II. Miszellen „Ritter von Staufenberg“ – leider ohne Melusine1 VOLKER HESS 1842 lässt Friedrich Kilian Abicht in einem Beitrag für das Archiv für hessische Geschichte und Altertumskunde die Antwort auf die Frage offen, ob die Burg Staufenberg, die schon im 13. Jahrhundert als „eine Burg der Grafen von Ziegen- hain“ erscheint, statt von diesen „nicht vielmehr [durch die] adelige Familie von Stauffenberg, welche davon den Namen trug“, errichtet wurde.2 Abicht widmet sich lieber im Anschluss an Georg Landau3 den baulichen Über- resten der beiden Burgen sowie der kurzen territorialgeschichtlichen Bedeutung der ziegenhainischen Exklave Staufenberg in der Auseinandersetzung um die Landesherrschaft zwischen den Erzbischöfen von Mainz und den hessischen Landgrafen bis zum Übergang an die Landgrafschaft Hessen 1450. Keiner der Autoren, die sich seither ausführlicher mit der Geschichte von Burg und Stadt Staufenberg beschäftigt haben,4 ist dem Hinweis Abichts und den Spu- 1 Der Titel spielt an auf: „Ritter Peter von Stauffenberg und die Meerfeye“, in: Achim von Arnim/Clemens Brentano, Des Knaben Wunderhorn. Bd. 1. Stuttgart u.a. 1979, 392–401, eine romantische Nachdichtung einer märchenhaften Ritternovelle des 13. Jahrhunderts, die sich allerdings auf Burg Staufenberg am Westhang des Schwarzwalds im Ortenaukreis be- zieht. Dem Sachverhalt, wonach das Toponym „Staufenberg“ auf eine Vielzahl von meist kegelartig charakteristisch geformten Bergen im deutschen Sprachraum Anwendung fand (vgl. zuletzt: Ruth Kunz, Bergnamen im lexikalischem und onomastischen Interferenzraum zwischen Saar und Mosel, in: Albrecht Greule [et al.] (Hrsg.), Studien zu Literatur, Sprache und Geschichte in Europa: Wolfgang Haubrichs zum 65. Geburtstag gewidmet. St. Ingbert 2008, 375–95, hier 390ff mit weiterer Literatur), die wiederum nicht selten zum Burgenbau einluden, ist auch die Tatsache geschuldet, dass sich davon abgeleitet mehrere adlige Fami- lien nach diesen Herkunfts- oder Besitzorten benannten und sich somit in der historischen Überlieferung niederschlugen. Für Hinweise danke ich Wolfgang Münch aus Großen-Buseck und Michael Sauer aus Ruttershausen. 2 Friedrich Kilian Abicht, Stauffenberg und Großenlinden, in: Archiv für hessische Ge- schichte und Altertumskunde 3 (1842) 1, 1–30, hier 4. 3 Georg Landau, Stauffenberg, in: Die hessischen Ritterburgen und ihre Besitzer, Bd. 3. Kassel 1836, 349–356. 4 Insbes.: Franz Paul Mittermaier, Geschichte der Burg Staufenberg an der Lahn, o.O. 1954; K. v. Baumbach, Die Burg Staufenberg, in: Heimat im Bild (Gießen) (1939) 16, 61–63; Carl Walbrach, Staufenberg, in: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichtsvereins 35 (1938), 275–296; ders., Burg Staufenberg an der Lahn, in: Volk und Scholle (1927) 5, 312–318; Karl Ebel, Staufenberg, in: Heimat im Bild (1927) 10, 37–40; Heinrich Walbe. Staufenberg, in: Die Kunstdenkmäler des Kreises Gießen I, Nördlicher Teil, Darmstadt 1939´8 (= Kunst- denkmäler im Großherzogtum Hessen, Inventarisierung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des 18. Jahrhunderts. B. Provinz Oberhessen), 326–340. Josef Maria Hugo von Ritgen, Geschichte der Grossherzoglich Hessischen Stadt Staufenberg und ihrer beider Burgen. Festschrift … Gießen 1883; C. F. Günther, Staufenberg, in: ders., Bilder aus der Hessischen Vorzeit, MOHG 104 (2019) 405 ren der „Familie von Staufenberg“ in den