titel 17.05.2005 8:58 Uhr Seite 1 Jahrgang 38 2005 Herausgeber: Präsidenten der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Gießener Hochschulgesellschaft Gießener Universitätsblätter Druck und Verlag: Brühlsche Universitätsdruckerei Gießen titel 17.05.2005 8:58 Uhr Seite 2 Wir danken allen Firmen, die unsere Förderbemühungen durch Anzeigenaufträge unterstüt- zen. Unsere verehrten Leser bitten wir, die Anzeigen zu beachten. Inserenten: Faber-Management Schunk Group Sparkasse Gießen Veritas AG Herausgeber Präsidenten der Justus-Liebig-Universität Gießen und der Gießener Hochschulgesellschaft Schriftleitung Prof. Dr. Ulrich Glowalla Otto-Behaghel-Straße 10 F, 35394 Gießen Redaktion PD Dr. Irmtraut Sahmland Postfach: Ludwigstraße 23, 35392 Gießen Telefon: 0 64 03/7 65 98 Sahmland@t-online.de Druck und Verlag Brühlsche Universitätsdruckerei Gießen titel 17.05.2005 8:58 Uhr Seite 3 Inhalt I. Berichte der Gießener Hochschulgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 II. Beiträge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Dietmar Rieger Vom Geschehen zum Text-Ereignis und zurück. Drei Beispiele transnationaler Medienereignisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 Sigrid Oehler-Klein Das Institut für Erb- und Rassenpflege der Universität Gießen: Aufbau des Instituts und Eingliederung in die Universität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25 Marcel A. Verhoff, Kerstin Kreutz Forensische Osteologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Bernd Bader Die Handschriften und historischen Buchbestände der Universitätsbibliothek Gießen . . . 55 H. S. Robert Glaser, Manfred Henze Metschnikow, Phagozyten und Gießen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 69 Ivo Mossig Das Image der Stadt Gießen aus Sicht der Studierenden und seine Bedeutung bei der Wahl des Studienortes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 75 III. Berichte geförderter Projekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Ernst Petzinger, Rolf Bauerfeind ”Emerging Infectious Diseases“ – Jahresthema und Symposium des Graduiertenkollegs „Molekulare Veterinärmedizin“. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 87 Ausverkaufte Kongresshalle am 25. Februar 2005 – Hochschulgesellschaft als Mitveranstalter Stargast unserer Spendengala Katja Riemann: „Und passen Sie gut auf Ihre Kinder auf“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93 Hartmut Pauls Modernisierung der Ausstattung des Biochemischen Praktikums für Veterinärmediziner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Herbert Grabes Literatur, Literaturgeschichte und kulturelles Gedächtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 99 Wolfgang Lührmann Die Hochschuldidaktische Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen . . . . . . 103 Ulrich Dölp Dissertationsauszeichnungen der Justus-Liebig-Universität Gießen im Jahr 2004 . . . . . . . 105 IV. Personalnachrichten der Justus-Liebig-Universität Gießen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 V. Biographische Notizen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110 3 titel 17.05.2005 8:58 Uhr Seite 4 EHRENTAFEL Die Gießener Hochschulgesellschaft trauert um ihre verstorbenen Mitglieder Prof. Dr. Erich Dauzenroth Dr. Dr. Otto Pflug Ehrenpräsident der Gießener Hochschulgesellschaft Dr. Galina Pospelowa Prof. Dr. Horst Seuster 4 hormuth 17.05.2005 8:58 Uhr Seite 5 Bericht des Präsidenten der Justus-Liebig-Universität für die Gießener Hochschulgesellschaft Sehr geehrter Herr Dr. Maaß, Ebenso werden anstehende Ent- sehr geehrter Herr Professor scheidungen, insbesondere in Hoffmann, sehr geehrte Hinblick auf die Streichung von Damen und Herren, Professuren, bereits teilweise in der Öffentlichkeit diskutiert, ob- Es wurde im Jahr 2004 auch wohl diese noch nicht ausgereift durch Berichte in der Presse be- sind. Die Grundlage der notwen- kannt, dass dieses Jahr für die Jus- digen Entscheidungen ist aller- tus-Liebig-Universität durch be- dings eindeutig: Um die hohe sondere Schwierigkeiten geprägt Personalkostenquote der JLU zu ist, über die zu berichten ist. Den- senken und damit Sachmittel für noch sind aber auch wieder deut- Forschung und Lehre erhöhen zu liche Erfolge in Forschung und können, werden in den nächsten Lehre zu verzeichnen. Es ist das besondere An- Jahren deutliche Einschnitte in der Personalaus- liegen des Präsidiums, die Wettbewerbsfähig- stattung der JLU notwendig sein, die auch den keit der JLU auch für die kommenden Jahre zu Verzicht auf Fächer oder Fachgebiete bedeuten sichern. können. Während dieser Notwendigkeit sich Mit der Verabschiedung des Haushaltes des im Abstrakten kaum jemand entzieht – auch Landes Hessen im Dezember 2003 wurde deut- der Senat hat das Präsidium zu einschneiden- lich, dass die JLU im Jahre 2004 eine um 3,5 den Kürzungen aufgefordert –, ist die Diskussi- Mio. € geringere Zuweisung des Landes erhält. on im Konkreten verständlicherweise durch un- Dazu müssen alle Steigerungen der Personal- terschiedlichste Auffassungen geprägt. Es ist kosten – nochmals 3,5 Mio. € – aus diesem be- zu betonen, dass zum Sommer 2004 noch reits verminderten Haushalt getragen werden, keine endgültigen Entscheidungen getroffen so dass im Vergleich zum Vorjahr – wenn man sind – diese sind sorgfältig vorzubereiten. Den- noch einige Einsparungen berücksichtigt – 6,5 noch darf an der Notwendigkeit dieser Ent- Mio. € eingespart werden mussten. Dies war scheidungen kein Zweifel bestehen, und eine nur durch einschneidende Maßnahmen mög- Diskussion derart, dass keinerlei Einschnitte lich. So wurde eine Sperre auf alle zu besetzen- zulässig seien, wird die Zukunftsfähigkeit der den und frei werdenden Stellen verhängt, von JLU nicht sichern. Das Präsidium ist bereit, sol- der nur wenige Ausnahmen zur Sicherung der che Diskussionen zu führen, soweit sie fair und Lehre, der Funktionsfähigkeit und der Wettbe- zielgerichtet sind; Unterstellungen oder Inan- werbsfähigkeit der JLU zugelassen werden spruchnahme von Immunität für einzelne konnten. Die Zuweisungen an alle Bereiche der Fächer sind hierbei jedoch nicht hilfreich. JLU mussten um ca. 30% gekürzt werden. An- Lassen Sie mich aber auch zu den erfreulichen stehende Berufungen wurden im Regelfall um und erfolgreichen Meldungen kommen. Ein ein Semester verschoben, und die Stellenbeset- wesentlicher Hinweis darauf ist der auf die Ent- zungen aus Anlass von Neuberufungen konn- wicklung der Studierendenzahlen und die Ein- ten vorläufig meist nur zur Hälfte realisiert wer- nahmen aus Drittmitteln. Wie bereits im letzten den. In keinem Fall wurde jedoch ein Ruf Jahr, ist die Zahl der Studierenden nach wie vor zurückgenommen. auf einem sehr hohen Niveau, auch in einem 5 hormuth 17.05.2005 8:58 Uhr Seite 6 Fach wie der Rechtswissenschaft, bei der die Zu- unter Beibehaltung zweier Fachbereiche diese weisung nicht mehr über die ZVS erfolgt. Der Stärken der JLU nicht gefährdet werden. Spitzenreiter an zunehmender Zahl der Studie- In der Psychologie wurde ein gemeinsames renden ist die Ernährungswissenschaft, ein Graduiertenkolleg mit der Universität Marburg Fach, das zu den Kernfächern des lebenswis- bewilligt, in der Physik verschiedene Projekte senschaftlichen Profils der JLU gehört. In diesem im Rahmen eines Transregio SFB zur Hadronen- Bereich wird derzeit auch ein interdisziplinärer forschung. Dies sind nur einige Beispiele er- Forschungsschwerpunkt „Mensch-Ernährung- folgreicher Beantragungen aus der JLU. Umwelt” in der Zusammenarbeit von Veterinär- Von besonderem Stellenwert ist die Entwick- medizin, Humanmedizin und Agrar- und Er- lung der Graduiertenausbildung. Zahlreiche nährungswissenschaften etabliert, zu dem das Graduiertenkollegs, darunter ein europäisches Land aus dem Innovationsfond 1,5 Mio. € be- in der Physik, ein transatlantisches in der Medi- willigt hat. Darüber hinaus hat das Land der JLU zin und ein internationales PHD-Programm in auch erhebliche Mittel zur Modernisierung der den Literaturwissenschaften, sind die Grundla- Veterinärmedizin zugesagt. ge dafür. Als von besonderer Bedeutung über Die Einnahmen durch Drittmittel, die im Wett- Gießen hinaus erweist sich die vor einigen Jah- bewerb angeworben werden, haben sich wei- ren erfolgte Einrichtung des Graduiertenzen- terhin sehr positiv entwickelt. Im Jahr 2000 trums Kulturwissenschaften, dem nun ein ent- waren es noch ca. 31 Mio. €, die eingeworben sprechendes Zentrum in den Lebenswissen- wurden, im vergangenen Jahr bereits über 40 schaften folgen soll. Mio. €, eine beeindruckende Steigerung, an Diese Erfolge sind von großer Relevanz für die der die Forschung im Fachbereich Medizin JLU, und die Graduiertenausbildung ist der einen herausragenden Anteil hat. Beispiele Kern der engen Verbindung zwischen For- hierfür sind die Bewilligung einer klinischen schung und Lehre als Kennzeichen einer Uni- Forschergruppe im Bereich der Pneumologie, versität. Es ist deswegen unsere besondere ebendort die Einrichtung eines internationalen Sorge und Aufgabe, die Wettbewerbsfähigkeit Graduiertenkollegs oder die zentrale Rolle der der JLU nicht zu gefährden, sondern weiter zu JLU im Nationalen Genomforschungsprojekt. stärken. Aus dieser Bedeutung der Forschung in der Auch in diesem Jahr darf ich deswegen der Medizin und ihrer interdisziplinären Verbin- GHG wieder danken, dass sie durch zahlreiche dung innerhalb des einmaligen Fächerprofils Zuwendungen die Mitglieder der JLU darin un- der Lebenswissenschaften an der JLU wird terstützt hat, ihre Wettbewerbsfähigkeit durch deutlich, wie wichtig die Erhaltung der Medizin gezielte Maßnahmen zu kräftigen, die nationa- und insbesondere ihrer klinisch-theoretischen le und internationale Sichtbarkeit der JLU zu Fächer für die JLU ist. Das Präsidium setzt sich stärken und kulturelle Aufgaben in der Stadt, deswegen mit großem Nachdruck dafür ein, der Region und international wahrzunehmen. dass in den derzeit laufenden Verhandlungen über die Schaffung einer wirtschaftlichen Ein- Prof. Dr. Stefan Hormuth heit der Universitätsklinika in Mittelhessen Präsident der Justus-Liebig-Universität Gießen 6 maaß 17.05.2005 8:59 Uhr Seite 7 Bericht des Präsidenten des Verwaltungsrates der Gießener Hochschulgesellschaft Meine sehr geehrten Damen unserer Universität, insbesondere und Herren, der traditionsreichen Gießener Medizin, geschieht: verheerende ich begrüße Sie sehr herzlich zu Schlagzeilen bundesweit, renom- unserer ordentlichen Mitglieder- mierte Professoren im Visier der versammlung 2004 und bedanke Staatsanwaltschaft, streitige Zu- mich, dass Sie durch Ihre Anwe- kunftskonzepte, schwierige wirt- senheit die Verbundenheit mit der schaftliche Perspektiven auch in- Gießener Hochschulgesellschaft folge erheblicher Investitionsrück- zum Ausdruck bringen. Beson- stände, trotz der so notwendigen ders freue ich mich, dass heute und allseits betonten Bildungsof- auch unser Oberbürgermeister fensive weitere Budgetkürzungen Heinz-Peter Haumann anwesend für die Universität wegen der lee- ist, der einige Sätze aus seiner ren Staatskassen, große Sorgen Sicht zum bedeutsamen Miteinander von Stadt und Unruhe etwa bei den Philosophen, Physi- und Universität angekündigt hat. kern, Wirtschaftswissenschaftlern. Bevor wir jedoch in die Tagesordnung eintreten, Die Justus-Liebig-Universität Gießen muss drin- möchte ich an den kurz vor Weihnachten 2003 gend wieder aus den Negativschlagzeilen. Die verstorbenen Professor Dr. Jost Benedum erin- schlimmen Vorwürfe der angeblichen Men- nern. Herr Benedum war bis zuletzt Schriftfüh- schenversuche und Abrechnungsbetrügereien rer in unserem Vorstand und zugleich Schrift- sind dringend zu klären. Am Klinikum bedarf es leiter der Gießener Universitätsblätter. Während der Wiederherstellung eines gedeihlichen Mit- seiner 14-jährigen Vorstandstätigkeit hat er un- einanders und zugleich eines engagierten Mit- sere Hochschulgesellschaft sehr geprägt, sich wirkens an dem grundlegenden Zukunftskon- stets für die Belange unserer Universität und zept, wobei ein engeres Zusammenwirken mit deren Förderung erfolgreich eingesetzt. Durch dem benachbarten Marburg sicherlich interes- seine liebenswürdige Art war er uns ein sehr an- sante Ansätze bietet. Im Übrigen werden auch genehmer Kollege, dem wir gerne ein ehrendes den anderen Fachbereichen notwendige An- Andenken bewahren werden. passungsprozesse nicht erspart bleiben, wozu Nach dem fünften Jahr meiner Präsidentschaft schon die demografischen Trends und die wei- können wir erneut auf ein erfolgreiches Ge- terhin begrenzten Haushaltsmittel des Landes schäftsjahr zurückblicken, wofür vor allem dem zwingen werden. Für Kompetenzgerangel und Vorstand und seinem Vorsitzenden, Herrn Pro- Eitelkeiten ist in der Krise schon überhaupt kein fessor Dr. Dr. h. c. Bernd Hoffmann, großer Raum mehr. Vielmehr gilt es, für die gemeinsa- Dank gebührt. Herr Hoffmann wird Ihnen im me Sache zusammenzustehen, die Universität Anschluss über die Arbeit, die Förderprojekte als den bedeutendsten Standortfaktor für die und die Finanzen berichten. Region weiterzuentwickeln. Ich möchte jedoch wie schon in den Vorjahren Die Standortpolitik für die Universität gewinnt die Gelegenheit vorab zu einigen grundsätzli- immer mehr an Bedeutung. Über hervorragen- chen Überlegungen nutzen. Leider müssen wir de Leistungen in Forschung und Lehre hinaus derzeit weitgehend hilflos mit ansehen, was mit sind positive Ereignisse mit überregionaler Auf- 7 maaß 17.05.2005 8:59 Uhr Seite 8 merksamkeit hierfür äußerst hilfreich. So hat Hochschulleitung zu bedanken. Vorab darf ich sich das weltweit erste Mathematik-Mitmach- meine Freude zum Ausdruck bringen, dass Museum unter der Leitung von Herrn Professor sich mit Herrn Professor Dr. Ulrich Glowalla Dr. Albrecht Beutelspacher prächtig entwickelt. ein renommierter Hochschullehrer bereit er- Die Transfer-Aktivitäten gehen voran. Nicht zu- klärt hat, künftig im Vorstand mitzuarbeiten letzt ist das wieder in den nächsten Tagen be- und zugleich die Schriftleitung der Gießener vorstehende Sommerfest in Rauischholzhausen Universitätsblätter zu übernehmen. Mein anzuführen ebenso wie die hochwertigen klas- Dank gilt darüber hinaus meinen Mitstreitern sischen Konzerte unter Leitung von Frau Uni- im Verwaltungsrat. Ich freue mich auf eine versitätsmusikdirektorin Brigitte Schön. Die weiterhin erfolgreiche Zusammenarbeit im Hochschulgesellschaft ihrerseits hat mit den Sinne unserer gemeinsamen Sache, nämlich gerade erschienenen Gießener Hochschulblät- der Förderung unserer Justus-Liebig-Univer- tern erneut ein umfangreiches Heft mit über- sität Gießen. aus interessanten Beiträgen und Berichten über geförderte Projekte vorgelegt. Dr. Wolfgang Maaß Mir bleibt, mich bei allen Förderern, Mitglie- Präsident des Verwaltungsrates dern, dem Vorstand und nicht zuletzt der der Gießener Hochschulgesellschaft e.V. 8 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 9 Bericht des Vorstandsvorsitzenden der Gießener Hochschulgesellschaft Sehr geehrter Herr von wissenschaftlichen Mitarbei- Vizepräsident, tern und Mitarbeiterinnen be- sehr geehrter Herr Dr. Maaß, setzt sind, bei denen eine Regel- sehr geehrter Herr verlängerung ansteht. Ehrenpräsident Hahn, Frei und nicht wiederbesetzt wer- sehr geehrter Herr den vor allem die zeitlich befriste- Oberbürgermeister Haumann, ten Stellen der zahlreichen wis- meine sehr geehrten Damen senschaftlichen Mitarbeiter und und Herren, Mitarbeiterinnen, wobei es sich dabei eher um einen stochasti- ich begrüße Sie zur diesjährigen schen als einen programmierten Mitgliederversammlung der Gieße- Prozess handelt. Belastet wird ner Hochschulgesellschaft sehr vor allem der wissenschaftliche herzlich. Ich freue mich über Ihr Bereich. Auch wenn versucht zahlreiches Erscheinen. Insbesondere freue ich wird, die Funktionalität zu erhalten, kann sich mich auch über das Kommen von Herrn Ober- eine Universität ein solches Wissenschaftsma- bürgermeister Haumann und die ihn begleitende nagement über längere Zeit nicht leisten. städtische Delegation. Auch die Vertreter der Leider trifft auch zu, dass die ausgesprochenen Presse möchte ich sehr herzlich willkommen Stellensperren alleine nicht ausreichen, um die heißen. Dass sich 84 Mitglieder unserer Gesell- notwendigen Mitteleinsparungen zu erreichen. schaft für ihr Fernbleiben entschuldigt haben, Es mussten vielmehr zusätzlich die laufenden zeigt zumindest, dass sie sich der Hochschulge- Mittel für Lehre und Forschung gekürzt wer- sellschaft verbunden fühlen und grundsätzlich zu den, weiterhin stehen in nur unzureichendem einer aktiven Mitarbeit bereit sind. Eine solche Maße Mittel für Berufungen zur Verfügung. aktive Mitarbeit, und davon bin ich mehr als Diesen Prozess unmittelbar zu beeinflussen überzeugt, ist heute notwendiger als je zuvor. liegt außerhalb der Kompetenz und der Macht Ich verrate kein Geheimnis, wenn ich sage, der Gießener Hochschulgesellschaft. Was wir dass – wie auch andere hessische und nicht- jedoch tun können ist, an die Verantwortli- hessische Universitäten – die Justus-Liebig-Uni- chen, d. h. die Landesregierung, zu appellieren, versität in eine finanzielle Krise geraten ist. Dies auch im mittelhessischen Raum, d. h. auch in mag zum Teil daran liegen, dass es vor drei Jah- Gießen, den universitären Standort zu sichern. ren bei der Umstellung von der Kameralistik auf Nachdem sich im Freundeskreis der Justus-Lie- die kaufmännische Buchführung Verständnis- big-Universität Gießen, d. h. unter den Mitglie- schwierigkeiten innerhalb der Universität gege- dern der Gießener Hochschulgesellschaft und ben hat, Hauptursache der derzeitigen finanzi- im Verwaltungsrat, zahlreiche Persönlichkeiten ellen Schwierigkeiten ist jedoch die verringerte finden, deren Wort Gewicht hat, bitte ich diese Mittelzuweisung durch das Land. Um diese sehr herzlich, sich in diesem Sinne öffentlich zu Engpässe aufzufangen, hat die Universitätslei- äußern und sich für eine Unterstützung unserer tung grundsätzlich entschieden, alle derzeit Universität einzusetzen. freiwerdenden Stellen zunächst nicht zu beset- In der letzten Ausgabe der Gießener Univer- zen; ausgenommen sind lediglich Stellen, die sitätsblätter berichtete Herr Behrens, Mitglied 9 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 10 des Vorstandes der Gießener Hochschulgesell- richtung eines Biomedizinischen Forschungs- schaft, Geschäftsführer von Karstadt Gießen zentrums. Die Strukturüberlegungen in Sachen und Mitglied des Aufsichtsrates der Karstadt- Humanmedizin dürfen diese Entwicklungen Quelle AG, über die Bedeutung der Justus-Lie- nicht in Frage stellen; dadurch würden nicht big-Universität Gießen für diese Stadt und den nur der Fachbereich Humanmedizin, sondern mittelhessischen Raum. Dieser Artikel, meine auch die anderen genannten Fachbereiche und sehr geehrten Damen und Herren, sollte für damit die Gesamtuniversität in Mitleidenschaft alle, die für diesen Raum wirtschaftliche und gezogen werden. politische Verantwortung tragen, zur Pflichtlek- Universitäre Leistungen in Lehre und Forschung türe werden. Dieser Artikel weist klar darauf sind nicht umsonst zu haben. Das Land muss zu hin, dass es weder im Sinne der Stadt Gießen, seinen Verpflichtungen stehen und auch die noch im Sinne der hier ansässigen Wirtschaft notwendigen Kosten aufbringen. Nur dann sein kann, wenn es zu einer Schrumpfung der kann die viel zitierte „Exzellenz“ erreicht oder – Justus-Liebig-Universität Gießen kommt. wie ich für unsere Universität meine – erhalten Ich fordere daher eine breite Unterstützung für werden. Auch wenn heute Räume und Gebäu- unsere Universität, eine Unterstützung, die sich de der Universität nach Personen benannt wer- sowohl in Worten als auch in Zuwendungen fi- den können, halte ich es nicht für realistisch, nanzieller Art, zum Beispiel an die Gießener dass dies Anreiz genug ist, durch Bereitstellung Hochschulgesellschaft, manifestiert. privater Investitionsmittel den Staat nachhaltig Wie dringend eine solche Unterstützung be- zu entlasten. Es bleibt dabei; Politik und Staat nötigt wird, zeigen die Strukturüberlegungen sind gefordert. der Landeregierung hinsichtlich Fachbereich Hu- Privates Engagement ist aber trotzdem unver- manmedizin und Klinikum. Es geht hier ums zichtbar! Zum Beispiel – und das ist sicherlich Ganze, nämlich um eine mögliche Zusammenle- ein gutes Beispiel – durch die Mitarbeit in der gung der Klinika und damit auch der Fachberei- Gießener Hochschulgesellschaft. Für diese gilt, che Humanmedizin in Gießen und Marburg. dass im Hinblick auf die finanzielle Förderung Unnötige Dubletten sollten sicherlich vermieden von Vorhaben an der Justus-Liebig-Universität und Synergieeffekte genutzt werden; fest steht Gießen zwar nach wie vor nur kleine Brötchen jedoch, dass die Zahl der Studierenden zunächst gebacken werden, wobei ab und zu einmal ein nicht absinken wird, die Fachbereiche in Gießen größeres hinzukommt. Ein solches größeres und Marburg einem Numerus clausus unterlie- Brötchen war in diesem Jahr die Unterstützung gen und dass an beiden Standorten eine adä- bei der Einrichtung des Praktikums für die bio- quate Ausbildung garantiert werden muss. chemische Ausbildung der Veterinärstudenten. Weiterhin ist zu beachten, dass durch die enge Im vergangenen Jahr wurde der Nobelpreis für wissenschaftliche Kooperation und die daraus Chemie auf dem Gebiet der Biochemie verge- entstandene Vernetzung des Fachbereichs Hu- ben; die Biochemie als essenzielle Lebenswis- manmedizin mit anderen Fächerzonen der Le- senschaft ist heute ein nicht mehr wegzuden- benswissenschaften, z. B. dem Fachbereich Ve- kender Teil der Grundausbildung unserer Stu- terinärmedizin, dem Fachbereich Agrarwissen- dierenden im medizinisch-naturwissenschaftli- schaften, Ökotrophologie und Umweltmana- chen Bereich. Eine gute biochemische Grund- gement oder dem Fachbereich Biologie, Che- ausbildung ist Voraussetzung, dass – daran an- mie und Geowissenschaften, eine in der deut- knüpfend – in der postgradualen Ausbildung, schen Universitätslandschaft einmalige Situa- d. h. in der Forschung, neue und ggf. bahnbre- tion entstanden sein dürfte. In Gießen wurden chende Beiträge geleistet werden können. Für daraus resultierend Entwicklungen vorange- die Ausstattung dieses Praktikums wurden trieben, wie die Etablierung von Graduierten- seitens der Gießener Hochschulgesellschaft kollegs oder eines Ph.D.