62 Spiegel der Forschung Brinkmann Studentenbewegung Von Demos, Teach-ins, Kinderläden Die Studentenbewegung der späten 60er und frühen 70er Jahre in Gießen Von Heinrich Brinkmann Die „Studentenbewegung“ der Jahre 1967/68 und folgende erfreute und erfreut sich in Gießen nicht der Auf- merksamkeit, die den Vorgängen in Frankfurt, Berlin, Hamburg, München, aber auch Heidelberg oder Marburg zuteil geworden ist. Das mag damit zusammenhängen, dass in Gießen verglichen mit den vorgenannten Orten kaum Spektakuläres stattfand oder allenfalls etwas, was sich so oder ähnlich weniger publikumswirksam abge- spielt hat; zumal Gießen ja auch nicht ein Zentrum überregionaler Medien war. So muss man zunächst die Be- dingungen benennen, die die Voraussetzung für die hiesige Bewegung gewesen sind. Die Universität Gießen war Mit- linhaberin Helge Pross, eine Schülerin dass eine Frontbildung schwierig zu in-te der 60er Jahre bis auf die Ve- Adornos und Horkheimers; in Politik- szenieren war, weil man sich irgendwo terinärmedizinische und Land- wissenschaft ging das Institut von dem immer über den Weg lief und sich so- wirtschaftliche Fakultät – beide wurden Juristen Thilo Ramm auf den Neuzeit- mit nur schwer Aversionen mobilisie- unmittelbar nach dem Zweiten Welt- historiker Heinz-Josef Varain über, der ren ließen. Mancherorts bekannt ge- krieg wieder eröffnet – fast eine Neu- aus Hamburg kam. In Philosophie ging wordene Aktionen scheiterten in Gie- gründung. 1957 erlangte die Justus-Lie- Hans Blumenberg, der Inhaber eines ßen schlicht daran, dass man in ir- big-Hochschule für Bodenkultur und von der Stadt Gießen gestifteten Lehr- gendeiner Form aufeinander angewie- Veterinärmedizin in Gießen wieder of- stuhls war, 1965 nach Bochum, und sen war. Die meisten Dozenten waren fiziell den Universitätsstatus zurück. Im Odo Marquard kam aus Münster, in zwischen 35 und 45 Jahre, so dass der Wintersemester 1965/66 wurde als letz- dessen Tross ich mich als zukünftige Altersunterschied zu den Studenten te, noch fehlende Fakultät die Juristi- Hilfskraft des Instituts für Philosophie nicht besonders groß war. sche gegründet, zu deren ersten Profes- befand (siehe Kasten). Anders sah es in dieser Hinsicht in soren Ridder, Mallmann, Simitis und Die meisten Institute der Philosophi- der Medizin, der Tiermedizin und der Jäger gehörten. Die Philosophische Fa- schen Fakultät waren in ehemaligen Agrarwissenschaft aus. In diesen Fä- kultät war noch im Aufbau. Die Ger- Wohnhäusern in der Ludwigstraße, der chern studierten zahlreiche ausländi- manistik wurde von den Professoren Roonstraße und am Ende der Diezstra- sche Kommilitonen (in späteren Jahren Heselhaus (Neue Germanistik) und ße untergebracht; dort befand sich u.a. der Sohn von Ephraim Kishon); Heinrichs (Alte Germanistik) bestrit- auch das Dekanat. Die Verhältnisse wa- auffällig hoch war dabei der Anteil ira- ten. In der Soziologie war die Lehrstuh- ren überschaubar: Fast jeder kannte je- nischer und griechischer Studenten, die den, und dies galt für Studierende und in der Studentenbewegung als Schah- Professoren. Der studentische Zugang Gegner, organisiert in der CISNU, oder 3Mai 1968 – Umbenennung der Universität zu ihnen war außerordentlich leicht, so nach dem Putsch der Junta in Griechen- 24. Jg./Nr. 2 • November 2007 63 land am 21. April 1967 als Gegner der RCDS hervorging, der nach und nach 1967 von der Bildfläche verschwand. dortigen politischen Verhältnisse auftra- das andere Spaltprodukt schluckte; der Der MSB Spartakus war ein Spaltpro- ten. Zu diesen Gegnern gehörten bei- Sozialistische Deutsche Studentenbund dukt des Zerfalls der Studentenbewe- spielsweise Andreas Christinidis im Ins- (SDS), der 1960 aus der SPD ausge- gung. Nach dem 2. Juni 1967, dem Tag, titut für Politikwissenschaft und Spiros schlossen wurde (dafür akzeptierte an dem der Student Benno Ohnesorg Simitis, der