Therapie von säurebedingten Zahnhartsubstanzerkrankungen mit Sn/F- Verbindungen: vom in vitro-Test zur klinisch- randomisierten Studie Inauguraldissertation zur Erlangung des Grades eines Doktors der Medizin Zahnmedizin des Fachbereichs Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen Vorgelegt von Frau Neutard, Lina Sophia aus Lauterbach Gießen 2018 Poliklinik für Zahnerhaltungskunde und präventive Zahnheilkunde Kommissarische Leitung: Prof. Dr. Bernd Wöstmann Gutachterin: Frau Prof. Dr. Carolina Ganß Gutachter: Herr Prof. Dr. Wöstmann Tag der Disputation: 07.06.2018 mailto:bernd.woestmann@dentist.med.uni-giessen.de Erklärung zur Dissertation „Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbständig und ohne unzulässige Hilfe oder Benutzung anderer als der angegebenen Hilfsmittel angefertigt habe. Alle Textstellen, die wörtlich oder sinngemäß aus veröffentlichten oder nichtveröffentlichten Schriften entnommen sind, und alle Angaben, die auf mündlichen Auskünften beruhen, sind als solche kenntlich gemacht. Bei den von mir durchgeführten und in der Dissertation erwähnten Untersuchungen habe ich die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis, wie sie in der „Satzung der Justus-Liebig-Universität Gießen zur Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis“ niedergelegt sind, eingehalten sowie ethische, datenschutzrechtliche und tierschutzrechtliche Grundsätze befolgt. Ich versichere, dass Dritte von mir weder unmittelbar noch mittelbar geldwerte Leistungen für Arbeiten erhalten haben, die im Zusammenhang mit dem Inhalt der vorgelegten Dissertation stehen, oder habe diese nachstehend spezifiziert. Die vorgelegte Arbeit wurde weder im Inland noch im Ausland in gleicher oder ähnlicher Form einer anderen Prüfungsbehörde zum Zweck einer Promotion oder eines anderen Prüfungsverfahrens vorgelegt. Alles aus anderen Quellen und von anderen Personen übernommene Material, das in der Arbeit verwendet wurde oder auf das direkt Bezug genommen wird, wurde als solches kenntlich gemacht. Insbesondere wurden alle Personen genannt, die direkt und indirekt an der Entstehung der vorliegenden Arbeit beteiligt waren. Mit der Überprüfung meiner Arbeit durch eine Plagiatserkennungssoftware bzw. ein internetbasiertes Softwareprogramm erkläre ich mich einverstanden.“ __________________________ ________________________ Ort, Datum Unterschrift Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung ______________________________________________________________ 1 2. Probanden, Materialien und Methoden ______________________________________ 5 Studiendesign ____________________________________________________________ 5 Probenherstellung _________________________________________________________ 6 Angewendete Lösungen ____________________________________________________ 7 Versuchsdurchführung _____________________________________________________ 8 Versuchsgruppen ________________________________________________________________ 12 Dosierung und Anwendung der Studienprodukte _______________________________________ 12 Messmethode ___________________________________________________________ 15 Fallzahlschätzung _________________________________________________________ 17 Randomisierung __________________________________________________________ 19 Datenverarbeitung und Statistik _____________________________________________ 19 Unerwünschte Vorkommnisse im In situ-Versuch _______________________________ 19 3. Ergebnisse _____________________________________________________________ 20 Ergebnisse des in vitro Versuchs _____________________________________________ 20 Ergebnisse der in situ Studie ________________________________________________ 21 Durchführung ___________________________________________________________________ 21 Ergebnisse Schmelz _______________________________________________________________ 23 Ergebnisse Dentin ________________________________________________________________ 24 4. Diskussion _____________________________________________________________ 26 Versuchsdurchführung ____________________________________________________ 29 Messmethode ___________________________________________________________ 31 Ergebnisse ______________________________________________________________ 32 Effekte der NaF-Lösung im Schmelz __________________________________________________ 33 Applikationsformen ______________________________________________________________ 34 Effekte der Testlösung im Schmelz___________________________________________________ 36 Wirkmechanismus von Zinn ________________________________________________________ 37 Effekte der NaF-Lösung im Dentin ___________________________________________________ 40 Effekte der Testlösung im Dentin ____________________________________________________ 41 Histologische Struktur von in vivo Erosionen __________________________________________ 42 5. Zusammenfassung ______________________________________________________ 45 6. Summary ______________________________________________________________ 47 7. Abbildungsverzeichnis ___________________________________________________ 48 Tabellen ________________________________________________________________ 48 Abbildungen _____________________________________________________________ 48 8. Anhang _______________________________________________________________ 57 Ethikvotum ______________________________________________________________ 57 Genehmigung der Verwendung bereits veröffentlichter Inhalte ___________________ 57 Materialliste _____________________________________________________________ 57 Unerwünschte Vorkommnisse ______________________________________________ 59 9. Publikationen __________________________________________________________ 61 10. Danksagung ___________________________________________________________ 62 1. Einleitung 1 1. Einleitung Erosionen der Zahnhartsubstanzen sind kein neues Phänomen. Sie wurden lange Zeit jedoch nicht als Problem wahrgenommen, sondern entweder als Effekte von Fehlfunktionen fehldiagnostiziert oder allgemein den alterungsbedingten Verschleißerscheinungen zugeordnet. Tatsächlich ist die Grenze zwischen physiologischem, altersbedingtem und pathologischem Zahnhartsubstanzverlust oftmals schwierig zu bestimmen, speziell bei Kindern, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen sind erosive Defekte angesichts der noch zu erwartenden Lebensspanne jedoch eindeutig als Zahnerkrankung einzustufen. Da solche Defekte nicht regenerierbar sind, sollte in besonderem Maße auf initiale Stadien geachtet werden, damit wirksame präventive Maßnahmen rechtzeitig implementiert werden können. In allen Altersgruppen können rasch progrediente erosive Läsionen ein Hinweis auf eine ernsthafte psychische oder physische Erkrankung sein, die es zu behandeln gilt. Erosionen entstehen durch den Einfluss von Säuren und/oder Chelatoren auf die Zahnhartgewebe (Featherstone & Lussi 2006). Der dadurch bedingte oberflächliche Substanzverlust schreitet mit wiederholter und zunehmender Säureeinwirkung zentripetal fort. Im Gegensatz zu Karies handelt es sich hierbei um einen Defekt, der auf plaquefreien Oberflächen entsteht. Mikroorganismen sind nicht beteiligt. Neben chemischen Einwirkungen tragen auch physikalische Effekte wie Attrition, Abrasion, Abfraktion und Demastikation zum Verlust von Zahnhartsubstanz bei. Die extrinsische Ursache für Erosionen ist vorrangig der Konsum von säurehaltigen Lebensmitteln. Durch eine Kombination verschiedener chemischer Faktoren verursachen diese eine Demineralisation der natürlichen Zahnoberfläche. Dabei spielen der pH-Wert und die Pufferkapazität des konsumierten Produkts eine wichtige Rolle. Auch der Säuretyp, die Haftfähigkeit des Produkts auf der Zahnoberfläche, die Sättigung in Bezug auf Zahnmineral nehmen entscheidenden Einfluss auf die Demineralisation (Lussi & Jaeggi 2006). Neben der Aufnahme von säurehaltigen Lebensmitteln oder Medikamenten kann auch die berufliche Säureexposition als Ursache für Erosionen in Frage kommen. Intrinsische Ursachen von Erosionen sind mit dem Übertritt von Mageninhalt in die Mundhöhle verbunden. Als Ursache sind vor allem Reflux-Erkrankungen und Essstörungen (Anorexie, Bulimie) zu nennen. Klinisch kommt es zu Beginn der erosiven Läsion zu einem Verlust des Oberflächenglanzes der Zahnhartsubstanzen, die Zähne wirken matt. Insbesondere auf den Glattflächen eines Zahnes ist dieses Phänomen zu beobachten. Durch den 1. Einleitung 2 Kontakt mit Säuren kommt es zu einem Verlust der Oberflächenhärte des Schmelzes, in der Literatur wird die Dicke dieser erweichten Schicht mit 0,2 bis 3 µm angegeben. Starke mechanische Manipulationen, zum Beispiel intensives Zähneputzen in Kombination mit einer falschen Putztechnik, stehen daher im Verdacht die Symptome zu verstärken (Ganss 2006). Es gibt eine Reihe von Studien, die das Ziel haben, die Prävalenz von Erosionen zu untersuchen. Diese sind jedoch aufgrund methodischer Unterschiede schwer zu vergleichen, vor allem in Bezug auf die verwendeten Indizes. Man kann jedoch feststellen, dass Erosionen in den Industrienationen ein weit verbreitetes Problem darstellen. Milch- und bleibende Zähne in nahezu jeder Altersgruppe sind betroffen (Jaeggi & Lussi 2014). Es wird vermutet, dass in Zukunft die Prävalenz von Erosionen vor allem in jüngeren Altersgruppen ansteigen wird (Jaeggi & Lussi 2006). Als Ursache hierfür können allgemein sich ändernde Ernährungsgewohnheiten und der zunehmende Konsum von erosiven Getränken angenommen werden. Erosive Mineralverluste sind nicht reversibel, kommen aber durch Beseitigung der ursächlichen Noxe zum Stillstand. Die Versorgung mit direkten oder indirekten Restaurationen ist bei progredienten Erosionen sorgfältig abzuwägen, da es zu einem Fortschreiten der Defekte im Bereich der unversorgten Zahnoberflächen kommt (Jaeggi, Gruninger et al. 2006). Der wichtigste Therapieansatz ist daher die Hauptursache zu diagnostizieren und möglichst vollständig zu beseitigen. So sollte zunächst eine umfangreiche Ernährungsanalyse durchgeführt werden. Können hierbei potentielle Ursachen für die Erosionsentstehung festgestellt werden, sollten Möglichkeiten zur Reduktion des Säurekonsums besprochen werden. Eine Alternative besteht darin, die Erosivität der konsumierten Lebensmittel zu reduzieren. Es wurden Versuche unternommen, durch Modifikation von Getränken deren Erosivität zu reduzieren. Die Untersuchungen lieferten zum Teil ermutigende Ergebnisse (Hara AT & Zero DT 2008; West NX, Hughes JA et al. 2003). Durch die Zugabe von Kalzium konnte die Erosivität der untersuchten Getränke deutlich reduziert werden. Bei Erosionen, verursacht durch vermehrten Konsum säurehaltiger Getränke können solche modifizierten Produkte eine Alternative darstellen. Das zeitgleiche Konsumieren von erosiven Lebensmitteln und Produkten mit antierosivem Effekt, wie zum Beispiel Obst in Kombination mit Joghurt, kann ebenfalls empfohlen werden (Lussi & Jaeggi 2006). Wenn anhand der Anamnese und des Ernährungsprotokolls kein Hinweis auf die Erosionsursache festgestellt werden kann, sollte eine internistische Untersuchung veranlasst werden. Im Falle einer Erkrankung, die mit Säurereflux oder chronischem 1. Einleitung 3 Erbrechen einhergeht, ist eine entsprechende Therapie indiziert (West, Addy et al. 1998). Oft ist es jedoch nicht möglich, die zugrundeliegende Ursache der Erosionen zu identifizieren oder ausreichend zu minimieren. Dies kann zum Beispiel bei Krankheiten aus dem psychogenen Formenkreis (Bulimie, Anorexia nervosa) oder bei bestimmten Ernährungsformen wie zum Beispiel Rohkostdiät der Fall sein, die ebenfalls ein erhöhtes Erosionsrisiko mit sich bringt (Ganss, Schlechtriemen et al. 1999). In solchen Fällen ist eine symptomatische Therapie notwendig. Ziel der Therapie ist es, das Fortschreiten des Substanzverlustes trotz weiterhin bestehender Erosionsursache zu stoppen oder zu verlangsamen. Ein wichtiger Ansatz ist, die Widerstandsfähigkeit der Zahnoberfläche erosiven Einflüssen gegenüber zu erhöhen. Verschiedenen Agentien werden stabilisierende