grenzballspiele der Unter- gruppe ausgetragen, an denen sich die Volksschulen Billertshausen, Heimertshausen und Zell beteiligten.“ Die beiden Untergruppensieger, die Mädchen und Jungen aus Billertshausen, spielten dann gegen den anderen Untergruppensieger, nämlich Angenrod, auf 127 OZ-Archiv: 22.11.1933. 128 OZ-Archiv: 22.04.1936. 129 HStAD, Best. S 1, Nr. Nachweis. 130 OZ-Archiv: 04.05.1936. 131 OZ-Archiv: 02.09.1936. MOHG 100 (2015) 219 dem Sportplatz in Angenrod um die Gruppenmeisterschaft. Sieger bei den Knaben wurde mit einem 6:2-Sieg Billertshausen, bei den Mädchen gewann Angenrod mit 7:3: „Als Gruppensieger nehmen die beiden Mannschaften nun an den demnächst beginnenden Kämpfen um die Bezirksmeisterschaft teil.“ 15.12.1936: NS-Versammlung im Fink’schen Saal132 „Billertshausen, 14. Dezember. Am Sonntag mittag, um 1 Uhr, marschierten HJ und JV durch die Ortsstraßen, um zum letzten Male auf die um 2 Uhr im Finkschen Saale stattfindende Versammlung hinzuweisen. In einem wohlgelungenen Sprechchor, dem ein Trompetensignal vorausging, brachten sie zum Ausdruck, dass Pg. Wagner aus Gießen im Rahmen der vom Kreise Alsfeld durchge- führten Versammlungsaktion über das für alle Redner einheitliche Thema ´Deutschland, die Festung gegen die jüdisch-bolschewistischen Weltbrandstifter´ sprechen würde. Dieser Ruf der Jugend galt auch besonders den Frauen, die seither nur in ganz geringer Anzahl ihr Interesse am öffentlichen Leben durch ihr Erscheinen bekundeten. Wie der zahl- reiche Besuch in dem mit frischem Tannengrün und den Fahnen des 3. Reiches geschmückten Saale bewies, kann die Werbung in unserem Orte als gelungen bezeichnet werden. Unerwähnt darf aber nicht bleiben, dass die Jugendorganisation, die zukünftigen Träger des nationalen Staates, vollständig vertreten waren, während nur 7 Hausfrauen den Weg zur Versammlung fanden und einige Volksgenossen, denen eine Schulung oder innere Stärkung sicherlich großen Nutzen brächte, auch diesmal wieder durch Abwesenheit glänzten. Und wie wunderbar gestaltete doch der Redner seinen Vortrag. Das musste begeistern, das musste zünden! Ob man wollte oder nicht, man musste einfach zuhören und die Worte in sich aufnehmen, die von Herzen kamen und in die Herzen drangen. Alle Anwesenden merkten sofort: hier spricht ein ganzer Mann, der nicht um Ausdrücke verlegen ist, der aus seiner innersten Seele schöpft, dem Taten über viele Worte und äußere Abzeichen gehen. Tat-Nationalsozialismus und Tat-Christentum, die uns von manchen Seiten abgesprochen werden möchten, das sind zwei starke Säulen, die im schroffen Gegensatz zu den jüdisch- bolschewistischen Phrasen und Machenschaften stehen. Das muss nochmals ausdrücklich betont werden: Wer diesmal einigermaßen den guten Willen zeigte, köstliches nationalsozia- listisches Gedankengut in sich aufzunehmen, dem war die beste Gelegenheit hierzu geboten. Es wurde deshalb aufrichtig bedauert, als Pg. Wagner seine 1 1/4stündige eindrucksvolle Rede unter dem langanhaltenden, brausenden Beifall der Zuhörer beendete. Im Namen der Versammlung sprach der Ortsbauernführer in Verbindung des abwesenden Ortsgruppenleiters dem Redner seinen wärmsten Dank aus. Ein dreifaches ‚Sieg Heil’ auf den Führer und der Gesang des Deutschland- und des Horst Wesselliedes verliehen der Weihestunde einen würdigen Abschluss.“ 132 OZ-Archiv: 15.12.1936. 220 MOHG 100 (2015) 10.05.1937: NSF-Lehrgang133 „NSF. Angenrod, 10, März. Ein Lehrgang in ‚Gesundheits- und häuslicher Kranken- pflege’ wurde von Schwester Christine Bär in Angenrod durchgeführt. Es nahmen 26 Frauen daran teil. Man muss als Frau alles können, besonders als Mutter vieler Kinder, so waren die Teil- nehmerinnen dann auch mit großem Interesse bei der Sache. Auf der Frau von heute ruht viel mehr Verantwortung wie jemals. So sollten sich denn auch an diesen Lehrgängen immer mehr Frauen beteiligen, um sich Wissen und Können, eine große Notwendigkeit unserer Zeit, anzu- eignen.