Quellen gefolgt. Nur Heinrich Diefen- bach gibt 1943 über eine marginale Erwähnung der „von Staufenberg“ einen ersten Hinweis auf die Überlieferung.5 In der sprachhistorischen Arbeit Lutz Reichardts von 1973 findet sich der historisch nicht weiter eingeordnete Beleg eines „Cristiano de Stophinberg“ unter dem Jahr 1226.6 Reichardt bezieht sich dabei auf eine ein- schlägige Quellensammlung des Valentin F. von Gudenus aus dem Jahr 1747, die wohl Abicht ohne Beleg herangezogen haben wird.7 Seine Grundlage ist ein Statuten- und Kopialbuch des Mainzer Stifts St. Stephan, das heute in der franzö- sischen Nationalbibliothek in Paris aufbewahrt wird.8 Inzwischen findet sich unter dem Eintrag „Staufenberg“ im „Historischen Ortslexikon“ des Landesgeschichtlichen Informationssystem Hessen (LAGIS) eine Korrektur des über viele Jahrzehnte gültigen Ersterwähnungsbelegs für Stau- fenberg von 1233 auf 1226. Einen Hinweis darauf, dass sich hinter der Namens- form „Stophinberg“ eine „Familie von Staufenberg“ verbirgt, bleibt der Eintrag dort allerdings noch schuldig.9 Was verrät nun der Inhalt der kopierten Urkunde? Am 6. März 1226 verzichtet Christian von Staufenberg für sich und seine Erben gegenüber dem Stephansstift in Mainz auf regelmäßige, wohl jährliche Erträge in Höhe von 30 Solidi aus Gütern in Ebsdorf. Interessant ist, dass der gleiche Anspruch schon einmal bereits drei Jahre zuvor, am 1. April 1223, u.U. vom Vater Christians von Staufenberg, be- zeichnet als „H. Ritter von Staufenberg“, mit für diesen unbefriedigendem Aus- gang vertreten worden ist. Es findet sich dieser Hinweis nur eine Seite vorher im bereits erwähnten Kopialbuch, wurde aber offensichtlich bislang nicht wahrge- nommen.10 Die Quelle sagt etwas mehr über die mutmaßliche Herkunft der An- sprüche: Der Ritter von Staufenberg beruft sich auf S., Herrn von Runkel, als dem „Urheber und seinen Gewährsmann“.11 Doch trotz gewährter Frist von achtzehn Darmstadt 1853, 354–394; Wilhelm Nebel; Einige Bemerkungen über Staufenberg, in: Archiv des historischen Vereins 5 (1848) 3, XVII, 1–15. 5 Heinrich Diefenbach, Der Kreis Marburg. Seine Entwicklung aus Gerichten, Herrschaften und Ämtern bis ins 20. Jahrhundert. Marburg 1943 (= Schriften des Instituts für ge- schichtliche Landeskunde von Hessen und Nassau 21), 241. 6 Lutz Reichardt, Die Siedlungsnamen der Kreise Gießen, Alsfeld und Lauterbach in Hessen. Göppingen 1973 (= Göppinger Arbeiten zur Germanistik 86), 355. 7 Valentin Ferdinand von Gudenus, Codex diplomaticus anecdotorum. T. 1–5. Goettingae 1747, Nr. II, 634. Ein erneuter Abdruck der Quelle in: Eduard Edwin Becker, Riedeselisches Urkundenbuch 1200 bis 1500 Marburg/Offenbach 1924 (= Die Riedesel zu Eisenbach 2), 1f, wurde von Reichardt nicht herangezogen. 8 Online: Cartul. de S. Étienne de Mayence, 1280–1320, Bibliothèque nationale de France, Département des manuscrits, Latin 17794, http://gallica.bnf.fr/ark:/12148btv1b9067213f/ (27.02.2019). Regestiert in: Ludwig Falck, Mainzer Regesten 1200–1250. Zur Geschichte der Stadt, ihrer geistlichen und weltlichen Institutionen und Bewohner. Mainz 2007 (= Beiträge zur Geschichte der Stadt Mainz 35/1+2), hier: Bd. 2, Nr. 545. 9 „Staufenberg, Landkreis Gießen“, in: Historisches Ortslexikon https://www.lagis-hessen.de de/subjects/idrec/sn/ol/id/10480 (Stand: 15.1.2019) 10 Jetzt: Falck (2007) 2, Nr. 455. 