Effekte auf die Zahnhartgewebe zugesprochen. Diese basieren auf der Auf- oder Einlagerung von mehr oder weniger stark säurelöslichen Präzipitaten (Ganss, Schlueter et al. 2008). In der Regel wird dazu die regelmäßige und häufige Anwendung von fluoridhaltigen Zubereitungen empfohlen, etwa in Form von Mundspüllösungen, Zahnpasten oder Gelen (Wiegand & Attin 2003). Sowohl in Laborversuchen als auch in Probandenstudien wurde die Wirksamkeit verschiedener Fluoridierungsmaßnahmen bei Erosionen in Schmelz und Dentin untersucht (Ganss, Klimek et al. 2001; Ganss, Klimek et al. 2004a). In diesen Versuchen konnte festgestellt werden, dass durch die Anwendung von fluoridhaltigen Zahnpasten für 3x5 Minuten täglich in Kombination mit der Anwendung eines hochkonzentrierten fluoridhaltigen Gels (NaF/Aminfluorid (AmF), 1,25% F-) eine deutliche Reduktion des erosiven Substanzverlustes erzielt werden konnte. Auch die kombinierte Anwendung einer fluoridhaltigen Zahnpaste und einer Mundspüllösung (SnF2 /AmF; 0,025% F-) reduzierte den Substanzverlust. Es zeigte sich, dass unter in situ Bedingungen eine deutlich bessere Wirksamkeit der Fluoridierungsmaßnahmen erreicht werden konnte als im Laborversuch. Das Spülen mit natriumfluoridhaltigen Mundspüllösungen hat jedoch bei einmaliger täglicher Anwendung keinen klinisch relevanten protektiven Effekt. Erst durch die regelmäßige, mehrmals täglich wiederholte Anwendung verschiedener Darreichungsformen fluoridhaltiger Produkte kann eine relevante Schutzwirkung erreicht werden. Dies ist im Alltag mit einem erheblichen zeitlichen, organisatorischen und finanziellen Aufwand verbunden, was bei den unter Umständen notwendigen Langzeitbehandlungen Complinanceprobleme mit sich bringen kann. Der therapeutische Nutzen isolierter Fluoridierungsmaßnahmen in Bezug auf Erosionen wird daher eher angezweifelt. Auf der Suche nach wirkungsvolleren, einfach anzuwendenden Alternativen hat sich gezeigt, dass die Art der Fluoridverbindung einen Einfluss auf den protektiven Effekt 1. Einleitung 4 hat. Es wurde festgestellt, dass insbesondere die Anwendung von polyvalenten Metallkationen vielversprechende Ergebnisse liefert. In einer Laborstudie wurden Zink-, Zinn-, Kupfer- und Titanverbindungen auf ihre antierosiven Eigenschaften hin untersucht. Unter milden erosiven Bedingungen konnten sowohl zinn- als auch titanhaltige Lösungen überzeugen. Bei steigender Erosivität des angewendeten Versuchsmodells waren zinnhaltige Lösungen den titanhaltigen Lösungen überlegen (Schlueter, Duran et al. 2009). In einer weiteren Studie wurde die Wirksamkeit verschiedener experimenteller Lösungen verglichen. Diese enthielten entweder Fluoride (AmF/ NaF) oder Zinnverbindungen (SnCl2/ SnF2) beziehungsweise Kombinationen aus diesen Einzelkomponenten. Es konnte gezeigt werden, dass die Anwendung einer Kombination von Zinn und Fluorid deutlich bessere Ergebnisse lieferte als die Anwendung der Einzelkomponenten (Ganss, Schlueter et al. 2008). Es folgte eine Reihe von Dosisfindungsstudien im Labor (Schlueter, Klimek et al. 2009a) und in Probandenstudien (Schlueter, Klimek et al. 2009b; Schlueter, Klimek et al. 2011). Ziel dieser Studien war die Ermittlung wirkungsvoller Wirkstoffkonzentrationen von Zinn und Fluorid bei möglichst großer Akzeptanz der Lösung bei den Probanden. Es stellte sich heraus, dass Lösungen mit zu hoher Zinnkonzentration eine adstringierende Wirkung haben können und bei den Probanden ein unangenehm stumpfes Gefühl auf den Zähnen verursachten. In Folge wurde die Zinnkonzentration der Testlösungen deutlich reduziert. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war es, das antierosive Potenzial einer in Bezug auf Zinn- und Fluoridgehalt optimierten Mundspüllösung sowohl an Schmelz- als auch an Dentinproben zu untersuchen. Die Versuche wurden zunächst in einem realitätsnahen zyklischen De- und Remineralisationsmodell im Labor durchgeführt. Im Anschluss daran wurde die Übertragbarkeit der Ergebnisse auf ein in situ Modell überprüft. Dazu wurde eine randomiserte klinische Studie durchgeführt. Dabei sollte untersucht werden, ob die experimentelle Sn/F-Mundspüllösung den erosiv bedingten Zahnhartsubstanzverlust von Schmelz und Dentin gegenüber einer Placebolösung verringern kann und ob die experimentelle Lösung darüber hinaus den erosiv bedingten Zahnhartsubstanzverlust von Schmelz und Dentin im Vergleich zu einer in Bezug auf Fluorid gleich konzentrierten NaF-Lösung (Positiv-Kontrolle) wirksamer inhibieren kann. 2. Probanden, Materialien und Methoden 5 2. Probanden, Materialien und Methoden STUDIENDESIGN Diese Arbeit umfasst zwei aufeinander aufbauende Versuche. Im ersten Versuch sollte zunächst eine Mundspüllösung zur Inhibition säurebedingter Zahnhartsubstanzen in Schmelz und Dentin unter Laborbedingungen (in vitro) untersucht werden. In der anschließenden Probandenstudie (in situ) sollten dann die Ergebnisse unter physiologischen Bedingungen reproduziert werden. Die durchgeführten Studien sind das Resultat einer Forschungskooperation der Poliklinik für Zahnerhaltungskunde des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde in Gießen und GABA International AG (Therwil, Schweiz). Die in situ-Studie wurde durch die Ethik-Kommission des Fachbereiches Medizin der Justus-Liebig-Universität Giessen geprüft und genehmigt (No.: 05/09). Beide Versuche wurden randomisiert und verblindet durchgeführt. Für den in vitro Versuch wurden je 60, für die darauf folgende in situ Studie je 216 Schmelz- und Dentinproben präpariert. Die Versuchsgruppen waren in beiden Versuchen die Gleichen: Gruppe 1: Negativkontrollgruppe, nur Erosion bzw. Placebo Gruppe 2: Positivkontrollgruppe, Erosion + Lösung mit 500 ppm NaF, pH 4.5 Gruppe 3: Testgruppe, Erosion + Lösung mit 125 ppm F- aus AmF, 375 ppm F- aus NaF, 800 ppm Sn2+ aus SnCl2, pH 4.5 An der in situ Studie nahmen insgesamt 24 Probanden (6 männliche und 18 weibliche) teil. Der Altersdurchschnitt lag bei 32 ± 6,9 Jahren. Jeder Proband erhielt eine Teilnehmernummer fortlaufend von 101 bis 124. Der Versuch wurde verblindet (Studienteilnehmer, Untersucher) im cross over Design in 3 Durchgängen durchgeführt. Die Durchgänge unterschieden sich nur durch die angewendeten Lösungen. Jeder Proband wendete jede der Lösungen (Placebo, Positivkontrolle, Testlösung) für die Dauer eines Durchganges an. 2. Probanden, Materialien und Methoden 6 Die Probanden wurden nach folgenden Kriterien ausgewählt: Einschlusskriterien - Volljährigkeit - Keine schweren Allgemeinerkrankungen und keine Erkrankungen, die mit einer Verminderung des Speichelflusses einhergehen können - Bereitschaft und Vermögen zum „informed consent“ - kein herausnehmbarer Zahnersatz, keine kieferorthopädischen Geräte - gesundes oder saniertes Gebiss - keine deutlich sichtbare Plaque - klinisch physiologischer Speichelfluss Ausschlusskriterien - Bekannte Allergien gegen Mundhygieneprodukte oder die - verwendeten zahnärztlichen Materialien - Medikamente, die die Speichelsekretion beeinflussen können - Schwangerschaft oder Stillzeit Notwendige allgemeinmedizinische Behandlungsmaßnahmen waren erlaubt, solange sie nicht Bestandteil der Ausschlusskriterien waren. Jede Medikation wurde im Case Report Form (CRF) dokumentiert, ebenso wie jede während der Studie notwendig gewordene Medikamenteneinnahme. PROBENHERSTELLUNG Im Folgenden werden die in beiden Versuchen gleich laufenden Arbeitsschritte dargestellt, auf die Unterschiede der beiden Versuchsaufbauten wird im Anschluss gesondert eingegangen. Für die Durchführung der Versuchsreihen wurden Schmelz- und Dentinproben aus menschlichen, vollständig retinierten dritten Molaren gewonnen. Die dafür benötigten Zähne wurden bis zur Weiterverarbeitung in einer gesättigten, wässrigen Thymollösung (Thymol, Fluka Chemie AG, Buchs, Schweiz) aufbewahrt. Zunächst wurden eventuell anhaftende Weich- und Hartgewebsreste mechanisch entfernt. Anschließend wurden die Wurzeln abgetrennt und verworfen (Exact Trennschleifsystem, Exact Apparatebau, Norderstedt, Deutschland). Durch 2. Probanden, Materialien und Methoden 7 longitudinale Schnitte wurden von den verbliebenen Zahnkronen Schmelz- und Dentinproben von etwa 1 mm Dicke präpariert (Exact Trennschleifsystem, Exact Apparatebau, Norderstedt, Deutschland). Die Zahnkronen wurden dazu auf Kunststoffträgerplatten aufgeklebt (Technovit 7230 VLC, Kulzer-Exact, Wehrheim, Deutschland). Dann wurde zunächst eine ca. 1 mm dicke Schmelzscheibe parallel zur Zahnachse abgetrennt und zur weiteren Vorbereitung für die Schmelzprobenherstellung aufbewahrt. Von dem nun freiliegenden Dentin der aufgeklebten Zahnkrone wurden durch weitere parallele Schnitte die Dentinproben gewonnen. Für die weitere Verarbeitung wurden die Schmelz- und Dentinproben jeweils einzeln mit der späteren Probenoberseite nach oben auf einen Probenträger aufgeklebt (Technovit 7230 VLC, Kulzer-Exact, Wehrheim, Deutschland) und in einer feuchten Kammer aufbewahrt. Die äußere, natürliche Oberfläche der Schmelzproben wurde dann zunächst mit Schleifpapier der Körnung P 1200 (Leco, St. Joseph, USA, nominale Korngröße 12 µm) plan geschliffen (Exact Mikroschleifsystem, Exact Apparatebau, Norderstedt, Deutschland). Dabei wurde ein Versuchsfeld mit einer Größe von mindestens 3x3 mm angestrebt. Der Abtrag betrug dabei etwa 250 µm. Dieses Versuchsfeld wurde anschließend mit Schleifpapier der Körnung P 4000 (Leco, St. Joseph, USA, nominale Korngröße 5 µm) feingeschliffen. Die Oberfläche der Dentinproben wurde in der gleichen Weise erstellt. Zur primären Herstellung des Versuchsfeldes war jedoch aufgrund der parallelen Schnittführung bei der Gewinnung der Dentinproben ein geringerer Substanzabtrag notwendig. Alle Trenn- und Schleifprozeduren wurden bei ausreichender Wasserkühlung von etwa 50 ml/min. durchgeführt. Die fertigen Proben wurden von den Probenträgern abgelöst ohne die Versuchsfläche zu beschädigen. Bis zur weiteren Verwendung erfolgte die Aufbewahrung im Kühlschrank in wöchentlich frisch angesetzter, gesättigter Thymollösung. ANGEWENDETE LÖSUNGEN Die erosive Demineralisation wurde in allen Gruppen der Versuchsreihen mit 0,05 molarer Zitronensäure durchgeführt (pH 2,35). Dazu wurden 10,51 g Zitronensäure Monohydrat (Merck, Darmstadt, Deutschland) in 1000 ml Aqua dest. gelöst. Die Abgabe an die Probanden der in situ Studie erfolgte in 1,5 l PET-Wasserflaschen, die mit Inhaltsbezeichnung und Probandennummer versehen waren. Die Positivkontrolllösung (in situ und in vitro) enthielt 500 ppm NaF (pH 4,5) 2. Probanden, Materialien und Methoden 8 Die Testlösung (in situ und in vitro) enthielt 125 ppm F aus AmF, 375 ppm F aus NaF und 800 ppm Sn aus SnCl2 (pH 4,5) Die Placebolösung für die in situ Studie enthielt keine Wirkstoffe und hatte einen neutralen pH-Wert. Positivkontrolllösung, Placebolösung und Testlösung wurden von GABA international AG (Grabetsmattweg, Therwil, Schweiz) zur Verfügung gestellt und verblindet. Alle nicht anders gekennzeichneten Chemikalien wurden von der Firma Merck, Darmstadt, Deutschland bezogen. Die Remineralisationslösung (pH 6.7) für den in vitro Versuch wurde angesetzt, indem 0,4 g H3PO4 in 40 ml Aqua dest, 1,5 g KCl in 100 ml Aqua dest. und 1 g NaHCO3 in 100 ml Aqua dest. gelöst wurden. Diese Lösungen wurden zusammengegeben und auf 600 ml mit Aqua dest. aufgefüllt. Dann wurden 0,2 g CaCl2 in 100 ml Aqua dest. gelöst und unter Rühren hinzugefügt. Der Ansatz wurde mit Aqua dest. auf 1000 ml aufgefüllt. Weitere Produkte: Zahnpaste zur täglichen Mundhygiene der Probanden: standardisierte Zahnpaste (Elmex Kariesschutz Zahnpasta, 1250 ppm F aus AmF, GABA international AG Grabetsmattweg, Therwil, Schweiz) Lösung zur Vermeidung von Plaqueanlagerung an den Proben der in situ Studie: Chlorhexamed® Fluid 0,1%, (Wirkstoff Chlorhexidinbis-D-Gluconat, Glaxo Smithkline consumer Healthcare GmbH & Co. KG, Bühl, Deutschland) VERSUCHSDURCHFÜHRUNG Der in vitro Versuch wurde über einen Zeitraum von zehn Tagen (2 x 5 Wochentage) durchgeführt. Die Proben wurden mit einem lichthärtenden Kunststoff (Technovit 7230 