“ 01.06.1937: Reichssportwettkämpfe der HJ in Billertshausen134 „Billertshausen, 30. Mai. (Reichssportwettkämpfe der Hitler-Jugend 1937.) Der Bund deutscher Mädel sowie die Jungmädel der Gruppe 15/304 fanden sich heute morgen auf dem hiesigen Sportplatz ein, um die vorgeschriebenen Mannschafts- und Einzel- kämpfe im Reichssportwettkampf der Hitler-Jugend für das Jahr 1937 auszutragen. Leider aber mußte man die Feststellung machen, daß manche Mädel- und Jungmädelschaften nur in ganz geringer Stärke antraten, was wirklich kein gutes Licht auf die betreffenden Nichtteil- nehmer wirft. An einem so wichtigen Tage, der voll und ganz der deutschen Jugend gehören soll und nur einmal im Jahre gefeiert wird, ist es unbedingte Pflicht aller Jugendlichen, zu erschei- nen und vor allem auch die Pflicht der Eltern, nicht nur hierzu die Erlaubnis zu erteilen, sondern dahin zu wirken, daß ihre Mädel freudig dem Rufe unseres Führers und des Jugend- führers zu folgen haben, auch wenn an diesem einen Sonntag von anderer Stelle für die Jugend in der Kirche Christenlehre festgesetzt worden war, womit manche ihr Fernbleiben zu entschul- digen suchten. Heißt es doch in dem Aufrufe des Führers: ‚Es ist mein Wille, daß die gesamte deutsche Jugend sich einmal im Jahre einer großen sportlichen Leistungsprüfung unterzieht und mit dieser vor der ganzen Nation Zeugnis ablegt von der Kraft und Unbesiegbarkeit des Volks- tums. Ich rufe daher jeden deutschen Jungen und jedes deutsche Mädel zur Teilnahme am diesjährigen Reichssportwettkampf der Hitler-Jugend auf.’ Kann es da von irgendeiner Seite noch eine Entschuldigung geben? Muß es nicht eine Freude sein, die deutsche Jugend, unsere herrliche Jugend, bei diesem wunderschönen Früh- lingswetter in Gottes freier Natur zu sehen, wie sie ihren Körper stählt, wie sie kämpft in der Gemeinschaft, kämpft für ihre Gesundheit: die Erhaltung der Gesundheit des deutschen Volkes! Unglaublich klingt es außerdem, daß es Eltern geben soll, die sagen, ihre Mädchen dürften wohl dem BDM angehören, aber keine Sportkleidung anziehen. Auf was für Ge- danken kommt man denn da? Hier ist das Wort Dr. Goebbels aus seiner großen Anklagerede am Platze: ‚Sie protestie- ren gegen eine Jugenderziehung. die frisch, unmuffig und unprüde ist, sie mißt die Länge der Badehose spielender und turnender Knaben und Mädchen nach, um zentimeterweise den sitt- lichen Tiefstand unserer Zeit aufzuzeigen.’ 133 OZ-Archiv: 17.03.1937. 134 OZ-Archiv: 01.06.1937. MOHG 100 (2015) 221 In diesen Gedankengängen wandelt unsere heutige Jugend nicht, sie darf es auch nicht und muß sich vollständig freimachen von solchen Geistesrichtungen. Die Hitler-Jugend, die den Namen des Führers trägt, gehört nur ihm allein und sonst niemand auf der Welt! – Nun zum Verlaufe der Kämpfe. Nachdem alle Vorbereitungen sorgfältig getroffen waren, traten 19 Mädel und 49 Jungmädel zu einer kurzen Morgenfeier an, um innerlich gefestigt zum nahen Sportplatz zu marschieren. Munter und froh wurden die Uebungen, die aus Weitsprung, Ballweitwurf und 60 bezw. 70 Meter-Lauf bestanden, durchgeturnt. Die Führer der HJ hatten sich bereitwillig als Kampfrichter zur Verfügung gestellt und walteten ganz ausgezeich- net ihres Amtes. So wickelte sich der Dreikampf schnell und vollständig reibungslos ab, sodaß er schon nach 1 ½ Stunden beendet war. Während der Wertungsausschuß die genaue Punktzahl errechnete, übten die Mädel für das heranrückende Untergau-Sportfest in Lauterbach. Schon um 12 Uhr konnte zur Siegerehrung geschritten werden. Mit Freude soll hervorgehoben werden, daß die Leistungen zum Teil ganz hervorragend waren, konnte doch auch die Hälfte der Teilnehmer mit der Siegernadel bedacht werden. Folgende Ergebnisse wurden erzielt: Mannschaftskämpfe der Mädelschaften. Sieger Zell mit einer Durchschnitts- zahl von 214 Punkten, aber nur 8 Teilnehmern; Angenrod-Billertshausen, Heimertshausen und Romrod waren nur mit 2 – 5 Mädels vertreten. Die 10 besten Einzelsieger: Else Jung 265 Punkte; Frieda Krämer 255 Punkte; Frieda Reuber 219 Punkte; Käthe Kreutzer 219 P. (sämtlich Zell), Helga Rausch-Romrod 215 P. Mannschaftskämpfe der Jungmädelschaften. Billertshausen 201,5 Punkte, Angenrod 196,1 P.; Heimertshausen 174,5 P.; Kirtorf 167,4 P., aber nur 9 Teilnehmer, Zell konnte nicht gewertet werden. Sieger: Billertshausen. Die 10 besten Einzelsieger: Martha Jung-Billertshausen 257 Punkte; Ilse Langlitz-Angenrod 251 P.; Hilde Weigel-Heimertshausen 249 P.; Paula Grein-Kirtorf 243 P.; Tilli Habermehl-Billertshausen 235 P.; Paula Schäfer-Billertshausen 234 P.; Gustel Kappes-Heimertshausen 219 P.; Frieda Wolf-Kirtorf 217 P.; Martha Kellner-Kirtorf 214 P.; Tilli Koch-Angenrod 210 P.