Bei der Integrierten Versorgung steht die optimale Betreuung der Patienten im Mittelpunkt Mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz wurden Anfang 2004 neue vertragliche Möglichkeiten der Zusam- menarbeit zwischen verschiedenen Leistungsanbietern eröffnet. Für die Behandlung von Patienten, die an Mul- tipler Sklerose leiden, ist dies eine neue Chance, Diagnostik und Therapie zusammen zu führen und die weithin beklagte anonyme „Fünf-Minuten-Medizin“ durch individuelle und spezialisierte Behandlungskonzepte abzu- lösen. Im Rahmen einer Kooperation mit niedergelassenen Neurologen wurde die bestehende Versorgungssitua- tion im Hinblick auf medizinische Leistungen und Ressourcenverbrauch im Einzugsgebiet der Neurologischen Kli- nik des Universitätsklinikums Gießen und Marburg GmbH am Standort Gießen untersucht. Auf der Basis der ei- genen wissenschaftlichen und klinischen Erfahrung wurde entsprechend der Behandlungsleitlinien der Fachge- sellschaften ein Kopfpauschalen-Modell der „Integrierten Versorgung“ mit Budgetverantwortung am Klinikum entwickelt. Daraufhin konnte gemeinsam mit der Barmer Ersatzkasse in Hessen ein Vertrag zur „Integrierten Ver- sorgung“ nach § 140a-d SGB V geschlossen werden. Seit November 2005 haben sich bereits über 140 Patienten eingeschrieben und parallel dazu wurden Kooperationen mit über 50 niedergelassenen Fachärzten verschiede- ner Disziplinen sowie zwei Reha-Kliniken in Hessen vereinbart. 68 Spiegel der Forschung ANDERS/OSCHMANN INTEGRIERTE VERSORGUNG Von der Versorgungsforschung zur Integrierten Versorgung Am Beispiel der Multiplen Sklerose* Von Dirk Anders und Patrick Oschmann Die Multiple Sklerose (MS) ist die sorgungsstrukturen sowie mangelhafter darüber hinaus patientenbezogene häufigste neurologische Erkran- Abstimmung zwischen den Sektoren Therapieschemata mit mehrfachem kung des jungen Erwachsenen- hat sich die effektive und effiziente Medikamentenwechsel notwendig, bis alters mit ca. 120.000 bis 180.000 Betrof- Umsetzung dieser Therapiestrategien eine optimale Behandlungsqualität er- fenen in Deutschland. Auf Grund der als problematisch erwiesen. So stiegen reicht ist. Es ist daher anzunehmen, voranschreitenden Behinderungen sind die Medikamentenkosten 1999 dass etwa einem Viertel der derzeitigen bereits über 30% der 40-Jährigen früh deutschlandweit von 175 Mio. Euro – Medikamentenkosten kein entspre- berentet. Nach zehn Jahren Krankheits- bei einer Quote basistherapeutisch the- chender Nutzen gegenüber steht. Bei dauer liegt bei 70% der unbehandelten rapierter MS-Patienten von 13% – auf der medikamentösen Schubprophylaxe Patienten eine deutliche Einschränkung mittlerweile 600 Mio. Euro (Therapie- hat sich in den letzten zehn Jahren viel der Gehfähigkeit vor, 65% entwickeln Quote 39%). Aus medizinischer Sicht getan, doch häufig sind die ambulanten kognitive Defizite und 40% bis 75% eine wird eine Therapie-Quote von etwa Versorgungsstrukturen nicht in gleicher Depression. Die sozioökonomischen 60% angestrebt. Weise mitgewachsen. Für Aufklärung, Auswirkungen sind mit kalkulierten Die Versorgungsqualität ist jedoch Beratung und Fragen der Patienten volkswirtschaftlichen Kosten von 4 Mrd. fraglich. Nach Erhebungen liegt die Ab- fehlt oft die nötige Zeit. Der Versor- Euro für 1999 (Kobelt et al. 2001) enorm brecher-Quote bundesweit im ersten gungsaufwand wird im bisherigen Ver- hoch. Die Kosten stehen hierbei in ei- Jahr bei 36% bei bekanntem Wirkein- gütungssystem nur unzureichend abge- nem engen Zusammenhang mit dem tritt für Interferon nach drei bis sechs bildet. Bei leitliniengerechter Umset- Behinderungsgrad der Patienten. Monaten. In gut betreuten Patienten- zung