VLC, Kulzer-Exact, Wehrheim, Deutschland) auf Objektträger aufgeklebt. Die Versuchsfläche wurde zur Hälfte mit dem Kunststoff abgedeckt und das freibleibende Areal sorgfältig auf Verunreinigungen kontrolliert. Die Objektträger wurden in Halterungen eingebracht (Färbegestelle, Schott, Mainz, Deutschland), die das gleichzeitige Umsetzen aller Proben in die verschiedenen Lösungen gewährleisteten. Die Halterungen und Gefässe (Färbekästen, Schott, Mainz, Deutschland) wurden während der gesamten Versuchsdurchführung, also bei Anwendung der Testprodukte, der Demineralisation und der Zwischenlagerung in Remineralisationslösung nur für die 2. Probanden, Materialien und Methoden 9 jeweilige Gruppe verwendet. Nach Ablauf der ersten fünf Versuchstage wurden die Proben am Wochenende bei 100% Luftfeuchtigkeit im Kühlschrank aufbewahrt. Die Proben wurden in die drei Gruppen mit je 20 Dentin- und 20 Schmelzproben eingeteilt. Alle Gruppen wurden täglich für 6 x 5 Minuten in 250 ml 0,05 molarer Zitronensäure auf einer Schüttelplatte geschwenkt und anschliessend für eine Minute unter fließendem Wasser abgespült. Die erosive Demineralisation erfolgte sechsmal im Abstand von einer Stunde. Die Proben der Positivkontrollgruppe und der Testgruppe wurden anschliessend an die erste und letzte Erosion des Tages nach dem Abspülen für zwei Minuten in der jeweiligen Testlösung (je 250 ml im Färbekasten) geschwenkt, für eine Minute unter fließendem Wasser abgespült und anschließend in die Remineralisationslösung zurückgesetzt. Die Proben der Placebogruppe (Gruppe 1) wurden nach Demineralisation und Abspülen direkt in die Remineralisationslösung zurückgegeben. Alle Versuche wurden bei Raumtemperatur durchgeführt. Alle verwendeten Lösungen wurden jeden Tag vor Versuchsbeginn frisch in die dafür vorgesehenen Gefässe eingefüllt. Die pH-Werte aller Lösungen wurden täglich jeweils einmal vor und nach Versuchsdurchführung mit einer ionenselektiven Elektrode überprüft. Alle Zeiten wurden mit einer digitalen Stoppuhr genau abgemessen. Am Ende des Versuchs wurde die Abdeckung des Referenzareals vorsichtig entfernt, ohne die Probenoberfläche zu berühren. Bis zur zeitnahen Weiterverarbeitung und Auswertung erfolgte die Lagerung in einer feuchten Kammer (100% Luftfeuchtigkeit). Im der in situ Studie wurden die 24 Probanden zunächst über Ziel und Durchführung der Versuche informiert und es wurden schriftliche Informationen für die Probanden sowie die Einverständniserklärung ausgehändigt. Nach dem grundsätzlichen Einverständnis wurde beim nächsten Termin der schriftliche „informed consent“ eingeholt. Die Einschlusskriterien wurden mit einem standardisierten Anamnesebogen und einer klinischen Untersuchung überprüft. Es folgte die Abformung von Ober- und Unterkiefer mit Alginat (Palgat™ Plus, 3M Espe AG, Seefeld, Deutschland) und die Herstellung von Gipsmodellen. Auf den Modellen wurde eine im Unterkiefer verankerte Probenhalterung mit bukkalen Flügeln und gefrästen Vertiefungen zur Aufnahme der Proben angefertigt (Abbildung 1). Die Herstellung der Modelle und der Probenhalterungen erfolgte in einem zahntechnischen Labor. 2. Probanden, Materialien und Methoden 10 Abbildung 1: Probenträger extraoral ohne Proben, gefräste Aussparung zur Probenaufnahme Die Probanden trugen während drei jeweils 7 Tage dauernder Versuchsdurchgänge sowohl drei Schmelz- als auch drei Dentinproben in der individuell angefertigten, intraoralen Probenhalterung. Die Probanden demineralisierten die Proben extraoral sechsmal täglich und die Anwendung des jeweiligen Testprodukts erfolgte intraoral einmal täglich nach der ersten Demineralisation. Vor Beginn jedes 7-tägigen Zyklus wurden je drei Schmelz- und Dentinproben alternierend mit einem lichthärtenden Kunststoff (Technovit 7230 VLC, Kulzer-Exact, Wehrheim, Deutschland) in die entsprechende Probenhalterung eingesetzt (Abbildung 2 bis Abbildung 4). ↓ Abbildung 2: Positionsschema der Schmelzproben (a, c, e) und der Dentinproben (b, d, f) im Probenträger; Ansicht von frontal 2. Probanden, Materialien und Methoden 11 Abbildung 3: Probenträger extraoral mit eingesetzten Proben. Ansicht von links, Positionen a (Schmelz), b (Dentin) und c (Schmelz) Abbildung 4: Probenträger intraoral mit alternierend eingesetzten Schmelzproben (a, c, e) und Dentinproben (d, e, f) Vor und zwischen den drei Versuchsphasen lag eine jeweils fünf Tage andauernde „wash-out-Phase“, in der die Probanden nur die gewohnten Mundhygienemaßnahmen durchführten. Während der 7-tägigen Versuchsdurchgänge und der wash-out-Phasen wurden Speisen und Getränke mit hohem Fluoridgehalt (fluoridhaltige Mineralwässer, schwarzer und grüner Tee, Seefisch, fluoridiertes Speisesalz) bestmöglich vermieden. Mundhygienemaßnahmen wurden wie individuell gewohnt, jedoch mit der standardisierten Zahnpaste (Elmex Kariesschutz Zahnpaste, 1250 ppm F- aus AmF) durchgeführt. Die Probanden verwendeten während des Experiments keine weiteren fluoridhaltigen Mundhygieneprodukte (andere Mundspüllösungen, Gele o.ä.). Während der Mundhygienemaßnahmen wurden die Proben extraoral in der feuchten Kammer aufbewahrt. a c b b a f e d c 2. Probanden, Materialien und Methoden 12 Versuchsgruppen - Placebogruppe: Placebolösung (kein Fluorid und kein Zinn), neutraler pH-Wert - Positivkontrolllösung: 500 ppm F- aus NaF, pH-Wert 4,5 - Testlösung: 125 ppm F- aus AmF, 375 ppm F- aus NaF, 800 ppm, Sn2+ aus SnCl2, pH-Wert 4,5 Dosierung und Anwendung der Studienprodukte Die Studienprodukte wurden einmal täglich für 30 Sekunden intraoral angewendet. Diese Anwendungsdauer entspricht den allgemeinen Anwendungsempfehlungen für Mundspüllösungen. Die Probanden wendeten die verschiedenen Lösungen nacheinander in unterschiedlicher Reihenfolge an. Für jeden Probanden wurde ein codiertes Set von Testprodukten bereitgestellt. Die darin enthaltenen Lösungen wurden in einer vorgegebenen Reihenfolge ausgeteilt und angewendet. Diese wurde vor Versuchsbeginn festgelegt (Randomisierung) Außerdem erhielten die Probanden: - eine ausführliche schriftliche und praktische Anleitung - einen Versuchsplan mit Kontrollliste - Zitronensäure (0,05 molar) für 7 Versuchstage - eine Flasche (200 ml) Chlorhexamed®Fluid, 0,1%, Wirkstoff Chlorhexidinbis (D- Gluconat) (GlaxoSmithKline Consumer Healthcare GmbH & Co. KG, 77815 Bühl, Deutschland) - eine Stoppuhr - drei dicht schließende Behältnisse (1x feuchte Kammer, 1x Zitronensäure, 1x Chlorhexamed) - eine Zahnbürste, weich (GABA international AG, Therwil, Schweiz) - eine standardisierte Zahnpaste: Elmex Kariesschutz Zahnpasta, 1250 ppm F aus Aminfluorid (GABA international AG, Therwil, Schweiz) 2. Probanden, Materialien und Methoden 13 Zu Beginn jeder Versuchsphase wurden die Probenhalterungen mit den jeweils neu eingesetzten Proben und die entsprechende Mundspüllösung ausgeteilt. Die Probenhalterungen wurden sowohl tagsüber als auch nachts getragen und nur während der Mahlzeiten oder während der persönlichen Mundhygiene entfernt und in einer feuchten Kammer gelagert. Die Probanden spülten einmal täglich mit 10 ml (eine Verschlusskappe) der Spüllösung für 30 Sekunden nach der ersten Erosion. Nach der Anwendung wurde die Lösung ausgespuckt, jedoch nicht mit Wasser ausgespült. Zur erosiven Demineralisation wurde für jeden Versuchsdurchgang eine ausreichende Menge an frisch angesetzter Zitronensäure ausgeteilt. Die Probanden füllten zu Beginn jedes Versuchstages mindestens 200 ml Zitronensäure in eines der ausgeteilten, entsprechend markierten, dicht schließenden Gefäße ein. Zur Demineralisation wurde der Probenträger in dieses Gefäß eingelegt und sichergestellt, dass die Proben vollständig mit Säure bedeckt waren. Nach 5 Minuten wurden die Probenträger entnommen, für 1 Minute unter fließendem Wasser abgespült und wieder inkorporiert. Die Erosionslösung wurde jeden Abend verworfen und morgens wieder frisch in die Gefäße eingefüllt. Zur Vermeidung von Plaquewachstum wurden die Probenhalterungen, nicht jedoch die Proben, abends mit der ausgeteilten Zahnbürste ohne Zahnpaste gereinigt. Die Probenhalterung mit den Proben wurde anschließend für 1 Minute in die Chlorhexidindigluconatlösung eingelegt. Der pH-Wert dieses Produkts liegt im neutralen Bereich, Effekte in Bezug auf den Mineralverlust sind nicht bekannt. Der Versuch wurde während der Wochentage durchgeführt. An den Wochenenden wurden die Probenhalterungen bei 100% Luftfeuchtigkeit im Kühlschrank gelagert. Dazu kamen die Probenträger freitagabends oder samstagmorgens in eine feuchte Kammer und wurden entsprechend entweder sonntagabends oder montagmorgens wieder inkorporiert. Es war darauf zu achten, dass sich zwischen zwei Erosionsbehandlungen die Probenhalter eine adäquate Zeit in situ befanden um die Bildung eines ausreichend stabilen Pellikels zu gewährleisten. Die Probanden haben nach jeder Versuchsphase die restliche Mundspüllösung zurückgegeben. Anschließend wurde der tatsächliche Verbrauch an Mundspüllösung durch Wiegen ermittelt. Nach jeder Versuchsphase wurden die Proben aus dem Probenhalter entnommen und für die Auswertung vorbereitet. Dazu wurden die Proben auf mit der jeweiligen Probenkennung beschriftete Objektträger aufgeklebt (Technovit 7230 VLC, Kulzer- Exact, Wehrheim, Deutschland) und die Abdeckung der Referenzfläche ohne 2. Probanden, Materialien und Methoden 14 Beschädigung der Probenoberfläche entfernt. Alle Proben wurden bis zur Auswertung in einer feuchten Kammer (100% Luftfeuchtigkeit) aufbewahrt. 2. Probanden, Materialien und Methoden 15 MESSMETHODE Die Messung des Substanzverlustes wurde für die Proben aus dem in vitro Versuch und der in situ Studie auf gleiche Weise durchgeführt. Die Zielgröße wurde profilometrisch als Höhendifferenz zwischen dem während des Versuchs abgedeckten Referenzareal und dem den Versuchseinwirkungen ausgesetzten Versuchsareal bestimmt. Die Proben der in situ Studie wurden dazu vorsichtig aus den Probenhalterungen gelöst und auf beschriftete Objektträger aufgeklebt. Die Proben des in vitro Versuchs konnten auf den während des Versuchs verwendeten Objektträgern belassen werden. Die Messungen wurden mit einem Perthometer S8P und einem mechanischen Taster FRW-750 (jeweils Perthen Mahr, Göttingen, Deutschland) bei Dentin und einem optischen Taster (Rodenstock, München, Deutschland) bei Schmelz durchgeführt. Die Dentinproben wurden vor der Messung zur Entfernung der freigelegten organischen Matrix für 96 h bei 37 C° der Kollagenase ausgesetzt. Diese kam sowohl im in vitro Versuch als auch in der situ Studie zum Einsatz. Sie wurde angesetzt, indem 15 Units Kollagenase (Kollagenase von Clostridium histolyticum type VII, Sigma Aldrich, St. Louis, USA) in 150 ml der Remineralisationslösung, entsprechend der des Laborversuchs, gelöst wurden. Der Erfolg der enzymatischen Entfernung der kollagenen Matrix von der Dentinoberfläche wurde visuell unter dem Mikroskop und mittels Sondenprüfung kontrolliert. Um Trocknungsartefakte zu vermeiden, wurde bei den Dentinproben vor jeder Messung für 30 Sekunden ein Tropfen Aqua dest. appliziert. Unmittelbar vor jedem Profilschrieb wurde der Tropfen mit einem Zellstofftuch entfernt, ohne die Probe zu berühren. Vor jeder Messsitzung wurde das System nach Herstellerangaben kalibriert. Die Objektträger mit den Proben wurden mit Knetmasse auf dem xy-Tisch des Profilometers fixiert. Es wurden je Probe drei Profilschriebe aufgezeichnet. Bei den Messungen wurde das sog. D-Profil aufgezeichnet, welches der Geometrie der abgetasteten Oberfläche entsprechend den Vertikal- und Horizontalbewegungen des Tasters entspricht. Die Messstrecke betrug 1,75 mm. Die Profilschriebe wurden im Anschluss mit einer speziellen Software Perthometer Concept 4.0 (Perthen Mahr, Göttingen, Deutschland) ausgewertet. Zunächst wurde auf dem der Referenzebene entsprechenden Abschnitt des Profilschriebs eine Ausgleichsgerade berechnet, nach 2. Probanden, Materialien und Methoden 16 der das Profil in einem xy-Koordinatensystem ausgerichtet werden konnte. Auf dem der Versuchsfläche entsprechenden Abschnitt des Profilschriebs wurde eine zweite Ausgleichsgerade