-Studiengangs, dazu 8000,00 € bereit gestellt. Ich hatte versucht, zählt aber auch die für den Wissenschaftsstan- weitere 8000,00 € über Spenden einzuwerben dort Gießen eine hohe Priorität besitzende Ein- und mich dabei auch an fördernde Mitglieder 10 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 11 und Mitglieder des Verwaltungsrates gewandt. Lassen Sie mich abschließend noch kurz auf die Es gab schnelle, positive Reaktionen, es gab ab- Professorenschaft bzw. den Lehrkörper einge- schlägige Bescheide, eine große Enttäuschung hen. Präsident Hormuth hat in letzter Zeit mehr- für mich war jedoch, dass auch Mitglieder des fach betont, dass sich die Universität Gießen auf Verwaltungsrates unserer Gesellschaft auf dem Gebiet der postgradualen Ausbildung be- meine Schreiben nicht einmal reagiert haben. sonders profiliert hat und die Justus-Liebig-Uni- Zur Zeit gehe ich davon aus, dass das Vorhaben versität Gießen zu jenen Universitäten gehört, mit insgesamt 13000,00 € gefördert werden die sich durch eine hohe Zahl an Graduierten- kann. kollegs auszeichnen. Diese Graduiertenkollegs Die sonstigen kleineren Brötchen, die die sind Schmieden für den akademischen Nach- Gießener Hochschulgesellschaft gebacken hat, wuchs und damit für die Zukunft der Wissen- sind in zahlreiche Einzelprojekte geflossen, ins- schaft. Diese Graduiertenkollegs werden aber gesamt waren dies etwa 60000,00 €. Insbe- nur dann eine weitere Förderung durch die DFG sondere wurden Seminarveranstaltungen und erfahren können, wenn Berufungsverfahren Symposien unterstützt sowie die Herausgabe und damit die Rekrutierung von hoch qualifi- der entsprechenden Proceedings. Auch stu- zierten Wissenschaftlern und akademischen dentische Initiativen, schwerpunktmäßig im Lehrern zügig durchgeführt werden können Bereich der Theaterwissenschaften, wurden und entsprechende Mittel zur Ausstattung der gefördert. Im Hinblick auf die Außenwirkung Berufenen bereitstehen. Mit der Berufungspoli- der Universität haben wir uns im vergangenen tik steht und fällt das Image, d. h. das interna- Wintersemester noch einmal an der Kammer- tionale Ansehen einer Universität. musik-Reihe beteiligt. Auch die für das Selbst- Die Gießener Hochschulgesellschaft verfügt verständnis einer Universität wichtigen Univer- nicht über die finanziellen Ressourcen, um hier sitätspreise werden weiter über die Gießener wirklich aktiv eingreifen zu können. Mein Hochschulgesellschaft finanziert. Wunschtraum ist jedoch, mittelfristig unsere Eine besondere Förderung im vergangenen Gesellschaft in die Lage zu versetzen, den be- Jahr galt dem Liebig-Festival, für dessen Mit- rufenen Professorinnen und Professoren ver- gestaltung den Rückstellungen insgesamt stärkt die Perspektive bieten zu können, nach 30000,00 € entnommen wurden. Im Jahre ihrem Dienstantritt in der Gießener Hochschul- 2007 steht das 400-jährige Universitätsju- gesellschaft einen effizienten Partner bei der biläum an, für das bereits Rücklagen gebildet Unterstützung von Forschung und Lehre zu werden. Seitens der Gießener Hochschulgesell- sehen. Dies, wie gesagt, ist ein Wunschtraum, schaft ist eine Förderung der Veranstaltungen ich hoffe jedoch, dass wir durch Erhöhung un- in Höhe von ca. 20 000,00 € vorgesehen, serer Mitgliederzahl und Einwerbung von wobei wir lieber gezielt zwei oder drei Projekte Spenden diesem Ziel zumindest näher kommen fördern wollen, als mit der Gießkanne diese können. doch relativ bescheidene Summe zu verteilen. Die Gießener Hochschulgesellschaft lebt von Meine sehr geehrten Damen und Herren, die dem Engagement ihrer Mitglieder. Es schmerzt Gießener Hochschulgesellschaft backt – wie daher, wenn wir Mitglieder, die unserer Gesell- bereits gesagt – i.d.R. nur kleine Brötchen, aber schaft oft über Jahrzehnte die Treue gehalten – ich betone dies mit schöner Regelmäßigkeit – und aktiv mitgewirkt haben, durch Tod verlie- diese Brötchen sind sehr schmackhaft und ren. Dem steht die Freude gegenüber, neue, haben einen hohen Nährwert. Wir können da aktive Mitglieder gewonnen zu haben. Mit 27 helfen, wo – aus welchen Gründen auch immer Beitritten im Jahr 2003 konnte zumindest die – sonstige finanzielle Ressourcen nicht zur Ver- Zahl der Mitglieder mit 654 gehalten werden. fügung stehen. Wir machen dadurch diese Uni- versität attraktiver, nicht nur für die Studieren- Prof. Dr. Dr. h.c. Bernd Hoffmann den, sondern auch für die Professorenschaft Vorstandsvorsitzender und den Lehrkörper insgesamt. der Gießener Hochschulgesellschaft e.V. 11 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 12 gjgjjjjjg rieger 17.05.2005 9:04 Uhr Seite 13 Dietmar Rieger Vom Geschehen zum Text-Ereignis und zurück. Drei Beispiele transnationaler Medienereignisse★ Die notwendige und grundlegende theoreti- handlung von Geschehen, bei der die entschei- sche Begriffsbestimmung und die Erarbeitung dende Konsistenzbildung – man könnte sogar eines narratologisch-genetischen Beschrei- von einer Art Konsistenzdruck sprechen – auf bungsmodells transnationaler Medienereignis- der Grundlage eines jeweils spezifischen Wis- se, vom historischen Geschehen zu seiner me- sens vom Geschehen und der Deutung und dialen Umsetzung und deren Wirkungsge- Ideologisierung dieses Wissensbestands er- schichte, die eines der Ziele unseres Graduier- folgt. Es ist klar: Zu einem Geschehensaus- tenkollegs darstellen, bedürfen der sie orientie- schnitt gibt es viele Möglichkeiten von Ge- renden Fallbeispiele. Drei derartige Beispiele schichte. Außerdem: Man kann jede dieser Ge- von Medienereignissen will ich im Folgenden schichten durchaus auch als narrative Formulie- skizzieren, die sich grundlegend voneinander rung eines Diskurses fassen. Der Text der Ge- unterscheiden, aber beileibe nicht alle Möglich- schichte kann dann als subjektive, wenn auch keiten jener Entwicklungsgeschichte vom his- in der Regel kollektiv gesteuerte, sich meist im torischen Geschehen zum Medienereignis re- intertextuellen Bezug auf andere, entsprechen- präsentieren. Ich lege dabei einen weiten Lite- de Texte vollziehende – aber auch bereits im raturbegriff zugrunde und spreche nicht von Augenzeugenbericht vorliegende – sprachlich- Gattungen, sondern von Textsorten. Eine theo- schriftliche Fixierung einer Geschichte über die retische Grundlegung schicke ich voraus. durch unendlich viele variable Voraussetzun- Ich gehe in meiner Systematik von jenem rela- gen und Bedingungen bestimmten Zwi- tiv einfachen, sicherlich weiter zu nuancieren- schenschritte der „dispositio“ und der „elocu- den und komplettierenden Modell aus, das tio“ beschrieben werden. Es sind die verschie- Karlheinz Stierle 1970 formuliert hat1 und das denen, nicht immer nur narrativen, aber als ich hier ein wenig variiere und ergänze – näm- „narrative Abbreviaturen“ (Jörn Rüsen) stets lich dem Modell der dreigliedrigen Textkonsti- auf die Narrativität der Geschichte verweisen- tutionsrelation von Geschehen, Geschichte den „Texte der Geschichte“, die als sprachliche und Text der Geschichte: Das Geschehen, das Neukonstitution und -strukturierung von Ge- sich aus der Totalität von einzelnen (noch nicht schehen durch eine quantitative und qualitati- mit einem Sinn versehenen) Momenten zusam- ve Wertung in Bezug auf das jeweilige Vorher mensetzt, ist eigentlich ein Kontinuum ohne und Nachher letztlich über dessen Status als Anfang und ohne Ende. Zu einer Geschichte prinzipiell bedeutungsoffenes Ereignis ent- wird Geschehen erst, wenn aus ihm ein ganz scheiden. Ich meine damit auch: Geschichtliche bestimmter zeitlicher Ausschnitt herausgegrif- Ereignisse gibt es nur, insofern ihnen zugrunde fen und dieser – nicht zuletzt durch Selektion liegende Begebnisse durch Texte und andere und Akzentuierung – mit einem Ablaufsinn be- Medien als Ereignisse in ausreichender Dichte gabt, also interpretiert wird. Oder anders: Die narrativ und in der Regel auch kontrovers und Geschichte ist eine sich in der Regel nach nar- miteinander konkurrierend repräsentiert, d.h. rativen Mustern vollziehende Aneignungs- inszeniert werden. Dass dabei literarische Texte – im Interesse besonderer ästhetischer und/ ★ Auf der Eröffnungsveranstaltung des Graduiertenkol- oder ideologischer Funktionalisierungen, ja In- legs „Transnationale Medienereignisse von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart“ (29. Januar 2004) gehalte- strumentalisierungen eines Ereignisses – über ner Vortrag. ein ungleich größeres Maß an Möglichkeiten 13 rieger 17.05.2005 9:04 Uhr Seite 14 der Komplexitätsreduktion oder -steigerung, Missionare selbst. Als besonders pikant muss überhaupt an Deutungsspielräumen, fiktiona- die Tatsache auffallen, dass gerade viele Auf- len „Spielfreiheiten“ und Inszenierungspoten- klärer zu den vehementesten Verteidigern tialen, ja auch Mythisierungslizenzen verfügen gehören. Nicht nur der gemäßigt-aufkläreri- als etwa historiographische – bis hin zur achro- sche italienische Historiograph Muratori (1743) nologischen und denarrativierenden Umgestal- oder der parteiische Jesuit Père de Charlevoix tung –, versteht sich von selbst. Doch auch sie (1756) feiern den Missionsstaat als Quelle des nehmen am öffentlich-medialen Dialog über Glücks, des Wohlstands und der (von den Pat- das Ereignis als Ereignis – wenn auch in beson- res „regulierten“) Freiheit (Muratori). Auch ein derer Weise – teil, und auch sie erinnern nicht Montesquieu preist 1748 im Esprit des lois die nur an Vergangenheit, sondern sind auch als humanitär-zivilisatorischen Leistungen der Je- Projekt in die geschichtliche Zukunft gerichtet. suiten in Paraguay und vergleicht deren Staats- wesen mit Sparta und der Römischen Republik. Meine drei Beispiele nenne ich: Melchior Grimm hält – bei aller Kritik – die 1. Texte der Geschichte streben nach einer Peripetie im in kommunistisch-kollektivistisch organisierten Geschehen, oder: Von einem Ereignis zum nächsten. 2. Vom Text über das Ereignis zum Text, oder: Von der christlichen Lebens- und Produktionsgemein- medialen Inszenierung eines Ereignisses. schaften lebenden Guarani-Indianer für die 3. Von Texten der Geschichten zurück zum Ereignis, glücklichsten Menschen. Und auch die abtrün- oder: Auf der Suche nach dem Geschehen. nigen Jesuitenschüler Mably und Raynal stehen dem – so Raynal – „plus bel édifice qui ait été 1. Texte der Geschichte streben nach einer élevé dans le Nouveau-Monde“, dem „schöns- Peripetie im Geschehen, oder: ten ‚Bauwerk’, das in der Neuen Welt errichtet Von einem Ereignis zum nächsten wurde“, noch nach der Vertreibung der Jesui- Innerhalb des europäischen Medienereignisses ten aus Spanien im wesentlichen positiv ge- des Untergangs des Jesuitenordens spielt der zu genüber – und sei es wegen des Gemeineigen- Beginn des 17. Jahrhunderts entstandene Jesui- tums. Einer der wenigen, die Bemühen um Ob- tenstaat von Paraguay eine entscheidende jektivität erkennen lassen, ist Bougainville, der Rolle.2 Dieser geistlich-weltliche Missionsstaat selbst aber auch nur bis Buenos Aires gelangt wehrte sich nach 1750 gegen territoriale Eingrif- war. Diderot dagegen wird etwa ein Jahr nach fe der Kolonialmacht Spanien, die sich in Süda- Bougainvilles Voyage autour du monde (1771), merika mit Portugal zu arrangieren versuchte im Supplément au voyage de Bougainville, an und die Jesuiten verdächtigte, ein souveränes den „grausamen Spartiaten“, den Sklaven- theokratisches oder auch nur hierokratisches Im- schindern, Ausbeutern, Eigentumsdieben und perium errichten zu wollen. Seit 1756 kam es zu Möchtegerngöttern kein gutes Haar lassen. militärischen Auseinandersetzungen, zu Strafex- Zweifellos ist es aber Voltaire, dem Erzfeind der peditionen der Spanier gegen die Jesuiten und Jesuiten, auf zwei Textsortenebenen gelungen, ihre schwer zugänglichen „reducciones“. Mit zumindest im Lager der „philosophes“ zu ver- der Vertreibung des Jesuitenordens aus Spanien hindern, dass die Geschichte von der christli- (1767) ist schließlich auch die Geschichte des Je- chen Paraguay-Utopie das Hauptanliegen, die suitenstaats von Paraguay beendet. Vertreibung der Jesuiten, konterkariert. Einmal Die europäische Medienlandschaft reagierte mit einem (im Januar 1758 abgefassten, 1761 auf diese Ereignisse und diskutierte den Jesui- publizierten) Kapitel des Essai sur les mœurs, tenstaat als christliche Republik und jesuitische zum andern mit zwei Kapiteln (14–15) des Utopie in höchst kontroverser, aber fast durch- Mitte 1758 geschriebenen Candide. weg mythisierender, so gut wie nicht durch den Im Essai sur les mœurs wechselt Voltaire perma- Augenschein beglaubigter Weise. Das Materi- nent und in subtiler Weise vom historiographi- al, das zur Konstruktion von verschiedenen Pa- schen Diskurs, den er – plakativ unparteiisch – raguay-„Geschichten“ dienen konnte, stamm- nicht nur mit der jesuitenfeindlichen Relación te in der Hauptsache aus der Feder jesuitischer abreviada des späteren Marquis de Pombal, 14 rieger 17.05.2005 9:04 Uhr Seite 15 sondern auch mit franziskanischen bzw. jesuiti- monde; les parlements de France les ont détruits par schen Quellen wie der Histoire du Paraguay des un arrêt; le pape a éteint l’ordre par une bulle; et la terre a appris enfin qu’on peut abolir tous les moines Père de Charlevoix belegt, über zu einem dezi- sans rien craindre“ („sie wurden aus allen Staaten des diert polemischen Diskurs voller Ironiesignale, ja Königs von Spanien in der Alten und in der Neuen vermengt immer wieder die beiden Diskurse, Welt verjagt; eine Verfügung der französischen Parle- wobei der Authentifikationsdiskurs den kriti- ments hat den Orden aufgelöst; der Papst hat ihndurch eine Bulle ausgelöscht; und die Erde hat endlich schen zu objektivieren versucht. Die Bewegung gelernt, dass man ohne jede Furcht alle Mönche ab- dieser textuellen Modellierung der Paraguay- schaffen kann“). Geschichte, die sich geschickt anekdotenhaft- narrativer Einschübe, deskriptiver Passagen, his- Greift Voltaire bereits als Historiograph in torischer Herleitungen, implizit und explizit wer- großem Maß auf fiktionale Erzählmuster tender Vergleiche, etlicher unkommentierter zurück – auch, indem er in der Geschichte der Ondits und konklusiver Reflexionen bedient, Jesuiten von Paraguay die Stationen Aufstieg, läuft letztlich – trotz einiger positiver, aber meist Hybris, Sündenfall und Sühnung markiert –, so sogleich wieder relativierter oder gar ironisch ins umso mehr in Candide. Die Fiktionalisierung Negative gewendeter Faktoren (wie Mut und geschieht hier vor allem durch die vollkomme- Kriegstüchtigkeit) – auf die Verurteilung der „jé- ne Integration in die märchenhaft-abenteuerli- suites-soldats“ hinaus. Dabei machen viele Text- che Candide-Fiktion, deren Fiktionsironie und signale deutlich, dass es Voltaire eigentlich nicht -parodie der Erzähler weidlich auskostet. Dis- um die Jesuiten in Paraguay, sondern um die Je- kursive Polemik wird auch dort durch eine fik- suiten in Europa geht. Am Ende erhält Voltaires tionale ersetzt, wo das Personal der Erzählung antijesuitische Einstellung durch die Ideologeme scheinbar diskursiv über den erzählten Gegen- und administrativen Praktiken, die er den Jesui- stand Auskunft gibt. Die Fiktionalisierung er- ten in Paraguay attribuiert, neue Nahrung: Ab- spart dem Polemiker jedes historiographische solutismus, feudalistische Ausbeutung, zivilisa- Objektivitäts- und Differenzierungssignal und torisch verbrämte Unterdrückung, Agrarkollek- tivismus, Verbot von Privateigentum und inter- nem Geldverkehr, hermetische Abgeschlossen- heit, Verpönung jeder Form von Luxus. Das Ziel ist klar: Stärkung der antijesuitischen Bewegung in ganz Europa. Inwieweit der Essai dazu beige- tragen hat, das angestrebte neue Geschehen, die völlige Vertreibung der Jesuiten, transnatio- nal zu befördern, mag dahingestellt bleiben. In- dessen: Voltaire hatte das Paraguay-Kapitel in der Edition von 1761 mit dem Satz beendet: „Il faudra en [sc. von den Jesuiten] parler encore ail- leurs, et dire comment la terre tout entière s’est soule- vée contre eux, et comment Rome seule les a protégés“ („Man wird noch an anderer Stelle von ihnen sprechen und erzählen müssen, wie die ganze Welt sich gegen sie aufgelehnt und wie allein Rom sie noch protegiert hat“). In der Ausgabe von 1771 schreibt er dagegen – voller Zufriedenheit über die durch die veröf- fentlichte Ratio zu erreichende Veränderbarkeit der Welt und die Geschichtsmächtigkeit der Menschen: „ils [sc. die Jesuiten] ont été chassés de tous les États Abb. 1: Candide trifft auf den „révérend père comman- du roi d’Espagne, dans l’ancien et dans le nouveau dant“, Cunégondes Bruder 15 rieger 17.05.2005 9:04 Uhr Seite 16 erlaubt ihm jede Überspitzung und Paradoxali- 18403. Der von der Julimonarchie vertretenen sierung („Los Padres y ont tout, & les peuples Ideologie des Anschlusses an die revolutionär- rien; c’est le chef-d’œuvre de la raison & de la imperiale Tradition entsprechend wurde seit justice“ – „Die Padres besitzen alles, und die 1830, im Kontext einer nunmehr auch offiziell Eingeborenen nichts; das ist das Meisterwerk legitimierten Napoleonverehrung, die nicht nur von Vernunft und Gerechtigkeit“). Der aukto- von der bonapartistischen Partei vertretene In- riale, mit seinem Personal wie mit Marionetten itiative diskutiert, als eine Art Wiedergutma- umgehende Erzähler, der einen Kommandan- chung für Sankt Helena und in Erfüllung von ten der Jesuiten, Cunégondes verschollenen Napoleons Testament die sterblichen Überreste Bruder, in geistlich-militärischer Mischtracht des Kaisers nach Paris zu überführen. Zwischen inszeniert, vermag sich als Augenzeuge zu ge- 1830 und 1839 wurden 31 Petitionen dafür bärden – zusätzlich ironisch authentifiziert eingereicht. Es war der Napoleonverehrer und durch Candides Diener und Führer Cacambo liberale Regierungschef Adolphe Thiers, der („je connais le gouvernement de Los Padres 1840, vielleicht zur Ablenkung von einer natio- comme je connais les ruës de Cadiz“ – „ich nalen Krise, diesen Plan aufgriff – wohl nicht kenne die Regierungsform der Padres wie die zufällig, als er seine Histoire du Consulat et de Straßen von Cadiz“). Auf dieser Textebene ist l’Empire zu schreiben begann. Außenpolitisch es dem Erzähler ein leichtes, positive, gar uto- abgesichert wurde er gegen etliche Widerstän- pistische Paraguay-Diskurse – etwa denjenigen de (der Dichter und Abgeordnete Lamartine er- Montesquieus – wenige Seiten vor den Eldora- innert an den „18 Brumaire d’un soldat ambi- do-Kapiteln und deren Utopie-Kritik zu subver- tieux“, den „18. Brumaire eines ehrgeizigen tieren. Die komisch-parodistische Deformation Soldaten“) und nicht ohne innenpolitische Risi- schreckt sogar nicht davor zurück, den jesuiti- ken (z.B. Louis-Napoléons Machtgelüste) unter schen Militärdiktatoren dieses „royaume“ – der Verantwortung des englandfreundlichen nicht von ungefähr wird die (im übrigen nicht Ministeriums Soult (mit Guizot als Außenminis- unhistorische) Dominanz deutscher Jesuiten ter) bis zur Schlusszeremonie vom 15. Dezem- unter ihnen insinuiert – ausgerechnet den im ber 1840 zügig verwirklicht. Bereits das Projekt Essai vermissten, Voltaire so wichtigen Luxus zu als solches, dann auch seine konkretere Ausge- attribuieren, um auf den Rezipienten die kras- staltung – etwa das Problem des letzten Ruhe- sen sozialen Gegensätze wirken zu lassen. Die orts (Saint-Denis, Arc de Triomphe, Panthéon, Andeutung jesuitischer Homosexualität zeigt, Colonne de Vendôme oder Invalidendom) – wie weit Voltaire in seiner fiktionalen Diatribe wurde in den öffentlichen Medien monatelang, gehen zu müssen glaubt. Die Peripetie am zum Teil kontrovers, diskutiert, vornehmlich in Ende von Kapitel 15 antizipiert fiktional das der Presse, in Denkschriften und Eingaben, entscheidende Ereignis in der Geschichte des aber auch in Gedichten und Chansons. Zahlrei- Jesuitenordens, nämlich seinen Untergang: Der che (auch literarische) Texte, Bücher, Zeichnun- an Pangloss’ Lehrformel „les hommes sont gen und Skizzen sind auf diese Weise nicht nur égaux“ geschulte Candide tötet seinen über- an der Produktion und Formulierung des Pro- aus standesbewussten Jesuiten-Schwager, den jektdesiderats, sondern auch an der Konstruk- „coquin“, im Streit und vermag in dessen Klei- tion des Ereignisses im einzelnen mitbeteiligt, dern und mit dessen Pferd aus dem Jesuiten- das Balzac einen Tag danach, in einem Brief an staat zu fliehen. Mme Hanska, als „plus grand que les triom- phes romains“ (als „größer als die Triumphzü- 2. Vom Text über das Ereignis zum Text, ge in Rom“) bezeichnen wird. Das Ereignis oder: Von der medialen Inszenierung selbst vollzog sich dann in drei innerhalb von eines Ereignisses Monaten bis ins Detail ausgeklügelten und ri- tualisierten Etappen, wobei die Inszenierung Gemeint ist der berühmte, nicht nur terminolo- der gleichsam öffentlichen Wiederauferste- gisch poetisierte „Retour des Cendres“ im Jahr hung des Kaisers in einer Art Inszenierungsspa- 16 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 17 gat darauf zu achten hatte, keine bonapartisti- schen Aufstände zu provozieren (Victor Hugo: „Le gouvernement semblait avoir peur du fantôme qu’il invoquait. On avait l’air tout à la fois de montrer et de cacher Napoléon“ [„Die Regierung schien sich vor dem Gespenst zu fürchten, das sie beschwor. Man machte den Eindruck, Napoleon gleichzeitig zu zeigen und zu verbergen“]): 1. Etappe: Der Prince de Joinville, Sohn von Louis-Philippe, der in seinen Vieux Souvenirs über diese eine Million Francs teure Aktion einen romanhaften Bericht abgeben wird, fährt mit einer Fregatte (La Belle-Poule) und einer Korvette (La Favorite) und 500 Mann Besat- zung – darunter vielen ehemaligen Dienern und Freunden Napoleons, aber auch einem Li- thographen und einem Daguerréotype – nach Sankt Helena und kehrt mit dem feierlich exhu- mierten, offenbar noch recht gut erhaltenen Leichnam nach Frankreich zurück. 2. Etappe: Von Cherbourg bzw. Le Havre aus fährt Napoleons Leichenschiff die Seine hinauf nach Paris: Hier bereits wird das Ereignis für ein Abb. 2: Candide ersticht den Jesuiten-Kommandanten Abb. 3: Exhumation des Cendres de Napoléon, 15 octobre 1840 17 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 18 Massenpublikum als reines „spectacle“ insze- poleonischer Gedichte, Lieder, Complaintes niert: Die Seine-Brücken werden als Triumph- und Erzählungen werden massenhaft verkauft, bögen dekoriert, überall wehen Fahnen, die gedruckte ornamentale Festprogramme auch Zuschauer am Seineufer singen alte und neue noch nachträglich in Umlauf gebracht. Die An- Napoleonlieder, Militärmusik und Gewehrsal- denkenindustrie boomt (Fächer, Teller, Medail- ven bilden die Geräuschkulisse. len mit entsprechender Illustrierung – verkauft 3. Etappe: Der städtische Leichen- und Tri- wird u.a. auch ein „Liqueur des cendres de Na- umphzug (mit vielen Veteranen der Grande poléon“). Teilweise nicht unkritische Zeugen- Armée) wird zur „fête payenne“ (Abbé Coque- berichte von Chateaubriand, Hugo, Thackeray reau) für ein bis zu 700 000-Personen-Publi- oder Heine, die beispielsweise die Napoleonbe- kum (trotz klirrender Kälte). Zwar soll dieses geisterung der Massen (im Unterschied zu den Gesamtkunstwerk „nur“ 500 000 Francs geko- eher verhaltenen Emotionen der Notablen der stet haben, doch wurden – Napoleon musste Julimonarchie) dokumentieren, erscheinen in im prunkvollen Sarg geradezu rotieren – Mate- ganz Europa. 