der Therapie betrug die Kosten- Mittlerweile stehen hochwirksame gruppen, etwa bei Zulassungsstudien, deckung je nach Berücksichtigung der kausale Therapieansätze zur Verfügung, konnte jedoch durch gute Information Deckelung 28% bis 45% in der Kassen- d.h. eine medikamentöse Schubpro- der Patienten und konsequente Be- arztpraxis bzw. 66% in der Ambulanz phylaxe. Die Wirksamkeit ist am besten handlung der Nebenwirkungen eine des MS-Zentrums. im Frühstadium der Erkrankung. Auf wesentlich niedrigere Abbrecher-Quote Für andere Patienten ist es oft Grund fehlender flächendeckender Ver- von nur 7,2% über einen Zweijahres- schwierig, Spezialisten zu finden, die in Zeitraum erzielt werden (Kappos et al. der Diagnostik und Therapie der MS- *Wesentliche Teile dieses Artikels wurden bereits veröffent- 2006). Auf Grund der pathogenetischen Symptome erfahren sind. Von Patien- licht in: Das Krankenhaus 5/2006 Heterogenität der Erkrankung sind tenseite kommt es daher zu Kompensa- 23. Jg. Nr. 1/2 • November 2006 69 Prozesslandkarte der Integrierten Versorgung MS Management-Prozesse Kunden-Analyse Strategie/Leitbild Leistungs- Wiss. Leitlinien in Personal- Entwicklung Marketing Datenschutz Netz- KonPtirnouduiekrt-liche Controlling Qualitätshandbuch management Software-Modul Organisation Eennttwwicicklkulnugn/-g AA-C1-01 übernehmen management Kernprozesse Telefon- Patienten- Marketing information Sprechstunde Überweisungs-Formulare Patienten- Neurologische Stationäre Neuroradiologie Andere Fachärzte Heilmittel Ambulante / Interesse Untersuchung und Behandlung stationäre Arztbrief Behandlung Rehabilitation Leistungs- Leistungs- PB-N1-01, AA-N1-01 DRG MRT-Protokoll beschreibung Zielvereinbarung beschreibung Planung und Durchführung der Schubtherapie Qualitätshandbuch Planung und Durchführung der symptomatischen Therapie Qualitätshandbuch Patient Patient Förderung von Coping und Adherence Qualitätshandbuch Austritt aus der Planung und Durchführung der Basistherapie IntegriertenVersorgung MS Qualitätshandbuch PB-Z1-01, AA-Z1-01 Jährliche Verlaufskontrolle durch MS-Zentrum Hausärzte Hausärzte Krankenkasse Kooperationspartner und Leistungserbringer Krankenkasse Fachärzte Fachärzte Call-Center 0641 99-45315, -45394 Kunden- Beschwerde Beschwerdemanagement zufriedenheit Service-Qualität und gesundheits- bezogene Lebensqualität FO-Q1-02 IV Ressort Finanzen Gemeinsame Datenbank klinische Versorgungs- Clearing-und Controlling Kliniksapotheke Fortbildungen Netzwerk Forschung Forschung Fall-Konferenz Kommission MS Unterstützende Prozesse gemeinsam mitUni Giessen MS-Zentrum Krankenversicherung LK-IV-02 Abb. 1: Prozesslandkarte der Integrierten Versorgung Multiple Sklerose des MS-Zentrums der Neurologischen Universitätsklinik Gießen-Mar- burg, Standort Gießen (Quelle: Das Krankenhaus 5/2006) tionsstrategien mit einer hohen Zahl disziplinären Absprache und aktiven nitiver Behinderung. Als Struktur wur- von verschiedenen kontaktierten Ärz- Zusammenarbeit („Case Manage- de 1999 ein mittelhessisches Netz gebil- ten (je nach Schweregrad der Erkran- ment“) verschiedener für die Behand- det, bestehend aus dem MS-Zentrum kung 15 bis 34 pro Jahr) (eigene Daten), lung der MS wichtigen Disziplinen und der Universität Gießen und fünf MS- Flucht in die Alternativmedizin sowie somit der Patientenführung. Hierzu Schwerpunktpraxen. Die Aufgabe des Nutzung anderer, nicht autorisierter zählen z.B. Neurologen, Neuroradiolo- MS-Zentrums sollte insbesondere sein: Informationsquellen, z. B. das Internet. gen, Urologen, Psychiater und Ortho- den Wissenstransfer aus der Forschung Mit ein Grund für die mangelnde Ad- päden. Ein solcher Ansatz erscheint