Marita Baumgarten Vom Gelehrten zum Wissenschaftler - oder: Die Entstehung der heutigen Universität am Beispiel der Ludoviciana in Gießen* Unter der Überschrift „Die Umgestaltung Wie vollzog sich dieser Wandel sozialge- der Universitäten im 19. Jahrhundert" schichtlich? schrieb der Berliner Philosoph Friedrich Wann und wie hat eine kleine Hochschule Paulsen bereits um die Jahrhundertwen- wie die Ludwigs-Universität in Gießen de: „die Universität in dem heutigen Sinne diesen Wandel verarbeitet? ist erst im 19. Jahrhundert entstanden". 1 Welchen Standort und welche Funktion Dieser Satz gilt trotz allgemeiner und hatte eine Universität in der Größenord- hochschulinterner Veränderungen auch nung von Gießen innerhalb der Universi- für unsere heutige Universität und deutet tätslandschaft des Deutschen Reiches im weiterhin auf den wichtigsten Umbruch 19. und beginnenden 20. Jahrhundert? der gesamten deutschen Universitätsge- schichte vom Mittelalter bis zur Gegen- Zum historischen Hintergrund wart hin. Auf wissenschaftsgeschichtli- cher Ebene war es im wesentlichen die Waren die ersten mittelalterlichen Univer- Verknüpfung von Lehre und Forschung, sitäten noch weitgehend autonome, „eu- durch die sich eine verschulte Lehranstalt ropäische" Anstalten gewesen, so hatte im zu einem auf Forschung basierenden Alten Reich die wachsende Selbständig- Lehr- und Wissenschaftsbetrieb weiter- keit der deutschen Territorien diese U nab- entwickelte. Sozialgeschichtlich brachte hängigkeit schrittweise eingeschränkt. dieser Wandel einen neuen Professoren- Das Zeitalter der Reformation und mit typ hervor, der als spezialisierter Wissen- ihm das Recht des Landesherrn, in seinem schaftler und Forscher die gegenwärtige Land die Konfession zu bestimmen, hatte Universität kennzeichnet und den enzy- diese Entwicklung beschleunigt und die klopädisch gebildeten Gelehrten ablöste. Hochschulen zu territorialen Institutio- Im folgenden soll diese Umgestaltung des nen absinken lassen. Als „Landesuniversi- deutschen Hochschulwesens im 19. Jahr- täten" dienten sie nunmehr in erster Linie hundert unter folgenden Fragestellungen zur Ausbildung der einheimischen (prote- behandelt werden: stantischen) Pfarrer und der höheren Be- Was unterschied die neue von der alten amtenschaft. Diese Nutzungsmöglichkeit Universität? führte zu einer Gründungswelle von Uni- versitäten. Auch die vom hessen-darm- * Der Aufsatz faßt die wichtigsten Ergebnisse von städtischen Landgrafen im Jahre 1607 ge- M. Baumgartens Magisterarbeit mit dem Titel „Vom Gelehrten zum Wissenschaftler. Studien stiftete Universität in Gießen war eine ty- zum Lehrkörper einer kleinen Universität am Bei- pische Unversitätsgründung des konfes- spiel der Ludoviciana Gießen (1815-1914)" zu- sionellen Zeitalters. In Abgrenzung zum sammen, die 1988 mit dem Universitätspreis für benachbarten calvinistischen Marburg Arbeiten zur Geschichte der Universität Gießen ausgezeichnet wurde. Die Untersuchung ist auf ging es im wesentlichen um die Heranbil- Anregung und unter der Betreuung von Prof. Dr. dung von im rechten, lutherischen Glau- P. Moraw entstanden. ben erzogenen Pfarrern und Beamten. 63 Die Einengung durch Landesstaat und gemeine Menschenbildung" angestrebt. Bekenntnis äußerte sich innerhalb der Dies bedeutete in erster Linie eine Auf- Universität in der Erstarrung der Lehrin- wertung der bis dahin geringgeschätzten halte und -formen. Die Professoren be- Geistes- und Naturwissenschaften, die schränkten sich in ihren Veranstaltungen dann im 19. Jahrhundert von ihrer wissen- weithin auf das Vorlesen oder Diktieren schaftsgeschichtlichen Bedeutung her die aus Standardwerken, während der Stu- Führungsrolle übernehmen sollten. dent den vorgegebenen Stoff auswendig- Konnten auch manche dieser Ziele nicht zulernen und sich im Disputieren zu üben verwirklicht werden, bzw. nahm die von hatte. Dies war die Regel - auch an der Berlin ausgehende Entwickung eine ande- Ludwigs-Universität in Gießen. In Hes- re Richtung, als es die Reformer vorgese- sen-Darmstadt galt nach einer Notiz aus hen hatten, so wurden von den anderen dem Jahre 1793: „Die theologischen Kan- Universitäten drei Komponenten allge- didaten, die gute Schulkenntnisse im mein angenommen: zunächst die Verbin- Schönschreiben, Rechnen, Singen und dung von Lehre und Forschung in einer Orgelspielen haben und Schulstellen an- Institution, zweitens die Zweckfreiheit der nehmen, sind bei der Besetzung von Pfarr- Forschung (akademische Freiheit) und stellen zu bevorzugen." 