“ Bei Ilse Langlitz (Angenrod) handelt es sich um die Tochter des ehemaligen Angenröder Gendarms Langlitz, Paula Schäfer (Billertshausen, später verh. Meilich), brachte sich bei den umfassenden Dokumentationsarbeiten zu Angen- rod engagiert und fachkundig als Zeitzeugin mit ein, Tilli Koch („Hänsches“) war später verheiratet mit dem Angenröder Omnibusfahrer Walter Bernges. 09.06.1937: Reichssportwettkämpfe des Jungvolks und der Hitlerjugend135 „Billertshausen, 7. Juni. Nachdem bereits am 30. Mai die Mädel und Jungmädel des BDM ihre Wettkämpfe auf unserem Sportplatz durchführten, traten am vergangenen Samstag und Sonntag die Pimpfe des Fähnleins 27/304 und die Hitlerjungen der Gefolgschaft 25/304 zur Leistungsprüfung an.“ „Die Siegermannschaft erhält nämlich die vom Führer gestiftete und unterschriebene Ehrenurkunde, und jeder Teilnehmer, der 180 und mehr Punkte erzielt, wird mit der Sieger- nadel ausgezeichnet. Die 10 besten Einzelsieger vertreten dann ihre Gefolgschaft oder ihr 135 OZ-Archiv: 09.06.1937. 222 MOHG 100 (2015) Fähnlein bei dem Bann- bezw. Jungbannsportfest in Lauterbach. Nun zu den ausgetragenen Wettkämpfen.“ An den Wettkämpfen beteiligten sich 126 Pimpfe. Ihre Kräfte maßen sie im Weitsprung, Ballweitwurf und 60-Meter-Lauf. Fähnleinführer Volz nahm die Siegerehrung vor. Siegermannschaft war die Jungenschaft 7/3 Romrod. Folgende Ergebnisse wurden erzielt. Mannschaftskämpfe des DJ 7/3 Romrod 198,1 Punkte; 1/1 Angenrod 188,5 P.; 9/3 Romrod 188 P.; 6/2 Zell 166,9 P.; 10/3 Liederbach 165,6 P.; 4/2 Billertshausen 161,9 P.; 8/3 Romrod 152,5 P.; 5/3 Zell 151,5 P.; 2/1 Leusel 149,3 P.; 3/1 Leusel 148,7 P. Die 10 besten Einzelsieger: Heinrich Görig-Romrod 271 P.; Ernst Gonder-Rom- rod 255,5 P.; Karl Stein-Leusel 253,5 P.; Gustav Rau-Romrod 242,5 P.; Albert Kalb- fleisch-Billertshausen 220,5 P.; Hans Volp-Romrod 217 P.; Ernst Görig-Romrod 215,5 P.; Gustav Rüger-Zell 213 P.; Walter Jung-Angenrod 210 P.; Walter Gemmer-Zell 209,5 P. Am nächsten Morgen ging auch die Hitlerjugend mit 74 Junggenossen an den Start. Sie marschierten nebst ihren Führern mit Gesang auf den Billertshäuser Marktplatz, wo eine „halbstündige eindrucksvolle Morgenfeier stattfand. Auf dem nahege- legenen Sportplatz wurden darauf in drei Gruppen die Wettkämpfe im 100 Meter-Lauf, Weitsprung und Keulenweitwurf durchgeführt. In dankenswerter Weise stellte der Reichs- arbeitsdienst Zell noch einige Leute als Kampfrichter zur Verfügung, sodaß der Wettbewerb, der auch gesteigerte Leistungen aufwies, ziemlich schnell sein Ende fand. 02.07.1937: Tanz in Angenrod, KdF. (Annonce)136 „NSG. „Kraft durch Freude“ Sonntag, den 4. Juli 1937 Tanz in Angenrod Saal Bambey Beginn 20 Uhr 24.10.1937: Einweihung Mahnmal „Gefecht bei Ohmes“137 Der „Scharchstein“, ein Gedenkstein für das Gefecht im Dreißigjährigen Krieg (1637) auf dem Hochplateau bei Ohmes, wurde aus Anlass dessen 300jähriger Historie natürlich mit Blick auf völkische Tradition von den örtlichen NS- Größen mit einer großangelegten Einweihungsfeier propagandistisch via der OZ der Leserschaft vermittelt. Er wurde nach dem im damaligen Gefecht gefallenen Alsfelder Konrad Scharch benannt. (Abb. 20) Das damals grausame Gemetzel zwischen Niederhessen und Schweden einerseits und zumeist nur notdürftig ausgerüsteten Oberhessen erforderte amtlichen Berichten zufolge rund 100 gefallene Bürger und Landleute: von Alsfeld 26 und von Romrod 4 Männer. Die Namen der sieben erschossenen Leuseler sind im Kirchenbuch überliefert.138 136 OZ-Archiv: 02.07.1937. 137 OZ-Archiv: 24.10.1937. 