BERICHTE UND ARBEITEN AUS DER UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK GIESSEN 41 AUS VERGANGENHEIT UND GEGENWART DER GIESSENER HOCHSCHULGESELLSCHAFT von VALENTIN HORN GIESSEN UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK 1987 Druck: Universitätsbibliothek Gießen Der Tafelteil wurde von Gießen-Druck, Gießen, Marburger Str. 10 - 12, hergestellt Inhaltsverzeichnis Seite Geleitwort des Präsidenten der Justus-Liebig- 1 Universität Gießen, Professor Dr. K. Alewell Vorwort . . . 1 Einleitung: Die Gründung der Gießener 5 Hochschulgesellschaft 1. Periode (1918 - 1945) Die Verwaltung 11 Aktivitäten nach innen 12 Aktivitäten nach außen 17 Nach der Inflation 20 Das 10-jährige Jubiläum der GHG 25 Schwere Zeiten für die GHG 27 II. Periode (1948 - 1964) Die Verhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg 33 Der Neubeginn der GHG 35 Mitwirkung am Wiederaufbau der alma mater 38 Vorbereitungen für die 350-Jahrfeier der 41 Universität Gießen Stiftungen von Preisen, Professuren und 46 einer Bibliothek Besondere Anliegen 49 Die materiellen Leistungen der GHG in der Zeit 53 von 1948 - 1964 Die Vortragsveranstaltungen 55 Die Veröffentlichungen 60 Die 'Werbung 64 Die Satzungsänderungen 66 III. Periode (1968 - 1984) Der Start der neuen Leitung 71 Beispiele für die Tätigkeit des Verwaltungsrates 76 "Die veränderten Dimensionen materieller 77 Hilfeleistungen" Aus der Tätigkeit des Vorstandes 84 Die Vortragsveranstaltungen 84 Die Veröffentlichungen 86 Die 375-Jahrfeier der Universität Gießen 89 Die GHG unter den Förderer-Gesellschaften an 91 wissenschaftlichen Hochschulen der Bundes- republik Deutschland Wissenschaft und praktisches Leben 99 Tabellen 102 Bildteil 106 Geleitwort In außerordentlich dankenswerter Weise hat Herr Prof. Dr.Dr.h.c. Valentin Horn seine Erinnerungen an und Er- fahrungen mit der Gießener Hochschulgesellschaft über mehrere Jahrzehnte zusammengestellt und auch die ver- fügbaren Quellen ausgewertet. Ich halte es für außer- ordentlich begrüßenswert, daß damit die Geschichte dieser Fördergesellschaft, die für das Wohl unserer Universität gerade in Krisenzeiten Außerordentliches geleistet hat, einem breiteren Kreise zugänglich ge- macht wird. Für die außerordentliche Mühe, die mit die- ser Zusammenstellung verstreuter Quellen verbunden war, danke ich dem Autor im Namen der Universität herzlich und hoffe, daß dieser Beitrag insbesondere bei älteren Mitgliedern und Freunden der Hochschulgesellschaft die Bereitschaft zur Überlassung zusätzlicher Informationen und zur Niederschrift weiterer Erinnerungen auslöst. Prof. De Karl Alewell Präsident der Justus- Liebig-Universität Gießen - 1 - Vorwort Eine Anregung des Präsidenten der Justus-Liebig-Uni - versität Gießen , Professor Dr. Karl Alewell, auf- greifend, ist der folgende Bericht entstanden. Die ehemaligen Mitglieder des Lehrkörpers, die das Wiedererstehen der Universität aus den Trümmern des letzten Krieges noch persönlich miterlebt hatten, waren gebeten worden, ihre Erinnerungen aufzuzeichnen und sie dem Archiv der Universität als Material. für eine zukünftige Historiographie zu überlassen. Da der Chronist während seiner Hochschullehrertätigkeit fast 12 Jahre in der Gießener Hochschulgesellschaft (GHG) als Vorsitzender wirkte, war auch über diesen Zeitraum zu berichten. Bei der Auswertung des Aktenmaterials kam der Verfasser jedoch zu der Auffassung, daß diese Zeit im Rahmen der geschichtlichen Entwicklung der Gesell- schaft gesehen und gewertet werden müsse. Deshalb wurden. auch die wesentlichen Ereignisse von deren Gründung an mitberücksichtigt, zumal der Referent von 1922 bis 1936 der Universität Gießen als Student, Assistent und Dozent angehörte. Außerdem wurde der Versuch gewagt, einige Aspekte der jüngsten Geschichte zu schildern. Der Referent ist sich bei diesem Unternehmen darüber im klaren, daß trotz aller Bemühungen um sachliche Dar- stellung der Ereignisse auch für ihn gilt, was der ehemalige Gießener Historiker Gerd Tellenbach (1) schreibt: "Das 'Dabeigewesensein' macht alles Erfahrene persönlich, ' Geschichte und Lebensgeschichte berühren sich, Geschehenes ist in das eigene Innere hineingenom - men, was die späteren Aussagen über sie teils durch die (1) Gerd Tellenbach: "Aus erinnerter Zeitgeschichte", 1981, S. 15. - 2 - Unmittelbarkeit gewichtiger, teils durch persönliche Färbung kritikbedürftiger macht". Für die Erstellung des Manuskriptes standen dem Verfasser vor allem zur Verfügung: die "Nachrichten der Gießener Hochschulgesellschaft " und die "Gießener Universitätsblätter " , in denen die meisten Jahresbe- richte der GHG veröffentlicht worden sind, die Fest- schrift zur 350-Jahrfeier (2), die Gießener Hochschul- blätter, das JLU-Forum und die Vorlesungsverzeichnisse. Gute Dienste leisteten auch die folgenden Veröffent- lichungen: 0. Behaghel "Die Aufgaben der GHG" (3), Hugo Freund: "50 Jahre GHG" (4), C. Heselhaus: "Festschrift zur 10. Wiederkehr der Neugründung der Universität Gießen " (5), A. Anderhub: "Das Antoniterkreuz in Eisen" (6), W. Ebel: "Kleine Geschichte des Göttinger Uni- versitätsbundes " (8, 131), R. Kaufmann: " Der Marburger Universitätsbund 1921 - 1971" (134), die gedruckten Protokolle über die Tagungen der Vorsitzenden der Förderer-Gesellschaften der wissenschaftlichen Hoch- schulen der Bundesrepublik Deutschland in Marburg in den Jahren 1966, 1975 und 1983 (127) und Wendt: "Kurzer Bericht über die Förderer-Gesellschaften im Bundesge- biet (128). (2) Ludwigs-Universität, Justus Liebig-Hochschule, Festschrift zur 350-Jahrfeier, Gießen 1957, darin W. Rehmann: "Chronik der Ludwigs-Universität Gießen 1907 - 1945 und der Justus Liebig-Hochschule 1946 - 1957, S. 447 f. (3) Nachrichten der GHG, Bd. 5, 1926, H. 1, S. 1-3. (4) Gießener Universitätsblätter, Jg. 1, 1968, H. 1, S. 13-24. (5) C. Heselhaus: Die Gründung der Gießener Hochschul- gesellschaft (30.7.1917 bis 21.2.1918). In: Justus Liebig-Universität Gießen, Gießen 1967, Festschrift zur zehnten Wiederkehr der Neugründung der Uni- versität, hrsg. vom Rektorat (Prof. C. Heselhaus), S. 62-65. (6) A. Anderhub: "Das Antoniterkreuz in Eisen, Zur Ge- schichte der Universität Gießen während des Ersten Weltkrieges, Gießen 1979, S. 53-56 (m. Anm. S. 89 f). - 3 - Außerdem hatte der Referent die Möglichkeit, für die Zeit seiner eigenen Amtsführung. als Vorsitzender der GHG und die jüngste Vergangenheit die Akten der GHG und die des Archivs des Präsidialamtes einzusehen. Für die weiter zurückliegende Zeit kamen die Archive der Universitäts-Bibliothek (7), das Archiv und das Photoarchiv der Stadt Gießen und das Staatsarchiv in Darmstadt in Betracht. Von diesen letzteren war nur das Staatsarchiv in der Lage, für seinen Zuständigkeitsbe - reich eine vollständige Auskunft zu geben. Die Gießener Archive und die ehemalige Verwaltungsstelle der GHG weisen dagegen für die ältere Zeit kriegsbedingte Lücken auf. Auch sind von den Unterlagen der früheren Schatzmeister S. Heichelheim, L. Grießbauer und E. Bleyer, die nicht nur die Finanzen der GHG verwalteten, sondern auch die Mitgliederlisten und andere Personalakten führten, nur noch die in den "Nachrichten der GHG" veröffentlichten Mitteilungen und Jahresrechnungen aus dieser Zeit er- halten geblieben. Die im Archiv der Universitätsbiblio - thek befindlichen Akten aus dieser Zeit enthalten zwar einzelne wichtige Unterlagen aus der Gründerzeit und von 1930 bis 1944, sind aber im übrigen sehr lücken- haft. Von der in der NS-Zeit (1937) aufgelösten Provin- zialverwaltung der ehemaligen Provinz Oberhessen, der Dienststelle des Vorsitzenden des Vorstandes der. GHG Dr. h.c. Heinrich Leonhard Graef•, war trotz intensiven Suchens nichts mehr in Gießen zu finden. Dadurch wurde das Sammeln von Unterlagen über die frühere Zeit und (7) Archiv des Präsidialamtes der Justus-Liebig-Uni- versität, Gießen Nr. 308, Auswärtige Beziehungen, Faszikel 2, Begründung einer Hochschulgesellschaft und Faszikel 4: "GHG" 1930 bis 1944 (in der UB) - 4 - die führenden Persönlichkeiten der damaligen GHG außer- ordentlich erschwert. Soweit nicht die Ehrenurkunden oder die Festschrift zur 350-Jahrfeier einige Angaben zur Person der geehrten Vorstands- oder Verwaltungs - ratsmitglieder enthielten, war man darauf angewiesen, mit detektivisch anmutenden Methoden die hauptsächlich im Bundesgebiet verstreut lebenden Nachkommen der Ge- suchten zu ermitteln und von ihnen Auskunft einzuholen. Es ist nicht auszuschließen, daß sich unter diesen Um- ständen da und dort Ungenauigkeiten oder Fehler in das Manuskript eingeschlichen haben, für deren Auftreten der Verfasser um Nachsicht bittet. Für etwaige Be- richtigungen und Ergänzungen ist er dankbar. Allen, die den Referenten bei diesen mühevollen Arbei- ten unterstützt haben, den vielen Privatpersonen, den Leitern und Mitarbeitern der Universitätsarchive, der städtischen Archive, des Staatsarchivs, des Marburger Universitätsbundes, des Göttinger Universitätsbundes und der GHG möchte er seinen herzlichen Dank für die große Hilfsbereitschaft aussprechen. Ganz besonderen Dank schuldet der Verfasser dem ver- ehrten Kollegen Prof. Dr. Hans Georg Gundel, dem erfahrenen Kenner der Gießener Universitätsgeschichte für seine stete, freundschaftliche Unterstützung, für so manchen guten Rat und die kritische Durchsicht des Manuskriptes. - 5 - Einleitung: Die Gründung der Gießener Hochschulgesellschaft Die Förderer-Gesellschaften an deutschen Hochschulen entstanden fast zu gleicher Zeit am Ende des ersten Weltkrieges und kurz danach (8). Es lag sozusagen in der Luft, doch gab es auch konkrete Hinweise, Beispiele und Anregungen. So berichteten die damals anscheinend weit verbreiteten Hochschulnachrichten 1917 (9) über die körperschaftliche Förderung des Hochschulwesens, über die Gründung solcher Vereinigungen an ver - schiedenen Hochschulen, sowie über solche, seit längerer Zeit in der Schweiz und in Frankreich be- stehende Einrichtungen, deren Aufgaben und Ziele. Gleichzeitig wurde zur Gründung ähnlicher Vereinigungen in Deutschland aufgerufen; weil auf diese Weise den Hochschulen erhebliche Mittel und Beihilfen zugeführt und zugleich wirksame Beziehungspunkte zwischen ihnen und weiten Bevölkerungskreisen geschaffen werden könnten. Außerdem gewännen die Fürsorgeeinrichtungen für Studenten einen ständigen Rückhalt und die ge- selligen Wechselbeziehungen im Interesse beider Teile eine zeitgemäße Belebung. (8) Gründungsdaten von Förderer-Gesellschaften: Bonn, 7.7.1917; Erlangen, 21.7.1917; Gießen, 21.2.1918; Göttingen, 26.6.1918; Darmstadt, 26.9.1918; Kiel, 27.7.1918; Karlsruhe, WS 18119; Münster, 1918; Marburg, 1920; Heidelberg, Hannover, Clausthal, Dresden, 1921; München, Universität und TH 1922, usw., aus: Ebel, W. "Kleine Geschichte des Göttinger Universitätsbundes 1918-1968", Sonder - druck aus der Georgia Augusta, Mai 1968. (9) Hochschulnachrichten, XXVII. Jg. Nr. 12, H. 324, 1916117, S. 659. (10) Otto Behaghel, 1851-1936, Germanist. Von H. Engels, in "Gießener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jh.", S. 29-37. (11) A. Götze: "Otto Behaghel" in Nachrichten der GHG, Bd. 11, 1937, H. 2, S. 3-9. D. Möhn: "0. Behaghel, ein vorbildlicher Lehrer der Universität Gießen, Gedanken und Erinnerungen zu seinem 110. Geburts - tag", in: Gießener Hochschulblätter, Jg. 11, 1964, H. 2, S. 18 ff. - 6 - In Gießen trat im Laufe des Jahres 1917 ein Ausschuß zur .Gründung einer Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen (Gießener Hochschul- gesellschaft (hinfort GHG)) unter Leitung des Geheimen Hofrates Prof. Dr. 0. Behaghel zusammen. Behaghel, der auch heute noch als einer der bedeutendsten Germanisten seiner Zeit gilt (10) und den der Verfasser aus seiner Studentenzeit noch in guter Erinnerung hat, genoß nicht nur bei seinen Kollegen, sondern auch bei allen Kom- militonen hohes Ansehen und Verehrung. Seine Persön- lichkeit und sein Werk sind vielfach gewürdigt worden (10,11). Behaghel hatte dank seines 5-jährigen Wirkens als Ordinarius an der Universität Basel, an der seit 1834 eine Förderer-Gesellschaft bestand, reiche Er- fahrungen auf diesem Gebiete sammeln können. Der Aus- schuß, dem die Professoren Dr. W. Horn (Anglist), Geh. Hofrat Dr. W. König (Physiker), Geh. Kirchenrat Dr. G. Krüger, Geh. Justizrat W. Mittermaier, Dr. E. Opitz (Gynäkologe) und Geh. Medizinalrat Dr. H. Strahl (Anatom) angehörten, entwarf an Hand von Vorbildern (12) eine Satzung und verfaßte eine Denkschrift (13). Unabhängig davon hatte der Landtagsabgeordnete und Stadtverordnete Justizrat Dr. h.c. W. Grünewald von sich aus die Gründung einer Förderer-Gesellschaft in Erwägung gezogen, wie aus einem an den Rektor, Prof. (12) Die Satzungen der Förderer- bzw. der wissenschaft- lichen Gesellschaften von Basel, Bonn, Freiburg 1, Freiburg 2 und Halle. (13) Denkschrift für die Gründung einer Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen (Gießener Hochschulgesellschaft) Gießen, Dez. 1917, 8 Seiten. Im ersten, historischen Teil ging die Denkschrift auf große Stiftungen für einzelne Universitäten, ferner auf die großen Stiftungsgs- gesellschaften zur Förderung der Wissenschaft im allgemeinen und die bereits bestehenden neuen Förderer-Gesellschaften ein, um dann die für Gießen geplante Gründung, ihren Zweck, ihre Auf- gaben und außerdem Reformvorschläge zu erläutern. - 7 - Dr. Schian gerichteten Schreiben vom 10.8.1917 hervorgeht. Daraufhin wurde er in den bereits bestehen- den Ausschuß aufgenommen, in dem er neben 0. Behaghel eine maßgebliche Rolle spielte. Der Gründungsvorstand wählte ihn zum ersten Vorsitzenden des Vorstandes der GHG. Die offizielle Gründung der "Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen" (Gießener Hoch- schulgesellschaft, GHG) erfolgte in feierlicher Form am 21.2.1918. Über diesen Vorgang, die dabei gehaltenen Reden u.a.m. liegt ein gedruckter Bericht vor (14). Bei vielen Gründungen dieser Zeit wurde betont, daß es wichtig sei, den in Not geratenen Universitäten zu Hilfe zu kommen. Auch die Landesuniversität Gießen be- nötigte zusätzliche Unterstützung, zumal sie sich in einer gewissen Isolierung befand (6); sie fühlte sich nämlich durch die kräftige großherzogliche Förderung der Landeshauptstadt Darmstadt vernachlässigt und durch die Konkurrenz der neuen Universität Frankfurt (6) in ihrer zukünftigen Entwicklung bedroht. Trotz dieser be- drückenden Situation und der Zurückhaltung des hessi- (14) Bericht über die Gründung der Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen, 1918, (Gießener Hochschulgesellschaft), Brühl'sche Universitäts-Buch- und Steindruckerei, R. Lange, 42 S. (6) Die Stadt Frankfurt, seit 1866 ein Vorposten des früher fernab gelegenen Staates Preußen und seit 1914 Heimstatt einer gut versorgten Stif- tungs-Universität, legte sich seitdem sehr viel deutlicher als zuvor zwischen Darmstadt und Gießen. Anderhub a.a.O., S. 52 - 8 - schen Staates resignierte man aber in Gießen nicht, sondern sah sich nach anderen Hilfsquellen um. Die Uni- versität richtete dabei ihr Augenmerk auf die heimische Wirtschaft. Wegen des Nutzens, den die moderne Wissen- schaft für diese stiftete, setzte man Interesse an einer funktionierenden Forschung und Ausbildung an der Universität Gießen voraus. Justizrat Dr. h.c. Wilhelm Grünewald, der auch auf diesem Gebiete sehr rührig war, beschränkte sich bei seinen Bemühungen nicht auf das Hessenland, sondern nahm auch die Beziehungen zur benachbarten außerhessischen Industrie auf. Obgleich die wirtschaftlichen Gesichtspunkte von großer Bedeutung waren und sind, dürften diese nicht die eigentliche Triebfeder für die Gründung von Förderer- Gesellschaften gewesen sein. Sie hätten sonst sicher- lich keinen langen Bestand gehabt. Aber diese und andere, später entstandene Förderer-Gesellschaften haben sich in guten und in schlechten Zeiten als unent- behrliche Organe der Universität erwiesen. Es müssen also andere Gründe gewesen sein. Für Behaghel und andere Gründer stand im Vordergrund die Über- zeugung, daß Wissenschaft und Leben unbedingt aufein- ander angewiesen seien. Dies geht eindeutig aus seiner Gründungsrede hervor (14), in der er u.a. ausführte, wie die Menschheit sich aus einer ursprünglich autarken Selbstversorger-Gesellschaft im Laufe der geschicht- lichen Entwicklung allmählich immer mehr in Berufsgruppen und schließlich in eine Welt des Geistes und eine des praktischen Lebens geschieden habe. Er wies dann geschickt darauf hin, daß der Name Liebig am Eingang einer neuen Welt aufleuchte, in der die Erkenntnisse der Wissenschaft in Werte des Erwerbs- lebens umgesetzt werden. Technik, Industrie, Handel, Land- und Forstwirtschaft hätten erfahren, wie gewaltig sich die Wissenschaft in den Kämpfen der Zeit bestätigt - 9 - sich die Wissenschaft in den Kämpfen der Zeit bestätigt habe. So sei es auch kein Zufall, wenn auf beiden Seiten, auf der der Wissenschaft und der des prakti - schen Lebens, der Gedanke Gestalt angenommen habe, zu- sammenzufassen, was lange getrennt gewesen sei. Zur Verwirklichung der Gründungsidee wird in einem, zur Gründungsfeier herausgegebenen Aufruf (15) weiter aus- geführt: "Wie in den Kreisen anderer Hochschulen und deren. Um- gebung ist bei uns die Erkenntnis erwachsen, daß unsere Universität mehr als seither in Verbindung und Wechsel- wirkung mit dem praktischen Leben treten, daß sie sich in Forschung und Lehre, in tatkräftiger Arbeit vereini- gen müsse, mit Industrie und Handel, Landwirtschaft und Technik. Dieser Gedanke kann nur verwirklicht werden, durch eine Vereinigung, eine Gesellschaft von Personen, die durchdrungen sind von der Überzeugung, daß ein Bindeglied zwischen Wissenschaft und Leben nötig sei, das einerseits dem geistigen Austausch zwischen den beiden Mächten dienen, andererseits der Hochschule die Mittel bieten soll, sich zu erweitern, ihre Einrichtungen und Lehrmittel zu verbessern, damit sie den herantretenden Anforderungen der Praxis entsprechen kann." Der Ausschuß für die Gründung einer Gesellschaft von Freunden und Förderern der Universität Gießen (Gießener Hochschulgesellschaft) Geh. Hofrat Dr. 0. Behaghel Justizrat W. Grünewald Universitätsprofessor Rechtsanwalt Diese Grundgedanken spiegeln auch die Satzungen der GHG wider. So lautet der § 2 in der ursprünglichen Reihen- folge: (15) Aufruf zur Gründungsfeier (Arch. GHG) - 10 - § 2, Zweck der Gesellschaft 1. Pflege der Beziehungen zwischen Wissenschaft und dem praktischen Leben. 2. Vertiefung wissenschaftlicher Bildung. 3. Förderung der Universität Gießen. Die Aufgabe der GHG ist danach eine doppelte; sie hat nach innen die Universität im ganzen und die wissen- schaftliche Tätigkeit des einzelnen Gelehrten zu unter- stützen, nach außen wissenschaftliche Bildung zu ver- tiefen und die Beziehung zwischen der Wissenschaft und dem praktischen Leben zu pflegen. Voraussetzungen für jede Tätigkeit der Gesellschaft sind die Mittel, die sie einsetzen kann. Diese stammen nach § 3 der Satzungen aus Mitgliedsbeiträgen, ferner aus freiwilligen Spenden und Stiftungen. Bei vor- handenem Vermögen spielen auch die Erträge daraus eine Rolle. Je größer die zufließenden Mittel sind, um so wirksamer kann die Hochschulgesellschaft helfen, um so mehr kann sie unternehmen. Um diese und alle anderen von den Satzungen vorgeschriebenen Aufgaben erledigen zu können, mußte eine Verwaltung eingerichtet werden. Während die Aufgaben, festgelegt im § 2 der Satzung, bis zum heutigen Tage sachlich unverändert geblieben sind, hat die Verwaltung je nach den Zeitumständen und Erfordernissen wiederholt Änderungen erfahren. Dadurch sind Abschnitte entstanden, die im folgenden zur Gliederung der Ausführungen dienen sollen. - 11 - Erste Periode (1918 - 1945) Die Verwaltung Die verschiedenen Organisationsformen der Verwaltung der GHG im Laufe ihrer Geschichte sind der Tabelle 1 im Anhang zu entnehmen. In der ersten Periode bestand sie aus Vorstand, Verwaltungsrat und Hauptversammlung. Dem Vorstand gehörten 16 Personen an, darunter zunächst 4, später 6 Mitglieder des Lehrkörpers. Der Vorstand wählte aus seiner Mitte den Vorsitzenden, der nie ein Dozent der Universität war. Der Vorstand verwaltete das Vermögen der Gesellschaft und verfügte darüber bis zum 50-fachen eines ordentlichen Jahresbeitrages, darüber hinausgehende Ausgaben bedurften der Zustimmung des Verwaltungsrates. Veröfffentlichungen erfolgten durch den Vorstand. Ihm zur Seite standen ein 9-köpfiger Werbeausschuß, dessen langjähriger Vorsitzender General a.D. Dr. Bethcke war, ferner ein 5-köpfiger Vortrags- und Presseausschuß, den Geheimrat Prof. Dr. 0. Behaghel leitete. Behaghel war zugleich auch stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes. Dem Verwaltungsrat gehörten 50 Mitglieder an, davon waren 8 Dozenten der Ludwigs-Universität. Er wählte aus seiner Mitte eine Persönlichkeit des öffentlichen Lebens oder der Wirtschaft zum Vorsitzenden (s. Tabelle 1 im Anhang). Der Verwaltungsrat bildete den Beirat des Vorstandes. Seine Aufgabe bestand im wesentlichen dar- in, den Jahresbericht des Vorstandes vor der Vorlage an die Hauptversammlung zu prüfen und bei größeren Aus- gaben zu beschließen. Zu den bis heute wenig veränder- ten Geschäften der Hauptversammlung, die jährlich ein- mal stattfand, gehörten: 1. Die Entgegennahme des Jahresberichtes des Vorstandes und des Verwaltungsrates. 2. Die Abnahme der Jahres- - 12 - rechnung des Vorstandes und des Verwaltungsrates. 3. Wahlen der Mitglieder des Vorstandes und des Ver- waltungsrates. 4. Entgegennahme und Beratung von An- trägen aus dem Kreis der Mitglieder zur Weitergabe an den Vorstand. 