unter den Generalverdacht dann die SPD, dass die bisher ausge- bei einer Anti-Schah-Demonstration in der Junta geraten war, weil seine Familie schlossenen schlagenden Verbindungen Berlin von einem Polizisten erschossen bereits im Zweiten Weltkrieg bevorzug- bei ihr Mitglied werden konnten) und wurde, politisierte sich auch die ESG tes Opfer nationalsozialistischer Über- dessen Nachfolger der Sozialdemokrati- (Evangelische Studentengemeinde), de- wachung gewesen war und sich die Jun- sche Hochschulbund (SHB) war, der ren große Zeit in Gießen erst in den ta bei der Feststellung potentieller oder treu zur SPD stand und erst in den spä- 70er Jahren kommen sollte, als die hei- tatsächlicher Gegner auf die entspre- ten 60er und frühen 70er Jahren zuneh- matlose, nicht kadermäßig organisierte chenden Akten der Nazis stützte. mend aufmüpfig wurde; der LHB (Libe- Linke dort ihren Unterschlupf fand. rale Hochschulbund), der eher locker Von dort gingen im Übrigen auch die Politische Gruppen und Studenten- mit der FDP liiert war; die HSU (Hu- ersten Überlegungen zur Ökologie aus. parlament manistische Studentenunion), die sich Diese Gruppen lebten alle mehr oder um Gerhard Szesny scharte und Ende minder friedlich nebeneinander und Mitte der 60er Jahre wurde das Wahl- der 60er Jahre still und unbemerkt ver- betrieben ihr Geschäft. verfahren für die Zusammensetzung des schwand; der NHB (Nationaldemokra- Studentenparlaments geändert. Bis da- tischer Hochschulbund), der offensicht- Auslöser der Studentenbewegung hin stellten die Fachschaften der jeweili- lich in Gießen nur einen Vertreter hatte, gen Fakultäten in mühsamer Feilscherei der aber treulich fast jeden Mittag vor Fragt man nach der Initialzündung für eine Fakultätsliste zusammen, die zur der Mensa im Otto-Eger-Heim Flug- die Studentenbewegung auch hier in Wahl antrat und gemäß ihrem Stim- blätter verteilte und vor allem vor der Gießen, dann muss man zwei Dinge menanteil Sitze im Parlament erhielt. Vermischung des deutschen Blutes mit unterscheiden. Zum einen gab es bis in Dies wurde damals geändert: Jetzt tra- nicht-arischem Blut warnte. Wenn ich die Anfänge der 50er Jahre eine sich ten die politischen Gruppen universi- mich recht entsinne, waren vor allem links von der SPD herausbildende Lin- tätsweit zur Wahl an, so dass sich das die Iraner „hochwertige Blutträger“. Ei- ke, zu der auch führende Vertreter der Parlament nicht mehr nach Fakultäten, nige von ihnen zogen den NHB-Vertre- SPD (Michael Mauke) gehörten, die sondern gemäß der Mehrheitsverhält- ter deshalb dann mit schöner Regelmä- nicht mit der KPD verwechselt werden nisse aus den gewählten politischen ßigkeit auf. Schließlich gab es noch die darf – auch wenn es in vielen Bereichen Gruppen zusammensetzte. In Gießen DIS (Deutsch-Israelische Studien-/Stu- Arbeitskontakte gab (Ostermarsch, An- gab es die Gießener Studentenunion dentengruppe), die sehr bald nach dem ti-Atomtod-Bewegung). Hinzu kam (GSU), aus der nach einer Spaltung der israelischen Präventivschlag Anfang Juni zum anderen ein neues Lebensgefühl, das sich bei Jugendlichen in der Hin- wendung zur amerikanischen Musiks- zene äußerte (Bill Hailey, Elvis Presley Der politische Weg von Heinrich Brinkmann etc.), in deren Produkten sich bereits ein untergründiges Grollen gegen Be- Heinrich Brinkmann trat zu Beginn seines Studiums der Geschichte, Germanistik, Phi- stehendes ankündigte. Somit wurde losophie und Pädagogik an der Universität Münster im Jahr 1962 in den Ring Christ- diese Musik als Protest gegen die Eltern lich-Demokratischer Studenten (RCDS) ein. Die so genannte „Spiegel-Affäre“ im selben eingesetzt. In vielen Familien wurden Jahr weckte erste Zweifel an dieser Entscheidung. Ab 1963 befasste er sich intensiv mit in der Auseinandersetzung darum Kon- Schriften von Adorno, Horkheimer, Marcuse, Habermas, Bloch und Lukacs. Nachdem