138 Eduard Becker, Aus der Vergangenheit von Leusel, in MGAV Alsfeld 1, H. 12, 1902/07, S. 12–13. MOHG 100 (2015) 223 Abb. 20: Original-Grabstein von Konrad Scharch in der Alsfelder Friedhofskapelle. (Ingfried Stahl). An der Straße von Ohmes nach Seibelsdorf – etwa 200 Meter vor dem Ortseingang von Ohmes – erinnert noch heute ein monumentaler Gedenkstein an die schrecklichen Geschehnisse im Dreißigjährigen Krieg. Der heute vorhandene mannshohe Quarzit-Block ersetzte 1937 – umrahmt von einer nationalsozialistisch geprägten Einweihungsfeier mit zum Beispiel 224 MOHG 100 (2015) auch NSDAP-Kreisleiter Alfred Zürtz und Beteiligung von SA, SS und Hitler- jugend-Formationen (Abb. 21) – den zuvor hier stehenden Gedenkstein. Abb. 21: Einweihung Scharchstein ( OZ-Archiv: 02.07.1937). In der Nachkriegszeit wurde die seinerzeit angebrachte wohl gusseiserne Platte mit einer völkisch-nationalsozialistisch gehaltenen Inschrift, abschließend mit den Worten: „zur Stärkung wahrer Volksgemeinschaft, wie sie uns der Führer lehrt“, wieder entfernt. Ein halbes Jahrhundert lang stand der Gedenkstein ohne Erinnerungstafel in der Flur, bis dank der Initiative des Autors in Kooperation mit dem Ohmeser Ortsvorsteher Rudi Hill und den örtlichen Kommunalpolitikern und Antrifttals Bürgermeister Johannes Averdung das Projekt „Neue Gedenktafel für das Gefecht bei Ohmes“ (Abb. 22) auf den Weg gebracht werden konnte. Abb. 22: Neue Gedenktafel am Scharchstein mit zeitlosem Text (Ingfried Stahl). MOHG 100 (2015) 225 Realisierbar war das Vorhaben jedoch nur durch die großzügige Stiftung der Bronzetafel durch den Ohmeser Mäzen Herbert Gerlach. Koordiniert und auch unter tatkräftiger Mitwirkung von Ortsvorsteher Hill konnte schließlich durch ehrenamtlich und sehr fachkundig ausgeführte Montagearbeiten der Ohmeser Bürger Markus Schlipf, Alfred Hill und Horst Neumann die repräsentative neue Gedenktafel mit zeitlosem Text an dem alten Scharchstein fixiert werden.139 „Auf dieser Hochfläche fielen am 7. Juni 1637 (Dreißigjähriger Krieg) im „Gefecht bei Ohmes“ über 100 Menschen, darunter 26 Bürger und Landleute aus Alsfeld - unter ihnen Konrad Scharch -, 7 aus Leusel und 4 aus Romrod. Sie verteidigten in dem unseligen Glaubenskrieg von katholischen gegen protestantische Christen, der sich später zu einem verheerenden rein machtpolitischen Krieg deutscher Fürstendynastien und euro- päischer Großmächte bis hin zum Kampf um die Vorherrschaft in Europa ausweitete, ihre oberhessische Heimat gegen eine Übermacht plündern- der und brandschatzender Niederhessen und Schweden. Möge dieser Stein deshalb zum einen ein Mahnmal für die Einheit der Christen sein und zum anderen - auch eingedenk von Millionen Toten im Dreißigjährigen Krieg - ein Symbol der Ächtung kriegerischer Auseinan- dersetzungen überhaupt!“ 02.07.1937: Sonnwendfeier auf dem Müncheberg bei Alsfeld140 „Sonnwendfeier auf dem Müncheberg bei Alsfeld. Am Montag, den 21. Juni, dem Tag der Sonnenwende, veranstaltete die HJ mit der SS die Sonnenwende. Um den Holz- stoß auf dem Möncheberg (zwischen Leusel und Alsfeld, d. Verf.) waren HJ, DJ, BdM, JM, SS, SA, PL und zahlreiche Zuschauer aufmarschiert. Mit dem Lied der Jugend ´Vorwärts, vorwärts´ begann die Feierstunde. Nach einem Gedicht wurde der Holzstoß mit den Fackeln entzündet. Beim Auflodern der Flammen sprach der SS-Führer: ´Volk will zu Volk, Blut will zu Blut, Flamme zu Flamme, rausche auf, lodernde Flamme, rausche von Stamme zu Stamme.´ Nach dem Lied ‚Flamme empor’ hielt der Alsfelder Ortsgruppenleiter die Feuerrede. Ein Hitlerjunge rief dann: ´Dieses Feuer brenne dem deutschen Volke diesseits und jenseits der Grenzen, in aller Welt, der deutschen Jugend und der Zukunft und der Ewigkeit der Deut- schen.´ Dann übergab der HJ-Führer der SS die brennende Fackel mit der Weisung, das Feuer bis zur Wintersonnenwende zu wahren. Mit einem Appell auf dem Marktplatz schloß die Feier. Chr. Schumann, Alsfeld.“ Bemerkenswert in diesem Bericht, der von einer Autorin eingegangen war, ist, dass keinerlei Namen, sondern nur die einzelnen Funktionen und Aktivitäten aufgeführt sind. Über die Hintergründe dieses ungewöhnlichen Prozederes kann somit lediglich gemutmaßt werden. 139 OZ-Archiv: 10.08.2005. 140 OZ-Archiv: 02.07.1937. 226 MOHG 100 (2015) 11.04.1938: Das geschichtliche Ja!141 (Abb. 23) Abb. 23: Das geschichtliche Ja! (OZ-Archiv: 11.04.1938). „Das Großdeutschland Adolf Hitlers hat durch das 75-Millionen-Volk am 10. April seine weltgeschichtliche Weihe erhalten. Was der Führer vor genau vier Wochen in Wien feierlich verkündete, hat das Volk der Deutschen in heiligem Bekenntnis bestätigt: das Großdeutsche Reich.