5. Beschlußfassung über Satzungsände- rungen. In den Satzungen der ersten Periode wurde zwischen ordentlichen und außerordentlichen Mitgliedern unter- schieden; außerordentliche Mitglieder konnten nur Ein- zelpersonen werden, sie zahlten die Hälfte des Bei- trages ordentlicher Mitglieder. Die Beiträge, die vom Vorstand festgesetzt wurden, waren jährliche und ein- malige, die einmaligen betrugen das 20-fache eines Jahresbeitrages. Aktivitäten nach innen Die Gründung der GHG am Ende des Ersten Weltkrieges gab der altehrwürdigen alma mater neuen Aufschwung, worauf Heselhaus (5) und auch Anderhub (6) verweisen. Einmal wollte man laut Denkschrift (13) für den Studentenzu- strom nach dem Krieg durch Beschaffung ausreichender Räumlichkeiten gerüstet sein. Über die neue Gesell- schaft plante man aber auch eine Reform der studenti- schen Ausbildung. Nach dem Vorbild der jungen Techni- schen Hochschulen sollte weniger abstrakte Wissen- schaft, dafür aber mehr praktische Anwendung vermittelt werden. So sollten sich die Studenten der Natur- wissenschaften und der Mathematik mit Hilfe moderner Lehrmittel eine richtige Vorstellung von den neuesten technischen Errungenschaften selbst erarbeiten. Werks- besichtigungen sollten sie mit der Praxis des Lebens in unmittelbare Fühlung bringen. In entsprechend veränder- • ter Form und Richtung wurde auch eine Erweiterung der Grenzen des Unterrichtsbetriebes für die Geisteswissen- schaften angestrebt. - 13 - Für die nach dem Kriege erwartete erneute Hinwendung zur Auslandsforschung sah man die Beschaffung von Aus- landsliteratur vor. Um die Attraktivität der Univer- sität Gießen zu erhöhen, sollten die an den Nachbaruni- versitäten nicht vorhandenen Spezialgebiete wie Land- wirtschaft, Forstwirtschaft und Veterinärmedizin weiter ausgebaut werden. Außerdem wurden Überlegungen über die Einrichtung eines weiteren Spezialfaches, des Berg- baues, angestellt (13,16). Wenn auch in der Folgezeit nicht alle Pläne verwirk-' licht werden konnten, z.B. die Einrichtung des Bergbau- studiums, so ließen sich die Universität Gießen und die GHG nicht entmutigen, sondern packten gemeinsam und mit viel Schwung alle Aufgaben an, die sich ihnen stellten. Obgleich bei der Gründung der GHG im vierten Kriegsjahr die ganze Bevölkerung große Not litt und nach dem Kriege in der hessischen Provinz Rheinhessen noch die schwere Last einer feindlichen Besatzung hinzukam, war die Hilfsbereitschaft für die notleidende Landesuniver- sität.groß. IM Gründungsjahr traten über 300 Personen der GHG bei und bald stieg die Zahl auf über 600. Die Beiträge der Mitglieder machten im ersten Jahr 16.000 Mark aus. Die Zwischenbilanz einer aufgelegten Zeich- nungsliste ergab am Gründungstag der GHG ein Start- (16) Nachrichten der GHG, Bd. 6, 1928, H. 3, S. 4. (17) Beispiele für namhafte Zeichnungsbeträge zum Startkapital der GHG: Kommerzienrat Dr. h.c. Sieg - mund Heichelheim 100.000 M zur Einrichtung einer Professur für Handelswissenschaft; Fa. Rinn, Heuchelheim 50.000 M; Fa. Leitz, Wetzlar 30.000 M; Kommerzienrat Klingspor, Gießen 25.000 M; Dr. Gail, Gießen 25.000 M; Stadt Gießen 20.000 M; Gebr. Heyne, Offenbach 20.000 M; Fa. Buderus, Wetzlar 15.000 M; Fa. Poppe, Gießen 15.000 M; Kommerzienrat Esch, Darmstadt 10.000 M; Großherzog von Hessen 5.000 M; aus Bericht des Gießener An- zeigers über die Gründungsfeier der GHG am 21.2.1918. - 14 - kapital von 357.055 Mark. Bei Abschluß der Liste waren 431.600 Mark gezeichnet worden (17). Mit besonders gutem Beispiel ging der erste Schatz- meister der GHG, der Präsident der Handelskammer Gießen, Dr. h.c. Siegmund Heichelheim, (geb. am 25.1.1842, gest. am 15.8.1920), voran. Er bezweckte mit seiner großen Stiftung, die er anscheinend später noch beträchtlich erhöht hat, einen weiteren Ausbau der Wirtschaftswissenschaften in Gießen (17) Die Gebe- freudigkeit der Förderer ließ aber auch in den folgen- den Jahren nicht nach. Spenden und Stiftungen mit zu- nehmend höheren Beträgen trafen aus nah und fern ein (18). Viele dieser Zuwendungen waren zweckgebunden, dennoch standen große Beträge der GHG zur freien Verfügung, mit denen sie an vielen Stellen helfen konnte. Als Beispiel sei hier ihre Beteiligung an dem Kauf und der Einrichtung der neuen Seminargebäude ange- führt. Alle Seminare hatten im Hauptgebäude, Ludwigstraße 23 unter großer Raumnot zu leiden, weil man bei dessen Bau 1879 noch nicht berücksichtigte, welche Bedeutung ein- mal dem Seminarbetrieb im modernen akademischen Unter- richt zufallen würde. Um Abhilfe zu schaffen, sollten die beiden nahegelegenen und für diesen Zweck geeignet erscheinenden Gebäude, Ludwigstraße 19 und Bismarck- (18) Spendenbeispiele aus den Jahren 1921/22: Fa. Leitz 500.000 M; Fa. Julius Sichel, Mainz 500.000 M; Versorgungsamt Mainz 100.000 M; Dr. h.c. Gans, Luzern 500.000 M als Grundstock für ein Mineralgeologisches Institut; Ungenannt für histo- rische Forschung 100.000 M; Ungenannt 50.000 M; ehemalige Gießener Studenten aus Amerika, Japan und Spanien 85.000 M; für die Universitäts- Bibliothek; dafür weitere 40.000 M von Ungenannt, für Ankauf der Bibliothek. Dr. Spengel 87.000 M; Rheinische Stahlwerke 50.000 M; aus Vor- standsprotokoll 1921/22 und Nachrichten der GHG, Bd. 6, 1928, H. 3, S. 6. - 15 - straße 16 erworben werden. Doch alle Versuche, diesen Plan zu verwirklichen, waren seither an finanziellen Schwierigkeiten gescheitert. Im Laufe des Jahres 1918 trat hier ein Wandel ein, über den es verschiedene Versionen gibt (19). Doch nach den vorliegenden amt- lichen Akten geschah folgendes: Am 14.6.1918 kaufte die GHG, vertreten durch den Vorsitzenden, Justizrat Grüne- wald, von den Petri-Erben das Haus Ludwigsstraße 19 für 73.000 M (20). Das benachbarte Ruckstuhl'sche Haus, Bismarckstraße 16, erwarb am 20.9.1918 Architekt H. Meyer (21), als Vertrauensmann der GHG und der Univer - sität für 120.338 M und bot es mit Schreiben vom (19) So berichtet L.E. Schmitt, daß der Anglist W. Horn, um der Not zu steuern, zwei Häuser auf eigene Rechnung gekauft habe, die 1919 an die Uni- versität gefallen. seien und von denen eines, Ludwigstraße 19 das Deutsche, das Romanische und Englische Seminar aufgenommen hätte (in "Lebens- bilder Gießener Gelehrter in der I. Hälfte des 20. Jahrhunderts", Bd. 1, Götze, S. 323. Nach L. Schlesinger hat eine uneigennützige Per- sönlichkeit im Einvernehmen mit der Regierung und der GHG beide Häuser aufgekauft (in Ludwig Schlesinger: "Die Seminargebäude der Landesuni- versität" in "Gießener Hochschulblätter" 1924, 2. Sonderbeilage zum Gießener Anzeiger vom 7.11.1924, S. 8). Auf Grund von Behaghels Schilderung wurden beide Häuser von der GHG gekauft und dann an den Staat weitergegeben (in Nachrichten der GHG, Bd. 6, H. 3, S. 5, Zeile 6, 1928). (20) Kaufvertrag vom 14.6.1918, Gesch.Reg.Nr. 6790, Grundbuch für Gießen, Band 24, Blatt 1087, Flur IV, Nr. 244, 978 qm Hofreite in der Stephansmark, für die Ausfertigung: Geh. Justizrat Metz, Gr. Notar. (21) Die Universität Gießen ernannte den verdienten Baurat Hans Meyer am 24.1.1923 zum Ehrensenator. (22) Schreiben des Großherzoglichen Ministeriums des Innern vom 29.10.1918. (23) Drucksache 67 des Landtages der Republik Hessen über die Regierungsvorlage, betreffend die Bereit- stellung ausreichender Räume für die Seminarien der Landesuniversität, Drucksache 62, Berichter- statter d. I. Ausschusses: Abgeordneter Dr. Osann, Darmstadt, 10.3.1919. (24) Ludwig Schlesinger: Die Seminargebäude der Landes- universität, in: Gießener Hochschulblätter, 2. Sonderbeilage, vom 7.11.1924, S. B. - 16 - 8.10.1918 dem Großherzoglichen Ministerium des Innern zum Selbstkostenpreis an (22). Am 10.3.1919 beantragte der Abgeordnete Dr. h.c. A. Osann (23) im Hessischen Landtag, dem Ankauf der beiden, oben genannten, Häuser, ihrer baulichen Umänderung, ihrer Einrichtung und Inbe- triebnahme nach Maßgabe der Regierungsvorlage vom 27.9.1919 zuzustimmen. Die Übergabe beider Häuser an den Staat ist nach Schlesinger im April 1919 durch Volkskammerbeschluß erfolgt (24). Die GHG war aber nicht nur am Kauf der Seminarhäuser beteiligt, sondern erklärte sich im Schreiben vom 22.6.1918 auch bereit, zur Einrichtung der Seminare außer einem Sofortbetrag von 8.000 M für die nächsten 10 Jahre jährlich 7.000 M beizusteuern.. Wegen der erst nach und nach frei werdenden Räume (in- folge der großen Wohnungsnot und der schlimmen In- flation) dauerten die Arbeiten bis Frühjahr 1923. Nun endlich konnten die beiden, noch heute für Universi- tätszwecke genutzten Gebäude, ihren neuen Bestimmungen übergeben werden. In dem Hause Ludwigstraße 19 fanden nach Schlesinger (24) die Seminare für Deutsch, Französisch, Englisch und für vergleichende Sprach- wissenschaft Unterkunft. Im Gebäude Bismarckstraße 16 wurden die Seminare für Theologie, Philosophie, Klassische Philologie, Mathematik, Geschichte, Orienta - lische Sprachen und das Institut für experimentelle Psychologie untergebracht. Daß sich die GHG in dieser Zeit an dem Erwerb weiterer Objekte tatsächlich oder vermutlich beteiligt hat, geht aus folgenden Unterlagen hervor. So lautet der Punkt 4 in der Tagesordnung der Vorstandssitzung der GHG vom 28.4.1921: "Zwecks Unterbringung des Kunsthistorischen Instituts in ausreichenden und würdigen Räumen wird der Ankauf des Sanitätsrat Schliephake gehörigen Anwesens - 17 - in der Goethestraße 46 'grundsätzlich beschlossen und der Vorsitzende ermächtigt, die dazu erforderlichen Schritte zu tun." Als ein Appell an die Einsatzbereitschaft der GHG dürfte auch der Punkt 6 in dem Schreiben des Großher- zoglichen Ministeriums des Inneren vom 29.10.1918 aufzufassen sein, in dem es heißt: "Wie stehen die Aus- sichten, daß das. Haus Bismarckstraße 20 in das Eigentum des Staates ohne Kostenbelastung übergeht;" Ob mit oder ohne Mitwirkung der GHG ist auch dieses Anwesen seit langem im Besitz der Universität Gießen. Aktivitäten nach außen Mit gleichem Schwung nahm die, GHG aber auch die beiden anderen , von der Satzung vorgeschriebenen Aufgaben in Angriff, nämlich die Verbreitung wissenschaftlicher Bildung und die Förderung der Beziehungen zwischen der Wissenschaft und dem praktischen Leben. Die Wirksamkeit nach außen wurde dadurch erleichtert, daß in der da- maligen Zeit in allen Schichten der Bevölkerung ein Hunger nach Wissen vorherrschte, was man den Aus- führungen von Behaghel (25), Nees (25) u.a. entnehmen kann. Von Städten, in denen Mitglieder der GHG wohnten, kamen Anfragen nach wissenschaftlichen Vorträgen. Diese Wünsche konnte die GHG leicht erfüllen, denn ihr Vor- trags- und Presseausschuß, dem die angesehenen Profes- soren Behaghel (Vors.), Bürker, W. Horn, Rosenberg und Schlesinger angehörten, stellten ausgewogene Vortrags- programme auf, die jeweils etwa 80 Themenvorschläge von (25) Behaghel, Nachrichten der GHG, Bd. 5, 1926, H. 1, S. 3. (26) Nees, Nachrichten der GHG, Bd. 3/4, 1920/21, H. 1, S. 43 (27) Nachrichten der GHG, Bd. 5,1, 1926, S. 10; Bd. 6,1, 1927, S. 11; Bd. 6,3, 1928, S. 44; Bd. 9,3, 1932/33, S. 55. - 18 - Rednern aus allen Fakultäten enthielten und allen Interessenten zugestellt wurden (27). Aus diesen konn- ten sie einzelne Vorträge aussuchen oder ein eigenes Vortragsprogramm zusammenstellen. Davon machte eine ganze Reihe von Städten im geistigen Ausstrahlungsge- biet der Universität Gießen eifrig Gebrauch (28). Einige Städte, wie Mainz und Worms wünschten Hochschul- wochen. Auf die Mainzer Hochschulwochen soll deshalb etwas näher eingegangen werden, weil sie einmal Höhe- punkte der Außentätigkeit der GHG darstellten, zweitens weil die Abhaltung von Hochschulwochen auch heute noch aktuell ist und die Mainzer Hochschulwochen deshalb in mancher Hinsicht als Vorbild dienen können. (28) Vorträge oder Hochschulwochen wurden von 1919-1935 gehalten in: Altenstadt, Alzey, Bensheim, Bingen, Büdingen, Friedberg, Gießen, Hanau, Lauterbach, Lich, Limburg, Mainz, Offenbach, Oppenheim, Orten- berg und Worms. (29) Vortragsprogramm der ersten Hochschulwoche in Mainz vom 10.-17.4.1920: Behaghel, Über Personen- Namen unter besonderer Berücksichtigung von Mainz; Derselbe, Humor u. Spieltrieb in der Sprache; Bieber, Die griechische Frauenkleidung mit Licht- bildern und kinographischen Vorführungen; Bürker, Das Blut und die Blutpumpe, das Herz, mit Licht - bildern; Czermak, Moderne Anschauungen über den Bau der Materie; von Grolmann, Novalis; Gunkel, Eine hebräische Meistererzählung; Harrassowitz, Der geologische Einfluß des Klimas; Herzog, Zwei Lebensbilder aus der griechisch-römischen Ge- schichte; Horn, Moderne Strömungen in der engli- schen Literatur; König, Goethes Farbenlehre; Laqueur, Griechische und orientalische Religionen am Rhein, mit Lichtbildern; Maennchen, Rechenkunst und Rechenkünstler; Mittermaier, Der Geist des heutigen Strafrechts; Olt, Bekämpfung der Tier- seuchen im Kriege; Rauch, Dürer und Grünewald, m. Lichtbildern; Roloff, Die wirtschaftlichen Folgen des dreißigjährigen Krieges; Schlesinger, Raum, Zeit und Relativitätstheorie; Sommer, Experimen- telle Psychologie und Psychiatrie; Zycha, Deutsches Recht im Westen und Osten. Nachrichten d. GHG, Bd. 3/4, 1920/21, H. 2, S. 42-48. Die Vor- träge wurden noch im gleichen Jahr bei Teubner in Druck gegeben. In: Gießener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, S. 841). - 19 - Die Durchführung der Mainzer Hochschulwochen übernahm ein Ortsausschuß•unter Leitung von Prof. Dr. Behn vom Römisch-Germanischen Zentralmuseum. In Zusammenarbeit mit dem Vortragsausschuß der GHG stellte er das Vor- tragsprogramm zusammen (29). Die erste Hochschulwoche begann am Sonntag, den 10. April 1920 mit einer feier- lichen Eröffnung im Foyer des Mainzer Theaters. Landge- richtspräsident Nees vom Mainzer Ortsausschuß hielt die Eröffnungsansprache. Er ging darin auf den mächtigen Bildungs- und Wissenstrieb ein, der alle Schichten des deutschen Volkes in Stadt und Land erfaßt habe und der dem Bedürfnis nach Verinnerlichung, nach Vertiefung der Geisteskräfte, nach Erfahrung und Kenntnissen ent- springe. Provinzialdirektor Best begrüßte die Gäste im Namen der Landesregierung und der Provinzialverwaltung. Der Beigeordneter Dr. Ehrhardt ging als Vertreter der Stadt Mainz auf den Sinn solcher Hochschulwochen ein. Professor Schlesinger dankte im Namen der Universität Gießen und der GHG für die Einladung. Im Anschluß an die Begrüßung im Foyer hielt der Ober- spielleiter Dr. Elvenspoek im Theater einen Vortrag über: "Universität und Bühne". Das Vortragsprogramm der Gießener Wissenschaftler wurde durch eine Reihe von festlichen, künstlerischen und geselligen Veranstal- tungen umrahmt, welche die Stadt Mainz aus Anlaß der Hochschulwoche arrangiert hatte. Der Wunsch nach Wiederholung und Weiterführung des Unternehmens kam da- bei wiederholt zum Ausdruck. Die GHG erfüllte diesen Wunsch , und so fanden 1921 die zweite und 1922 die dritte Hochschulwoche in Mainz in ähnlicher Weise statt.. Doch kurz danach endeten für eine ganze Weile alle auswärtigen Veranstaltungen der GHG (30). (30) Erst auf der Hauptversammlung der GHG am 11./12. Juli 1925 wurde angeregt, die Hochschulwochen in Mainz in etwas veränderter Form wieder aufleben zu lassen. Nachrichten der GHG, Bd. 5, H. 1, 1926, S. 15. - 20 - Zunächst mußte die festlich vorbereitete Hochschulwoche in Worms wegen Grenzsperre durch die Besatzungsmacht abgesagt werden. Dann nahm die Inflation derart groteske Formen an, daß man mit den reichlich fließen- den Spenden nur noch dann etwas anfangen konnte, wenn man sie umgehend in materielle Werte umsetzte. Als einzige Verbindung zwischen der Zentrale in Gießen und den Außenstellen verblieben die Veröffentlichungen der GHG. Davon gab es in dieser Zeit die "Nachrichten der GHG" und die "Abhandlungen der GHG" (s. Tabelle 2 im Anhang). Ihr Schriftleiter war der Anglist Wilhelm Horn (1919-1925) (s. Tabelle 2). Von den Nachrichten der GHG erschienen in der Regel jährlich zwei Hefte, die einen Band bildeten; sie enthielten die Berichte der jährlichen Hauptversammlungen, die dabei und bei anderen Gelegenheiten gehaltenen Vorträge u.a.m., und wurden den Mitgliedern kostenlos zugestellt. Die "Abhandlungen" von denen drei vor 1925 und eine 1960 erschienen, waren reine wissenschaftliche Berichte (s. Tabelle 2 im Anhang). Unter der Schriftleitung des Germanisten Alfred Götze (1925-1946) erschienen keine Abhandlungen mehr. Dafür baute er die Nachrichten weiter aus. Nach der Inflation Nach der Währungsreform bestand das Vermögen der GHG am 1.1.1924 aus nicht ganz 200 RM. Die wirtschaftliche Not im Lande war allgemein groß. Nicht besser stand es mit den Staatsfinanzen. Für die Universität Gießen wurde die Lage durch eine Rede des Finanzministers Henrich (31) noch verschlimmert. In dieser deutete er unter be- (31) gehalten am 13.1.1926, i.d. 57. Sitzung d. Hess. Landtages, Nachrichten der GHG, Bd. 5, 1926, H. 2, S. 6. - 21 - stimmten Voraussetzungen die Erwägung einer möglichen Aufgabe der staatlichen Selbständigkeit des Landes Hessen an. Durch diese vage Äußerung entstand sofort das Gerücht von der Auflösung der Universität Gießen, das selbst von großen überregionalen Zeitungen ver- breitet wurde. Allen kulturell Interessierten, denen die Lebenskraft und die Leistungsfähigkeit der Univer- sität Gießen bewußt war und die wie der Vorsitzende der GHG (32) keinen Zweifel darüber hegten, daß im Falle einer Aufteilung des Landes Hessen unter seinen Nach- barn das Schicksal der Universität Gießen besiegelt sei, wandten sich energisch gegen solche Überlegungen. Dem Gerücht über die Auflösung der Universität Gießen trat der Gießener Anzeiger (33) unter dem Titel: "Auf- bau der Universität Gießen, nicht Abbau" (34) in einer scharfen Stellungnahme entgegen. An Hand von zahl- reichen Beispielen wurde überzeugend nachgewiesen, daß die Universität trotz knapper Mittel weiter ausgebaut werde, und daß sie im Vergleich zu anderen sogenannten "Arbeitsuniversitäten" wie Erlangen, Greifswald, Kiel, Marburg und Rostock einen guten Stand habe. Da manche Probleme trotz grundlegender Wandlungen und veränderter Dimensionen für die heutige Justus-Liebig-Universität von bemerkenswerter Aktualität seien, wurde der Artikel 1976 ein weiteres Mal, und zwar in den Gießener Univer- sitätsblättern wiedergegeben (34). Die GHG stand in dieser schwierigen Situation besonders fest zu ihrer alma mater. Um den Mitgliederstand auch in dieser Notzeit einigermaßen konstant zu halten, senkte man die. jährlichen Beiträge auf 10 RM für ordentliche, auf 5 RM für außerordentliche Mitglieder und auf 2 RM für Studenten. Zugleich bemühte sich der (32) Graef, Nachrichten der GHG, Bd. 5, 1926, H. 2, S.6 03) Gießener Anzeiger, Nr. 53 vom 6.3.1926 (34) Nachrichten der GHG, Bd. 5, 1926, H. 1, S. 23; Gießener Universitäts-Blätter,.Jg. IX, 1976, H. 1, S. `56 - 22 - Werbeausschuß, die wegen der schwierigen Wirtschafts - lage erfolgenden Austritte durch verstärkte Neu- werbungen zu kompensieren. Bei dieser Aktion wurde in Oberhessen kein Akademiker und auch kaum einer der sonst in Frage kommenden Persönlichkeiten von der Wer- bung ausgelassen (35). Daß die Universität Gießen trotz Inflation und Notzeit und die GHG auch nach dem Verlust des gesamten Ver- mögens nichts von ihrer Lebenskraft und ihrem starken Lebenswillen eingebüßt hatten, beweisen u.a. die be- reits 1924 herausgegebenen Gießener Hochschulblätter. In sieben Sonderbeilagen zum Gießener Anzeiger suchten Professoren aller Fakultäten der Universität durch interessante Beiträge aus ihrem Fachgebiet und Persön- lichkeiten des öffentlichen Lebens, der Kirche, der Verwaltung und der Wirtschaft durch Aufrufe die Bezieh- ungen zwischen Universität und der Bevölkerung in Stadt und Land zu intensivieren und zugleich für die not- leidende Universität zu werben (36). Die Studenten wurden durch wohlbegründete Flugblätter nicht nur zum Eintritt in die GHG sondern auch zur aktiven Mitarbeit bei der Werbung aufgerufen. Die ständige Werbung neuer Mitglieder war ein beson- deres Anliegen des neuen Vorsitzenden der GHG, Provin- zialdirektor Heinrich Leonhard Graef (Dezember 1925 bis April 1934). Eine Würdigung seiner Persönlichkeit gab sein Nachfolger, Dr. h.c. Paul Meesmann in der Haupt- versammlung am 1. Mai 1934 (37). Hier soll der Versuch (35) Nachrichten der GHG, Bd. 6, 1927, H. 1, S. 4 (36) Gießener Hochschulblätter, Sonderbeilagen zum Gießener Anzeiger 1924, als geschlossenes Heft vorhanden. (37) Nachrichten der GHG, Bd. 10, H. 2, 1935, S. 3 - 23 - gemacht werden, ihn als Vorsitzenden der GHG mit seinen eigenen Worten zu schildern,. zumal diese z.T. auch für die unmittelbare Gegenwart nicht der Aktualität ent- behren. Es war die Hauptversammlung am 30. Juni 1928 und zu- gleich die 10-Jahresfeier der GHG, ein festliches Er- eigenis, über das anschließend manch Erfreuliches zu berichten sein wird. Der verdiente Vorsitzende war zum Ehrensenator der Universität ernannt worden. Doch wie dieser selbst das bislang in der GHG Erreichte ein- schätzte, geht aus seinen folgenden Ausführungen hervor (38): "Wir sind von dem Ziel, das man sich bei der Gründung der Gesellschaft gesteckt hat, noch sehr weit entfernt. Vielgestaltig und mannigfaltig sind die Be- dürfnisse unserer Landes-Universität, die befriedigt werden müssen, wenn die Universität in dem Wettkampf mit den Nachbaruniversitäten ehrenvoll bestehen soll. Hierzu kann jeder sein Scherflein beitragen, wenn er Mitglied unserer Gesellschaft wird. Wir dürfen uns mit dem, was bis jetzt erreicht worden ist, nicht begnügen. Wir müssen auch im neuen Jahr die Zahl unserer Mit - glieder zu steigern und dadurch den Anteilfür unsere Bestrebungen in immer weitere Kreise zu tragen suchen. An Sie alle richte ich auch heute wieder die dringende und hezliche Bitte, uns mit Rat und Tat zu unter- stützen, dann wird es uns gelingen, vorwärts zu kommen." Um mehr zu erreichen, wandte sich der energische Vor- sitzende nicht nur an den von ihm aktivierten Werbeaus- schuß, sondern forderte jedes einzelne Mitglied auf, wenigstens einen weiteren Freund jährlich für die GHG zu gewinnen. Dabei nahm er auch den Verwaltungsrat nicht aus, mit dessen Tätigkeit er anscheinend gar (38) Nachrichten der GHG, Bd. 6, H. 1928, S. 13 - 24 - nicht zufrieden war. Nach seiner Meinung habe dieser seither keine eigene Tätigkeit entfalten können, da er seine Stellung als die eines Kontrollorgans aufgefaßt (wo es doch eigentlich kaum etwas zu kontrollieren gäbe), und sich auf die Entgegennahme des Geschäftsbe - richtes beschränkt habe (39). Doch trotz eifriger Bemühungen fiel es schwer, Einzel- personen für den Eintritt in die GHG zu gewinnen. Des- halb konzentrierte man die Werbung nunmehr auf Be- hörden, wie Provinzial-, Kreis-, Stadt- und Gemeinde - verwaltungen, ferner auf Handelskammern, Betriebe usw. Damit hatte man mehr Erfolg, es gelang nach und nach, so gut wie alle Hessischen Behörden, Verwaltungen und auch eine Reihe von Betrieben als Mitglieder der GHG zu gewinnen. Manche der neu gewonnenen Verwaltungen waren sogar besonders aktiv. So meldete der Kreisdirektor Herbert aus Oppenheim (40) nicht ' nur die Kreisverwal - tung, sondern auch 36 Gemeinden dieses Kreises als Mit - glieder an. Geradezu als Sensation wurde die Leistung des Oberbürgermeisters von Worms, Rahn empfunden, dem es gelungen war, eine ganze Sektion von ca. 100 neuen Mitgliedern in der Stadt Worms anzuwerben. Angeregt durch das Wormser Beispiel, unternahm es der Werbeausschuß, auch in anderen hessischen Städten Keim- zellen zu bilden, aus denen Mitgliedergemeinden ent- stehen sollten mit Persönlichkeiten an der Spitze, die weitere Mitglieder werben konnten (41). Durch Vorträge Gießener Professoren, Drucksachen, Einladungen u.a.m. sollte eine feste und dauerhafte Bindung zu diesen Außenstellen entstehen. 