2 drittens die Trennung von Gymnasium Herausgefordert durch die heftige Kritik und Universität und die dadurch bedingte der Universitätsgegner, die in erster Linie Freistellung der Philosophischen Fakultät den Mangel an befruchtender For- von ihrer propädeutischen Funktion. Die- schungstätigkeit anprangerten, gelangen ses Substrat des Neuen haben die anderen mit den Universitätsgründungen des Auf- deutschen Universitäten unterschiedlich klärungszeitalters in Halle (1696) und vor aufgenommen und verarbeitet. Langfri- allem in Göttingen (1734/37) richtungwei- stig führte die Konfrontation zu einer um- sende Neuansätze. Hier wurde erstmals fassenden Neugestaltung der Hochschul- Zensur- und Lehrfreiheit gewährt. Die landschaft. Forderung nach Forschung versuchte man auf dem Wege der Berufungspolitik Zum sozialgeschichtlichen Hintergrund einzulösen. Wurden in Halle und Göttingen noch Beruhte die eingangs zitierte Feststellung weitgehend die alten Formen beibehalten, von Paulsen auf geistes- und wissen- so begann mit der Gründung einer preußi- schaftsgeschich tlichen Betrachtungen, so schen Universität in Berlin etwas qualita- wird im folgenden die Umgestaltung des tiv Neues. Die Konzeption, die unter der deutschen Hochschulwesens im 19. Jahr- Federführung des preußischen Bildungs- hundert auf dem Weg der Sozial- und Per- reformers und -politikers Wilhelm von sonengeschichte der Professoren aufge- Humboldt entwickelt worden war, ging zeigt. Deutlicher als über Leben und Werk über die Göttinger Reformvorgaben hin- von Einzelpersonen, von denen die wis- aus und forderte die „Einheit von For- senschaftlichen Protagonisten die größte schung und Lehre". Unter Ablehnung der Beachtung fanden und finden, können herkömmlichen rein praxisbezogenen und über die kollektive Biographie der Lehr- auf den Broterwerb ausgerichteten Aus- stuhlinhaber - als die an der Neugestal- bildung wurde aus dem spätaufkläreri- tung maßgeblich Beteiligten - Mechanis- schen, neuhumanistischen Gedankengut men und Zäsuren herausgearbeitet wer- jener Zeit heraus als Bildungsziel eine „all- den. 64 Aus wissenschaftsgeschichtlicher Per- ten (Theologie, Rechtswissenschaft, Me- spektive lassen sich alte und neue U niver- dizin) und die Betreuung von mehr als ei- sität mit den Begriffen „enzyklopädische nem Lehrstuhl durch einen Ordinarius. Gelehrsamkeit" und „spezialisierte For- Die alte Familienuniversität hatte zwar ei- schung" kennzeichnen. Sozialgeschicht- ne beachtliche Gelehrtenkultur gepflegt, lich findet dieses Gegenüber bzw. zeitliche der neuen Qualifikation der wissenschaft- Nacheinander sein Pendant in der „Fami- lichen Leistung hielten die Geschlechter lienuniversität" und der „Leistungsuni- jedoch nicht stand. So kann es kaum ver- versität". Dies bedeutet: Die Kriterien für wundern, daß die Professoren selbst das die Erlangung einer Professur änderten Neue am hartnäckigsten abzuwehren ver- sich dergestalt, daß nicht mehr Herkunft suchten, denn gerade sie wollten ihre Söh- und Geburt, sondern individuell erbrach- ne und Verwandten durch die Nachfolge te und anerkannte Leistung fortan zum an der Universität versorgt wissen. Lang- Maßstab für die Berufung ins Ordinariat fristig aber setzte sich gegenüber der sozial wurde. und regional gebundenen Berufungspra- Wie hat die Familienuniversität funktio- xis eine den gesamten deutschen Sprach- niert und wie vollzog sich ihre Auf- und raum umfassende fachspezifisch-lei- Ablösung durch die Leistungsuniversität? stungsbezogene Rekrutierung der Profes- Die Einengung der Hochschulen durch soren durch. Territorialisierung und Konfessionalisie- Als Indikatoren für den Berufungswandel rung hatte seit dem 15. und 16. Jahrhun- können die soziale Herkunft, d. h. vor al- dert innerhalb der Universität eine Verfe- lem der väterliche Beruf und der Geburts- stigung der Sozialstruktur nach sich gezo- ort, und die Daten zum akademischen gen. Ähnlich wie bei vielen anderen sozia- Werdegang der Professoren ausgewertet len Gruppen der frühen Neuzeit - die an- werden. Hierbei gewährt die soziale Her- schaulichsten Beispiele liefern wohl die kunft auch Einblick in die verwandt- Pfarrer- und Lehrersippen - hatten sich an schaftlichen Strukturen innerhalb und den Hochschulen sogenannte Universi- zwischen den Fakultäten und läßt die ty- tätsfamilien herausgebildet. Die Ge- pischen Merkmale der Umbruchphase er- schlechter waren größtenteils aus dem hö- kennen. Die Frage nach den Herkunftsor- heren Beamtentum des Territoriums her- ten gibt Aufschluß über die Ablösung der vorgegangen. Die Blütezeit der Famili- im Territorium Geborenen, der sogenann- enuniversität lag im 16. und 17. Jahrhun- ten Landeskinder, durch Auswärtige. dert, Ausläufer reichten bis in das 19. Schließlich wird über die Untersuchung Jahrhundert hinein. Währenddessen wa- der Karriereverläufe die allmähliche Ab- ren aber immer auch Auswärtige an die kehr von der Bevorzugung eigener wissen- Universität berufen worden und hatten schaftlicher Nachwuchskräfte zugunsten sich häufig durch die Heirat mit einer Pro- der alle deutschsprachigen Universitäten fessorentochter in die Geschlechter inte- umfassenden Orientierung aufgedeckt. griert. Am deutlichsten wird die Unterscheidung Typische Merkmale der Familienuniversi- zwischen der als „ vorklassisch" zu kenn- tät sind die Weitergabe der Professur in- zeichnenden Gelehrtenuniversität und der