flikte freigesetzt, die ihre Ursache z.B. in er im Sommersemester 1965 an der Universität Frankfurt/Main bei Adorno, Horkheimer den unterschiedlichen Auffassungen und Habermas studiert hatte, ging er ab dem Wintersemester 1965/66 zum Studium an über das Recht auf eigene Sexualität vor die Universität Gießen und trat dort im Sommersemester 1966 in den Sozialistischen der Ehe hatten. Für Eltern und Vermie- Deutschen Studentenbund (SDS) ein. Nach dem Abflauen der Studentenbewegung und ter galt zudem der „Kuppelei-Para- deren Untergang engagiert er sich seit Ende der 80er Jahren als Mitglied der „Grünen“ graph“, der diese schuldig werden ließ, in der Gießener Kommunalpolitik. Seit 1991 ist er Mitglied im Bundesvorstand der wenn sie unter ihrem Dach vor allem Selbsthilfevereinigung für Lippen-, Kiefer-, Gaumenspalte, deren Bundesvorsitzender noch nicht Volljährigen gestatteten, die er seit 2005 ist. Nacht mit einem gegengeschlechtlichen Partner zu verbringen. Und man wurde 64 Spiegel der Forschung Brinkmann Studentenbewegung damals erst mit 21 Jahren volljährig. Philosophen Ernst Bloch, der in seinem gegenläufige Eindruck ist der, dass dies Der Aufstand gegen „den Muff“ ent- dickleibigen Werk „Das Prinzip Hoff- nicht von Vielen wahrgenommen und zündete sich auch an der Frage nach nung“ dem Ausdruck verlieh. Die junge als Chance begriffen wurde. Die meis- den Verstrickungen der älteren Genera- Linke in Gießen war ideologisch nicht ten schreckten vor den dicken Wälzern tionen im „Dritten Reich“. sonderlich festgelegt. Wenn auch geo- zurück und ließen sie ungenutzt im grafisch nicht korrekt, so lag Gießen Bücherregal stehen. Als sich dann in Gießen liegt zwischen Marburg und doch auf halber Strecke zwischen Mar- den 80er Jahren viele von diesem „Bal- Frankfurt burg, wo Abendroth und die Seinen last“ befreiten und die Marx-Engels- (Fülberth, Steinhaus, Deppe) sich um Ausgaben und die marxistische Litera- Ende der 50er Jahre deutete sich das einen ordentlichen, eher orthodoxen tur in die Antiquariate wanderten, Ende der Adenauer-Ära an und damit Marxismus bemühten, und Frankfurt, machten viele Bücher einen erstaunlich der Übergang in modernere Zeiten. Der wo mancherlei unter dem Deckmantel geschonten Eindruck. fast ungebrochene Aufstieg der Prospe- des Marxismus angeboten wurde, was Entdeckt wurden besonders seit En- rität während der Wirtschaftswunder- bei einem orthodoxen Marxisten zu- de der 60er Jahre wichtige Texte aus jahre beflügelte die Phantasie der Ge- mindest stille Abscheu verursachen den 20er Jahren, wie beispielsweise sellschaftsentwürfe. Zugestanden sei: musste, wie z.B. die Erweiterung des Georg Lukacs „Geschichte und Klas- 1966 gab es in der Bundesrepublik auf- Marxismus um die Freudsche Psycho- senbewusstsein“, auf das ich ungefähr grund der Verdrängung der Steinkohle analyse (Wilhelm Reich). Von hier und zwei Jahre warten musste, als ich es durch Erdöl eine Beschäftigungskrise auch durch Bloch wurde manches mir in der UB Münster ausleihen woll- mit für heutige Verhältnisse allerdings „Ketzergut“ eingeschmuggelt. te. Zahlreiche Texte wurden auch in traumhaften Zahlen an Arbeitslosen – In Gießen war allerdings die Erarbei- Gießen als Raubdrucke von fliegenden nämlich rund 500 000. Gleichwohl: Der tung einer marxistischen Theorie dem Händlern vor der Mensa angeboten; Zeitgeist war optimistisch, und nicht Einzelnen überlassen und entsprechend dazu gehörte auch die Freud-Gesamt- umsonst war einer der meist gelesenen ekklektizistisch sah das auch aus. Der ausgabe. Mancher heute honorige Ver- November/Dezember 1967 – Nach einem Vortrag von Bahman Nirumand zog das Auditorium vor die amerikanischen Kasernen und Siedlungen. 