1930 bestanden außer in Worms (39) Nachrichten der GHG, Bd. 6, H. 1, 1927, S. 2 (40) Nachrichten der GHG, Bd. 5, H. 2, 1926, S. 4 (41) Nachrichten der GHG, Bd. 6, H. 1, 1927, S. 3 (42) Nachrichten der GHG, Bd. 8, H. 1, 1930, S. 27 - 25 - Sektionen in Alsfeld, Darmstadt und Mainz (42). Ob es weitere Außenstellen auch in anderen hessischen Städten gegeben hat, ist aus den vorliegenden Akten nicht zu ersehen. Ebensowenig ist über das weitere Schicksal der oben genannten Sektionen bekannt. Mit all diesen Maßnahmen gelang es in dieser Notzeit, den Mitgliederstand, der unter sehr großen Fluktua- tionen (43) zu leiden hatte, wenigstens einigermaßen zu stabilisieren, den Spendenfluß zu erhalten und so die GHG in die Lage zu versetzen, Zuwendungen für Forschung und Lehre aufzubringen, außerdem einen Vermögensgrund- stock neu zu bilden. Das 10-jährige Jubiläum der GHG Das erste Jubiläum der GHG, die Feier ihres 10-jährigen Bestehens, fiel äußerlich in eine relativ günstige Zeit. Die Wirtschaft des Deutschen Reiches hatte sich etwas von den Folgen des Kriegs und der Inflation erholt; es kam trotz der drückenden Last der Reparationen zu einer gewissen, allerdings nur kurzen wirtschaftlichen Blüte. Das äußere Geschehen wirkte sich auch auf die Hochschulgesellschaft aus: Die Zahl der Mitglieder kletterte bis Ende 1928/Anfang 1929 zum ersten Male auf 757, die Beiträge erreichten den Höchststand von 11.520 RM, das Vermögen stieg auf 30.357 RM (am 31.12.1928). Eine aus Anlaß des Jubiläums veranstaltete Spendensammlung in Höhe von 61.000 RM wurde am 30.6.1928 dem Rektor Rosenberg übergeben (44). Dieser dankte für die großzügige Jubiläumsgabe durch Überreichung einer langen Liste von Dozenten, die er für den Eintritt in die GHG gewonnen hatte, auch damals anscheinend schon ein schwieriges Geschäft. (43) Nachrichten der GHG, Bd. 6, H. 1, 1927, S. 2 (44) Nachrichten der GHG, Bd. 7, H. 2, 1929, S. 5 - 26 - Die Spendenmittel wurden von der Universität für ver- schiedene Vorhaben eingesetzt, z.B. zur Errichtung einer Anstalt für hessische Landesforschung, unter der mehrere Institute und Seminare zusammenarbeiteten, die juristische Fakultät erhielt Mittel für ein gemeinsames Forschungsvorhaben der ganzen Fakultät. Besonders wir- kungsvoll war der Einsatz von 15.000 RM zum Ankauf von Papyri. Dabei handelte es sich um unveröffentlichte wertvolle griechische Papyri aus Ägypten (Papyri bibliothecae universitatis Gissensis). Dem schnellen Zugreifen des Schatzmeisters Ludwig Grießbauer (45) in letzter Stunde vor dem Verkauf ins Ausland war es zu danken, daß eine beondere Forschungseinrichtung an der Ludwigs-Universität ausgebaut wurde (46). Weitere Mittel, die nicht aus dieser Spende stammten, setzte die GHG zum Ausbau des Kunstwissenschaftlichen Institutes, Ecke Ludwigstraße/Goethestraße, ein. Auch die Mittel zum Ausbau des Festsaales im späteren Otto Eger-Heim stammen noch aus dieser Zeit. (45) Bankdirektor Ludwig Grießbauer, Schatzmeister der GHG von 1921-1940, wurde am 24.1.1923 in Aner- kennung seiner Verdienste um die Universität Gießen zum Ehrensenator ernannt. (46) Nach sachverständiger Glättung, Zusammensetzung und Verglasung durch den bekannten Papyrus-Konser- vator Dr. H. Ibscher in Berlin wurden die Erwer- bungen der Universitätsbibliothek zur Vergrößerung ihrer Papyrussammlung (Papyri bibliothecae univer- sitatis Gissensis) überwiesen, die dadurch noch ansehnlicher wurde. Nachrichten der GHG, Bd. 7, H. 2, 1929, S.8. - 27 - Schwere Zeiten für die GHG Der 28. Oktober 1929, der sogenannte "Schwarze Freitag" an der Börse von New York, leitete den Beginn einer schweren Weltwirtschaftskrise ein, die sich auch bald in Deutschland bemerkbar machte. Die Produktion ging zurück, die Zahl der Arbeitslosen stieg an und erreich- te schließlich die Zahl von sechs Millionen, die Not im ganzen Lande war groß, die politischen und wirtschaft- lichen Zukunftsaussichten alles andere als rosig. In Hessen, wo die Regierung nicht wieder eine solche Panik auslösen wollte wie 1926, beeilte man sich mit der Versicherung, daß die Universität als Ganzes und in ihren Teilen erhalten bleiben würde; aber die Sparmaß- nahmen, die nun alle trafen, waren äußerst hart. Auch die GHG bekam die Not zu spüren, die Mitglieder- zahl und die Beiträge sanken von Jahr zu Jahr. Aber noch gingen Spenden ein, z.B. 1930 eine von dem Ehren- mitglied Ludwig Rinn, Heuchelheim, zum Ankauf des Hauses Bismarckstraße 26 für die Zwecke der Universi- tät, eines der wenigen, die den Krieg einigermaßen heil überstanden haben. Eine weitere Spende kam von dem Flugzeugkonstrukteur Professor Dr. Junkers, Dessau, für wissenschaftliche Vorhaben des Philosophischen Semi- nars. Doch in den folgenden Jahren blieben die Spenden entweder ganz aus oder fielen sehr viel bescheidener aus. Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten setzte sich der Mitgliederschwund verstärkt fort, so daß am Ende des Krieges schließlich der Gründungsstand wieder erreicht wurde. Dazu trugen einmal die wissen- schaftsfeindliche Einstellung der neuen Machthaber bei, ferner, nach Meinung des neuen Vorsitzenden, Dr. h.c. - 28 - Meesmann (47), ihr ständiges Sammeln in allen Betrieben und im privaten Bereich, sowie später die Not des Krieges. Die Vortragstätigkeit kam zum Erliegen; das war deshalb so sehr bedauerlich, weil dadurch ein wichtiger Auf- trag, die Verbreitung wissenschaftlicher Bildung und die Förderung der Beziehungen zwischen Wissenschaft und dem praktischen Leben, stark beeinträchtigt wurde. Als weitgehend einziger Vermittler zwischen der Verwaltung der GHG und den Mitgliedern blieben vorerst noch die zugesandten Veröffentlichungen, die zwar sehr inter- essante Berichte und Mitteilungen enthielten, aber es fehlte der persönliche Kontakt, den jeder Redner ver- mittelt, ein Problem das auch heute noch akut ist. Die Gründe für das Erlöschen der Vortragstätigkeit, die sicherlich zum Teil auch politischer Natur waren, lassen sich heute nicht mehr alle ermitteln. Soviel steht aber fest, daß zu ihrem Gelingen beide Seiten beitragen müssen (48). Wenn nur eine Seite versagt, ist das Ende der Beziehungen in Sicht. Ein sehr positives Beispiel bot in der Vergangenheit die Dürergesellschaft in Alsfeld. Jahr für Jahr stellte sich dieses Mitglied (47) Provinzialdirektor H.L. Graef, geb. am 23.5.1869 in Monsbach, Rheinhessen, Ehrendoktor der Gießener juristischen Fakultät und Ehrensenator der Univer- sität Gießen, verzog nach der Pensionierung mit seiner Familie nach Süddeutschland. Deshalb legte er im April 1934 sein Amt im Vorstand der GHG nie- der. Herr Graef starb am 4.10.1949 in Oberammer- gau. Zu seinem Nachfolger wurde Syndikus Paul Meesmann gewählt. Paul Meesmann, geb. am 5.2.1869, war bis 1923 Syndikus an der Handelskammer Mainz gewesen. Nach seiner Verhaftung und Ausweisung durch die Besatzungsmacht kam er nach Gießen. Hier nahm er wieder an der Arbeit der GHG teil, für die er in Mainz bereits maßgebend tätig gewesen war. Außerdem hielt er an der Universität wirtschafts - wissenschaftliche Vorlesungen, die später als Buch unter dem Titel "Grundlagen der Wirtschaft" er- schienen. Die Universität Gießen ehrte seine wissenschaftliche Tätigkeit durch die Verleihung des Dr. h.c.. Direktor Meesmann trat sein Amt als Vorsitzender der GHG am 7.4.1934 an. - 29 - der GHG aus den übersandten Themenvorschlägen ein eigenes Vortragsprogramm zusammen und führte es im bei- derseitigen guten Einvernehmen durch. Als auch die Dürergesellschaft das Schicksal der "Gleichschaltung", d.h. die Auflösung, traf, verlor die GHG ein weiteres tüchtiges Mitglied und die letzte aktive Außenstelle. (48) So müssen auf der Rednerseite ansprechende Themen angeboten werden. Hier ist sicher nach 1933 eine empfindliche Lücke entstanden, denn eine Reihe be- sonders gefragter Redner, wie der Philosoph von Aster, der Geologe Harrassowitz, die Archäologin Margarete Bieber, die Nationalökonomen Mombert, Lenz u.a., der Literaturwissenschaftler Vietor wurden aus politischen oder rassischen Gründen aus dem Universitätsdienst entlassen. (49) Meesmann war am 13.4.1940 mit Funktionären der NSDAP, Offizieren der Wehrmacht und Behörden- leitern vom Rektor zu einem "Kameradschaftsabend" geladen, dort aber weder begrüßt, noch eines Wor- tes gewürdigt worden. Brüskiert durch dieses Ver- halten des Rektors, hatte er das Zusammensein ver- lassen und am 15.4.1940 dem Rektor den Grund seines vorzeitigen Aufbruchs mitgeteilt, worauf der Rektor sich nun seinerseits brüskiert fühlte und Meesmann in schroffer Form mitteilte, daß er als Vorsitzender der GHG für den Rektor untragbar sei. Gleichzeitig verlangte er in einem weiteren Schreiben vom 18.4.1940 von Professor Eger, daß dieser als dienstältester Dekan und als Vorstands- mitglied eine Vorstandssitzung der GHG zum Zwecke der Entfernung Meesmann's als Vorsitzenden der GHG einberufe. In der Hauptversammlung am 26. Mai tra- ten der Vorsitzende und sein Stellvertreter, Pro- fessor Bürker, der sich beim Rektor schriftlich am 20.4. für eine gütliche Beilegung des Streites eingesetzt hatte, zurück. Der wahre Grund dieses Streites dürfte ein politischer gewesen sein. An der Spitze der GHG sollte ein Parteigenosse stehen, wenn auch nur ein nomineller. Jedenfalls wurde der neue Vorsitzende als Parteigenosse vor- gestellt und so vom Rektor angeredet. Die Haupt- versammlung wählte noch in der gleichen Sitzung Herrn Meesmann als Mitglied in den Verwaltungsrat. Herr Dr. h.c. Paul Meesmann starb am 4.6.1947 in Gießen. - 30 - Die GHG hatte zwar insofern Glück, als sie nicht das gleiche Geschick erleiden mußte, dafür kam es aber im April 1940 zu schweren Auseinandersetzungen (49) zwischen dem stramm nationalsozialistischen Rektor und Rasseforscher Professor Dr. Kranz und dem Vorsitzenden der GHG, die dazu führten, daß Dr. h.c. Meesmann und sein Stellvertreter, Professor Dr. Bürker in der Haupt- versammlung am 25. Mai 1940 ihr Amt zur Verfügung stellten. Als neuer Vorsitzender wurde Landrat Dr. Hugo Lotz (50) und als dessen Stellvertreter Professor Dr. 0. Eger gewählt. Der Vorsitzende Dr. Lotz übersiedelte aber im April 1944 (51) als Regierungspräsident nach Stettin. Ob da- nach noch ein Vorsitzender gewählt wurde oder Profes- sor Eger als Stellvertreter die GHG leitete, konnte nicht geklärt werden. Inzwischen machten sich die Kriegsnöte bereits auf den verschiedensten Gebieten bemerkbar. So konnten z.B. von 1942 an (ab Band 15) wegen Papiermangel keine "Nach- richten der GHG" mehr erscheinen (52). Damit entfielen zugleich wichtige Informationen über die Ereignisse an der Universität und in der GHG während der letzten Kriegsjahre, da auch ein großer Teil der Akten ver- nichtet worden ist. (50) Dr. Hugo Lotz, geb. am 29.5.1893 in Unter-Schmit- ten, war als promovierter Jurist in verschiedenen Positionen in der Verwaltung tätig, nach dem Kriege als Oberbürgermeister der Stadt Gießen. (51) Laut Brief des Rektors Professor Dr. Alfred Brüggemann vom 5.4.1944 und Antwortschreiben des neu ernannten Regierungspräsidenten Dr. H. Lotz von Stettin am 19.4.1944, Archiv d. Präsidalamtes (U.B.) und laut Mitteilung des ehemaligen Kanzlers der Universität Gießen, W. Köhler. Hugo Lotz starb am 20.7.1978 in Gießen. (52) Oberhessische Zeitung vom 14.9.1942. - 31 - Die GHG, die nach außen nur noch wenig in Erscheinen trat, feierte auch 1943 infolge des Krieges nicht ihr 25-jähriges Bestehen, startete aber aus diesem Anlaß eine Sammelaktion, die unter den gegebenen politischen Verhältnissen das erstaunliche Ergebnis von 60.000 RM erbrachte. Das Geld sollte gespart werden, um nach dem Kriege größeren Aufgaben gewachsen zu sein. Diese Ahnung sollte bald schreckliche Wirklichkeit werden. Doch zur Behebung der ungeheueren Kriegsschäden an fast allen Gebäuden und Einrichtungen der Universität nahm sich diese Summe aus wie ein Tropfen auf einen heißen Stein. Die finanziellen Leistungen, welche die GHG für die Universität Gießen in dieser ersten Periode insge - samt aufgebracht hat, betrugen bis zum Ende der In- flation im Jahre 1923 viele Millionen (53) und von 1924-1945 249.000 RM (54). Das Kriegsende bedeutete praktisch auch das Ende der Ludoviciana, aber auch die GHG war offiziell nicht mehr aktionsfähig. Der Vorsitzende des Vorstandes war 1944 verzogen, der Vorsitzende des Verwaltungsrates, Fabri- (53) Nach einer Aufstellung des Schatzmeisters L. Grießbauer vom 11.11.1925 für den Rektor Professor Dr. K. Bürker betrugen die Zuwendungen an Insti- tute in der Zeit von 1918-1925, also einschließ- lich der Inflationszeit, über 15 Millionen Mark (Archiv U.B.). (54) In dieser Summe sind allerdings nicht die Beträge enthalten, die Mitglieder der GHG direkt der Uni- versitäts-Verwaltung oder Kasse als Geld- oder Sachspenden zukommen ließen. So hat z.B. die Stadt Gießen, korporatives Mitglied der GHG, nach dem Ersten Weltkrieg bis zum Jahre 1931 für die Uni- versität Gießen Sach- und Geldspenden im Werte von 135.931 RM jährlich aufgebracht. Damit stand sie unter den Universitäts-Städten des Deutschen Reiches hinter Heidelberg an zweiter Stelle, das bis dahin jährlich für seine. Universität rund 144.000 RM gestiftet hatte, aus: "Darmstädter Zei- tung", Jg. 155, Nr. 39, 16.2.1931, Archiv des Prä- sidialamtes (U.B.). - 32 - kant Arthur Pfeiffer, Wetzlar, lebte nicht mehr. Die übrigen Vorstandsmitglieder, deren Amtszeit längst ab- gelaufen war, fungierten ohne Mandat. So brachte Pro- fessor Dr. A. Götze, der langjährige Betreuer der Nach- richten der GHG, noch 1946 trotz größter Schwierig - keiten den Band 16 der "Nachrichten der GHG" heraus. Doch den Abtransport der von ihm väterlich betreuten germanistischen Seminarbibliothek, die den Krieg unbeschädigt überstanden hatte, an die Universität Frankfurt, überlebte er nicht. Die Gießener Hochschulgesellschaft war durch all die schweren Schicksalsschläge hart getroffen und stark dezimiert worden, ebenso wie die alma mater, der ihre treuen Dienste gegolten hatten. - 33 - Zweite Periode (1948 -1964) Die Verhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg stellte die Gießener Hochschulgesellschaft wohl Vor die schwerste Aufgabe seit ihrem Bestehen. Zunächst hatte man in der Hoffnung, daß die von der Besatzungsmacht geschlossene Universität bald die Tore wieder öffnen würde, weiter gewirkt, Vorträge arrangiert, Spenden zum Wiederaufbau gesammelt u.a.m.; doch bald wurde das Gerücht von der endgültigen Schließung bittere Wahrheit. Der Kampf der Universitätsleitung, der noch tätigen Professoren, der lokalen. Behörden, Verbände und der heimischen Wirt- schaft um die Erhaltung ihrer alma mater war verloren. Übrig blieben von der Philoso phischen Fakultät, 2. Abt. die Agrarwissenschaften, die sich zu einer Landwirt- schaftlichen Fakultät zusammenschlossen und die Veterinärmedizinische Fakultät, doch beiden Fakultäten fehlte zunächst ein großer Teil der Professoren. Von den Naturwissenschaften entgingen nur die Fachgebiete der Auflösung, die für die Ausbildung der Landwirte und der Veterinärmediziner dringend gebraucht wurden. Das weitere Schicksal der großen Medizinischen Fakultät war noch völlig ungewiß, wie auch das der zugelassenen Dis- ziplinen nur vorläufig'und noch nicht gesetzlich ge- sichert war. Die Situation der Gießener Hochschul - gesellschaft (GHG) sah aber auch nicht viel besser aus. Vorsitzende des Vorstandes und des Verwaltungsrates gab es nicht mehr, die meisten Unterlagen waren durch die Kriegsereignisse verloren gegangen, das noch vorhandene Vermögen, die in der Nachkriegszeit 'gesammelten Spenden und sonstigen Einnahmen aus Vorträgen usw. wurden durch die rapide ansteigende Teuerung bald entwertet. Viele Bürger und Mitglieder der GIIG hatten die zerstörte Stadt verlassen oder den Krieg nicht überlebt. - 34 - Praktisch kam die Wiederbelebung der GHG als einge- tragener Verein einer Neugründung gleich. Doch dieses Mal waren die äußeren Verhältnisse wesentlich ungünstiger als bei der Gründung 1918. Damals waren zwar im Westen und Osten Gebiete verloren gegangen, aber das Reich als Ganzes erhalten geblieben. Die Kriegshandlungen hatten sich außerhalb der Reichs- grenzen abgespielt, zurückkehrende Soldaten fanden ein unzerstörtes Heim vor. An den wissenschaftlichen Hoch- schulen wirkte ein intakter Lehrkörper, der (im Welt- maßstabe gesehen) noch in vorderster Front des wissen- schaftlichen Fortschrittes stand. Nach dem Zweiten Weltkrieg existierte das Reich nicht mehr, das Land war von fremden Truppen besetzt, welche die Macht ausübten, die Städte lagen bis auf wenige Ausnahmen in Trümmern. In das zerstörte Land wurden Millionen von Flüchtlingen hineingepreßt, die man aus ihrer angestammten Heimat vertrieben hatte. Die Universitäten teilten das Schick- sal ihrer Städte. Ein beachtlicher Teil der wissen- schaftlichen Elite war 1933 emigriert oder vertrieben worden. Von den zurückgebliebenen Wissenschaftlern wurde nach 1945 ein Teil aus politischen Gründen nicht mehr angestellt, andere teilten das Los der kriegsge- fangenen Soldaten. Bedingt durch diese Umstände und die jahrelange Isolierung hatte die deutsche Wissenschaft ihre frühere Spitzenstellung in der Welt eingebüßt. Die Neuordnung der Verhältnisse an der Gießener Hoch- schule wurde dadurch so schwierig, daß sie im Zusammen- hang mit der Umstrukturierung der geopolitischen und Hochschulverhältnisse im Lande Hessen gelöst werden mußte. Vor dem Kriege war Gießen die einzige Uni- versität im Volksstaat Hessen, die Landesuniversität, gewesen, an der alle zukünftigen Landesbeamten einige Semester studierten und das Schlußexamen ablegten. Dadurch entstanden Beziehungen zur Universität und zur Stadt Gießen, die vielfach über die Studienzeit hinaus - 35 - Bestand hatten. Nun war die einstige Landesuniversität zu einer kleinen Hochschule degradiert worden, der plötzlich drei große Rivalen (Darmstadt, Frankfurt, Marburg) gegenüberstanden. Das früher so ergiebige Ein- zugs- und Werbegebiet Rheinhessen gehörte nicht mehr zum Staatsgebiet. Die Stadt Mainz, in der so erfolg- reiche Hochschulwochen abgehalten worden waren, ver- fügte nun über eine eigene Universität, die 5. in einem relativ engen Gebiet und war zugleich Refugium für einen Teil der in Gießen entlassenen Professoren. Der dem Lande Hessen zugeschlagene ehemalige preußische Regierungsbezirk Kassel stellte das klassische Einzugs- und Werbegebiet der Universität Marburg und deren Uni- versitätsbundes dar. Die dem Lande Hessen angeglieder- ten Teile des ehemaligen preußischen Regierungsbezirkes Wiesbaden sowie der Raum zwischen Gießen und Frankfurt verblieben als Einzugsgebiete der Universitäten Gießen und Frankfurt. Der Neubeginn der GHG Angesichts dieser Situation muß man den Mut, die Tat- kraft, die Zuversicht und Treue der noch lebenden ehe- maligen Vorstandsmitglieder der GHG bewundern, die ohne Mandat sich der Mühe unterzogen, die der GHG noch ver- bliebenen Mitglieder wieder aufzufinden, sie erneut unter ganz anderen Voraussetzungen zur Mitarbeit zu ge- winnen und einen neuen Verwaltungsapparat aufzubauen. Man konnte bis 1947 eine Liste von 329 Mitgliedern wie- der aufstellen: ein absoluter Tiefstand. Dank der Initiative von Prof. Dr. 0. Eger und einiger weiterer Mitglieder kam nach 9 Jahren, am 1.11.1947 (55) wieder eine Hauptversammlung, fast eine Gründungs- (55) Nachrichten der GHG, Bd. 17, 1948, S. 187 - 36 - versammlung zustande. Für die anwesenden Mitglieder be- durfte es keines Beschlusses, daß sie auch dem neu entstehenden akademischen Gebilde ebenso treu und ein - satzbereit dienen würden wie der untergegangenen ehr- würdigen Ludoviciana. Aber es zeigte sich jetzt schon und wurde später immer deutlicher geäußert, daß man sich auf Dauer nicht mit einer Rumpfhochschule zufrie- den geben würde. In der ersten Sitzung berichtete Prof. Eger kurz über die Ereignisse der vergangenen harten Jahre und die Aktivitäten der GHG (55). Noch in dieser Versammlung beschloß die GHG (wohl unter Berücksichti - gung der völlig veränderten äußeren Verhältnisse) eine drastische Veränderung der Verwaltung. Der 50-köpfige Verwaltungsrat wurde völlig abgeschafft, der Vorstand von 16 auf 10 Mitglieder reduziert, wovon 6 der Wirt- schaft und 4 der Hochschule angehörten. Nach neun Jahren wurde auch wieder ein Vorstand gewählt, der seinerseits Prof. Eger zum Vorsitzenden, Bankdirektor Ernst Bleyer erneut zum Schatzmeister bestellte und dem bekannten Botaniker Prof. Dr. Ernst Küster die Leiturig der "Nachrichten der GHG" übertrug. Damit besaß die GHG wieder einen tatkräftigen und aktiven Vorstand und mit Prof. Eger zum ersten Mal in der Geschichte der GHG einen Angehörigen der Universität als Vorsitzenden. Otto Eger, ausgestattet mit einem spezifischen Verwal- tungstalent, einem warmen gütigen Herzen und dabei hilfsbereit und energisch zugleich, hat durch seine Persönlichkeit und sein Wirken für Jahrzehnte das Ant- litz der Gießener Universität geprägt. Die große Not der nach dem Ersten Weltkrieg an die Uni- versität zurückkehrenden Studenten hatte ihn zur Grün- dung der Studentenhilfe und zur Einrichtung einer Mensa veranlaßt, deren Verwaltung er für viele Jahre übernahm. GHG und Gießener Studentenhilfe, die beiden "modernen Bettelorden" arbeiteten eng zusammen, was - 37 - schon daraus hervorgeht, daß der Vorsitzende der Stu- dentenhilfe dem Vorstand der GHG angehörte. Die Studenten werden zwar in den Satzungen der GHG nicht ausdrücklich erwähnt, auch liest man in den ersten Jahren in den Berichten der GHG nichts von Für - sorge für sie. Das hatte aber nichts mit Inter- esselosigkeit und mangelndem Sozialverhalten zu tun, sondern geschah aus Rücksicht auf die ausschließlich für die Unterstützung der Studierenden tätige Stu- dentenhilfe. Trotzdem stand die GHG überall dort, wo es nötig und möglich war, dem Studentenwerk hilfreich zur Seite, so z.B. beim Aufbau des Studentenhauses und bei dessen Wiederaufbau nach dem Kriege. Doch unter dem Vorsitz von.Prof. Eger wurde im Rahmen der , Tätigkeit der GHG die Fürsorge für die Studenten besonders betont (56). Hilfe war auch dringend nötig, denn die aus dem Kriege Zurückkehrenden fanden nirgends ein "zu Hause". Die Vorlesungen und Übungen fanden vielfach in unge- heizten, mehr oder minder beschädigten Räumen statt, das Studentenhaus war teilzerstört, die Mensa unbenutz- bar, die noch brauchbaren Räume standen dem städtischen Flüchtlingsamt zur Verfügung. Die Not war wirklich groß. Deshalb sah sich auch die GHG verpflichtet, dafür zu sorgen, daß die Studierenden wieder im Studentenhaus Unterkunft fanden und Verpflegung erhielten. Für Ab- hilfe in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch zu sorgen, fiel nicht ganz leicht, weil in Anbetracht des Geldwertverfalles fast nur Tauschgeschäfte abgewickelt wurden. Nach der Währungsreform 1948 war aber das Ver- mögen der GHG auf unbedeutende Beträge zusammenge- schrumpft. Doch dank des großen Ansehens, das Prof. Eger in Stadt und Land, bei den Behörden und in Kreisen der Wirtschaft genoß, fanden sich großherzige Spender und Helfer, die dafür sorgten, daß die Arbeiten zügig (56) Nachrichten der GHG, Bd. 18, 1949, S. 160/161 - 38 - vorangingen und das Studentenhaus bald wieder den Stu- denten zur Verfügung gestellt werden konnte. Mit gleicher Energie setzte sich Eger für die Mittelbe- schaffung zur Beseitigung der schlimmsten Schäden an den Hochschulgebäuden ein. Doch lange konnten sich die GHG, die Hochschule und die Studentenschaft nicht mehr der sicheren, weisen und gütigen Führung dieser einzig- artigen Persönlichkeit erfreuen; denn bald (57) nahm der Tod dem nimmermüden treuen Freund und selbstlosen Helfer seiner Universität, seiner GHG und seiner Studenten die Zügel aus der Hand. Mit dem Ausscheiden Egers wurde sein studentisches Anliegen nicht zu den Akten gelegt, sondern war auch für seine Nachfolger verpflichtend. Dies zeigen die Zuwendungen, die laut Jahresberichten direkt oder indirekt für studentische Belange zur Verfügung gestellt wurden. Mitwirkung am Wiederaufbau der alma mater Nachfolger Egers in der nun folgenden Wiederaufbauphase wurde Professor Dr. Heinrich Boening, Direktor der Psychiatrischen- und Nervenklinik. Mit Prof. Boening als Vorsitzendem wurde eine Persönlichkeit von unbe- stechlicher Lauterkeit, menschlicher Wärme und Weisheit gewählt. In der Nachkriegszeit hatte er zusammen mit den Professoren Wagenseil, Eger und anderen verhindert, daß die Medizinische Fakultät zu einem Kreiskrankenhaus degradiert wurde. In schweren Verhandlungen konnten die Fundamente für die Akademie für Medizinische Forschung und Fortbildung 