be- in die klinische Anwendung zu gewähr- herence der Patienten, d.h. die dauer- sonders wichtig bei Patienten mit leisten und die Koordination zu über- hafte Anwendung gemeinsam mit dem krankheitsbedingten Schwierigkeiten in nehmen. Zur Organisation und Steue- Arzt gewählter Basistherapeutika, kön- der Adherence. Hierdurch können die rung wurden nach dem Vorbild US- nen die bereits früh im Krankheitsver- Therapiemöglichkeiten optimiert und amerikanischer MS-Zentren bestimmte lauf sich entwickelnden kognitiven De- Belastungen durch unnötige Diagnos- Struktur-Module an deutsche Verhält- fizite in den Bereichen Planung und tik und Therapie verringert werden. Bei nisse adaptiert: Entscheidungsfindung, Konzentration der Planung und Umsetzung eines regi- • „MS-Nurse“ als zentraler Ansprech- und Gedächtnis sein. onalen Versorgungsnetzes mussten die partner für die Patienten, folgenden medizinischen Problemkon- • eine strukturierte einheitliche MS- Lösungsansatz regionale stellationen beachtet werden: früher Sprechstunde im MS-Zentrum und in Versorgungsnetze Krankheitsbeginn im aktiven Erwach- den MS-Schwerpunktpraxen, senenalter (Familie, Beruf), lebenslange • elektronische Patientenakten zur Ein struktureller Ansatz zur Verbesse- Erkrankung mit drohender zunehmen- einheitlichen Datendokumentation, rung der Versorgungsqualität von MS- der Behinderung, sich rasant entwi- • ein Qualitätshandbuch zur prakti- Patienten ist die Bildung regionaler ckelnde therapeutische Möglichkeiten, schen Umsetzung vorhandener Leitlini- Versorgungsnetze. Dies dient der inter- erschwerte Adherence auf Grund kog- en, 70 Spiegel der Forschung Einschreibung in das Netzwerk der Integrierten Versorgung MS PB-N3-01, AA-N3-01 Quartalsweise Wiedervorstellung Erinnerungsfunktion ANDERS/OSCHMANN INTEGRIERTE VERSORGUNG • eine strukturierte Schulung von hend zu mildern, um zwischenzeitlich für einen Integrierten Versorgungsver- Mitarbeitern und zur Stärkung der Nachhaltigkeit der trag. • eine intensive Aufklärung von Pati- etablierten Versorgungsstrukturen nach Bei der Entwicklung eines Integrier- enten zur Verbesserung der aktiven alternativen Vergütungsmöglichkeiten ten Versorgungsvertrags müssen die di- Teilnahme am Versorgungsprogramm. zu suchen. Hier ergab sich Ende 2003 ametral entgegengesetzten Forderun- die Möglichkeit, einen „Integrierten gen der Kostenträger und der beteilig- Nach einer Implementierungszeit von Versorgungsvertrag“ mit der BARMER ten Gesundheitsdienstleister bezüglich zwei Jahren zeigte bereits eine erste abzuschließen. Ausgabenstabilität und kostendecken- Evaluation der Netzstruktur eine besse- der Vergütung berücksichtigt werden. re Abstimmung der Behandlungspro- Entwicklung eines Kopfpauschalenmo- Hier ist eine hohe ethische Verantwor- zesse in Mittelhessen. So konnte z.B. bei dells als Grundlage eines Integrierten tung gefordert, um einen Ausgleich einer Patientenbefragung im Jahre 2003 Versorgungsvertrages zwischen medizinischen Möglichkeiten in 78% eine hohe Zufriedenheit mit der und wirtschaftlicher Ressourcenalloka- Behandlung festgestellt werden. Die Pa- Mit dem Gesundheitsmodernisie- tion zu schaffen. Schließlich müssen tientenbindung war hoch und betrug rungsgesetz wurden Anfang 2004 neue der Entwicklungs- und Organisations- z.B. 80% im MS-Zentrum, d.h. nur vertragliche Möglichkeiten der Zusam- aufwand für das MS-Zentrum finan- 20% nutzten innerhalb eines Jahres menarbeit zwischen Krankenkassen ziert werden. Gelöst wurde dies durch nicht mehr die Betreuung durch die und Leistungsanbietern eröffnet. Um ein Kopfpauschalen-Modell. Die Anfor- Universitätsklinik. Bei Auswertung be- das Pilotprojekt eines regionalen