24. Jg./Nr. 2 • November 2007 65 Mai 1968 – Demonstration gegen Notstandsgesetze. lag nahm damals so seinen Anfang. In sollte. Insofern wurde die Kritik der wichtigsten Beiträge zur Debatte um Gießen gingen der Prolit Bucherver- Form des Lehrens und des an den Uni- die Hochschulreform vorgestellt wurde. trieb, der Focus-Verlag und Marias versitäten angebotenen Stoffes zu einem Buchladen (Mabula), später die „Klei- konfliktreichen Dauerbrenner. Hinzu Aufstieg und Untergang des SDS ne Freiheit“, aus solchen Geschäften kam der Wunsch nach einer Verände- hervor. rung der Entscheidungsstrukturen an Der SDS übernahm die Meinungsfüh- der Universität im Sinne einer effektiven rerschaft unter den Studierenden. Au- Themen des Protestes Mitbestimmung der Studenten, einer ßerdem wurde er von einigen Assisten- „Drittelparität“, später dann auch der ten aus dem Mittelbau tatkräftig unter- Die Themen, die den Studentenprotest nichtwissenschaftlichen Mitarbeiter der stützt: Dieter Sterzel und Roderich trugen, waren der Vietnam-Konflikt, Universität („Viertelparität“). Wahsner bei den Juristen; Hans-Jörg stellvertretend für die Unterdrückung Der SDS hatte nach dem 2. Juni 1967 Sandkühler bei den Philosophen, der der „Dritten Welt“; die Notstandsgesetz- deswegen einen so kometenhaften Auf- damals eine merkwürdige Mischform gebung, stellvertretend für die Befürch- stieg, weil es zu diesem Themen schon aus stahlhartem DDR-Marxismus und tung einer Restauration der Bundesre- eine sich über viele Jahre erstreckende Freud-Marxismus unter Einschluss der publik und verbunden damit die Angst Vorarbeit gegeben hatte, die sich teil- jugoslawischen Praxisgruppe anbot; vor einem Rückfall ins „Dritte Reich“; weise in beachtlichen Texten nieder- Hans-Joachim Krüger bei den Soziolo- außerdem die Veränderung der Hoch- schlug: so beispielsweise die Denk- gen, der uns in einer Schulungssequenz schulstruktur, stellvertretend für die schrift des SDS „Hochschule in der De- über die „Dritte Welt“ informierte; Frage nach dem Zusammenhang von mokratie“ (1961; erweitert und aktuali- Manfred Hahn, Pressestelle der Univer- Emanzipation der Menschen von Müh- siert 1965, bei Luchterhand neu aufge- sität und Assistent im Soziologischen sal und Arbeit und Formen des Lernens legt), die von Helmut Schelsky in einer Seminar, dessen Spezialität der Frühso- und des Stoffes, der das Wissen des We- Vorlesung in Münster als eine außeror- zialismus war; schließlich Gerhard Kra- ges zu dieser Emanzipation beinhalten dentliche Leistung und als einen der iker, der einen gediegenen, philologisch 66 Spiegel der Forschung Brinkmann Studentenbewegung unverfälschten Marx präsentierte. Die Organisation gab es nicht mehr, werden (danke, Herr Schul!). Der z.B. So gestärkt und vorbereitet stieg der sondern nur noch Sprecher, deren theo- von dem Vorsitzenden der Postgewerk- SDS in die Gießener politische Arena retischer Rahmen ihr „selbst gestrickter“ schaft Gscheidle unter frenetischem und erlebte zwei organisatorische An- Marxismus war oder das, was sie dafür Beifall in der Kongresshalle versproche- stürme, an denen er letztlich aber zer- hielten, dem sie sich verpflichtet fühl- ne Generalstreik als Antwort auf dieses brach. Es war die Erschießung des Stu- ten. Gesetzeswerk blieb aus. Als wir vor der denten Benno Ohnesorg am 2. Juni Neue Organisationen, auch Studen- Firma Heiligenstedt am Werkstor wäh- 1967 in Berlin durch den Polizeibeam- tenparteien genannt, entwickelten sich rend der Mittagspause mit einigen Mit- ten Kurras, die dem SDS einen Zulauf auch hier in Gießen nach dem 30. Mai gliedern der Belegschaft diskutierten, brachte, der mit der herkömmlichen an 1968, als die Notstandsgesetze durch erschien Friedel Eidmann mit der Be- die Struktur eines Vereins angelehnte die Große Koalition aus CDU und SPD legschaft seines Betriebes, um gegen die Organisation kaum noch zu bewältigen in Bonn verabschiedet wurden. Die Notstandsgesetze zu protestieren. Ich war. Die Neuankömmlinge wollten Verabschiedung im Bundestag wurde lernte Friedel Eidmann später