“ Gesamt-Wahlergebnis Großdeutschlands einschließlich Soldaten in Österreich Abgegebene Stimmen: 49326971 = 99,5555 % Gültige Stimmen: 49251449 Davon „Ja“: 48799269 = 99,0827 % „Nein“: 452180 = 0,9173 % Angenrod: Abgegebene Stimmen: 335 Ja-Stimmen: 334 Nein-Stimmen: 1 31.08.1938: Reichsluftschutzbund in Angenrod142 „Angenrod, 29. August. Am Sonntag, den 28. August fand hier eine von der Gemeinde- gruppe des Reichsluftschutzbundes einberufene Aufklärungs- und Werbeversammlung statt. Es sprach Orts-Kreisgruppenführer Braun aus Lauterbach über Organisation des R.L.B. und über die Notwendigkeit des Luftschutzes in Deutschland.“ 27.06.1938: Juden wandern aus Angenrod aus143 Wie die deutschlandweit schrecklichen Ereignisse im Rahmen der sogenannten Reichskristallnacht und auch der zitierte OZ-Bericht aus Angenrod verdeut- lichen, war zu dieser Zeit die eskalierende Ausgrenzung der israelitischen Minderheit im Nazi-Reich bereits weit fortgeschritten. Dies zeigt auch ein Blick 141 OZ-Archiv: 11.04.1938. 142 OZ-Archiv: 31.08.1938. 143 OZ-Archiv: 27.06.1938. MOHG 100 (2015) 227 auf die antijüdischen Verordnungen, die alleine von April bis Oktober 1938 in Kraft traten:144 19. April: Fortfall der Grundsteuervergünstigungen für die Juden 22. April: Verordnung gegen die Unterstützung der Tarnung jüdischer Gewerbebetriebe 26. April: Verordnung über die Anmeldung jüdischen Vermögens 16. August: Anordnung, dass männliche Juden sich „Israel“ und weib- liche sich „Sara“ nennen müssen 27. September: Aufhebung der letzten Vergünstigungen alter Frontkämpfer für den Rechtsanwaltsberuf 7. Oktober: Eindruck des Buchstabens „J“ für Juden in Pässe und Kennkarten145 Der zweifellos vor allem in der Person von Nazi-Führer Adolf Hitler und seinen Gefolgsleuten kulminierende Judenhass – so deutlich muss man es schon sagen – hatte sich bereits in den Jahren zuvor, also ab der Machtergreifung durch die NSDAP 1933 und der zügig umgesetzten Gleichschaltung auf allen Ebenen, in einer Serie von „Judengesetzen“ menschenverachtend-entlarvend offenbart, letztlich bis hin zur Aufforderung zur Emigration und zum absoluten Tiefpunkt deutscher Historie, der Ermordung von europaweit sechs Millionen jüdischer Mitmenschen in der Shoah, darunter etwa eine Million Deutsche. 20.04.1940: „Es lebe Adolf Hitler!“146 Getitelt „Es lebe Adolf Hitler!“ erschien zum 51. Geburtstag in der OZ ein halb- seitiger Aufmacher-Bericht mit einem großformartigen Foto des Reichsführers: „Zum achten Mal gedenkt das ganze deutsche Volk am 20. April seines Führers. Erst, vor Jahren, ein kleines Häuflein treuer Männer, strecken sich heute Adolf Hitler die Hände von 90 Millionen Menschen aus dem großdeutschen Raum und aus aller Welt entgegen. Ueberall, wo Deutsche stehen und sich zu Deutschland bekennen, schmücken sie sein Bild. Kriegszeiten sind keine Zeiten froher Feste, und doch soll dieser Tag uns feierlich froh gestimmt finden. Wir haben doch, trotz Krieg, alles Recht, stolz und glücklich zu sein, und auch trotz aller Lasten, die der Krieg jedem auferlegen mag, feiern wir den Geburtstag Adolf Hitlers trotz Krieges? Gerade weil Krieg ist! Unsere ganze Liebe und Hingabe wird sich an diesem 20. April offenbaren wie nie, denn alle, jeder einzelne, wollen dem Führer sagen, wie sehr sie ihm, der die größte Last trägt, helfen möchten, den Streit siegreich zu beenden. Hat es jemals in Deutschland einen Mann gegeben, dem eine geschlossene Nation in so selbstverständlicher Weise gefolgt wäre? Dieses Volk der Deutschen weiß, daß hier ein Mann seine Geschicke in starke Hände genommen hat und daß sein Tun und Handeln nur dem Wohle Deutschlands gilt. Des Führers Stimme ist des Volkes Stimme. 144 Die Nacht in der die Synagogen brannten, Dokumente und Materialien zur Orientierung über die Reichskristallnacht (9./10.11.1938), herausg. von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg, Neckar-Verlag, 7730 Villingen-Schwenningen 1978, S. 5. 145 Siehe auch: Helmut Genschel, Die Verdrängung der Juden aus der Wirtschaft im Deutschen Reich, Göttingen, 1966, S. 151. 146 OZ-Archiv: 20.04.1940. 