Ver- derung an die Angebotserstellung für stimmter Versorgungsparameter zeig- sorgungsnetzes auf eine solide vertrag- den Integrierten Versorgungsvertrag ten sich bereits 2003 deutliche Unter- liche und finanzielle Basis zu stellen war, dass die Soll-Kopfpauschale nicht schiede zwischen der Situation Gesamt- und die Möglichkeiten für ein räumli- höher liegen dürfte als die Ist-Kosten. deutschlands und der in Mittelhessen. ches Wachstum zu schaffen, wurde ne- Zur Umsetzung wurden für alle rele- Im eher ländlich strukturierten Versor- ben dem medizinischen Modell ein vanten Leistungsbereiche kostende- gungsraum konnten eine zu Großstäd- Kalkulationsmodell erstellt. Die ckende Vergütungsstrukturen kalkuliert ten vergleichbare Quote von Patienten, Grundlage waren die seit 1999 im Rah- und anhand der Leitlinien sowie des die mit Basistherapeutika behandelt men des regionalen Versorgungsnetzes Qualitätshandbuches erforderliche wurden, eine zum Bundesdurchschnitt erhobenen Daten über Leistungs-, Kos- Leistungsfrequenzen für ein durch- verbesserte Therapietreue und mehr ten- und Erlösstrukturen. Damit wur- schnittliches Patientenkollektiv be- ärztlich vorgenommene Therapiewech- den die tatsächlichen Durchschnitts- stimmt. sel erzielt werden. Häufige Therapie- kosten eines MS-Patienten kalkulier- Die Akzeptanz einer Integrierten Ver- wechsel sind notwendig, um eine indi- bar. Die erhobenen direkten Kosten la- sorgung bei den Patienten beruht auf viduelle Optimierung in Bezug auf Ne- gen nach Adjustierung um die in den dem Vertrauen, dass sie im Vergleich benwirkungen und unzureichende letzten Jahren gestiegenen Basisthera- zur Regelversorgung nicht schlechter Wirkung der Behandlung zu erreichen pie-Kosten in vergleichbarer Höhe frü- gestellt werden. Eine Rationierung von (siehe Tabelle 1). Als problematisch herer Untersuchungen (Kobelt und Leistungen darf daher nicht als Kalku- und nicht gelöst erwies sich jedoch die Pugliatti 2005). Je nach Fragestellung lationsgrundlage vorgesehen sein. Eine unzureichende finanzielle Vergütung betrug die Größe der ausgewählten Pa- Unterfinanzierung findet sich insbe- der Versorgungsaufwendung. Über tientenkollektive zwischen 123 bis 537 sondere in der ambulanten ärztlichen Quersubventionierungen war es mög- Patienten und bildete somit eine valide Behandlung; ohne eine höhere Bewer- lich, das finanzielle Problem vorüberge- Datengrundlage als Kalkulationsbasis tung wird der niedergelassene Facharzt insbesondere die zeitaufwendigen Auf- gaben der Patientensteuerung und -be- ratung nicht leisten können. Der Bud- Tabelle 1: Versorgungsparameter bezüglich einer Therapie mit Basistherapeutika (Interferon, getanteil der ambulanten ärztlichen Glatirameracetat) in Deutschland und Mittelhessen (2003) Versorgung wurde daher von 12,5% im Deutschland Mittelhessen Ist-System auf 23% in der Integrierten 2003 (n = 13.580) (n = 381) Versorgung heraufgesetzt. Die Refinan- Quote therapierter Patienten 37% 53% zierung gelingt vorrangig durch das Therapieabbruch durch den Patienten 36% 10% Gatekeeper-Prinzip, d.h. Leistungen und Medikamente werden nur durch Ärztlich vorgenommene Therapiewechsel 12% 19% den behandelnden Neurologen verord- (Deutschland: Serono GmbH, interne Daten; Mittelhessen: eigene Daten) net, und Case Management (Wiech- 23. Jg. Nr. 1/2 • November 2006 71 Abb. 2: Exemplarische Prozessbeschreibung – Ablauforganisation MS-Sprechstunde (Quelle: Das Krankenhaus 5/2006) Software-Modul Ablaufschritte ZuständigkeitN A BemerkungAH Neurologische Untersuchung und Bereitlegen der Akte Behandlung (N1) Akte entsprechend denN AH Anmeldungen im Terminkalender Einschätzung der Stamm- und Falldaten