11 Gemeint war wohl Siegfried II. oder III, Herr von Runkel, vgl: Hellmuth Gensicke, Die Verwandten des Erzbischofs Siegfried von Westerburg vor in und nach der Schlacht von 406 MOHG 104 (2019) Wochen gelingt es ihm nicht, einen ausreichenden Beleg zu führen; von Runkel entsendet nur einen Boten mit der Bitte um Fristverlängerung, was die Richter zugleich mit dem Anspruch abschlägig bescheiden.12 Wir fassen also in dieser knappen Überlieferung zwei, vielleicht sogar drei Generationen einer Ritterfamilie, die ihre Herkunft auf Burg Staufenberg bezieht. In welcher Funktion und in wessen Auftrag sie dort agierten, lässt uns eine dritte Quelle mutmaßen, die ebenfalls bislang für die Staufenberger Lokalgeschichts- schreibung keine Rolle gespielt hat: In einer Urkunde des Abtes Heinrich von Fulda über Pfandschaften der Ziegenhainer Grafen als Vögte des Klosters tritt u.a. ein „von Staufenberg“ als Zeuge auf.13 Aufgrund seiner Position in der Zeugenliste ist er als nicht ganz unbedeutender Ziegenhainer Ministeriale einzuordnen. Die Quelle lässt sich nur über den Inhalt auf die Zeit zwischen 1205 und 1216 datieren. Ihr materieller Zustand ist so schlecht, dass auch der Vorname des Zeugen nicht mehr lesbar ist. Da davon ausgegangen werden kann, dass sich Burg (und Stadt) Staufenberg in diesem Zeitraum im Besitz der Grafen von Ziegenhain befanden, liegt die Vermutung nahe, dass es sich bei den Rittern von Staufenberg um eine Burgmannenfamilie handelte, die in Ziegenhainer Auftrag auf Burg Staufenberg ihren Dienst taten. Der sehr eindeutige Bezug der in den drei Quellen genannten Personen zum Ort Staufenberg in Hessen liefert nun zwar einen neuen Ansatz für die Erster- wähnung des Ortes Staufenberg,14 die spärlichen Hinweise über die ziegenhaini- Worringen, in: Blätter für deutsche Landesgeschichte 124 (1988), 123–134; Josef Anton Hillebrand, Zur Genealogie der Runkel-Westerburger und diesen verwandten Familien älte- rer Zeiten, in: Nassauische Annalen 41 (1910), 11–37. 12 Wie der konkrete Sachverhalt in der Diskussion um die Entwicklung der Besitz- und Herr- schaftsverhältnisse an der mittleren Lahn und deren jeweiligen Anteil im Zuge der main- zischen und landgräflich-hessischen Territorialpolitik einzuordnen ist, kann hier nicht Gegenstand der Diskussion sein. Vgl. dazu u.a.: Helmut Schotte, Territorialgeschichte der ehemals nassauischen Ämter Gleiberg, Hüttenberg und Cleeberg sowie der freien Reichs- stadt Wetzlar. 1938, 260ff; Karl Hermann May, Die Grafschaft an der mittleren Lahn (Gießen-Wetzlar) und die Erben ihrer aussterbenden Grafen von Luxemburg-Gleiberg im 12. Jahrhundert, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 25 (1975), 1–64; Hellmuth Gensicke, Beobachtungen zur Besitzgeschichte der Vogtei Ebsdorf, in: Hessisches Jahrbuch für Landesgeschichte 7 (1957), 90–101; ders., Der Anteil der Herren von Runkel und Westerburg am Gleiberger Erbe, in: Archiv für Hessische Geschichte und Altertumskunde NF 25 (1955), 35–39; Alois Gerlich, Die Vogteien des Stiftes St. Stephan zu Mainz, in: Zeit- schrift für die Geschichte des Oberrheins 101 / NF 62 (1953), 1–23. 13 Eckhart Goetz Franz, Kloster Haina. Bd. 1: 1144–1300, Marburg 1962 (= Klosterarchive, Regesten und Urkunden 9,5), Nr. 9. 