nerhalb einer Familie, der noch zu behan- „klassischen" Forscheruniversität, wenn delnde stufenweise Aufstieg von einem man Idealtypen von Professoren entwirft: Lehrstuhl der niederen Philosophischen Der Gelehrte der vorklassischen Universi- Fakultät in eine der drei höheren Fakultä- tät war im Territorium oder gar in der 65 Universitätsstadt selbst geboren und mit chen Studien- und Prüfungsordnungen ansässigen Professoren verwandt oder galten wie in den Mutterfakultäten, in die verschwägert. Er hatte möglicherweise an sie aufgenommen worden waren, erwies auswärtigen Universitäten studiert, seine sich das Gießener Modell als zukunftswei- akademischen Grade aber an seiner Lan- send. In den anderen Ländern erhielten desuniversität erworben. Hier stieg er die Fachschulen erst im 20. Jahrhundert schrittweise bis zum Ordinarius auf und nach einem zähen Ringen mit den Univer- lehrte bis zu seinem Lebensende. Dagegen sitäten die gleichen akademischen Rechte war der Idealtyp des Professors der klassi- wie diese oder wurden ihnen angeglie- schen Universität Auswärtiger oder hatte dert. als Einheimischer seine akademischen Eine weitere Besonderheit der Ludwigs- Grade an anderen Universitäten erlangt. U niversität war die kurzlebige Katho- Er wies keine familiären Beziehungen zum lisch-Theologische Fakultät, die, 1830 ge- Lehrkörper der Universität, an der er gründet, schon 1851/59 wieder aufgeho- lehrte, auf und trat mit der Berufung in ben wurde. Ihre Problematik, die durch das Ordinariat erstmals eine Stelle an die- den vormärzlichen Machtkampf zwischen ser Hochschule an. Staatskirchentum und papsttreuer „Or- thodoxie" gekennzeichnet ist, führt je- doch über unsere Fragestellung hinaus Der Berufungswandel am Beispiel und kann hier nur angedeutet werden. der Ludwigs-Universität in Gießen Die Ludwigs-Universität in Gießen war Die Fakultäten zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine typi- sche Familienuniversität. Was am Beispiel Abgesehen von diesen Sonderentwicklun- von Gießen aufgezeigt wird, traf ebenso gen lag der Schwerpunkt der Existenz der für die meisten anderen zwanzig deut- Universität in den vier traditionellen Fa- schen Universitäten zu. Neben vielen Ge- kultäten. Dies waren die Theologische, die meinsamkeiten, die die Hohen Schulen Juristische, die Medizinische und die Phi- über Jahrhunderte hin verbanden, zeigte losophische Fakultät, in der alle Geistes- jede Universität individuelle Strukturen. und Naturwissenschaften und die Kame- In Gießen war es die frühe Angliederung ralfächer zusammengefaßt waren. Das junger Wissenschaftszweige an die Uni- uns vertraute Fachbereichssystem, das versität. Wegen der chronischen Finanz- vornehmlich die ehemalige Philosophi- schwäche des hessen-darmstädtischen sche Fakultät in disziplinbezogene Fach- Landesstaates konnten nicht wie in ande- bereiche zergliederte, hat bekanntlich erst ren Ländern Spezialschulen unterhalten 1970 das alte Fakultätssystem abgelöst. werden. Deshalb begann man seit dem Die Untersuchung zeigt recht deutlich, Ende des 18. Jahrhunderts die Veterinär- daß jede Fakultät ein Eigenleben führte medizin und die Kameralfächer, d. h. die und bewahrte. Staatswissenschaften, die Forst- und Bereits in der mittelalterlichen Universität Landwirtschaftswissenschaften und die war eine Zweiteilung der Fakultäten in die Bau- und Ingenieurwissenschaften, von drei „höheren" Fakultäten Theologie, denen diese 1874 an die Technische Hoch- Rechtswissenschaft und Medizin einer- schule Darmstadt abgegeben wurden, in seits und die niedere Philosophische Fa- den Universitätsbetrieb aufzunehmen. Da kultät andererseits angelegt. Während die fortan für einen Teil dieser Fächer die glei- höheren Fakultäten für die Berufspraxis 66 ausbildeten, erfüllte die Philosophische ten höheren Fakultäten. Dies bedeutet: Fakultät eine ausschließlich propädeuti- Die Geisteswissenschaftler entwickelten sche Aufgabe. Sie hatte zur Nivellierung sich von den Theologen her, die bisher der unterschiedlichen Schulabschlüsse der vielfach das Bildungswesen in Händen ge- Studenten allgemeinbildende Grund- habt hatten und nun im 19. Jahrhundert kenntnisse zu vermitteln auf schuli- aus dem Schuldienst verdrängt wurden. schem Niveau, ohne tiefergehenden wis- Die Naturwissenschaftler orientierten sich senschaftlichen Anspruch - und diente so an den ebenfalls empirisch arbeitenden als Vorschule den höheren Fakultäten. Medizinern. Die Vertreter der jungen Ka- Erst die von Preußen ausgehende strikte meralfächer richteten ihre Karrieren an Trennung von Gymnasium und Universi- den Juristen aus, mit denen sie in den Ver- tät und die Festlegung und allmähliche waltungspositionen konkurrierten. Durchsetzung des Abiturs als Zulassungs- voraussetzung zum Studium in der ersten Der Berufungswandel in den Fakultäten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten dazu, daß die Philosophische Fakultät ihrer al- Wie die Unterschiede und Abhängigkei- ten