berechnet und auf beiden Geraden der mittlere Punkt automatisch bestimmt. Der Substanzverlust wurde als vertikaler Abstand dieser beiden Punkte in µm definiert. Der endgültige Messwert für jede Probe entsprach dem Mittelwert aus den drei Profilschrieben. Die Probengeometrie sowie die Auswertung eines Profilschriebs ist in den Abbildung 5 und Abbildung 6 dargestellt. Die Reproduzierbarkeit der Methode liegt bei 1,1 µm (wiederholte Profilschriebe (n = 10) derselben Probe) bzw. 0,1 µm (wiederholten Analyse (n = 10) desselben Profilschriebs). Die Profilvarianz einer Probe betrug 0,5 ± 0,3 µm. Die Proben wurden vor den einzelnen Messungen komplett aus dem System entfernt und neu wiedereingebracht. Der mittlere Substanzverlust bei den Referenzmessungen lag bei 16,7 µm. Abbildung 5: Probe in der Aufsicht (1) Referenzfläche (2) Versuchsfläche (3) Die Profilschriebe wurden ausgehend von der Referenzfläche zur Versuchsfläche aufgezeichnet 2. Probanden, Materialien und Methoden 17 FALLZAHLSCHÄTZUNG Es lag bereits eine Reihe von Daten aus in vitro und in situ Versuchen der Arbeitsgruppe vor, hinzu kam der vorliegende in vitro Versuch. Die in den vorangegangenen in vitro Studien beobachteten Effekte der Testlösung, im Vergleich zu NaF als Standard, waren im Schmelz sehr eindeutig. Auch im vorliegenden in vitro Versuch betrug die Reduktion des Substanzverlusts im Schmelz gegenüber der Placebogruppe für NaF nur 6.2%, für die Testlösung jedoch 77,6%. Im Dentin waren die Effekte stets deutlich geringer ausgeprägt. Grundlage der Fallzahlschätzung für die in situ Studie waren daher die erzielten Reduktionen des Substanzverlustes im Dentin. Inwieweit Ergebnisse aus in vitro Versuchen eine Vorhersage für die zu erwartenden Werte in situ erlauben, zeigt ein Vergleich der vorangegangenen Studien. Die Daten vorheriger Studien mit ähnlichen Lösungen sind in der folgenden Tabelle (Tabelle 1) zusammengefasst. Aus den oben genannten Gründen sind hier nur die Werte für Dentin berücksichtigt. Der Vergleich der Studien zeigt, dass die in vitro Ergebnisse insgesamt gut mit den Resultaten der in situ Studien übereinstimmen. Insgesamt kann ein Unterschied von Abbildung 6: Auswertung eines Profilschriebs (1) Konstruktion der ersten Ausgleichsgeradegrade (Länge 0,5 mm) auf der Referenzebene zur Ausrichtung des Profilschriebs im Koordinatensystem (2) Konstruktion einer zweiten Ausgleichsgrade (Länge 0,5 mm) im Bereich der Versuchsfläche (3) Abstand zur Grenze Versuchs-/Referenzebene jeweils 0,2 mm (4) Bestimmung des vertikalen Abstands der mittleren Punkte der Ausgleichsgeraden als Maß für den Substanzverlust (5) Gesamtlänge des Profilschriebs 1,75 mm 2. Probanden, Materialien und Methoden 18 ca. 8-9 µm zwischen NaF- und Testlösung im Dentin erwartet werden. In Relation zu dem Substanzverlust in der Placebogruppe bedeutet das eine um etwa 13-21% höhere Wirksamkeit der Testlösung im Vergleich zur Kontrollgruppe (NaF-Lösung). Gerade für Dentin ist eine effektive antierosive Wirkung relativ schwierig zu erzielen. Eine Verbesserung in der erwähnten Größenordnung gegenüber Standardwirkstoffen wäre daher klinisch relevant. Die in situ Studie wurde daher so angelegt, dass eine Differenz von 9 µm statistisch signifikant nachweisbar wäre. Tabelle 1: Zusammenfassung der Ergebnisse vorheriger Studien, in denen die erosionsinhibierende Wirkung bei Dentin untersucht wurde. Die Daten aus der in vitro Studie mit einer Versuchsdauer von 10 Tagen sind zum Vergleich mit der in situ Studie auch mit Schätzwerten für 7 Tage dargestellt, alle Werte in µm, %-Werte in Klammern entsprechen der Reduktion gegenüber Placebogruppe. Placebo Testlösung NaF-Lösung in vitro (Schlueter, Neutard et al. 2010) Versuchsdauer 10 Tage 800ppm Sn aus SnCl2, 375 ppm F - aus NaF, 125 ppm F - aus AmF 500 ppm F - Substanzverlust 92,6  8,8 Entspricht bei 7 Tagen 65,1 43,6  4,6 (52,9%) Entspricht bei 7 Tagen 30,8 55,9  3,6 (40%) Entspricht bei 7 Tagen 39,1 in situ (Schlueter, Klimek et al. 2009b) Versuchsdauer 7 Tage 1900 ppm Sn aus SnCl2, 500 ppm F - aus NaF, 500 ppm F - aus AmF 1000 ppm F - Substanzverlust 47,8  15,5 23,8  6,4 (50,2%) 34,1  9,3 (28,7%) Die Fallzahlberechnung wurde mit Cademo Version 3.25 durchgeführt. Bei einer Gruppengröße von n = 20 und einer mittleren Standardabweichung von 10 (Mittelwert der Standardabweichung aus allen Placebogruppen 12,2 µm; Mittelwert aus allen Gruppen mit Anwendungen von Lösungen 6,0 µm; α = 0,05, β = 0,2) ergab sich bei drei Gruppen eine nachweisbare Mindestdifferenz von 9,0 µm. Das entspricht der oben diskutierten klinisch relevanten Differenz. In der erwähnten, vorangegangenen in situ Studie konnte bei einer Differenz dieser Größenordnung Signifikanz erreicht werden. Zur Absicherung dieser Fallzahl wurden 24 Probanden eingeschlossen, um eventuell ausscheidende Probanden oder Probenverluste ausgleichen zu können. 2. Probanden, Materialien und Methoden 19 RANDOMISIERUNG Die Firma GABA (GABA international AG, Therwil, Schweiz) lieferte die Produkte in neutralen Verpackungen randomisiert, verblindet und codiert, in der in situ Studie für jeden Studienteilnehmer als fertiges Set aus drei Flaschen. Die Randomisierung wurde mit der Software für die Generierung von Randomisierungstabellen „randommethod.htm“ durchgeführt. Ausführlich beschrieben wird das Verfahren in: McLeod AI. Remark AS R58. A remark on algorithm AS 183. An efficient and portable pseudo-random number generator. Appl. Stat. 34 (1985) 198-200 und in: Wichmann BA and Hill ID. Algorithm AS 183. An efficient and portable pseudo-random number generator. Appl. Stat. 31 (1982) 188-190. Die Entblindung erfolgte nach Abschluss aller Auswertungen. DATENVERARBEITUNG UND STATISTIK Die Rohdaten wurden im Laborversuch direkt in Excel Tabellen übertragen. In der in situ Studie wurden die Rohdaten in den jeweiligen Case Report Form (CRF) eingetragen, dann in eine Excel Tabelle übertragen und auf Richtigkeit überprüft. Die Daten wurden auf signifikante Abweichungen von der Gauß-Verteilung (Kolmogorov- Smirnov-Test) sowie Abweichungen von der Varianzhomogenität (Levene-Test) geprüft. Der Vergleich zwischen den Gruppen wurde mit der einfachen Varianzanalyse (ANOVA) mit dem Anschlusstest nach Tukey durchgeführt. UNERWÜNSCHTE VORKOMMNISSE IM IN SITU-VERSUCH Ein unerwünschtes Vorkommnis ist jedes medizinische Ereignis bei einem Probanden, der ein Studienprodukt angewendet hat. Es kann, muss aber keine kausale Beziehung zu der Anwendung von Studienprodukten haben. Unerwünschte Vorkommnisse werden nach Schweregrad klassifiziert und beurteilt, ob ein Zusammenhang mit der Anwendung des Studienproduktes besteht. Die exakten Definitionen und Klassifizierungen sind im Anhang unter Unerwünschte Vorkommnisse zu finden. 3. Ergebnisse 20 3. Ergebnisse ERGEBNISSE DES IN VITRO VERSUCHS Der größte Substanzverlust im Schmelz fand sich in der Negativ-Kontrollgruppe (Tabelle 2). In der NaF-Gruppe konnte keine deutliche Verringerung des Substanzverlustes im Vergleich zur Negativkontrolle erzielt werden. Die Testlösung hingegen verringerte den Substanzverlust um 77,6% (p ≤ 0,001) im Vergleich zur Negativkontrolle. Die NaF-Lösung und die Testlösung unterschieden sich in ihrer Wirksamkeit ebenfalls signifikant voneinander (p ≤ 0,001) Tabelle 2: Substanzverlust in vitro bei Schmelz nach 10 Versuchstagen (arithmetischer Mittelwert  Standardabweichung in µm); unterschiedliche Buchstaben (a, b, c) bedeuten Signifikanz Auch im Dentin (Tabelle 3) fand sich wie erwartet der größte Substanzverlust in der Negativkontrollguppe. Im Gegensatz zur Versuchsreihe mit Schmelz konnte die NaF- Lösung hier eine erhöhte Wirksamkeit entfalten und erreichte eine Verringerung des Substanzverlustes um 39,6% im Vergleich zur Negativkontrolle. Die Testlösung konnte eine Verringerung des Substanzverlustes um 52,9% im Vergleich zur Negativkontrolle bewirken. Auch im Vergleich zur NaF-Lösung konnte durch Anwendung der Testlösung der Substanzverlust deutlich verringert werden (p ≤ 0,001). Tabelle 3: Substanzverlust in vitro bei Dentin nach 10 Versuchstagen (arithmetischer Mittelwert  Standardabweichung in µm); unterschiedliche Buchstaben (a, b, c) bedeuten Signifikanz Schmelz Substanzverlust Reduktion gegenüber Negativkontrolle Negativkontrolle 74,1 ± 12,1 a NaF-Lösung 69,5 ± 13,7 a 6,2% Testlösung 16,6 ± 5,9 b 77,6% Dentin Substanzverlust Reduktion gegenüber Negativkontrolle Negativkontrolle 92,6 ± 8,8 a NaF-Lösung 55,9 ± 3,6 b 39,6% Testlösung 43,6 ± 4,6 c 52,9% 3. Ergebnisse 21 ERGEBNISSE DER IN SITU STUDIE Durchführung Alle Probanden beendeten den Versuch wie vorgesehen. Es gingen insgesamt 18 Proben (5 Dentin- und 13 Schmelzproben) (4,2%) während des Tragemodus beziehungsweise im Anschluss an den Versuchsdurchgang beim Entfernen aus der Probenhalterung verloren oder waren aufgrund des Verlustes der Abdeckung der Referenzfläche nicht auszuwerten (Tabelle 4) Die übrigen Proben konnten vollständig und unversehrt aus den Probenhalterungen entfernt und ausgewertet werden. Tabelle 4: nicht ausgewertete Proben, Schmelz hellgrau, Dentin dunkelgrau Proband Durchgang Probe Ursache 102 1 E Verlust der Abdeckung der Referenzfläche 103 1 E Referenzfläche erodiert 107 1 C Referenzfläche erodiert 111 1 E Verlust der Abdeckung der Referenzfläche 113 1 C Verlust der Probe bei Entnahme aus Halterung 114 1 E Probe bei Entnahme zerbrochen 115 1 E Verlust der Probe während des Durchgangs 116 1 A Verlust der Abdeckung der Referenzfläche 118 1 A Verlust der Probe während des Durchgangs 118 1 C Verlust der Probe während des Durchgangs 119 2 A Probe bei Entnahme zerbrochen 120 3 A Probe bei Entnahme zerbrochen 123 1 A Probe bei Entnahme zerbrochen 101 1 D Verlust der Abdeckung der Referenzfläche 103 3 D Verlust der Probe bei Entnahme aus Halterung 115 1 D Verlust der Probe während des Durchgangs 115 1 F Verlust der Probe während des Durchgangs 118 1 B Verlust der Probe während des Durchgangs 3. Ergebnisse 22 Zwei Probanden beließen den Probenhalter irrtümlich über einen längeren Zeitraum als vorgesehen in der Zitronensäure. Beide Probanden erklärten sich jedoch bereit den jeweiligen Durchgang mit neuen Proben erneut durchzuführen. Da die Probanden keine neuen Testprodukte erhielten, war der Verbrauch an Mundspüllösung in den jeweiligen Durchgängen erhöht (Tabelle 5). Tabelle 5: Verbrauch an Spüllösung pro Proband [g] Proband Placebolösung NaF-Lösung Testlösung 101 77,5 83,5 82,0 102 72,5 75,5 71,0 103 73,0 78,5 83,5 104 84,5 102,5 90,5 105 72,0 75,5 79,0 106 79,5 77,0 85,5 107 112,0 88,5 100,5 108 78,0 79,5 80,5 109 79,0 83,5 83,5 110 77,5 83,0 83,5 111 74,0 84,0 86,0 112 81,0 93,5 89,5 113 75,0 85,5 146,5 114 72,0 130,5 85,0 115 82,0 89,5 96,5 116 132,0 182,5 175,5 117 69,0 63,0 59,5 118 129,0 70,5 103,5 119 82,5 89,0 89,5 120 81,0 83,5 91,0 121 71,5 78,0 72,5 122 79,0 89,0 79,5 123 85,5 87,0 84,0 124 82,5 146,5 66,5 Es kam zu geringfügigen Beeinträchtigungen der Probanden während der Versuchsdurchführung. Zwei Probanden klagten für einen Zeitraum von etwa 7 Tagen über Mundtrockenheit, die jedoch nach Beendigung des jeweiligen Durchgangs wieder verschwand. Zwei Probanden berichteten über eine zeitweilig verstärkte Sensibilität der Zähne, welche sich ebenfalls nach Beendigung des jeweiligen Durchgangs vollständig normalisierte. Bei einem Probanden konnte über einen Zeitraum von etwa sechs Tagen eine reversible, gelbliche Verfärbung der Zunge beobachtet werden. Bei 3. Ergebnisse 23 einem weiteren Probanden konnte während eines Durchgangs eine nicht schmerzhafte, scharf begrenzte rötliche Effloreszenz der Gaumenschleimhaut festgestellt werden. Diese heilte folgenlos ab und ein Zusammenhang mit dem Studienprodukt ist fraglich. Ein Proband erkrankte für vier Tage an einem grippalen Infekt und musste den Durchgang für diesen Zeitraum unterbrechen, konnte ihn aber nach Genesung fortsetzen. Es trat kein moderates oder schweres unerwünschtes Ereignis auf. Ergebnisse Schmelz Die Substanzverluste aller Gruppen unterschieden sich deutlich voneinander (p jeweils ≤ 0,001) (Tabelle 6). Im Schmelz zeigte sich erwartungsgemäß der größte Substanzverlust in der Placebogruppe. In der Positivkontrollgruppe zeigte sich eine Verringerung des Substanzverlustes um etwa 19%, in der Testgruppe sogar eine Verringerung um etwa 67% im Vergleich zu dem der Placebogruppe. Es konnte für die Testlösung neben der erosionsinhibierenden Wirkung im Vergleich zur Placebolösung auch eine Verbesserung der Wirkung im Vergleich zur NaF-Lösung nachgewiesen werden. Tabelle 6: Substanzverlust Schmelz in situ (arithmetischer Mittelwert  Standardabweichung in µm); unterschiedliche Buchstaben (a, b, c) bedeuten Signifikanz Schmelz Substanzverlust in µm Reduktion gegenüber Placebolösung Placebolösung 28,2 ± 6,1 a NaF-Lösung 22,8 ± 6,0 b 19,1% Testlösung 9,3 ± 4,5 c 67,0% Auch probandenbezogen lässt sich der Unterschied bezüglich der erosionsinhibierenden Wirkung gut darstellen (Abbildung 7). Bei allen Probanden war eine deutliche Reduktion des Substanzverlustes durch die Testlösung sowohl im Vergleich zur Placebolösung, als auch im Vergleich zur NaF-Lösung beobachtet werden. 