14 Zwar wird von Robert Höniger (Hrsg.), Kölner Schreinsurkunden des zwölften Jahrhun- derts, Bonn 1893 (= Quellen zur Rechts- und Wirthschaftsgeschichte der Stadt Köln 2.1), 266 ein „Staufenberg“ in der Zeit zwischen 1190-1215 genannt und auf das hessisches Stau- fenberg bezogen. Klaus Andrießen, Siedlungsnamen in Hessen. Verbreitung und Entfaltung bis 1200, Marburg 1990 (= Deutsche Dialektgeographie 88) greift diese Quelle zwar auf, zieht die Zuordnung aber selbst nach Korrespondenz mit dem Kölner Stadtarchiv in Zwei- fel. Selbst wenn in der Quelle zur Zeit der Edition noch „ecclesiam i Staufenberg“ gelesen werden konnte, weist der Kontext doch eher z.B. auf einen naheliegenderen Ort, z.B. den heutigen Essener Ortsteil Stoppenberg, hin (vgl. „Karmelitinnenkirche in Stoppenberg”, in: MOHG 104 (2019) 407 schen Ministerialen von Staufenberg müssen aber vor allem Ansporn für die weitere Erforschung dieses niederadligen Geschlechts sein. Vom Reservistenbild zum Reklameschild. Der Oberhessische Geschichtsverein übergibt dem Oberhessischen Museum ein stadtgeschichtliches Konvolut als Dauerleihgabe KATHARINA WEICK-JOCH Eine überwältigende Fülle an Objekten mit Gießen-Bezug wurde jahrzehntelang in Busecks Hobby- und Sammlerwelt von der Familie Busse gesammelt und ausgestellt. Es handelte sich um eine Privatsammlung, die von Uniformen über Trachten bis hin zur Rekonstruktion historischer Läden eine Bandbreite der Geschichte der Region zeigte. Nach dem Tod des Sammlerwelt Gründers Harald Busse wurde die Sammlung 2018 aufgelöst und durch die Witwe Angela Busse veräußert. Es bot sich zu diesem Zeitpunkt die einmalige Gelegenheit, Objekte aus der Gießener Geschichte für das Museum zu erwerben. Es war naheliegend, die Bestände hinsichtlich einer Erweiterung der Sammlung des Oberhessischen Museums anzusehen. Eine erste Sichtung und Auswahl über- nahm Dr. Ludwig Brake als Stadtarchivar, da die Museumsleitung zu diesem Zeit- punkt noch nicht besetzt war. Gezielt wählte er Gegenstände aus, um die großen Lücken in der Sammlung des Oberhessischen Museums im Bereich der Stadt- geschichte zu schließen. Da das Museum selbst so kurzfristig keine Gelder auf- bringen konnte, sprang der Oberhessische Geschichtsverein (OHG) zur Seite. Als Gründer des Museums und ganz im Sinne seiner Tradition als Unterstützer regio- naler Geschichte erklärte er sich bereit, zahlreiche Objekte zu erwerben, um sie dem Museum als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen. Die Objekte aus rund 140 Jahren Gießener Geschichte stehen dem Museum nun dauerhaft zur Verfügung, um Ausstellungen gegebenenfalls zu ergänzen und Besucher*innen weitere Facetten des städtischen Lebens der vergangenen Jahre zu verdeutlichen. Im Bereich der Alltagskultur vor über hundert Jahren und zur Bedeutung ver- schiedener Gießener Institutionen ergänzen folgende Objekte den Bestand: Ein Bierkrug vom 300jährigen Jubiläum der Justus-Liebig-Universität von 1907, ein Silberbecher zur Erinnerung an das Landwirtschaftsfest (Gießen, 16.09.1912), ein versilberter Becher als Ehrenpreis des Gießener Pferdemarkts 1907 und eine Hut- schachtel der Firma Hess. Einige Urkunden, die entsprechende Ereignisse oder Institutionen mit kon- kreten Biographien verknüpfen, sind ebenfalls unter den Gegenständen aus der Sammlerwelt: Eine Ehrenurkunde der Gail‘schen Feuerwehr für Karl Becker, das Reservistenbild von Tambur Fischer, eine Anerkennungsurkunde des deutschen KuLaDig, Kultur.Landschaft.Digital. https://www.kuladig.de/Objektansicht/A-CW-2009 0608-0002 - 31.12.2019). 408 MOHG 104 (2019)