228 MOHG 100 (2015) Wenn er, nach wer weiß wievielen Versuchen, den Frieden zu retten, nun die ganze Ent- scheidung herbeiführen will und herbeiführen wird, dann wissen wir, daß dieser englische Krieg mit der endgültigen Niederlage der plutokratischen Kriegstreiber und dem herrlichsten deut- schen Siege enden wird. Unter seiner Führung wird Deutschland über sich hinauswachsen.“ Und im Schlussteil dieses an Irrationalität und bedingungslosem Führerkult kaum zu überbietenden Aufmachers heißt es dann mit Blick auf das Kriegs- geschehen mit so vielen Opfern und unsagbarem Leid auf allen Seiten: „Das ist das Wunderbare an diesem großen Freiheitskampfe, daß unser Volk bis zum letzten Volks- genossen weiß, um was es in diesem Kampfe geht. Wir sind nicht angetreten für eine Clique oder einen Klüngel, wir verteidigen nicht wacklige Throne zerfressener Demokratien und über- lebter Weltanschauungen, sondern unser Kampf ist das Ringen um die völlige Wiederher- stellung unserer völkischen Ehre, um die Freiheit des deutschen Volkes und um die Sicherung seines dauernden Bestandes. So grüßen wir an seinem Geburtstag den Führer freudigen Herzens und geloben ihm weiterhin treue Gefolgschaft. Wir wissen, daß Adolf Hitler uns zum Siege führen wird und wir sind stolz und dankbar, unter seiner Führung kämpfen zu dürfen.“ Retrospektiv bewertet, haben sich praktisch alle der hier abgedruckten voll- mundigen Prognosen als „Schall und Rauch“ erwiesen. Der furchtbare Zweite Weltkrieg, bewusst ausgelöst von Hitler und seinen Helfershelfern und somit ein deutscher Aggressionskrieg, wird dabei sogar für die deutsche Öffentlichkeit gerechtfertigt als „großer Freiheitskampf“ und „treue Gefolgschaft“ wird gelobt. Es war eine Gefolgschaft bis in den Untergang. Auf dieser Erstseite mittig unter dem Hitler-Porträt eingestellt ist sogar noch ein Gedicht mit folgendem Wortlaut: „Vor dem Bild des Führers. Wenn ich nur zweifle, tret’ ich vor dein Bild. Dein Auge sagt uns, was allein uns gilt. So manche Stunde sprech’ ich wohl mit dir Als wärst du nah und wüßtest nun von mir. Wo immer einer still wird vor der Tat, Er kommt zu dir, du bester Kamerad. In deinem Antlitz steht es ernst und rein, Was es bedeutet, Deutschlands Sohn zu sein. Herybert Wenzel.“ Hitler wird hier als „Deutschlands Sohn“ bezeichnet. Er war aber, geboren in Braunau am Inn, von seiner Nationalität her Österreicher. Österreich vereinigte Hitler dann im Rahmen einer Volksabstimmung 1938 mit dem Deutschen Reich zum „Großdeutschen Reich“. Bei der ersten Wahl zum „Großdeutschen Reichstag“ am 10. April 1938 erzielte Hitler 99,1 Prozent Zustimmung. Es war vermutlich die höchste Zustimmungsgrundlage der Nazi-Herrschaft überhaupt und damit auch des Prestiges Hitlers in der Bevölkerung.147 Ein Zwischenhöhe- punkt der Popularität Hitlers erfolgte dann vor allem nach dem „Blitzkrieg“ gegen Frankreich. Aber selbst nach dem Überfall auf die Sowjetunion genoss Hitler noch weiterhin kaum zurückgehendes Ansehen in der deutschen Öffent- lichkeit. Dieses war aber dann mit der Wende im Zweiten Weltkrieg, der verlo- renen Schlacht um Stalingrad 1943, nicht mehr der Fall. 147 https://de.wikipedia.org/wiki/Adolf_Hitler#Herrschaft_vor_dem_Zweiten_Weltkrieg_ 281933. E2.80. 931939.29 (abgerufen am 09.08.2015). MOHG 100 (2015) 229 26.06.1940: Gefallenen-Anzeige eines Angenröder SA-Manns148 Im Zuge der sich zunehmend häufenden Gefallenen-Anzeige in der OZ erschie- nen auch drei Anzeigen mit NS-politischem Hintergrund. Der Gefallene, Schütze in einem Infanterie-Regiment und zu Angenrod zäh- lender Parteigenosse, so wird mitgeteilt, sei am 10. Juni 1940 „bei den Kämpfen im Westen für Führer und Volk in soldatischer Pflichterfüllung getreu seinem Fahneneid“ ge- fallen. Aufgegeben worden war dieser Nachruf von der „Ortsgruppe der NSDAP Angenrod.“ Auch die Angenröder SA gedachte des Gefallenen als SA-Sturmmann mit einem Nachruf am gleichen Tag in der OZ:149 „Er ging ein zur Standarte Horst Wessel. Mit unseren Fahnen wird er weitermarschieren. Der Führer der Standarte 254 Der Führer des Sturms 14/254 i.V. Lang, Obersturmführer i.V. Grünewald, Truppf.