1841 werden auch ganze Bücher rialien des Leichenzugs Ludwigs XVIII. und des publiziert wie etwa Napoléon à Paris des Triumphzugs anlässlich des „sacre“ von Karl X. Général Bertrand (Napoleons Adjutant auf wiederverwendet. An der Dekoration des ge- Sankt Helena). Befand sich die politische Presse samten (in einzelne Akte gegliederten) Wegs schon in der Planungsphase des „Retour“ im von Courbevoie über den Arc de Triomphe und gegenwartsbezogenen und vergangenheitsbe- die Place de la Concorde zum Invalidendom, wältigenden Disput, so ficht sie in ihren Berich- wo Louis-Philippe Napoleon in Empfang ten darüber den innenpolitischen Streit zwi- nimmt, sind etwa 50 bildende Künstler betei- schen Liberalen, Bonapartisten, Legitimisten ligt – u.a. mit Gipsstatuen, Springbrunnen, und anderen Konservativen in noch größerer Tuchmalereien, symbolisch-allegorischen Tri- Schärfe aus. Besonders interessant sind dabei – umphsäulen, Reliefs und Girlanden. Die Musik- neben dem diffusen Stelldichein der traditio- arrangements schöpfen einerseits aus älterem nellen Napoleonbilder – ansatzweise Neumo- Material (Cherubini u.a.), andererseits sind dellierungen (z.B. Napoleon wird von konser- Auftragsarbeiten für Triumph- und Trauermär- vativer Seite als Diener des Katholizismus ak- sche insbesondere an Auber, Adam und Halévy zeptiert) und deutliche Positionsveränderun- vergeben worden – Berlioz lehnte ab –, und es gen – beides vor dem Hintergrund des von wurden eigens für die den Napoleonkult stär- allen zur Kenntnis genommenen Napoleon-En- kende „napoléonopée“ (Balzac) sogar neuarti- thusiasmus der Volksmassen während des Er- ge Trompeten erfunden (Schiltz) und angefer- eignisses. Medienereignisse verfehlen also tigt. auch nicht ihre Wirkung auf die Medien selbst. Unmittelbar nach dem Ereignis beginnt eine Über alle Ebenen der République des lettres er- schier unüberblickbare Medienreaktion, die gießt sich schließlich eine wahre Flut von mit zwischen den Polen der Glorifizierung und der allen Registern des Populismus, des Nostalgi- mehr oder weniger deutlichen Kritik mit ästhe- schen und der Mythisierung arbeitenden tischen, vor allem aber politischen Akzenten Oden, Elegien, zum Teil nicht enden wollenden verläuft. Das „spectacle“ des Medienereignis- Complaintes, Canards mit reichem Bildmateri- ses wird auf der Theaterbühne „nachgespielt“. al und einer großen Zahl von Gedichten und Ein reiches ikonographisches Material – Hun- Chansons. Die Colonne Vendôme feiert fröhli- derte von ideologisch durchaus differenzierten che Urstände. In all diesen Texten überwiegt Bilddrucken, Lithographien, „images d’Épi- zwar die Glorifizierung Napoleons als epischer nal“, Karikaturen und auch Historiengemälden Held, Prometheus, Wohltäter der Nation, Mes- – erscheinen allein Ende 1840 und Anfang sias, Mahner der degenerierten Gegenwart in 1841, darunter lange Bildergeschichten des ge- genretypischer Simplifizierung der Geschichte, samten „Retour des Cendres“. Drucke alter doch, wie im Napoleondiskurs der beiden vor- und (durch das Ereignis instigierter) neuer na- ausgehenden Jahrzehnte, werden auch diffe- 18 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 19 Abb. 4: Débarquement des cendres de Napoléon à Courbevoie par Antoine Ferogio, 15 décembre 1840 renziertere Napoleonbilder – mit Kritik am kai- Der „Retour des Cendres“ ist überdies ein Me- serlichen Despotismus und der Betonung der dienereignis, das ein weiteres (wenn auch we- „légende noire“ – verbalisiert. Viele dieser in niger spektakuläres) als eine Art Echo generier- der Regel lyrischen Texte stellen häufiger als je te: Auf den Tag genau hundert Jahre später, am zuvor die durch den „Retour“ (überdies den 15. Dezember 1940, wurden die sterblichen „zweiten“ nach den Cent Jours) naheliegende Überreste des Königs von Rom und Herzogs Frage nach der Wiederauferstehung dieses von Reichstadt, Enkel des letzten Kaisers des Christus: Wird der Jubel seines Volks den Heiligen Römischen Reichs, also die sterblichen schlafenden Kaiser wecken? Wird sich ein Überreste Napoleons II., als Geste des Dritten Phönix aus den „cendres“ Napoleons erhe- Reichs dem besiegten Frankreich gegenüber ben? aus Wien in den Invalidendom überführt und dort in der Cella bestattet, zu Füßen des Stand- „Amis, soldats français, vous le pleurez à tort./Croyez- bilds seines Vaters im Kaiserornat. moi, mes enfants, l’Empereur n’est pas mort“ („Freun- de, französische Soldaten, ihr beweint ihn zu Unrecht./ Glaubt mir, Kinder, der Kaiser ist nicht tot“) 3. Von Texten der Geschichten zurück zum Ereignis, oder: Auf der Suche nach dem so heißt es in einem dieser Lieder. Nicht nur bo- Geschehen napartistische Rhetorik, sondern zugleich eine Art Antizipation: Wenig mehr als ein Jahrzehnt Ist der Brand der Bibliothek von Alexandria ein später tritt Napoléon-le-Petit (Hugo) die Macht transnationales Medienereignis?4 Die Antwort an. Der „Retour des Cendres“ aber trug zwei- lautet: ja und nein. Seit vielen Jahrhunderten fellos mit zur Wendung des Geschehens in wird die längst global mythisierte Geschichte Richtung Second Empire bei. vom Untergang der antiken/spätantiken – vom 19 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 20 ptolemäischen Anspruch her – Universalbiblio- diese im einzelnen jeweils minimalisierten, „ab- thek unablässig erzählt. Noch das Internet gebauschten“ Geschichten in Addition und (auch das muslimische) ist voll davon – und dies Sukzession miteinander zu kombinieren. Zur nicht nur im Zusammenhang der Einweihung Auswahl stehen insbesondere drei Geschich- der neuen Bibliothek von Alexandria Ende des ten: Jahres 2002, deren Planung und deren Kon- 1. Die heidnisch-antike Welt hat ihre größte Bi- struktion sich doch im wesentlichen eben die- bliothek selbst zerstört: Caesar belagert sem Mythos verdanken. Die „alte“ Alexandrina während des Alexandrinischen Kriegs von und ihr Ende werden in allen „Bibliotheksro- 48–47 v. Chr., den flüchtigen Pompeius verfol- manen“, die in der Moderne nicht erst seit Um- gend, die ptolemäische Flotte im Hafen von berto Ecos Il nome della rosa proliferieren, zu- Alexandria. Er steckt diese Flotte in Brand. Das mindest der Assoziationslust des Lesers offe- Feuer greift auf die Hafengebäude und auf die riert. Auch der jüngste französische „Biblio- Bibliothek des Museion über, die ein Raub der theksroman“, der sich zugleich als Wissens- Flammen wird (seit Livius-Seneca). Diese Ge- und Wissenschaftsgeschichtsroman versteht, schichte wird seit Seneca erzählt, der sich in De Jean-Pierre Luminets Le bâton d’Euclide. Le tranquillitate animi seinerseits auf eine ver- roman de la Bibliothèque d’Alexandrie von schollene Passage bei Livius beruft. Dass Caesar 2002, legt Zeugnis ab von der ungebrochenen selbst in seiner Darstellung des Alexandrini- narrativen Attraktivität dieser Geschichte, in schen Kriegs nichts davon verlauten läßt, wird der das Faszinosum einer das gesamte Wissen gerne mit seinem schlechten Gewissen zu er- der Welt speichernden Universalbibliothek ver- klären versucht. bunden ist mit der die Strafe für menschliche 2. Die Christen haben die größte heidnisch-an- Hybris imaginierenden, pyromanisch unterfüt- tike Bibliothek zerstört: Kurz vor dem Jahr 391, terten, apokalyptisch angehauchten, Ekel an in dem das Christentum unter Kaiser Theodosi- neuzeitlicher Wissens-Unordnung bedienen- us I. zur Staatsreligion erhoben wird, nehmen den oder auch „vanitas“-lastigen obsessionel- auf Ambrosius’ Betreiben die Zerstörungen len Vorstellung von deren Vernichtung oder Er- heidnischer Heiligtümer und Kulturstätten er- setzung durch das „world wide web“. heblich zu. Da sich in der Alexandrina heidni- Dieser Geschichte? Luminet, von Haus aus sches Denken formiert und verstärkt, glaubt Astrophysiker, aber immer wieder auch im Theophilos, der Patriarch von Alexandria, dage- Reich des Fiktionalen umtriebiger Schriftsteller, gen vorgehen zu müssen. Bei einem Kampf mit wendet sich im Nachwort an den Leser: Nichtchristen wird die Bibliothek des Serapeion „Vous venez de lire un roman et non pas un essai hi- von einer aufgebrachten christlichen Menge storique“ („Sie haben gerade einen Roman und keine unter seiner Führung geplündert und an- historische Abhandlung gelesen“), schließend dem Erdboden gleich gemacht. Da fügt jedoch hinzu: diese Geschichte aber die Zerstörung der „klei- nen“ Bibliothek erzählt, hat sie für die Konsti- „tenant compte des éléments historiques que j’avais tution des Mythos nur eine vergleichsweise ge- en mains, je me suis toujours efforcé d’être plausible dans l’invention romanesque“ („ich habe die histori- ringe Bedeutung. Sie dient aber seit der Auf- schen Fakten, über die ich verfügte, berücksichtigt klärung und dem Orientalismus der Romantik und mich mit ihrer Hilfe immer bemüht, in meiner Ro- immer wieder dazu, in der Schuldfrage den manfiktion plausibel zu sein“), muslimischen Orient zu entlasten, den die drit- und sagt auch damit nicht die ganze Wahrheit. te (noch jüngere) Alexandrina-Geschichte be- lastet. Genauer: Er musste sich für eine der vielen Ge- 3. Die Moslems haben die größte abendländi- schichten entscheiden, die sich seit der Antike sche, inzwischen dominant christliche Biblio- über den Untergang der Alexandrina herausge- thek zerstört: Im Jahr 642 n. Chr. läßt der Kalif bildet haben, während die Geschichtswissen- Omar, der Begründer des theokratischen arabi- schaft heute mehr und mehr dazu neigt, all schen Weltreichs, dessen Feldherr Amru zwei 20 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 21 Abb. 5: Das brennende Alexandria im Jahre 48 v. Chr. Jahre zuvor Alexandria erobert hat, die Ale- turbefreiende, „tabula rasa“-schaffende Tat, xandrina zerstören, in der jetzt die „heiligen die einen überfälligen Neubeginn ermöglichte. Bücher“ den Ton angeben. Die Bücher werden Sehr rasch ging sie in den Komplex von Er- als Heizmaterial in den alexandrinischen Ba- klärungsversuchen für das vollkommene Ver- dehäusern verwendet. Die Begündung ist als schwinden des einstigen umfassenden „Ge- eine „geflügelte“ in die Bibliotheksgeschichte dächtnisses der Menschheit“ ein. Omar ist seit eingegangen: Diese Bibliothek ist schädlich, dem 17. Jahrhundert mit bemerkenswerter wenn sie dem Koran widerspricht, und über- Konsistenz Teil des abendländischen Orientdis- flüssig, wenn sie ihm nicht widerspricht – also kurses. Und eben für diese Geschichte hat sich besteht kein Grund, sie zu erhalten. Diese Ge- Luminet entschieden, versucht jedoch, ihr schichte ist aber nicht, wie vermutet werden durch ihre besondere Modellierung einige anti- könnte, christlicher Imagination oder Historio- muslimische Spitzen zu nehmen, die sich seit graphie zu verdanken, sondern wurde zum ers- Jahrhunderten an sie geheftet haben. ten Mal zu Beginn des 13. Jahrhunderts von Der Streit darüber, welche dieser Geschichten, einem arabischen Arzt und Philosophen er- dieser Konstrukte von Geschichte mit jeweils wähnt. Im Abendland ist sie erst seit dem 17. vielen Vertextungsvarianten, das wahre Ge- Jahrhundert zur Kenntnis genommen worden schehen widerspiegelt, hält bis heute an. Er ist und zwar durchaus nicht immer als barbari- sogar Teil des Dialogs Okzident-Orient gewor- sche, sondern häufig auch als notwendige, kul- den, denn die Omar-Geschichte trotzt bis heute 21 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 22 allen historiographischen Falsifizierungsversu- Kann es also auch ein in permanenter medialer chen nicht erst seit des Aufklärers Edward Gib- Datierungs-, Lokalisierungs- und Deutungsho- bon proarabischer und antichristlicher Version. heits-Konkurrenz befindliches, die Jahrhunder- In Anbetracht der anhaltenden Attraktivität der te überdauerndes, ja gleichsam aus der Zeit Omar- oder Amru-Geschichte ist es vielleicht herausgenommenes Medienereignis ohne be- nicht allzu erstaunlich, dass Omar und seine Bi- grenz- und konturierbares Geschehen geben? bliotheks-Geschichte nicht nur im Okzident als In der Tat: Wo das geschichtliche Erinnern „Geschichte“ attraktiv bleibt, sondern auch im aussetzt oder sich im Kreis bewegt, ohne auf Imaginarium des Orients – und zwar, in Ver- historisch verbürgbare Wahrheiten zu stoßen, kennung ihres Ursprungs, vor allem in der Rolle springt bei gegebenem Symbolbedarf die my- eines Zeichens für das christlich-abendländi- thische Erinnerung in die Bresche und besetzt – sche Überlegenheitsgefühl und insbesonde- aber auf ganz verschiedene Weise – die Leer- re des Versuchs, die eigene Schuld auf ei- stellen mit Geschehenskonstrukten aus dem nen „exotischen“ Sündenbock abzuschieben. Material von Geschehensfragmenten. Oder an- Ahmed Youssef beendet in seinem mit einem ders: Die Zerstörung der Bibliothek von Ale- Vorwort von Jacques Attali ausgestatteten xandria hätte sogar auch dann erfunden wer- Buch von 2002 über die „sieben Geheimnisse“ den müssen, wenn sie niemals stattgefunden der Alexandrina (Les sept secrets de la Biblio- haben sollte. Die Beschäftigung mit der Zer- thèque d’Alexandrie) seine eigene Enquête mit störung der Alexandrina und ihren zahlreichen eben dem Vorwurf, der Okzident wolle die medialen Modellierungen in den verschiedens- Schuld Caesars ganz bewusst nicht einge- ten „Texten der Geschichte“ ist ein Beispiel stehen: dafür, dass nicht die verzweifelte Suche nach „Et lorsqu’on le reconnaît, ce ne sont pas les livres de dem Geschehen, die neo-rankianische Frage la Bibliothèque mais ceux qui se trouvaient dans le „Wie ist es wirklich gewesen?“ die interessan- port. Alors on cherche un autre accusé, et on le trou- tere sein muss, sondern dass es sich immer wie- ve dans la personne du général arabe“ („Und selbst wenn man es tut, meint man nicht die Bücher der der lohnt, von der Faktengeschichte zur Erinne- Bibliothek, sondern diejenigen im Hafen. Dann sucht rungsgeschichte, also zur Konstruktion von Ge- man einen anderen Angeklagten, und man findet ihn schichte überzuwechseln. Im Fall der Alexand- in der Gestalt des arabischen Generals“). rina streiten sich die Medien nicht nur um Fak- Der (durch wen auch immer verursachte, mehr ten und deren Bewertung, sondern auch und oder weniger historische oder auch nur imagi- gerade um richtige oder falsche Erinnerung. nierte) Brand der alexandrinischen Bibliothek ist Auch die Neugründung der Alexandrina im Jahr in der Moderne – nicht immer losgelöst von der 2002 war ein transnationales Medienereignis, Schuldfrage, deren „postkolonialen“ Implika- das sich in großem Maß von der Erinnerung an tionen und der Herausstreichung abendländi- die alte Alexandrina nährte. Wie bestimmend scher Kulturhegemonie – zur multiplen Denkfi- diese Erinnerungskomponente auch und gera- gur geworden: Erinnern gegen Vergessen als de in Bezug auf den eines exakten Geschehens- Grundfähigkeiten des Menschen, Trauer über bezugs entbehrenden Untergang dieser Biblio- das verlorene Gedächtnis gegen den freudigen thek war und ist, zeigt die weltweite Reaktion Aufbruch von der „tabula rasa“ zum Neuen, auf ein Vorkommnis vom Anfang März 2003: Buchleidenschaft gegen Spiel mit dem Feuer, Viereinhalb Monate nach der feierlichen Eröff- Bildungsbeflissenheit gegen Furcht vor Überbil- nung sind in der neuen Bibliothek von Alexand- dung, Ordnung gegen Orientierungslosigkeit, ria bei einem Feuer fast vierzig Personen verletzt Angst vor Identitätsverlust im Zeitalter der Glo- worden. Bücher und Lesesäle blieben aber un- balisierung gegen Hoffnung auf die Gewin- beschadet. Wenn schon der Mythos nicht auf nung einer neuen Identität, Verehrung des Ehr- ein exaktes historisches Geschehen zurückge- würdigen und Heiligen gegen Sakrileg und Blas- führt zu werden vermag: Versucht er nun – phemie, Schuld für eine Art kultureller Ursünde wenn auch sehr ungeschickt –, aus sich selbst gegen Befreiung von falschen Autoritäten. ein solches Geschehen zu generieren? 22 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 23 Anmerkungen Abbildungsverzeichnis 1 Karlheinz Stierle: „Geschehen, Geschichte, Text der Ge- Abb. 1: Candide trifft auf den „révérend père comman- schichte“, zuletzt in: Ders.: Text als Handlung. Perspekti- dant“, Cunégondes Bruder. In: Voltaire, Candide oder Die ven einer systematischen Literaturwissenschaft, Mün- beste aller Welten, Rudolfstadt 1957. Zeichnung von Karl chen 1975, S. 49–55. Stratil (Quelle: http://ub-dok.uni-trier.de/candide.htm) 2 Vgl. im folgenden vor allem: Ulrich Knoke: „Zur ästhe- Abb. 2: Candide ersticht den Jesuiten-Kommandanten. In: tischen Gestalt fiktionaler Texte aus historisch-materia- Voltaire, Candide ou l’optimisme, Paris 1893. Aquarell- listischer Sicht (am Beispiel eines Vergleichs zweier Texte vorlage von Adrien Moreau (Quelle: http://ub-dok.uni- von Voltaire)“, in: Romanistische Zeitschrift für Literatur- trier.de/candide.htm) geschichte/Cahiers d’Histoire des Littératures Romanes 3 Abb. 3: Exhumation des Cendres de Napoléon, 15 octob- (1979), S. 86–111; Hinrich Hudde: „Griechisches Ideal re 1840. Imagerie Pellerin, Épinal 1840. gravure sur bois und südamerikanische Wirklichkeit. Zu José Manuel Pe- coloriée, 0,42 x 0,62 m. Paris: Musée Carnevalet. In: Jean- ramás’ Vergleich zwischen Platons Staatsschriften und Marcel Humbert (Hg.). Napoléon aux Invalides. 1840, Le dem ‚Jesuitenstaat’ in Paraguay“, in: Lateinamerika-Stu- Retour des Cendres. Paris: Musée de l’armée. 1990, 113. dien 13 (1983) (= Iberoaméricana. Homenaje a G. Sie- Abb. 4: Débarquement des cendres de Napoléon à Cour- benmann I), S. 355–367; Ders.: „Der ‚Jesuitenstaat’ – bevoie par Antoine Ferogio, 15 décembre 1840. Ferogio eine verwirklichte Utopie? Über eine alte Vorstellung und (François-Fortuné-Antoine), 1840. Öl auf Leinwand. 0,64 ihr Fortwirken bis in die Gegenwart“, in: Lateinamerika- x 0,94 m. Courbevoie. Musée Roybet-Fould. In: Jean-Mar- Studien 14 (1984), S. 43–64. cel Humbert (Hg.). Napoléon aux Invalides. 1840, Le Re- 3 Sehr informativ ist der Ausstellungskatalog Napoléon tour des Cendres. Paris: Musée de l’armée. 1990, 48. aux Invalides. 1840, Le Retour des Cendres. Ouvrage réa- Abb. 5: Das brennende Alexandria im Jahre 48 v.Chr. Der lisé sous la direction de Jean-Marcel Humbert. Préface de Holzstich mit späterer Kolorierung ist einem Band des Maurice Agulhon, Paris 1990. 19. Jahrhunderts entnommen: Hermann Göll, Die Wei- 4 Vgl. zum Folgenden auch Dietmar Rieger: „Wer war sen und Gelehrten des Alterthums. Leipzig 21876. Hier der Täter? Zur Konkurrenz der ‚Geschichten’ über die in: Wolfram Hoepfner (Hg.). Antike Bibliotheken. Mainz Zerstörung der Bibliothek von Alexandria“, in: Romanis- 2002, 35. tische Zeitschrift für Literaturgeschichte/Cahiers d’His- toire des Littératures Romanes 27 (2003); vgl. zum Bibliotheksimaginarium Ders.: Imaginäre Bibliotheken. Bücherwelten in der Literatur, München 2002. 23 rieger 17.05.2005 9:07 Uhr Seite 24 24 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 25 Sigrid Oehler-Klein Das Institut für Erb- und Rassenpflege der Universität Gießen: Aufbau des Instituts und Eingliederung in die Universität Dieser Beitrag ist als Ergänzung zu bereits vor- Krieg aus seinem Amt entlassen worden, weil handenen Publikationen über die Entwicklung er als politisch schwer belastet galt. Eine Unter- der Erb- und Rassenpflege in Gießen zu sehen. suchungskommission befasste sich 1957 mit Das Gesamtbild, das die am Institut entstande- dem Antrag Walther Schultzes auf Emeritie- nen Werke, die Biographien und politischen rung und Wiederaufnahme in die Fakultät. Die Aktivitäten der Mitarbeiter des Instituts um- Worte Reinweins zeigen eine geradezu grotes- fasst, ist im Kontext der zitierten speziellen Li- ke Verdrehung der Umstände, wie Heinrich teratur zu erschließen. Der Beitrag stellt ein Wilhelm Kranz auf den Lehrstuhl für Erb- und Teilergebnis des vom Fachbereich Humanmedi- Rassenpflege der ehemaligen Ludwigs-Univer- zin der Justus Liebig-Universität Gießen am sität Gießen gekommen war. Tatsächlich war Institut für Geschichte der Medizin eingerichte- Kranz nicht etwa vom Kultusministerium an die ten Projekts „Geschichte der Medizinischen Fakultät Gießen versetzt oder beordert wor- Fakultät Gießen 1933–1945“ dar. den, sondern die Fakultät hatte am 30. 6.1936 einstimmig – und auch mit der Stimme Rein- „So kam ... aus dem Berliner Kultusministerium weins – beantragt, „dass Dr. Kranz auf die ein Herr, als Prof. Krantz, der dann Rektor neugeschaffene ausserordentliche etatmässige wurde, [und] die Giessener Professoren wegen Professur für Erb- und Rassenhygiene ernannt ihrer zu lauen Einstellung angegriffen hatte...“1 werde. Die Fakultät ist völlig einmütig darin, Gegen Herrn Kranz sei 1938 mutig der damali- dass für Giessen allein Dr. Kranz in Frage kom- ge Dozentenbundsführer an der Universität, men kann. Es wird nur erwogen, ob etwa wei- der Dermatologe Professor Walther Schultze, tere Vorschläge auch mit eingereicht werden vorgegangen. Schultze habe in den Auseinan- sollen. Nach engeren Besprechungen wird aber dersetzungen zwischen Kranz und den Kolle- auch darin Einigkeit erreicht, dass wir nur Dr. gen an der Universität seine akademischen Ver- Kranz benennen.“2 pflichtungen über die politische Loyalität des Die Teilnehmer an jener Fakultätssitzung wuss- Parteigenossen gestellt. Mit dieser rückblicken- ten, wen sie mit dem Extraordinariat betrauen den Darstellung Professor Helmuth Reinweins wollten: Einzelne Aktivitäten, die Kranz seit aus dem Jahr 1957 wurde die Geschichte, wie 1934 während der Aufbaumaßnahmen des In- sich der politische Aktivist und radikale Vertre- stituts für Erb- und Rassenpflege angestrengt ter der Rassenhygiene, Heinrich Wilhelm Kranz hatte, waren im Vorfeld zur Beantragung des (1897–1945), innerhalb der medizinischen Fa- Lehrstuhls in der Fakultät bekannt.3 Offenkun- kultät Gießen etablieren konnte, nicht etwa dig bestand gerade wegen dieser Aktivitäten nur verkürzt, sondern schlicht verfälscht. innerhalb der Fakultät der Wunsch, Kranz und Reinwein, von November 1934 bis März 1942 dessen Institut stärker an die Universität zu bin- Direktor der Medizinischen und Nervenklinik, den.4 Honoriert werden sollte das Engage- suchte mit seinem Bericht über die Ereignisse ment, mit dem Kranz bestrebt war, Erb- und jener Zeit seinem Kollegen und bekannten An- Rassenforschung durch Datenerhebungen, sta- hänger der nationalsozialistischen Gesund- tistische Auswertungen sowie experimentelle heitspolitik zu helfen: Der ehemalige Leiter der Untersuchungen als Fachsparte in Gießen zu Hautklinik und der Lupusheilstätte Seltersberg, etablieren. Auch mit der unmittelbaren Umset- Professor Walther Schultze, war nach dem zung gewonnener und bereits akzeptierter Er- 25 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 26 gebnisse der erbbiologischen Forschung in der Landesuniversität“13 statt. Am 30. 6. 1938 praktische Erbpflege war man einverstanden. erfolgte die offizielle Angliederung des Instituts Man war der Meinung, dass die Vergabe eines an die Universität, und zum 9. 5. 1940 wurde Extraordinariates an Kranz (1937) und die Ein- das von Kranz ab 1. 1. 