in mei- nicht den harten und vielleicht auch im Fernsehen übertragen und konnte ner kommunalpolitischen Arbeit als ei- langweiligen Weg über die Theorie ge- dank des Hausmeisters im Uni-Haupt- nen sehr noblen und hoch sozial enga- hen, sondern gleich Aktionen machen. gebäude, Herrn Schul, durch einen in gierten Lokalpolitiker kennen. Das traf noch mehr für den Ansturm dem Fenster seines Dienstraumes ein- Nach dem nicht erfolgten General- nach dem 11. April 1968 zu, dem Tag geklemmten Fernseher auf dem Uni- streik begann man über die Zugänge des Attentats auf Rudi Dutschke. Der Vorplatz von einer vielhundertköpfigen zum Proletariat nachzudenken. Kaum SDS ging dann als Organisation unter studentischen Menge, die dort den gan- einer, der nicht seine Klassenanalyse und existierte nur noch als Phantom. zen Tag geduldig ausharrte, verfolgt machte und dabei herausbekam, dass das Proletariat die objektiv revolutionä- re Klasse sei, deren objektive Verbünde- te das Kleinbürgertum und die Studen- Begriffe, die man heute kaum noch kennt… ten seien. Diese, aus dem unmittelbaren Arbeitsprozess freigesetzt, hätten sich um die richtige Theorie des Klassen- • Teach-in: Veranstaltung, in der über ein politisches Thema berichtet und debattiert kampfes zu bemühen und diesen in das wurde – z.B. die Situation in Vietnam oder den Einmarsch der russischen Streitkräfte Proletariat hineinzutragen. Dazu aber in die Tschechoslowakei – mit dem Ziel, konkrete öffentliche Aktionen zu planen. Die bedurfte es einer entsprechenden Orga- Teach-ins verkamen später in den Zeiten der Studentenparteien zum öden Schlagab- nisation. Und hier begann der Differen- tausch zwischen diesen. zierungsprozess, als teils chinesische • Demo(nstration): Massenhaftes Auftreten von Unwilligen, die sich versammelten und oder albanische, manche bevorzugten durch die Straßen zogen, um öffentlich gegen einen Missstand zu protestieren. Die auch nordkoreanische Vorbilder, teils Demos verkamen nach und nach zur Heerschau der Studentenparteien. Im Zusammen- russische und oder DDR-Vorlagen hang mit dem Protest gegen Studiengebühren scheinen sich wieder echte Demos zu (MSB Spartakus) und selbstverständ- entwickeln. lich auch stalinistische in Schwange ka- • Go-in: Eindringen in z.B. geheim oder unter Ausschluss der Öffentlichkeit tagende men. Die politisch organisatorischen Gremien, um so Öffentlichkeit herzustellen. Es zeigte sich, dass die Qualität der Diskus- Differenzen wurden peinlich genau be- sion und die gefassten Beschlüsse dieser Gremien keinen Schaden nahmen, nachdem achtet, was mindestens den Kommuni- sie später – durch Gesetz verpflichtet – öffentlich tagten. kationsabbruch auch zwischen ehemals • Sit-in: Sitzblockade, die beispielsweise den Verkehr lahm legte oder Gremienmit- Befreundeten, wenn sie sich in ver- glieder daran hinderte, Räume zu verlassen; endete meist dadurch, dass sich die Teil- schiedenen Organisationen wieder fan- nehmerinnen und Teilnehmer erhoben oder von der Polizei weggetragen wurden. War den, zur Folge hatte. Der Narzissmus als Heerschau nicht so geeignet und geriet später als Aktionsform vor Atomlagern und der kleinen Unterschiede wurde eifrigst amerikanischen Waffen- und Atomdepots in die Schlagzeilen und zu äußerster Publizi- gehegt. tät; prominente Sit-in-Teilnehmer: Heinrich Böll, Horst-Eberhard Richter, Klaus Traube. Alle diese Aktionsformen wurden zunächst vor allem in Berkeley, USA, entdeckt und mit Der Untergang der Erfolg angewendet; es waren Formen des gewaltfreien Widerstandes. Obrigkeiten, Po- antiautoritären Phase lizei und Gerichte sahen das häufig anders. Spontan wurden diese Formen später auch in den Bürgerbewegungen eingesetzt (Widerstand gegen das geplante Atomkraftwerk in Was dabei verloren ging und vielleicht Whyl oder den geplanten Abriss einer Arbeitersiedlung in Oberhausen). auch während der antiautoritären Phase schon eine schöne Illusion war, war die 24. Jg./Nr. 2 • November 2007 67 Brinkmann Studentenbewegung emotionale Gemeinsamkeit, das Gefühl „Für das politische Mandat des Heidel- sich nicht durchsetzen und Zukunft irgendwie an der Schwelle von etwas berger AStA und die Rücknahme des werden: Ulbricht und Stalin durften Neuem zu stehen, eine Generation zu Verbots der politischen Betätigung.