Funktion enthoben wurde. Mit der ten zwischen den Fakultäten nahelegen, Verlegung der Gymnasiallehrerausbil- hat jede von ihnen den Wandel von der dung an die Universitäten wurde auch für Familien- zur Leistungsuniversität ver- die Philosophische Fakultät ein eigener schieden aufgenommen und verarbeitet, Berufsstand geschaffen, für den sie allein wobei die Zeitspanne von 1850 bis 1880 zuständig war. Dies vor allem und die un- als Kernphase des Wandels anzusehen ist. geheuren wissenschaftlichen Erfolge, die Untersucht man alle planmäßigen Lehr- die Geistes- und mehr noch die Naturwis- stuhlinhaber, die im Zeitraum vom Wie- senschaften etwa seit der Jahrhundertmit- ner Kongreß 1815 bis zum Ausbruch des te zu verzeichnen hatten, haben zur Auf- Ersten Weltkrieges 1914 in Gießen wirk- wertung und Emanzipation der Philoso- ten, so zeigt sich zunächst: Mit nur 271 phischen Fakultät gegenüber den anderen Ordinarien bewegte sich die Universität Fakultäten geführt. Von eher ephemerer des 19. Jahrhunderts im Vergleich zur Bedeutung für diese langfristige Entwick- heutigen Massenuniversität in bescheide- lung war hingegen - wie das Gießener Bei- nen Größenordnungen. spiel zeigt - die aus Spätaufklärung und Unter den traditionellen Fakultäten hat Neuhumanismus hervorgegangene Bil- zuerst die Juristische Fakultät ihre Beru- dungsidee. fungspraxis geändert. Dies ist um so be- Weitere Zusammenhänge zwischen den merkenswerter, da gerade hier noch in den höheren Fakultäten und den drei Fächer- ersten Dezennien des 19. Jahrhunderts die gruppen der Philosophischen Fakultät er- Familienuniversität in voller Blüte stand. gaben sich dadurch, daß die philosophi- Das tonangebende Geschlecht war das Ju- schen Lehrstühle noch bis in das 19. Jahr- ristengeschlecht Grolman, das in klassi- hundert hinein häufig als Zwischenstatio- scher Weise Aufstieg, Blüte und Nieder- nen bis zum Aufstieg zu einem theologi- gang einer Universitätsfamilie dokumen- schen, medizinischen oder juristischen tiert. Lehrstuhl fungiert hatten. So waren die Begründer war der aus der Bochumer philosophischen Fächergruppen in wis- Kaufmannschaft stammende Melchior senschafts- und sozialgeschichtlicher Hin- Detmar Grolman, der zu Beginn des 18. sicht ein Abbild der jeweils fachverwand- Jahrhunderts an die Ludwigs-Universität 67 gekommen war. Durch seine drei Heira- nungsvoller Wissenschaftler - das Studi- ten in ältere Gießener Professorenfamilien um attraktiver machen und so die Hörer- konnte er an der Ludoviciana Fuß fassen zahlen erhöhen konnte. Erste nennens- und stieg neben seiner Rechtsprofessur werte Erfolge erzielte man bereits 1852 zum Kanzler der Universität auf. Weitere mit der Berufung des bedeutenden Rudolf Verwandte aus Westfalen folgten ihm in Jhering. Auch in späteren Jahren lassen die Landgrafschaft nach. Der Enkel Karl sich mit einem Frequenzanstieg der Ludwig Grolman erlangte als Strafrecht- Rechtsstudenten in Gießen bedeutende ler, zeitweiliger Kanzler der Universität Namen von Rechtslehrern verbinden. und späterer hessischer Staatsminister die Kann man in der Juristischen Fakultät größte Bedeutung. Gemeinsam mit seinen konkrete Gründe benennen, so vollzog Brüdern erhielt er 1812 das Adelsdiplom. sich der Wandel in den anderen Fakultä- Dank seines weitreichenden Einflusses ten und Fächergrupen bruchlos und über konnte er noch 1832 einen seiner Söhne in einen längeren Zeitraum und glich mehr der Gießener Juristenfakultät unterbrin- einer schrittweisen Anpassung an verän- gen. Auf den Beziehungen Grolmans derte Verhältnisse. gründete auch die Karriere seines Schwa- Unter den Theologen gehörte die Famili- gers (F. J. Arens ), der Grolman Schritt für enuniversität bereits der Vergangenheit Schritt über Rechtsprofessur, Kanzleramt des 17./18. Jahrhunderts an. Ausschließ- und Erhebung in den Adelsstand bis zu ei- lich leistungsbezogen berufen wurde je- ner Anstellung im Regierungssitz Darm- doch erst im 19. Jahrhundert. Der Wand- stadt folgte. Im 18. und 19. Jahrhundert lungsprozeß dauerte etwa von Beginn der haben insgesamt 39 Abkömmlinge der 1830er bis Anfang der 1860er Jahre. Er Grolmans in Gießen vorwiegend Rechts- war zunächst dadurch gekennzeichnet, wissenschaft studiert. Die Nachfahren daß nach der Ablösung der weitgehend nahmen durchgehend Spitzenstellungen aus Hessen stammenden Theologengene- in Verwaltung und Militär ein und waren ration seit den 1830er Jahren nur noch ein mit den einflußreichsten, z. T. adligen Be- seinerzeit neugegründeter Lehrstuhl mit amtenfamilien des Landes verschwägert. Landeskindern besetzt wurde. Eine solche Mit dem Tod des letzten Abkömmlings im Praxis läßt sich vor dem Berufungswandel Jahre 1848 endete in der Juristenfakultät in fast allen Fakultäten beobachten. In nicht nur die Familienuniversität im Ordi- den traditionellen Lehrstühlen verlief die narienrang, es erfolgte gleichzeitig ein Auslese über den Weg der Schulenbil- vollkommener Bruch mit der alten