1950 gelegt werden, auf denen die spätere Fakultät und der heutige Fachbereich Humanmedi- zin entstand. Durch sein Eingreifen in entscheidenden 457) Prof. Dr. Otto Eger, geb. am 19.10.1877 in Darmstadt, starb am 11.4.1949 in Gießen. - 39 - Stunden hab er zum Wiedererstehen der Universität mit- geholfen. Charakteristisch für seine Persönlichkeit war die Art, wie er als neuer Vorsitzender in der Fest- sitzung der GHG 1950 seinen Vorgänger, Prof. Eger in dem Vortrag "Grundlagen und Grenzen wissenschaftlicher Seelenkunde" ehrte und ihm zugleich ein würdiges und bleibendes Denkmals setzte (58). Das' von Eger geschaffene Gerüst der GHG erfüllte Boening dank seines ausgezeichneten Organisations- talentes und seiner Persönlichkeit mit neuem Leben. Den alten und neuen Mitgliedern der GHG sowie den führenden Vertretern der heimischen Wirtschaft machte er überzeu- gend klar, daß es sich lohne, auch in das noch ver- bliebene akademische Rumpfgebilde Mittel zu investie- ren. Die alleinige Bewältigung des Wiederaufbaus der zer- störten Hochschulgebäude war natürlich keine Angelegen- heit der GHG, doch erreichte sie es, durch geschickten Einsatz der Mittel, den Neubeginn der wissenschaft- lichen Tätigkeit wesentlich zu beschleunigen. So gelang es, das Physiologische Institut in der Friedrichstraße durch •die tatkräftige Unterstützung von Mitgliedern der GHG frühzeitig bezugsfertig zu machen und deshalb das von Berlin nach Dillenburg in ein Notquartier evaku- ierte Max Planck-Institut für Hirnforschung aufzu- nehmen. Mit der Integrierung dieses Institutes und der beiden Professoren Spatz und Hallervorden wurde an der jungen Hochschule ein neuer wissenschaftlicher Schwer- punkt geschaffen, von dem alle biologischen Disziplinen sehr viel profitierten, zumal die beiden Wissenschaft- ler sich nicht isolierten, sondern voll am Leben der Hochschule teilnahmen. Prof. Spatz wirkte nicht nur (58) Nachrichten der GHG, Bd. 19, 1950, S. 41-58. - 40 - innerhalb der Medizinischen Fakultät, er hielt auch Vorträge im Studium Generale, ferner bei den Veranstal- tungen der GHG, z.B. im Rahmen der Höchster Hochschul - woche. Am Wiederaufbau der Hochschule beteiligten sich viele Mitglieder der GHG, zwei davon, die sich in besonderer Weise hervortaten, sollen hier genannt werden, es sind die Wetzlarer Firmen Leitz und Buderus. Die Leitz-Werke ließen allein im Physiologischen Institut den großen Hörsaal in moderner Weise auf ihre Kosten wieder her- richten und statteten ihn mit den modernsten Projek - tionsgeräten aus. Die Firma Buderus lieferte wichtiges Baumaterial und ganze Heizanlagen. Beide Firmen begnüg- ten sich aber nicht damit, hier und an vielen anderen Stellen beim Wiederaufbau mitzuhelfen, sie stifteten Mittel und Geräte, um die Forschung wieder in Gang zu bringen, außerdem stellten sich führende Direktoren beider Firmen für die Mitarbeit im Vorstand der GHG zur Verfügung. Daß diese Hilfen zustande kamen und alle Maßnahmen gut aufeinander abgestimmt durchgeführt wurden, war der klugen und stillen Fürsorge Prof. Boenings zu danken. Sechs Jahre leitete er trotz schwerer körperlicher Be- hinderung und nie fehlender Schmerzen die Geschicke der GHG. Es gelang ihm in dieser Zeit, die äußeren Aufbau- arbeiten wesentlich zu fördern. Er bemühte sich aber auch, durch Unterstützung von Auslandsreisen, durch Austausch von Wissenschaftlern, durch Mithilfe bei der Beschaffung modernen wissenschaftlichen Geräts, durch Einladung bedeutender Wissenschaftler zu Vorträgen u.a.m. dem Fortschritt der Wissenschaft in jeder Weise zu dienen. Die dazu erforderlichen Mittel brachte er durch verstärkte Mitglieder-Werbung und Bemühung um Spenden auf. Sogar ein kleines Vermögen konnte bereits zu seiner Zeit wieder angelegt werden. Die Vortrags- - 41 - tätigkeit belebte er, indem er selbst mit gutem Bei- spiel voranging und die erste Hochschulwoche nach dem Kriege ermöglichte. Als sich 1955 sein Gesundheitszustand drastisch ver- schlechterte, sah er sich gezwungen, den Vorsitz niederzulegen. Doch bis kurz vor seinem Tode, der ihn am 19.08.1960 im 65. Lebensjahr ereilte, unterstützte er die Arbeit der GHG und deren Vorstand mit seiner reichen Erfahrung und seinem weisen Rat. Vorbereitungen für die 350-Jahrfeier der Universität Gießen Zum Nachfolger von Prof. Boening wurde auf Vorschlag des Rektors Prof. Dr. Hungerland Altrektor und Vor- standsmitglied Prof. Dr. V. Horn gewählt. Als erste Aufgabe übernahm der Vorstand der GHG in der neuen Zu- sammensetzung auf Wunsch von Rektor und Senat die Mit - arbeit bei den Vorbereitungen für die 350-Jahrfeier der Universität Gießen. Dazu startete die GHG eine große Werbeaktion um den besonderen Aufgaben des Jubiläums- jahres gewachsen zu sein (59). Gesammelt wurden 445.000 DM in bar und außerdem Sach- spenden im Werte von 60.000 DM. Mit diesen Mitteln be- teiligte sich die GHG an einer ganzen Reihe von Auf- gaben, so an der Einrichtung der Aula, an der Finanzie- rung der neuen Orgel, der Jubiläumsschriften u.a.m. (60). Darüberhinaus konnte sie namhafte Beträge an zahlreiche Institute und an die studentische Darlehens- kasse überweisen. Mit dem Rest der Spenden wurde das (59) Nachrichten der GHG, Bd. 27, 1958, S. 127. (60) Nachrichten der GHG, Bd. 27, 1958, S. 127. - 42 - Vermögen, das 1956 noch 38.000 DM betragen hatte, auf 177.000 DM aufgestockt. Universität und GHG dankten allen Spendern und Mit- gliedern der GHG für ihre hochherzigen Gaben. Ihre Namen wurden auf einer Liste festgehalten. Außerdem er- hielten sie zur Erinnerung an die 350-Jahrfeier Repro- duktionen von Bildern aus der Professorengalerie im Senatssaal. Einige Freunde der GHG, denen die Univer- sität Gießen besonders viel zu verdanken hat, verdienen es, an dieser Stelle namentlich erwähnt zu werden. Zu ihnen zählt Drs. h.c. Henri Dumur (1885-1972), Ehren- senator der Universität Gießen, stellvertretender Vor- sitzender der GHG, Direktor der Firma Leitz, Wetzlar (61). Der Universität Gießen galt seine besondere und nie er- lahmende Fürsorge. Schon der Ludwigs-Universität eng verbunden, hielt er zusammen mit den jeweiligen Firmen- (61) Henri Dumur, geb. am 14.7.1885 in Vevey am Genfer See, hat der Firma Leitz 60 Jahre von 1908-1963 an der Seite von drei Generationen der Familie Leitz u.a. als geschäftsführender Direktor und schließ- lich als Vorsitzender des Aufsichtsrates gedient und durch sein Wirken zum weltweiten Ansehen dieses Werkes beigetragen. Als bekannte Unter- nehmerpersönlichkeit gehörte er auch zahlreichen nationalen und internationalen Wirtschafts- verbänden sowie verschiedenen Beratungsgremien von Regierungsstellen an. Für die Förderung von Wis- senschaft und Kultur in der Bundesrepublik Deutschland setzte er sich im Verwaltungsrat des Stifterverbandes der deutschen Wirtschaft und im Kulturkreis des Bundesverbandes der deutschen Industrie mit ganzer Kraft ein. Er starb am 14.9.1977 nach Vollendung seines 92. Lebensjahres in Wetzlar. Archiv. d. Präsidialamtes, der GHG und Nachrichten der GHG, Bd. 34, 1965. S. 3-4 und Archiv der Firma Leitz. - 43 - leitern der Familie Leitz der darniederliegenden wie der wieder entstehenden Universität Gießen unverbrüch- liche Treue. Nach der Fertigstellung des "Ernst Leitz- Hörsaales" setzte sich die Unterstützung in vielfäl- tiger Weise fort. Als z.B. bei der Wiedereröffnung der Universität 1957 die Medizinische Akademie wieder Fakultät wurde und nun auch 'die vorklinische Ausbildung der Studenten möglich war, fehlten die Mittel für den Bau des bereits geplanten anatomischen Präpariersaales. Auf Initiative Dumurs stiftete die Firma Leitz die er- forderliche Bausumme von 85.000 DM als Jubiläumsspende, mit dem Ergebnis, daß eine baldige vollständige Aus- bildung der medizinischen Studenten in Gießen erfolgen konnte. Nicht genug damit, überwies Dr. Dumur aus privaten Mitteln eine weitere Spende zur 350-Jahrfeier. Dem 90-jährigen verdankt die GHG die "Dumur-Stiftung". Für die Naturwissenschaften regte er u.a. die Stiftung von zwei Lehrstühlen an, einen davon zur 350-Jahrfeier. Die Naturwissenschaftliche und die Medizinische Fakul- tät verliehen dem hochherzigen und wissenschaftlich außerordentlich interessierten Freund der Universität Gießen die Würde eines Ehrendoktors. Henri Dumur war aber nicht nur ein großzügiger Mäzen der Universität Gießen, sondern er setzte auch seine Arbeitskraft als stellvertretender Vorsitzender der GHG zur Förderung der Universität ein. Diese verlieh ihm in Anerkennung seiner großen Verdienste die höchste Auszeichnung, in- dem sie ihn zum Ehrensenator ernannte. Die GHG ehrte diese vornehme, bescheidene und stets hilfsbereite Persönlichkeit durch die Ernennung zum Ehrenmitglied. Aus Anlaß ihres 80. Geburtstages, den Henri Dumur und Ernst Bleyer (ehem. Schatzmeister der GHG) 1965 begehen konnten, widmete die GHG den beiden rüstigen und um die Universität Gießen besonders ver- dienten Jubilaren den Band 34 der "Nachrichten der GHG " . - 44 - Zu nennen ist ferner Dr.Dr.h.c. Hugo Freund (62), Ver- triebsleiter der Firma Leitz, Ehrensenator der Justus- Liebig-Universität, Vorstandsmitglied der GHG. Infolge seiner Stellung im Werk, in zahlreichen Verbänden und wissenschaftlichen Gesellschaften sowie dank seines un- gewöhnlichen Gedächtnisses für Menschen und Fakten ver- fügte er über besonders viele regionale und überregio- nale Beziehungen. Diese kamen ihm bei der Mitglieder- und Spendenwerbung für die Jubiläumsfeier besonders zu- gute, die er zusammen mit dem Schatzmeister Ernst Bleyer übernommen hatte und die von besonderem Erfolg gekrönt war. Dr. h.c. Franz Grabowski (63), Ehrensenator der Justus- Liebig-Universität, Generaldirektor der Buderus'schen Eisenwerke Wetzlar, ein nie versagender Helfer in Not- fällen, bewährte sich auch bei der Jubiläumsfeier als großzügiger Mäzen. Ebenso starken Anteil am Geschick der Gießener Hochschule nahm Direktor Paul Engfer (64) von der Firme Buderus, Ehrensenator der Justus-Liebig- Universität. Er unterstützte nicht nur den Wiederauf- bau, die wissenschaftliche Arbeit und die Jubiläumsvor- bereitungen, sondern stellte, wie vor ihm der um die GHG und die Universität Gießen verdiente Direktor Willi Ketter (Buderus, Lollar) (65) der GHG seine Arbeits - kraft als Schatzmeister für Jahre zu Verfügung. In diesem Zusammenhang muß auch des Mitbegründers der GHG, des Fabrikanten Ludwig Rinn, Heuchelheim, Ehren - (62) Hugo Freund, geb. am 1.7.1900 in Wetzlar, ge- storben am 30.8.1972 in Wetzlar. (63) Franz Grabowski, geb. am 25.12.1897 in Kattowitz, gestorben am 17.12.1981 in Wetzlar. (64) Paul Engfer, geb. am 25.1.1901 in Meyenburg Bez. . Potsdam, lebt in Wetzlar. (65) Willi Ketter, geb. am 9.4.1904 in Benrath, ge- storben am 19.11.1977 in Lollar. - 45 - senator der Ludwigs-Universität seit 1929 und Ehrenmit- glied der GHG, gedacht werden. Bis zu seinem Tode am 30.10.1958, im Alter von 89 Jahren hat er als ehemaliger stellvertretender Vorsitzender der GHG die- ser seine ideelle und materielle Hilfe angedeihen lassen. Noch 1957, in seinem letzten Lebensjahr, nahm er intensiv an den Vorbereitungen für einen würdigen Verlauf der 350-Jahrfeier der Universität teil. Der großzügigen Unterstützung dieser an sich sparsamen Per- sönlichkeit verdankt die Universität u.a. das Haus Bis- marckstraße 26 und die äußerst preiswerte Überlassung des Geländes in der Wilhelmstraße 20. Da zu dieser Zeit im Haushalt des Landes Hessen keine Mittel für Gelände- erwerb vorgesehen waren, beschaffte ein Mitglied der GHG und großer Freund der Universität Gießen die erfor- derlichen Mittel auf ganz unbürokratische Weise. Auf diesem Gelände sind jetzt untergebracht: das Insti- tut für Ernährungswissenschaft, das Institut für Nuk- learmedizin, die Medizinische Poliklinik und ein Schwesternwohnheim. Seiner vorausschauenden Fürsorge, seiner Menschenkenntnis und seiner Weisheit verdanken die GHG und der Referent darüberhinaus manch guten Rat. Durch Herrn Ludwig Rinn wurde der Verfasser auch mit Herrn Hermann Pfaff (66), Direktor der Firma Schunk & Ebe, Heuchelheim, Ehrensenator der Justus-Liebig-Uni - versität, bekannt. Herr Pfaff erwies sich nicht nur als großzügiger Mäzen unserer Universität, sondern setzte (66) Hermann Pfaff, geb. am 1.2.1903 in Krofdorf- Gleiberg, hat als langjähriger Direktor der Firma Schunk & Ebe das Unternehmen zu einem der größten deutschen und europäischen Produzenten von Kunst- kohle und Sintermetall-Erzeugnissen entwickelt, im. Betrieb vorbildliche soziale Einrichtungen und eine großzügige Altersversorgung für die Betriebs- angehörigen geschaffen, Ehrenämter in Fachver- bänden aber auch in seiner Heimatgemeinde wahrge- nommen. Hermann Pfaff starb am 7.1.1985, er wurde in Krofdorf beigesetzt. - 46 - auch die Tradition seines Vorgängers in der Firma und Firmengründers Ludwig Schunk fort, indem er nicht nur als Förderer der Universität wirkte, sondern auch seine Arbeitskraft, seine reichen Erfahrungen und seinen Rat dem Vorstand der GHG zur Verfügung stellte. Sein beson- deres Interesse galt den Naturwissenschaften und den beiden medizinischen Fakultäten. Stiftungen von Preisen, Professuren und einer Bibliothek Nachdem die dringendsten äußeren Notstände behoben waren, konzentrierte sich das Interesse der GHG wieder mehr auf die Förderung der wissenschaftlichen Tätig- keit. Diese erfolgte durch Unterstützung von laufenden Forschungsvorhaben und Anerkennung besonderer wissen- schaftlicher Leistungen durch Preisverleihungen. So stifteten die Firmen A. Pfeiffer, Wetzlar und Schunk & Ebe gemeinsam den Röntgenpreis, der 1960 zum ersten Male für hervorragende wissenschaftliche Leistungen auf naturwissenschaftlich-physikalischem Gebiet verliehen wurde (67). Die Firma Schunk & Ebe stiftete, ebenfalls unter Mit- wirkung der GHG, den Ludwig Schunk-Preis (68) für Medi- zin und den Ludwig Schunk-Preis für Veterinärmedizin. Beide Preise werden für hervorragende wissenschaftliche Leistungen auf den jeweiligen Fachgebieten verliehen. Aus dem Nachlaß des Ehrenmitgliedes Ludwig Rinn wird der Ludwig Rinn-Preis für hervorragende Dissertationen gestiftet, hierbei wirkt die GHG mit (69). (67) Gießener Hochschulblätter, B. Jg., 1960, H. 1, S. 17 (68) Nachrichten der GHG, Bd. 30, 1961, S. 194. (69) Ludwig Rinn-Preis, Satzung im Archiv der GHG. - 47 - Eine weitere, von der GHG verwaltete Stiftung stammt von der Witwe des verstorbenen Botanikers Ernst Küster (70). Sie wurde errichtet, um junge Wissenschaftler, auch solche aus der DDR, zu förden, die auf einem seiner Forschungsgebiete, namentlich der Gallenfor - schung, tätig sind. Die Erträgnisse aus dieser Stiftung konnten inzwischen für den Stiftungszweck in Anspruch genommen werden. Die Stiftungen des Liebig- (71) und des Eilhard-Alfred Mitscherlich-Preises (72) der Agrarwissenschaften wer- den ebenfalls von der GHG verwaltet. Die Ludoviciana hatte 1946 nicht nur fast alle Fakul- täten und ganze Disziplinen verloren, sondern die ver - bliebenen waren zum Teil noch stark reduziert worden. Das hatte z.B. in der Physik zur Folge, daß die Physik- studenten nicht mehr voll ausgebildet werden konnten, weil die unbedingt erforderliche Theoretische Physik fehlte. Um hier zu helfen, entschloß sich die Firma Leitz einzugreifen. Sie stiftete 1947 einen voll arbeitsfähigen Lehrstuhl für Theoretische Physik, und zwar für einen Zeitraum von 10 Jahren und stattete ihn entsprechend aus. Um im Jubiläumsjahr einen weiteren Anstoß für den Ausbau der Universität zu geben, stiftete sie erneut einen Lehrstuhl für 10 Jahre, und zwar dieses Mal für Mineralogie und Petrologie. Auch dieser Lehrstuhl wurde arbeitsfähig ausgestattet. Was das finanziell bedeutete, soll in einem anderen Zusam- menhang erwähnt werden. (70) Ernst Küster-Stiftung, Satzung im Archiv der GHG. (71) Liebig-Preis, Gießener Hochschulblätter, Jg. 2, 1954, H. 3 und Brief vom 20.5.1964. (72) Mitscherlich-Preis, Schreiben der Landwirtschaftl. Fakultät vom 11.6.1964 und Gießener Hochschul- blätter, Jg. 11, 1964, H. 3, S. 35. - 48 - In der seit 1952 aufgebauten Allgemeinen Abteilung der Justus Liebig-Hochschule wurden nur Lehraufträge ver- geben. Um diese weiter auszubauen und schließlich wie- der eine Philosophische Fakultät daraus zu entwickeln, wurden ordentliche Lehrstühle benötigt, die zunächst vom Lande Hessen noch nicht zu bekommen waren. Als nun 1956 im Parlament der Stadt Gießen Überlegungen wegen einer Jubiläumsgabe zur 350-Jahrfeier der Universität Gießen angestellt wurden, beantragte Prof. V. Horn, da- mals Stadtverordneter, als Initialzündung für die Wie - dererrichtung einer Philosophischen Fakultät die Stif- tung einer ordentlichen Professur für Philosophie. Die Stadtverwaltung beschloß, die Kosten für eine Professur an der Justus-Liebig-Universität für die Dauer von zwei Jahren zu übernehmen; gleichzeitig stimmte die Hessi- sche Landesregierung dem Wunsche der Stadt Gießen zu, danach die Professur zu übernehmen (73). Um den durch die Vernichtung der Universitätsbibliothek verloren gegangenen Bücherbestand wenigstens auf dem medizinischen Sektor wieder zu erneuern, stiftete die Firma Schunk & Ebe auf Initiative von Direktor Pfaff die Mittel für die Errichtung der Ludwig Schunk-Biblio - thek, die durch ständige Förderung mittlerweile einen beachtlichen Bücherbestand erreicht hat. (73) Auszug aus einem Schreiben von Ministerpräsident Dr. G.A. Zinn, zugestellt im Schreiben des Stadt- verordnetenvorstehers Möller vom 7.11.1983 (Stadt- archiv). - 49 - Besondere Anliegen Die GHG beschränkte ihre Tätigkeit nicht nur auf die rein satzungsmäßigen Aufgaben, sondern war auch zur Stelle, wenn es darum ging, die alma mater in künst- lerischer oder kultureller Hinsicht zu bereichern, ohne daß bei ihren begrenzten Möglichkeiten die wissen- schaftliche Förderung zu kurz kam. Damit in der schlimmen Nachkriegszeit wenigstens ein Raum bei festlichen Gelegenheiten und akademischen Feiern würdig ausgestattet und in ihm auch der Namens- patron der neu erstehenden Hochschule vertreten sei, ließ der stellvertretende Vorsitzende der GHG, Dr. h.c. Henri Dumur, Direktor der Leitz-Werke, auf der alten Bühnenseite der Aula ein großes, von einem bedeutenden Künstler gemaltes Bild Liebigs anbringen. Beim Umbau der Aula im Jahre 1957 konnte es allerdings wegen der Aufstellung der neuen Orgel keinen Platz mehr finden. Dafür stiftete ein anderes Mitglied der Familie Leitz, Herr Dr. h.c. Ludwig Leitz, nach Fertigstellung des Hauptgebäudes Ludwigstraße 23, 1954 zwei von der Bild- hauerin Emmi Roeder geschaffene Bronzebildnisse, näm- lich das des Landgrafen Ludwig V., des Stifters der Ludwigs-Universiät, und das von Justus von Liebig, des Namenspatrons der neuen Universität. Beide Büsten fan - den in der Eingangshalle des Hauptgebäudes eine würdige Aufstellung. Ein besonders enges Verhältnis entwickelte sich zu dem großen Künstler Gerhard Marcks, Köln, Ehrensenator der Justus-Liebig-Universität. Von ihm erwarb die Gießener Hochschule 1960 unter Mitwirkung der GHG die Bronze - plastik des Orpheus. Da die GHG keine so großen eigenen Mittel einsetzen konnte, erwirkte sie durch Vermittlung des Kunstberaters der Hess. Landesregierung, Herrn Brinkmann, die Unterstützung der Oberfinanzdirektion - 50 - Frankfurt, die den größten Teil der Kosten aus ihrem Kunstfonds übernahm. Gerhard Marcks schuf außerdem für die Universität Gießen die neuen Siegel (1957) und die Ehrensenatorenkette mit einer Liebig-Plakette, die 1959 anläßlich der Bibliothekseinweihung in feierlicher Form an den Bundespräsidenten, Prof. Dr. Theodor Heuß erst- mals verliehen wurde (90). Zweimal hatte die GHG mit Unterstützung der Oberfinanz - direktion die Voraussetzungen für die Erwerbung des Bronzehengstes von Gerhard Marcks geschaffen, doch jedes Mal scheiterte das Unternehmen an äußeren Umstän- den. Beim dritten Versuch der GHG erleichterte der Präsident der Justus-Liebig-Universität, Prof. Dr.Dr. h.c. P. Meimberg ihr die Arbeit, indem er Mittel für die künstlerische Gestaltung des Philosophikum 1 ein- setzte. Diese Hilfe hatte aber zur Folge, daß die Bronzestatue auch dort und nicht wie ursprünglich ge- plant als Symbolfigur auf dem Gelände des Fachbereichs Veterinärmedizin aufgestellt wurde. Für den verstorbenen Bibliotheksdirektor Prof. Dr. Hugo Hepding, Ehrensenator der Universität Gießen, einen be- deutenden Volkskundler und Altertumsforscher, einen stets hilfsbereiten und gütigen Menschen, stiftete die GHG eine von Bourcarde geschaffene Bronzebüste, die in der Universitätsbibliothek eine würdige Aufstellung fand. Von der im Krieg zerstörten Bronzebüste des ehe- maligen Bibliotheksrates Prof. Dr. Robert Frizsche ließ die GHG einen Abguß für die Universitätsbibliothek machen. Im Jahr 1960 bot Herr Studienrat Walter Noll aus Korbach der GHG 159 Kupferstiche Gießener Professoren und einzelner anderer bedeutender Gießener Persönlich- keiten des 17., 13. und zum Teil des 19. Jahrhunderts zum Kauf an. Die aus dem Nachlaß des Kriegsgerichts- - 51 - rates Koch stammende Sammlung enthält 117 Portraits von 78 verschiedenen Persönlichkeiten und 42 Duplikate. Nach einer positiven Bewertung der Stiche durch den Kunsthistoriker der Universität Gießen, Prof. Dr. Ottmar Kerber, zögerte der Vorstand der GHG nicht, die ideell und materiell wertvolle Sammlung für die Uni- versität Gießen zu sichern. Die Gesellschaft hinter- legte am 6.10.1960 diese Neuerwerbung als Dauerleihgabe bei der Universitätsbibliothek mit der Auflage, sie zu katalogisieren, zu verwalten und die ausführliche Gesamtliste in den Nachrichten der GHG zu ver- öffentlichen (74). Da die Universitätsbibliothek be- reits begonnen hatte, eine Portraitsammlung von Stichen und Photographien Gießener Professoren anzulegen, stellte diese Leihgabe eine ausgezeichnete Ergänzung der Ikonographie der Universität dar (75). Daß die GHG bei der Ausschmückung der umgebauten Aula und der Beschaffung der Orgel mitwirkte, wurde bereits an anderer Stelle mitgeteilt. Mit großem Interesse nahm die GHG Anteil an den Veran - staltungen des Gießener Konzertvereins, in dem Mit - glieder des Lehrkörpers sehr engagiert mitwirkten. Die oft gemeinsam von der Universität und dem Konzertverein in der Universitäts-Aula veranstalteten Konzerte waren stets kulturelle Höhepunkte für die Universität wie für die Stadt Gießen. In'Fällen finanzieller Bedrängnis des Vereins war die GHG stets um Abhilfe bemüht. Dem etwa 1958 an die GiIG herangetragenen Ansinnen, die Nachkriegsrektoren von einem Portraitmaler malen zu (74) Für diese Aufgabe hat sich aber noch kein sachver- ständiger Interessent gefunden. (75) Gießener Hochschulblätter, Jg. 8, 1961, H. 4, S.14. - 52 - lassen, widersetzte sie sich nicht, sie war vielmehr bemüht, über den Vizepräsidenten der Bundesbank und ehemaligen Hessischen Finanzminister Dr. Tröger eine Finanzquelle für diesen Zweck zu erschließen (76). Die der Universität eng verbundenen wissenschaftlichen Gesellschaften und Vereine, wie die Oberhessische Gesellschaft für Natur- und Heilkunde, der Oberhessi- sche Geschichtsverein und die Hessische familienge- schichtliche Vereinigung erhielten von der GHG für ihre Veröffentlichungen, die Herausgabe von Fest- und Jubi- läumsschriften jede nur mögliche Unterstützung. Als die Westdeutsche Rektorenkonferenz in Godesberg die Errichtung eines Dienstgebäudes plante und dafür