Begrüßung N AH Dringlichkeit und des Aufwands, behandelnden Arzt auswählen und dem Patienten mitteilen Akte auf Vollständigkeit N AH mitgebrachte Vorbefunde im prüfen Befundindex einscannen Strukturierte QM-Handbuch Symptomerfassung Anamnese 1 Leitlinien N Im Behandlungszimmer Blutentnahme N Abholung der Blutentnahmesicherstellen Quality of Life, Eingabe 9-HP, Service-Qualität, FO-Q1-02 N Einmal im Jahr und beiPASAT, 7,6 m-Gehen 9-HP, PASAT, Einschreibung 7,6 m-Gehen Der Arzt übernimmt den Freitext Anamnese Anamnese 2 A Patienten, die MS-Nurse geht zum nächsten Patienten Befundindex Würdigung von A Vorbefunde einsehen Vorbefunden Falls Symptome auf eine IVMS Nein GKV AHB A nicht MS-bedingte Störung hinweisen, reine oder zusätzliche GKV-Leistung. Ggf. Erfassung in Orbis bzw. Praxissoftware korrigieren. Ja Freitext Befund, EDSS Neurologische Untersuchung A Aktuelle QM-Handbuch Freitext Procedere Einschätzung, Leitlinien A AA-N1-01 künftiges Procedere Gemeinsam mit dem Patienten wird das künftige Procedere abgestimmt auf seine individuellen Aufträge (Rezepte, Möglichkeiten und Überweisungen) Aufklärung desPatienten A Bedürfnisseerstellen Überweisungs- Formulare und Zu Dokumentationszwecken Arztbrief erweiterten ArztbriefAH A ausdrucken ausdrucken und der Akteanfügen Automatische Arztbrieferstellung Erläuterung: N = MS-Nurse AH = Arzthelferin B = Bürokauffrau Erinn- Wiedervorstellungstermin A = ArztAH A erung Verabschiedung Netzarzt = vertraglichgebundener Neurologe / Nervenarzt 72 Spiegel der Forschung ANDERS/OSCHMANN INTEGRIERTE VERSORGUNG mann 2003). Insbesondere die MS- mente. Zur Finanzierung wurde eine erschließen. Sektorübergreifende, auf Nurse als Case-Managerin kann ent- durchschnittliche, morbiditätsunab- den individuellen Patienten zugeschnit- scheidend zur Patientenzufriedenheit hängige Kopfpauschale vereinbart. Die tene Behandlungsprogramme können und zum Behandlungserfolg beitragen. Vertragsgrundlage ist eine qualitätsgesi- angeboten werden. Persönliche Zuwendung kann auch den cherte Therapie gemäß den aktuellen • Die niedergelassenen Partner spezi- Patientenwunsch nach medizinisch un- Leitlinien der Deutschen Gesellschaft alisieren sich durch gemeinsame Fort- sinnigen kostentreibenden Leistungen für Neurologie. Alle bei der BARMER bildungen und interdisziplinäre Fall- reduzieren. Versicherten in Hessen, die an Multip- konferenzen. Sie erhalten eine extra- Die Übernahme der Budgetverant- ler Sklerose erkrankt sind, können teil- budgetäre und erstmalig Kosten de- wortung erlaubt es, die Teilbudgets der nehmen. Sie verpflichten sich viertel- ckende Vergütung. Kopfpauschale der Integrierten Versor- jährlich bei einem Neurologen der Inte- • Der Patient erhält eine garantierte gung sektorübergreifend zu verrechnen, grierten Versorgung bzw. im Gießener Umsetzung der vorhandenen Leitlinien um beispielsweise durch höherwertige MS-Zentrum vorzustellen und stim- durch zentrale Behandlungsplanung, ambulante Leistungen stationäre Be- men dem Gatekeeper-Prinzip zu. Au- Koordination und Steuerung aller diag- handlungen und Rehabilitation einzu- ßerhalb der Versorgung dürfen keine nostischen und therapeutischen Pro- sparen. Die Umstrukturierung der sek- Kassenleistungen zur Behandlung der zesse, profitiert von besonderen Ser- toralen Versorgung kann nur mit Hilfe Multiplen Sklerose in Anspruch ge- vice-Leistungen (bevorzugte Termin- eines eigenen Abrechnungssystems er- nommen werden. vergabe bei allen Fachärzten, Verringe- folgen. Wegen der Heterogenität des Diese Vereinbarung zeigt Vorteile für rung von Wartezeiten) und hat mit der Krankheitsbildes der MS sowie der le- alle Seiten: MS-Nurse eine persönliche