“ nicht noch einmal über Rosa Luxem- sein, auf die es ankommen würde, die (Versuchen Sie das mal zu rhythmisie- burg siegen. bereitstand, es besser zu machen als ihre ren). Die Teach-ins (siehe Kasten) ver- Eltern. Dieses Gefühl war nicht präzise kamen zur rhetorischen Schlacht um Landung in der Realität begrifflich formuliert – wäre es dann den Sieg im Auditorium; die Flugblätter ein Gefühl gewesen? Es fand seinen ödeten in ihrer klirrenden orthodoxen Manche wurden dadurch erwachsen, Ausdruck abends im „Scarabee“, wenn Kälte an. Man sah es ihnen an, dass sie dass sie Eltern wurden und vor dem man beieinander stand, miteinander das Produkt asketischer Pflichtübungen Problem standen, wie sie die theore- tanzte und sich wechselseitig der eige- waren. Jede Lebendigkeit war ihnen tisch formulierten Ziele einer emanzi- nen und der politischen Existenz des ausgetrieben: das Spiel mit der Sprache, pativen Erziehung in der Wirklichkeit anderen versicherte. Auch die Aktionen der Witz, die Freude an der Pointe, die umsetzen sollten, wenn sie ihre Kinder und Demonstrationen hatten diesen Anstiftung zum Lachen – allenfalls nicht in einem traditionellen Kinder- Binnenzweck der wechselseitigen Versi- noch zum hähmischen. Das witzigste garten abgeben wollten. Viele hatten cherung und Beschwörung der Gemein- Flugblatt hatte nach meiner Erinnerung keine guten Erinnerungen an ihre eige- samkeit. Ich vermute, dass es dieses Ge- der Jura-Student Diethelm Klippel ver- ne Kindergartenzeit. Man versuchte au- fühl war, das heute noch „Alt-68er“ ver- fasst, in dem er in klassischem Luther- tonome Kindergärten – Kindkrippen träumt romantisch schauen lässt, wenn Deutsch die GSU aufs Korn nahm. oder Kinderläden – zu gründen, deren sie sich an diese Zeit erinnern. Auch der Akademische Micky-Maus- Aufrechterhaltung ein sehr hohes Maß Es waren allerdings nur wenige Mo- Club (Akamick) hatte mit manchem an Engagement der Eltern erforderte. nate; dann ging der Eisstrom der Orga- Flugblatt-Comic brilliert. Stattdessen Auch hier professionalisierte sich mit nisationen darüber. Demonstrationen jetzt grimmige Entschlossenheit – quasi der Zeit die Arbeit, weil es Erzieherin- dienten der Heerschau der eigenen Or- „Heidegger ontologisch-orthodox-mar- nen gab, die bereit und fähig waren, ge- ganisation; die Spontanität der Parolen xistisch“–, die einem das Grauen Hein- mäß den Vorstellungen der Eltern ihre wurde ersetzt durch sturzlangweilige rich Heines vor dem Kommunismus Arbeit zu machen. arhythmische Produkte der jeweiligen verständlich machen konnte. Für man- Darüber hinaus begannen diese El- Parteileitungen, wie beispielsweise: che aber galt, das konnte und durfte tern – aber nicht nur sie –, sich ihre Wohnumgebung darauf hin näher an- zuschauen, ob sie z.B. kindgerecht war. So begann man sich in die kommunale Prof. Dr. Heinrich Brinkmann Gestaltung der Stadt einzumischen, ge- Stephanstraße 29 meinsam politisches Druck- und Droh- 35390 Gießen potential zu entfalten, um die eigenen Telefon: 0641 791250 Wünsche durchzusetzen. Hier kamen die Fertigkeiten, die man in der Studen- tenbewegung bei der Abfassung von Flugblättern, der Herstellung von Öf- Heinrich Brinkmann, Jahrgang 1942, studierte von 1962 bis 1965 an der Universität fentlichkeit, der Organisierung von Münster, anschließend ein Semester in Frankfurt/Main und von 1965 bis 1968 an Kampagnen erlernt hatte, voll zur Gel- der Universität Gießen Germanistik, Soziologie, Philosophie und Politikwissen­ tung. Die in studentischen Redeschlach- schaft. 