Beru- dung; man bevorzugte Theologen von den fungspraxis. Konkreter Anlaß zur Neu- Universitäten Mitteldeutschlands, die ra- orientierung war vornehmlich die ständig tionalistische Lehrmeinungen vertraten. sinkende Zahl der Rechtsstudenten. Die- Diese regional gebundene Form der sen Rückgang konnte die Fakultät vor al- Schulenbildung ist als eine eignungsbezo- lem auch im Hinblick auf ihre damalige gene Übergangsform hin zur Leistungs- Prestige- und Leitfunktion an der Univer- universität zu deuten. Schulenbildung sität nicht länger hinnehmen. Außerdem blieb auch nach dem Rekrutierungswan- gehörte sie zu den eher als „billig" gelten- del kennzeichnend für die Gießener Theo- den Buchwissenschaften, in denen man im logenfakultät, doch zeichnete sich dieses Unterschied zu den „teuren" Apparate- Faktum nicht mehr in den Herkunftsor- wissenschaften mit geringem finanziellen ten und den Werdegängen der Professo- Aufwand - also durch Berufung hoff- ren ab. 68 In den Naturwissenschaften zog sich der hervorgehen, der auch Gießener Theolo- Wandlungsprozeß von der Mitte der gen, darunter Adolf von Harnack, ange- 1860er Jahre bis zur Wende zum 20. Jahr- hörten. Im Unterschied zum alten Typus hundert hin. Dieser lange Zeitraum ergab war diese Familie aber nicht mehr auf eine sich einerseits aus der heterogenen Fä- (Landes-)Universität begrenzt, sondern cherstruktur, andererseits aus der Über- umfaßte Professoren verschiedener Wis- formung dieser Fächergruppe durch den senschaftszweige an in- und ausländischen bedeutendsten Gießener Wissenschaftler Hochschulen. des 19. Jahrhunderts, Justus Liebig. Lie- Liebig wirkte in noch ganz anderer Weise big verdient in diesem Zusammenhang be- auf das Berufungssystem ein. Über Physik sondere Beachtung, da er sich als wissen- und Chemie hinaus hat er in der Medizin schaftsgeschichtlicher Vorreiter sozialge- und in weiteren naturwissenschaftlichen schichtlich noch ganz in den alten Bahnen Fächern entgegen der zeitüblichen Praxis bewegte. Bei ihm hatte nämlich die Tatsa- durchzusetzen vermocht, daß qualifizierte che, daß er „Landeskind" war, den Aus- auswärtige Wissenschaftler berufen wur- schlag für die Berufung nach Gießen im den, unter ihnen der bedeutendste Gieße- Jahre 1825 gegeben. Über die Heirat des ner Mediziner des 19. Jahrhunderts, aus kleinbürgerlichen Verhältnissen stam- Theodor Bischoff. Wie sehr diese Form menden Drogistensohnes mit einer Darm- des Berufungswandels von der Person städter Beamtentochter gelang Liebig die Liebigs abhing, verdeutlicht die Stellen- Einbindung in das soziale Milieu der Uni- vergabe in jenen Fächern nach seinem versitätslehrer. Weggang im Jahre 1852. Mit Ausnahme Heiratsbeziehungen spielten auch zwi- des Zoologen haben die entsprechenden schen Liebig und seinen engeren Schülern Ordinarien Gießen schon bald gegen an- eine außerordentlich wichtige Rolle. Sie dere Universitäten eingetauscht. Statt in kamen überwiegend aus hessischen Beam- diesen Fächern auch weiterhin leistungs- tenfamilien und waren an der Ludwigs- bezogen zu berufen, ließ man auf jene U niversität aufgestiegen. Vier von ihnen Wissenschaftler ihre Schüler nachfolgen, erlangten in Gießen· Ordinariate in Che- die aus dem eigenen, vorwiegend hessi- mie und Physik. Besonders auffällig ist, schen Nachwuchs an der Universität her- wie sich der Liebig-Kreis durch Ehever- vorgegangen waren. Geradezu eklatant bindungen sozial verfestigte. Diese Hei- war die Berufungspraxis auf Liebigs eige- ratsbeziehungen dienten freilich nicht - nen Lehrstuhl. Hier entschied man sich wie sonst häufig beobachtet werden kann nach der Emeritierung von Liebigs Nach- - der Integration, sondern führten zur Ab- folger, der zugleich sein Schüler gewesen grenzung vom übrigen Lehrkörper, was war, noch 1882 für einen Liebig-Schüler sich nur vor dem Hintergrund der Außen- der zweiten Gießener Generation. Dieses seiterposition dieser Wissenschaftlergrup- Festhalten an vergangener Größe mutete pe erklären läßt. Wegen ihrer wissen- schon anachronistisch an. schaftlichen Sonderstellung und wegen Langfristig gesehen hat Liebig zwar in der Zugehörigkeit zur immer noch weni- Teilbereichen der Medizin und den Natur- ger angesehenen Philosophischen Fakul- wissenschaften den Verwissenschaftli- tät bewegten sie sich am Rand des Gieße- chungsprozeß beschleunigt, den Beru- ner Lehrkörpers. In den folgenden Gene- fungswandel aber hat er nicht nachhaltig rationen wird aus diesem Heiratskreis eine beeinflussen können. Man ist gar versucht weitverzweigte „ Wissenschaftlerdynastie" zu sagen, Liebig habe die Rekrutierung 69 nach neuen Regeln eher verzögert. Denn entstandenen Ordinariate noch alle aus die disziplinbezogene Auslese setzte sich dem hessischen Nachwuchs rekrutiert, so zunächst in jenen naturwissenschaftlichen entschied man sich nach 1870 für auswär- Fächern durch, die von Liebig unberührt tige Spezialisten von den im jeweiligen geblieben waren. Dies waren Mathematik Fach