Gießener Universitätsblätter 48 | 2015 Norman Ächtler Alfred Andersch – Engagierte Autorschaft im Literatursystem der Bundesrepublik DFG-Symposion anlässlich des 100. Geburtstages von Alfred Andersch vom 17. bis 19. Juli 2014 im Senatssaal der Justus-Liebig-Universität Gießen Alfred Andersch (1914–1980) gehört zu den im Senatssaal der JLU Wissenschaftler aus unter­ bedeutendsten Autoren der deutschsprachigen schiedlichen Disziplinen zusammen, um das Literatur nach 1945. Als „Radiomacher“ und facettenreiche Gesamtwerk des Autors neu in Herausgeber der legendären Zeitschrift „Texte den Blick zu nehmen. Da es sich um die einzige und Zeichen“ avancierte er zum einflussreichen wissenschaftliche Veranstaltung zum Jubiläum Netzwerker des bundesrepublikanischen Kultur­ des Autors im In­ und Ausland handelte, war es betriebs. Er förderte junge deutsche Autoren gelungen, eine ganze Reihe prominenter Ver­ und wirkte als Vermittler der Literatur der treter der Andersch­Forschung und weitere in­ M oderne und des deutschsprachigen Exils wie ternational ausgewiesene Experten für die Lite­ auch der internationalen Avantgarde. Als Au­ ratur­, Kultur­ und Mediengeschichte der Nach­ tor war Andersch nicht nur einer der profilier­ kriegszeit für eine Teilnahme zu gewinnen. Eine testen Programmatiker der deutschen Nach­ großzügige Förderung durch die Deutsche For­ kriegsliteratur. Sein Konzept einer gesellschafts­ schungsgemeinschaft und die Erwin­Stein­Stif­ kritischen littérature engagée flankierte er dar­ tung und die freundliche Unterstützung von über hinaus mit einer komplexen Autorpoetik, Seiten der Gießener Hochschulgesellschaft und die explizit an die Tradition der klassischen des Zentrums für Medien und Interaktivität der e uropäischen und amerikanischen Moderne JLU ermöglichten es den Veranstaltern, auch anknüpft, mit forminnova­ tiven Experimenten jedoch in mehrerlei Hinsicht Ak­ zente für die Entwicklung der Nachkriegsliteratur setzte. Nicht ohne Grund gehören Romane und Er­ zählungen wie „Sansibar oder der letzte Grund“, „Efraim“ oder „Der Vater eines Mörders“ längst zum Literaturkanon des 20. Jahr­ hunderts. Anlässlich des 100. Geburts­ tages von Alfred Andersch veranstaltete Dr. Norman Ächtler in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Carsten Gan­ sel und dem Institut für Germanistik Ende des Som­ mersemesters 2014 ein in­ ternationales Symposion. Abb. 1: Alfred Andersch während einer Skandinavienreise, Norwegen 1961. Vom 17. bis 19. Juli kamen (Foto: Annette Korolnik­Andersch) 121 121-124_Aechtler.indd 121 01.06.2015 20:48:26 Uhr Kollegen aus Japan, Kanada, Österreich, Polen, Anderschs filmtheoretischen Texten im Kon­ der Schweiz sowie Tunesien in Gießen begrü­ text der Filmgeschichte des literarischen ßen zu können. Eröffnet wurde das Symposion Werks. von Prof. Dr. Adriaan Dorresteijn, dem Vizeprä­ 2) Damit ist bereits auf wichtige Aspekte von sident der JLU für Studium und Lehre. Anderschs Autorpoetik verwiesen, wie sie Das Symposion folgte dem Ziel, Anderschs Thema der Tagung waren. Andersch zielte Werk und Wirken wieder verstärkt in seinem u.a. auf ein multimediales Schreiben, indem entstehungs­ und rezeptionsgeschichtlichen er zahlreiche Texte als Funk­ wie Printfas­ Kontext zu verorten, die Texte in ihren viel­ sung konzipierte und damit hergebrachte schichtigen Wechselbeziehungen zu zeitgenös­ Genregrenzen gezielt verwischte. Bereits in sischer Literatur­ und Medienästhetik zu disku­ den frühen Erzählungen der 1940er