von den Förderergesellschaften der Bundesrepublik Deutsch- land langfristig größere Darlehen erbat, entschloß sich die GIIG nach eingehender Beratung mit ihren Freunden aus der Wirtschaft zu einer Stiftung von 3.000 DM (77). Daß die GHG keine Gelegenheit versäumte, das Andenken an die großen Gelehrten der Vergangenheit zu wahren, bedarf keiner Begründung. So griff sie schnell zu, als ihr durch Vermittlung von Landgerichtspräsident K. Neuenhagen 1959 ein Brief von Liebig und 1961 ein Brief von Röntgen aus dessen Gießener Zeit angeboten wurden (73). (76) Brief an Dr. Tröger vom 6.5.1958. (77) Stiftung von 3.000 DM, Sitzung d. E.Vorst. vom 20.12.1960. (78) Liebig-Brief, Sitzung. d. E.Vorst. vom 20.6.1959, Punkt 3/1. Röntgen-Brief, Sitzung d. E.Vorst. vom 3.12.1961. - 53 - Die materiellen Leistungen der GHG in der Zeit von 1948 - 1964 An Mitgliedsbeiträgen gingen 1948 838 DM, 1964 dagegen fast 20.000 DM ein. Das Vermögen der Gesellschaft stieg von Null im Jahre 1948 auf 285.000 im Jahre 1964, es brachte an Zinsen in diesem Jahre fast 16.000 DM ein. Das ansteigende Vermögen löste in verschiedenen Haupt- versammlungen Diskussionen aus. So wurde von einigen Mitgliedern vorgeschlagen, einen Teil des Vermögens wertbeständig in Immobilien festzulegen (79). Besonders weitgehend war die Forderung, das Vermögen der Gesell- schaft völlig aufzulösen und zum Aufbau der neuen Uni- versität einzusetzen, da es nicht Aufgabe der Gesell- schaft sei, Vermögen zu bilden (80). Der Vorstand der GHG, der über deren Vermögen zu entscheiden hatte und einen großen Teil der nicht zweckgebundenen Zuwendungen aus diesen Zinsen bestritt, war sich darüber im klaren, (79) Nachrichten der GHG, Bd. 31, 1962, S. 134; Bd. 32, 1963, S. 273. (80) Nachrichten der GHG, Bd. 35, 1966, S. 188. (81) Ernst Bleyer, geb. am 10.8.1885 in Elbing, Präsi- dent der IHK Gießen und Vorstandsmitglied der Gießener Studentenhilfe, wurde im September 1942, mitten im letzten Weltkrieg, als Nachfolger von Bankdirektor Grießbauer zum Schatzmeister der GHG gewählt. Er versah dieses Amt mit Umsicht, unge- heurem Fleiß und großem Verantwortungsgefühl bis zum 1. März 1963. Seine stete Sorge galt der Ver- mehrung des Vermögens der Gesellschaft, die gleiche Fürsorge ließ er aber auch der Universität und ihren Wissenschaftlern angedeihen, die er zum größten Teil persönlich kannte. Dank seiner enor- men Arbeitskraft war der Vielbeschäftigte bis in sein hohes Alter auch erfolgreich in der Werbung neuer Mitglieder tätig. Die Universität Gießen dankte diesem treuen Freund für seine großen Ver - dienste durch die Ernennung zum Ehrensenator. Die GHG ernannte ihren langjährigen erfolgreichen Schatzmeister, ihr in Rat und Tat nie versagendes Vorstandsmitglied, zum Ehrenmitglied der GHG. Nachrichten der. GHG, Bd. 34, 1965, S. 282. Ernst Bleyer starb am 1. August 1977 in Gießen. - 54 - daß dann Beihilfen nur noch aus den Mitgliedsbeiträgen und den nicht so reichlich fließenden freien Spenden geleistet werden könnten. Er bemühte sich deshalb, gut beraten von seinem langjährigen tüchtigen Schatzmeister Bankdirektor Ernst Bleyer (81) weiter darum, das Ver- mögen der GHG zu mehren, um aus dessen Erträgnissen immer mehr Nutzen für die Universität zu ziehen; andererseits zögerte er nicht, in Notfällen Teile des Vermögens zum Wohle der Universität einzusetzen. Die gesamten Zuwendungen, die in diesem Zeitraum der Hochschule und ihren Gliederungen zuflossen, betrugen nach einer Aufstellung des Schatzmeisters Bleyer 2.145.000 DM; außerdem wurden Darlehen in Höhe von 127.000 DM (82) gewährt. Diese Summe enthält allerdings nicht die Werte der Sachspenden, außerdem fehlen die Angaben für die früher erwähnten Stiftungsprofessuren, da die Mittel dafür direkt über die Universitätskasse liefen. Diese damaligen Leistungen heute richtig zu be- werten, ist kaum möglich, sie dürften aber unter den (82) Nachrichten der GHG, Bd. 33, 1964, S. 228. (83) Nach Mitteilung von Dr.Dr.h.c. H. Freund, Direktor der Firma Leitz, an den Verfasser vom 5.8.1966 waren für den ersten, 1947 gestifteten ordent- lichen Lehrstuhl für Theoretische Physik an Perso- nal- und Sachkosten jährlich 15.000 DM aufzu- bringen. Für den zweiten ordentlichen Lehrstuhl für Mineralogie und Petrologie, der 1957 als Jubiläumsgabe von der Firma Leitz ebenfalls für 10 Jahre gestiftet wurde, betrugen die Personal- und Sachkosten bereits jährlich 44.000 DM. Für die z.Zt. an der JLU bestehenden Stiftungsprofessuren sind an reinen Personalkosten bereits 120.000 DM je Jahr und Professur aufzubringen. Einschließlich der Sach- und sonstigen Kosten muß man mindestens 150.000 DM einsetzen. Dies würde für die beiden, je 10-jährigen Stiftungsprofessuren der Firma Leitz heute 3 Millionen und für die 2-jährige Stiftungsprofessur der Stadt Gießen 300.000 DM ausmachen. - 55 - gegenwärtigen Verhältnissen ebenfalls die Millionen- grenze übersbhreiten (83). Aus diesen Zahlenangaben läßt sich jedenfalls soviel entnehmen, daß die Mitglieder der GHG und die führenden Persönlichkeiten der heimischen Wirtschaft auch in diesem Zeitraum große Anstrengungen unternommen haben, um die Gießener Universität wieder zu einer führenden Stätte der Wissenschaft zu machen. Die Vortragsveranstaltungen Durch die Kriegs- und Nachkriegsereignisse war eine von den Satzungen geforderte Aufgabe der GHG, die Verbrei- tung wissenschaftlicher Bildung, stark beeinträchtigt worden. Gerade die Gebiete der Natur- und Geisteswis- senschaften, die vom Fach her dazu besonders gut ge- eignet und gefragt waren, gab es nicht mehr. Die GHG sah sich genötigt, zur Überbrückung fehlender Fachge- biete auswärtige Gelehrte zu Vorträgen nach Gießen ein- zuladen, um auch unter den gegebenen beschränkten Ver- hältnissen die universItas litterarum zu pflegen. Dank des großen Verständnisses vieler Gelehrter für die be- drängte Lage Gießens gelang es, bedeutende Wissen- schaftler, darunter auch Nobelpreisträger, als Vor- tragende an unsere Hochschule zu gewinnen. Die Ange- hörigen der Hochschule und die Mitbürger aus Stadt und Land, für welche diese Vorträge veranstaltet wurden, waren zwar in dieser Zeit noch damit beschäftigt, ihre zerstörten Häuser und Wohnungen wieder aufzubauen, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben, doch ihr Blick war nach vorn gerichtet und die Suche nach neuer politischer, religiöser und geistiger Orientierung be- wegte ihr Denken. Deshalb fanden die Vorträge allseits großen Anklang. - 56 - Nachdem an der Justus Liebig-Hochschule eine Allgemeine Abteilung mit einigen geisteswissenschaftlichen Lehr- aufträgen eingerichtet worden war, hielt die GHG den Zeitpunkt für gekommen, nun mit eigener Mannschaft wie- der auswärtige Vortragsveranstaltungen abzuhalten. Das erste größere Unternehmen, das die junge Justus Liebig- Hochschule startete, war die Hochschulwoche in Höchst (84). Sie wurde von dem damaligen Rektor der Justus Liebig-Hochschule und Vorstandsmitglied der GHG Horn geplant und durchgeführt. Bei den fünf Vorträgen dieser ersten Hochschulwoche handelte es sich um ein einheit- liches Thema, nämlich: "Der Mensch biologisch gesehen". Beteiligt an dieser Vortragsreihe waren Prof. Ankel mit dem Thema: "Das Bild des Menschen in der Sicht des Bio- logen", Prof. V. Horn mit dem Thema: " Das Tier im Dienste und in der Welt des Menschen", Prof. Spatz sprach über das Thema: "Evolution, Entwicklung des Menschenhirns " , Prof. L.E. Schmitt über das Thema: "Die Sprache des Menschen vom biologischen gesehen" und schließlich Prof. Harald Lassen über das Thema: "Das biologische und das philosophische Menschenbild". Diese erste Hochschulwoche war ein voller Erfolg, wie aus der Zeitung "Die Farbenpost" zu entnehmen ist. An den Vor- trägen nahmen jeweils 100 - 140 Personen teil. Außerdem erhielten alle Mitglieder des Bundes für Volksbildung Hoechst mit der "Farbenpost" eine Kurzfassung der ge- haltenen Vorträge (85). Nach diesem erfreulichen Ergebnis in Hoechst plante die GHG weitere Vortragsreihen in hessischen Städten durch- zuführen. Diese Aufgabe übernahm der Schriftführer der GHG, Prof. Dr. E. Ullrich. Er plante dieses Vorhaben und setzte es auch in Gang. Für den Band 26 der Nach- (84) Die Farbenpost, 2. Jg., Nr. 4 v. 26.4.1955. Hochschulwoche des Bundes für Volksbildung Hoechst (85) Die Farbenpost, 2. Jg., Nr. 4 v. 26.4.1955. - 57 - richten der GHG kündigte er einen zusammenfassenden Be- richt über diese Vortragsreihen an (86). Doch durch seinen so plötzlichen und frühen Tod am 30. Mai 1957 fiel dieser Bericht aus, die Vorträge kamen zum Erlie- gen und seine wertvollen Erfahrungen gingen verloren. Durch Aktenstudien und Nachfragen gelang es, noch einiges festzustellen. So hatte Prof. Ullrich, ähnlich wie der Marburger Universitätsbund, mit den Leitern der örtlichen Kulturverbände Vereinbarungen getroffen, nach denen diese korporative Mitglieder der GHG wurden. Sie zahlten für jeden Vortrag 25 DM sowie die Kosten für Reisen und Übernachtungen. Von der GHG erhielt jeder Redner ein kleines Honorar, das damals 50 DM betrug. Die GHG stellte den örtlichen Kulturverbänden Listen mit Themenvorschlägen zur Verfügung, aus denen sie in Fühlungnahme mit der GHG oder dem jeweiligen Redner ein eigenes Vortragsprogramm zusammenstellen konnten (87). Eine Umfrage bei beteiligten Kollegen ergab, daß die Vorträge in Bad Salzschlirf, Lauterbach und Grünberg gut besucht waren. In Fulda war es dagegen unterschied- lich, die meisten Redner berichteten von gut besuchten Auditorien; allerdings hatten sie sich z.T. selbst um die Vorbereitungen am Ort gekümmert oder waren dem Leiter der Volkshochschule gut bekannt. Zwei dagegen klagten über schlechten Besuch. Dabei mag die Themenwahl eine Rolle gespielt haben, aber es bestätigt sich immer wieder die alte Erfahrung, daß der Einsatz der örtlichen Stellen entscheidend für das Gelingen eines solchen Vorhabens ist. (86) Nachrichten der GHG, Bd. 25, 1956, S. 148. (87) Städte in denen von 1956-1959 Vorträge gehalten wurden: Bad Salzschlirf, Fulda, Grünberg, Lauter- bach, Schlitz und Wetzlar. An den Vorträgen waren beteiligt die Professoren Ankel, Blasius, Fritsch, Greiner, Gundel, Hanle, A. Horn, V. Horn, Keil, Kerber, Kraemer, Ludat, Scharrer, Schulze, Voß- schulte, Weyl und Zschietzschmann. - 58 - Aus dem Jahre 1959 (88) verdient die Festsitzung der GHG erwähnt und festgehalten zu werden, da sie dem Ge- dächtnis Alexander von Humboldts aus Anlaß seines 100. Todestages gewidment war. Die Universität Gießen hatte darüberhinaus einen besonderen Grund, des großen Natur- forschers in Dankbarkeit zu gedenken. Alexander von Humboldt war es, der die wissenschaftliche Potenz des Gay Lussac-Schülers Justus von Liebig in Paris früh er- kannt und dem jungen Chemiker durch ein Schreiben an den Großherzog von Hessen seine glanzvolle Laufbahn an der Universität Gießen erschlossen hatte. Aus diesem Anlaß ließen die beiden Festredner, Prof. Dr. W.E. Ankel, Rektor der Universität Gießen, und Prof. Dr. Mägdefrau von der Universität München das Werk Alexander von Humboldts für die große Zahl der Teil- nehmer wieder lebendig und fruchtbringend werden. Prof. Ankel sprach über "Alexander von Humboldt als Persön- lichkeit" und Prof. Mägdefrau über "Die Humboldt-Ge- dächtnis-Expedition 1958" mit Lichtbildern. Nachfolger von Prof. Ullrich wurde der Literaturwissen- schaftler Prof. Dr. Martin Greiner, geboren 1904 in Leipzig, Leiter der Allgemeinen Abteilung, des Studium Generale und Vorsitzender des Theater-Vereins. In der Hochschulgesellschaft übernahm er das Amt des Schrift- führers, die Herausgabe der Nachrichten der GHG und das Vortragswesen. Prof. Greiner arbeitete sich schnell ein, er entwarf ein Programm für eine Reihe von neuen Hochschulwochen, deren Generalthema lautete: "Der Mensch und die Wissenschaft". Dafür vorgesehen waren die Städte: Gießen, Dillenburg, Herborn, Wetzlar, Weil- burg, Limburg und Friedberg (89). Daneben liefen Vor- tragsreihen im Rahmen der Erwachsenenbildung in den (88) Nachrichten der GHG, Bd. 28, 1960, S. 98. (89) Brief vom 11.4.1957 und Protokoll der Sitzung d. Vorstandes vom 30.1.1959. - 59 - Landgemeinden der Kreise Gießen und Wetzlar. Da Prof. Greiner zugleich das Studium Generale leitete, konnte in Besprechungen mit dem Vorsitzenden der GHG erreicht werden, daß beide Vortragsreihen aufeinander abgestimmt wurden (90). Für Gießen plante er außerdem als inter- essante Bereicherung eine Vortragsreihe über Probleme des modernen Theaters, die er von der Seite des Autors, des Regisseurs und des Kritikers aus behandeln lassen wollte. Über die Redner hatte er bereits konkrete Vor- stellungen. Sein tragischer Unfalltod am 7.11.1959 machte allen diesen schönen Plänen ein jähes Ende. Der 1960 gewählte Schriftführer Prof. Dr. Herbert Ludat schlug vor, das Vortragsprogramm etwas zu drosseln, bis die im Entstehen begriffene Philosophische Fakultät, die erfahrungsgemäß besonders begehrte Redner stellt, ausgebaut sei. Der Vorstand der GHG entsprach diesem Wunsche und beschloß die Fortführung eines gedrosselten Vortragsprogrammes, ausgenommen die Vorträge im Rahmen des Erwachsenenprogrammes auf dem Lande, die nach Meinung des Vorstandes der GHG - dem Charakter der Universität entsprechend - mit Themen aus der Landwirt- schaft und der Veterinärmedizin wie seither weiterge- führt werden sollten. Trotz der Reduzierung der eigenen Vorträge gab es keinen Mangel auf diesem Gebiete in Gießen. Prof. Greiner hatte das Studium Generale großzügig ausgebaut, so daß den Studenten und der interessierten Öffentlich- keit vielseitige Bildungsmöglichkeiten geboten wurden. Die GHG leistete hier jede benötigte Unterstützung. Die Spezialisierung auf vielen Gebieten der Wissen- schaft machte, um der Isolierung zu entgehen, einen (90) Sitzung d. E.Vorst. vom 20.6.1959, Punkt 3. - 60 - intensiven Austausch der gewonnenen Erfahrungen und Er- kenntnisse innerhalb des engeren Kreises der Fach- wissenschaftler in Kolloquien und Symposien erforder- lich. Die GHG unterstützte auch diese neue Form des wissenschaftlichen Gedankenaustausches. Die Veröffentlichungen Die GHG gab in der zweiten Periode' jährlich einen aus einem Heft bestehenden Band der "Nachrichten der GHG" heraus. Von jeder Auflage wurde ein Teil den Mitgliedern kostenlos zugestellt, einen weiteren Teil, etwa 100 bis 120 Exemplare erhielt die Universitäts - bibliothek für Tauschzwecke. Damit bekam diese die Mög - lichkeit, ihren Bücherbestand zu vermehren, anderer - seits wurden die Nachrichten der GHG auf diese Weise weit über die deutschen Grenzen hinaus bekannt. Zu Ver- kaufszwecken ging schließlich ein Teil an den Buch- handel. In den Nachrichten der GHG erschienen in bunter Folge Aufsätze von Dozenten der Universität Gießen, die so gehalten waren, daß sie einen großen Kreis von Ge- lehrten und Gebildeten ansprachen, sie betrafen das ganze Arbeitsgebiet der Universität Gießen im weitesten Sinne. Ein Teil von ihnen sind akademische Reden, die bei festlichen Anlässen gehalten wurden. Fast alle Ar- beiten enthalten wesentliche eigene Beiträge der Ver- fasser, ohne doch auf Einzelheiten einzugehen. Auch Würdigungen und kurze Lebensbilder ehemaliger Gelehrter der Universität Gießen, aufschlußreiche historische Zeitbilder und die eingehenden Berichte der GHG finden sich darin. Die Lektüre der Nachrichten der GHG vermittelt ein ein- drucksvolles Bild vom Leben und Wirken an der Uni- - 61 - versität Gießen und der an ihr tätigen Gelehrten, eben- so aber auch von den Aktivitäten der GHG. Auch in der Zeit der Justus Liebig-Hochschule, in der eine gewisse Einschränkung erzwungen worden war, wurde [fiert darauf gelegt, die klassischen Gebiete einer Universität zu Wort kommen zu lassen. So konnte das Niveau der Nach- richten der GHG, das von Götze geschaffen worden war, auch von seinen Nachfolgern auf gleicher Höhe gehalten werden. In ihrer äußeren Form später zeitgemäß gestaltet, stellten die "Nachrichten der GHG" eine würdige Dank- gabe an die Mitglieder dar, die durch ihre Beiträge und Spenden sowie ihren Einsatz die Arbeit der GHG ermög- licht hatten; sie waren aber auch zugleich ein wirk- sames Mittel zur Werbung neuer Mitglieder. Die Kosten für die Erstellung der Nachrichten wurden dankenswerter Weise zum Teil oder ganz von der Stadt Gießen übernommen. Mit Band 28/1960 der Nachrichten unternahm die GHG den Versuch, die früher herausgegebene Reihe der "Abhand- lungen der GHG" fortzusetzen. Anlaß dazu bot die beab- sichtigte Veröffentlichung eines Teiles der Gießener Papyri. Im Kriege waren 90 % des Bücherbestandes der Universitäts-Bibliothek vernichtet worden, die Papyri hatten zwar auch, vor allein unter Wassereinwirkung, ge- litten, doch konnte der größte Teil geborgen werden. Aber 1946 starb Prof. Dr. Karl Kalbfleisch, der Bear- beiter und Betreuer der Papyri, zugleich wurde die Philosophische Fakultät nicht weitergeführt, die den Sammlungen Rückhalt hätte geben können. Glücklicher- weise nahm sich der damalige Gießener Oberstudienrat und spätere Ordinarius für Alte Geschichte an der Justus-Liebig-Universität, Dr. H.G. Gundel, der völlig verwaisten Sammlung an, ordnete und inventarisierte sie - 62 - und bemühte sich zusammen mit Prof. Dr. F. Heichelheim um fachwissenschaftliche Bearbeitung und Edition der Papyri. Für die Bearbeitung der arabischen Papyri ge- wannen sie Prof. Dr. Adolf Grohmann, Innsbruck, einen für dieses Gebiet besonders geeigneten Gelehrten. Die GHG stellte die Mittel für den Druck dieser Arbeit zur Verfügung (91). Von der Justus Liebig-Hochschule und später von der Universität herausgegeben, aber von der GHG finanziert, waren die "Gießener Hochschulblätter, die von 1953 bis 1968 erschienen, und zwar jährlich viermal. Die Zeit- schrift brachte aktuelle Nachrichten der Hochschullei- tung, der Fakultäten, der Studentenschaft und der GHG, sowie kleinere Publikationen. Sie wurden den Mitglie- dern der GHG kostenlos zugestellt. Ein Wagnis besonderer Art war die Herausgabe des Buches "Gießen und die Wetterau" von Prof. Dr. 0. Kerber. Dazu gehört folgende Vorgeschichte. Der Verfasser des vor- liegenden Berichtes hatte als Rektor wie als lang- jähriger Stadtrat immer wieder erlebt, wie die Ver- treter der Universität und der Stadtverwaltung in Ver- legenheit gerieten, wenn es galt, angesehenen auswär- tigen Gästen ein passendes und würdiges Andenken an Gießen mit auf den Weg zu geben oder sich sonstwie er- kenntlich zu zeigen, z.B. geleistete Dienste anzuer- kennen, zu besonderen Anlässen zu gratulieren, usw. Eine Gelegenheit, hier Abhilfe zu schaffen, bot sich, als der Deutsche Kunstverlag München mit der Bitte an Professor Kerber herantrat, ein gut bebildertes Buch (91) Von der Auflage von etwa 1000 Stück erhielten 400 Stück außen die Aufschrift "Abhandlungen der GHG/IV" und innen die Aufschrift "zugleich Nach- richten der GHG, Bd. 28" und 600 Stück außen die Aufschrift "Nachrichten der GHG, Bd. 28" und innen die Aufschrift "zugleich Abhandlungen der GHG/IV". - 63 - über Gießen und die Wetterau zu schreiben. Der Verlag wünschte zur Sicherung des Unternehmens die Abnahme von 1000 Exemplaren. Die Besprechungen mit dem Magistrat der Stadt Gießen und im Vorstand der GHG ergaben, daß je 500 Stück abgenommen wurden. Damit erschienen der Magistrat der Stadt Gießen und die GHG zugleich als Herausgeber des Buches. Prof. Kerber behandelte in dem vorzüglich bebilderten Buch besonders die historischen Baudenkmäler, ging im Text auch auf die Geschichte und Kulturgeschichte dieser Landschaft, der Stadt Gießen und seiner Universität ein und brachte schließlich auch Bildproben von dem wiedererstehenden Gießen. Die GHG überreichte dem Rektor, den Dekanen aller Fakultäten und den Leitern der Zentralen Einrichtungen je eine An- zahl dieser Kunstbände, die diese schöne Gabe ebenso wie die Vertreter der Stadtverwaltung freudig und dankbar begrüßten. Der 1965 fertig gestellte Hochschulführer wurde aus Mitteln der GHG und durch eine Sonderspende eines Mit- gliedes der GHG finanziert. - 64 - Die Werbung Die Werbung neuer Mitglieder spielte seit Bestehen der GHG eine große Rolle. Dies wird sofort klar, wenn man die Bedeutung einer großen Mitgliederzahl für die finanziellen und anderen Wirkungsmöglichkeiten bedenkt und zugleich die außerordentlich große Fluktuation im Mitgliederstand berücksichtigt. In der ersten Periode der GHG gab es sogar einen eigenen Werbeausschuß, den General a.D. Dr. Bethcke leitete, dem weiter der Fabrikant und Vorsitzende des Verwaltungsrates A. Pfeiffer, sechs angesehene Ordi- narien sowie ein Privatdozent der Universität ange- hörten. Diese Kommission arbeitete, wie aus dem früher Gesagten hervorgeht, stetig und planvoll, sie wurde außerdem von dem sehr aktiven Vorsitzenden, Provinzial - direktor Graef, tatkräftig unterstützt; er hielt sogar alle Mitglieder zur Werbung an und sparte bei Säumig- keiten nicht mit deutlicher Kritik (92). Beim Wiederaufbau der GHG nach dem Zweiten Weltkrieg wurde auch auf die Werbekommission verzichtet. Aber nun verstummte auf keiner Hauptversammlung die Mahnung, der Mitgliederwerbung größere Beachtung zu schenken. Diese Appelle kamen insbesondere von Mitgliedern und Kolle- gen, die selbst begeisterte Förderer und treue Freunde der GHG waren und auf ihrem Sektor viel für die Werbung taten. Eine besondere Rolle spielte stets die Werbung innerhalb der Universität, da sie allgemein für beson- ders wichtig zugleich aber auch für ebenso schwierig gehalten wurde. (92) Nachrichten der GHG; Bd. 5, 1926, H. 1, S. B. - 65 - Der Verfasser hatte als Prorektor und Rektor die Wer- bung in der Hochschule übernommen und sich dabei nicht nur auf die Werbung innerhalb des Lehrkörpers und des wissenschaftlichen Nachwuchses beschränkt, sondern auch auf den Vollversammlungen der Studentenschaft, ferner auf Betriebsversammlungen der Angestellten und des technischen Personals sowie als Dekan bei Promotions- feiern geworben. Im Vorstand wurde damals die Aufnahme von Angestellten unterschiedlich beurteilt, doch setzte sich eine Mehrheit für deren Aufnahme ein. In der Hauptversammlung der GHG am 2.5.1960 wurde diese Frage ebenfalls wieder eingehend diskutiert und Empfehlungen verabschiedet (93). Auf Anregung der GHG erschienen auch in den Vorlesungs- verzeichnissen Hinweise auf die GHG, Auszüge aus den Satzungen und ein Verzeichnis der Vorstandsmitglieder. In den Hochschulblättern wurden außerdem die Inhaltsan- gaben eines jeden neu erscheinenden Bandes der Nach- richten der GHG veröffentlicht. Um die Außenwerbung bemühten sich besonders der Schatz- meister der GHG, Direktor Bleyer und das Vorstandsmit - glied Dr. Hugo Freund. Herr Bleyer erreichte als ehe- maliger Präsident der IHK Gießen, daß 6.000 bis 7.000 Werbeexemplare der GHG auf dem Wege über die Mittei- lungen der IHK Gießen im ganzen oberhessischen Raum (93) Nachrichten der GHG, Bd. 29, 1960, S. 129. Danach wird empfohlen, Doktoranden bei Überreichung des Doktordiploms zum Eintritt in die GHG zu veran- lassen, in den Studentenvollversammlungen und in den Gießener Hochschulblättern Studenten zu wer- ben, Studenten und Angestellte der Universität zu ermäßigten Kosten in die GHG aufzunehmen, durch ständige und geschickte Werbung in der Presse in der Bevölkerung ein Bewußtsein des Stolzes und der Verpflichtung für die Universität zu erwecken. - 66 - verteilt wurden. Dr. Freund übernahm sowohl die Werbung im regionalen wie im überregionalen Raum. Die inter- essierten Mitglieder unter den Professoren und Dekanen warben innerhalb der Fakultäten. Jeder Neuberufene wurde durch ein Schreiben des Vorstandes der GHG, dem die Satzungen und ein Eintrittsformular beigefügt waren, zum Eintritt in die GHG aufgefordert. Immerhin gelang es in der zweiten Periode auf diese Weise die Zahl der Mitglieder von 329 im Jahre 1947 auf 776 im Jahre 1966 zu bringen, es war die bis dahin höchste Mitgliederzahl in der Geschichte der GHG. Die Satzungsänderungen Die durch § 2 der Satzungen festgelegten Aufgaben der GHG sind heute noch dieselben wie zur Zeit der Grün- dung, geändert wurde nur die Reihenfolge. Dazu kam es 1965 durch einen Einspruch des Finanzamtes Gießen (94). Seitdem lautet der § 2 folgendermaßen: Zweck der Ge- sellschaft: 1. Pflege der Wissenschaft, ausgerichtet nach den Aufgaben der Universität Gießen. 