3. Ergebnisse 24 Abbildung 7: Substanzverlust Schmelz in situ (µm), aufgeteilt nach Probanden (101-124), der Wert für die Testlösung bei Proband 107 betrug -0,1 µm und ist daher nicht dargestellt; Dieses Diagramm wurde veröffentlicht im Journal of dental research (Ganss, Neutard et al. 2010). Ergebnisse Dentin Im Dentin konnten zwischen allen Gruppen Unterschiede in Bezug auf die Größe des Substanzverlustes festgestellt (p jeweils ≤ 0,001) werden (Tabelle 7). Die Unterschiede waren jedoch zwischen den einzelnen Gruppen nicht so stark ausgeprägt wie im Schmelz. Es konnte eine Verringerung des Substanzverlustes in der NaF-Gruppe von etwa 23% im Vergleich zur Placebogruppe, sowie eine Verringerung von etwa 47% in der Testgruppe im Vergleich zur Placebogruppe gemessen werden. Der erosionsinhibierende Effekt der Testlösung war auch im Vergleich zur NaF-Lösung verbessert. Auch hier war der Unterschied im Dentin nicht so deutlich wie im Schmelz Tabelle 7: Substanzverlust Dentin in situ (arithmetischer Mittelwert  Standardabweichung in µm); unterschiedliche Buchstaben (a, b, c) bedeuten Signifikanz Dentin Substanzverlust in µm Reduktion gegenüber Placebolösung Placebolösung 43,8 ± 9,2 a NaF-Lösung 33,7 ± 6,6 b 23,1% Testlösung 23,2 ± 6,8 c 47,0% 0,0 10,0 20,0 30,0 40,0 50,0 60,0 70,0 80,0 90,0 100,0 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 S u b s ta n z v e rl u s t [µ m ] Placebo NaF Test 3. Ergebnisse 25 Betrachtet man die Werte für jeden einzelnen Probanden, erkennt man die deutliche Reduktion des Substanzverlustes durch die Testlösung im Vergleich zur Placebolösung bei allen Probanden (Abbildung 8). Im Vergleich zur NaF-Lösung sind jedoch Unterschiede in der Effektivität zu erkennen. So gibt es Probanden die eine sehr deutliche Reduktion des Substanzverlustes durch die Testlösung im Vergleich zur NaF-Lösung zeigten (zum Beispiel Proband 103) und Solche bei denen kaum Unterschiede bezüglich der Wirkung erkennbar waren (zum Beispiel Proband 116). 0,0 20,0 40,0 60,0 80,0 100,0 120,0 140,0 101 102 103 104 105 106 107 108 109 110 111 112 113 114 115 116 117 118 119 120 121 122 123 124 S u b s ta n z v e rl u s t [µ m ] Placebo NaF Test Abbildung 8: Dentin in situ (µm), aufgeteilt nach Probanden (101-124); Dieses Diagramm wurde veröffentlicht im Journal of dental research (Ganss, Neutard et al. 2010). 4. Diskussion 26 4. Diskussion Die vorliegenden Versuche basieren auf einer ganzen Reihe vorangegangener Erosionsversuche der Arbeitsgruppe. In diesen wurde mit dem Wirkstoff Zinn, in Form von Zinnchlorid, in Kombination mit Aminfluorid und Natriumfluorid, als unabhängigen Fluoridquellen, experimentiert. Zunächst wurden in vitro Versuche durchgeführt, die den Nachweis einer grundsätzlichen antierosiven Wirkung von zinnhaltigen Lösungen zur Zielsetzung hatten. Bei diesen Versuchen kamen zum Teil sehr hohe Wirkstoffkonzentrationen zum Einsatz (Schlueter, Klimek et al. 2009a; Schlueter, Klimek et al. 2009c). Die Reproduktion der Laborergebnisse in einer in situ Studie lieferte vielversprechende Ergebnisse. Da jedoch bei diesen hohen Wirkstoffkonzentrationen bei einigen Probanden Nebenwirkungen beobachtet wurden, war eine Anpassung der Dosierung notwendig (Schlueter, Klimek et al. 2009b). Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei Versuche. Zunächst wurde ein in vitro Versuch durchgeführt, in dem untersucht wurde, ob und in welchem Ausmaß die zu untersuchende fluoridhaltige Mundspüllösung mit niedrigerer Zinnkonzentration noch erosionsinhibierend wirkt. Da die Ergebnisse eines in vitro Versuchs zwar einen relativ guten Vorhersagewert haben, dennoch nicht ohne weiteres auf die Mundsituation übertragbar sind, wurde im Anschluss eine in situ Studie durchgeführt. Beide Untersuchungen fanden unter möglichst vergleichbaren Bedingungen statt. Von Interesse für diese Versuche war die Situation von Personen, die einem erhöhten Risiko erosiver Zahnhartsubstanzverluste ausgesetzt sind. Zur Erosionserzeugung kam 0,05 molare Zitronensäure mit einem pH-Wert von. 2,35 zum Einsatz. Dieser pH- Wert ist in etwa vergleichbar mit dem von Erfrischungsgetränken, zum Beispiel Sprite Light®: pH = 2,8, Coca-Cola®: pH = 2,5 (Devlin, Bassiouny et al. 2006). In der Literatur finden sich einige Versuche, in denen Colagetränke oder Säfte zur Demineralisierung der Proben eingesetzt wurden (Attin, Buchalla et al. 2000; Attin, Siegel et al. 2004; Devlin, Bassiouny et al. 2006). Bei diesen Produkten kommen jedoch komplexe Rezepturen mit regional unterschiedlicher, teilweise unbekannter Zusammensetzung zur Anwendung. Dadurch ergibt sich eine eingeschränkte Reproduzierbarkeit der Versuchsaufbauten. Aus diesem Grund wurde auf ihren Einsatz in den vorliegenden Versuchen verzichtet. In anderen Versuchen wurde zur Erosionserzeugung Salzsäure mit einem pH-Wert von 2,6 verwendet (Wiegand, Bichsel et al. 2009; Wiegand, Meier et al. 2008). Diese ist natürlicher Bestandteil der menschlichen Magensäure. Sie kann bei Personen mit Refluxerkrankungen oder bei chronischem Erbrechen Erosionen verursachen. Zitronensäure hingegen kommt häufig 4. Diskussion 27 in Lebensmitteln wie Obst, Gemüse und in Getränken wie z.B. Säften vor. Auch ansonsten gesunde Personen können daher durch falsche Ernährungsgewohnheiten ausgeprägte Erosionen der Zahnhartsubstanzen entwickeln. Aus diesem Grund wurde Zitronensäure in den vorliegenden Versuchen eingesetzt. In einer Studie über Personen, die sich ausschließlich von Rohkost ernährten, wurde festgestellt, dass der mittlere Obst- und Zitrusfrüchtekonsum bei etwa 4,8 Portionen am Tag liegt (maximal 16,1 Portionen) (Ganss, Schlechtriemen et al. 1999). Die vorliegenden Versuchsbedingungen mit 6 Erosionen am Tag haben sich vor diesem Hintergrund schon in mehreren vorherigen Versuchen als geeignet erwiesen, Erosionen in therapeutisch relevantem Maßstab zu erzeugen (Schlueter, Hardt et al. 2009; Schlueter, Klimek et al. 2009a; Schlueter, Klimek et al. 2009b). Die Demineralisation der Proben erfolgte in der in situ studie extraoral um eine Gefährdung der Probanden durch eine intraorale Säureeinwirkung ausschließen zu können. Die Studie konnte daher ohne Nachteile für die Probanden placebokontrolliert durchgeführt werden. Es kam eine Erosionsdauer von fünf Minuten zur Anwendung. Nach kurzen erosiven Attacken kehrt der pH-Wert von oralen Flüssigkeiten normalerweise nach etwa 1-3 Minuten zum ursprünglichen Wert zurück. In einigen Fällen kann es jedoch bis zu 10 Minuten dauern, bis der pH einen Wert von 4,0 oder höher erreicht (Imfeld 1983). Hinzu kommt noch die Verweildauer der erosiven Substanzen in der Mundhöhle. Gewohnheiten, die die Kontaktzeit von erosiven Lebensmitteln mit den Zähnen steigern, wie etwa das „im-Mund-behalten“ von sauren Getränken vor dem Schlucken, Schlürfen oder Ähnliches, können zu einem deutlich verlängerten pH-Wertabfall auf den Zahnoberflächen führen (Johansson, Lingstrom et al. 2004). Dauer und Intensität der Erosionen in diesen Versuchen entsprechen somit den relativ strengen erosiven Bedingungen, denen ein Patient mit einem hohen Erosionsrisiko ausgesetzt sein kann. In ähnlichen Versuchsmodellen wie dem vorliegenden in vitro Versuch wurde der Einfluss von Konzentration und Art der Fluoridverbindung auf die Wirksamkeit von zinn- und fluoridhaltigen Lösungen untersucht (Schlueter, Klimek et al. 2009a; Schlueter, Klimek et al. 2009c). Die Lösungen enthielten als unabhängige Zinnquelle Zinnchlorid und als Fluoridquelle eine Kombination aus Amin- und Natriumfluorid. Es wurde festgestellt, dass bei Fluoridkonzentrationen zwischen 500 und 1500 ppm die Wirksamkeit der Lösung positiv mit der Zinnkonzentration korreliert. Eine Verdreifachung des Fluoridgehaltes brachte keine nennenswerte Verbesserung der antierosiven Wirkung mit sich, wohl aber die Erhöhung der Zinnkonzentration. 4. Diskussion 28 Zinnchloridhaltige Lösungen, die keine Fluoride enthalten, zeigten nur eine moderate Reduktion des erosiven Mineralverlustes vergleichbar mit natriumfluoridhaltigen Lösungen (Ganss, Schlueter et al. 2008). Es ist daher sinnvoll Zinn und Fluorid in einer Mundspüllösung zur Therapie von Erosionen zu kombinieren. Die Verwendung von Zinnchlorid ermöglicht dabei die optimale Einstellung der Zinnkonzentration unabhängig von der Fluoridquelle. Höhere Zinnkonzentrationen können unerwünschte Nebenwirkungen wie Mundtrockenheit oder ein stumpfes Gefühl auf den Zahnoberflächen verursachen (Schlueter, Klimek et al. 2009b). Die gewählte Zinnkonzentration von 800 ppm stellt daher einen Kompromiss zwischen maximaler Wirksamkeit und Anwenderfreundlichkeit dar. Ein Produkt mit diesen Wirkstoffkonzentrationen erscheint damit auch für die Heimanwendung gut geeignet. Bei einem pH-Wert von 4,5 ist Zinn in wässrigen Lösungen instabil. Sn2+ kann dabei außerdem leicht zu Sn4+ oxidiert werden. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass Sn4+ die Säurelöslichkeit von Schmelz weniger positiv beeinflusst als Sn2+ (Wachtel 1964). Der Zusatz von stabilisierenden Substanzen ist daher notwendig, um die dauerhafte Stabilität und optimale Wirksamkeit der zinnhaltigen Lösung zu gewährleisten. Es wurde festgestellt, dass Aminfluorid in der Lage ist, diese Forderungen zu erfüllen (Barbakow, Lutz et al. 1985). Im Vergleich mit Aminfluorid hat sich jedoch Natriumfluorid als die gegen Erosionen wirksamere Fluoridquelle herausgestellt (Ganss, Schlueter et al. 2008). Als Kompromiss wurden daher Aminfluorid und Natriumfluorid in der zinnhaltigen Testlösung kombiniert (Mühlemann & Saxer 1981). Mit dieser Wirkstoffkombination kann eine ausreichend lange Lagerstabilität der entwickelten Mundspüllösung gewährleistet werden. Zinn kommt in Lebensmitteln in Form von Zinnsalzen (Sn2+ beziehungsweise Sn4+) oder Zinnchlorid (SnCl2) vor. Der Zusatz von Zinn zu Lebensmitteln ist in der EU zulässig (E512). Die Grenzwerte des Zinngehaltes von Lebensmitteln liegen bei 200 mg/kg für Konservennahrung und 100 mg/kg für Getränke aus Konservendosen. In Großbritannien beträgt die durchschnittliche Aufnahme von Zinn durch Nahrungsmittelkonsum 1,8 mg/Tag. Die Absorptionsrate durch den menschlichen Verdauungstrakt ist gering. Etwa 98% der aufgenommenen Menge werden direkt mit dem Stuhl wieder ausgeschieden (European Food Safety Authority 2005). Aufgrund dieser geringen Resorptionsrate sind Vergiftungserscheinungen selbst bei versehentlichem Verschlucken von größeren Mengen der zinnhaltigen Mundspüllösung 4. Diskussion 29 (800 ppm Sn2+ aus SnCl2 = 800 mg/kg) unwahrscheinlich. Die Zinnkonzentration der verwendeten Lösung kann daher als gesundheitlich unbedenklich angenommen werden. Da in der Testlösung dieser Studie Fluoride mit einer Konzentration von 500 ppm mit polyvalenten Metallkationen kombiniert wurden, ist eine Natriumfluoridlösung mit einer Fluoridkonzentration von 500 ppm als Positivkontrolle geeignet. Um Unterschiede in der Wirksamkeit durch unterschiedliche pH-Werte der Lösungen ausschließen zu können, wurde in den vorliegenden Studien die pH-Werte der NaF- Lösung