1974 wurde er an der Universität Bremen promoviert und habilitierte sich ten geschulten Mitglieder einer Bürgeri- im Jahr 1983 an der Universität Gießen im Fach Politikwissenschaft. Von 1971 bis nitiative wussten professionellen Politi- 1983 war er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Institut für Politik­ kern durchaus Paroli zu bieten. wissenschaft der Universität Gießen tätig. Lehrstuhlvertretungen in Mainz und Exemplarisch für diese Art der Politik Gießen sowie Lehraufträge in Darmstadt und Erfurt schlossen sich an. Im Jahr war die Arbeitsgruppe um Horst-Eber- 1985 bis 1989 und von 1993 bis 2001 war er Ehrenamtliches Magistratsmitglied in hard Richter, die sich am Gießener „Eu- Gießen, 1989 bis 1993: Mitglied der Stadtverordnetenversammlung und stellver­ lenkopf“, einem sozialen Brennpunkt, tretender Stadtverordnetenvorsteher. Von 1991 bis 1997 war er als Mitarbeiter bei nicht nur darum kümmerte, dass dort den Vorbereitungen des Gießener Stadtjubiläums in der Gießener Stadtverwaltung bessere Wohnverhältnisse entstanden, tätig. 1996 wurde er zum apl.­Professor ernannt. Seit 2006 ist Prof. Heinrich Brink­ sondern die diesen Prozess der Verän- mann wieder Ehrenamtliches Magistratsmitglied in Gießen. derung auch als Prozess der Herausbil- dung eines eigenständigen Bewusst- 68 Spiegel der Forschung Demonstration gegen den Vietnamkrieg 1969. seins und damit auch eines politischen nisatorische Dauerbrenner und damit Zuflucht ESG Bewusstseins der Bewohner verstanden. als nie versiegender Diskussionsstoff. Diese konnten ihre Wünsche anmelden Natürlich gab es auch die Politikkom- Diese Bewegungen, die 1967/68 eigent- und deren Durchsetzung organisieren. munen, in denen streng darauf geachtet lich nicht beabsichtigt waren, und die Mit Ernst Bloch könnte man dies als wurde, dass die Einheit von Privatleben man als eine stille ungewollte „Kultur- Pädagogik des aufrechten Gangs be- und politischer Arbeit gewährleistet revolution“ begreifen kann, haben sich zeichnen. war, so dass die politisch ideologische von ihrem politischen Ursprung gelöst; Einheit nicht durch fremde Elemente sie sind nicht mehr mit jenem theoreti- Wohngemeinschaften gestört wurde. Hier konnte es zu kras- schen Aufwand befrachtet, der einst ih- sem Mobbing kommen, wenn jemand re Gründung in Gang setzte. Vor allem Im studentischen Milieu entstanden die politische Zugehörigkeit wechseln die Bürgerinitiativen haben den Vollzug Wohngemeinschaften, zunächst noch wollte oder dies auch tatsächlich tat, der Politik in den Kommunen verän- „Kommunen“ genannt. Die ersten teil- was besonders beliebt war, wenn man dert. Unabhängig von der politischen weise vorbereitenden abenteuerlichen sich in jemanden verliebt hatte, der ei- Couleur ist es heute üblich und inzwi- Diskussionsprozesse drehten sich z.B. ner anderen, also „falschen“ Gruppie- schen auch durch entsprechende ge- um Themen wie Schmutztoleranz oder rung angehörte; alle Gruppierungen setzliche Regelungen im öffentlichen die Aufhebung von Intimität. Doch waren falsch außer der eigenen. Heute Recht bestätigt, dass die Bürgerinnen sehr schnell kehrte der Pragmatismus habe ich dagegen den Eindruck, dass und Bürger sich in ihre eigenen Angele- ein, denn die Frage der gemeinsamen die Gründung einer Wohngemeinschaft genheiten einmischen dürfen und sol- Haushaltskasse, die Regelung des Ab- nicht mehr Ausdruck eines politischen len. waschs, der Zugang zum Fernseher und Bewusstseins, sondern ein höchst prag- Die versprengten heimatlosen Anti- der Sendung, die man sehen wollte, die matischer Akt ist. Denn es gibt offen- autoritäten, die noch gute Beziehungen Regelung der Lautstärke des Platten- sichtlich viele gute praktische Gründe, zu denen hatten, die an der Universität spielers und seiner Verstärker oder die mit anderen zusammen