2. Verbrei- tung wissenschaftlicher Bildung. 3. Pflege der Bezieh- ungen zwischen der Wissenschaft und dem praktischen Leben. Veränderungen gab es dagegen bei den Paragraphen, die die Verwaltung betrafen. Die radikalste erfolgte wohl (94) Auf Grund der vorliegenden Satzungen hielt das Finanzamt Gießen die Aufgaben der GHG nur für mit- telbar gemeinnützig. Nach Neuformulierung des Ab- schnittes 3 in § 2, seiner Anordnung an erster Stelle sowie auf Grund nachgewiesener Mitwirkung des Rektors, der (96) (97) dem "Engeren Vorstand" der GHG angehörte, wurde die unmittelbare Gemein- nützigkeit der GHG anerkannt. Nachrichten der GHG, Bd. 34, 1965, S. 282. - 67 - unter dem Vorsitz von Prof. Eger mit der Abschaffung des Verwaltungsrates und der Reduzierung der Mitglieder des Vorstandes von 16 auf 10, worüber bereits früher berichtet wurde. Prof. Eger wollte vermutlich den Um- fang des Verwaltungsapparates den überaus bescheidenen Verhältnissen der Restuniversität anpassen. An diesen Verhältnissen änderte sich in den folgenden Jahren nur wenig. In den Vorstand wurden zusätzlich aufgenommen: der Oberbürgermeister der Stadt Gießen (95), der Rektor der Universität Gießen (96) und Direktor Pfaff. Um die Verwaltungsarbeit zügig abwickeln zu können, gliederte sich nach § 8 (1957) der Satzungen der Vor - stand 'in einen "Engeren (geschäftsführenden)" und in einen "Gesamtvorstand" (97). Doch ab Ende der fünfziger Jahre traten in ständig zu- nehmendem Maße grundlegende Veränderungen ein. Gießen erhielt wieder eine Universität (98), frühere Fakul- täten erstanden nun in viel größerem Rahmen und neue Aufgaben, wie die Lehrerbildung, kamen hinzu. Die Zahl der Studenten und Dozenten wuchs und nahm einen vordem nie gekannten und nicht voraussehbaren Umfang an. Gleichzeitig änderte sich die Arbeitsweise der Wissen- schaft auf vielen Gebieten, z.B. durch Einsatz der modernen Technik. Mit diesem Wandel an der Universität stürmte eine solche Fülle neuer Aufgaben auf die GHG ein, daß dem (95) Nachrichten der GHG, Bd. 23, 1954, S. 204. (96) Nachrichten der GHG, Bd. 31, 1962, S. 135. (97) Dem "Engeren Vorstand" gehörten an: der Vor- sitzende, der Schatzmeister, der Schriftführer, deren Vertreter und der Rektor der Universität Gießen. Nachrichten der GHG, Bd. 27, 1958, S. 125. (98) Cl. Heselhaus: "Die Justus Liebig-Universität" in Hessen Journal 1969, Sonderausgabe, S. 9-13, K. Brodhäcker-Verlag, Burkhardsfelden. - 68 - Vorsitzenden Bedenken kamen, ob die GHG mit den seit- herigen Methoden und Strukturen der Verwaltung diese meistern könne. Um eine Leistungssteigerung zu er- reichen, sollten nach seiner Auffassung die Vorstands- mitglieder aus der Wirtschaft eine stärkere Stellung einnehmen und innerhalb der Universitäts-Öffentlichkeit mehr zur Geltung kommen (99). Als günstig für die Lösung der anstehenden Probleme er- wiesen sich verschiedene Umstände. So gelang es, den erfahrenen Verwaltungsfachmann Hermann Pfaff (100), Direktor der Firma Schunk & Ebe in Heuchelheim, zur Mitarbeit im "Engeren Vorstand" zu gewinnen. Als über- aus wertvoller Mitstreiter stellte sich auch hier der stets hilfsbereite damalige Kanzler der Universität Gießen, Regierungsdirektor Wilhelm Wahlers, ein er- fahrener Verwaltungsjurist, heraus. Beide haben wesent- lich zur Reform der Verwaltung der GHG beigetragen. Ein weiterer wichtiger Anstoß kam von der Tagung der Förderer-Gesellschaften von 25 Universitäten der Bun- desrepublik Deutschland am 5.5.1966 in Marburg. Dort konnte man die verschiedenen Organisationsformen und Arbeitsweisen der Förderer-Organisationen kennenlernen und daraus Nutzen für den weiteren Ausbau der eigenen Gesellschaft ziehen (101). Der Vorstand der GHG nahm den Bericht über die Mar- burger Tagung mit Interesse zur Kenntnis und stimmte den daraus für die GHG gezogenen Empfehlungen des Vor- sitzenden zu (102). Die Hauptversammlung (103) beauf- (99) Sitzung des Engeren Vorstandes der GHG vom 23.7.1960. (100) Nachrichten der GHG, Bd. 30, 1961, S. 193/194. (101) Marburger Universitätsbund: Tagung der Vorsitzen- den der Förderer-Gesellschaften der wissenschaft- lichen Hochschulen des Bundesgebietes am 5.5. 1966 in Marburg. - 69 - tragte in der Sitzung am 16.6.1966 den "Engeren Vor- stand" eine neue Satzung zu entwerfen und diese einer außerordentlichen Hauptversammlung zur Diskussion und zur Beschlußfassung vorzulegen. Unter der Federführung der Herren Pfaff und Wahlers entstand der neue Satzungsentwurf. Er sah neben der Hauptversammlung und einem kleinen Vorstand als drittes Gremium einen Verwaltungsrat vor. Dieser sollte den Präsidenten stellen, in der Gesellschaft eine führende Stellung einnehmen und auch in der Universität ein- drucksvoller repräsentiert werden. Anders als in der ersten Periode war nicht die Kontrolle seine Haupt- funktion, vielmehr sollte er folgende Aufgaben über- nehmen: a) Projekte von größerem Umfang, die den Zwecken der Gesellschaft entsprechen, anregen; b) die Hochschulgesellschaft in materieller Hinsicht fördern; c) Richtlinien für die Arbeit des Vorstandes be- schließen; d) die Höhe des Mindestbeitrages für die Mitgliedschaft festsetzen; e) Ehrenmitglieder der Ge- sellschaft ernennen. Der Vorstand und seine Tätigkeit sollten im wesentlichen unverändert bleiben. Der Vorstand beschloß, den Satzungsentwurf einer für den 30.1.1967 einzuberufenden außerordentlichen Haupt- versammlung vorzulegen. In dieser wurden die einzelnen Paragraphen beraten, verschiedene Veränderungen noch vorgenommen und schließlich der ganze Entwurf durch Be- schluß der Hauptversammlung rechtskräftig. Die Haupt- (102) Doch konnte der Gesamtvorstand sich in der Sit- zung vom 10.6.1966 noch nicht für ein drittes Gremium entscheiden. Als Übergangslösung wurde eine Erweiterung des Gesamtvorstandes vorgesehen, der die Hauptversammlung am 16.6.1966 zustimmte. Diesem erweiterten Vorstand sollten die inzwi- schen bereits geworbenen und die noch zu werben- den Förderer angehören. (103) Nachrichten der GHG, Bd. 35, 1966, S. 189. - 70 - versammlung beauftragte den "Engeren Vorstand" die Ge- schäfte bis zur nächsten ordentlichen Hauptversammlung weiterzuführen und Vorschläge für die Wahlen des Vor- standes, des Verwaltungsrates und seines Präsidenten zu unterbreiten. In der Hauptversammlung am 9.6.1967 legte der scheidende Vorsitzende die neuen Wahlvorschläge des Vorstandes vor. Diesen folgend wählte die Hauptver- sammlung Herrn Dr. Karl von Winkler, Vorsitzenden des Vorstandes der Buderus'schen Eisenwerke Wetzlar zum Präsidenten der GHG. Vorsitzender des fünfköpfigen Vorstandes wurde Prof. Dr. Richard Kepp, Direktor der Universitätsfrauenklinik, Gießen (104). (104) Dem Vorstand gehörten außerdem an: als Schatz- meister Direktor H. Pfaff, als Schriftführer Prof. Dr. A. Woll, ferner Dr. Dr. h.c. Freund und ex officio der Prorektor der Universität Gießen. In den Verwaltungsrat wurden gewählt: Fabrikant Dürbeck, Präsident der IHK Gießen; Herr Geilfuß, Geschäftsführer der IHK Gießen; Prof. Dr. Dr. h.c. V. Horn, Universität Gießen; Direktor Nünighoff, Präsident der IHK Wetzlar, Vorstand der Hess. Berghütte AG; Generaldirektor Dr. Pflug, Vorsitzender des Vorstandes der Nordd. Hagelvers.-Ges. Gießen; Fabrikant H. Rinn, Heuchelheim; Herr Rinn, stellvertretender Auf- sichtsratsvorsitzender der Dresdner Bank, Ham- burg; Fabrikant Dr. W. Rumpf, Gießen; Staats- sekretär a.D. Sonnemann, Präsident des Deutschen Raiffeisenverbandes; Prof. Dr. Drs. h.c. H. Till- mann, Universität Gießen; Fabrikant F. Vogt, Gießen; Fabrikant Dr. H. Wilhelmi, Gießen; Dr. Dr. h.c. Witte, Wetzlar. Ex officio gehören dem Verwaltungsrat an: der Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen sowie der Oberbürgermeister der Stadt Gießen. Bericht über die Hauptversammlung der GHG vom 9.6.1967, S. 7 und 8 (unveröffentlicht) (Archiv der GHG und des Präsidialamtes). - 71 - Dritte Periode (1968 - 1984) Der Start der neuen Leitung Über die gegenwärtigen Ereignisse der GHG eingehend zu berichten, besteht kein Auftrag. Der Referent wäre auch damit überfordert, da er nicht mehr maßgebend an der Gestaltung des Geschehens beteiligt ist und er wegen der vielen noch laufenden Vorhaben die nicht abge- schlossenen Akten nicht beanspruchen will, sie aber auch nicht benötigt. Für das, was ihm noch am Herzen liegt, genügten die Akten im Archiv des Präsidialamtes, die Jahresberichte der GHG, eigene Erfahrungen und Unterlagen. Der erste Präsident des neugestalteten Verwaltungsrates war Dr. Karl von Winkler, Vorsitzender des Vorstandes der Buderus'schen Eisenwerke, Wetzlar (105). Seine Wahl leitete eine neue Phase in der Wirksamkeit der GHG ein. (105) Karl von Winkler wurde als deutscher Staatsange- höriger am 8.12.1912 in Österreich geboren. An der Universität Wien studierte er Volkswirt- schaft. Nach der Promotion zum Dr. rer. pol. und einem Studienaufenthalt in Rom war er an ver- schiedenen Stellen in der deutschen Wirtschaft tätig, zuletzt vor dem Kriege in einem ober- schlesischen Montankonzern. Nach dem Kriege über- nahm er die Geschäftsführung einer Handelsgesell- schaft in Graz und Wien. Seit 1952 gehörte er den Buderus'schen Eisenwerken in Wetzlar an, zunächst als Prokurist, seit 1955 als Direktor und seit 1960 als Mitglied des Vorstandes. Die Krönung seines Lebenswerkes stellte 1967 die Ernennung zum Vorsitzenden des Vorstandes dieses Werkes dar. Dr. von Winkler übernahm damit die verant- wortungsvolle Aufgabe des seitherigen General- direktors, Dr. h.c. Franz Grabowski. Auch in dieser neuen Position stellte er seine Leistungs- fähigkeit unter Beweis. Seine Berufung in die Spitzengremien zahlreicher deutscher und europäi- scher Wirtschaftsverbände zeigt, wie sehr man seinen Rat und seine Mitarbeit benötigte und schätzte. - 72 - Dr. von Winkler widmete sich der neuen Aufgabe trotz enormer Arbeitsbelastung mit großer Energie und viel eigener Initiative. Sehr hilfreich wirkten sich dabei seine weitverzweigten Beziehungen zu anderen Wirt- schaftsgebieten und sein hohes Ansehen in allen Fach- kreisen aus. Bei den Sitzungen der GHG vermittelte er stets den Eindruck, daß ihm diese Aufgabe nicht nur Arbeit und Mühe sondern ausgesprochen Freude bereite. Nach 11-jähriger erfolgreicher Amtsführung, über die noch im Zusammenhang mit der Tätigkeit des Verwaltungs - rates zu berichten sein wird, legte er den Vorsitz im Verwaltungsrat nieder. Die Justus Liebig-Universität hatte ihn bereits in Anerkennung seiner besonderen Ver- dienste um die Universität Gießen am 20.5.1970 zum Ehrensenator ernannt. Die GHG dankte ihrem verdienten Präsidenten durch die einstimmige Wahl zum Ehrenpräsi - denten. Nachfolger von Winkler's wurde Generaldirektor i.R. Dr. Otto Pflug. Sein Lebenslauf (106) zeigt, daß auch als zweiter Präsident des Verwaltungsrates der GHG ein exzellenter Vertreter der deutschen Wirtschaft gewählt worden ist. Dr. Pflug dient aber in dieser Stellung nicht nur der Förderung der Wissenschaft an der Justus-Liebig-Universität und der Verbreitung wissen- schaftlicher Bildung sondern hat auch eigene wissen- schaftliche Interessen. So versieht er im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften seit 1978 einen Lehrauftrag, (106) Otto Pflug wurde am 25.10.1912 auf dem Klostergut Marienforst bei Godesberg als Sohn des Landwirts Hugo Pflug und seiner Gattin Hermine, geb. Mackenroth geboren. Nach dem Studium der Land- wirtschaft in Halle und Göttingen und Abschluß mit der Promotion zum Dr. sc. agr. folgte die Tätigkeit zunächst als Bezirksdirektor und seit 1957 als Generaldirektor einer Versicherungs - gesellschaft bis zur Pensionierung 1978. - 73 -. der ihm die.Möglichkeit gibt, seine an führender Stelle in der Wirtschaft gewonnenen praktischen und wissenschaftlichen Erfahrungen an die akademische Jugend weiter zu geben. In Anerkennung seiner wissenschaftlichen Verdienste auf diesem Gebiete und seiner Förderung wissenschaftlicher Tätigkeit an der. Justus-Liebig-Universität hat ihm der Fachbereich Wirtschaftswissenschaften 1982 die Würde eines Dr. rer. pol. h.c. verliehen. In der GHG, der er seit langem angehört, wirkte er von Anfang an aktiv mit. Die GHG verdankt ihm wertvolle An- regungen und Vorschläge, vor allem bei der Neuformung der Verwaltung. In dem 1967 neu geschaffenen Ver- waltungsrat übernahm er als geschäftsführendes Mitglied die Vertretung des nicht ortsansässigen und oft dienst- lich verhinderten Präsidenten. Nach dessen Amtsnieder - legung gab es keinen Zweifel darüber, wer nun die Ge- schicke der GHG leiten sollte, nämlich Dr. Otto Pflug, der seit langem bewiesen hatte, daß er sich mit ganzer Kraft für die Belange der GHG und der Universität Gießen einsetzen würde. Die Justus-Liebig-Universität ernannte am 13.10.1977 Dr. Dr. h.c. Otto Pflug in Aner- kennung seiner großen Verdienste um das Wohl dieser alma mater zum Ehrensenator. Der erste Vorsitzende des neugewählten Vorstandes war Prof. Dr. Richard Kepp (107). Prof. Kepp hat nicht nur als anerkannter Gelehrter und fürsorglicher Arzt Be- (107) Richard Kepp, geb. am 7.2.1912 in Hermannstadt, Siebenbürgen, war Direktor der Universitäts- Frauenklinik von 1956 - 1980, Dekan der Medizini- schen Fakultät von 1960 - 1961, Rektor der Justus Liebig-Universität 1965/66, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie 1970/72, Mitglied des Vorstandes der GHG von 1961 - 1967 und Vorsitzender des Vorstandes der GHG von 1967 bis 1976. - 74 - deutendes geleistet, sondern auch durch seine geistig- ethische Einstellung, sein selbstloses Handeln bei- spielhaft auf seine Umgebung gewirkt und zugleich durch seinen energischen und vorausschauenden Einsatz die Entwicklung der Universität Gießen und der GHG maßgeb- lich gefördert. Nach fast 10-jähriger Tätigkeit stellte er, dem schweres Leid nicht erspart geblieben war, 1976 sein Amt zur Verfügung. Prof. Kepp starb in Bremen am 5.2.1984 kurz vor Vollendung des 72. Lebensjahres. Als zweiter Vorsitzender des Vorstandes der GHG und Nachfolger von Professor Kepp wirkt seit neun Jahren Prof. Dr. Dietger Hahn (108). Über die von ihm geleitete Vorstandstätigkeit wird ebenso wie über die des Verwaltungsrates jährlich in den Universitätsblättern berichtet. Um die Aktivitäten der beiden Gremien im folgenden darzustellen, dürften daher jeweils einige Beispiele ausreichend sein. (108) Dietger Hahn wurde 1935 in Berlin geboren. Er studierte an der technischen Universität Berlin Wirtschafts- und Ingenieurswesen und legte dort zunächst das Diplomhauptexamen als Diplomwirt- schaftsingenieur ab. Während seiner Assistenten- tätigkeit am Lehrstuhl für Industriebetriebslehre (bis 1964) absolvierte er noch ein Zweitstudium, das er 1963 mit der Diplomprüfung für Hütteninge- nieurwesen abschloß. Von 1964 - 1968 folgten praktische Tätigkeiten in der Industrie und im Handelsbereich. 1968 habilitierte sich Dietger Hahn an der T.U. Berlin auf dem Gebiete der Betriebswirtschafts- lehre. Seit Wintersemester 1968/69 ist er Inhaber des Lehrstuhles für Industriebetriebslehre an der Universität Gießen. Seit 1976 ist er wissen- schaftlicher Leiter des von ihm ins Leben ge- rufenen Instituts für Unternehmensplanung, Gießen. - 75 - In ihrer neuen Form, gut repräsentiert durch eine leitende und angesehene Persönlichkeit der Wirtschaft, einen leistungsfähigen Vorstand und führende Vertreter der Wirtschaft, trat die GHG anläßlich der Feier ihres 50-jährigen Bestehens am 2.2.1968 zum ersten Male an die Öffentlichkeit. Die Festversammlung eröffnete ihr neuer Präsident Dr. Karl von Winkler, Vorsitzender des Vorstandes der Buderus'schen Eisenwerke Wetzlar. Nach der Begrüßung durch den Rektor der Universität, Prof. Dr. Richard Weyl, hielt Dr. Dr. h.c. Hugo Freund den Festvortrag: "Fünfzig Jahre Gießener Hochschulgesell- schaft" (109). Anschließend sprach der Bundesminister Wischnewski über "Entwicklungshilfe und Wissen- schaft". Den nächsten Anlaß für ein öffentliches Auftreten bot am 16.2.1968 die feierliche Eröffnung der Ludwig Schunk-Bibliothek des Fachbereichs Humanmedizin, die durch jahrelange großzügige Spenden der Firma Schunk & Ebe aufgebaut worden war. Der Start zu den eigentlichen Aufgaben der GHG erfolgte dagegen nicht unter besonders günstigen Auspizien, fiel er doch mit dem Beginn der wirtschaftlichen Rezession und den studentischen Unruhen zusammen. Mitglieder, so- gar korporative, traten aus, manche Freunde und Spender standen nun der Universität mit ihren radikalen und randalierenden Studenten mit Reserve gegenüber. Wegen der schwierigen Wirtschaftslage stagnierten trotz ständig steigender Studentenzahlen die staatlichen Zu- wendungen; aus dem gleichen Grunde flossen die Mittel der Deutschen Forschungsgemeinschaft und der anderen großen Stiftungen spärlicher als früher. So entstand für die neue Leitung der GHG eine Reihe großer Auf - gaben, die sie in Angriff nehmen mußte. (109) Gießener Universitätsblätter, Jg. 1 (1968) H. 1, S. 13-24. - 76 - Beispiele für die Tätigkeit des Verwaltungsrates Entsprechend den durch die Satzung vorgeschriebenen Aufgaben, sprang der Verwaltungsrat ein, wenn es galt, größere in Finanznot geratene Forschungsvorhaben zu Ende zu führen oder andere bedeutungsvolle unter voller Wahrung des Subsidiaritätsprinzips zu ermöglichen. Der Verwaltungsrat übernahm die Kosten für die Beschaffung teurer Apparaturen und die Weiterführung von Preisver- leihungen für hervorragende Dissertationen, deren Dotierung aus Staatsmitteln gestrichen worden war. Er unterstützte die Herausgabe einer neuen wissenschaft- lichen Schriftenreihe und die Beschaffung einer Offset- Druckerei für die Universität. Zur Förderung internationaler Kontakte übernahm er die Ausmöblierung des neu erbauten Gästehauses der Univer- sität. Für die Anknüpfung fachübergreifender Kontakte innerhalb des Lehrkörpers der Universität, die durch die Hochschulreform und das außerordentliche Wachstum der Universität weitgehend verloren gegangen war, richtete der Verwaltungsrat im Nordflügel der neuen Mensa eine Stätte der Begegnung ein. Eine weitere, großzügige Stätte internationaler Begegnung mit Wissenschaftlern aus aller Welt ist im Bau. Der wissenschaftlichen und freundschaftlichen Begegnung dienen auch die Aufenthalts-, Lese-, Club- und Vor- tragsräume, die der Verwaltungsrat im Hause des Akade- mischen Auslandsamtes für die ausländischen Studenten eingerichtet hat. Für die Abhaltung spezieller Seminare oder für Symposien und Kolloquien kleinerer Gruppen bietet sich fernab von dem hektischen Betrieb der Massenuniversität Gießen das 40 km entfernt, in einem herrlichen großen Park gelegene und zur Universität Gießen gehörende Schloß Rauisch-Holzhausen an. Es be- sitzt Tagungs- und Übernachtungsräume sowie ent- - 77 sprechende Kücheneinrichtungen, so daß die hier tagen- den Wissenschaftler nicht nur in den Tagungsräumen, sondern auch bei gemeinsamen Mahlzeiten, bei Spazier- gängen im Park und beim abendlichen Beisammensein Ge- legenheit zu intensivem wissenschaftlichem Gedankenaus- tausch und zum gegenseitigen Kennenlernen haben. An der Herrichtung des Schlosses für diese Zwecke beteiligte sich der Verwaltungsrat der GHG ebenfalls. Zur Durch - führung fachwissenschaftlicher Exkursionen verdanken die Studenten seiner Fürsorge einen großen Reisebus, für dessen Beschaffung und jeweiligen Ersatz bereits erhebliche Mittel aufgewendet wurden. Diese Beispiele mögen genügen, um die Aktivitäten des Verwaltungsrates zu belegen. In diesem Zusammenhang verdient aber noch eine andere, die Arbeit des Verwal- tungsrates und der ganzen GHG betreffende Frage ange- sprochen zu werden, nämlich: "Die veränderten Dimensionen materieller Hilfeleistungen" Wie sehr sich die Größenordnungen dieser Leistungen im Laufe der Zeit verändert haben, läßt sich anhand ver- öffentlichter Jahresrechnungen erläutern. Dazu wurden einige Beispiele im Abstand von je 10 runden (110) und normalen Jahren (d.h. ohne Jubiläen u.a.m.) unter Zu- sammenfassung verwandter Gebiete zum Vergleich neben- einander in der folgenden Tabelle 3 aufgeführt. Die (110) Da für die Kriegsjahre keine Rechnungsberichte vorliegen, wurde der letzte veröffentlichte von 1939 eingesetzt. Auch für die Zeit von 1918 1925 existieren keine Unterlagen, was wegen der bis 1923 herrschenden Inflation ohne große Bedeu- tung ist. Tabelle 3 Rechnungsberichte der Gießener Hochschulgesellschaft 1. Periode II. Periode III. Periode 1930 1939 1950 1960 1970 1980 Einnahmen in RM bzw. DM Mitgliedsbeiträge 10.251,00 4.902,60 9.255,00 20.043,82 41.193,26 43.107,14 Spenden 8.900,00 1.408,00 74.010,00 256.650,00 154.625,00 590.760,43 Zinsen 1.414,10 21,05 174,95 13.370,46 23.190,14 47.338,30 Kursgewinn - - - - 1.503,70 2.622,00 Sonstige Einnahmen 4.307,15 1.047,12 6.829,00 - 268,00 375,30 Zusammen 24.872,25 7.378,77 90.268,95 290.064,28 220.780,10 684.203,17 Ausgaben in RM bzw. DM Zuwendungen 15.930,40 1.910,00 78.100,00 261.249,88 154.242,08 529.220,18 für Nachr. der GHG 1.699,58 1.305,25 1.639,05 12.185,00 - - Verwaltungskosten 1.137,22 531,22 494,78 1.890,93 2.254,42 3.450,99 für Vorträge 705,00 241,30 632,40 700,00 - - Sonstige Kosten 4.000,00 11,00 376,72 287,59 990,00 30.309,04 gewährte Darlehen - - 1.600,00 - - - Kursverlust - - - - 7.976,25 5.033,01 Gerätebeschaffung - - - - - 39.423,33 Zusammen 23.472,20 3.998,77 82.842,95 276.313,40 165.462,75 607.436,55 Fortsetzung Tabelle 3 1. Periode II. Periode III. Periode 1930 .1939 1950 1960 1970 1980 Hinnahmen in % Beiträge der Mitglieder 41,2 66,4 10,2 6,9 18,6 6,3 Spenden 35,8 19,1 81,9 88,5 70,0 86,3 Zinsen 5,7 0,3 0,2 4,6 10,5 6,9 Ausgaben in % Zuwendungen 67,9 47,8 94,3 94,5 93,2 87,1 Verwaltungskosten 4,8 13,3 0,6 0,7 1,4 0,6 Vermögen in RM bzw. DM 31.687,15 51.606,92 10.226,00 223.461,95 439.562,50 1.069.541,33 - 80 - Tabelle enthält die absoluten und die Relativzahlen für die Einnahmen und Ausgaben sowie für das Vermögen der GHG, und zwar an je zwei Beispielen einer Periode. Die in der Tabelle 3 aufgeführten Einnahmen stammen im wesentlichen aus drei Quellen, den Mitgliedsbeiträgen, den Spenden und den Kapitalzinsen. Die Mitgliedsbei - träge, die im Gründungsjahr 1918 16.000 M betrugen, gingen in der N.S.