1937 wahrgenommene gliederung des von ihm aufgebauten Institutes Extraordinariat für Erb- und Rassenpflege in ein in die Fakultät bzw. Universität (1938) ein Ge- Ordinariat – unter Verwendung des freigewor- winn für Gießen sei. denen Ordinariats für systematische Theologie – umgewandelt. Die Gründung des Instituts Ab 1934 vereinigte Kranz in seiner Person uni- Lobbyarbeit für Universität, versitäre, standesrechtliche sowie partei- und Fakultät und Institut gesundheitsamtliche Funktionen.5 Neben pri- vaten Geldern flossen in den ab 1934 betriebe- Bereits 193514 – und wie zitiert 1936 – wurde nen Aufbau des Institutes für Erb- und Rassen- in der Fakultät die Meinung vertreten, dass die pflege auch finanzielle Mittel der hessischen Vergabe eines Extraordinariates für Rassenhy- Ärztekammer.6 In dem Institut richtete Kranz giene und Bevölkerungspolitik an Kranz der die von ihm geleitete Abteilung „Erbgesund- verdiente Lohn für hervorragende Leistung und heits- und Rassenpflege“ der hessischen Ärzte- Engagement war. Gründe für diese nach außen kammer ein. Zu deren Aufgaben gehörte die zumindest vorbehaltlose Unterstützung gab es „erbbiologische Bestandsaufnahme“, die, in viele. Auf der einen Seite kann das Unvermö- einem „Erbarchiv“ dokumentiert, eine Vorstufe gen mancher Fakultätsmitglieder vermutet des geplanten „Gesundheitskatasters des werden, sich gegen den nationalsozialistischen deutschen Volkes“ darstellte.7 Kranz, eigentlich Aktivisten Kranz und damit gegen die gefor- habilitierter Ophthalmologe, war seit 1933 derte Umformung der Universität im national- von dem Wegbereiter der Rassenhygiene in sozialistischen Sinne öffentlich auszusprechen. Gießen, dem Direktor des Hygiene-Institutes, Auf der anderen Seite gab es eine breite Zu- Professor Dr. Philaletes Kuhn (1870–1937),8 ge- stimmung zur Gesundheitspolitik, insbesonde- fördert worden: Seit September 1933 war er re zu den vorsorgenden Maßnahmen des na- Volontärassistent am Hygiene-Institut, vertrat tionalsozialistischen Staates. Das Institut für Kuhn 1933 und 1934 in der Vorlesung und er- Erb- und Rassenpflege konnte in dem Komplex hielt u.a. auf Antrag der Studentenschaft und praktisch einzulösender Ziele dieser Gesund- Kuhns Lehraufträge der Fakultät,9 die durch heitspolitik die Aufgabe erhalten, auffällige das Hessische Kultusministerium bewilligt wur- Personen im Kontext ihrer familiären Krank- den. Ab Juli 1934 gab es Verhandlungen zwi- heitsdispositionen und Lebensweisen zu regis- schen dem Pädiater Professor Duken – eben- trieren sowie den Zugriff auf diese selbst und falls ein engagierter Nationalsozialist10 – auf die Familien zu sichern. Zusätzlich fiel dem In- Überlassung von Räumen des Isolierhauses der stitut die Aufgabe zu, diese Maßnahmen öf- Kinderklinik,11 welche Kranz bereits im Oktober fentlich zu erläutern, den Zusammenhang mit 1934 zur Nutzung zugesagt wurden. 1936 der nationalsozialistischen Politik herzustellen wurde das gesamte Isolierhaus offiziell als Ras- und die universitäre Lehre auf dem Gebiet der senpolitisches Amt der NSDAP, Gau Hessen- Rassenhygiene zu gewährleisten. Außerdem Nassau, und als Beratungsstelle für Erb- und erhielt man engere Beziehungen zur Landes- Rassenpflege des staatlichen Gesundheitsam- regierung bzw. zum Reichsstatthalter Jacob tes des Kreises Gießen installiert.12 Die feierli- Sprenger (1884–1945), der Gauleiter und För- che Einweihung des Institutes am 27. 1. 1936 derer von H. W. Kranz war.15 fand unter Teilnahme von „Vertretern der Par- Obwohl bereits einige an der medizinischen Fa- tei und ihrer Gliederungen, der Wehrmacht, kultät lehrende Dozenten nationalsozialistisch- der staatlichen und städtischen Behörden und rassenhygienische Inhalte propagierten oder 26 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 27 sie durch ihre Mitgliedschaften in der Partei daß eine kleine Universität in einer kleinen und ihren Gliederungen förderten,16 wurde das Stadt vielen Anforderungen des Nationalsozia- Klima stark durch Neuberufungen bzw. Neuer- lismus wesentlich besser entsprechen kann als nennungen von Dozenten geprägt. Unter zehn eine Großstadt-Universität.“26 Mit der Siche- Neuberufungen bis 1936 waren allein sieben – rung von Standortvorteilen gekoppelt war die fünf Ordinarien und zwei Extraordinarien –, die Akzeptanz einer rassistisch begründeten Erb- dem System sehr ergeben waren.17 Die Nach- biologie im universitären Lehrspektrum im Ver- wuchswissenschaftler (Privatdozenten), die seit bund mit eugenischer Praxis. November 1933 an den Fakultätssitzungen teil- Die Antragsteller aus der Medizinischen Fakul- nehmen konnten,18 waren hinsichtlich der Mit- tät, die einen universitären Institutsausbau gliedschaften in der Partei und ihren Gliede- wünschten, waren somit nicht lediglich von der rungen politisch noch stärker mit dem NS-Staat Notwendigkeit rassenhygienischer Forschung verbunden.19 Das Klima an der Fakultät war ge- und Lehre überzeugt, sondern sie nahmen eine prägt durch rassische und politische Verfol- sich bietende Gelegenheiten wahr, um die Uni- gung seit 1933.20 Ebenso ist eine deutliche versität Gießen zu stützen. Der Parteigenosse Aufbruchstimmung in Kreisen der Studenten- und spätere SS-Mann Albert Fischer, Leiter der und Dozentenschaft, die den Geist der so ge- Chirurgischen Universitätsklinik seit 1933, war nannten Revolution in das Kollegium hineintra- sicher ein Befürworter rassenhygienischer gen wollten, zu registrieren;21 sie gestalteten Maßnahmen, aber sein aktiver Einsatz in seiner damit die Politisierung des Lehrkörpers in ihrem Eigenschaft als Dekan für Heinrich Wilhelm Sinne. Neben diesem bis Mitte der 30er Jahre Kranz und für die Einbindung des Instituts in aufgebauten Klima der Einschwörung und die Universität bedeutete zugleich Lobbyarbeit auch der Verängstigung,22 das vermutlich öf- für die medizinische Fakultät der Universität fentliche Stellungnahmen gegen Kranz von Gießen. Man befand sich in der Konkurrenz zu vornherein verhinderte, konnte auf der ande- Frankfurt, wo 1935 unter Otmar Reinhard Frei- ren Seite eine demonstrative Unterstützung für herr von Verschuer ein Lehrstuhl für Erbbiolo- eines der wichtigsten Ziele des NS-Staates der gie und Rassenhygiene eingerichtet wurde; Fakultät von Nutzen sein. Mit dem institutio- und so verwies man auf die langjährigen – pri- nellen Aufbau des neuen Faches Rassenhygie- vaten und von der Fakultät geförderten – An- ne, das im Frühjahr 1936 Prüfungsfach strengungen Heinrich Wilhelm Kranz’ in der wurde,23 versprach sich die Fakultät in diesen Einrichtung eines vergleichbaren Institutes: Zeiten eine Aufwertung des Universitätsstand- „Wir würden es als Ungerechtigkeit gegenüber ortes Gießen. Schließlich schien die kleine Uni- den Leistungen von Dr. Kranz betrachten, versität von der Schließung bedroht24 und die wenn man jetzt durch ein gut fundiertes Studentenzahlen gingen zurück.25 Die be- Frankfurter Institut in das bisherige Arbeits- schworene Notwendigkeit einer fortwähren- feld von Dr. Kranz rücksichtslos eingreifen den Revolution zur Durchsetzung von grund- würde.“27 sätzlichen Zielen der neuen Machthaber schuf Unterstützung erhielt Kranz auch inhaltlich, sich verselbstständigende Argumentationsket- indem sich die Fakultät im Prinzip einverstan- ten, die von den eigentlichen Inhalten abge- den erklärte, von allen klinisch behandelten Pa- koppelt werden konnten und anderen Zielen – tienten, die an einer vermuteten Erbkrankheit nämlich Ruf und Ausstattung der Universität – litten, Sippschaftstafeln aufzustellen. Durch dienten. Mit den rassenhygienischen Forderun- Kranz zuvor schon initiiert, wurden die Mel- gen des Staates wurde der dringende Wunsch dungen dieser Patienten offiziell durch eine am nach Einrichtung eines Lehrstuhls für Erb- und 19. 8. 1934 erlassene Verfügung des Hess. Rassenpflege begründet und zugleich verspro- Staatsministers über Aufnahme des erbbiologi- chen, mit diesem die Qualität des Studiums wie schen Bestandes der gesamten Bevölkerung auch die der „geistigen Haltung“ an der Uni- veranlasst, welche die Fakultät am gleichen Tag versität zu sichern: „... wir sind der Meinung, zur Kenntnis nahm.28 27 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 28 größeren Einfluss auf die niedergelassenen Ärzte ge- stattete und ihm die erb- pflegerische Kontrolle hin- sichtlich der Anzeigen oder Anträge auf Zwangssterili- sationen sowie hinsichtlich der Erstellung von Sipp- schaftstafeln erleichterte.30 Über den Dekan wandten sich der Verwaltungsdirek- tor des Universitätsklini- kums (Professor Reinwein) und der Dozentenschafts- und Dozentenbundsvorsit- zende (Professor Schultze) sowie Professor Albert Fi- scher an den Rektor der Universität. Sie alle hoben die Vorteile einer solchen Ämterakkumulation in der Person von Kranz für die Universität hervor: Albert Fischer schrieb an den Dekan (Adolf Seiser): „... des weiteren dürfte sich die Beibehaltung der Ämter der Ärzteschaft auf die Arbeiten des von Herrn Kranz geleisteten [!] wis- senschaftlichen Institutes sehr fördernd auswirken. Herr Kranz wird hinsicht- lich der Beantwortung von Fragebogen und derglei- chen durch die praktizie- Aktennotiz über die Diskussion in der Fakultätssitzung zur Einrichtung eines In- renden Ärzte sicherlich stituts für Erb- und Rassenpflege. UAG, Dekanatsbuch, Vgl. Anm. 2, Bl. 253 sehr viel besser „bedient“ werden, wenn er gleichzei- Die effiziente Ausbaumöglichkeit der Erbkartei tig noch Amtsleiter ist, als wenn er lediglich als war einer der Gründe, die 193729 einige Fakul- Institutsdirektor zeichnet. Also auch im Interes- tätsmitglieder dazu bewogen, ausnahmsweise se des neuen Univ. Institutes liegt meines Er- für eine Beibehaltung der Kombination von messens die Weiterführung dieser Ämter durch standesrechtlichen und universitären Ämtern Herrn Kranz.“31 Und Professor Reinwein zu plädieren, die Kranz als Universitätsprofes- schrieb: „Als Verwaltungsdirektor der Univer- sor und Vorsitzender der Ärztekammer und sitätskliniken habe ich seit der Übernahme mei- Kassenärztlichen Vereinigung, Bezirksstelle nes Amtes vielfach mit Herrn Prof. Kranz als Gießen, in seiner Person vereinigte. Kranz Amtsleiter der kassenärztlichen Vereinigung, selbst sah, dass diese Ämterfülle ihm einen Bezirksstelle Gießen, zu tun gehabt. ... Er hat 28 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 29 für unsere Aufgaben stets volles Verständnis nahm Kranz eine Übertragung von kriminalan- gehabt. ...“32 thropologischen Ideen, die am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt worden waren, in den nationalsozialistischen rassenhygienischen Rassenhygiene in Gießen – Kontext vor.38 Die Gewichtung und Interpreta- Forschung und Praxis tion der biometrischen Daten verschob sich bei Auch Kranz wusste, dass eine Institutionalisie- Kranz allerdings in die entsprechende Rich- rung seiner Aktivitäten und eine Anbindung an tung: Es wurde weniger Wert darauf gelegt, die Universität ihm einen Rückhalt verschaff- zur Identifizierung des „geborenen Verbre- ten. Diesen nutzte er auch, um die Aufgaben chers“ einzelne Verbrechermerkmale zu ermit- seines Institutes in spezifischer Weise auszu- teln. Die meisten bislang in der Kriminalanthro- bauen. Die Verquickung von Forschungsvorha- pologie aufgezeigten Merkmale hatten sich im ben und ihre Anwendung auf die Rassenpflege übrigen auch als untypisch erwiesen.39 Dage- waren Programm.33 Kranz betrachtete sein In- gen wurde auf angeblich rassentypische bzw. stitut als klinisches Forschungsinstitut, da in der gruppenspezifische körperliche Merkmale ge- Erbpoliklinik jährlich 2500–3000 Personen erb- achtet, die aus dem allgemeinen Kontext der biologisch untersucht würden.34 Kranz selbst nationalsozialistischen Rassenlehre von den beschrieb den kompletten Aufgabenbereich wertvolleren Eigenschaften des nordisch ge- seines Institutes wie folgt: prägten Menschen zu verstehen sind. Ziel der jeweiligen Datenerhebungen, die auch andern- 1. Rassenpolitisches Amt (Schulung und Propaganda) 2. Praktische Rassenhygiene orts durchgeführt wurden, war jeweils, ver- 3. Einbürgerungen35 steckte „minderwertige“ Anlagen durch Korre- 4. Erbklinische Untersuchungen (Zusammenhänge lation mit bestimmten Körpermaßen oder Kör- zwischen Rasse, Konstitution und Krankheit) 5. Zwillingsforschung permerkmalen zu ermitteln, diese so der un- 6. Kriminal-biologische Untersuchungen mittelbaren Deutung zur Verfügung zu stellen 7. Bastarduntersuchungen und mit Hilfe von Registrierungen einer vor- 8. Hilfsschüler-Untersuchungen beugenden Verbrechensbekämpfung nutzbar 9. Erbbiologische Bestandsaufnahme (erbliche Belastung, Krankheitshäufung, Erbgänge) zu machen.40 So heißt es in der Doktorarbeit 10. Eheberatung von Rudolf Ludwig Martin mit dem Titel „Rasse 11. Experimentelle vererbungswissenschaftliche Arbeiten und Verbrechen“: „Ich stelle mir vor, daß in sol- 12. Vorlesung36 chen Arbeiten die rassebedingten Anlagen Von den aufgelisteten Aufgabenbereichen sol- zum Verbrechen erfaßt würden zwecks erbbio- len folgende hier näher beleuchtet werden: kri- logischer Beratung der Richter. Besonders minal-biologische Untersuchungen; erbbiologi- denke ich an die Rückfallsverbrecher. Wir sehen sche Bestandsaufnahme (erbliche Belastung, in unserer heutigen Gesetzgebung (Sicher- Krankheitshäufung, Erbgänge); experimentelle heitsverwahrung) den ersten Ansatz hierzu. ... vererbungswissenschaftliche Arbeiten. Dieses Letzte auch aus eugenischer Indikation (Sterilisations- und Kastrationsgesetze), um die Kriminal-biologische Untersuchungen Geburt von Menschen zu verhindern, deren (wohl schlechte) Erbanlagen sie unter dem Wie und zu welchem Zweck die kriminal-biolo- schlechten Einfluß ihrer häuslichen Umwelt gischen Untersuchungen durchgeführt wur- immer wieder zum Verbrecher machen müß- den, lässt sich an den von Kranz vergebenen ten.“41 Doktorarbeiten zeigen. Kranz veranlasste Un- Im Gutachten zu der Dissertation: „Zur Frage tersuchungen, mit denen ein möglicher Zusam- der sog. ,Verbrechermerkmale’ und der Korre- menhang von „Rasse und Verbrechen“37 oder lationen zwischen Kopfform und Verbrechen“ Korrelationen zwischen bestimmten Körperfor- beschrieb Kranz die Leistungen seines Dokto- men und kriminellem Verhalten festgestellt randen folgendermaßen: 280 Strafgefangene werden sollten. Mit diesen Fragestellungen und 306 Vergleichspersonen seien nach den 29 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 30 gültigen biometrischen Grundsätzen unter- ringen Anzahl der untersuchten Personen noch sucht worden: „Das Ergebnis war die Feststel- vorläufig sei und durch Ausweitung des empi- lung, daß die Verbrecher eine schmälere Stirn, rischen Untersuchungsmaterials gestützt wer- einen breiteren Unterkiefer und ein längeres den müsse, genügten ihm. Gesicht hatten als die Personen des Vergleichs- Die Erhebung und Registrierung kriminalstatis- materials. Bei den Rückfälligen fand sich ein tischer Daten in Kombination mit bestimmten größerer Kopfumfang als bei den weniger Be- Körpermerkmalen wurden von Kranz nicht straften. Die Sittlichkeitsverbrecher hatten lediglich zu Forschungszwecken gebraucht. einen kleineren Kopfumfang als die Nichtver- Kranz ging es in der auch von seinem Institut zu brecher und gegenüber den Dieben einen klei- leistenden Klassifizierung derjenigen, die als so- neren Kopfumfang und eine kleinere Kopfbrei- zial und rassisch untauglich angesehen werden te. Das Vorhandensein von sog. Verbrecher- konnten, auch um die praktische Relevanz. merkmalen am Schädel muß unter Zugrundele- Deutlich wird dies vor allem an den von ihm und gung des untersuchten Materials abgelehnt seinem Mitarbeiter Otto Finger veröffentlichten werden.“42 Arbeiten zur „Zigeunerfrage“. In diesen wurde Diese Doktorarbeit – deren ursprüngliche Fas- die konkrete erbbiologisch-rassische Untersu- sung nicht überliefert ist – rief als einzige der chung zur Identifizierung von „Zigeunern“ ge- unter Kranz angefertigten Arbeiten bei einigen fordert und zugleich wurden praktische Lösun- Fakultätsmitgliedern zunächst Einsprüche her- gen zur Bekämpfung der „Zigeunerplage“ vor- vor: Die Professoren Boening, Reinwein, Bürker geschlagen.45 In der Dissertation Otto Fingers und Elze sprachen sich dagegen aus, wie der lag jedoch der Schwerpunkt auf der Analyse des Doktorand seine Ergebnisse formulierte und Sozialverhaltens der Mitglieder zweier „Zigeu- welche Folgerungen er damit verband. Profes- nermischlingssippen“, die aufgrund der Mel- sor Reinwein schrieb: „Nicht einverstanden in dungen verschiedener Ämter und Einrichtun- der Fassung u. Folgerung“; der Anatom Profes- gen bezüglich ihrer Asozialität und Kriminalität sor Elze notierte: – „nicht einverstanden! Ich erfasst wurden. Dies entsprach dem Schwer- bin für Ablehnung“. Im zweiten Anlauf jedoch punkt der Forschungsarbeiten am Institut für wurde die Arbeit mit den zitierten Ergebnis- Erb- und Rassenpflege, der im Kontext mit der sen,43 für die der oben genannte Bericht ver- überregionalen „Zigeunerforschung“ und mit fasst wurde, von der Fakultät als Doktorarbeit einer breit angelegten Arbeit an der Psychiatri- angenommen. Die anderen in dem Untersu- schen und Nervenklinik zu sehen ist:46 Aufgrund chungskontext von kriminellem Verhalten und gezielter (im Falle der „Zigeuner“) und mög- rassischer oder konstitutioneller Zuordnung lichst flächendeckender (allgemeines Erbarchiv) entstandenen Arbeiten stießen nicht auf ir- Bestandsaufnahmen von vor allem sozialen, ge- gendeinen erkennbaren Widerstand in der Fa- sundheitlichen und charakterlichen Kriterien kultät. sollte deren familiäre Häufung und damit die Die Suche nach einem Zusammenhang von Frage nach der Erblichkeit – auch des Sozialver- konstitutionellem Zeichen und krimineller Dis- haltens – untersucht werden. position verdeutlicht, dass alte physiognomi- sche Verfahren44 – über die Kriminalanthropo- Erbbiologische Bestandsaufnahme logie der Jahrhundertwende ins Konkrete ge- (erbliche Belastung, Krankheitshäufung, wandt – in der Rassenhygiene eine Wiederbe- Erbgänge) lebung erfuhren. Ebenso wenig wie die Physiog- nomik bemühte sich Kranz darum zu begrün- Bis 1939 waren in dem am Institut für Erb- und den, in welchem kausalen Zusammenhang die Rassenpflege angelegten Erbarchiv 16 000 Sip- untersuchten Merkmale und die erhobenen pen mit etwa 450 000 Personen erbbiologisch kriminalistischen Daten überhaupt stehen registriert.47 1940 waren es offenbar schon könnten. Die bloße Feststellung des gemeinsa- 18 000 Sippen mit 600 000 Personen.48 Diese men Auftretens, die allerdings wegen der ge- Registratur basierte nicht nur auf Auskünften, 30 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 31 die den Sippschaftstafeln zu entnehmen Kritik an der zeitgenössischen Stigmatisie- waren, die Kranz zusammen mit dem Psychia- rungspraxis konnte jedoch aus der zeitgenössi- ter Hoffmann (nach dem Vorbild von Astel)49 schen experimentell-genetischen Forschung entwickelt hatte. Auf diesen Sippschaftstafeln abgeleitet werden. Diese hatte immerhin bele- wurden zunächst grobe Daten notiert. Gefragt gen können, dass zahlreiche Faktoren Einfluss wurde nach Beruf, Konstitution („kräftig, mus- auf die Ausbildung von Merkmalen nahmen. Es kulös“, „schmächtig“), Arten des Todes in der mussten also bei der Interpretation dieser Familie, Krankheiten des Gemüts, sonstigen Merkmale das genotypische Milieu, die Mani- Krankheiten (Tuberkulose, Zuckerkrankheit, festationsverhältnisse und der Einfluss der Po- Syphilis), auffälligen Leistungen und Verhalten pulationszugehörigkeit mitbedacht werden. („soll unselbständig sein“). Doch das Ziel von Nikolaj Timoféeff-Ressovsky, der führende Kranz war es, eine umfassende Gesamtbewer- Strahlengenetiker an der Genetischen Abtei- tung der in der Kartei registrierten Menschen lung des Kaiser-Wilhelm-Instituts für Hirnfor- zu erreichen. Diese Zielsetzung machen die als schung in Berlin, schrieb 1935: „Bekanntlich „streng vertraulich“ markierten Formblätter können sowohl verschiedene Mutationen ähn- und Fragebögen deutlich, die von der Abtei- liche Phänotypen erzeugen (heterogene Grup- lung für Erbgesundheit und Rassenpflege der pen), als auch die gleichen Gene unter Einfluß hessischen Ärztekammer, Bezirksstelle Gießen, und in Kombination mit verschiedenen ande- unter dem Vorsitz von Kranz verschickt wur- ren Modifikationsgenen recht beträchtliche den.50 Die Fragebögen, mit denen eine umfas- Unterschiede.“52 Demnach war es schwierig, sende Auskunft eingeholt wurde, gingen z.B. ein Merkmal in einen eindeutigen Kausalzu- an den Bürgermeister des Ortes, aus dem ein sammenhang mit verursachenden Genen zu als erbkrank gemeldeter Proband stammte. setzen. Doch gerade in der Frage, inwiefern die Darin ist folgende Aufforderung zur Beurtei- eugenische Praxis unter diesen Schwierigkeiten lung des Probanden zu lesen: „auf besondere überhaupt erfolgreich sein konnte, ließ sich die Charaktereigenschaften ist zu achten.“ Weiter- Anlage von Erbkarteien begründen, insofern in hin wurde nach Art und Grund von möglichen diesen das Umfeld, der familiäre Belastungs- Vorstrafen und nach einer möglichen Selbstver- grad, dokumentiert war. Die Erbkarteien such- schuldung von Armut gefragt. Diese Auswei- ten nicht nur die bereits Erkrankten und Auf- tung der Fragen in die Gebiete der Charakter- fälligen, sondern auch die Träger von Erbkrank- kunde und Sozialverhältnisse bildete neben heiten und „minderwertigen“ Eigenschaften den bereits durch die Sippschaftstafeln abge- zu erfassen. Sippenforschung und Populations- fragten Daten zu „Erbkrankheiten“, die auch statistiken zur geographischen Verteilung von für die familiären Seitenlinien galten, eine stets Merkmalen und Merkmalsänderungen waren virulente Bedrohung der gesamten Familie. hierfür die probaten Hilfsmittel. Hierzu lieferte Auskünfte über familiäre – wirtschaftliche, so- wiederum Nikolaj Timoféeff-Ressovsky Argu- ziale – Verhältnisse, Krankheiten, Schulerfolge, mente auf höchstem wissenschaftlichen Ni- Todesfälle und auffällige Verhaltensweisen veau, indem er die Belastung der menschlichen schadeten nachweislich nicht nur dem Proban- Population durch eine Reihe von dominanten den, sondern auch den Personen im familiären Erbleiden betonte.53 Aufgrund einer fehlenden Umfeld des Angezeigten, indem eine erbliche Auslese durch die Zivilisation musste die Belas- Belastung registriert wurde. Bei geringster Auf- tung bei menschlichen Populationen erheblich fälligkeit, die der untersuchende Amtsarzt größer sein als bei anderen frei lebenden Popu- beispielsweise bei der Beantragung eines Ehe- lationen. Zur rassenhygienischen Kontrolle und standsdarlehens oder des Ehetauglichkeits- zum besseren Verständnis der ätiologischen zeugnisses vermerkte, konnten Familienange- und genetischen Klassifikation gewisser Erb- hörige mit einer Belastungsnotiz im Sippenbe- krankheiten forderte er, dass die geographi- fund in die Sterilisationsmaßnahmen zwangs- sche Verbreitung heterozygoter Erbträger ana- weise einbezogen werden.51 lysiert werden solle. In der Hand der damaligen 31 oehler_klein 17.05.2005 9:19 Uhr Seite 32 sozialpolitischen Kontrolleure, d.h. der Ge- nicht durchweg möglich ist, gibt der Gesichts- sundheitsfunktionäre des rassistischen natio- punkt des Gesetzgebers, daß nicht die Erblich- nalsozialistischen Deutschlands, bedeutete die keit, sondern die Nichterblichkeit zu beweisen Übertragung evolutionär-genetischer Grund- ist, die Gewähr für eine möglichst schnelle Aus- einsichten auf praktisch zu lösende Probleme merzung der Krankheitsanlagen.