Jahre tieren und Anderschs Engagement für eine findet sich diese Haltung als Gestus des Be­ demokratische Öffentlichkeit in der frühen zeichnens, wie Dr. Mohammed Tabassi Bundesrepublik zu würdigen. Hieraus ergaben (Gabès/Tunesien) ausführte. Dr. Christian sich mehrere thematische Schwerpunkte: Sieg (Münster) behandelte in diesem Zusam­ 1) A ndersch gehörte zu den richtunggebenden menhang den sowohl als Hörspiel als auch Medienschaffenden der frühen Bundesre­ als Erzählung verfassten Text „Piazza San publik, die einerseits versuchten, den An­ Gaetano“ und erörterte die Frage, inwieweit schluss an die durch den Nationalsozialismus sich in Anderschs Realismus Elemente einer in Deutschland unterbrochenen Entwicklun­ metaphysischen Weltanschauung erhalten gen der internationalen künstlerischen Mo­ haben. Komplementär hierzu diskutierte Dr. derne zu finden, und die zugleich das kultu­ Norman Ächtler (Gießen) Anderschs „nomi­ relle Feld selbst als ein gesellschaftliches Teil­ nalistisch­narrativistische“ Haltung in der system begriffen, das einen entscheidenden hitzigen Debatte um die Ablösung des Exis­ Beitrag zur Demokratisierung der Gesell­ tentialismus durch strukturalistische Strö­ schaft zu leisten vermochte. In beiderlei Hin­ mungen als neuer Leitphilosophie der 1960er sicht besetzte Andersch als Rundfunkredak­ Jahre. Prof. Dr. Joanna Jabłkowska (Łodz/ teur eine Schlüsselposition. Anhand der Aus­ Polen) bot eine Analyse von Anderschs Ita­ wertung von bislang kaum beachteten Text­ lienprosa im Vergleich mit der Reiseliteratur und Tondokumenten aus dem Archiv des anderer zeitgenössischer Autoren und prä­ Hessischen Rundfunks zeigte hr2­kultur­Res­ sentierte damit ein von der Forschung wenig sortleiter Hans Sarkowicz (Frankfurt/M.) auf, beachtetes Segment des Gesamtwerks. Dies welcher Genres und Stilmittel sich Andersch betrifft auch Anderschs Lyrik. Prof. Dr. Joach­ bediente, um aus einem aufklärerischen Im­ im Jacob (Gießen) verdeutlichte anhand von puls heraus politisch­gesellschaftliche The­ späten politischen Gedichten die Rückbesin­ men für ein breiteres Publikum aufzuberei­ nung des Autors auf eine Literatur des ge­ ten. Dr. Arndt Niebisch (Wien/Österreich) be­ sellschaftlichen Eingreifens und zeichnete leuchtete mit dem Kontakt zu Max Bense ein den Skandal nach, den Anderschs Gedicht exemplarisches Beispiel für Anderschs Ver­ „Artikel 3.3“ gegen die Einführung von dienste um die Förderung innovativer Auto­ Berufsverboten für linksradikal gesinnte ren, was zugleich produktiv auf Anderschs Staatsbedienstete Mitte der 1970er Jahre eigenes Werk rückwirkte. Dies gilt auch für auslöste. Anderschs affirmatives Verhältnis zu den 3) Der wohl bekannteste Bereich von Anderschs neuen Massenmedien Film und Fernsehen. Werk und Wirken ist damit benannt: seine Jutta Müller (Dresden) referierte über die – in Bedeutung als gesellschaftskritischer écri- diesem Fall misslungene – Zusammenarbeit vain engagé. Hier setzte die Tagung insofern mit dem Regisseur Helmut Käutner bei der neue Akzente, als sie die Perspektive gegen­ Verfilmung des Romans „Die Rote“. Prof. Dr. über dem biographistischen Fokus der jün­ Tobias Nagl (London/Kanada) widmete sich geren und jüngsten Andersch­Forschung 122 121-124_Aechtler.indd 122 01.06.2015 20:48:27 Uhr weitete und Anderschs Texte wieder ver­ Prof. Dr. Markus Joch (Tokyo/Japan) in ihren stärkt in ihrem diskurs­ und ideengeschicht­ Beiträgen nochmals auf die Relevanz der Auto­ lichen Zusammenhang