Ansprech- benslangen Dynamik lassen sich nach • Die BARMER als Kostenträger sta- partnerin bei allen Fragen rund um die eigenen Daten Patienten-Subtypen bilisiert die Ausgaben durch Übertra- Multiple Sklerose. oder Krankheitsphasen mit eindeutig gung des Gesamtbudgets und eines zuzuordnenden Kostenstrukturen nicht Teils des Morbiditätsrisikos an das MS- Umsetzung des „Integrierten Versor- plausibel abgrenzen. Komplexpauscha- Zentrum und bekommt eine qualitäts- gungsvertrages Multiple Sklerose“ lenmodelle mit fixen abgegrenzten gesicherte hoch spezialisierte und inno- Preis- und Leistungsstrukturen stellen vative Dienstleistung für ihre Mitglie- Nach Abschluss des Versorgungsvertra- daher keinen Weg dar, um eine chroni- der. ges wurde über die nächsten sechs Mo- sche Erkrankung wie z.B. Multiple • Das MS-Zentrum kann die Struktu- nate eine komplette neue Organisati- Sklerose abzubilden. ren und Abläufe gemeinsam mit seinen onsstruktur entwickelt (Abbildung 1). Auf dieser Grundlage konnte mit der niedergelassenen Partnern steuern, ver- Diese beinhaltete Personalaufbau, Be- BARMER zum 1. Juni 2005 ein innova- bessern und Wirtschaftlichkeitsreserven handlungspfade (beispielhaft die MS- tiver Vertrag zur Integrierten Versor- gung nach § 140 a-d SGB V geschlossen werden. Hervorzuheben ist hier die Be- reitschaft der BARMER, dieses zumin- dest im Rahmen der Indikation MS noch nicht existierende Kopfpauscha- len-Modell gemeinsam zu erproben und damit auch eine hohe Verantwor- tung für die Versorgung ihrer Versi- cherten zu übernehmen und die öko- nomische Relevanz dieses IV-Vertrages in der Vertragsentscheidung angemes- sen zu berücksichtigen. Im Vertrag ent- halten sind die ambulante fachärztliche Behandlung der für die Behandlung der MS wichtigen Disziplinen, Heilmittel (Physiotherapie, Logopädie, Ergothera- pie), stationäre Behandlung (z. B. Das MS-Team der Neurologischen Klinik in Gießen (von links): Dr. Reinhard Reuß, Petra schwer verlaufende Schübe), ambulante Hardt, Prof. Patrick Oschmann, Andrea Gertz, Britta Thomé, Dr. Felix Gronen, Dr. Kirstin und stationäre Rehabilitation sowie alle Retzlaff, Rebecca Emmerich, Dr. Christina Burger, Sabine Vogel, Isabel Hassinger, Petra Müt- für die Erkrankung relevanten Medika- ze, Dr. Anne Hartung 23. Jg. Nr. 1/2 • November 2006 73 MS-Zentrum der Neurologischen Universitätsklinik MS-Schwerpunktpraxen treuung der MS-Patienten ergänzt, wel- ches den beteiligten neurologischen Praxen über eine sichere Internetver- bindung (VPN) zugänglich gemacht wird. Die Programmierung des Softwa- re-Moduls und die Systembetreuung mit eigenem Server finden durch die Abteilung für Klinische und Administ- rative Datenverarbeitung statt, die be- reits in den letzten Jahren intensive Er- fahrungen mit Netzwerk-Projekten ge- sammelt hat. Kommerziell erhältliche Software kann jeweils nur einen Teil der für eine Integrierte Versorgung not- wendigen Anwendungen unterstützen. Die elektronische Patientenakte wird die Behandlung analog einem klini- schen Pfad (Abb. 2) abbilden und dient einerseits der medizinischen Doku- mentation und Kommunikation. Ande- rerseits erfolgen die Patienten-Admi- nistration, das Kosten-, Erlös- und Leistungs-Controlling sowie die interne und externe Qualitätssicherung mit Hilfe des Software-Moduls. Im November 2005 begann die Ein- Abb. 3: Regionale Ausdehnung der Integrierten Versorgung Multiple Sklerose schreibung von BARMER-Patienten in (Stand: August 2006) die Integrierte Versorgung. Mit Stand Ende August 2006 konnten bereits über Sprechstunde in Abbildung 2), Formu- dungen des MS-Zentrums pro Jahr. 140 Patienten eingeschrieben werden, larwesen, Kosten-, Erlös- und