und der SnCl2/NaF/AmF -Testlösung auf den gleichen Wert eingestellt (pH 4,5). Die Placebo-Lösung hatte einen neutralen pH-Wert um intraorale Erosionen bei den Probanden zu verhindern. VERSUCHSDURCHFÜHRUNG Die Mundspüllösungen wurden im in vitro Versuch zweimal täglich, jeweils nach der ersten und der letzten Erosion angewendet. Die Einwirkdauer der Lösungen betrug dabei zwei Minuten. Das Verhältnis von Erosionsdauer und Einwirkdauer betrug im in vitro Versuch 30/4 Minuten pro Tag. In der in situ Studie wurde nur einmal täglich nach der ersten Erosion für 30 Sekunden gespült. Das Verhältnis von Erosionsdauer zur Einwirkdauer der Spüllösung pro Tag betrug damit 30/0,5 Minuten. Die Applikationszeit der Mundspüllösung von 30 Sekunden einmal täglich entspricht den üblichen Anwendungszeiten für Mundspüllösungen und wird allgemein empfohlen. In einem in situ Pilotversuch wurde festgestellt, dass mit diesem Versuchsaufbau und der verhältnismäßig längeren Anwendungsdauer im in vitro Modell die in situ-Ergebnisse relativ gut vorhersagbar sind (Schlueter, Klimek et al. 2011). Um mögliche Fehlerquellen in der Versuchsdurchführung durch die Probanden auszuschließen, erfolgte vor Beginn der in situ Studie eine ausführliche mündliche Aufklärung über Tragemodus und Verhaltensweisen. Jeder Proband erhielt eine schriftliche Instruktion in Kurzform zum Nachlesen sowie zu Beginn jedes Versuchsdurchganges ein Protokoll zum Vermerk der durchgeführten Maßnahmen. Die Probanden wurden gebeten, Abweichungen vom Versuchsprotokoll, eventuelle Nebenwirkungen oder sonstige Zwischenfälle umgehend mitzuteilen. Jedem Probanden wurde ein digitaler Zeitmesser mit Alarmfunktion ausgehändigt, so dass die Erosions-, Abspül- und Spülintervalle zuverlässig eingehalten worden sein 4. Diskussion 30 dürften. Die Durchsicht der Protokolle ergab nur geringfügige Abweichungen vom vorgesehenen Versuchsplan. Das Einhalten des Versuchsplanes, insbesondere auch der Wartezeiten zwischen den einzelnen Erosionen, soll vergleichbare Messungen ermöglichen. Nicht nur Dauer der Säure- bzw. Wirkstoffeinwirkung haben einen Einfluss auf das Fortschreiten einer Erosion, sondern auch die zwischenzeitliche Verweildauer im oralen Milieu. Hier bildet sich bereits nach kurzer Zeit sowohl auf den natürlichen Zähnen als auch auf den Probenoberfächen eine Schicht aus Proteinen, das sogenannte Pellikel, welches bereits nach wenigen Minuten elektronenmikroskopisch nachweisbar ist (Hannig 1999; Hannig & Joiner 2006). Es nimmt Einfluss auf die Erosionsvorgänge auf Zahnhartsubstanzen indem es als Diffusionsbarriere agiert und den direkten Kontakt von Säuren und Zahnhartsubstanzen verhindert (Lendenmann, Grogan et al. 2000). Es kann davon ausgegangen werden, dass ein Pellikel nach 45 Minuten vollständig ausgebildet ist (Hannig & Hannig 2014; Skjorland, Rykke et al. 1995). Da kein Proband weniger als 45 Minuten Tragezeit zwischen 2 Erosionen angegeben hat, kann davon ausgegangen werden, dass die Abweichungen der Wartezeiten keinen messbaren Einfluss auf die Ergebnisse genommen haben. Die Anwendung der Spüllösungen wurde durch das Wiegen der Flasche vor und nach jedem Durchgang überprüft. Der Verbrauch sollte bei exaktem Dosieren über die Verschlusskappe (10 ml Inhalt) 70 ml pro Durchgang betragen. Bei insgesamt 72 erhobenen Messwerten (24 Teilnehmer mit jeweils 3 Durchgängen) wurde dieser Wert nur 4x bis auf ein Minimum von 59,5 ml unterschritten. Von der vollständigen Benetzung der Proben kann dennoch ausgegangen werden und es ist nicht zu erwarten, dass der geringere Verbrauch die Wirksamkeit der Lösungen beeinträchtigt hat. Bei Verlust einzelner Proben oder deren Kunststoffabdeckung wurde der Versuch fortgeführt, die entsprechenden Proben kamen jedoch nicht zur Auswertung. Zwei Probanden haben den Probenträger versehentlich zu lange dem Erosionsmedium ausgesetzt. In diesen Fällen wurden sämtliche Proben verworfen. Die Probenträger wurden mit neuen Proben bestückt und der jeweilige Durchgang mit Zustimmung des Probanden neu begonnen. Auch nach Berücksichtigung aller verloren gegangenen und/oder beschädigten Proben waren in jedem Durchgang mindestens eine Dentin- und eine Schmelzprobe jedes Probanden auswertbar. Somit lag keine Beeinträchtigung der statistischen Aussagekraft der ermittelten Werte durch Probenverlust vor. 4. Diskussion 31 MESSMETHODE In beiden Versuchen erfolgte die Auswertung sowohl für Schmelz als auch für Dentin profilometrisch. Profilometrie ist eine etablierte Methode um Oberflächenveränderungen quantitativ zu erfassen. Sowohl initiale, als auch fortgeschrittene Substanzverluste können gemessen werden (Schlueter, Hara et al. 2011) Für Schmelz und Dentin kamen zwei unterschiedliche profilometrische Verfahren zum Einsatz. Die Messung im Schmelz erfolgte mit einem optischen Taster (Focodyn, Rodenstock, München, Deutschland). Die Messungen im Dentin wurden mit einem mechanischen Taster durchgeführt (FRW-750, Perthen Mahr, Göttingen, Deutschland). Im Schmelz führen Säureangriffe zu einem oberflächlichen Substanzverlust, wobei nur geringfügige Strukturveränderungen der Oberfläche, nicht jedoch tieferreichende Demineralisationen entstehen (Addy & Shellis 2006). Der Höhenverlust in Relation zur ursprünglichen Oberfläche spiegelt daher relativ genau den tatsächlichen Mineralverlust wider. Der optische Sensor hat durch seine höhere Auflösung dem mechanischen Taster eine etwas größere Präzision voraus. Außerdem kann die mechanische Tastspitze Spuren auf der Oberfläche hinterlassen, was bei einem optischen System ausgeschlossen werden kann. Messungen können daher mit dem optischen Taster beliebig oft wiederholt werden, ohne die Versuchsfläche zu verändern. Die Dentinerosion hat eine komplexere histologische Struktur als die Schmelzerosion. Im Dentin sind Erosionen durch zentripetalen Substanzverlust beginnend im peritubulären Dentin gekennzeichnet. Bei länger andauernder Säureeinwirkung kommt es zur Vergrößerung der Dentintubuli mit Demineralisation des intertubulären Dentins (Meurman, Drysdale et al. 1991; Noack 1989). Es verbleibt eine oberflächliche Schicht komplett entmineralisierten Dentins, die im feuchten Zustand in ihrer Ausdehnung relativ stabil bleibt (Kinney, Balooch et al. 1995). Diese überwiegend aus Kollagen bestehende Schicht muss bei der Messung der Proben berücksichtigt werden. Sowohl mechanische als auch optische Profilometrie wurden auf ihre Eignung als Messmethode für den Mineralverlust von erodiertem Dentin hin untersucht. Als Kontrollverfahren diente die Analyse des Kalziumgehaltes im Erosionsmedium (Ganss, Lussi et al. 2009). Diese Studie zeigte, dass der mit verschiedenen Methoden gemessene Substanzverlust stark variiert. Mit optischer Profilometrie konnten vor Entfernung der organischen Matrix nahezu keine Substanzverluste gemessen werden. Da die Proben feucht gelagert und gemessen wurden, hatte die Matrix das gleiche 4. Diskussion 32 Niveau wie die unerodierte Referenzfläche. Mit mechanischer Profilometrie wurden größere Substanzverluste gemessen, da der mechanische Taster in die Matrix einsinkt. Es wurde jedoch beobachtet, dass der Taster auch bei kurzen Erosionszeiten und damit geringer Schichtdicke der Matrix nicht bis zur Demineralisationsfront vordringt. Nach längeren Erosionszeit und größerer Schichtdicke der Matrix kam diese Ungenauigkeit noch deutlicher zum Tragen. Die Eindringtiefe des Tasters war nicht proportional zum Substanzverlust, der tatsächliche Substanzverlust kann daher nicht über die Eindringtiefe des Tasters berechnet werden. Nach enzymatischer Entfernung der Matrix konnten sowohl optische als auch mechanische Profilometrie vergleichbare Ergebnisse liefern, die recht genau den tatsächlichen Mineralverlust widerspiegelten. Bei Vermessung von Proben mit großen Substanzverlusten fiel auf, dass der optische Taster tendenziell geringere Substanzverluste ermittelte als der mechanische. Es wird vermutet, dass diese Ungenauigkeit durch das Verbleiben organischer Rückstände verursacht wird, die durch den mechanischen Taster jedoch verdrängt werden. Auch eine aktuelle systematische Untersuchung belegt die Eignung dieser Messmethode (Schlueter, Jung et al. 2016). Die Messung der Dentinproben in den vorliegenden Versuchen erfolgte daher nach enzymatischer Entfernung der organischen Matrix mit Hilfe mechanischer Profilometrie. Da vermutet wird, dass es bei Dentin durch den vergleichsweise hohen Anteil an organischen Komponenten und Wasser durch Austrocknung zu Schrumpfungsprozessen kommen kann (Attin, Becker et al. 2009; Schlueter, Jung et al. 2016), wurden die Messungen an feuchtem Dentin durchgeführt. Dazu wurde vor jeder Messung ein Tropfen Aqua dest. auf die Probenoberfläche gegeben und dort für exakt 30 Sekunden belassen. Danach wurde der Wassertropfen mit einem saugfähigen Tuch entfernt, ohne die Probenoberfläche zu berühren und im direkten Anschluss die erste Spur gemessen. Diese Prozedur wurde vor jeder Messung wiederholt. ERGEBNISSE Sowohl in vitro als auch in situ konnte ein Substanzverlust geeigneter Größenordnung erreicht werden. Dies entspricht den Vorhersagewerten, die durch den Vergleich vorhergehender Studien mit Labor und Probandenversuchen ermittelt wurden (Schlueter, Klimek et al. 2009a; Schlueter, Klimek et al. 2009b; Schlueter, Klimek et al. 2011). Interessant sind die Unterschiede, die der Einfluss der NaF-Lösung auf den Substanzverlust in den beiden unterschiedlichen Versuchsmodellen hatte. 4. Diskussion 33 Effekte der NaF-Lösung im Schmelz Die NaF-Lösung hatte im in vitro Versuch bei Schmelz mit einer Reduktion des Substanzverlustes um 6,2% im Vergleich zur Negativkontrollgruppe, keinen Effekt. In situ dagegen wurde nach Anwendung der NaF-Lösung ein um 19,1% signifikant geringerer Substanzverlust als in der Negativkontrollgruppe gemessen. Um diese Unterschiede zu erklären, muss zunächst die Wirkung von Fluoriden auf Zahnhartsubstanzen betrachtet werden. Diese wurde vor allem in Bezug auf die Kariesprophylaxe untersucht (Brambilla E. 2001). Eine 36 Studien umfassende Metaanalyse befasste sich zum Beispiel mit der protektiven Wirkung von fluoridhaltigen Mundspüllösungen bei Jugendlichen, die eine deutlich kariespräventive Wirkung dieser Fluoridierungsmaßnahme zeigen konnte (Marinho, Higgins et al. 2003). Da es sich bei beiden Formen des Substanzverlustes prinzipiell um Mineralverlust durch Säureeinwirkung handelt, ist eine ähnliche Wirkung von Fluoriden auch auf Erosionen naheliegend. Entsprechend wurden Empfehlungen zur Erosionstherapie und - prävention mit NaF-haltigen Produkten formuliert (Imfeld 1996). Auch aktuellere Studien konnten eine prinzipielle protektive Wirkung von Fluoriden nachweisen (Huysmans, Young et al. 2014). Erosive Läsionen unterscheiden sich jedoch nicht nur in Bezug auf ihre Ätiologie, sondern auch in ihrer histologischen Struktur grundsätzlich von kariösen Läsionen. Bei initialen kariösen Läsionen liegt die demineralisierte Zone unterhalb einer pseudointakten Oberfläche. Eine Remineralisation des Läsionskörpers ist in einem gewissen Maß möglich. Im Gegensatz dazu ist die Schmelzerosion durch einen oberflächlichen, zentripetal fortschreitenden Substanzverlust gekennzeichnet, so dass eine strukturell veränderte Oberflächenschicht mit einer Tiefe von nur wenigen Mikrometern verbleibt (Zentner & Duschner 1996). Eine Remineralisation durch Fluorideinwirkung kann daher bestenfalls im Sinn einer Re-Präzipitation stattfinden, größere Defekte werden nicht repariert. Da Fluoride dennoch eine antierosive Wirkung besitzen, müssen andere Wirkungsmechanismen als bei Karies vorliegen. In einer in vitro Studie (Petzold 2001) konnte gezeigt werden, dass sich nach Applikation von sauren NaF- oder AmF-haltigen Lösungen sehr schnell globuläre Präzipitate bilden. Diese bestehen aus CaF2-ähnlichem Material. Sie behindern das direkte Einwirken der Säuren auf die Zahnhartsubstanz und können somit den Verlust von Zahnmineralien verzögern. Sie sind jedoch relativ leicht säurelöslich, so dass ein klinisch relevanter, protektiver Effekt nur durch häufige Applikationen unter milden erosiven Bedingungen eintritt. 