“58 im Rahmen einer gesteuerten Bevölkerungspo- In dieses Bemühen, auch die Träger „minder- litik eine erhebliche Gefahr für Menschen, die wertigen“ Erbgutes zu ermitteln, ordnet sich in den Dunstkreis auffällig gewordener Perso- das am Institut durchgeführte Forschungspro- nen kamen. Oberstes Prinzip in der nationalso- gramm zu der Frage ein, ob Asozialität vererbt zialistischen Erbpflege war bekanntlich der werden könne. Kranz war einer der prominen- Nutzen für die Volksgemeinschaft, dem indivi- testen Vertreter der Rassenhygiene im Deut- duelle Ansprüche, z.B. auf körperliche Unver- schen Reich, die die Erbprognose des Sozial- sehrtheit, per Gesetz oder durch eine weitge- verhaltens mit Hilfe statistischer Methoden pa- hende Interpretation der dahin auslegbaren rallel zu der empirischen Erbprognose bei neu- Gesetzestexte geopfert wurden.54 rologisch-psychiatrischen Erkrankungen etab- Auch das Institut für Erb- und Rassenpflege lieren wollten. Auf der Basis sekundär ermittel- unter Kranz beschäftigte sich theoretisch mit ter Daten sollte unter Auswertung der an- den Grundlagen bevölkerungspolitischer Fra- gelegten Erbkartei der jeweilige soziale Be- gen: Siegfried Koller (1908–1998),55 ab 1931 lastungsgrad ermittelt werden. Die Erblichkeit Vorstand der Statistischen Abteilung des W. der Asozialität wurde aus den registrierten Kerckhoff-Instituts in Bad Nauheim, ab 11. 7. Daten zum Sozial- und „Fortpflanzungsverhal- 1940 Leiter der Erbstatistischen Abteilung des ten“ geschlossen. Dieser Belastungsgrad sollte Instituts für Erb- und Rassenpflege in Gießen, – neben der körperlichen Untersuchung – die errechnete anhand mathematischer Modelle, Einordnung von Personen in die Gruppe der wie sich ein Fortpflanzungsverbot der „Erbbe- „Gemeinschaftsunfähigen“ gestatten. Ausge- lasteten“ (nach Geburt eines kranken Kindes) führt hatten dies Kranz und der Biostatistiker auf die Abnahme der Krankheitshäufigkeit in Siegfried Koller in ihrem gleichnamigen mehr- der Population auswirken könne und propa- bändigen Werk, das in Gießen zwischen 1939 gierte sogar „in bestimmten, besonders ge- und 1941 erschien. Darin wurden die Gemein- fährlichen Gruppen vielleicht sogar Unfrucht- schaftsunfähigen als Gruppe definiert, deren barmachung“.56 Koller bezweifelte die Wirk- Mitglieder voraussichtlich nicht die Mindestan- samkeit des Gesetzes zur Verhütung erbkran- forderungen der Volksgemeinschaft in persön- ken Nachwuchses, insofern der große, erblich licher, rassischer und völkischer Hinsicht erfül- zwar belastete, doch nicht erkrankte Proban- len könnten. In einem Gutachten zu den wis- denkreis nur ungenügend in die eugenische senschaftlichen Leistungen von Prof. Kranz Planung (Zwangssterilisationen) einbezogen heißt es: „In einem grösseren geographischen werde.57 Eine gewisse Chance, dass das Gesetz Bezirk wurden die innerhalb eines bestimmten deutliche Auswirkungen zeigen könnte, sah Zeitabschnittes auffällig gewordenen Kriminel- Koller allerdings als gegeben an, da in Zwei- len und Asozialen erfasst und mit ihren Sippen felsfällen prinzipiell von der Erblichkeit einer Er- ermittelt. Anhand der Berichte von Polizeimel- krankung auszugehen sei, wenngleich die me- deämtern, Bürgermeistereien[,] Wohlfahrts[-] dizinische Forschung noch gar nicht in der Lage und Jugendämtern usw. wurde über jede Per- sei, eine klare Trennung von klinisch manifes- son eine soziale Diagnose gestellt. Dieses Ma- ten erblichen und klinisch manifesten nicht-erb- terial würde [wurde] dann nach den statisti- lichen Erkrankungen zu vollziehen. In seiner in schen Methoden der empirischen Erbprognose Gießen angefertigten Habilitationsschrift „Die bearbeitet und ausgewertet. Durch diese Un- Auslesevorgänge im Kampf gegen die Erb- tersuchung wurde eine wichtige praktische Un- krankheiten“ aus dem Jahr 1935 schrieb er: terlage für eine rassenhygienische Lösung des „Solange aber die klinische Trennung noch asozialen Problems gegeben, in dem aus den 32 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 33 Befunden hervorgeht, wie bedeutungsvoll die geunerfrage“ geliefert. Denn es sei nicht nur Erblichkeit unter den Ursachen des Asozialwer- die Asozialität einzelner Individuen, sondern dens ist.“59 die der gesamten Sippe festgestellt worden, Der Bezug des Asozialenproblems zur „Zigeu- insofern man in der Untersuchung bei der „Ge- ner-“ und Rassenforschung wird durch einige genüberstellung der Asozialen-Anteile inner- am Institut angefertigte Arbeiten deutlich. Die halb der drei Generationen ... kein merkliches Studien von Kranz60 und die seines Mitarbeiters Abnehmen des asozialen Sippencharakters“ Otto Finger61 stützten damit die von dem habe erkennen können.66 Die Vorschläge des Tübinger Rassentheoretiker Robert Ritter Doktoranden betrafen deshalb auch die Aus- (1901–1951) spätestens seit 1934 gezogene weitung vorbeugender staatlicher Maßnah- Verbindung zwischen der Asozialen-, Kriminel- men, die die Fortpflanzung unterbinden soll- len- und „Zigeunerfrage“: Ritters breit ange- ten: „Es ist aber notwendig, sich angesichts legte genealogische Familien- und Verwand- dieser Ergebnisse einmal darüber klar zu wer- tenforschung zielte in Parallele zu den Gieße- den, ob die gegenwärtigen gesetzlichen Hand- ner Arbeiten auf eine historische sowie – hier- haben auf erbgesundheitlichem, strafrechtli- durch erst ermöglichte – aktuelle Identifikation chem, sozialfürsorgerischem und rassenpoliti- von asozialen Personen und „Zigeunermisch- schem Gebiet geeignet und ausreichend sind lingen“.62 „Zigeunermischlinge“ erschienen [...]. Unsere Forderung gipfelt, in kritischer wegen der Infiltration in die nichtzigeunerische Wertung der bestehenden gesetzlichen Mög- Bevölkerung eine viel größere Gefahr für den lichkeiten, in der erweiterten Anwendung der „Volkskörper“ als reine „Zigeuner“. Die Ergeb- Sicherungsverwahrung oder einer ähnlichen nisse seiner Forschungen zu den Auswirkungen Form der Asylierung unverbesserlicher Gesell- der Mischlingspopulation auf die württember- schaftsfeinde, wenn die Gesamtwürdigung gische Bevölkerung trug Robert Ritter im ihrer Verhaltensweise und ihrer biologischen Herbst 1934 auf dem südwestdeutschen Psy- Bedingtheiten ergibt, daß diese Verhaltenswei- chiater-Kongress in Gießen vor.63 Der ebenfalls se Ausdruck eines asozialen Charakters und in der Asozialenforschung tätige Psychiater damit einer nach den Gesichtspunkten völki- Hermann Hoffmann (1933 bis 1936 in Gießen, schen Interesses untauglichen Erbanlage dar- zuvor und danach in Tübingen) beurteilte die stellt.“67 Untersuchungen seines ehemaligen Kollegen Ritters Arbeiten in Berlin dienten allerdings un- Ritter64 als „in ihrer Art einzigartig und uner- mittelbar der erbbiologischen Klassifizierung reicht“.65 Ritter konnte seine Forschungen, von „Zigeunern“, „Zigeunermischlingen“ und nachdem sie auch dem Reichsausschuss für „zigeunerischen“ Personen und der Suche Volksgesundheitsdienst und dem Reichsge- nach praktischen Lösungen, die neben der Ste- sundheitsamt bekannt wurden, 1936 in der rilisation auch die Forderung der Isolierung der „Rassenhygienischen und bevölkerungspoliti- erfassten Personen in Lager vorsahen.68 Letzter schen Forschungsstelle beim Reichsgesund- Schritt innerhalb dieses Lösungskonzeptes war heitsamt“ in Berlin fortsetzen. Als praktische der – schließlich zur systematischen Vernich- Folgerungen hatte Ritter den Ausschluss der tung der „Zigeuner“ führende – Befehl Hein- „Zigeunermischlinge“ von der Fortpflanzung rich Himmlers vom 16. 12. 1942, nach wel- gefordert – beispielsweise durch Asylierung. chem „Zigeunermischlinge“, „Rom-Zigeuner“, Auch in Gießen gipfelten die Untersuchungen „zigeunerische Personen“69 in ein Konzentrati- des Doktoranden Otto Finger, der sich im Titel onslager zu deportieren waren; für die Unter- seiner Arbeit explizit auf „Zigeunermischlings- bringung war ein gesondertes Areal in Ausch- sippen“ bezogen hatte, in derartige Forderun- witz vorgesehen. Nach dem Erlass eines ent- gen. Kranz hob 1937 in dem Referat über die sprechenden Ausführungsbefehls vom 29. 1. Dissertation Fingers hervor, der Bearbeiter habe 1943, der an die örtlichen Kriminalpolizeistel- mit seiner Untersuchung einen „Beitrag zu der len und -leitstellen erging, wurden auch in von staatlicher Seite geplanten Lösung der Zi- Gießen am 16. 3. 1943 – unter Bezug auf die- 33 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 34 sen Erlass – 10 durch rassenbiologische Gut- Mendel-Genetik gegeben und zugleich im Prin- achten als „Zigeunermischlinge“ gekennzeich- zip die Unveränderbarkeit des Erbgutes in nete Personen „auf unbestimmte Zeit in ein Ar- einem durchmischten Volk aufgezeigt (Baur). beitslager überführt.“70 Die Deportationsliste Die Zukunft eines durch Rassenmischung ge- führte auch Kleinkinder mit den Geburtsdaten prägten Volkes sei durch seine genetischen An- von 1941 und 1942 auf.71 Ab März 1943 ge- lagen bestimmt. Selektive eliminierende oder langten üblicherweise die Transporte mit den auf der anderen Seite positiv stützende Maß- nach dem zitierten Erlass ausgewählten „zi- nahmen zur Förderung der „wertvolleren“ geunerischen“ Personen direkt in das „Zigeu- (Lenz)76 nordischen Rassenanteile des deut- nerlager“ in Auschwitz, in dem bald extrem schen „Volkskörpers“ waren deshalb die Mittel schlechte Gesundheitsverhältnisse herrschten. zu seiner Optimierung. Allerdings war – ohne Im August 1944 wurde das „Zigeunerlager“ diese Korrekturen – Degeneration und Entar- geräumt und die überlebenden „Zigeuner“ tung zu befürchten: Es herrsche aufgrund der durch Gas ermordet.72 Die Zahl der insgesamt Sozialsysteme in modernen Zivilisationen und durch das nationalsozialistische Regime ermor- aufgrund der Begünstigung von „untüchti- deten „Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ gem“ Erbgut, die durch eine erhöhte Frucht- lässt sich nicht genau bestimmen. Schätzungen barkeit der „untüchtigen“ Elemente zustande gehen von einer Zahl von ca. 500 000 aus. Je- komme, ein mangelnder Selektionsdruck. Ein doch allein von den 20 000 bis 25 000 in Zurückdrängen der „wertvolleren“ Rassenele- Deutschland am Anfang des Krieges als „Zi- mente gegenüber anderen bedeutete also eine geuner“ oder „Zigeunermischlinge“ stigmati- Verschlechterung des allgemeinen Erbgutes sierten Menschen wurden mindestens 15 000 und wurde zur Schicksalsfrage erklärt. Hieraus ermordet. legitimierten sich die eugenischen Maßnahmen Die Arbeiten von Kranz und Finger wurden des Staates, obwohl es durchaus ernstzuneh- auch von Robert Ritter rezipiert.73 Hieran bzw. mende Kritik seitens der internationalen gene- an den personellen Verknüpfungen (Hoff- tischen Forschung, der Sozialforschung und mann, Ritter, Kranz, Koller) kann gezeigt wer- der Anthropologie an den Grundlagen und den, dass die Arbeiten des Gießener Instituts praktischen eugenischen Folgerungen gab.77 für Erb- und Rassenpflege nicht jenseits des da- Allerdings stand auch die Frage, welchen Stel- maligen Standards der Wissenschaften ange- lenwert die Beeinflussung der Erbanlagen siedelt waren, sondern sich im Rahmen von durch Mutationen zur Änderung der geneti- reichsweiten Forschungsansätzen bewegten. schen Ausstattung einer „Rasse“ haben könn- Sie waren Teil der nationalsozialistischen Bevöl- te, im Raum,78 sowohl im positiven Sinne zur kerungspolitik, die sich auf ein in weiten – auch Erzeugung von Züchtungserfolgen als auch im wissenschaftlichen – Kreisen akzeptiertes ras- negativen – selektiven – Sinne. Nach den Erfol- senhygienisches Paradigma stützen konnte. gen des amerikanischen Genetikers Hermann Josef Muller in den 20er Jahren waren die Mu- Experimentelle Forschung tationsforschungen mit Hilfe von Bestrahlun- im Dienst der Rassenhygiene gen intensiviert worden. Muller hatte mittels Röntgenstrahlen bei der Taufliege Drosophila Mit dem seit 1921 in mehreren Auflagen her- künstlich Mutationen erzeugen können. Die ausgegebenen Standardwerk von Baur, Fischer, sich daran anschließenden Hoffnungen, in der Lenz „Grundriß der Menschlichen Erblichkeits- Pflanzenzüchtung mit Mutationen auch er- lehre und Rassenhygiene“ war die wissen- wünschte Eigenschaften hervorbringen zu kön- schaftliche Basis formuliert, auf der das eu- nen, erfüllten sich indes zunächst nicht.79 Po- genisch-rassenhygienische Konzept des Natio- pulationsgenetische Experimente hatten dage- nalsozialismus aufbaute:74 In diesem Werk, das gen in den folgenden Jahren definitiv zeigen international den neuesten Forschungsstand können, dass eine Veränderung der Erbanlagen präsentierte,75 wurden eine Einführung in die einer Population nur durch zufällige Mutatio- 34 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 35 nen und durch populationsdynamische Prozes- sein Forschungsprogramm jedoch wie folgt: se (räumliche und zahlenmäßige Ausdehnung „Festgestellt soll u.a. werden, ob Morphium einer Population) zustande komme, während- und Kokain schädigend auf die Keimdrüsen dessen (Fortpflanzungs-)Isolation und Selek- wirkt und ob sich durch diese Mittel Mutationen tion die richtenden Bedingungen stellten.80 hervorbringen lassen“. Damit ordnete Kranz Damit waren einerseits Vorstellungen über die sein Projekt in die reichsweiten Anstrengungen gezielte Änderung der Erbanlagen aus dem zur Untersuchung der Frage ein, ob und inwie- Blickfeld gerückt, andererseits konnte die fern eine Änderung des Erbgutes durch äußere Bedeutung selektiver Maßnahmen in einer Faktoren möglich sei. Es ging Kranz also ver- eugenisch ausgerichteten Bevölkerungspolitik mutlich auch um das reichsweit in verschiede- neu begründet werden. nen Forschungsprojekten bearbeitete Problem, Kranz selbst beschäftigte sich von der Grün- ob es überhaupt eine bedeutungsrelevante Ein- dung seines Institutes an ebenfalls mit flussmöglichkeit auf die Veränderung des Erb- grundsätzlichen Fragestellungen. Seine experi- gutes geben könne. Implizit verbunden war mentellen Untersuchungen zur potentiellen damit die Frage, welchen Stellenwert Mutatio- Schädigung der Keimdrüsen durch Genussgifte nen für die genetische Entwicklung einer Popu- und zur Frage, ob hierdurch Mutationen er- lation haben könnten. Die experimentellen Ar- zeugt werden könnten, stehen im Kontext der beiten83 von Kranz wurden 1935 auf Initiative Begründungsversuche bevölkerungspolitischer der DFG zunächst eingebunden in die unter Lei- bzw. rassenhygienischer Maßnahmen des na- tung des Göttinger Zoologen Professor Alfred tionalsozialistischen Staates. Seit Oktober 1934 Kühn stehende Arbeitsgemeinschaft zu „For- verfolgte Kranz ein zunächst mit Mitteln der schungen über Erbschädigung durch Röntgen- Kerckhoff-Stiftung finanziertes Projekt zur strahlen auf den Tierorganismus, auf Ei und Sa- „Feststellung der Einwirkung von Morphium menzellen und die Entwicklung“.84 In einer po- und Cocain auf die Keimdrüsen bei Mäusen sitiven Stellungnahme vom 13. 5. 1935 be- und auf die Nachkommenschaft“. Mehrfach merkte Kühn, dass die Mitarbeit von Kranz und natürlich vor dem Hintergrund der Gelder- durchaus erwünscht sei, obwohl schon inner- kürzungen erwähnte Kranz in seinen Schreiben halb der Arbeitsgemeinschaft chemische Beein- an die dann fördernde Deutsche Forschungs- flussungsversuche stattgefunden hätten. Kühn gemeinschaft (DFG), dass seine Arbeiten als beurteilte die Versuche, wie sie auch von Kranz rassenhygienisch und volksgesundheitlich be- vorgenommen wurden, als „an sich außeror- deutsam angesehen werden müssten: „Die dentlich wichtig. Die Frage, ob durch solche Ein- praktische rassenhygienische Bedeutung mei- wirkungen, insbesondere durch Stoffe wie Al- ner Versuche dürfte ohne weiteres klar sein“.81 kohol, Morphium und Kokain Erbänderungen Auch im Rassenpolitischen Amt [der NSDAP], erzeugt werden können, ist bisher durchaus un- Reichsleitung, wurden einem Schreiben von klar. Selbst die viele Jahre in ganz großem Maß- Kranz zufolge die experimentellen Versuche stab durchgeführten Versuche von Fräulein Dr. „wärmstens befürwortet“.82 Sehr wahrschein- Bluhm sind über Wahrscheinlichkeiten nicht hin- lich ging es Kranz zunächst um die Abschät- auszubringen gewesen“. zung der erbschädigenden Wirkung von Ge- Nach der Aussage Kühns war der Arbeitsge- nussgiften und – zur Fortpflanzungskontrolle – meinschaft unter seiner Leitung auch die Auf- um entsprechende Präzisierungen bestehender gabe gestellt worden, nach chemischen erb- erbpflegerischer Gesetze (Gesetz zum Schutze schädigenden Wirkungen zu suchen. Während der Erbgesundheit des deutschen Volkes, Ge- die erfolgreiche Strahlengenetik weitläufig dis- setz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses) kutiert wurde, sind die Arbeiten zu solchen den bzw. um die Ausweitung auf die betroffenen Keim schädigenden Wirkungen von Chemikali- Personenkreise und deren Familien. en und Genussgiften insgesamt bzw. innerhalb Bereits im ersten Antrag zur Übernahme der des „grossen Arbeitsplanes“85 auch im zeit- Förderung durch die DFG begründete Kranz genössischen Kontext weniger beachtet. Die Ar- 35 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 36 beiten von Kranz wurden im weiteren Verlauf Die Karriere von H. W. Kranz verlief bis 194589 auch als nicht förderungswürdig eingeschätzt. recht erfolgreich: Von Oktober 1939 bis No- Kranz selbst bemühte sich allerdings noch bis vember 1942 war er Rektor der Gießener Lud- 1937 um eine Fortführung der Experimente. In wigs-Universität; zum 1. 12. 1942 übernahm er einem Bericht an die DFG, den Kranz 1936 über das Frankfurter Institut für Erbbiologie und Ras- sein Forschungsvorhaben verfasste, heißt es: senhygiene und wurde 1945 noch Rektor der „Die histologische Untersuchung der Keimdrü- Frankfurter Universität. Der Erfolg seiner wis- sen ist bei einem sehr großen Teil der Ausgangs- senschaftlichen Laufbahn in Gießen lässt sich tiere bereits durchgeführt. Nach den bisher er- darauf zurückführen, dass es durchaus den folgten Untersuchungen konnte ein eindeutiges hochschul- und gesundheitspolitischen Interes- Ergebnis im Sinne einer Schädigung der Ge- sen einflussreicher Fakultätsmitglieder ent- schlechtsdrüsen durch Gifteinwirkung nicht er- sprach, die von Kranz vertretene Erb- und Ras- zielt werden. Nach einem vor einiger Zeit vorge- senpflege im universitären Lehr- und For- nommenen groben Überblick über die Nach- schungsspektrum zu fördern. Zu verschiedenen kommenschaft behandelter Tiere schien eine re- Zeitpunkten wäre es durchaus möglich gewe- lativ höhere Sterilität bei den behandelten als sen, sich zurückhaltender zu zeigen und damit bei den unbehandelten Tieren festzustellen zu die Einrichtung eines Lehrstuhles und die Ein- sein. ... Zum Schluß möchte ich noch bemerken, gliederung des Institutes in die Fakultät zu ver- dass die nebenher laufenden Cocain-Versuche hindern. Die Einrichtung eines Lehrstuhls er- nach den von mir gemachten Erfahrungen aus- folgte zeitlich gesehen weit vor entsprechen- sichtsreicher zu sein scheinen“.86 Das erneute den Einrichtungen an anderen Universitäten,90 Gutachten, das Alfred Kühn am 7. April 1937 einige wenige Universitäten – so wie die Uni- für die DFG über die Versuche von Kranz erstell- versität in Marburg – verfügten über keinen ei- te, war jedoch negativ: „Bei Versuchen, wie sie genen Lehrstuhl für Rassenhygiene. Prüfungen Herr Dr. Kranz durchführt, ist die Erwartung, im Fach Rassenhygiene hätte auch der in die- dass grobsichtbare Mutationen erfasst werden, sem Bereich ebenfalls – freiwillig – engagierte sehr klein. Die weißen Mäuse sind hierzu von Extraordinarius am Gießener Hygieneinstitut, vorneherein recht ungeeignet, da sämtliche Fär- Heinrich Kliewe, durchführen können. Die Vor- bungs- und Zeichnungsgene, die etwa mutieren gänge in Gießen zeigen, wie aus einer spezifi- könnten, durch den Albinismus unsichtbar ge- schen Konstellation von 1. bereits vollzogenen macht werden. Die Entdeckung von physiolo- Anpassungsleistungen, 2. gezielten Aktivitäten gisch besonders wichtigen Kleinmutationen von Seiten Kranz’ und interessierter Fakultäts- setzt eine wägende und messende Untersu- kollegen sowie 3. einer – als bedrohlich emp- chung einer sehr großen Nachkommenschaft fundenen – Verschlechterung der Gesamtsitua- aus Inzuchtstämmen als Versuchs- und Ver- tion der Universität eine Eigendynamik ent- gleichstieren voraus, deren physiologische Ei- stand, die zwar im Allgemeinen nicht uner- genschaften ganz genau bekannt sind“. Er wünscht war, der man aber auch nur schwer schlug vor, Kranz einen Teil des Geldes für ein entgegenwirken konnte. weiteres halbes Jahr zu bewilligen: „Bis zum Ab- lauf dieser Zeit wird ein Urteil zu gewinnen sein, Anmerkungen wie weit innerhalb des Gesamtarbeitsplanes der Kommission diese Versuche noch aussichtsreich 1 Schreiben Reinweins vom 15. 3. 1957. Universitätsar- erscheinen“.87 Im Dezember 1937 forderte chiv Gießen (im Folgenden UAG), Dekanat Humanmedi- Kranz nochmals Gelder aus dem Rechnungsjahr zin, 2. Lieferung, Walther Schultze. Reinwein beziehtsich hier auf „Angriffe“, die Kranz in einer Rede am 29. 1937 an. Im Juli wurde ihm jedoch mitgeteilt, 1. 1938 bei der Reichsgründungsfeier der Ludwigs-Uni- dass aufgrund von Etatkürzungen lediglich die versität gegen die Wissenschaftler der Universität gerich- Mittel für vorgelegte Aufwendungen noch be- tet hatte. Vgl. Dalchow, Stephan: Die Entwicklung der 88 nationalsozialistischen Erb- und Rassenpflege an der Me-willigt werden könnten. Damit war das experi- dizinischen Fakultät der Ludwigs-Universität Gießen. mentelle Projekt von H. W. Kranz beendet. Gießen 1998 (= Arbeiten zur Geschichte der Medizin in 36 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 37 Gießen/Hrsg. J. Benedum; Bd. 26), S. 266f. Kranz selbst erbbiologischen Archiv erfasst. Vgl. Weingart, Peter; hatte die – falsche – Legende genährt, die Universität Kroll, Jürgen; Bayer, Kurt: Rasse, Blut und Gene. Ge- habe ihm Schwierigkeiten gemacht, weil er 1928 unter schichte der Eugenik und Rassenhygiene in Deutschland. dem jüdischen Rektorat die Venia legendi niedergelegt Frankfurt 1988, S. 446. Kranz orientierte sich in der habe. Institut für Zeitgeschichte München (im Folgenden Struktur der von ihm in Gießen verwandten Sippschafts- IFZ), MA 141/7 Nr. 0343310f. und 00343315. tafeln an dem von Astel eingeführten Vorbild. 2 UAG, Dekanatsbuch der Medizinischen Fakultät 1932 – 8 Zur Biographie Kuhns vgl. Dalchow (Anm. 1). Aug. 1937, Med C 1, Bd. 8 (im Folgenden Dekanats- 9 Vgl. Dekanatsbuch (Anm. 2) Bl. 172/173, Bl. 174/175; buch), Bl. 286. Bl. 200/201. Die Arbeiten von Kranz bildeten für diese 3 Am 6. 2. 1934 erfolgte beispielsweise die Einladung zu Anträge die Grundlage. einem rassenhygienischen Fortbildungskurs vom 17./18. 10 Duken trat 1934 in die SS ein und war ab 1939 Ober- und 24./25. 2. 1934 in Gießen, der allen Fakultätsmit- sturmführer. Als Leiter des Lehramts für politische Erzie- gliedern durch Vervielfältigung bekannt gemacht wurde. hung sollte er den Studenten die „wissenschaftlichen Vgl. Dekanatsbuch (Anm. 2), Bl. 154/155. Den Anträgen Gedankengüter [vermitteln] ... , die enge Beziehungen zur Erteilung eines Lehrauftrages an Kranz am 10. 