Leis- Im Steuerungskonzept des IV-Vertra- dies entspricht etwa 20% aller BAR- tungs-Controlling sowie Rechnungswe- ges kommt den Neurologen eine MER-Patienten mit MS in Hessen. Die sen. Zudem mussten Marketing und Schlüsselrolle zu, da sie analog zum internen Hochrechnungen bestätigen Vertrieb organisiert werden. Zur Um- Gatekeeper-Modell der Hausärzte allein die Richtigkeit der dem Vertrag zu setzung des Vertrages wurden ab Okto- zur Verschreibung von Leistungen be- Grunde gelegten Annahme des Kalku- ber 2005 in Hessen Neurologen ver- rechtigt sind. Mittlerweile ist Mittel- lationsmodells. Geplant ist, dass im traglich gebunden, die die von der und Südhessen mit vierzehn beteiligten Winter 2006/07 in ganz Hessen flä- Deutschen Gesellschaft für Neurologie Neurologen vollständig abgedeckt (Ab- chendeckend Kooperationspartner ver- definierte Strukturqualität für eine MS- bildung 3). Die Praxen wurden analog traglich gebunden sind. Verhandlungen Schwerpunktpraxis erfüllen konnten. den Studienzentren in klinischen Medi- mit weiteren Krankenkassen über einen Hierzu zählen u.a. die langjährige Er- kamentenprüfungen in die Integrierte Einstieg in das laufende Projekt stehen fahrung in der Behandlung von MS- Versorgung Multiple Sklerose aufge- kurz vor dem Abschluss. kranken Patienten, die persönliche Be- nommen und geschult. Zur internen treuung von mindestens 50 MS-Patien- Qualitätskontrolle finden jährlich Au- Ausblick ten pro Quartal, im Praxisablauf ver- dits statt. Nach Möglichkeit werden die antwortlich eingebundene MS-Nurse von jeder MS-Schwerpunktpraxis be- Die Integrierte Versorgung stellt hohe und telefonische Beratung der Patien- reits vorgehaltenen und gut funktionie- Anforderungen an den Träger, denen ten, Durchführung standardisierter renden lokalen informellen Netze mit nur in einem vielseitigen und hoch mo- Verlaufsuntersuchungen, Praxisausstat- in die Integrierte Versorgung aufge- tivierten Leitungsteam entsprochen tung mit EDV und Breitband-Internet- nommen. Das Krankenhausinformati- werden kann. Es erschließt dem Träger Anschluss zur Patientendokumentation onssystem des Universitätsklinikums – in unserem Fall dem Krankenhaus – mittels digitaler Krankenakte sowie die Gießen-Marburg, Standort Gießen, neue Geschäftsfelder durch Förderung Teilnahme an mindestens vier Fortbil- wird um ein eigenes Modul für die Be- der Zentrenbildung und Spezialisie- 74 Spiegel der Forschung ANDERS/OSCHMANN INTEGRIERTE VERSORGUNG rung. Neue Versorgungseinheiten wie handlung und strikte Service-Orientie- triebswirtschaftlichem und medizini- z.B. die ambulante Rehabilitation kön- rung gewinnen. Neben betriebswirt- schem Know-how eines Trägers werden nen aufgebaut werden. Die Multiple schaftlichen und medizinischen Fähig- diese Voraussetzungen für den Erfolg Sklerose ist hier nur ein Beispiel für an- keiten wird im Team eine hohe ethische der Integrierten Versorgung nur in ei- dere chronische Erkrankungen. Aus be- Verantwortung gefordert, um einen nem eigenen Leitungsteam verwirk- triebswirtschaftlicher Sicht wird durch Ausgleich zwischen medizinischen licht. Wenn dies gelingt, stellt die Inte- Einbindung weiterer Sektoren, etwa der Möglichkeiten und wirtschaftlicher grierte Versorgung nicht nur „alten niedergelassenen Vertragsärzte und Ressourcenallokation zu schaffen. Die Wein in neuen Schläuchen“ dar, son- Reha-Kliniken, und räumlicher Aus- Kooperation der verschiedenen, biswei- dern sie ist ein exzellentes Instrument dehnung mit Hilfe von Vertragspart- len noch in einem überkommenen La- zur Verbesserung der Versorgungsquali- nern ein erhebliches Umsatzwachstum gerdenken verhafteten Akteure ist im tät bei