diskutierte. Bereits b iographie für Interpretation und Bewertung die einführende Keynote­Lecture von Prof. von Anderschs engagierter Literatur hin. Dr. Volker Wehdeking (Stuttgart) zur Werk­ geschichte eröffnete für diesen Themen­ Flankiert wurden die Vorträge durch ein Rah­ komplex den Rahmen. PD Dr. Anne­Rose menprogramm, das die Tagung stärker auf der Meyer (Bonn) stellte am Beispiel von An­ Schnittstelle zwischen akademischen Geistes­ derschs und Ingeborg Bachmanns Engage­ wissenschaften und öffentlichem literarischen ment gegen den Algerienkrieg die Formen li­ Leben in Gießen verankern und die dis­ terarischen Engagements dar, derer sich die ziplinären Gegenstände auch einem außer­ Gruppe 47 in den 1950er Jahren bediente. Zwei Vorträge gewannen dem Schlüsseltext „Die Kir­ schen der Freiheit“ (1952) neue, komple­ mentäre Interpretations­ linien ab. Während Prof. Dr. Andreas Solbach (Mainz) den Text auf zahlreiche intertextuelle Verweisungsverhältnisse untersuchte, lotete PD Dr. Matthias Schöning (Konstanz) die Möglich­ keiten einer kontextori­ entierten, die Analyse­ instrumente und inhä­ renten Wertmaßstäbe der Literaturwissen­ schaft mitreflektieren­ den Lektüre aus. Mit Schwerpunkt auf die Er­ zählung „Der Vater eines Mörders“ setzte Prof. Dr. Carsten Gansel (Gie­ ßen) Anderschs auto­ biographisch grundierte Texte ins Verhältnis mit der zeitgenössischen Er­ innerungsliteratur. Hon.­ Prof. Dr. Sascha Feuchert (Gießen) verortete den Roman „Efraim“ im Dis­ kurs der frühen Holo­ caustliteratur. Demge­ genüber wiesen Prof. Dr. Abb. 2: Alfred Andersch mit seiner Frau, der Malerin Gisela Andersch, in ihrem Jörg Döring (Siegen) und Haus in Berzona (Tessin) um 1965. (Foto: Archiv Korolnik) 123 121-124_Aechtler.indd 123 01.06.2015 20:48:28 Uhr universitären Publikum näherbringen sollte. herausgearbeitet werden, der bislang nurmehr Dieses Rahmenprogramm umfasste eine ge­ polemisch geführten Kontroverse um An­ meinsam mit dem Literarischen Zentrum Gie­ derschs Autobiographie wurde auf wissen­ ßen realisierte öffentliche Lesung der Autorin schaftlicher Basis begegnet und die Leistungen und Schiller­Preisträgerin Kathrin Röggla zum und Aporien des Autorengagements in zeitge­ Thema „Engagierte Autorschaft heute“ sowie schichtlichem Kontext neu vermessen. Das eine öffentliche Podiumsdiskussion mit Gästen Symposion konnte also wichtige Impulse für aus Medien und Wissenschaft. Dr. Norman die weitere Forschung zu Alfred Andersch und Ächtler diskutierte u.a. mit Kathrin Röggla der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur set­ und dem Andersch­Biographen Stephan Rein­ zen. Insofern blicken die Veranstalter auf eine hardt das Thema „Der öffentliche Autor: Indi­ rundum gelungene Tagung zurück. viduum – Zeitgenosse – moralische Instanz“. Die regionale Presse berichtete. Kontakt: Ausweislich der einhelligen Meinung aller Be­ teiligten ist es dem Symposion gelungen, über Dr. Norman Ächtler profunde, innovative Akzente setzende Beiträ­ Justus­Liebig­Universität Gießen ge und in ausgesprochen anregenden Diskussi­ FB 05 Sprache, Literatur, Kultur onen Werk und Wirken von Alfred Andersch Institut für Germanistik aus der Perspektive aktueller interdisziplinär­ Otto­Behaghel­Straße 10B kulturwissenschaftlicher Ansätze und Frage­ D­35394 Gießen stellungen neu in den Blick zu nehmen. Bislang Telefon 0641 99­29084 wenig beachtete Facetten des Œuvres konnten Norman.Aechtler@germanistik.uni­giessen.de 124 121-124_Aechtler.indd 124 01.06.2015 20:48:28 Uhr