führenden Universitäten. Bemer- und Mineralogie, in denen man sich etwa kenswert für das Berufungswesen in der seit der Mitte der 1860er Jahre an dem Medizinischen Fakultät ist zudem, daß Eignungsprinzip orientierte. Ende der der Bau moderner Institute und Kliniken 1870er und Anfang der 90er Jahre folgten gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Beru- schließlich die einst von Liebig beeinfluß- fungschancen erheblich verbesserte. ten Fächer Physik und Botanik. Erst um Was Liebig für die Naturwissenschaften die Wende zum 20. Jahrhundert wandte und Bischoff für die Medizin bedeutete, man sich auch bei der Besetzung der Che- das war Friedrich Gottlieb Welcker für mie und des zweiten mathematischen die Geisteswissenschaften. Auch Welcker Lehrstuhls von den alten Regeln ab. hob sich wissenschaftsgeschichtlich von Eindeutiger zeichnete sich die neue Re- seinen Kollegen ab. Aber auch ihn hat krutierungspraxis in der homogener man den Sohn aus hessischem Pfarrhau- strukturierten Fakultät der Humanmedi- se - nach alten Regeln berufen. So erwies ziner ab, wobei der schon vor der Jahr- auch er sich sozialgeschichtlich als Binde- hundertmitte auf Anraten Liebigs lei- glied zwischen dem Gelehrtenstand des stungsbezogen berufene Mediziner Bi- 18. und dem Bildungsbürgertum des 19. schoff ein Einzelfall war und noch keines- Jahrhunderts. Hatte 1824 Alexander von wegs den Wandel einleitete. Außerdem Humboldt Liebig an den für ihn quasi zu- war Bischoff auch hierin glich er Liebig ständigen Großherzog empfohlen, so war - nach den alten Regeln in die Hochschul- es 1808 im Fall Welcker Wilhelm von lehrerkarriere hineingewachsen. Als Sohn Humboldt gewesen. Die Gießener Gei- eines Bonner Medizinprofessors hatte er steswissenschaften blieben jedoch davon eine Heidelberger Professorentochter ge- relativ unberührt. Welckers Wirken an heiratet und anschließend vom Schwieger- der Ludwigs-Universität lag zu früh und vater den Lehrstuhl geerbt. Dennoch hat war zu kurz; schon 1816 nahm er einen er als einer der ersten Vertreter einer rein Rufan die Universität Göttingen an. Was naturwissenschaftlichen Medizin eine wis- von ihm blieb, war die Gründung eines senschaftliche Führungsrolle eingenom- philologischen Seminars im Jahre 1812, men. des ersten Seminars an der Ludoviciana, Bis zum Beginn der 1870er Jahre hatte dem erst Mitte der 1870er Jahre weitere man in der Medizinischen Fakultät die Gründungen in anderen Fächern folgen Familienuniversität - hier repräsentiert sollten. durch das Geschlecht Nebel - und die re- Die Beispiele Liebig, Bischoff und gionalen Beziehungen zur Universität ab- Welcker machen deutlich, wie der Weg gebaut. Der Weg war wie bei Theologen über die Einzelbiographie den Blick für und Naturwissenschaftlern teilweise über die Gesamtsituation verstellt. Im Fall die- das System der Schulenbildung beschrit- ser wissenschaftsgeschichtlichen V orrei- ten worden. Daneben zeichneten sich Ver- ter, die bis heute berechtigterweise - be- änderungen im Berufungsverhalten in sondere Beachtung finden, wird die Dis- neuerrichteten Professuren ab. Wurden krepanz zwischen Individuum und Grup- die ersten Lehrstuhlvertreter der vor 1870 pe überdeutlich. Insofern wirkt die Me- 70 thode der kollektiven Biographie als Kor- zin gerade in jenen Jahren ihr Rekrutie- rektiv, indem sie die progressiven, retar- rungsverhalten änderte. Nach dem Eig- dierenden und regressiven Kräfte der je- nungsprinzip verfuhr man auch bei der weiligen Gegenwart transparent macht. Besetzung der beiden Lehrstühle für Die Geisteswissenschaften haben unter Staats- und Landwirtschaftswissenschaf- den traditionellen Fakultäten bzw. Fä- ten, deren Fachvertreter noch das gesamte chergruppen als letzte ihre Berufungspra- Stoffgebiet beherrschen mußten. In den xis geändert. Es scheint, als habe die Do- Forstwissenschaften und den Bau- und minanz der Naturwissenschaften vor und Ingenieurwissenschaften hielt man dage- um die Jahrhundertmitte die wesentlichen gen noch weitgehend an einer protektioni- Kräfte auf sich konzentriert und die Ent- stischen Berufungspraxis fest. wicklung in den Geisteswissenschaften Die Abfolge, in der die traditionellen Fa- verzögert. Gemeinsam aber war Natur- kultäten und Fächergruppen ihr Beru- und Geisteswissenschaften die heterogene fungsverhalten änderten, stimmt mit Aus- Fächerstruktur, so daß sich auch hier das nahme der voreilenden Naturwissenschaf- Neue erst über einen langen Zeitraum hin- ten mit der Rangfolge der Fakultäten weg auswirkte. Der Wandel setzte Ende überein, wie sie sich im 18. Jahrhundert der 1870er Jahre ein und war bis 1914 herausgebildet hatte. Den Vorrang genos- noch keineswegs abgeschlossen. Zuerst sen damit die Juristen, die durch den Auf- wurde Ende der 1870er Jahre in den tradi- und Ausbau der Verwaltungsorganisation tionellen Lehrstühlen der Geschichte und seit dem 17. Jahrhundert für das Territori- der Altphilologie leistungsbezogen beru- um immer