-Zeit auf nicht ganz 5.000 RM zurück. Das Jahr 1950 bedeutet praktisch den Neubeginn nach der Währungsreform. Bis 1980 stiegen sie auf 43.000 DM, den fast 10-fachen Betrag von 1939. Der Eingang von Spenden hängt ab von dem Vorhandensein bzw. von der Werbung finanzkräftiger Mäzene und deren Gebefreudigkeit, die wieder durch die jeweilige Wirt- schaftslage u.a.m. beeinflußt wird. Dadurch unterliegen sie naturgemäß größeren Schwankungen; zudem werden sie vielfach zweckgebunden gestiftet. In der Regel stellen sie die wichtigste Einnahmequelle der GHG dar. Wie die Tabelle 3 zeigt, stiegen sie von ca. 9.000 RM im Jahre 1930 trotz der durch Krieg, Neubeginn, wirtschaftliche Rezession u.a.m. bedingtn Schwankungen auf fast 600.000 DM im Jahre 1980 (im sog. normalen Jahr (111)) an. (111) In den Jubiläumsjahren 1957 und 1982 betrugen die Einnahmen 1957 450.000 DM und 1982 802.000 DM. (112) So bestimmte die Satzung des Göttinger Universi - tätsbundes bis 1954, daß die Hälfte aller Mit- gliedsbeiträge und alle nicht ausdrücklich zweck- bestimmten einmaligen Zuwendungen unter allen Um- ständen zur Bildung eines Kapitalvermögens ver- wendet werden müssen, bis ein Kapital von 1 Million erreicht sei. W. Ebel, Kleine Geschichte des Göttinger Universitätsbundes 1918 - 1968, Sonderdruck aus Georgia Augusta, Mai 1968, S. 9f. Diese Bestimmung gilt, etwas abgeändert auch heute noch, ebenda S. 23. - 81 - Das Vermögen der GHG und anderer, dem Verfasser bekann- ten Förderergesellschaften, haben infolge der von diesen geübten Finanzpolitik die Tendenz zum ständigen Anstieg (112,113). Das Vermögen der GHG wies vor dem Kriege einen Höchststand von ca. 32.000 RM auf. Zwei Jahre nach dem Neubeginn betrug es 10.000 DM, stieg dann ständig an und überschritt 1980 durch Übernahme der Krebshilfe die Millionengrenze (114). Die Erträgnisse aus dem Kapitalvermögen verhalten sich ähnlich wie das Vermögen selbst. Zusammen mit den Mit- gliedsbeiträgen können sie einen beträchtlichen Teil der Einnahmen ausmachen, namentlich wenn in Notzeiten der Spendenfluß nachläßt (siehe dazu die Relativzahlen der Tabelle 3). Die Zinsen stiegen von 175 DM im Jahre 1950 auf über 47.000 DM im Jahr 1980 und zusammen mit den Mitgliedsbeiträgen um das 10-fache. Mitgliedsbei - träge und Vermögen bilden den Rückhalt für die uneigen- nützige Tätigkeit der Förderergesellschaften. (113) Der Marburger Universitätsbund kann das Kapital des Bundes für besondere Zwecke nur dann an- greifen, wenn 2/3 des Verwaltungsrates und 2/3 der Mitglieder des Vorstandes zustimmen. R. Kaufmann, alma mater philippina, Juni 1971, S. 10. (114) Bei der letzten Tagung der Förderergesellschaften in Marburg 1983 stellte sich heraus, daß das An- sammeln von Vermögen steuerlich nicht ganz pro- blemlos ist. So wurde von manchen Finanzbehörden das Ansammeln von Mitteln nur dann als gemein- nützig, d.h. steuerfrei anerkannt, wenn es für ein geplantes größeres Projekt bestimmt war. Nach Winnacker, dem Leiter der Marburger Tagung darf eine gemeinnützige Gesellschaft keine nennens- werten Überschüsse machen; wenn sie sie aber hat, muß sie eine "Rückstellung" machen und im Jahres- bericht entsprechend veröffentlichen. Tagung der wissenschaftlichen Hochschulen der BRD, Marburg, 1983, S. 71. Nach neuesten Mitteilungen in den Tageszeitungen beabsichtigt die Bundesregierung diese Schwierigkeiten durch eine Änderung im Stiftungssteuerrecht zu beseitigen. Auch vom Bundespräsidenten wurde eine solche gefordert. - 82 - Die Ausgaben sind in den Jahresrechnungen nicht einheitlich gegliedert, so daß man nicht immmer er- kennen kann, wofür die Mittel im einzelnen eingesetzt worden sind. Doch dürfte das nicht so wichtig sein. Von wesentlicher Bedeutung erscheint vielmehr, wieviel von den eingegangenen Mitteln für die wissenschaftlichen Zwecke der Universität verwandt worden und wieviel in der Verwaltung hängen geblieben ist. Darüber geben die Relativzahlen der Tabelle 3 einen 'besonders guten Über- blick. Sie zeigen, daß sie dank der ehrenamtlichen Tätigkeit des Verwaltungsrates und des Vorstandes durchweg gering, in der 2. und 3. Periode sogar extrem niedrig waren. Ein Blick auf die Gesamtzahlen der Zuwendungen läßt er- kennen, wie sehr sich auch hier die Dimensionen im Laufe der Zeit geändert haben, sie stiegen von 16.000 DM im Jahre 1930 auf über 500.000 DM im Jahre 1980. Im Durchschnitt der drei Perioden betragen sie für die erste (1926 - 1939) jährlich 10.000 RM, für die zweite (1948 - 1966) 130.000 DM und für die dritte (1969 - 1982) 300.000 DM. Was die GHG seit Einsetzung des Verwaltungsrates an materiellen Unterstützungen geleistet hat, geht in die Millionen und verdient höchste Anerkennung. Im Ver- gleich zu den Hunderten von Millionen, die der Staat heute für den Betrieb einer modernen Massenuniversität aufzubringen hat, sind diese Leistungen zwar gering, trotzdem werden die Zuwendungen der GHG von der Univer - sität und den bedachten Gelehrten dankbar begrüßt. Dies hängt damit zusammen, daß sie gezielt, an Brennpunkten, zur rechten Zeit und unbürokratisch eingesetzt werden können (115). Die Änderung der Dimensionen an der Universität hat zu- gleich eine große wirtschaftliche Bedeutung für die - 83 - Region Mittelhessen. In diesem Raum, der seit Jahren an Schwächen seiner Wirtschaftstruktur leidet, ist die Universität Gießen ein herausragender Stabilisierungs- faktor. Sie sichert insgesamt etwa 10.000 Arbeitsplätze in der Region. Was die Hochschulbeschäftigten und die Studenten im Nahbereich Gießen jährlich verausgaben, läßt sich auch nur in Hunderten von Millionen ausdrücken. Die Zahl der in Gießen und in den Umlandgemeinden universitärab- hängigen Arbeitsplätze ist erheblich. Ein solches Groß- unternehmen auch in Zukunft zu erhalten, dessen Arbeitsmöglichkeiten zu sichern und die Lebensbe- dingungen in ihr für die Wissenschaftler, die Mit- arbeiter und die Studenten so zu gestalten, daß die Stadt, die Universität und das Umland eine Attrakti - vität für alle besitzen, ist allein schon vom wirt- schaftlichen Standpunkt aus ein allgemeines und för- derungswürdiges Anliegen (116). (115) Die schnelle Überbrückung finanzieller Notsitua- tionen durch den direkten und persönlichen Kon- takt zwischen Antragsteller und Spender kann außer dem wirtschaftlichen Effekt auch eine psychologische Wirkung haben, worauf R. Kaufmann hinweist (alma mater philippina, Juni 1971, S. 12). Wenn nämlich. der Spender auch die wissen- schaftliche Tätigkeit des Antragstellers zu würdigen weiß, empfindet dieser die Unterstützung zugleich als Anerkennung seiner wissenschaft- lichen Tätigkeit, wodurch neue Impulse für seine Forschungstätigkeit gefördert werden. (116) Die Verflechtung der Universität Gießen mit dem Raum Mittelhessen (Druckschrift, Gießen 1982, Tgb. S. 249). - 84 - Aus der Tätigkeit des Vorstandes Dem Vorstand obliegen auch heute noch die gleichen Auf- gaben wie früher, die Unterstützung kleinerer For- schungsvorhaben und Kongreßreisen u.a., sowie die Ver- anstaltung von Vorträgen, Hochschulwochen, ferner die Herausgabe von Druckschriften usw.. Der Vorstand nahm seine satzungsmäßigen Aufgaben ebenso gewissenhaft wahr wie der Verwaltungsrat. Dies ist aus den in den Gießener Universitätsblättern veröffent- lichten Jahresberichten der GHG zu entnehmen. Die Vortragsveranstaltungen Als Beispiele für die Wirksamkeit des Vorstandes nach außen seien hier die von ihm veranstalteten Hochschul - wochen in Wetzlar etwas ausführlicher behandelt, da sie in den Jahresberichten nur kurz erwähnt werden. Die erste Hochschulwoche wurde bereits vom 18. - 21. Juni 1968 abgehalten. Sie stand unter der Leitung von Prof. Dr. Heselhaus. In Wetzlar betreute sie der dortige Bürgermeister, der auch für die beteiligten Professoren der Universität Gießen und die Freunde der GHG in Wetzlar einen Empfang gab. An der zweiten Hochschul- (117) Vortragsprogramm und Hörerzahl (Hz) für die zweite Hochschulwoche in Wetzlar, in der Zeit vom 13. - 24.1.1969. 1. H. Kötter, Rektor: Von der Agrargesellschaft zur postindustriellen Gesell- schaft (Hz 85); H.J. Cremer: Bevölkerungswachstum und Nahrungsmittelspielraum (Hz 95); 3. D. v. Denffer: Wege und Ziele biologischer Zukunftspla - nung (Hz 80); R. Kepp: Wissenschaftliche Über- legungen zur Familienplanung (Hz 110); 5. H.J. Varain: Politikwissenschaftliche Analyse und politischer Bewußtseinswandel (Hz 75); 6. R. Weyl, Prorektor: Das Verhältnis des Menschen zur Erde (Hz 75). Nach den Akten der Volkshochschule Wetzlar. - 85 - woche (117) beteiligte sich außerdem noch die Volks- hochschule Wetzlar. Für die Veranstaltungen stand die Aula der Werner von Siemens-Schule zur Verfügung. Alle Vorträge erfreuten sich eines guten Besuches (117). Die dritte, von Prof. Dr. Weyl geleitete Hochschulwoche in Wetzlar, folgte in der Zeit vom 16. 30. Januar 1970. An ihrem Zustandekommen waren in Wetzlar das Kulturamt der Stadtverwaltung und die Volkshochschule Wetzlar beteiligt. Die Vorträge, in denen vorwiegend Entwicklungsfragen behandelt wurden, waren nicht so gut besucht wie im Jahre zuvor. Neben diesen Hochschulwochen wurden auch in Gießen Vor- träge von der GHG veranstaltet. Außerdem unterstützte die GHG nach wie vor die Durch- führung von wissenschaftlichen Kolloquien und Symposien u.a.m., ferner das seit 1984 von der Justus-Liebig-Uni- versität und der Stadt Gießen neu eingerichtete und von Prof. Dr. Siegfried Quandt geleitete "Gießener Forum". Auf diesem Forum werden unter Teilnahme der Massen- medien aktuelle politisch-historische oder wirtschaft- liche Fragen von kompetenten Wissenschaftlern, Publi- zisten und Politikern diskutiert (118). (118) Das Thema des Forums 1985 lautete: "Zwischen Krieg und Frieden" (40 Jahre nach der Stunde Null). Nach Eröffnung durch den Präsidenten der Justus-Liebig-Universität, Prof. Dr. Karl Alewell und der Einführung in das Thema durch Prof. Dr. Siegfried Quandt, nahmen an dem Streitgespräch und der Podiumsdiskussion unter der Leitung von Dr. Guido Knopp folgende Redner teil: Prof. Dr. Wjatscheslaw Daschitschew von der Diplomatischen Akademie des Moskauer Außenministeriums; John Kornblum, Direktor der Abteilung Zentraleuropa, Department of State, Washington, ferner die Professoren Dr. Karl Dietrich Bracher, Univer - sität Bonn, Dr. Alfred Grosser, Paris, Dr. Roger Morgan, London und Dr. Wolfgang Seiffert, Hamburg. - 86 - Die Veröffentlichungen Um den Anforderungen der Zeit Rechnung zu tragen, wurden unter der Schriftleitung von Prof. Dr. A. Woll (s. Tabelle 2 im Anhang) an Stelle der Nachrichten der GHG und der Gießener Hochschulblätter die "Gießener Universitätsblätter" ins Leben gerufen, die in einem neuen modernen Gewand jährlich zweimal erscheinen und auch die bis dahin in den Gießener Hochschulblättern mitgeteilten Personalnachrichten enthalten. Ohne die begründeten Traditionen der seitherigen Organe aufzugeben, sollen diese die Ziele und Aufgaben der Hochschule diskutieren und interpretieren, Mißverständ- nisse abbauen und das Interesse weiter Kreise an der Universität wecken und fördern. Hochschulpolitische Fragen zwischen Regierung und Uni- versität waren schon früher in den Nachrichten der GHG erörtert worden, so über die Lehrerbildung, das neue Hochschulgesetz von 1966 u.a.m. (119). Doch was sich nun an den Hochschulen abspielte, war etwas unerhört Neues, Revolutionäres und wurde von den Studenten ausgelöst. Die Kulturpolitiker und Regierungen reagier- ten auf diese Unruhe mit der Auflösung der seitherigen Strukturen, der sogenannten "Ordinarien-Universität" und mit der Schaffung der Gruppenuniversität, in der paritätische Mitbestimmung aller Gruppen angestrebt wurde. Das Problem wurde noch dadurch belastet, daß infolge des in den 50-er Jahren ebenfalls im wesent- lichen von Kulturpolitikern ausgerufenen "Bildungsnot- standes" nun immer mehr, aber nicht immer gut vorge- bildete Studenten auf die Universität strömten. (119) Nachrichten der GHG, Bd. 30, 1961, S. 51, 55 und 61; Bd. 34, 1966, S. 7. - 87 - Die GHG stand auch in dieser schwierigen Zeit ihrer alma mater treu zur Seite. Zur Unterrichtung ihrer Mit - glieder wurde das neue Hochschul- und Universitäts- gesetz in den "Gießener Universitätsblättern" abge- druckt (120). Auf eine Anregung des Schriftleiters, Prof. Woll, an der Lösung der anstehenden Probleme durch Diskussion und Vorschläge mitzuwirken, erschienen in der Folgezeit eine Reihe von Artikeln, allerdings nicht einer von Studenten. In diesen nahmen die Autoren teils kritsch zu den Vorgängen Stellung(121), andere zu dem Verhältnis Schule zu Hochschule (122). Es fehlte aber auch nicht an Vorschlägen, die neue Wege aufzeigen wollten, um mit den zahlreichen neugeschaffenen Schwie- rigkeiten fertig zu werden (123) und auch an einer modernen Massenuniversität Forschung und Lehre effektiv zu gestalten (124). Die Nachfolger von Prof. Woll in der Schriftleitung der Gießener Universitätsblätter, Frau Prof. Dr. Helge Pross und Prof. Dr. Odo Marquard (s. Tabelle 2 im Anhang) veranlaßten außerdem führende Persönlichkeiten aus dem Hochschulbereich, ferner Minister der Bundes- und der Landesregierung, in Inter- views zu aktuellen Fragen der Hochschulpolitik Stellung zu nehmen (123,124). So haben sich die Gießener Universitätsblätter auch als Mitstreiter bei den Bemühungen um die Überwindung der zahlreichen Schwierigkeiten an der modernen Gruppen- (120) Gießener Universitätsblätter, Jg. III, 1970, H. 1, S. 58. (121) Gießener Universitätsblätter, Jg. 11,1, 1969, S. 13 u. 44; Jg. 111,1, 1970, S. 53 u. 45; Jg. VII,2, 1974, S. 16; Jg. IX,2, 1976, S. 7; Jg. X,l, 1977, S. 81. (122) Gießener Universitätsblätter, Jg. VII,2, 1974, S. 46; Jg. IX,1, 1976, S. 33; Jg. X,2, 1977, S. 7 u. 21; Jg. XI,l, 1978, S. 21. (123) Gießener Universitätsblätter, Jg. 111,1, 1970, S. 85; Jg. VII,l, 1974, S. 42; Jg. VIII,1, 1975, S. 48; Jg. IX,1, 1976, S. 9 u. 21; Jg. XII,1, 1979, S. 7; Jg. IV,1, 1971, S. 54. - 88 - und Massenuniversität bewährt. Doch darin sahen die Schriftleiter nicht die einzige Aufgabe. Sie berich- teten vielmehr über alle bemerkenswerten Ereignisse an der Justus-Liebig-Universität. So wurde z.B. aus Anlaß von Liebigs 100. Geburtstag das Heft VI,1,1973 seinem Andenken gewidmet. Gelehrte der Universität würdigten darin die Persönlichkeit und das Werk des Namenspatrons der Gießener Universität. Zur 375-Jahrfeier der Uni- versität 1982 erschienen drei Hefte der "Gießener Uni- versitätsblätter" unter dem Gesamttitel: "Zur Ge- schichte der Fächer und zentralen Einrichtungen der Justus-Liebig-Universität Gießen nach 1957" (126). Dar- über hinaus legen die Gießener Universitätsblätter wie eh und je ein beredtes Zeugnis ab von dem regen wissen- schaftlichen Geschehen an der Justus-Liebig-Universität und den Ereignissen innerhalb des Lehrkörpers, einst und jetzt, sowie von den zahlreichen Aktivitäten der GHG. Besondere Erwähnung verdienen die auf Initiative von Prof. Helge Pross in den Gießener Universitäts - blättern erscheinenden und würdig gestalteten Ehren- tafeln für die verstorbenen Mitglieder der GHG (125). Bei der Lektüre der Hefte erhält jeder Leser ein ein- drucksvolles und lebendiges Bild von dem vielseitigen Geschehen an der Justus-Liebig-Universität und innerhalb der GHG. Zur 375-Jahrfeier erschien noch eine Reihe weiterer Veröffentlichungen, an deren Finan- zierung die GHG zum Teil mitwirkte (126). (124) Gießener Universitätsblätter, Jg. VII,l, 1974, S. 9 u. 2, 1974, S. 9; Jg. VIII,l, 1975, S. 58 u. 2, 1975 S. 18; Jg. XI,1, 1978, S. 7. (125) Beim Schreiben dieser Zeilen hätte der Verfasser nicht im entferntesten daran gedacht, daß der Name dieser bedeutenden Wissenschaftlerin und liebenswürdigen Kollegin, die der Justus-Liebig- Universität und der GHG in schwieriger Zeit uner - schrocken diente, so bald auf einer solchen Ehrentafel stehen würde. Sie starb am 2.10.1984 im Alter von 57 Jahren. - 89 - Die GHG unterstützt auch die Herausgabe der neuen Zeit - schrift: "Spiegel der Forschung (Wissenschaftsmagazin der Universität Gießen) " , die neu gewonnene wissen - schaftliche Erkenntnisse auf kürzestem Wege, in ver- ständlicher Form auch der Allgemeinheit zugänglich macht und damit zugleich im Sinne der Satzung der GHG wissenschaftliche Bildung vermittelt (Heft 1/1983, Heft 2/1984). Die angeführten Beispiele dürften genügen, um selbst dem Außenstehenden zu zeigen, daß Präsident, Vorstand und Verwaltungsrat der GHG sich mit ganzer Kraft und Umsicht für das Wohl ihrer alma mater eingesetzt haben. Dafür gebührt ihnen, ihren Vorgängern und allen ande- ren, aktiv am Geschehen in der GHG Beteiligten, Dank und Anerkennung. Besonderen Dank verdienen die ver- ständnisvollen und hochherzigen Spender, die durch ihre Munifizenz die Voraussetzungen für die vielseitigen Aktivitäten der GHG schufen. Die 375-Jahrfeier der Universität Gießen Die 375-Jahrfeier der Universität wurde in herausge- hobener Weise begangen, um zugleich die 375. Wiederkehr des Gründungstages der traditionsreichen Universität Gießen und die 25-Jahrfeier der neu entstandenen Justus-Liebig-Universität herauszustellen. Die GHG war von Anfang an an den Vorbereitungen der Vorhaben und Veranstaltungen beteiligt und insbesondere der Präsi- dent der GHG Dr. Dr. h.c. Otto Pflug und der Vor - sitzende des Vorstandes, Prof. Dr. Dietger Hahn, regten mit außerordentlichem Interesse und Verständnis Bei- träge zum Festprogramm an. Die GHG unterstützte das Jubiläum mit 140.000,-- DM und trug damit den Löwenanteil der Veranstaltungskosten von - 90 - insgesamt 215.000,-- DM. Mit diesen Mitteln wurden eine ganze Reihe von Jubiläumspublikationen gefördert, von denen insbesondere die "Gießener Gelehrte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts" (herausgegeben von H.G. Gundel, P. Moraw und V. Press) und die " Kleine Ge- schichte der Universität Gießen " von Prof. Dr. P. Moraw hervorzuheben sind. Die Mittel ermöglichten ebenfalls eine große Universitätsausstellung im Alten Schloß, dem Hauptgebäude des Oberhessischen Museums, die durch einen umfangreichen Katalog (126) begleitet wurde. Auch die Festwoche, der die Anwesenheit des damaligen Bun- despräsidenten Pröf. Dr. Karl Carstens besonderes Ge- wicht gab, wurde auf der Grundlage der Förderung durch die GHG durchgeführt. Hinzu kamen eine Fülle von Fachbereichsveranstaltungen und Kongresse, die dem Jubiläum seinen besonderen Charakter gaben. Insbesondere wurde die Gelegenheit der 375-Jahrfeier genutzt, um der Öffentlichkeit die Leistungen der Universität zu präsentieren. Zur Aufarbeitung der neueren Geschichte der Universität widmete die GHG im Jubiläumsjahr 1982 drei Hefte der Universitätsblätter der Darstellung der Geschichte der Fächer zwischen 1957 und 1982 (126). Für die Arbeit des mühevollen Zusammentragens der Einzelbeiträge muß ein besonderer Dank dem ehemaligen Schriftführer der GHG, Prof. Dr. 0. Marquard, gelten. - 91 - Die GHG unter den Förderer-Gesellschaften an wissen- schaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland Im Jahre 1966 fand auf Anregung des Präsidenten der WRK, Prof. Dr. Sievers, die erste gemeinsame Tagung der Förderer-Gesellschaften der Bundesrepublik Deutschland in Marburg statt, ihr folgten 1975 die zweite und 1983 die dritte Zusammenkunft. Die Teilnahme an der ersten Tagung und die Berichte über die übrigen (127) sowie eine von Prof. Wendt, Marburg, verfaßte Übersicht über 53 Förderer-Gesellschaften (128) regten den Verfasser zu einem Vergleich der GHG mit diesen an. (126) Weitere, zum 375-jährigen Jubiläum erschienene Schriften: Academia Gissensis, Beiträge zur älteren Gießener Universitätsgeschichte, hrsg. v. P. Moraw u. V. Press, Veröffentlichungen der Hist. Kommission für Hessen, Bd. 46, Marburg 1982; Statuta Academiae Marpurgensis deinde Gissensis de Anno 1629. Die Statuten der Hessen - Darmstädtischen Landesuniversität. Marburg 1626 - 1650/Gießen 1650 - 1879. Veröffentlichungen der Hist. Kommission für Hessen, Bd. 44, hrsg. v. H.G. Gundel, Marburg 1982; Ausstellungskatalog "375 Jahre Universität Gießen", hrsg. v. N. Werner, Gießen 1982; Ausstellungskatalog "375 Jahre Medizin in Gießen", hrsg. v. J. Benedum, Gießen 1982; Die Justus-Liebig-Universität Gießen. Ein Universitätsführer von I. Dienstbach und H. Stieger, Gießen 1982; Wechselwirkungen zwischen Hochschule und Religion, Fallstudie Justus-Liebig-Universität Gießen, 2 Bände, v. G. Aberle und E. Giese, Gießen 1982; Gießener Geographischer Exkursionsführer Mittleres Hessen von H. Uhlig und W. Schulze, 4 Bände, Gießen 1982. (127) Marburger Universitätsbund, Tagung der Vorsitzen- den der wissenschaftlichen Hochschulen d. Bundes- gebietes 1966, 1975 sowie 1983. (128) Wendt. Marburger Universitätsbund: Kurzbericht über die FG der wissenschaftlichen Hochschulen in der Bundesrepublik Deutschland. - 92 - Obgleich die Organisation, die Aufgaben und die Arbeitsweisen der Förderer-Gesellschaften (FG) unter- schiedlich sind, haben sie doch alle das eine Ziel, die Hochschule, der sie dienen, zu fördern. Deshalb sind auch bestimmte Vergleiche möglich. Dazu dienten u.a. die statistischen Angaben von Prof. Wendt und Mittei- lungen aus den Sitzungsberichten. Aus den statistischen Angaben Wendt's wurden Daten der Förderer-Gesell- schaften der Hochschulen Hessens und des Bundesgebietes entnommen. Die Werte, die aus den Jahren 1976/77 stammen, sind in der folgenden Tabelle 4 zusammenge- stellt worden. In der Mitgliederzahl erreicht die GHG mit 723 Mit- gliedern nicht ganz den Mittelwert von 792,8 im Bundes- gebiet. Unter den hessischen Hochschulen muß sie sich allerdings mit dem letzten Platz bescheiden. Gliedert man die Mitgliederzahlen weiter auf, so weist die GHG unter den hessischen Hochschulen den höchsten Mit- gliederbestand aus dem Lehrkörper auf und steht im Bundesgebiet mit 394 Mitgliedern hinter Aachen (450) an zweiter Stelle. Die korporativen Mitglieder rekrutieren sich hauptsächlich aus der Wirtschaft. Sie nehmen unter den hessischen Förderer-Gesellschaften den dritten Platz, im Bundesdurchschnitt aber einen guten Mittel- platz ein. Bei den statistischen Erhebungen von Prof. Wendt wurde nicht nach finanziellen Leistungen gefragt, doch läßt sich aus einer Reihe von einzelnen Mittei- lungen der FG folgern, daß die finanziellen Leistungen der GHG sich durchaus sehen lassen können. Damit wird aber auch das große Interesse der Wirtschaft, von der der Großteil der finanziellen Unterstützung kommt, an der Förderung der Wissenschaft offenkundig. Bei einem Vergleich der persönlichen Mitglieder nimmt die GHG im Bundesgebiet wieder einen guten Mittelplatz ein, auch im Vergleich zu Frankfurt und Kassel schnei- Tabelle 4 Mitgliederzahlen der Förderer-Gesellschaften wissenschaftlicher Hochschulen Sonstige Universitäten Gesamtzahl Korporative Persönliche Lehr- Studenten Einzel- Mitglieder Mitglieder körper Mitglieder a) in Hessen Darmstadt 1.473 183 1.290 232 - 1.058 Frankfurt 980 233 747 - - 747 Gießen 723 110 613 394 - 219 Kassel 901 184 717 50 10 657 Marburg 3.016 81 2.935 140 450 2.345 Mittelwerte 1.418,6 158,2 1.260,4 163,2 92 1.005,2 b) im Bundesgebiet Gesamtzahlen 42.017 7.c06 35.011 5.703 752 28.556 n 53 53 53 49 46 53 Mittelwerte 792,8 132,2 660,6 116,4 16,3 538,8 c) Gießener Hochschulgesellschaft 723 110 613 394 - 219 - 94 - det sie nicht schlecht ab. Wesentlich ungünstiger sieht es dagegen mit der Zahl der sonstigen Einzelmitglieder aus. Die GHG hat in dem letzten eineinhalb Jahrzehnt, angesichts des enormen Wachstums der Universität und der sich stürmisch ändernden Dimensionen auf allen Gebieten der Forschung und