“ 04.11.1941: Heldenehrungsfeier in Leusel150 In dieser Feier im „Fink’schen Saale“ zu Ehren von vier Leuseler Soldaten sprachen unter anderem auch Kreisschulungsleiter Pg. Ermel aus Lauterbach und Leusels „Ortsgruppenleiter Pg. Geiß“. Geiß hob hervor, „sie hätten ihr Leben in dem gewaltigen Ringen unserer Tage“ hingegeben. Ermel hatte zuvor betont, „daß große Erfolge im Leben des Volkes immer wieder durch Opfer erkämpft werden müssen. Die, welche diese Opfer auf sich nehmen, sind wahrhaft würdig, als Helden in die Geschichte des deutschen Volkes einzugehen.“ 10.11.1941: Heldengedenkfeier zum 9. November in Alsfeld151 Mit einem 2-Spalter berichtete die OZ ausführlich über die „Heldengedenkfeier zum 9. November“ im Deutschen Haus: „Am Abend des 8. November versammelten sich im festlich geschmückten Saal des Deutschen Hauses die Gliederungen der Partei und zahlreiche Volksgenossen, um in einer würdigen Gedenkstunde die gefallenen Helden der Bewegung und die Toten Großdeutschlands zu ehren. Arbeitsmänner der RAD-Abteilung 1 und 2, Alsfeld, und der Musikzug des Arbeitsgaues XXII Kassel unter der Leitung von Obertruppführer Phillipp hatten die Ausgestaltung dieser Feier übernommen.“ In dieser Feier, die auch mit Musik von Richard Wagner umrahmt wurde, ergriff auch Kreisleiter Alfred Zürtz das Wort und blickte auf die damaligen Geschehnisse am 8. und 9. November 1923 in München zurück, indem er laut OZ unter anderem ausführte: „Der Führer und seine Getreuen hofften als Rebellen der Seele mit Gewalt das Schicksal Deutschlands in schwerster Stunde zu wenden. Als das Volk in Gefahr war, fanden sich die Männer, die durch den Einsatz von Gut und Leben das Reich retten wollten vor den Feinden Deutschlands, den Gegnern der Treue, vor der Macht Judas, die 148 OZ-Archiv: 26.06.1940. 149 OZ-Archiv: 26.06.1940. 150 OZ-Archiv: 04.11.1941. 151 OZ-Archiv: 10.11.1941. 230 MOHG 100 (2015) das Reich zu vernichten drohte. Aus dem Opfergang des 9. November erstand neu die Bewe- gung, erwuchs der Jubelmarsch des 30. Januar 1933.“ Und auf die dramatischen Kriegsereignisse Bezug nehmend fuhr der Kreis- leiter fort: „Was die braunen Kolonnen im Innern begonnen, vollenden die grauen Kolonnen jenseits der Grenzen. Der große Krieg ist darum ein heiliger Kampf um das germanische Reich deutscher Nation. Unsere Verpflichtung ist, die Ewigkeit dieses Reiches zu verbürgen. Uns allen ist dies auferlegt, den Soldaten der Front, den Kämpfern in der Heimat. Wir müssen die Garanten dessen sein, was im Herzen Europas werden soll, was die deutschen Dichter sangen, was der deutsche Glaube in der Sehnsucht der Jahrtausende erhoffte, wofür all die Toten Deutschlands starben: das Deutsche Reich.“ Der Bericht schließt dann mit der Mitteilung, dass am darauffolgenden Sonntagvormittag mit entsprechendem Gepränge eine Kranzniederlegung auf dem Alsfelder Friedhof stattfand: zu Ehren von Willi Weber (Altenburg) an dessen Grab und unter den Klängen vom „guten Kameraden“. Weber wurde in der NS-Ära der Region der Status eines Märtyrers zugesprochen. Er starb als SA-Mann bei einem Kugelwechsel in Nieder-Ofleiden. Ein SA-Sturm wurde nach ihm benannt. 03.07.1942: Sieg um jeden Preis152 (Abb. 24) Abb. 24: „Sieg um jeden Preis“ (Veranstaltungsbekanntmachung) (OZ-Archiv: 03.07.1942). 152 OZ-Archiv: 03.07.1942. MOHG 100 (2015) 231 In einer ganzen Wochenend-Veranstaltungsserie, einer „Versammlungswelle“ mit Vorträgen von NS-Referenten, darunter auch Gauleiter Jakob Sprenger, galt es der Bekanntmachung zufolge „erneut ein Bekenntnis zum Führer und seiner gewaltigen Sendung“ zu dokumentieren. Ein Vortrag mit Parteigenosse Viel, Beginn 20.30 Uhr, fand auch in Angenrod statt. 07.07.1942: Der deutsche Bauer arbeitet für den Sieg153 In diesem Pressebericht von einer „Versammlungsaktion der Partei in Homberg a. d. O.“ sprachen NSDAP-Kreisleiter Zürtz und danach Gauleiter und Reichsstatt- halter Sprenger. Zürtz würdigte die „mit Stolz und Genugtuung vernommenen Sieges- meldungen unserer Wehrmacht“, Sprenger thematisierte „die Verantwortlichkeit des Weltjudentums für den gegenwärtigen Krieg“, hob anschließend mit dankendem Blick auf die Bauern und vor allem die „Bauersfrauen“ ihren „rastlosen Einsatz im Dienste der Ernährung unseres Volkes“ hervor. Er rechnete auch dem Bericht zufolge „nachdrücklich mit ´jenen Gemüsepatrioten´ ab, deren Haltung und Gesinnung in einer Zeit, da deutsche Männer für den Bestand des Reichs nicht nur Entbehrung ertragen, sondern ihr Leben lassen, durch einen mangelnden Kohlrabikopf zu erschüttern seien.