wichtiger geworden waren. fen. Ein Dezennium später folgten die Den zweiten Rang nahm die Theologische Germanistik und um die J ahrhundertwen- Fakultät ein, die noch im 16. und 17. Jahr- de der neu errichtete Lehrstuhl für Ar- hundert die wichtigste gewesen war, als es chäologie und Kunstwissenschaft. Dage- für den Landesherrn darum ging, die gen dauerten in den anderen jüngeren Fä- Glaubenseinheit im Land zu wahren. Die chern, d. h. in den neueren Sprachen und Mediziner hielten den dritten, die Philoso- auf dem zweiten Lehrstuhl für Philoso- phen den vierten Platz besetzt. Daß das phie und Pädagogik, die alten Regeln bis bürgerliche Zeitalter des 19. Jahrhunderts in das 20. Jahrhundert fort. das Jahrhundert der philosophischen Di- Außerhalb dieses Fakultäten-Schemas be- ziplinen, konkret der Geistes- und Natur- wegten sich die Katholisch-Theologische wissenschaften wurde, von denen vielfach Fakultät, die Veterinärmedizin und die die neuen wissenschaftlichen Fragestel- Kameralfächer. Die Katholisch-Theolo- lungen und Impulse ausgingen, hat an die- gische Fakultät hatte im protestantischen ser Reihenfolge - zumindest sozialge- Hessen-Darmstadt weder auf soziale noch schichtlich gesehen - nichts geändert. auf regionale Bindungen zurückgreifen können, so daß sie noch vor der Juristi- schen die erste Fakultät war, in der diszi- Exkurs: Zur sozialen Herkunft plinbezogen rekrutiert wurde. Auch auf des Gießener Lehrkörpers den 1869 geschaffenen Lehrstuhl für Vete- rinärmedizin beriefman von Anbeginn an Zwar hatte der Berufungswandel keinen zugeschnitten auf moderne Verhältnisse, direkten Einfluß auf das Sozialprofil der zumal die an der Berufung maßgeblich be- einzelnen Fakultäten, doch erscheinen ei- teiligte Mutterfakultät der Humanmedi- nige Bemerkungen zur sozialen Herkunft 71 1815-1847 1848-1879 1880-1914 1815-1914 N % N % N % N % Adlige Oberschicht Offiziere 1 Gesamt - - 1- 0,9 1- 0,4 Obere Mittelschicht I. Beamtetes Staatsbeamte 3 2 5 Bildungs- Lokalbeamte 3 4 1 8 bürgertum Verwaltungsbeamte 3 1 4 Justizbeamte 6 7 7 20 Forstbeamte 2 2 1 5 Postbeamte 1 1 1 3 Medizinalbeamte 1 2 3 Pfarrer 17 1 14 32 Akad. Lehrer 1 6 2 9 Offiziere 1 3 4 Militärärzte 1 1 Professoren 8 7 15 30 Gesamt 42-58,3 35-51,5 47-40,9 124-48,6 II. Freiberufliches Rechtsanwälte 3 5 2 10 Bildungs- Ärzte 5 4 8 17 bürgertum Apotheker 1 2 3 Künstler 3 3 Privatgelehrte 1 1 Schriftsteller 1 1 Gesamt 10-13,9 14--20,6 11- 9,6 35-13,7 III. Besitz- Gutsbesitzer 2 7 9 bürgertum Industrielle 3 5 8 Großhändler 2 3 20 25 Bankiers 1 1 2 Gesamt 2- 2,8 9-13,2 33-28,7 44--17,3 Untere Mittelschicht I. Alter Bauern 1 3 4 Mittelstand Verwalter 2 2 4 Handwerker 5 3 7 15 Kleinhändler 3 2 1 6 Nahverkehr 1 1 Unterförster 1 1 Gesamt 11-15,3 6- 8,8 14--12,2 31-12,2 II. Neuer Lokalbeamte 1 1 1 3 Mittelstand Verwaltungsbeamte 1 1 2 Kirchenbeamte 1 1 2 Eisenbahnbeamte 1 1 nichtakad. Lehrer 3 1 2 6 Medizinalbeamte 1 1 Angestellte 1 2 3 Hofbedienstete 1 1 Gesamt 6- 8,3 4-- 5,9 9- 7,8 19- 7,5 Unterschicht Leibeigene 1 Gesamt 1- 1,4 - - 1- 0,4 des Gießener Lehrkörers gerade auch vor Eingegrenzt zwischen je einem Lehrstuhl- dem Hintergrund interessant, daß bislang inhaber aus der adligen Oberschicht und keine vergleichbare Studie über eine ande- aus der Unterschicht war die Hochschul- re deutsche Universität im 19. Jahrhun- lehrerkarriere eindeutig die Domäne des dert vorliegt. Es geht dabei um die Frage, gehobenen Bürgertums. Allein vier Fünf- welche gesellschaftlichen Gruppen die tel des gesamten Lehrkörpers kamen aus Hochschullehrerkarriere einschlugen, der Oberen Mittelschicht, davon knapp d. h. wer Wissenschaft „machte". die Hälfte aus der höheren Beamten- Die Rangunterschiede zwischen den Fa- schaft. Dagegen stammte nur ein Fünftel kultäten setzten sich bei der sozialen Her- aus kleinbürgerlichen Elternhäusern, kunft fort. Am vornehmsten waren die Ju- während die Unterschicht, die das Gros risten. Sie rekrutierten sich weit überwie- der Bevölkerung bildete, von der Univer- gend aus dem höheren Beamtentum, vor- sitätsprofessur ausgeschlossen blieb. nehmlich aus der Justiz- und Verwal- tungsbeamtenschaft. Ihre soziale Überle- genheit resultierte aus ihrer Verbindung Zur Stellung und Funktion der zu den politischen Führungsgruppen und Gießener Ludwigs-Universität innerhalb zum Beamtenadel. Ihnen standen die Ka- des deutschen Universitätssystems meralisten und hier besonders die Staats- wissenschaftler am nächsten. Es folgten Die Ludwigs-Universität war im 19. Jahr- die Mediziner, die in der Vatergeneration hundert eine der kleineren deutschen einen vergleichsweise hohen Anteil an Hochschulen und bewegte sich im Ver- Freiberuflern hatten und später zuneh- gleich zu den anderen Universitäten nach mend aus dem Besitzbürgertum kamen. der Größe ihres Lehrkörpers und der Zahl Die Naturwissenschaftler glichen sich so- ihrer Studenten im hinteren Drittel. zial den fachverwandten Kollegen in der Die Funktion, die die Ludoviciana durch