4. Diskussion 34 Die Bildung dieser Präzipitate ist pH-Wert abhängig. Je saurer die Fluoridlösung ist, desto ausgeprägter ist die sich bildende Präzipitatschicht (Saxegaard & Rølla 1988). Da sowohl die NaF-Lösung als auch die SnCl2/NaF/AmF-Lösung aus diesem Grund auf den gleichen pH Wert von 4,5 eingestellt wurden, dürfte es von daher zu keinen Unterschieden in der Wirksamkeit gekommen sein. Von besonderem Interesse ist die Stabilität dieser CaF2-ähnlichen Präzipitate, welche sich unter in situ und unter in vitro Bedingungen unterscheidet (Ganss, Schlueter et al. 2007). Nach initialer Fluoridierung wurden Schmelzproben entweder zyklisch de- und remineralisiert (in situ und in vitro) oder ohne weitere Manipulation in Remineralisationslösung aufbewahrt, beziehungsweise in intraoralen Haltern von Probanden getragen. Die Versuchsdauer lag dabei jeweils bei 4 Tagen im in vitro Versuch bzw. bei 7 Tagen in der in situ Studie. Die Menge an auf den Proben vorhandenem Fluorid wurde zu verschiedenen Zeitpunkten bestimmt. Es wurde festgestellt, dass in der in situ Studie trotz der längeren Versuchsdauer auf den erodierten Proben deutlich länger und in größeren Mengen Fluorid nachweisbar war als im in vitro Versuch. Die in der vorliegenden in situ Studie erzielte, im Vergleich zum in vitro Versuch gesteigerte Wirkung der NaF-Lösung erscheint vor diesem Hintergrund plausibel. Applikationsformen Ein Einfluss der Applikations- und Darreichungsform auf die Wirksamkeit von protektiven Agentien ist grundsätzlich denkbar. Verschiedene Arbeitsgruppen verwendeten z.B. fluoridhaltige Lacke um den erosiven Substanzverlust zu reduzieren (Vieira A, Jager DH et al. 2007). Die verwendeten Konzentrationen von z.B. 2,26% F- (Sorvari R, Meurman JH et al. 1994) konnten eine deutliche Reduktion der Substanzverluste erzielen. Da Erosionen jedoch durch frequente Säureeinwirkungen mit niedrigem pH-Wert verursacht werden, erscheint die Anwendung von Lacken als zahnarztbasierte Maßnahme wenig vielversprechend. Fluoride können auch zu Getränken, etwa Milch (Magalhaes, Levy et al. 2014), aber auch zu erosiven Getränken (Sorvari 1989) zugesetzt werden. Die Wirksamkeit dieser Verabreichungsform konnte bestätigt werden, jedoch waren dazu relativ hohe Fluoridkonzentrationen notwendig, welche aufgrund des Risikos von Nebenwirkungen wie Skelettfluorosen oder Fluoridintoxikationen als Zusatz zu regelmäßig konsumierten Lebensmitteln nicht praktikabel erscheinen. 4. Diskussion 35 Zahnpasten sind ein gut akzeptiertes und weitverbreitetes Produkt der häuslichen Mundhygiene. Die einfache und gewohnheitsmäßige Anwendung lassen Zahnpasten als optimales therapeutisches Medium erscheinen. Tatsächlich konnte nach Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasten im Gegensatz zu fluoridfreien Zahnpasten eine Reduktion des Zahnhartsubstanzverlustes durch Säureeinwirkung beobachtet werden (Bartlett DW, Smith BG et al. 1994). Allerdings ist zu beachten, dass in diesem Versuch die Applikation der Paste mit Bürstabrasion verbunden war. In weiteren Versuchen konnte sowohl in vitro als auch in situ durch Anwendung fluoridhaltiger Zahnpasten der säurebedingte Substanzverlust reduziert werden. Die Zahnproben waren dabei einem zyklischen De- und Remineralisationsmodell ausgesetzt, wurden jedoch nicht gebürstet (Ganss, Klimek et al. 2001; Ganss, Klimek et al. 2004a). Eine weitere mögliche Applikationsform mit breiter Akzeptanz in der Bevölkerung sind Mundspüllösungen. Auch sie sind für die regelmäßige, häusliche Anwendung geeignet. Bereits in vorangegangenen Versuchen wurden fluoridhaltige Lösungen erfolgreich verwendet. So wurden beispielsweise in einem Versuch Schmelzproben 6 x 2 Minuten täglich erodiert und 6 x 2 Minuten mit verschiedenen Testlösungen behandelt. Unter diesen vergleichsweise milden Versuchsbedingungen mit häufiger Applikation hat eine Lösung mit 250 ppm F- aus NaF zu einer Reduktion des Mineralverlusts um 70% geführt (Ganss, Schlueter et al. 2008). Die Wirkstoffapplikation in Form von Spüllösungen ist also grundsätzlich geeignet und kam daher in den Versuchen dieser Arbeit zum Einsatz. Auffällig ist, dass die Natriumfluoridlösung in der in situ Studie bei einigen Probanden zu einer deutlich höheren Reduktion des Substanzverlustes geführt hat als bei anderen. Untersuchungen belegen, dass bei der Entwicklung von Erosionen nicht allein die Art der Säureeinwirkung für die individuellen Unterschiede des Verlaufs verantwortlich ist, sondern möglicherweise auch Varianten von Genen, die die Struktur und Mineralisation von Schmelz regulieren und damit die Säurelöslichkeit des Schmelzminerals beeinflussen (Uhlen, Stenhagen et al. 2016). Ein weiterer wichtiger Faktor, der die individuelle Prädisposition für Erosionen, aber auch die Wirksamkeit der Spüllösungen modulieren könnte, ist der Speichel. Dieser hat zunächst eine wichtige Spülfunktion. Durch gesteigerten Speichelfluss werden Säuren verdünnt und dadurch die Dauer und Intensität der pH-Wertabsenkung reduziert (Dawes & Kubieniec 2004). 4. Diskussion 36 Der menschliche Speichel enthält weiterhin anorganische Bestandteile wie (H2CO3)/Hydrogenkarbonat (HCO3), Dihydrogenphosphat (H2PO4 -) /Hydrogenphosphat (HPO4 2-), Kalzium (Ca2+) oder Fluorid (F-) welche den Sättigungsgrad in Bezug auf Zahnmineral und die Pufferkapazität bestimmen. Letztere bestimmt die Intensität und Verweildauer aktiver Säuren in der Mundhöhle (Hara, Lussi et al. 2006). Im Gegensatz zu den verschiedenen, in in vitro Versuchen gebräuchlichen Remineralisationslösungen, enthält menschlicher Speichel zusätzlich zu den anorganischen Bestandteilen zahlreiche Proteine. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Bildung eines Pellikels auf Zahnoberflächen (Lendenmann, Grogan et al. 2000). Das Pellikel hat eine essentielle Schutzwirkung gegenüber Säureangriffen (Hannig, Fiebiger et al. 2004; Hara, Lussi et al. 2006). indem es beispielsweise den Transport anorganischer Ionen modifiziert (Zahradnik 1979). Eine besondere Rolle spielen die im Speichel enthaltenen Muzine. Diese wurden auch auf ihre Fähigkeit, Erosionen zu reduzieren oder zu verhindern, hin untersucht. Zahnproben wurden in menschlichem Speichel unterschiedlichen Muzingehaltes gelagert und nach Bildung des Pellikels das Entstehen erosiver Läsionen beobachtet. Es konnte festgestellt werden, dass die Läsionstiefe der Proben, die mit muzinreduziertem beziehungsweise muzinfreiem Speichel behandelt wurden, deutlich vergrößert war (Baumann, Kozik et al. 2016; Nieuw Amerongen, Oderkerk et al. 1987). Die individuelle Zusammensetzung des Speichels nimmt also entscheidenden Einfluss auf die De - und Remineralisationsprozesse in der Mundhöhle sowohl im Schmelz als auch im Dentin. Dies muss insbesondere dann berücksichtigt werden, wenn entweder die Ätiologie der Erosionen unklar, oder die Erosionsursache nicht zu beseitigen ist. Effekte der Testlösung im Schmelz Die Prophylaxe und Therapie von Erosion alleine auf Basis von Fluorid erscheint gerade bei hohem individuellem Risiko wenig erfolgversprechend Daher wurde die Wirkung von Fluoriden in Kombination mit einer Reihe unterschiedlicher, polyvalenter Metallkationen untersucht. Schmelzproben wurden zyklisch de- und remineralisiert und mit verschiedenen Testlösungen behandelt. Die Häufigkeit und Dauer der Anwendung sowie die Demineralisationszeiten variierten. Es stellte sich heraus, dass unter milden erosiven Bedingungen sowohl zinn- als auch titanhaltige Lösungen den Substanzverlust nahezu komplett verhindern konnten. Die ebenfalls untersuchte kupferhaltige Lösung zeigte nahezu keinen Effekt. Bei erosiveren Bedingungen waren 4. Diskussion 37 die zinnhaltigen den titanhaltigen Mundspüllösungen überlegen (Schlueter, Duran et al. 2009). Als weiteres, möglicherweise relevantes Agens wurde Titan in einer Reihe von Studien auf seine antierosive Wirkung im Vergleich zu Fluoriden hin untersucht. Es stellte sich heraus, dass durch die einmalige Applikation von TiF4-haltigen Lösungen oder Lacken eine deutliche Reduktion des Mineralverlustes erzielt werden konnte. Die Wirksamkeit war dabei jedoch sehr stark abhängig vom pH-Wert des verwendeten Produktes. Dabei zeigten Produkte mit einem natürlichen pH von 1,2 eine protektive Wirkung, bei einem auf 3,5 gepufferten pH-Wert konnte nahezu keine Wirkung mehr festgestellt werden (Magalhaes, Kato et al. 2008; Wiegand, Magalhaes et al. 2009; Wiegand, Waldheim et al. 2009). Für die häusliche Anwendung ergibt sich anhand dieser Ergebnisse keine Indikation. Zinn wurde wie Fluorid bereits in Bezug auf Kariesprävention untersucht (Muhler 1958) und schien auch in der Erosionsprävention und -therapie ein vielversprechender Wirkstoff zu sein. Eine Studie, in der verschiedene Kombinationen von Fluoriden mit oder ohne Zinn und eine reine Zinnchloridlösung untersucht wurde, ergab, dass Zinnchlorid tatsächlich eine deutliche antierosive Wirkung besitzt (Ganss, Schlueter et al. 2008). Wirkmechanismus von Zinn Ein möglicher Wirkmechanismus der zinnhaltigen Produkte besteht in der Auflagerung von zinnhaltigen, säurestabilen Schutzschichten. Bei der Reaktion von Zinn mit Hydroxylapatit können unterschiedliche Präzipitate, etwa Sn2(PO4)OH, Sn3F3PO4, Ca(SnF3)2, CaF2, Sn(OH)2, Sn3F3PO4, Sn2(OH)PO4, Sn3F3PO4, SnHPO4 entstehen (Babcock, King et al. 1978; Hercules & Craig 1978; Krutchkoff, Jordan et al. 1972; Nelson & Bainbridge 1973). Die Bildung dieser Präzipitate ist von mehreren Faktoren, wie pH-Wert, Konzentration, Einwirkdauer, Art der der Fluoridkomponente und das F/Sn Verhältnis des einwirkenden Agens abhängig. Es konnten zum Beispiel auf unerodierten, mit SnF2 behandelten Schmelzproben oberflächliche Auflagerungen beobachtet werden, die auch nach 3 x 2-minütiger Säureexposition (0,01 M HCl; pH 2,0) noch nachweisbar waren (Hove, Holme et al. 2006). In einer weiteren Studie wurden oberflächliche Auflagerungen auf zuvor erodierten und anschließend mit zinnhaltigen Testlösungen behandelten Schmelzoberflächen gefunden. Diese waren auch nach einer zweiminütigen Inkubation in Zitronensäure (pH 2,3) noch sichtbar (Ganss, Schlueter et al. 2008). Auflagerungen, 4. Diskussion 38 die nach Applikation zinnhaltiger Lösungen entstehen, verfügen also nachweislich über eine erhebliche Säurestabilität. Um weitere Wirkmechanismen zinnhaltiger Lösungen zu untersuchen, wurden in einem in vitro Versuch Schmelzoberflächen mit unterschiedlich konzentrierten zinnhaltigen Lösungen behandelt. Die Proben wurden dabei entweder zyklisch de- und remineralisiert oder blieben vor Applikation der Testlösungen unbehandelt. Elektronenmikroskopisch konnten bei allen Gruppen Präzipitate nachgewiesen werden. Die Präzipitate waren amorph gestaltet und hatten nicht das typische globuläre Aussehen von kalziumfluoridähnlichen Niederschlägen. Mit energiedispersiver Röntgenspektroskopie (EDX) konnte Zinn in diesen Auflagerungen nachgewiesen werden. In Querschnitten der zyklisch de- und remineralisierten Schmelzproben wurden elektronenmikroskopisch auffällige Strukturveränderungen in der oberflächlichen Schmelzschicht nachgewiesen. Die Dicke der veränderten Schicht stieg dabei proportional zur Zinnkonzentration der verwendeten Lösung auf bis zu 20 µm an. Durch EDX konnte in den Schmelz eingelagertes Zinn nachgewiesen werden. In den zuvor nicht erodierten, nur mit den Testlösungen behandelten Proben wurde keine Inkorporation von Zinn festgestellt. Sowohl die Bildung amorpher, zinnhaltiger Präzipitate auf unbehandelten Schmelzoberflächen als auch die Schichtdicke einer zinnhaltigen Oberflächenschicht war abhängig von der verwendeten Zinnkonzentration und stieg mit steigender Zinnkonzentration an (Schlueter, Hardt et al. 2009). Daraus kann abgeleitet werden, dass die antierosive Wirkung von Zinn nicht allein durch die Bildung säurestabiler Auflagerungen auf der Zahnoberfläche verursacht wird, sondern insbesondere unter erosiven Bedingungen durch eine Modifikation der Säurelöslichkeit der oberen Schmelzschichten bedingt ist. In einer vorangegangenen in situ Studie konnte gezeigt werden, dass bei der Anwendung von zinnhaltigen Testlösungen interindividuelle Unterschiede des oralen Milieus eine geringere Rolle zu spielen scheinen als bei Anwendung von NaF- Lösungen (Schlueter, Klimek et al. 2009b). Im vorliegenden in situ-Versuch konnte diese vielversprechende Beobachtung bestätigt werden, denn die Reduktion des Substanzverlustes unterlag bei den einzelnen Probanden nach Gebrauch der zinnhaltigen Testlösung deutlich geringeren Schwankungen als nach Anwendung der NaF-Lösung. Die geringe Löslichkeit der entstandenen Präzipitate ist offenbar unabhängiger von biologischen Faktoren, was den therapeutischen Effekt gut vorhersehbar macht. 