“ Und abschließend ist zu lesen: „Noch einmal erinnerte der Gauleiter daran, was in diesem Ringen um Sein oder Nichtsein unseres Volkes für jeden einzelnen auf dem Spiele stehe. Seine Ausführungen, die nochmals auf die jüngsten Siege unserer Wehrmacht hinwiesen, schlossen mit Worten festester Zuversicht auf den Sieg und den an die Zuhörer gerichteten Appell, dem Führer in unbeirrbarer Treue auf dem Wege zur Freiheit unseres Volkes und die Zukunft eines neuen Europas zu folgen.“ 25.01.1944: Meldung: Deutsche Jugend zur Waffen-SS154 Insbesondere nach der Wende im Zweiten Weltkrieg mit Zurückdrängen der Deutschen Wehrmacht nach Westen erfolgte verstärkte Werbung, adressiert an die „Deutsche Jugend“, für Eintritt in die Waffen-SS, in diesem Falle sogar für die „Leibstandarte Adolf Hitler“.(Abb. 25) Abb. 25: Werbeinserat für die Waffen-SS (Leibstandarte Adolf Hitler (OZ-Archiv: 25.01.1944). 153 OZ-Archiv: 07.07.1942. 154 OZ-Archiv: 25.01.1944. 232 MOHG 100 (2015) Die Anwerbekampagne in der OZ für die gefürchtete Waffen-SS hatte aber schon in 1941 begonnen, wie nachfolgendes Inserat dokumentiert. Der irratio- nalen Himmler’schen Rassensichtweise zufolge standen hier insbesondere „deutschblütige Männer“ im Fokus.155 (Abb. 26) Abb. 26: Schon 1941 begannen die Anwerbungen für die Waffen-SS in der OZ (OZ-Archiv: 23.05.1941). „Dienstmeldung in die Waffen-SS: Die Waffen-SS stellt im Mai bevorzugt Frei- willige der Jahrgänge 1920 – 1924, mit und ohne Dienstzeitverpflichtung, ein. Angenommen werden deutschblütige Männer mit einer Mindestgröße von 1,70 m, bis zum 20. Lebensjahr 1,68 m. Die Freiwilligen dürfen noch nicht von der Wehrmacht angenommen sein. Von der Wehrmacht Gemusterte können sich jedoch melden. Der Dienst in der Waffen-SS gilt als Wehrpflicht. Bewerber, die obigen Bedingungen entsprechen, können sich zur nächsten Annahmeunter- suchung melden, die am 20.5.41, 14 Uhr in Alsfeld, SS-Dienststelle stattfindet. Wehrpapiere sind mitzubringen.“ Die Pressemitteilungen in der Kriegszeit, insbesondere nach dem Einfall Hitler-Deutschlands in die Sowjetunion Mitte 1942, beschränken sich fast alle auf regionaler Ebene auf kurze Kriegsauszeichnungs-Bekanntmachungen, dann in bedrückend zunehmender Weise auf die Veröffentlichung von Gefallenen- Trauer-Anzeigen. Aber, immer wieder unübersehbar eingestreut, finden sich aber auch Inserate mit typischen Durchhalteparolen wie „Volksopfer für Wehr- 155 OZ-Archiv: 19.05.1941. MOHG 100 (2015) 233 macht und Volkssturm“,156 und auch die letzte in vollem Wortlaut in der OZ ver- öffentlichte Ansprache Hitlers aus Anlass des 12. Jahrestages des 30. Januar 1933.157 Die Nacherfassung der Jahrgänge 1926 bis 1934,158 das Aufnahme-Werben für die Waffen-SS159 und auch die Bildung von Volkssturmeinheiten im Deut- schen Reich, auch in Alsfeld,160 änderte jedoch nichts mehr an der militärisch immer aussichtsloser gewordenen Situation der deutschen Wehrmacht. Am 30. März 1945 befreite die 6. Panzerdivision der Pattonschen 3. US- Armee Angenrod und Umgebung von der Gewaltherrschaft Adolf Hitlers und seiner Gefolgsleute. Das Dritte Reich mit seiner unmenschlichen, insbesondere völkisch-deutschen Rassen-Ideologie, unsagbar viele Menschenopfer auf allen Seiten fordernd, war endgültig Geschichte geworden. Mit der nachfolgenden Konstituierung der demokratischen Bundesrepublik Deutschland konnte dann der Weg in den Frieden in Freiheit beschritten wer- den. Dennoch wird das Dritte Reich mit seiner weltweit bislang unerreichten Terrorherrschaft nicht aus dem Bewusstsein der Deutschen zu verdrängen sein – und darf es auch nicht. Nicht Verdrängen und Relativieren, sondern vielmehr positive Geschichts- bewältigung muss auf der Agenda stehen und stehen bleiben – dies vor allem mit Blick auf die nachfolgenden Generationen. 156 OZ-Archiv: 26.01.1945. 157 OZ-Archiv: 02./03.02.1945. 158 OZ-Archiv: 02.03.1944. 159 OZ-Archiv: 25.01.1944. 160 OZ-Archiv: 09.03.1945; mit einer Bekanntmachung des Bataillonsführers wird das „Ba- taillon Alsfeld I, Gau Hessen, Deutscher Volkssturm“ - insgesamt vier Kompanien und 1 Sanitätszug - zum Dienstbeginn an verschiedenen Orten Alsfelds einbestellt. 234 MOHG 100 (2015)