8. zu den Grundlagen des Nationalsozialismus besitzen“. 1934 durch die Medizinische Fachschaft waren die Ar- Staatsarchiv Würzburg, Archiv der Reichsstudenten- beiten und Denkschriften von Kranz als Unterlage beige- führung, RSF II 217, maschinenschriftlicher Bericht über fügt. Vgl. ebd., Bl. 172/173. Eine von Kranz erstellte Li- die Einweihung des „Lehramtes“ am 6. 12. 1933. Zu Du- teraturliste enthält ab 1932 vor allem kleinere propagan- kens Beteiligung an der „Kindereuthanasie“ in Heidel- distische Aufsätze in nationalsozialistisch ausgerichteten berg vgl. Hohendorf, Gerrit; Rotzoll, Maike: „Kindereu- Zeitschriften. Vgl. IFZ, MA 141/7, Nr. 0343317-0343320. thanasie“ in Heidelberg. In: Thomas Beddies, Kristina 4 UAG, Nr. 373, PrA Nr. 2382: Antrag auf Angliederung Hübener (Hg.): Kinder in der NS-Psychiatrie. Berlin-Bran- des von Kranz geleiteten Instituts an die Universität. denburg 2004, S. 125–148. Schreiben des Dekans, Albert Fischer, Leiter der chirurgi- 11 Vgl. Dekanatsbuch (Anm. 2), Bl. 176/177. schen Universitätsklinik, vom 7. 10. 1935 an die Landes- 12 Vgl. Jacobi, Helga; Chroust, Peter; Hamann, Matthias: regierung: Anlage: Überblick über die Tätigkeit der Abt. Aeskulap & Hakenkreuz. Zur Geschichte der Medizini- Erbgesundheits- und Rassenpflege, Gießen: „Ich weise schen Fakultät in Gießen zwischen 1933 und 1945, 2. darauf hin, daß wie bereits in einem Antrag vom 14. 3. Aufl., Frankfurt 1989, S.143 ff. 1935 dargelegt, die Med. Fakultät die Angliederung des 13 Vgl. Dalchow (Anm. 1), S. 188. Instituts von Herrn Dr. Kranz an die Universität auf das 14 Vgl. ebd. lebhafteste befürwortet und beantragt hat. Die große 15 Die Ernennung von Kranz zum Rektor der Universität und allseitig anerkannte Bedeutung des hier bearbeite- 1939 erfolgte schließlich sogar gegen den Wunsch der ten Forschungsgebiets ergibt ohne weiteres die Begrün- Gesamtuniversität vor allem auf Betreiben von Sprenger. dung für den Antrag der Fakultät.“ Vgl. BArch, ZB II 1870 A.9 (Anm. 5). Die medizinische Fa- 5 Kranz versah z.B. im WS 1934/35 einen Lehrauftrag für kultät hingegen befürwortete ein Rektorat unter Kranz. Rassenhygiene und Bevölkerungspolitik an der Univer- Vgl. Fakultätssitzung vom 21. 7. 1939 (UAG, Protokolle sität, er war Beauftragter des Aufklärungsamtes für Be- der Fakultätssitzungen – Dekanat Humanmedizin, 1. Ak- völkerungspolitik und Rassenpflege der NSDAP, Gau Hes- tenabgabe, Karton 41 (1903, 1933–1952). sen-Nassau (später Gauamtsleiter des Rassenpolitischen 16 Die Professoren Philaletes Kuhn, Rudolf Theodor Edler Amtes der NSDAP Hessen-Nassau), Leiter der Abteilung v. Jaschke, Adolf Jess, Alfred Brüggemann, Hellmuth Be- für Erbgesundheit und Rassenpflege der Hessischen Ärz- cher. tekammer, Bezirksstelle Gießen, Mitglied des hessischen 17 Die Professoren Walther Schultze, Johann Duken, Her- Ehrengerichts und des Darmstädter Erbgesundheitsober- mann Hoffmann, Albert Wilhelm Fischer, Helmuth Rein- gerichts. Vgl. die von Kranz angefertigte Zusammenstel- wein, Wolfgang Riehm (Nachfolge Jess), Adolf Seiser lung seiner Ämter in: Bundesarchiv (im Folgenden BArch) (Nachfolge Kuhn). Außenstelle Dahlwitz-Hoppegarten, ZB II 1870 A. 9 Akte 18 Vgl. Begrüßung der nach der Universitätsverfassung Kranz; vgl. auch BArch Berlin (ehem. BDC), Kranz, Hein- [seit Oktober 1933] neu hinzugetretenen Mitglieder am rich Wilhelm 30. 6. 1897, Wi. Kranz war Amtsleiter der 3. 11. 1933. Dekanatsbuch (Anm. 2), Bl. 142/143. Die KVD (Gießen) und zunächst 2., dann 1. Vorsitzender der Aufwertung des wissenschaftlichen Nachwuchses ge- Hess. Ärztekammer, Bezirksstelle Gießen. hört zur nationalsozialistischen Hochschulpolitik. Vgl. 6 Vgl. ebd. Angaben von Kranz. Grüttner, Michael: Die deutschen Universitäten unter 7 Vgl. hierzu auch Chroust, Peter: Gießener Universität dem Hakenkreuz. In: Connelly, John; Grüttner, Michael und Faschismus. Studenten und Hochschullehrer (Hg.): Zwischen Autonomie und Anpassung: Universitä- 1918–1945. Band 1 und 2. Münster 1994, Bd. 1, S. 202. ten in den Diktaturen des 20. Jahrhunderts. Paderborn Solche Bestandsaufnahmen gab es auch im Thüringi- 2003, S. 67–100, hier S. 79f. schen Amt für Rassewesen, das die zentrale Landes- 19 Von 30 Privatdozenten, die zwischen 1933 und 1945 behörde auf den Gebieten der Bevölkerungspolitik und an der medizinischen Fakultät Gießen waren (nicht ein- der Erb- und Rassenpflege war. Unter der Präsidentschaft gerechnet ist der aus dem Dienst entlassene Alfred Karl Astels, zugleich Leiter des staatlichen Gesundheits- Storch), gehörte nur einer nicht der NSDAP an, 23 waren und Wohlfahrtswesens im Thüringischen Ministerium Mitglied in der SA, fünf in der SS. des Inneren und ab 1934 Ordinarius an der Universität 20 Es schieden insgesamt 7 Ärzte an den Universitätskli- Jena für „Menschliche Erbforschung und Rassenpolitik“, niken aus rassischen bzw. politischen Gründen nach waren Ende Dezember über 300 000 Personen in dem 1933 aus dem Dienst aus. 37 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 38 21 Die Studentenschaft lud zu politischen Abenden ein zung am 19. 8. 1934; Bl. 196/197: Die Kliniken sollen Dr. (Dekanatsbuch, Anm. 2, Bl. 102/103), die auch von den Kranz benachrichtigen, wenn einschlägige Fälle vorhan- Dozenten besucht werden sollten, ebd. Bl. 106/107; es den sind, Dr. Kranz will dann selbst die Befunde von sei- folgte eine Einladung zur Saarkundgebung, Bl. 114/115 nem Institut aufnehmen lassen. Bl. 251: Fakultätssitzung etc. am 28. 1. 1935: [Rückseite:]. Meldung der Kranken mit 22 Ein Interview mit dem Zeitzeugen Prof. W. Schmidt, Erkrankungen der Drüsen mit innerer Sekretion an Herrn Hanau, vom 13. 10. 2003 ergab, dass Professor Feulgen Kranz. 1933 sehr wahrscheinlich aus Gründen der Einschüchte- 29 Bereits am 13. 2. 1935 hatte es in der Fakultät eine rung sich zu einer Solidaritätskundgebung für Hitler Diskussion über die Errichtung eines Instituts für Rassen- genötigt sah. Feulgen hatte sich zuvor über Hitler lustig hygiene gegeben, in welcher der Pädiater, Professor gemacht und fürchtete vermutlich Denunziationen. Duken ausführte, dass ein Universitätsinstitut deshalb 23 Die Bestallungsordnung für Ärzte vom 25. 3. 1936 sah nötig sei, da „einem Staatsinstitut Akten ausgehändigt die Prüfung der Rassenhygiene im Rahmen des Prü- werden müssen, einem Parteiinstitut nicht.“ (Dekanats- fungsfaches Hygiene vor, wo ein qualifizierter Fachver- buch, Anm. 2, Bl. 253). treter vorhanden sei. 30 Kranz verwandte selbst dieses Argument in allgemei- 24 Als im Jahr 1934 Gerüchte von einer Schließung der ner Form in seinem Schreiben an die Hessische Landes- Universität im Umlauf waren, verfasste der Führer der regierung vom 5. 3. 1937: „Die Amtsleitung ... ermög- Gießener Studentenschaft am 3. 3. 1934 einen Brief an licht ... eine ebenso enge wie maßgebliche Zusammen- den Reichsführer der Studentenschaft, in dem es heißt: arbeit mit der gesamten Ärzteschaft, die für meine „Wir stehen dabei auf dem Standpunkt, dass alle kom- zukünftige praktische rassen-hygienische Arbeit in Hes- menden Hochschulreformbestrebungen damit stehen sen von besonders großer Bedeutung ist. Außerdem ist oder fallen, dass es gelingt einzelne Hochschulen vor- mit dieser Amtsführung die Leitung der Gutachterstelle bildlich im neuen Geiste arbeiten zu lassen und dafür für Schwangerschaftsunterbrechungen für die Provinz Sorge zu tragen, dass diese Hochschulen gegenüber an- Oberhessen verbunden, die eine sehr bedeutsame prak- deren, die noch absolut im alten Stile weiterarbeiten, tische rassenhygienische Tätigkeit darstellt.“ BArch, ZB II einen besonderen Vorzug geniessen. ... Wir dürfen ... 1870 A. 9 (Anm. 5). daran erinnern, dass anlässlich der letzten Medizinerta- 31 Ebd., der Dermatologe W. Schultze schrieb am 19. 10. gung im Braunen Haus in München in Gegenwart des 1937: „Im Interesse einer gedeihlichen Zusammenarbeit Stellvertreters des Führers eindeutig zum Ausdruck ge- zwischen Ärztekammer und KVD ist es notwendig, dass bracht wurde, dass Giessen und Heidelberg hinsichtlich Herr Prof. Kranz den Vorsitz der Ärztekammer und Amts- ihrer Arbeit auf dem Gebiete der Hochschulreform ein- leitung der KVD, Bezirksstelle Gießen, weiterführt. Die zig darsteht [!] ...“ Staatsarchiv Würzburg, RSF I, 03 ϕ, Persönlichkeit von Dr. Kranz gibt die Gewähr dafür, dass 253/III. speziell mit den Universitätskliniken der Verkehr sich rei- 25 Vgl. UAG, Nr. 313, PrA Nr. 2084: Bericht über die Ge- bungslos abwickeln wird.“ Ebd. samtlage der Universität, 1935–1940, Bl. 96: Zahl der 32 Aus dem Schreiben Reinweins an den Dekan, 21. 10. Studierenden, aufgeschlüsselt nach Fak., zwischen SS 33 1937. Ebd. und WS 1937/38. Dramatisch war der Rückgang aller- 33 Vgl. das Werk „Die Gemeinschaftsunfähigen“, das dings erst zum Sommersemester 1937, als nur noch 186 Kranz zusammen mit Siegfried Koller (nur Mitautor von Studenten in Gießen Medizin studierten, während es im Bd. 2 und 3) veröffentlicht hatte; es erhielt als erste Ar- Wintersemester 1933/1934 noch 480 waren. beit von Kranz breitere Resonanz in der Fachwelt. Der 26 Schreiben des NSD-Dozentenbundes, Hochschulgrup- profilierte NS-Rassenhygieniker Fritz Lenz lobte offenbar pe Gießen (Prof. Hummel) an Gauleiter vom 29. 2. 1936. das Werk, während Verschuer sich eher zurückhaltend ebd., Bl. 132ff. Bezug genommen wird auf die konkur- äußerte. Vgl. zusammenfassende Beurteilung von Guth- rierende Situation zu Frankfurt. mann in BArch (Anm. 5), ZB II 1870 A. 9. Zur Einschät- 27 UAG, Nr. 373, PrA Nr. 2382: Schreiben Hummel an zung der Arbeit Kollers vgl. UAG, Med 8 (K): Schreiben Reichsstatthalter vom 6. 2. 1935. des komm. Dekan Fischer an Rektor vom 20. 3. 1937: 28 Vgl. die entsprechenden Einträge in das Dekanatsbuch „Es liegt uns sehr daran, Herrn Dr. Koller durch die Ertei- (Anm.2), Bl. 150/151: 24. 1. 1934 Abt. Erbgesundheits- lung des Lehrauftrages an unsere Fakultät zu binden, da und Rassenpflege b. d. Hess. Ärztekammer Dr. H. W. seine Arbeiten von geradezu überragender Bedeutung Kranz Giessen. Von sämtlichen klinisch behandelten Pa- sind.“ tienten der Kliniken und Krankenhäuser sollen Sipp- 34 UAG, Nr. 373, PrA Nr. 2383: Institut für Erb- und Ras- schaftstafeln aufgestellt werden. Fakultät im Prinzip ein- senpflege – Allgemeines, 1938–1945, Bl. 36: Kranz an verstanden, über die Art der Ausführung weiter Ver- Reichsstatthalter vom 15. 2. 1941: „... Die gleichgearte- handlungen notwendig. In Fakultätssitzung vom 26. 1. ten Institute an anderen Universitäten gelten ebenfalls 1934 Antwort an Dr. Kranz 27. 1. 1934 Kennwort Sipp- als Erbkliniken und werden seit langer Zeit verwaltungs- schaftstafeln. Vgl. weiter Bl. 160/161: Dr. Kranz und Dr. technisch von den dortigen Kliniken geführt.“ Antrag Hoffmann sollen gemeinsam einen entsprechenden Fra- auf Eingliederung in die Verwaltung der klinischen Uni- gebogen erarbeiten (Sippschaftstafeln); Bl. 168/169: 14. versitätsanstalten und damit personell und sachlich in 6. 1934 Dr. Kranz gibt eine Aufstellung der für die Sipp- den Sonderhaushaltsplan der klinischen Univ.-Anstalten. schaftstafeln vordringlich zu meldenden Krankheiten; Bl. 35 Hinzu kamen noch Abstammungs- und Vaterschafts- 174/175: 19. 8. 1934 Verfügung des Hess. Staatsminis- untersuchungen, in denen eine Reihe von metrischen ters über Aufnahme des erbbiologischen Bestandes der Merkmalen und Indices verglichen wurden. Vgl. hierzu gesamten Bevölkerung. Bekanntgabe in der Fakultätssit- Jacobi et al. (Anm. 12), S. 145f. 38 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 39 36 Auflistung der Aufgabenstellung in BArch, ZB II, 1870 45 Kranz, H.W.: Zigeuner, wie sie wirklich sind. In: Neues A. 9 (Anm. 5): Folgende Untersuchungen befanden sich Volk, Jg. 5, Nov. 1937, S. 21–27. noch in Arbeit (ein Abschluss dieser Arbeiten ist nicht be- 46 Parallel dazu hatte der Psychiater Hoffmann eine Ha- kannt): „Bastarduntersuchungen; Erb- und Umweltein- bilitationsarbeit initiiert, die sich mit dem Lebenserfolg fluß bei beruflichen Furchtbarkeitsunterschieden, Unter- von Fürsorgezöglingen befasste; auch hier sollte eine So- suchungsergebnisse bei einem größeren Material von zialprognose unter Einschluss der Erbprognose ermittelt farbigen Bastarden. Versuche einer Methode zur Unter- werden. Vgl. Oehler-Klein, Sigrid: „... als gesunder suchung der Frage nach der Entstehung von Krankheiten Mensch kam ich nach Gießen, krank kam ich wieder durch Rassenmischung.“ nach Hause ...“. Die Durchsetzung des eugenischen Pro- 37 Titel der 1938 publizierten Dissertation von Rudolf gramms der Nationalsozialisten in Gießen – Psychiatri- Ludwig Martin, UAG, Med. Prom. 1886. In dem Bericht sche Universitätsklinik und das Institut für Erb- und Ras- schreibt Kranz: „Die Arbeit behandelt im Rahmen einer senpflege 1933–1945. In: Psychiatrie in Gießen – Facet- Anzahl von in letzter Zeit durch mich gestellten Disserta- ten ihrer Geschichte zwischen Fürsorge und Ausgren- tions-Themen das Problem ,Rasse und Verbrechen’ und zung, Forschung und Heilung. Begleitband zur Ausstel- ist daher eigentlich auch nur im Rahmen dieser Arbeiten lung „Vom Wert des Menschen“. Zentrum für soziale zu werten. Unter voller Berücksichtigung der Schwierig- Psychiatrie, Gießen. Hg. v. Uta George et al. (= Histori- keiten einer sog. ,Rassen-Diagnose’ schlechthin und der sche Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hes- Unmöglichkeit, bei einem relativ kleinen Material allge- sen, Quellen und Studien, Bd. 9), 2003, S. 199–249, S. mein gültige Schlüsse zu ziehen, sind die Ergebnisse der 208f. Eine Zusammenarbeit zwischen Hoffmann und Arbeit immerhin sehr interessant und bemerkenswert: Kranz ist ab 1934 belegt. Die Verbrecher mit vorwiegend ostischen Körpermerk- 47 Vgl. Kranz, H. W.: Zur Entwicklung der Rassenhygieni- malen stellen bei dem untersuchten Material (297 Straf- schen Institute an unseren Hochschulen. In: Ziel und gefangene) den weitaus größten Prozentsatz dar, da- Weg, Nr. 9, 1939, S. 2 (Sonderdruck). nach folgen die Verbrecher mit vorwiegend westischen 48 Vgl. Dalchow (Anm. 1), S. 190, der den Gießener An- und zum Schluß erst die mit vorwiegend nordischen zeiger vom 19. 11. 1940 zitiert. bezw. fälischen Rassenmerkmalen.“ 49 Dalchow, ebd., S. 157, zitiert Kranz (1934): „Die Ärz- 38 In Cesare Lombrosos Theorie vom „geborenen Verbre- teschaft, Lehrerschaft und die Amtswalter der NSDAP cher“ ging es auch um vorbeugende Verbrechens- sind bereits erfaßt. Ebenso sind die Kliniken und Kran- bekämpfung und Lombroso versuchte, die Verbrecher- kenhäuser durch die hessische Landesregierung auf Ver- merkmale (z.B. geringere Schädelkapazität, andere ata- anlassung der Abteilung verpflichtet, über jeden mit vistische Zeichen wie fliehende Stirn, Dicke der Schädel- einer Erbkrankheit behafteten, eingelieferten Patienten knochen) als Zeichen einer zurückgebliebenen Entwick- eine Sippschaftstafel anzulegen und der Abteilung ein- lungsstufe auf dem Weg zum zivilisierten Menschen zu zusenden ... Als besonders dringliche Aufgabe ist die betrachten. Zu Lombroso vgl. Gould, Stephen Jay: Der erbbiologische Erfassung der Fürsorgezöglinge, der Kri- falsch vermessene Mensch. 3. Aufl. Frankfurt 1999, S. minellen, der Trinker usw. in Angriff genommen. Ebenso 130–156. werden die Zöglinge der Hilfsschulen erfaßt, die Epilep- 39 Vgl. auch die unter Kranz angefertigte Dissertation tiker und die Insassen der Heil- und Pflegeanstalten.“ von Friedrich Wehmer: Konstitution und Verbrechen mit 50 Siehe das von dieser Abteilung entworfene Formblatt, Berücksichtigung sogenannter „Verbrechermerkmale“. z.B. in: Staatsarchiv Darmstadt, G 29 U Nr.1045 und Nr. Gießen 1935. Referat Kranz, UAG, Med. Prom. 1786: 894. „Die Lombrososche Lehre von den Verbrechermerkma- 51 Vgl. z.B. Staatsarchiv Darmstadt – G 29 U, Nr. 1045. len konnte an dem untersuchten Material nicht bestätigt 52 Timoféeff-Ressovsky, Nikolaj V.: Experimentelle Unter- werden.“ suchungen der erblichen Belastung von Populationen. 40 Vgl. Wagner, Patrick: Volksgemeinschaft ohne Verbre- In: Der Erbarzt 1935, 8, S. 117–118; zit. nach Weingart cher. Konzeptionen und Praxis der Kriminalpolizei in der (Anm. 7), S. 552. Für das Folgende vgl. auch ebd. Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus. 53 Vgl. die Darstellung bei Weingart (Anm. 7), S. 551f. Hamburg 1996 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- und 54 Vgl. Oehler-Klein (Anm. 46) für Gießen. Zeitgeschichte , Bd. 34) vor allem für die „Gauner“- und 55 Seit Nov. 1940: Anstellung im Hauptamt für Volksge- „Zigeuner“forschung. sundheit NSDAP Reichsleitung. Stellvertretender Leiter 41 S. 2. der Arbeitsgemeinschaft für Medizinalstatistik beim 42 Vgl. Bericht Kranz 1936, UAG, Med. Prom. 1801. Vgl. Reichsgesundheitsführer. 15. 2. 1941: Wechsel nach für die nachfolgend zitierten Ablehnungen auch ebd. Berlin als Leiter des neu gegründeten Biostatistischen In- 43 Vgl. S. 35f. der Dissertation von Hans Dauernheim, stituts der Medizinischen Fakultät. Anfang 1941: Über- Gießen 1937. weisung als Dozent an Med. Fakultät Berlin. Leiter des 44 Wenngleich Johann Kaspar Lavater (Physiognomische Biostatistischen Instituts der Universität Berlin, Übernah- Fragmente, zur Beförderung der Menschenkenntnis und me der Pflichtvorlesung über Bevölkerungspolitik; 1941 Menschenliebe, Bd. 1–4. Zürich 1969, Faksimiledruck Arbeit für das Zentralarchiv für Wehrmedizin, Auswer- nach der Ausg. 1775–1778) seine Abhandlungen zur tung von Kranken- und Lazarettakten durch Anlegung Physiognomik nicht mit sozialen Zielsetzungen verband, von Lochkarten; Mai 1943: Vertreter von Prof. Lenz für sind durchaus auch dort Zusammenhänge von Körper- Med. Staatsexamen in Rassenhygiene; 2. 12. 1944: Er- merkmalen und Eigenschaften bzw. Vermögen konstru- nennung zum Extraordinarius (in Berlin); 4. 4. 1945: Er- iert: Zeitgenössische Vorurteile erscheinen in Verbindung nennung zum Ordinarius für Rassenhygiene; 12. 8. mit Besonderheiten der „Nationalphysiognomien“. 1946: Verhaftung; 6. 10. 1952: Entlassung; 1953–1962: 39 oehler_klein 17.05.2005 9:23 Uhr Seite 40 Leiter der Abteilung für Bevölkerungs- und Kulturstati- 70 Stadtarchiv Gießen, L 1363–5. Zur Abschiebung s. stik im Statistischen Bundesamt, daneben Lehraufträge Schreiben vom 16. 3. 1943. Die konkreten rassenbiolo- in Mainz und Heidelberg, 1956: Honorarprofessor in gischen Gutachten wurden vermutlich nicht vom Gieße- Mainz, 1963: Ordentlicher Professor in Mainz, Leiter des ner Institut vorgenommen. Das Schicksal dieser Perso- neu gegründeten Instituts für medizinische Statistik und nen, ob und wenn ja, wann sie nach Auschwitz kamen Dokumentation. und ob bzw. wann sie dort ermordet wurden, muss noch 56 Koller, Siegfried: Die Auslesevorgänge im Kampf recherchiert werden. gegen die Erbkrankheiten. Zitiert nach Jacobi u.a. (Anm. 71 Vgl. ebd. Eine im November 1942 von der Staatlichen 12 ), S. 158. Zu Koller vgl. auch S. Oehler-Klein (Anm. Kriminalpolizeistelle Darmstadt herausgegebene Liste 46), S. 205f. und 211. von 79 rassenbiologisch untersuchten Personen enthält 57 Vgl. Koller, Siegfried: Über den Erbgang der Schizo- allerdings die Namen von 25 „Zigeunermischlingen“. phrenie, in: Zeitschrift für die Neurologie und Psychiatrie, Deren Namen sind jedoch größtenteils auch in einer wei- 1939, S. 199–228 (Sonderdruck: Dissertation zur Erlan- teren „Liste der Juden und Zigeuner“ (Stadtarchiv gung des Doktorgrades bei der Medizinischen Fakultät. Gießen, N 3086) mit dem Vermerk „ZM“ aufgeführt, die Gießen 1939; Referent, Prof. Dr. H.W. Kranz, Institut für vermutlich schon im Juli 1941 erstellt wurde. Notiert Erb- und Rassenpflege). Auch seine Habilitationsschrift wurde in der Akte offenbar mit Bezug auf diese Liste: „1. (Die Auslesevorgänge im Kampf gegen die Erbkrankhei- 7. 1941 – 190 Juden, 1. 12. 1942 – 14 Juden“. Zu prü- ten, Zeitschrift für Menschliche Vererbungs- und Konsti- fen wäre, ob schon vor dem März 1943 Zigeunermisch- tutionslehre, Fortsetzung der Zeitschrift für Konstituti- linge deportiert wurden. onslehre, Sonderdruck aus Bd. 19, Heft 3, 1935) befasst 72 Vgl. Dalchow (Anm.1), S. 246. sich thematisch mit den Auswirkungen der eugenischen 73 Vgl. ebd., S. 318ff. Gesetzgebung des NS-Staates. 74 Vgl. zum Folgenden: Fangerau, Heiner: Das Standard- 58 Zitiert nach Jacobi u.a. (Anm. 12), S. 160. werk zur menschlichen Erblichkeitslehre und Rassenhy- 59 BArch (Anm. 5), ZB II 1870 A. 9 Akte Kranz. giene von Erwin Baur, Eugen Fischer und Fritz Lenz im 60 Kranz, H. W.: Zigeuner, wie sie wirklich sind (Anm. 45). Spiegel der zeitgenössischen Rezensionsliteratur 1921– Vgl. hierzu auch Dalchow, S. 240ff. 1941. Diss. Med. Bochum 2000. 61 Finger, Otto: Studien an zwei asozialen Zigeuner- 75 Vgl. Weingart (Anm.7), S. 316. mischlingssippen. (Ein Beitrag zu Asozialen und Zigeu- 76 Vgl. Fangerau (Anm.74), S. 43. nerfrage). Diss. Med. Gießen 1937; Finger war zugleich 77 Der amerikanische Genetiker Raymond Pearl hielt die noch Hilfsarzt beim Staatlichen Gesundheitsamt Gießen. entsprechenden eugenischen Positionen für das Resultat 62 Vgl. Zimmermann, Michael: Rassenutopie und Geno- einer schlecht begründeten Mischung aus Soziologie, zid. Die nationalsozialistische „Lösung der Zigeunerfra- Ökonomie, Anthropologie und Politik (vgl. Weingart – ge“. Hamburg 1996 (= Hamburger Beiträge zur Sozial- Anm. 7, S. 317). Kritisiert wurde die grundlegende sozi- und Zeitgeschichte, Bd. 33), S. 130ff. aldarwinistische Position, nach der Selektion ein proba- 63 Abschrift des Gießener Vortrages in BArchiv Koblenz, tes Steuerungsmittel in der Bevölkerungspolitik war: Die R 73/14.005. Vgl. Zimmermann, S. 426, Anm. 417. Rückführung soziologischer Vorgänge auf angeborene 64 Ritter war von 1932–1935 Oberarzt in der Jugendab- und erbliche Qualitäten könne nicht exakt vorgenom- teilung der Psychiatrie an der Universität Tübingen; Hoff- men werden (Max Weber; vgl. ebd., S. 310). Das selekti- mann war vom 1. 4. 1926–1. 9. 1933 Oberarzt an der ve oder Zuchtwahlprinzip sei sogar in Botanik und Zoo- Universitätsnervenklinik in Tübingen. logie umstritten (Ignaz Kaup, vgl. ebd., S. 313). Vorbe- 65 Gutachten Hoffmanns zitiert nach Zimmermann halte gab es auch hinsichtlich der exakten Erbvoraussa- (Anm. 62), S. 130. ge: Die Anteile der zusammenspielenden Faktoren von 66 Referat zur Arbeit in UAG, Med. Prom. 1804. Erbanlagen und Umwelt seien nicht geklärt (Karl Saller, 67 Vgl. Finger (Anm. 61), S. 64f. Das Gesetz zur Verhü- vgl. ebd. S. 318). tung erbkranken Nachwuchses, das zum 1. 1. 1934 in 78 Vgl. Satzinger, Helga: Die blauäugige Drosophila – Kraft getreten war, sah keine Zwangssterilisierung auf- Ordnung und Zufall als „Faktoren der Evolutionstheo- grund festgestellter Asozialität vor; allerdings waren rie“ bei Cécile und Oskar Vogt und Elena und Nikolaj durch die Ausweitung der Diagnose „angeborener Timoféeff-Ressovsky am Kaiser-Wilhelm-Institut für Schwachsinn“ auch Personen mit nicht-angepasstem Hirnforschung Berlin 1925–1945. In: Rainer Brömer, Sozialverhalten oftmals von diesem Gesetz betroffen. Uwe Hoßfeld, Nicolaas A. Rupke (Hg.): Evolutionsbiolo- 68 Vgl. Zimmermann (Anm. 62), S. 148, Erlass Himmlers: gie von Darwin bis heute. Berlin 2000, S. 161–195, hier „Bekämpfung der Zigeunerplage“ vom 8. 