gleichzeitiger Kostendämpfung. • generiert. Die medizinische Dienstleis- deutschen Gesundheitssystem noch tung steht dabei immer im Vergleich kaum erprobt und wird nur durch ho- zur Regelversorgung und kann die Pati- he Kommunikations- und Kompro- LITERATUR: enten – und damit die Erlöse – nur missfähigkeit herbeigeführt. Statt durch durch eine qualitativ hochwertige Be- eine schlichte Verknüpfung von be- • Flachenecker P, Zettl UK et al. (2005) MS-Register in Deutschland. Design und erste Ergebnisse der Pilotphase. Nervenarzt 76: 967-975 • K appos L, Polman CH, Freedman MS, Prof. Dr. med. Patrick Oschmann, Dr. med. Dirk Anders Edan G, Hartung HP, Miller DH, Mon- MS-Zentrum der Neurologischen Klinik talban X, Barkhof F, Bauer L, Jakobs P, Universitätsklinikum Gießen und Marburg GmbH Pohl C, Sandbrink R (2006) Treatment Am Steg 14, 35392 Gießen with interferon beta-1b delays conversi- Telefon: 0641/99-45306 on to clinically definite and McDonald E-mail: Dirk.Anders@neuro.med.uni-giessen.de MS in patients with clinically isolated syndromes. Published ahead of print as Patrick Oschmann, Jahrgang 1961, studierte von 1982 bis 1988 an den Universi- an E-pub at www.neurology.org täten Würzburg, Yale und Harvard Medizin. Danach Facharztausbildung an der • K obelt G, Lindgren P, Smala A et al. Neurologischen Universitätsklinik Gießen. 1994 Ernennung zum Oberarzt und (2001) Cost and quality of life in mul- Leiter des Neurochemischen Labors der Universität Gießen. Seit 1996 Aufbau einer tiple sclerosis - an observational study Forschungsgruppe für Multiple Sklerose und Neuroimmunologie. 1999 Habilitati- in Germany. Health Econom Prevent on. 2001 Studienabschluss im Fach Gesundheitsökonomie. 2004 Ernennung zum Care 2: 60-68 Geschäftsführenden Oberarzt der Neurologischen Klinik Gießen und 2005 zum apl. • Kobelt G, Pugliatti M (2005) Cost of Professor. Seit 2005 ist Prof. Oschmann Mitglied im Ärztlichen Beirat der Deut- multiple sclerosis in Europe. European schen Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG). Schwerpunkte seiner Tätigkeit in den Journal of Neurology 12: Suppl.1: 63- letzten Jahren sind die klinische Versorgung von MS-Patienten einschließlich der 67 Teilnahme an zahlreichen Therapie-Studien sowie die Grundlagenforschung im • Murphy N (1998) Economic evaluati- Bereich Blut-Hirn-Schranke und Zytokin-Netzwerk. Aktuell gilt sein Interesse Fra- on of multiple sclerosis in the UK, Ger- gen der Versorgungsforschung in Verbindung mit der Entwicklung von integrierten many and France. Pharmooeconomics Versorgungsprojekten einschließlich deren wissenschaftlicher Evaluation. 13: 607-622 • Vickrey DG, Shatin D et al. (2000) Dirk Anders, Jahrgang 1971, studierte nach dem Zivildienst Management of multiple sclerosis – von 1991 bis 1998 an der Universität Hamburg und der Freien across managed care and fee for ser- Universität Berlin Humanmedizin. Promotion 1998 über Nerve vice-systems. Neurology 55: 1341-1349 growth factor (NGF)-Serumbestimmungen bei verschiedenen • Wiechmann M (2003) Managed Care. neuropsychiatrischen Krankheitsbildern. Von 1998 bis 2000 Arzt Grundlagen, internationale Erfahrun- im Praktikum in Berlin-Köpenick, im Jahr 2000 Assistenzarzt in gen und Umsetzung im deutschen Ge- der Psychiatrischen und seit 2001 in der Neurologischen Universitätsklinik Gießen. sundheitswesen; Witt D (Hrsg.); Deut- Schwerpunkte seiner Tätigkeit in den letzten Jahren sind die klinische Versorgung scher Universitäts-Verlag GmbH Wies- von MS-Patienten einschließlich der Teilnahme an zahlreichen Therapie-Studien baden sowie die Projektkoordination Integrierte Versorgung Multiple Sklerose. 23. Jg. Nr. 1/2 • November 2006 75