4. Diskussion 39 Erosionen des Dentins Schmelz und Dentin unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Säureresistenz. Dies verdeutlicht der, im Vergleich zum Schmelz, deutlich höhere Substanzverlust von Dentin in den Negativkontrollgruppen. Da es vor allem bei Patienten mit fortgeschrittenen Erosionen zur Freilegung des Dentins kommen kann, war es in dieser Studie von besonderem Interesse, die Wirksamkeit der zinnhaltigen Testlösung nicht nur für Schmelz, sondern auch für Dentin zu untersuchen. Speziell in Bereichen, in denen der Schmelzmantel relativ dünn ist, etwa im Bereich des Zahnhalses, wird Dentin auch bei relativ gering ausgeprägten Erosionen früh exponiert, sodass die Beteiligung koronalen Dentins bei Erosionspatienten häufig ist. Da ab Erreichen der Schmelz-Dentingrenze mit einem beschleunigten Substanzverlust gerechnet werden muss, profitieren diese Patienten von einem Produkt welches auch eine gute Wirksamkeit im Dentin zeigt. Unterschiede in der histologischen Struktur der Gewebe beeinflussen die Erosionsprozesse entscheidend (Ganss, Lussi et al. 2014b; Shellis, Featherstone et al. 2014). Im Schmelz handelt es sich beim Fortschreiten von Erosionen um einen linearen, zentripetal voranschreitenden Prozess. Im Dentin kommt es jedoch mit zunehmender Erosionsdauer zu einem nicht-linearen Verlauf des Substanzverlustes. Wie bereits in der Diskussion der Messmethode angedeutet, verbleibt nach Säureeinwirkung auf der Dentinoberfläche eine organische Matrix (Ganss, Lussi et al. 2014a; Kinney, Balooch et al. 1995). Diese Diffusionsbarriere beeinflusst das Fortschreiten einer Dentinerosion zumindest in vitro entscheidend (Ganss, Klimek et al. 2004b; Vanuspong, Eisenburger et al. 2002). Etwa 90% der organischen Matrix bestehen aus Kollagen (Linde 1989). Unter dieser kollagenen Schicht schreitet die Demineralisation bei anhaltender Säureeinwirkung voran. Dabei wird das Kollagengeflecht weiter freigelegt, sodass eine dicker werdende Diffusionsbarriere entsteht. Säuren müssen also zunächst durch diese hindurchdiffundieren, bevor sie das daruntergelegene mineralisierte Gewebe erreichen. Dies führt zu einer Verringerung des pH-Wertabfalls an der Demineralisationsfront mit zunehmender Erosionsdauer. Zusätzlich verhindert die Matrix den raschen Abtransport von gelöstem Zahnmineral wodurch der Sättigungsgrad ansteigt. Beide Faktoren verursachen den nicht-linearen Erosionsverlauf, der für Dentinerosionen typisch ist. Entsprechend konnte nachgewiesen werden, dass der säurebedingte Mineralverlust im Dentin deutlich ansteigt, wenn die Matrix entfernt wird (Ganss, Lussi et al. 2010; Hara, Ando et al. 2005). 4. Diskussion 40 Die organische Matrix verlangsamt zwar die Erosionsvorgänge, dennoch waren die Substanzverluste in vitro der Negativkontrollgruppe im Dentin (92,6 ± 8,8 µm) höher als im Schmelz (74,1 ± 12,1 µm). Auch in situ waren die Verluste dieser Gruppe im Dentin mit 43,9 ± 9,2 µm höher als im Schmelz (28,2 ± 6,1 µm). Der höhere Mineralverlust im Dentin trotz des Vorhandenseins der schützenden Matrix erklärt sich aus der unterschiedlichen histologischen Struktur von Dentin und Schmelz (Lussi, Schlueter et al. 2011). Schmelz besteht zu etwa 87 vol% aus Hydroxylapatit. Die übrigen 13% setzen sich aus etwa 2 vol% organischen Bestandteilen und Wasser zusammen. Dentin hingegen besteht zu etwa 47 vol% aus Hydroxylapatit. Der organische Anteil beträgt 33 vol% und besteht zum größten Teil aus Kollagen Typ I. Der Wasseranteil des Dentins wird mit 21 vol% angegeben. Man kann zwischen stark mineralisiertem, peritubulärem Dentin und weniger stark mineralisiertem, intertubulärem Dentin unterscheiden. Die mineralischen Bestandteile des Dentins enthalten einen höheren Anteil an Carbonatgruppen als die des Schmelzes, welche eine erhöhte Säurelöslichkeit des Apatits zur Folge haben. Die Apatitkristalle des Dentins sind außerdem deutlich kleiner und weniger dicht gepackt als die des Schmelzes. Vor allem das intertubuläre Dentin besteht überwiegend aus kalzifiziertem Kollagen und dazwischen angeordneten, unvollständigen Apatitkristallen. Auch steigen Anzahl und Durchmesser der Dentintubuli von der Schmelz-Dentingrenze zu den pulpanahen Schichten kontinuierlich an. Dies vergrößert im Dentin die Oberfläche im Verhältnis zur Masse und macht es für Säuren leichter angreifbar (Featherstone & Lussi 2006). Effekte der NaF-Lösung im Dentin Die Struktur des Dentins und die organische Matrix haben jedoch nicht nur Einfluss auf die Säureeinwirkung sondern auch auf Wirkstoffeffekte. Die Natriumfluoridlösung konnte den Substanzverlust in vitro um fast 40% und in situ um etwa 23% verglichen mit der Negativkontrollgruppe reduzieren, damit waren die Effekte besonders unter in vitro Bedingungen deutlich besser als bei Schmelz. Dass die Effekte von Wirkstoffen durch die entmineralisierte Matrix modifiziert werden, konnte bereits gezeigt werden (Ganss, Lussi et al. 2010). In diesen Versuchsreihen wurden Dentinproben sechsmal pro Tag für zwei Minuten mit 0,05 molarer Zitronensäure (pH 2,3) erodiert. Es wurden verschiedene Testlösungen ebenfalls sechsmal pro Tag für zwei Minuten appliziert. Die untersuchten Testlösungen waren unter anderem eine NaF-Lösung (250 ppm F-), eine AmF-Lösung (250 ppm F-) und eine AmF/NaF-Lösung (250 ppm F-). In einem ersten 4. Diskussion 41 Versuch wurde die entmineralisierte organische Matrix lediglich am Ende des Versuchs vor der profilometrischen Auswertung entfernt. In einem nachfolgenden Versuch wurde die Matrix, bei ansonsten identischen Versuchsbedingungen, während des Versuchs kontinuierlich enzymatisch degradiert. In diesem zweiten Versuch, in dem sich keine ausgeprägte organische Matrix bilden konnte, waren nicht nur die Substanzverluste generell signifikant höher als im ersten Versuch. Es konnte außerdem nachgewiesen werden, dass die Effekte von Natrium- und Aminfluorid in Abwesenheit der kollagenen Schicht deutlich geringer waren und dass das Kation der Fluoridverbindung (Aminrest oder Na 2+) eine effektmodulierende Wirkung zu haben scheint. Umgekehrt waren die Wirkstoffeffekte unter Erhaltung der Matrix und unabhängig von der Fluoridverbindung (Amin- oder Natriumfluorid) deutlich besser. Diese Unterschiede erklären sich durch die unterschiedlichen Einwirkbedingungen. Bei bestehender Matrix sind die erosiven Bedingungen, wie oben schon ausgeführt, deutlich milder, sodass auch grundsätzlich weniger wirksame Wirkstoffe wie Amin- oder Natriumfluorid einen Effekt haben können. Weiterhin stellt die Matrix möglicherweise ein Diffusionshindernis für den relativ großen Aminrest dar, sodass die effektbestimmende Größe lediglich in der Konzentration von Fluoridionen an der Demineralisationsfront zu sehen ist. Die vorliegenden Ergebnisse entsprechen etwa den Effekten, die im oben genannten Versuch ohne Entfernung der Matrix beobachtet wurden. Effekte der Testlösung im Dentin Im vorliegenden in vitro Versuch reduzierte die zinnhaltige Testlösung den Substanzverlust im Dentin gegenüber der Negativ-Kontrolle um fast 53%. Sie war damit effektiver als die Natriumfluoridlösung, jedoch weniger effektiv als im Schmelz. In situ konnte die Testlösung den Substanzverlust um 47% reduzieren und war damit etwas weniger effektiv als in vitro aber immer noch effektiver als die Natriumfluoridlösung. Generell lagen die Effekte der zinnhaltigen Lösungen auch für Dentin in therapeutisch relevanter Größenordnung. Auch die antierosive Wirkung von Zinn wird durch die Anwesenheit der freigelegten Dentinmatrix beeinflusst, wie schon in dem bereits zuvor beschriebenen Versuch gezeigt werden konnte (Ganss, Lussi et al. 2010). Denkbar wäre beispielsweise eine Interaktion von Sn2+ mit bestimmten nicht- kollagenen Proteinen. Diese Proteingruppe macht etwa 10% der organischen 4. Diskussion 42 Dentinmatrix aus und unterteilt sich in Phosphoproteine, Proteoglycane, verschiedene saure Glycoproteine und Serumproteine. Die nicht-kollagen Proteine spielen vermutlich bei der Mineralisation von Dentin eine entscheidende Rolle, da sie die Interaktionen von anorganischen Ionen (z.B. Ca2+) mit Kollagen vermitteln (Linde 1989). Die positiv geladenen Komponenten der Spüllösungen, insbesondere Sn2+ könnten durch diese in der organischen Matrix gebunden werden und dort ein Reservoir bilden. Diese Annahme konnte durch Elementanalysen bei Dentinproben, die erodiert und unter Entfernen oder Belassen der organischen Matrix mit verschieden konzentrierten zinnhaltigen Lösungen behandelt worden waren (Ganss, Hardt et al. 2010), zumindest für höhere Zinnkonzentrationen erhärtet werden. Wurden die Proben erodiert und die sich entwickelnde Matrix belassen, fand sich sowohl auf deren Oberfläche als auch über deren gesamte Dicke eine deutliche Zinnanreicherung. Ebenso konnte Zinn auch in den darunter angrenzenden mineralisierten Dentinbereichen nachgewiesen werden. Dabei war die Menge an Zinn, die im mineralisierten Dentin unterhalb der Matrix gefunden wurde, unabhängig von der Zinnkonzentration der angewendeten Lösungen. Damit scheint die Affinität des Zinns zu den anorganischen Anteilen des Dentins stärker zu sein als zu den organischen. Wurde die Matrix kontinuierlich entfernt fanden sich amorphe Präzipitate mit relativ hohen Zinnmengen auf der Oberfläche, Zinn scheint sich jedoch im Gegensatz zu Schmelz nur begrenzt in tiefere Gewebeschichten einzulagern. In den vorliegenden Versuchen wurde die organische Matrix belassen, da es gegenwärtig kein Verfahren zur kontinuierlichen Entfernung in in situ Studien gibt. Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung müssen dementsprechend vorsichtig interpretiert werden, lassen aber eine optimistische Bewertung der auch unter diesen Umständen effektiven zinnhaltigen Testlösung zu. Histologische Struktur von in vivo Erosionen Die kollagene Matrix wird auch in vivo demineralisiert und gegenüber dem Mundhöhlenmilieu exponiert. Klinisch erscheint die Oberfläche von Dentinerosionen jedoch bei Sondieren hart und unterscheidet sich damit von experimentellen Erosionen, deren Oberfläche resilient und eindrückbar erscheint. In vivo Erosionen entstehen im Gegensatz zu experimentellen Erosionen offenbar unter Bedingungen, die die Entwicklung nennenswerter demineraliserter organischer Strukturen verhindern. Zunächst liegt die Vermutung nahe, dass die freiliegende Kollagenschicht durch die mechanischen Einwirkungen, denen die Zahnoberflächen in der Mundhöhle ausgesetzt 4. Diskussion 43 sind, wie das Zerkleinern der Nahrung oder die tägliche Mundhygiene, zerstört wird. Die organische Matrix hat sich jedoch als erstaunlich stabil gegenüber mechanischen Einflüssen erwiesen. In einem in vitro Versuch in dem Dentinproben über 9 Tage für 6x2 Minuten täglich mit HCl erodiert und mit verschiedenen Bürstdrücken (Auflagegewicht 200, 300 und 400 g) gebürstet wurden (Ganss, Hardt et al. 2009), konnte gezeigt werden, dass die organische Matrix durch mechanische Einwirkungen, wie sie beispielsweise beim Zähneputzen entstehen können, nicht entfernt wird. Neben mechanischen Einwirkungen sind Zahnoberflächen jedoch auch einer Vielzahl von Enzymen ausgesetzt, die demineralisiertes Kollagen degradieren können. Dies wird beispielsweise bei Patienten, die an Bulimie oder Refluxerkrankungen leiden, deutlich. Bei diesen Erkrankungen gelangt regelmäßig Mageninhalt in die Mund