12. 1938. S. 170f. Noch Anfang der 30er Jahre konnte man auf- 69 Zur Differenzierung der „Zigeuner“ und deren Be- grund der durch Röntgenstrahlung erzeugten Varian- handlung vgl. ebd., S. 301. Rassenbiologische Forschun- ten der Drosophila, die der Mendelschen Analyse zu- gen und Gutachten der Rassenhygienischen Forschungs- gänglich waren, vermuten, dass die Möglichkeit einer stelle Ritters bildeten die Grundlage der Deportationen. willkürlichen Veränderbarkeit des Keimplasmas be- Zur Geschichte des Himmler-Befehls vgl. ebd. S. 302ff. stand. Vgl. auch Susanne Heim: „Die reine Luft der wis- Die Deportationen betrafen Sinti, Roma, „Zigeuner- senschaftlichen Forschung.“ Zum Selbstverständnis der mischlinge“ und „zigeunerische“ Personen; ausgenom- Wissenschaftler der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft. Er- men blieben keineswegs die sozial Angepassten und gebnisse 7. Vorabdrucke aus dem Forschungspro- auch nicht die so genannten „reinrassigen Zigeuner“, gramm „Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für die man eigentlich eine andere Lösung als die der im Nationalsozialismus“. Hg. von Carola Sachse im Vernichtung gesucht hatte. Auftrag der Präsidentenkommission der Max-Planck- 40 oehler_klein 17.05.2005 9:26 Uhr Seite 41 Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V. 84 BArch Koblenz, R 73, Nr. 12369. Formulierung durch 2002, S. 11: Zitat Hans Stubbes. Greite (DFG) im Schreiben an Ruttke vom 13. 11. 1935. 79 Vgl. ebd., S. 19: 1942 war erstmals der Nachweis ge- 85 Vgl. BArch Koblenz, R 73, Nr. 12369: Schreiben Grei- lungen „daß durch Strahlenmutagenese wertvolle züch- tes an Herrn Professor Dr. Kühn, Zoologisches Institut der terische Eigenschaften erzeugt werden können“, so Universität Göttingen vom 10. Mai 1935. „Sehr geehrter durch Züchtung mehltauresistenter Gerste aufgrund von Herr Professor! In der Anlage übersende ich Ihnen einen Röntgenbestrahlung. Antrag von Dr. med. Kranz. Da die von Herrn Kranz be- 80 Vgl. Satzinger (Anm. 78), S. 188. Explizit formuliert absichtigte Arbeit innerhalb des grossen Arbeitsplanes, wurden diese Ergebnisse jedoch offenbar erst ab 1937. der unter Ihrer Führung steht, Platz hat, bitten wir Sie um 81 BArch Koblenz R 73/12369. Kranz an DFG vom 9. 12. eine gutachtliche Stellungnahme. Heil Hitler! I.A. Dr. 1937. Aber bereits am 26. 4. 1935, als Kranz erstmalig Mit- Greite.“ Die Formulierung seitens der DFG bezieht sich tel von der DFG einforderte, schrieb er: „... zur Fortsetzung nur auf den Auftrag, nach den Einflussmöglichkeiten und Durchführung des Versuches, dessen Bedeutung für durch Strahlung zu suchen. die Volksgesundheitspflege ohne weiteres klar ist.“ 86 Ebd. Anlage zum Schreiben von Kranz an DFG vom 31. 82 Ebd. Schreiben Kranz an die DFG vom 30. 5. 1938; 10. 1936. diese Beurteilung war offenbar im Rahmen der Prüfung 87 Vgl. ebd., Schreiben Kühns an DFG. eines Gesuches von Kranz um finanzielle Kostenerstat- 88 Vgl. ebd., Schreiben Sauerbruchs, Leiter der Fachglie- tung vom Dezember 1937 erfolgt. derung Medizin, an Kranz vom 26. Juli 1938. 83 Befürwortet wurden die Arbeiten durch Falk Ruttke, Ge- 89 Kranz starb am 11. 5. 1945 auf der Flucht. schäftsführender Direktor des Reichsausschusses für Volks- 90 Vgl. die Liste der Institutsgründungen in Weingart gesundheit und einer der Kommentatoren des GzVeN. (Anm. 7), S. 438f. 41 oehler_klein 17.05.2005 9:26 Uhr Seite 42 42 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:27 Uhr Seite 43 Marcel A. Verhoff, Kerstin Kreutz Forensische Osteologie Definitionen sektenkunde) zum Einsatz kommen. Im eng- lischsprachigen Ausland wird die forensische „Osteologie” ist die Lehre von den Knochen, Osteologie häufig von sog. forensischen An- unabhängig, ob es sich um menschliche oder thropologen übernommen. Hierbei handelt es tierische handelt. Das Wort „forensisch” ist ab- sich um Anthropologen, die diese Qualifikation geleitet vom lateinischen „in foro”, was so viel in definierten Weiterbildungscurricula oder wie „vor Gericht” oder „in der Gerichtsver- Aufbaustudiengängen erworben haben. Hier- handlung” bedeutet. Die Übersetzung von zulande hat eine forensische Anthropologin „forensische Osteologie” würde somit „ge- aus Kanada, Kathy Reichs, mit ihren Romanen richtliche Knochenkunde” lauten. Im weitesten wie „Knochenarbeit” und anderen Bekannt- Sinne könnte damit jede gutachterliche Beur- heit erlangt. Unter dem Namen „Kathleen J. teilung von knöchernen Strukturen im Zuge Reichs” hat sie zahlreiche wissenschaftliche Pu- eines Ermittlungsverfahrens bzw. einer Ge- blikationen verfasst, wobei die Herausgabe des richtsverhandlung unabhängig von der Rechts- Buches „Forensic Osteology” besonders her- form (Strafrecht, Zivilrecht, Sozialrecht) ge- vorzuheben ist [17]. meint sein. So wäre auch die Beurteilung jed- weder knöchernen Verletzung, sei es an Rönt- genbildern, im Rahmen einer Operation oder Fragestellungen Obduktion oder die Lebensaltersbestimmung Welche Fragestellungen hat die forensische mittels Röntgendiagnostik zur forensischen Osteologie zu bearbeiten? Werden Knochen Osteologie zu zählen. Üblicherweise wird der aufgefunden, muss sich der Finder an Polizei Begriff „forensische Osteologie” jedoch auf die oder Staatsanwaltschaft wenden, um ein Er- Untersuchung und Beurteilung von aufgefun- mittlungsverfahren einzuleiten. Am häufigsten denen Knochen begrenzt. Hierbei kann es sich treten Knochen im Rahmen von Bauarbeiten um überwiegend bis nahezu gänzlich skelet- oder durch spielende Kinder zu Tage. Die erste tierte Leichen, vollständige oder unvollständige Frage an den Sachverständigen ist, ob der oder Skelette bis hin zu einzelnen Knochen oder die Knochen von einem Menschen stammen sogar nur Knochenfragmenten handeln [22]. oder nicht. Kann eine nicht-humane Herkunft Die forensisch-osteologischen Untersuchungen nachgewiesen werden, erübrigen sich üblicher- werden in Deutschland meist von Rechtsmedi- weise aus Sicht der Ermittlungsbehörden weite- zinern oder von Anthropologen durchgeführt. re Fragen. Ausnahmen können sich ergeben, Die Rechtsmedizin beschäftigt sich vor allem wenn ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz mit Leichen kürzerer Liegezeit, während die im Raume steht. Wird die menschliche Herkunft Anthropologen überwiegend an historischen eines Knochenfundes nachgewiesen, gilt es, die Skelettfunden ausgebildet sind. Daher ergän- Fragen nach Liegezeit, möglichen Verletzungs- zen sich die beiden Fachgebiete in der foren- spuren und der Identität zu beantworten. sisch-osteologischen Arbeit ideal. In der inter- disziplinären forensisch-osteologischen Fallar- Humanspezifität beit bzw. Forschung können zusätzlich bei- spielsweise die Veterinärpathologie bzw. -ana- Werden Skelette oder vollständig erhaltene ein- tomie, die Geologie oder die Entomologie (In- zelne Knochen zur Untersuchung vorgelegt, ge- 43 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:27 Uhr Seite 44 Abb. 1: Interindividuelle Variabilität: Neben den drei 1. linken menschlichen Rippen liegt ganz rechts das Fragment einer 3. linken Rippe eines Hausschweins, die zunächst für eine menschliche gehalten wurde [19] lingt dem geübten Untersucher der Ein- oder bei unklarer Makroskopie können histologische Ausschluss einer menschlichen Herkunft nor- Untersuchungen dienen: In nicht menschlichen malerweise auf den ersten Blick. Problemati- Säugetierknochen fehlt meist eine geordnete scher kann es sich gestalten, wenn nur Kno- Struktur der Osteonen (Abb. 2a). Beim Röhren- chenfragmente vorliegen. Insbesondere auf- knochen des Menschen ist typischerweise eine grund der hohen interindividuellen Variabilität konzentrische Anordnung der Osteocyten zu sowohl der menschlichen als auch der übrigen beobachten (Abb. 2b), die auch bei den platten Säugetierknochen kann die makroskopische Knochen noch zu erkennen ist. In diesem Zu- Bestimmung erheblich erschwert sein (Abb. 1). sammenhang ist auch das sog. Brewster-Kreuz Intensive Vergleichsuntersuchungen können zu nennen, ein Interferenzmuster, welches sich notwendig werden, für die neben dem geeig- bei der menschlichen Compacta-Struktur unter neten Bildmaterial [18] insbesondere umfang- Einsatz eines Hilfsquarzes darstellen lässt: Vom reiche veterinär-osteologische Sammlungen un- Haversschen Kanal eines Osteons ausgehend ersetzbar sind [19]. Gelingt eine Zuordnung finden sich diagonal aufeinanderliegend, ein nach Beurteilung der Form und Oberfläche Kreuz bildend, zwei Linien (Abb. 2c). Zur weite- nicht, können die inneren Strukturen makro- ren technischen Absicherung oder bei morpho- skopisch untersucht werden. Als grobe Richtli- logisch nicht (eindeutig) bestimmbaren Kno- nie der Beurteilung gilt: Nicht menschliche Säu- chenfragmenten wurden früher Präzipitations- getierknochen weisen im Vergleich zu den hu- verfahren angewandt, wie der artspezifische manen Knochen typischerweise eine schmalere Proteinnachweis nach Uhlenhuth oder modifi- dichtere Compacta und einen relativ breiten ziert nach Ouchterlony. Heutzutage stehen ver- Markraum, im mittleren Schaftbereich ohne schiedene Möglichkeiten der DNA-Analyse zur Spongiosa, auf. Zur Absicherung der makrosko- Verfügung. Als relativ einfache Prüfung der Hu- pischen Befunde oder als Entscheidungshilfe manspezifität auf der Basis einer Analyse der 44 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:27 Uhr Seite 45 a b c Abb. 2a–c: Histologische Darstellung eines ungefärbten Schnitts aus dem Compactabereich eines Hausschweins a und eines menschlichen Röhrenknochen b, c, Vergr. jeweils ca. 120fach. c zeigt sog. Brewster-Kreuze mitochondrialen DNA bietet sich die Coamplifi- Methoden nutzen den Umstand aus, dass be- kation eines 259bp großen Abschnitts der HV1- stimmte radioaktive Elemente erst im Rahmen Region (humanspezifisch) und eines 309bp von atomaren Versuchen nach dem 2. Welt- großen Abschnitts des Cytochrom-B-Gens (bei krieg freigesetzt und somit in die Knochen ein- allen Säugetieren inkl. Mensch identisch) an [1]. gebaut wurden. Von einer zuverlässigen foren- Allerdings kann die Degradierung selbst der sischen Anwendung sind diese Methoden je- mtDNA durch Dekomposition und andere Um- doch noch weit entfernt. Alle übrigen Metho- stände (z.B. Hitzeeinwirkung) so weit fortge- den zur Bestimmung des PMI basieren auf der schritten sein, dass keine Amplifikation mehr Untersuchung von Veränderungen an den Kno- möglich ist [19]. Derartige Fälle belegen, dass chen, die über die Liegezeit durch das Liegemi- auch im „DNA-Zeitalter” der Morphologie wei- lieu [7] hervorgerufen werden. Diesen Vorgang terhin eine wichtige Rolle zukommt. nennt man auch „Dekomposition”, die Unter- suchung der Dekompositionsvorgänge wird als Liegezeit „Taphonomie” bezeichnet [6]. Das Problem ist, dass das Liegemilieu im Einzelfall schwer abzu- Die Frage nach der Liegezeit oder dem sog. schätzen ist. Liegt ein Leichnam beispielsweise postmortalen Intervall (PMI) gehört zu den im Freien, kann er im Sommer, selbst in Mittel- schwierigsten Problemen in der forensischen europa innerhalb von 6 Wochen vollständig Osteologie. Der Grund ist, dass bislang keine skelettieren. Kann sich in einem heißen trocke- Untersuchungsmethode existiert, mit der das nen Sommer dagegen eine ausgedehnte natür- PMI in den forensisch relevanten Zeiträumen liche Mumifizierung ausbilden, sind selbst nach unabhängig von den äußeren Einflüssen auf Jahrzehnten bei im Freien liegenden Leichen den Knochen seit Todeseintritt (Liegemilieu) ge- noch Weichteilreste zu beobachten. messen werden kann. Die einzigen Techniken, Etwas besser abzuschätzen sind die Dekompo- die grundsätzlich geeignet wären, sind die Ra- sitionsvorgänge im Erdlager. Dennoch hat sich dionuclidmethoden. Die bekannteste und in Studien gezeigt, dass zwei Skelette mit na- schon lange in der Archäologie etablierte ist die hezu gleichzeitigem Beerdigungszeitpunkt auf Radiocarbon(14C)-Bestimmung. Bei einer Halb- demselben Friedhof im Rahmen einer Graböff- wertszeit des 14C von 5730 Jahren lässt sich nung nach beispielsweise 40 Jahren quantitativ zwar differenzieren, ob ein Knochenfund z.B. und qualitativ unterschiedliche Dekompositi- 100100 oder 100101 Jahre alt ist, die Unter- onserscheinungen aufweisen können [2, 12]. scheidung eines PMI von 20, 50 oder 100 Jah- Demnach sind grundsätzlich aus Sicht des fo- ren ist jedoch unmöglich. Andere Radionuclid- rensischen Osteologen nur sehr vorsichtige 45 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:27 Uhr Seite 46 Aussagen zur Abschätzung des PMI möglich. oder ein anatomisches Institut befunden haben Es ist allerdings gelungen, Dekompositionsbe- könnte. Oftmals sind es auch Erdaushübe von funde an Knochen herauszuarbeiten, die bis- ehemaligen oder noch bestehenden Friedhö- lang nicht bei Liegezeiten von unter 50 Jahren fen, die an andere Lokalisationen verbracht, im Erdlager beobachtet werden (Tab. 1). Weist den Herkunftsort verschleiern. ein Knochen einen oder mehrere dieser Befun- de auf, kann – bei fehlenden Hinweisen von La- Verletzungsspuren gerung im Freien – eine Liegezeit von unter 50 Jahren ausgeschlossen werden [23]. Diese Aus- Ist von einem Menschen nur noch das Skelett schlussmöglichkeit ist deshalb so wertvoll, weil vorhanden, stellt dies das letzte Dokument dar, ein Zeitintervall von 50 Jahren, unabhängig von das Hinweise auf die Todesursache des Indivi- Rechtssystem und Art des Deliktes, als foren- duums ermöglichen kann. Nach einem gewalt- sisch relevant anzusehen ist: Selbst bei einem samen Tod könnten Verletzungsspuren an den Mord, der nach dem deutschen Strafgesetz- Knochen zurückgeblieben sein. Grundsätzlich buch nicht verjährt, wird es 50 Jahre nach der sind alle Defekte an einem Knochen zunächst Tat kaum mehr gelingen, den Täter seiner Stra- als Verletzungsfolgen anzusehen. Doch to- fe zuzuführen. desursächliche Bedeutung können nur Verlet- Neben morphologischen oder technisch auf- zungen erlangen, die in zeitlichem Zusammen- wändigeren Untersuchungsverfahren dürfen hang mit dem Todeseintritt (perimortal) ent- die Fundsituation und sog. Beifunde nicht ver- standen sind. Davon abzugrenzen sind zu Leb- nachlässigt werden [11]: Kleidungsreste, Zei- zeiten erlittene Verletzungen, die aber überlebt tungspapier, Werkzeuge oder Waffen können wurden (prämortal). Die größte Gruppe macht den zeitlichen Horizont eingrenzen. Ein sog. die Veränderungen aus, die nach dem Tode Sargschatten oder Gegenstände, die als Grab- (postmortal) entstanden sind [21]. beigaben in Frage kommen, können auf eine Postmortale Veränderungen entstehen infolge intentionelle Bestattung hinweisen. Weiterhin intentioneller und nicht intentioneller Verlage- sind alte Grundbücher dahingehend durchzu- rung durch Tiere oder Menschen, beim Bergen sehen, ob sich an der Auffindestelle oder in von Knochen, z.B. sog.Grabungsartefakte, und deren Nähe möglicherweise in der Vergangen- durch mannigfaltige Boden- und Oberflächen- heit ein Friedhof oder z.B. ein Krankenhaus lagerungsbedingungen [17]. Unterschiedliche postmortale Veränderungen können auf den- Tab. 1. Schema mit makromorphologischen Befunden selben Knochen zeitversetzt einwirken. Das zum Ausschluss einer forensisch relevanten Liegezeit wichtigste differentialdiagnostische Kriterium (PMI bis 50 Jahre) im Erdlager nach kritischer Literatur- ist, dass bei postmortalen Veränderungen die auswertung und unter Berücksichtigung eigener Erfah- Färbung der Schnitt- bzw. Bruchflächen deut- rungen der Autoren [23] lich heller ist als die der übrigen Knochenober- Äußerer Aspekt fläche (Abb. 3 und 4). Weiterhin sprechen feh- – Makroskopisch keine Fettwachsspuren mehr lende Zeichen von Dekomposition an Schnitt- – Tiefe Usuren der äußeren Compactaschichten bzw. Bruchflächen, bei vorhandenen Dekom- – Flächenhafte Defekte der Knochenoberfläche positionszeichen am übrigen Knochengewebe, – Intensiv schwarz-brauner Rasen von Mikroorganismen – Auffasern der äußeren Lamellensysteme für eine postmortale Entstehung. Postmortale – Abhebung der Corticalis Schnittkanten sind bei fehlender oder geringer – Torsionen des Gewebes weiterer Dekomposition scharf begrenzt. – Aufsitzendes Brushit – Knochen mit der Hand zu zerbrechen Bruchkanten gestalten sich mit zunehmendem postmortalen Intervall und fortgeschrittener An der frischen Sägefläche Dekomposition unregelmäßiger, gröber, mit – Fehlen von Fettwachsspuren stumpfen Ecken, mit geringer Facettierung – Brushit im Markraum – Reduzierte oder aufgehobene UV-Fluoreszenz (Abb. 3). Es gibt auch Beschädigungen am Knochen, die per se erst postmortal entstanden 46 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:27 Uhr Seite 47 Abb. 3: Postmortaler Knochenbruch, beim Bergen entstanden (Bergungsartefakte, „Bergungsverletzungen”) [21] sein können, wie z.B. Tier- fraßspuren. Davon abzu- grenzen sind perimortale Verletzungen durch Tier- bisse. Um eine praemortale Ver- letzung am Knochen nach- weisen zu können, müs- sen bereits Verheilungs- und Umbauspuren (”bone remodeling”) vorhanden sein. Beispielsweise bei der Kallusbildung nach Fraktu- ren langer Röhrenknochen (Abb. 5) sind die Zeichen des remodeling bereits ma- kroskopisch gut zu erken- nen. Um beginnende Hei- lungsspuren zu verifizieren, ist dagegen oftmals die Abb. 4: Postmortale Trepanationen an einem Schädel (M. Kunter, Anthropologie Lupenvergrößerung oder Gießen): Die Schnittflächen sind hell und scharfkantig [21] sogar die Mikroskopie not- wendig. Neben den Veränderungen durch chennahe oder auch subperiostale Hämatome – zurückliegende direkte Gewalt gegen den Kno- wozu auch das epidurale Hämatom nach Schä- chen gibt es indirekte Knochenveränderungen delhirntrauma zählt, führt die zur Hämatom- nach Weichteilverletzungen. Entstehen kno- Abräumung notwendige Gefäßneubildung zu 47 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:28 Uhr Seite 48 Abb. 5: Verheilte Fraktur an der rechten Tibia mit Achsabweichung und Rotationsfehler [21] hang mit dem Todeseintritt entstanden sind. Eine mögliche Todesursächlichkeit muss auf- grund von Lokalisation und Schwere der Ver- letzungen diskutiert werden. Auch weder un- mittelbar noch mittelbar todesursächliche Ver- letzungen können in Zusammenhang mit dem Tod bzw. einer Straftat stehen, z.B. Abwehr- verletzungen wie die sog. Parierfraktur [3] oder Veränderungen, die beim Leichentransport oder bei der Leichenzerstückelung gesetzt wur- den. Perimortal entstandene Schnitt- und Bruchflächen zeigen meist dieselbe Färbung wie die übrige Knochenoberfläche, die Dekom- positionszeichen sind vergleichbar. Schnitt- bzw. Bruchkanten sind weniger scharfkantig, zunehmend abgerundeter durch die fortschrei- tende Dekomposition und den Abrieb durch umgebendes Bodenmaterial (Abb. 6). Die tiefe- ren Schichten des Knochens absorbieren Bo- denmineralien und andere Umgebungsbe- standteile, z.B. Schwermetalle und vor allem Huminsäuren. Die gesamte Knochenoberfläche Abb. 6: Schädel eines im Mittelalter durch das Schwert wird infiltriert, einschließlich bestehender ums Leben gekommenen Mannes. Die (perimortal ent- Bruch- und Schnittkanten. standene) Schnittverletzung verläuft quer durch das Os Schwierigkeiten bei der Beurteilung können frontale, von ihr gehen zusätzlich Bruchspalten aus [21] beispielsweise auftreten, wenn eine Verlet- zung, die weder unmittelbar noch mittelbar to- Impressionen an der Knochenoberfläche. Auch desursächlich war, so kurz praemortal entstan- reaktive Knochenneubildungen können entste- den ist, dass noch kein bone remodelling nach- hen als Antwort des Organismus auf Entzün- weisbar ist. Entsteht eine Verletzungsspur rela- dung und Zerstörung von Weichteilgewebe. tiv früh postmortal (z.B. durch Grabräuber) und Grundsätzlich müssen alle Verletzungsspuren, ist sie lange denselben Dekompositionsbedin- die nicht als prae- oder postmortal identifiziert gungen wie der übrige Knochen ausgesetzt, werden können, als perimortal eingeordnet besteht die Gefahr, sie als perimortal einzuord- werden. Bei perimortalen Verletzungen ist aus nen. Aber auch spät postmortale Veränderun- forensisch-osteologischer Sicht nicht auszu- gen können schwierig zu beurteilen sein, wenn schließen, dass diese in zeitlichem Zusammen- zwischen Veränderung und Untersuchung ein 48 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:31 Uhr Seite 49 Tab. 2. Arten der Gewalt, Mechanismen, verursachende Waffen bzw. Objekte und deren Effekte am Knochen [21] Gewalt Mechanismus Waffe/Objekt (Bsp.) Effekte am Knochen scharfe Schnitt Klingen: Schwert, Messer; Schnittspuren Pfeil, Bajonett, Schere, Glassplitter Stich wie bei Schnittverletzung Stichkanal, Impression halbscharfe Hieb Axt, Beil, Sichel, Schnittspuren, Scharten, Sense, Hacke, Speer, Abschläge, Brüche Schraubenzieher Sägen Bandsägen, Kreissägen, Sägespuren Handsägen Biss Hunde, Raubkatzen Bissspuren stumpfe Stoß, Schlag, Sturz, Flächen, Stein, Keule, Brüche, Impressionen (geformt, nicht Quetschung Werkzeug u.