Lehre, besonderes Gewicht auf die Werbung von korporativen Mitgliedern und Spendern gelegt und damit auch große Erfolge erzielt, wie früher dargelegt wurde. Die GHG bemüht sich natürlich auch um die Werbung von Einzelmitgliedern, doch ist diese Aufgabe, namentlich beim Werben außer- halb Gießens, schwierig. Bei der Suche nach Gründen da- für darf das Nachkriegsschicksal der Universität Gießen nicht unberücksichtigt bleiben. Der stark beschädigte und in einer zertrümmerten Stadt gelegene Rest der ehe- maligen Landesuniversität, die sich zudem ihrer Kern- fakultäten beraubt sah, war sicherlich kein glanzvoller Anziehungspunkt mehr. Außerdem gab es nun in Hessen zwei andere komplette große Universitäten, von denen die eine sogar den Krieg unzerstört überstanden hatte. Hinzu kommt noch, daß Gießen als Stadt der Ruf an- haftet, gegenüber seinen Nachbarstädten, z.B. Marburg und Frankfurt, weniger attraktiv zu sein (129). Dennoch (129) Marburg nimmt dank seiner einmaligen Lage, seines herrlichen Stadtbildes und seiner bemerkenswerten historischen Baudenkmäler eine bevorzugte Stel- lung unter den deutschen Städten ein. Hinzu kommt, daß es noch von einem gewissen Hauch stu- dentischer Romantik umflossen wird. Die Großstadt Frankfurt wirkt schon als kultureller Mittelpunkt anziehend. Die Universität Frankfurt, eine ehedem reiche Stiftungsuniversität, genießt auch heute noch den starken Rückhalt der örtlichen Groß- unternehmen und erfreut sich zahlreicher Stif- tungen. Siehe Dr. Grell, Frankfurt: Unselb- ständige Stiftungen innerhalb einer FG, Tagung d. FG wissenschaftlicher Hochschulen, Marburg 1983, S. 57 ff. Daß trotzdem Gießen vielen, u.a. auch den an die Justus-Liebig-Universität berufenen Wissenschaftlern zur dauernden Heimat wurde, läßt hoffen, daß der erste Eindruck doch wohl mit der Zeit entkräftet werden könnte. - 95 - beklagte der Rektor der Universität Marburg, Prof. Dr. Hensel,. ebenfalls den Rückgang an persönlichen Mit- gliedern, vor allem aus dem Kreise der ehemaligen Stu- denten (130). So zählte nach seinen Angaben der Marburger Universitätsbund 1929 bei 3.500 Studenten 4.000 Mitglieder, 1966 dagegen bei 8.200 Studenten nur noch 2.000. Prof. Ebel, Göttingen (131), der ebenfalls über einen Rückgang der Einzelmitglieder und eine Zunahme der kor- porativen Mitglieder berichtete, fand es schwer, eine Erklärung für diese Veränderungen zu geben. Um die Mit- gliedschaft der ehemaligen Studenten sollte sich die FG nach Prof. Hensel auch deshalb bemühen, damit die Uni- versität um sich herum einen Kreis von Menschen hat, die ihr freundschaftlich verbunden sind und auch im Hinblick auf die Probleme der Universität über den nötigen Sachverstand verfügen. Wer aber könnte nach seiner Meinung diese Aufgabe besser erfüllen als die ehemaligen Studenten, die die Universität aus eigenem Erlebnis kennen und von denen viele inzwischen wichtige Positionen im öffentlichen Leben bekleiden. (130) Prof. Hensel ist der Auffassung, daß die heutigen Studenten weniger starke emotionale Bindungen an ihre Universität haben, als das früher der Fall war. Ihr Verhältnis zur alma mater sei sachlicher und nüchterner geworden. Deshalb befürwortet er auch neue Wege zur Mitgliederwerbung, wie Lei- stungsprämien und Verlosung von Studentenreisen. Tagung der Vorsitzenden der FG wissenschaftlicher Hochschulen des Bundesgebietes am 5.5.1966 in Marburg. (131) Nach Meinung Ebels werde doch durch die Massen- kommunikationsmittel das Interesse an den Arbei- ten und Fortschritten der Wissenschaften wachge- halten. Ökonomische Gründe dürften unter den ge- gebenen Verhältnissen auch kaum eine Rolle spielen. Die Zahl der Studenten sei gegenüber früher auf ein Vielfaches gestiegen. Schließlich stellt er die Frage, ob ihnen allen ihre alte alma mater gleichgültig geworden sein könnte. Kleine Geschichte des Göttinger Universitäts- bundes, S. 19. - 96 - Die Frage nach dem Zeitpunkt ihrer Werbung wird ver- schieden gehandhabt. So gehören 33 von 53 FG überhaupt keine Studenten an. Die FG der Universität Düsseldorf lehnt sogar die Aufnahme von Studenten direkt ab (132), andere dagegen bemühen sich um studentische Mitglieder, so z.B. die FG der Universität Stuttgart (133). Diese wirbt Studenten auf folgende Weise: Jährlich werden 32 bis 35 Diplomarbeiten und Dissertationen prämiert, die Diplomarbeiten mit 1.000 DM, die Dissertationen mit 2.000 DM. Die Preisträger sind drei Jahre lang außer- ordentliche Mitglieder; sie zahlen keinen Beitrag, nehmen aber an allen Veranstaltungen teil und erhalten alle Informationen. Nach drei Jahren müssen sie sich entscheiden, ob sie ordentliche Mitglieder werden wollen oder nicht. Dafür entschieden sich seither 40 Das ist nicht viel, deckt aber den Abgang an persön- lichen Mitgliedern. Dem Universitätsbund Marburg gehören 450 Studenten an, sie zahlen jährlich einen Beitrag von 3 DM, erhalten dafür die Zeitschrift: "alma mater philippina" (134). Der Schatzmeister verlost jährlich unter ihnen zwei Reisen. Die ausgelosten Studenten erhalten je 1.500 DM Reisegeld und verpflichten sich, einen möglichst be- bilderten Reisebericht zu verfassen, der in der Zeit- schrift "alma mater philippina" veröffentlicht wird. Der Versuch, aus studentischen Mitgliedern nach dem Verlassen der Universität Vollmitglieder mit einem Bei- trag von jährlich 20 DM zu machen, ist nach Prof. Wendt rundherum gescheitert. (132) Düsseldorf, Tagung der Vorsitzenden der wissen- schaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland 1983 in Marburg, S. 73. (133) Stuttgart, wie (107) S. 75/76. (134) R. Kaufmann: Der Marburger Universitätsbund 1921 - 1971, Sonderheft der alma mater philippina, 1971, S. 10 und Marburger Tagung der Vorsitzenden der FG der wissenschaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland 1975, S. 72 und Wendt, Tagung der FG usw. 1983, S. 78. - 97 - Die GHG hat zwar keine studentischen Mitglieder, aber sie lehnt die Aufnahme von Studenten nicht ab, macht sich ihnen vielmehr durch Anzeigen in den Vorlesungs- verzeichnissen, im JLU-Forum, in den Gießener Univer - sitätsblättern und auf andere Weise bekannt. Sie be- richtet dabei über ihre Leistungen für die Universität und damit zugleich für die Ausbildung der Studenten und weist darauf hin, wie wichtig ihre Tätigkeit für alle Glieder der Universität ist. Damit wird der Boden für eine spezielle Werbung bei den Diplomanden und Doktoranden vorbereitet. Besonders eignen sich dafür die Promotionsfeiern der großen Fachbereiche, bei denen. sich eine Werbung durchaus lohnt, wie Erfahrungen aus der Vergangenheit lehren (135). Besonders erfolgreich war der Marburger Versuch, 10 - 20 Jahre später Absolventen eines bestimmten Fachbe- reiches durch den Präsidenten zu einem Wochenende ein- zuladen. Es gehörte zwar etwas Spürsinn dazu, nach so langer Zeit die Anschriften zu ermitteln, doch auch das glückte. Das Unternehmen erwies sich als gar nicht kostspielig und die Eingeladenen wurden zum größeren Teil Mitglieder. Zur Werbung geeignete Treffen von Ehemaligen finden auch in Gießen statt, so z.B. im Fachbereich Veterinär- medizin, hier gelegentlich und auf Initiative der Ehe- maligen selbst, im Fachbereich Wirtschaftswissen- schaften systematisch und auf Einladung sowie unter der Leitung des Dekans. (135) Über den Werbungserfolg in der Hochschule und bei Promotionsfeiern der Veterinärmedizinischen Fakultät berichten die "Nachrichten der GHG" in Bd. 25, 1956, S. 149-151. Danach waren von den 1956 in die GHG neu eingetretenen 88 Mitgliedern 34 Verwaltungsangestellte, Sekretärinnen, tech- nische Assistentinnen usw., 20 Tierärzte und etwa 10 korporative Mitglieder. Die zu anderen Fakul- täten oder Berufen gehörenden Einzelmitglieder erreichten höchsten die Zahl 5. - 98 - Eine besondere Art der Werbung stellen die Außenstellen verschiedener FG dar, in denen die Mitglieder einer auswärtigen Stadt oder eines Gebietes zu Ortsgruppen zusammengeschlossen werden. Deren Aufgabe besteht darin, aus den jährlich zugesandten Vortragsthemen ein eigenes Programm aufzustellen, später alle Vorbe- reitungen für das Gelingen der Veranstaltungen in einem würdigen Rahmen zu treffen und neue Mitglieder zu werben. Auf Grund der von den Sektionen aufgestellten Programme veranstalten dann die zuständigen FG Hoch- schulwochen oder Einzelvorträge, die Göttinger FG seit 1972 (136) etwa 20, die Marburger jährlich 60 (137), die Kieler FG bringt es sogar auf 300 (138). Jeder Vor- trag bringt nach Prof. Wendt 2 - 3 neue Mitglieder. Die Veranstaltung von Vorträgen, die ja der Verbreitung wissenschaftlicher Bildung dienen, gehört, wie früher ausgeführt wurde, zum Aufgabengebiet der GHG. Doch wurden sie bislang wenig für Werbezwecke genutzt. (136) Prof. Rink, Göttingen, ist der Ansicht, daß das Fernsehen und wohl auch eine allgemeine Vortrags- müdigkeit den Hochschulwochen jahrelang Abbruch getan hätten. Seit 1970 sei aber eine Wende ein- getreten, die Zahl der Veranstaltungen habe eben- so wie der Besuch wieder zugenommen. Kleine Ge- schichte des Göttinger Universitätsbundes, Nach- trag 1968 - 1978 v. g. Rink, S. 24. (137) Prof. Wendt, Marburg: Tagung der FG der wissen- schaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland in Marburg 1983, S. 78. (138) Prof. Dr. Paul Buchloh, Kiel: Tagung der FG der wissenschaftlichen Hochschulen der Bundesrepublik Deutschland in Marburg 1975, S. 82. - 99 - Wissenschaft und praktisches Leben Der Auftrag der modernen Universität ist weder auf die Akademiker beschränkt noch endet er mit dem Examen, ihr Forschungsauftrag findet auch nicht die Grenzen am aka- demischen Unterricht, sondern ist, wie es Ebel und in ähnlichem Sinne auch Behaghel ausdrücken, bereits zu Beginn dieses Jahrhunderts in seiner elementaren und direkten Wichtigkeit für Wirtschaft und Gesellschaft erkannt worden. Heute umfaßt er sogar die gesamte Umwelt. Staat und Gesellschaft brauchen den ununterbrochenen und unentbehrlichen Fluß wissenschaftlicher Erkennt- nisse zur materiellen und ideellen Selbstbehauptung. Beide Seiten sind partnerschaftlich aufeinander ange- wiesen. Die Bürger bringen als Steuerzahler die riesigen und dennoch nicht ausreichenden Mittel für den Betrieb der modernen Massenuniversität auf. Dafür können sie beanspruchen, Teilhaber an dem ständig fließenden Quell der Bildung zu sein, dessen Ursprung sie in der Universität erkannt haben. Diesem Anliegen darf und will sich die Universität in ihrem eigenen Interesse und zum Wohle des Ganzen nicht verschließen, denn sie benötigt zu ihrem Gedeihen außer der materiellen Unterstützung eine breite Zone des Wohl- wollens, um in dem Raume, in dem sie angesiedelt ist, auch Wurzeln schlagen zu können. Aufgabe der Förderer-Gesellschaften ist es, für das Entstehen einer Atmosphäre Sorge zu tragen, in der sich das alles entfalten kann. Die GHG hat sich auch unter der neuen Leitung nie als ein bloßer Interessenverband zwischen Wissenschaft und Wirtschaft oder gar als ein reiner Geldbeschaffungsverein verstanden, sie war und ist sich vielmehr stets der kulturellen Funktion be- wußt, die ihr im geistigen Ausstrahlungsbereich der - 100 - Universität Gießen zukommt. In Übereinstimmung mit dem Lehrkörper ihrer alma mater weiß sie, wie wichtig die Verbundenheit der Universität mit der sie umgebenden Kulturlandschaft für das geistige Leben und das mensch- liche Klima in ihren Mauern ist. Je mehr es gelingt, auch in Zukunft diesen Zusammenhang der Universität mit den lebendigen Kräften der Heimat zu erhalten, desto wirksamer und nachdrücklicher wird sie auch in der Lage sein, helfend einzugreifen, wo staatliche oder andere Mittel im Augenblick nicht zur Verfügung stehen oder nicht ausreichen. Für die GHG und die Universität Gießen gilt auch heute noch, was Geheimrat Prof. Dr. Otto Behaghel einst als Wissenschaftler dieser Universität forderte (139): "Was der Gelehrte in harter Arbeit erschürft und ergründet hat, es darf nicht allein den Mitforschern zugänglich bleiben, es muß umgesetzt werden in klingende Münze, die auch der Allgemeinheit Werte zuführt." Ihre Gültigkeit haben auch die folgenden Worte noch nicht verloren, die Oberbürgermeister Dr. h.c. Karl Keller, Vorsitzender des Verwaltungsrates der GHG von 1918 bis 1925 als Vertreter der Verwaltung in seiner Ansprache anläßlich der Gründung der GHG an die Ver- sammelten richtete: "Heute sind Wissenschaft und Leben innig im Bunde, gegenseitig gebend und empfangend, beide zum Ganzen strebend, die universitas litterarum wirkend und schaffend für die universitas populi. Wissenschaft und Leben: hier wie dort Arbeit, die zusammenführt und vereinigt, zum Segen der Gesamtheit. Wenn die Erkenntnis dessen, was die Wissenschaft dem praktischen Leben zu bieten vermag, in weiten Kreisen unseres Volkes lebendig ist, so wird (139) Nachrichten der GHG, Bd. 5, 1926, H. 1, S. 62. - 101 - nicht fehlen, daß der Wissenschaft warmherzige Freunde und tatkräftige Förderer erstehen auf allen Seiten." Ebenso aktuell ist auch heute noch der Inhalt des Auf- rufes, den der Präsident der Handelskammer Gießen, Kommerzienrat Heinrich Schirmer, Vorsitzender des Ver- waltungsrates von 1925 - 1930, 1924 als Vertreter des "praktischen Lebens" an die Bürger in Stadt und Land richtete (140): "Jeder, der im wirtschaftlichen Leben steht, weiß, daß Wirtschaft und Wissenschaft untrennbar zueinander gehören, aufeinander angewiesen sind. Wenn es der Wirtschaft in dieser Zeit der schärfsten Konkur- renz nur möglich ist, nennenswerte Erfolge zu erzielen, wenn sie sich die Errungenschaften der Wissenschaft in weitgehendstem Maße zu eigen macht, so ist die Wissen- schaft mehr als je zuvor auf die Unterstützung der Wirtschaft angewiesen, da der Staat infolge seiner schwierigen Finanzlage den berechtigten Anforderungen der Universitäten auf stärkere Unterstützung oft nicht nachzukommen in der Lage ist. Aus dieser Erkenntnis heraus entstand auch in Gießen der Verein der Freunde und Förderer der Landes-Universität unter dem Namen Gießener Hochschulgesellschaft, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, helfend da einzugreifen, wo der Staat ver- sagt. Ich halte jede finanzielle Unterstützung dieser Bestrebung für eine vortreffliche Kapitalsanlage." (140) Gießener Hochschulblätter, 1924, Sonderbeilage zum Gießener Anzeiger vom 28.11.1924, S. 22. -102- Tabelle 1 Die Leitung der Gießener Hochschulgesellschaft von 1918 - 1985 Erste Periode von 1918 - 1945 Zeit Vorsitzender des Vorsitzender des Vorstandes Verwaltungsrates 1918-1925 Dr.h.c. Wilhelm Grünewald Dr.h.c.Karl Keller Justizrat, , Gießen Oberbürgermeister, Gießen 1925-1930 Dr.h.c. Heinrich Leonhard Heinrich Schirmer, Fabrikant Graef, Prov.Dir., Gießen Kommerzienrat, Präsident der Ehrensenator Handelskammer Gießen 1930-1934 Dr.h.c. H.L. Graef Arthur Pfeiffer Prov.Dir., Gießen Fabrikant, Wetzlar Ehrensenator Ehrensenator 1934-1940 Dr.h.c. Paul Meesmann, Arthur Pfeiffer Gießen, Fabrikant, Wetzlar Syndikus Ehrensenator 1940-1944 Dr. Hugo Lotz Arthur Pfeiffer Landrat, Gießen Fabrikant, Wetzlar Ehrensenator Zweite Periode von 1947 - 1967 1947-1949 Dr. Otto Eger Professor, Gießen 1949-1955 Dr. Heinrich Boening Professor, Gießen 1955-1967 Dr.,Drs.h.c. V. Horn Professor, Gießen Ehrensenator -103- Fortsetzung Tabelle 1 Dritte Periode ab 1967 Zeit Vorsitzender des Präsident des Vorstandes Verwaltungsrates 1967-1976 Dr. Richard Kepp Dr. Karl von Winkler Professor, Gießen Vorsitzender des Vorstandes der Buderus'schen Eisenwerke, Wetzlar, Ehrensenator 1976-1978 Dr. Dietger Hahn Dr. Karl von Winkler Professor, Gießen Vorsitzender des Vorstandes der Buderus'schen Eisenwerke, Wetzlar, Ehrensenator ab 1978 Dr. Dietger Hahn - - Dr.Dr.h.c. Otto Pflug Professor, Gießen Generaldirektor i.R., Gießen Ehrensenator -104- Tabelle 2 Veröffentlichungen der GHG, deren Schriftleiter bzw. Verfasser Zeit Band, Jahrg. Schriftleiter bzw. Verfasser Nachrichten der Gießener Hochschulgesellschaft 1919-1925 1 - 4 Wilhelm Horn, Anglist 1925-1946 5 - 16 Alfred Götze, Germanist 1948-1953 17 - 22 Ernst Küster, Botaniker 1954-1956 23 - 26 Egon Ullrich, Mathematiker 1957-1959 26 - 27 Martin Greiner, Germanist 1960 28 A. Grohmann, Verfasser 1960 29 Wulf Enmo Ankel, Zoologe 1962-1967 30 - 35 Herbert Ludat, Slawist und Historiker Abhandlungen der Gießener Hochschulgesellschaft 1919 1 Rudolf Herzog (Verf.): Aus der Geschichte des Bankwesens im Altertum 1920 II Erich Kaiser (Verf.): Bericht über die geologischen Studien während des Krieges in S.W.-Afrika 1923 III Walther Klüpfel (Verf.): Zur geologischen und paläontologischen Geschichte von Oberpfalz und Regensburg, zugleich von den Grundlagen ihrer Eisen- und Braun- kohlenindustrie 1960 IV/28 A. Grohmann: Die arabischen Papyri aus der Gießener Universitätsbibliothek Gießener Universitätsblätter 1968-1972 1,1 - V,2 Arthur Woll, Wirtschaftswissenschaftler 1973-1976 VI,1 - IX,2 Helge Pross, Gesellschaftswissenschaften 1977-1982 X,1 - XV,1 Odo Marquard, Philosoph ab 1982 XV,2 Egon Wöhiken, Agrarpolitiker -105- Fortsetzung Tabelle 2 Gießener Hochschulblätter von der GHG finanziell unterstützt Zeit Band, Jahrg. Schriftleiter bzw. Verfasser 1953-1955 1 - 3 Adam Horn, Wirtschaftswissenschaftler 1956-1963 4 - 10 Wilhelm Blasius, Medizin (Physiologe) 1964-1965 11 - 12 H. Scherf, Zoologe und D. Bommer, Pflanzenzüchter 1966-1968 13 - 15 H. Scharf, Zoologe und W. Dittmar, Physikal. Chemiker Otto Behaghel 1 Wilhelm Grünewald II Karl Keller 111 Heinrich Leonhard Graef Iv Heinrich Schirmer v Arthur Pfeiffer VI Paul Meesmann VII Hugo Lotz VIII Otto Eger IX Valentin Horn XI Karl von Winkler XIV 4fee4'%e*V.,ee Dietger Hahn xv BERICHTE UND ARBEITEN AUS DER UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK GIESSEN 1. Schawe, Josef: Die Universitätsbibliothek Giessen. Eine kleine Führung. 1962/63. 26 S. m. Abb. (vergriffen) 2. Knipper, Adolf: Bibliographie zur Geschichte der Universität Giessen von 1900 bis 1962. Ergänzt und überarbeitet von Erwin Schmidt. 1963. VII, 77 S. 3. Schüling, Hermann: Bibliographie der im 17. Jahr- hundert in Deutschland erschienenen logischen Schriften. 1963. 143 S. (vergriffen) 4. Schüling, Hermann: Bibliographischer Wegweiser zu dem in Deutschland erschienenen Schrifttum des 17. Jahrhunderts. 1964. VI, 176 S. (vergriffen) 5. Schüling, Hermann: Bibliographisches Handbuch zur Geschichte der Psychologie. Das 17. Jahrhundert. 1964. XIV; 292 S. (vergriffen) 6. Schmidt, Erwin: Johann Heinrich May der Jüngere und die Giessener Münzsammlung. 1964. Sonderdruck. S. 93-119, 1 Abb. 7. Kropp, Angelicus, O.P.: Oratio Mariae ad Bartos. Ein koptischer Gebetstext aus den Giessener Papyrus - sammlungen. 1965. 36 S. , 4 Taf. 8. Schüling, Hermann: Die Inkunabeln der Universitäts- bibliothek Giessen. 1966. VII, 273 S., 1 Taf. 9. Hecker, Karl: Die Keilschrifttexte der Universitäts- bibliothek Giessen. 1966. XIV, 149 S., 50 Taf: Texte, 1 Abb. 10. Schüling, Hermann: Die Postinkunabeln der Universi- tätsbibliothek Giessen. 1967. X[I, 533 S., 1 Taf. 11. Horn, Hans-Günter: Die Dokumentation in der Landbau- wissenschaft. 1967. 143 S., 13 Anlagen. (vergriffen) 12. Schüling, Hermann: Die Lutherhandschriften der Univer- sitätsbibliothek Giessen. (Katalog, mit Edition unbe- kannter Texte). 1968. 40 S. , 1 Taf. 13. Schmidt, Erwin: Die Giessener Universitätsmaler Christoph Maximilian Pronner und Friedrich Johann Ludwig Berchelmann und der Kunstmaler Johann Nikolaus Reuling. 1968. 31 S. 14. Giessener Zeitschriftenverzeichnis. Katalog der im . Universitätsbereich gehaltenen laufenden Zeitschrif- ten. Stand 1.1.1968. VII, 576 S. (vergriffen) 15. Schmidt, Erwin: Universitätsarchiv Giessen. Bestandsverzeichnis. Giessen 1969. XIV, 177 S. 16. Horn, Hans-Günter: Die Bestellfrequenz medizini- scher Zeitschriften an der Universitätsbibliothek Giessen. Giessen 1970. XXI, 63 S., 12 Abb. 17. Kössler, Franz: Verzeichnis der Doktorpromotionen an der Universität Giessen von 1801-1884. Giessen 1970. VI, 118 S. 18. Schilling, Hermann: Erhard Weigel (1625-1699). Materialien zur Erforschung seines Wirkens. Giessen 1970. 124 S. u. 4 Abb. 19. Schüling, Hermann: Erhard Weigel. Gesammelte pädagogische Schriften. Giessen 1970. VII, 253 S. 20. Ulrich Hain, Jörg Schilling: Katalog der Sammlung "Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts" in der Univ. Bibliothek Giessen. Giessen 1970. 3, 376 S. u. 1 Taf. 21. Schüling, Hermann: Caspar Ebel (1595-1664), ein Philosoph der lutherischen Spätscholastik an den Universitäten Marburg und Giessen. Giessen 1971. 72 S. u. 3 Taf. 22. Kössler, Franz: Katalog der Dissertationen und Habili- tationsschriften der Universität Giessen von 1801-1884. Schilling, Hermann: Die Promotions- u. Habilitations- ordnungen der Universität Giessen im 19. Jahrhundert. Giessen 1971. VII, 138, 78 S. 23. Schmidt, Erwin: Die Hofpfalzgrafenwürde an der hessen- darmstädtischen Universität Marburg/Giessen. Giessen 1973. 101 S. u. 2 Abb. (vergriffen) 24. Hauschild, Brigitte: Eine Lesebuch-Ausstellung in der Universitätsbibliothek Giessen. Giessen 1975. 6 S. 25. Kössler, Franz: Register zu den Matrikeln und Inscrip- tionsbüchern der Universität Giessen, WS 1807/08 - WS 1850. Giessen 1976. 221 S. 26. Schilling, Hermann: Die Dissertationen und Habilita- tionsschriften der Universität Giessen im 18. Jahr- hundert. Giessen 1976. XX, 317 S. 27. Gundel, Hans Georg: Die Münzsammlung der Univer- sität Giessen. Giessen 1976. VI, 44 S. mit 14 Abb. (vergriffen) 2. ergänzte Aufl. 1984. 46 S., mit 14 Abb. 8c 28. Eckhardt, Albrecht: Universitätsarchiv Giessen, Urkunden 1341-1727, Regesten. Giessen 1976. 227 S. 29. Schüling, Hermann: Quellen und Schriften zur Ge- schichte der Universitätsbibliothek Giessen. Giessen 1977. IX, 97 S. S. 99-112 Anhang von Hans Georg Gundel: Zur ältesten Giessener Bibliotheksordnung. 30. Schüling, Hermann: Johann Weiß (1620-1683), Prof. der Ethik und Politik an der Universität Giessen. Giessen 1977. 78 S. u. 1 Abb. 31. Gundel, H.G.: Die ältesten Statuten der Giessener Medizinischen Fakultät. Leges et Statuta Collegii Medici. Giessen 1979. 32 S. 32. Gundel, H.G.: Rektorenliste der Universität Giessen 1605/07 - 1971. Giessen 1979. IV, 98 S.., XII Taf. 33. Kalok„'Lothar: Wilhelm.. Conrad Röntgen .in Giessen 1879-1888. Ausstellung in der Universitätsbibliothek Giessen vom 28. Juni - 27. Juli 1979 ... 'Katalog. Giessen 1979. 34 S. 34. Bader, Bernd: Die klassisch-altertumswissenschaft- liche Zeitschriftenliteratur. Eine Zitateanalyse. Giessen 1981. 57 S. 35. Jost Benedum und Markwart Michler: Das Siegel der Medizinischen Fakultät Giessen. Giessen 1982. 47 S. u. Bildanhang. 36. Schilling, Hermann: Gießener Drucke 1650-1700 (außer Dissertationen und Habilitationsschriften). Gießen 1982. IV. 174 S. 37. Festschrift zur- ofiziellen_Übergabe der neuen Uni- versitätsbibliothek am. 23. Mai 1984. (1984) 235 S. 38. Gundel, Hans Georg: Die Siegel der Universität Gießen. Historische und sphragistische Utersu- chungen. 1983. 186 S. mit XVII Tal. 8 39- Forschungen aus der Handschriftenabteilung der Uni- versitätsbibliothek Gießen. 1 98 5 . 73 S. 40- Jacob Grimm und Lorenz Diefenbach im Briefwechsel. Begleitheft zu einer Ausstellung in der Universitäts- bibliothek Gießen vom 2. — 24. Dez. 1985. 1985. 78 S. 41- Valentin Horn: Aus Vergangenheit und Gegenwart der Gießener Hochschulgesellschaft. Gießen: Univ. Bibl. 1987. 6, 105 S.