Medizin an. Darunter waren die Theolo- und nach dem Berufungswandel inner- gen einzuordnen, die häufig aus dem halb der deutschen Hochschullandschaft Pfarrhaus stammten. Das Schlußlicht un- einnahm, wird über die Vorpositionen, ter den traditionellen Fakultäten bildeten aus der die Gießener Professoren berufen die Geisteswissenschaftler. Mit ihren „of- wurden, und über die weiteren Stationen, fenen Karrieren" in den Lehramtsstudien- die gegen Gießen eingetauscht wurden, gängen, d. h. mit einer vergleichsweise ho- insbesondere den „Endstationen", deut- hen Durchlässigkeit für soziale Aufstei- lich. So konnte sich die Ludoviciana bei ger, hatten sie, was ihre Herkunft betraf, der Berufung planmäßiger Lehrstuhlinha- die größten Schwankungen zu verzeich- ber vornehmlich gegenüber den kleineren nen. Außerhalb und ebenso sozial unter- deutschsprachigen Universitäten durch- halb dieser vier Fakultäten sind vor der setzen. Die Mehrzahl der Ordinarien wur- Jahrhundertmitte die katholischen Theo- de jedoch aus Nichtordinarienrängen, logen anzusiedeln, die nach der Jahrhun- d. h. vorwiegend aus der Stellung eines Ex- dertmitte von den Veterinärmedizinern traordinarius, und von nichtuniversitären abgelöst wurden. Beide Ordinariengrup- Fachanstalten rekrutiert. Gerade für den pen ergänzten sich vornehmlich aus dem akademischen Nachwuchs waren in Zei- Kleinbürgertum, es handelte sich um typi- ten starker Konkurrenz an den Hoch- sche Aufsteigerfächer für untere Schich- schulen, wie sie im letzten Drittel des 19. ten. Jahrhunderts herrschte, die kleineren 73 Universitäten von außerordentlicher Be- on in der Fachwelt und nicht zuletzt höhe- deutung. Denn sie boten die erste Chance, re Gehälter einbrachten. Erstellt man im Ordinariat Fuß zu fassen und danach nach der Abfolge der angetretenen Ordi- an eine größere, renommiertere Universi- nariate eine Rangfolge der Universitäten, tät zu gehen. Auch für den Extraordina- so entsprach das Ansehen der jeweiligen rius der Physik an der Technischen Hoch- Hochschule in der Regel ihrer Besucher- schule Aachen und späteren Nobelpreis- stärke und Lehrkörpergröße. Die Hoch- träger Willi Wien gab es 1899, als an ihn schulkarrieren führten beispielsweise von der Ruf nach Gießen ergangen war, „über Zürich über Gießen und Jena nach Berlin die Frage der Annahme der Berufung kein oder von Gießen über Freiburg und Bonn Zweifel, es handelte sich um die erste nach München, wobei - wenn man per- wirklich selbständige Stellung". 3 sönliche Beweggründe außer acht läßt Etwa zwei Drittel der nach 1880 berufe- eine Professur in Berlin als der Gipfel ei- nen Professoren haben Gießen wieder ver- ner akademischen Karriere angesehen lassen. Das letzte Ordinariat, das in Zeiten wurde. ohne Studienplatzvergabe und Numerus Die starke Konkurrenz und die mit den clausus-Beschränkungen als Gradmesser großen wissenschaftlichen Erfolgen wach- der wissenschaftlichen Reputation des sende Anerkennung der Hochschulen ha- Hochschullehrers in der Fachwelt zu deu- ben die Ludoviciana zu erheblichen An- ten ist, erreichten annähernd drei Fünftel strengungen finanzieller und personeller der Wegberufenen an den mittelgroßen Art herausgefordert. Daß die Studienbe- und großen Universitäten Berlin, Mün- dingungen häufig besser waren als an den chen, Leipzig, Bonn, Halle, Tübingen und stark frequentierten Großuniversitäten, Heidelberg. Hiernach ist in Gießen offen- daß die überschaubaren Verhältnisse ein sichtlich recht gut berufen worden. Dar- produktives Arbeitsklima schufen, wurde über hinaus hat die Ludoviciana für die in den Biographien immer wieder hervor- nord- und süddeutschen Hochschulen gehoben. Insgesamt steht die Ludwigs- gleichermaßen den Ordinariennachwuchs Universität in Gießen gegen Ende des 19. geliefert. Jahrhunderts für ein System, das auf ei- Durch die Öffnung zur leistungsbezoge- nem Geben und Nehmen basierte und in nen Auslese verspürte Gießen als kleine dem jede Hochschule ihren individuellen Provinzstadt mit einer ebenso kleinen Beitrag leistete. Hochschule mehr und mehr die Konkur- renz der größeren, besser ausgestatteten Anmerkungen Universitäten. Beim Ringen um Mittel 1 und Hörerzahlen wurde die Ludoviciana Paulsen, F., Geschichte des gelehrten Unterrichts auf den deutschen Schulen und Universitäten vom innerhalb des Universitätssystems deutli- Ausgang des Mittelalters bis zur Gegenwart, 3., cher als zuvor auf einen der hinteren Plät- erw. Aufl., Bd.2, Berlin/Leipzig 1921, S.247. ze verwiesen. Sie wurde wie alle kleineren 2 Haupt, H. u. Lehnert, G., Chronik der Universität Universitäten in erster Linie eine Durch- Gießen von 1607 bis 1907, in: Die Universität Gie- gangsuniversität. Das Leistungssystem ßen von 1607 bis 1907. Festschrift zur dritten Jahr- hundertfeier, Bd.1, Gießen 1907, Nr.371. führte von hier fort an die größeren und 3 Wien, W., Aus dem Leben und Wirken eines Physi- Großuniversitäten, die größere Reputati- kers, Leipzig 1930, S. 22, 45. 74