zu wohnen, die Wissenschaftskritik in den Basis- Feten-Frequenz erwiesen sich als orga- statt allein zu leben. gruppen weitertrieben, sammelten sich 24. Jg./Nr. 2 • November 2007 69 70 Spiegel der Forschung Brinkmann Studentenbewegung in der ESG in Arbeitskreisen, in denen schwer, mit diesen Leuten außer einem gruppe einmal forderte, es sei ungeheu- versucht wurde, Gegenkonzepte zu den Small Talk mehr an Unterhaltungsleis- er wichtig, einen Schwangerschaftsur- stalinistischen Partei- und Kaderpoliti- tung zu erbringen. laub von einem Jahr vor der Geburt ei- ken zu entwickeln. In diesen Gruppen nes Kindes einzuführen. wurde wachsend die Ökologie entdeckt. Emanzipation der Frauen Der wichtigste Streitpunkt mit den Ver- tretern der Rigidorganisationen waren Das vielleicht wichtigste Verdienst der LITERATUR die Atomkraftwerke. Diese vertraten die Studentenbewegung war die Bewegung Auffassung, dass die Atomkraftwerke in zur gesellschaftlichen Gleichstellung • Heinrich Brinkmann: Gießener Stu- dem jeweiligen Sozialismus ihrer Cou- der Frau. Da ich die teilweise von Ko- dentenbewegung – die 68er Jahre in leur ungefährlich seien, während eine mik nicht freien Vorgänge in ihren An- Gießen. In: Uta George, Christine ungeheure Gefährdung von denen aus- fängen an anderer Stelle dargestellt ha- Haug, Rainer Kah (Hg), Die andere ginge, die im Kapitalismus oder in dem be (vgl. Brinkmann: Gießener Studen- Perspektive. Ein historischer Rückblick jeweils abgelehnten Sozialismus stän- tenbewegung, 1997), will ich mich hier auf Gießen im 20. Jahrhundert, Gießen den. Das erklärte, dass man sich an nur kurz zur Gründung des Weiberra- 1997 Protestaktionen z.B. in Grohnde betei- tes äußern. In ihm schlossen sich Frau- • Corina Sargk: Studentische Protest- ligen und zugleich die Atomkraftwerke en zusammen, um unter Ausschluss der formen. Vom Auszug der Studenten in der Sowjetunion oder China vertei- Männer ihre Probleme zu beraten. Die zum Sit-in, Go-in, Teach-in. In: Horst digen konnte. Offensichtlich schienen männliche Reaktion darauf war be- Carl, Eva-Marie Felschow, Jürgen Reu- die Naturgesetze je nach dem Gesell- zeichnend: Dieser Zusammenschluss lecke, Volker Roelcke, Corina Sargk schaftssystemen unterschiedlich zu wurde als den Klassenkampf nicht för- (Hg), Panorama 400 Jahre Universität funktionieren. derlich angesehen, weil sich die Proble- Gießen. Akteure – Schauplätze – Erin- Widerwärtig wurde diese Haltung me der Frauen von selbst lösten, wenn nerungskultur, hrsg. Im Auftrag des dann und verlor alle skurrile Komik, erst der Kapitalismus überwunden wä- Präsidenten der Justus-Liebig-Universi- wenn die Frage der Einhaltung der re. Der „Hauptwiderspruch“ sei der tät, Frankfurt 2007 Menschenrechte je nach der Politik des zwischen Kapital und Arbeit, hieß es; • U niversitätsarchiv Gießen: Sammlung bevorzugten Sozialismus diskutiert ein wenn auch interessanter und wich- Brinkmann und Flugblattsammlung wurde. Die maoistisch-stalinistischen tiger „Nebenwiderspruch“ sei die Frau- (Dauerleihgabe) Parteien hielten die Niederlage Allendes enfrage, die deswegen nicht zum Zen- für eine gerechte Strafe am chilenischen trum der politischen Arbeit gemacht Revisionismus. Ebenso wurde der hun- werden dürfe. Der Weiberrat hat dieser derttausendfache Mord in Bangladesch Argumentation nicht geglaubt und nach der Trennung von West- und Ost- blieb bei seiner Auffassung, dass für ihn pakistan als Sieg der korrekten Linie die Frauenfrage vor allen anderen Fra- der proletarischen Weltrevolution abge- gen Vorrang habe. Welche wunderschö- feiert, weil auf der Seite der Mörder nen Blüten die Entdeckung der Frauen- China engagiert war. frage in einer K-Gruppe hervorrief Der politische Zynismus schoss ins wurde deutlich, als der Chef – selbst- Kraut und macht es mir bis heute verständlich männlich – der Frauen- 24. Jg./Nr. 2 • November 2007 71