ä. geformt) Schädel: Bruchsysteme, Lochbruch, Terrassenbruch, hämatominduzierte Formierung punktuelle Spießung oder Schuss Lanze, Pfeil, Kugel, Trichterspuren, alle Formen der Vogelschnabel stumpfen Gewalt extremes Milieu eingewirkt hat [20]. Ein für den situation eine wichtige Rolle. So können bei- Untersucher kaum lösbares Problem kann sich spielsweise Kleidungsreste, Taschen oder Ge- ergeben, wenn eine perimortal entstandene genstände Hinweise auf den Träger bzw. Käu- Verletzung postmortal erweitert und somit fer geben. Nummerierte Sicherheitsschlüssel, überdeckt wurde. Ist die perimortale Entste- Ausweispapiere oder andere persönliche Un- hung einer knöchernen Verletzung nicht aus- terlagen lassen die Zuordnung zu einer be- zuschließen, ist zur weiteren Einordnung und stimmten Person zu. Doch Vorsicht: Skelett und Frage der möglichen todesursächlichen Bedeu- ein daneben aufgefundener Personalausweis tung der zu Grunde liegende Verletzungsme- müssen nicht zwangsläufig von derselben Per- chanismus zu analysieren. Zunächst muss die son stammen. Grundsätzlich können zum Zeit- Art der Gewalt, die auf den Knochen einge- punkt der forensisch-osteologischen Untersu- wirkt hat, bestimmt werden. Grundsätzlich chung bereits Hinweise auf die Identität durch kann scharfe, halbscharfe oder stumpfe Ge- Beifunde bzw. Ermittlungsergebnisse vorliegen walt unterschieden werden. Punktuelle Ge- oder noch nicht. In jedem Fall wird man mor- walteinwirkungen wie Spieß- oder Schussver- phologische bzw. osteometrische Untersu- letzungen sind gesondert zu betrachten. Dabei chungen zur Bestimmug von Geschlecht, Le- können Übergänge der ausgeübten Gewalt bensalter und Körpergröße durchführen [4, 13, und der daraus resultierenden Effekte sowie 14]. Je mehr Knochen zur Verfügung stehen, Mehrfachverletzungen vorkommen. Zur Ein- desto genauere Aussagen sind möglich. Wei- ordnung der gefundenen Verletzungen in die terhin sind auch Hinweise auf die ethnische Kaskade Art der Gewalt, Mechanismus, Waffe/ Herkunft zu erlangen, wobei die Einordnung Objekt und resultierende Effekte am Knochen durch die pluralistischen Gesellschaftsformen kann Tabelle 2 hilfreich sein. immer schwieriger wird. Zur Geschlechtsdifferenzierung können bei- Identifizierung spielsweise Formenunterschiede am Schädel herangezogen werden (Tab. 3). Insgesamt sind Auch für die Identifizierung von Skeletten oder weibliche Knochen graziler und die Muskel- einzelnen Knochen spielen Beifunde und Fund- ansätze weniger stark ausgeprägt als bei männ- 49 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:31 Uhr Seite 50 Tab. 3. Zusammenstellung geschlechtsspezifischer morphognostischer Merkmale am Erwachsenenschädel [15] Merkmal Männliche Eigenschaften Weibliche Eigenschaften Allgemeine Größe Größer Kleiner Allgemeiner Schädelbau Kräftig, massiv, unebene Oberfläche Grazil, glatte Oberfläche Muskelmarken Stark ausgebildet Gering ausgebildet Occipitalregion Ausgeprägte Muskelansätze und Geringe Ausprägung dieser Merkmale Protuberanzen Stirn Nach hinten fliehend Steiler Tubera frontalia Gering hervortretend Stärker hervortretend Arcus superciliaris Mittel bis groß, stärker hervortretend, Klein bis mittel, weniger hervortretend, scharf gerundet Glabella Stark ausgebildet Schwach ausgebildet Orbita Eckiger, niedriger, relativ kleiner, Rundlicher, höher, relativ größer, scharfe Ränder gerundete Ränder Processus mastoideus Mittel bis groß Klein bis mittel Os zygomaticum Massiver, gebogen, seitlich ausladend Zierlicher, weniger weit gebogen Gaumen Größer, breiter, eher U-förmig Kleiner, eher parabolisch Unterkiefer Größer, höhere Symphyse, breiterer Kleiner, geringere Ausmaße Ramus ascendens Hinterhauptscondylen Größer Kleiner lichen. Die Beckenformen unterscheiden sich Schritt besteht – falls möglich – in der Erhebung deutlich, und zahlreiche andere Knochen wei- des Zahnstatus. Diesbezüglich hat sich ein eige- sen Unterschiede in Form oder Metrik auf. An- nes Fachgebiet aus der Zahnmedizin herausge- hand der Länge der Röhrenknochen kann mit bildet, die sog. forensische Odontostomatolo- Hilfe von verschiedenen Berechnungsformeln, gie. Der Zahnstatus kann mit Vermissten-Kartei- die an unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen en verglichen werden. Umgekehrt werden erhoben wurden, in Abhängigkeit vom Ge- Zahnschemata von unbekannten Leichen in den schlecht die Körpergröße berechnet werden. zahnärztlichen Fachzeitschriften publiziert. Je Bezüglich der Lebensaltersschätzung bietet der nach Anzahl und Spezifität der zahnärztlichen Schädel durch die Beurteilung der Verknöche- Behandlungen sowie Individualität der Zahn- rung der Schädelnähte und des Zahnstatus die stellungen kann durch die forensisch-odonto- besten Möglichkeiten. Am übrigen Skelett kön- stomatologische Untersuchung eine für die nen bis zum jungen Erwachsenenalter die Identifizierung ausreichende Identitätswahr- Schlüsse der Epiphysenfugen Aufschluss geben. scheinlichkeit erlangt werden. In einigen Fällen Später finden sich dann charakteristische Ver- liegen auch Gipsabdrücke von den Gebissen änderungen im Bereich der Symphyse. Auch pa- vor, wodurch im direkten Vergleich die Aussa- thologische Veränderungen können für eine gekraft extrem erhöht werden kann. Die wohl Identifizierung wichtig sein. So sind z.B. Rück- populärste und im Erfolgsfall extrem aussage- schlüsse darauf möglich, ob der Mensch zu Leb- kräftige Methode zur endgültigen Identifizie- zeiten hinkte oder Schmerzen in der Schulter rung ist die DNA-Analyse. Kann aus dem Kno- hatte etc. Auch Zeichen medizinischer Versor- chenfund Kern-DNA (STR-Systeme) gewonnen gung können die Suche erleichtern. Manche werden, ist ein Blindvergleich mit einer Vermiss- Implantate, wie z.B. Hüftendoprothesen, wei- tendatei möglich. Meistens gelingt bei den sen Seriennummern auf, die dem entsprechen- osteologischen Fällen allenfalls die Amplifikati- den Patienten zuzuordnen sind. Spezialisierte on von mitochondrialer DNA. Das Problem bei Behandlungsmaßnahmen können die behan- jeder DNA-Analyse ist jedoch: Es muss Ver- delnde Klinik eingrenzen (Abb. 7). Ein wichtiger gleichsmaterial oder ein bereits erhobenes 50 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:31 Uhr Seite 51 a b c Abb. 7a–c: a Schädel eines überwiegend skelettierten Leichnams. An dem linken Oberkiefer/Jochbein stellt sich ein mit 6-Loch-Platte versorgter alter Bruch dar. Untersuchungsergebnis: Die Person muss im Zeitraum von ca. 1/2 bis 2 Jahren in einer Abteilung für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie behandelt worden sein. In der nächstgelegenen Klinik mit einer derartigen Abteilung wurde ein Patient ermittelt, der 1 Jahr zuvor behandelt worden war. Es lag eine postmor- tale Röntgenaufnahme vor. b Von dem Schädel wurde eine Vergleichsaufnahme angefertigt. c diese zeigt wesentli- che Übereinstimmung. Ergänzt wurde die Untersuchung durch eine digitale Superprojektion des prä- und des post- mortalen Röntgenbildes DNA-Profil von der vermissten Person zur Verfü- Als ultima ratio bei einem nicht identifizierten gung stehen, was allzu oft nicht der Fall ist. Schädel existiert die Möglichkeit einer Gesichts- Häufig liegen von vermissten Personen zu Leb- weichteilrekonstruktion. Die plastische Ge- zeiten angefertige Röntgenbilder vor. Sind die sichtsweichteilrekonstruktion auf der Grund- auf den Bildern dargestellten Knochen bei dem lage eines menschlichen Schädels ist metho- unbekannten Individuum vorhanden, müssen disch hoch differenziert [10]. Aus ethischen letztere nach den vorhandenen Aufnahmen Gründen empfiehlt es sich, den Originalschädel ausgerichtet und geröntgt werden. Beim Ver- zu replizieren und auf dem 1:1 gefertigten Re- gleich der prä- mit der postmortalen Aufnahme plikat die Weichteilrekonstruktion vorzuneh- müssen die feinen Strukturen der Knochen über- men. Zuerst werden alle relevanten Gesichts- einstimmen. Bei dieser Röntgenvergleichsanaly- punkte mit ihren empirisch für die jeweilige Al- se besitzen die Nasennebenhöhlen eine beson- tersklasse und das Geschlecht ermittelten dere Aussagekraft, aber auch Zeichen von Weichteildicken markiert (Abb. 8a). Es gibt ver- zurückliegenden Verletzungen oder deren Be- schiedene Methoden, um diese Markierung handlung sind hilfreich (Abb. 7). vorzunehmen, die Anzahl der Gesichtspunkte Porträtfotos von vermissten Personen können und die zur Markierung verwendeten Materiali- mit Hilfe der Superprojektion mit einem aufge- en (z.B. Holzsticks und Gummistränge) variieren fundenen Schädel verglichen werden. Hierzu von Spezialist zu Spezialist (Karen Taylor, Richard wird der Schädel in der dem Porträtfoto ent- Neave, Richard Helmer etc). Jeder hat seine fa- sprechenden Position fotografiert. Wichtige vorisierte Vorgehensweise und setzt sie auf Grundlagen dieser Technik wurden Ende der seine Weise um. Bei dieser Tätigkeit zeigt sich 60er Jahren am Gießener Institut für Rechts- deutlich, dass sich (Natur-)Wissenschaft und medizin durch Grüner und Schulz erarbeitet Kunst annähern und sich verbinden. Das eine [5], die durch Helmer und Grüner in Form ohne das andere ist bei dieser Arbeit undenkbar eines Video-Mischbildverfahrens weiterent- und bedarf einer geradezu pedantischen Detail- wickelt worden sind [8, 9]. Heutzutage werden treue, um nicht aus der Weichteilrekonstruktion die Bilder digitalisiert und in diesem Zustand mit eine Skulptur erstehen zu lassen. Daher soll an Hilfe eines geeigneten Bildbearbeitungspro- dieser Stelle nur auf den wissenschaftlichen Zu- gramms superprojiziert. sammenhang eingegangen werden. 51 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:31 Uhr Seite 52 a b c Abb. 8a–c: Plastische Gesichtsweichteilrekonstruktion (K. Kreutz). a Replizierter Schädel mit Weichteilmarkern und bereits rekonstruierter Augenhöhle und Nasengerüst. b Fortgeschrittene Rekonstruktion der Gesichtsweichteile. c Rohmodell des Gesichts Je nach Konzeption des Wissenschaftlers wer- und weisen eindeutig auf die Notwendigkeit den entweder zuerst die Augen eingesetzt und hin, Spuren des Erlebten in dem Gesicht deut- die Nase angefertigt bzw. angepasst und an- lich zu machen, mit Falten und Furchen, Ein- modelliert oder die Muskulatur auf der gesam- dellungen und Erhebungen an den relevanten ten Gesichtsfront oder erst einmal halbseitig Stellen. Wird dies alles beachtet, kann die zum ständigen Vergleich des Status quo der Weichteilrekonstruktion zu einem lebendigen Weichteildicke aufgetragen. Nach der Erstel- Abbild einer bereits verstorbenen gesichtslosen lung des Grundgerüstes mit all seinen Markern Person werden. Der fertiggestellte Kopf kann beginnt die Applikation der Weichteilstruktu- geschminkt und mit einer Haartracht, mögli- ren in Ton, Plastilin, Wachs u.ä. (Abb. 8b). Nach cherweise auch mit Kleidung versehen werden. der „Manchester-Methode“ von Richard Neave Im Anschluss werden Fahndungsfotos gefertigt [16] werden alle relevanten Gesichts- und und können in der Presse oder im Fernsehen Kopfmuskeln dargestellt. Die Ansatz- und Ur- veröffentlicht werden. sprungsstellen der Muskeln hinterlassen Spu- Neben der beschriebenen klassischen Metho- ren am Schädel(-knochen), und diesen wird im de existieren auch modellierende und zeichne- Einzelnen gefolgt. Wenn die Muskulatur bei rische, die erheblich künstlerischer geprägt neutraler Gesichtsmimik des zu rekonstruieren- sind. Mit fortschreitender Computertechnik den Kopfes aufgebracht ist, beginnt die we- sind in jüngster Zeit auf verschiedenen Ansät- sentliche Aufgabe der Erstellung des Gesichts- zen basierende Methoden der digitalen Ge- reliefs. Die Gesichtshaut wird aufgelegt, das sichtsweichteilrekonstruktion entwickelt wor- Rohmodell des Gesichts oder der Büste der Per- den. Diese Methoden haben den Vorteil, son ist fertig (Abb. 8c). Nun beginnt die Feinar- schnell und kostengünstig zu sein. Der Nach- beit mit Fingerspitzengefühl. Je nach Alter und teil ist jedoch, dass die daraus resultierenden Geschlecht hat das Leben Spuren auf dem Ge- Gesichter durch die zwangsläufige Verwen- sicht des Menschen hinterlassen. Das Gebiss dung der Mittelwerte eher synthetisch wirken, und der Gesamtzustand des Schädels lassen wie man es z.B. von Computerspielen kennt. z.T. in weitreichendem Maße die Lebensge- Da von den Entwicklern einiger dieser Metho- schichte der verstorbenen Person erkennen den eine sehr zielgerichtete Werbung betrie- 52 verhoff_kreutz 17.05.2005 9:31 Uhr Seite 53 ben wird, besteht die Gefahr, dass den Verant- Helmer R., Grüner O. (1977): Vereinfachte Schädeliden- wortlichen der Ermittlungbehörden glaubhaft tifizierung nach dem Superprojektionsverfahren mit Hilfe einer Video-Anlage. Z. Rechtsmed. 80: 183–187 gemacht wird, auf diese Weise in der Ermitt- Helmer R.P., Röhricht S., Petersen D., Möhr F. (1993): As- lungsarbeit die ultima ratio „kostengünstig” sessment of the reliability of facial reconstruction. In: ausschöpfen zu können. Helmer R.P., Iscan M.Y. (Hrsg.): Forensic analysis of the skull. Wiley-Liss, New York, pp. 229–246 Henke W., Rothe H. (1994): Paläoanthropologie. Sprin- Danksagung. Folgenden Wissenschaftlern (alphabeti- ger, Berlin, Heidelberg, New York sche Nennung) von der Justus-Liebig-Universität Gießen Hunger H. (1967): Untersuchungen zum Problem der sei ein herzlicher Dank für die jahrelange angenehme Liegezeitbestimmung an menschlichen Skeletten. Med. und erfolgreiche Zusammenarbeit bei forensisch-osteo- Habil. Schr. Karl-Marx-Universität Leipzig logischen Fragestellungen ausgesprochen: Achim Batt- Knußmann R. (Hrsg.) (1988): Anthropologie Band I, 2. mann (Pathologie), Nils Hackstein (diagnostische Radio- Teil. Wesen und Methoden der Anthropologie. Gustav logie), Martin Hardt (Zentrale Biotechnische Betriebsein- Fischer, Stuttgart heit), Frank Heidorn (DNA-Labor, Rechtsmedizin), Kernt Kreutz K., Verhoff M.A. (2002): Forensische Anthropolo- Köhler (Veterinärpathologie), Harald Thomé (Veterinär- gie. Lehmanns Media – LOB.de Anatomie), Carsten Witzel (Anthropologie). Penning R., Riepert T. 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Kriminol. 213: 1–14 53 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 12 gjgjjjjjg bader 17.05.2005 9:32 Uhr Seite 55 Bernd Bader Die Handschriften und historischen Buchbestände der Universitätsbibliothek Gießen Wenn von Prunkhandschriften, erlesenen alten willigem Zusammenleben und nicht auf lebens- Drucken und anderen besonders wertvollen lang bindenden Gelübden beruhte, breitete alten Büchern in deutschen Bibliotheken die sich nach der Gründung der ersten Niederlas- Rede ist, dann handelt es sich meistens um Be- sung um 1380 in Deventer rasch in den Nie- sitz der großen Staats- und Landesbibliotheken derlanden und in Deutschland aus. Die Brüder in München, Berlin, Dresden, Stuttgart, Darm- widmeten sich besonders dem meditativen stadt, Wolfenbüttel. Dies sind ehemals fürstli- Studium der Bibel und anderer theologischer che Hofbibliotheken, die von ihren Landesher- Schriften, was die Produktion von Handschrif- ren auch zur Repräsentation besonders geför- ten, später in Einzelfällen auch den Betrieb von dert wurden und die Hauptnutznießer der Sä- Druckereien einschloss; deshalb gehörten zu kularisation zur Zeit Napoleons waren, als riesi- ihren Niederlassungen stets Bibliotheken. 1468 ge Mengen wertvollsten Bibliotheksguts die ist das Gründungsjahr des Fraterherrenstifts in Besitzer wechselten. Die meisten alten Univer- Butzbach. Es hatte seinen „Star” in Gabriel Biel sitätsbibliotheken sind demgegenüber in einer (ca. 1408–1495), der 1469 Vorsteher des Stifts grundsätzlich anderen Lage. Ihre Hauptaufga- wurde und einer der prominentesten theologi- be bestand und besteht darin, wissenschaftli- schen Schriftsteller seiner Zeit war; seine Schrif- che Gebrauchsliteratur für ihre Lehrenden und ten waren Standardwerke noch für den Theo- Lernenden bereitzustellen; kostspielige Zimeli- logiestudenten Martin Luther. Die Reformation en gehörten schon aus Geldmangel nicht zu führte hier wie andernorts zum Niedergang der ihren normalen Sammelaufgaben. Das gilt Fraterherren; der letzte Butzbacher Bruder auch für die Gießener Universitätsbibliothek.1 starb 1555. Ein günstiges Schicksal bewahrte Und doch hat sie infolge glücklicher histori- die Butzbacher Fraterherrenbibliothek vor Zer- scher Umstände mehr alte Handschriften und streuung; es kam nur zu geringen Verlusten, bis Kostbarkeiten aufzuweisen, als man von einer 1771 der hessische Landgraf die Überführung Bibliothek ihres Charakters erwarten würde. So der etwa 200 Handschriften und 300 Inkuna- besitzt sie z. B. viermal so viele mittelalterliche beln an seine Landesuniversität Gießen anord- Handschriften (etwa 400) und mit etwa 900 In- nete, wo sie noch heute aufbewahrt werden.2 kunabeln (d.h. Drucken des 15. Jahrhunderts) (Die späteren Drucke sind bis heute im Besitz mehr als doppelt so viele wie die UB Marburg, der evangelischen Gemeinde Butzbach.) die doch, ganz im Gegensatz zu Gießen, kaum Die Bedeutung dieses Bestands liegt weniger in Kriegsverluste erlitten hat. Der Grund dafür herausragenden Einzelstücken als in der Ge- liegt vor allem in zwei großen Schenkungen, schlossenheit einer fast vollständig erhaltenen die uns ins 18. Jahrhundert führen. spätmittelalterlichen Bibliothek. Es handelt sich Die Brüder vom Gemeinsamen Leben (lat. Fra- überwiegend um schlichte theologische Ge- tres Vitae Communis), auch Fraterherren oder brauchshandschriften und -drucke des 15. Kugelherren genannt, waren eine spätmittelal- Jahrhunderts mit nur spärlichem Buchschmuck, terliche geistliche Bewegung, die Kleriker und eine Studienbibliothek, mit und an der intensiv Laien umfasste und ihre Grundlagen in der mys- gearbeitet wurde. Neben den großen Kirchen- tischen Theologie von Meister Eckhart, Tauler, vätern und mittelalterlichen Theologen wie Seuse und Ruusbroec hatte. Die Gemeinschaft, Augustinus, Albertus Magnus und Thomas von die – im Unterschied zu den Orden – auf frei- Aquin begegnen damals vielgelesene spätmit- 55 bader 17.05.2005 9:32 Uhr Seite 56 telalterliche Theologen, deren Namen heute werden kann wie Gutenbergs Bibeldruck (Hs wohl nur noch den Fachwissenschaftlern be- 653). Ihr kann eine gedruckte Bibel (Ink V kannt sind, wie Johannes Gerson (1363–1429), 3801; Abb. 1) zur Seite gestellt werden, die zu Kanzler der Universität Paris, und Nikolaus von den ältesten und wertvollsten Gießener Inku- Dinkelsbühl (ca. 1360–1433), Theologieprofes- nabeln gehört und ebenfalls handgemalten sor an der Universität Wien. Am häufigsten Buchschmuck aufweist; gedruckt wurde sie aber erscheint Gabriel Biel selbst, als Autor und 1462 in Mainz von Johann Fust und Peter als Schreiber. Ein Bruchstück aus einer liturgi- Schöffer, die als Partner bzw. Mitarbeiter Gu- schen Pergamenthandschrift um 800, das von tenbergs bei dessen Bibeldruck beteiligt waren einem Buchbinder des 15. Jahrhunderts zur und die Offizin nach dem Ausscheiden des Einbandverstärkung verwendet wurde, ist das großen Erfinders 1455 gemeinsam weiter be- älteste Stück der Gießener Handschriften- trieben. sammlung überhaupt (Hs NF 143a)3. Es ist in Die meisten Handschriften und Inkunabeln sind der so genannten angelsächsischen Minuskel Sammelbände mit z.T. zahlreichen verschiede- geschrieben, einer frühmittelalterlichen Schrift- nen Schriften, meist unter Beteiligung mehre- art, die von den angelsächsischen Missionaren rer Schreiber in den Handschriften; mitunter ist auf dem Kontinent verbreitet und dann von der sogar Handschriftliches und Gedrucktes zu- karolingischen Minuskel verdrängt wurde. sammengebunden. Überwiegend haben die Die lateinische Sprache überwiegt bei weitem Bände bis heute ihre meist schlichten zeit- gegenüber dem Deutschen. Aber nicht so sehr genössischen Einbände, bestehend aus leder- deshalb wird ein heutiger Leser mit diesen überzogenen Holzdeckeln, bewahrt, von Handschriften große Schwierigkeiten haben. denen ein großer Teil einem Butzbacher Buch- Schuld daran sind vor allem die ungewohnten bindermeister5 zugeschrieben werden kann, Buchstabenformen und der ausgiebige Ge- der erst durch jüngste Forschungen deutliche brauch von Abkürzungen in der meist verwen- Konturen gewonnen hat und dessen beachtli- deten Schreibschrift; um Platz und Zeit zu spa- ches Können an seinen wenigen reicher ver- ren, hat man fast kein Wort ausgeschrieben.4 zierten Stücken deutlich wird. Leider weisen die Nur ein kleiner Teil der Butzbacher Handschrif- meisten dieser alten Einbände Schäden auf, die ten ist in Butzbach selbst geschrieben worden. zu einem großen Teil schon durch intensive Be- Die meisten Schriften wurden wohl durch ein- nutzung in Butzbach entstanden sein dürften. zelne Brüder von anderen Orten mitgebracht. Durchgerissene Gelenke und dadurch ge- Die verbreitete Meinung, das Schreiben von lockerte oder völlig gelöste Einbanddeckel, ge- Handschriften, auch für fremde Auftraggeber, brochene oder von Insekten zerfressene Holz- sei eine Haupttätigkeit der Fraterherren gewe- deckel, lose oder gelockerte Lagen und Blätter sen, trifft zumindest für Butzbach nicht zu. Als mit Rissen und Verschmutzungen, ferner Herkunftsregion dominiert vielmehr Mainz, das Schrammen, Flecken, Fehlstellen und Abscha- überragende geistliche Zentrum im südhessi- bungen im Leder, beschädigte, teilweise ab- schen Raum. Eine Gruppe von Handschriften gelöste oder ganz fehlende Rücken sind typi- kann mit Gutenbergs Mainzer Bibeldruck in sche Schadensbilder. Das Papier des 15. Jahr- Verbindung gebracht werden: Sie weist über- hunderts ist an sich hervorragend haltbar und wiegend dieselbe Papiersorte auf, die auch bis heute meistens in gutem Zustand. Besonde- Gutenberg verwendete, und ist z.T. in dersel- re Sorgen bereitet uns aber ein anonymer ben Werkstatt gebunden worden wie das ehe- Schreiber, der um 1455 etwa ein Dutzend Butz- mals in Laubach, jetzt im Gutenberg-Museum bacher Handschriften ganz oder teilweise Mainz aufbewahrte Exemplar der Gutenberg- schrieb: Seine chemisch aggressive Tinte greift Bibel. Zu dieser Gruppe gehört eine relativ auf- das Papier an und führt zu den mit dem an- wändig verzierte Bibel, die auch durch ihr sehr schaulichen Ausdruck „Tintenfraß” bezeichne- großes Format herausragt und in denselben ten Schäden, die im Frühstadium als Durch- Zeitraum (zwischen 1450 und 1455) datiert schlagen der Tinte auf die Rückseite, im fortge- 56 bader 17.05.2005 9:32 Uhr Seite 57 Abb. 1: Bibel, gedruckt von Peter Schöffer und Johann Fust in Mainz 1462, mit handgemaltem Buchschmuck schrittenen Stadium als Verbräunung, Risse schulgesellschaft etwa die Hälfte der mittel bis und Löcher im Papier und Abbröckeln von Pa- schwer geschädigten Butzbacher Handschrif- pierpartikeln in Erscheinung treten (Abb. 2).6 In ten restauriert werden, darunter die eben er- den 1980er Jahren konnte dank großzügiger fi- wähnte Mainzer Bibel, die einen schweren nanzieller Unterstützung der Gießener Hoch- Feuchtigkeitsschaden aufwies und in einem 57 bader 17.05.2005 9:32 Uhr Seite 58 langwierigen Prozess, der über 10 000 DM ver- heute in Deutschland nur von Berlin und Mün- schlang, saniert werden konnte. Die Sanierung chen übertroffen. Die „Bibliotheca Sencken- des übrigen Bestands bleibt eine Aufgabe, die bergiana” wurde unter diesem Namen die finanziellen Möglichkeiten der Universitäts- zunächst separat aufgestellt (und wird noch bibliothek weit übersteigt. heute gelegentlich mit der ehem. Sencken- Die andere große Schenkung verbindet sich berg-Bibliothek in Frankfurt verwechselt). Ihre mit dem Namen Senckenberg. In Frankfurt a. Verschmelzung mit der „alten” UB leistete M. hat Johann Christian Senckenberg als erst 1836 der Bibliothekar Johann Valentin Mäzen nachhaltige Spuren hinterlassen; unter Adrian. Er ordnete die Handschriftensamm- anderem sind ein Museum und neuerdings die lung völlig neu allein nach thematischen Ge- Universitätsbibliothek nach ihm benannt. Für sichtspunkten, ohne Rücksicht auf Sprache, Gießen wurde sein Bruder Heinrich Christian Alter und Herkunft der Stücke, und beschrieb (1704–1768) wichtig, der als Professor der sie in einem Katalog, der 1840 erschien und Rechte in Gießen und an der Avantgarde-Uni- 1268 Nummern umfasst.7 Der Katalog, mit versität Göttingen und schließlich, zum Frei- dessen Nummern die Handschriften zitiert herrn geadelt, als Reichshofrat in Wien (d.h. werden, ist bis heute erst teilweise durch Mitglied des neben dem Reichskammerge- neuere Beschreibungen ersetzt. richt zweiten zentralen Gerichts im Deutschen Zum größten Teil fällt die Senckenbergische Bib- Reich) eine glänzende Karriere machte. Für liothek in die Gebiete Recht und Geschichte. seine umfangreichen juristischen Forschun- Chroniken, Urkunden- und Briefsammlungen gen und Veröffentlichungen trug er eine der (teils Originale, teils Abschriften), Rechtsbücher größten Privatbibliotheken seiner Zeit zusam- und Gesetzestexte, darunter Abschriften der men. Durch handschriftliche Eintragungen in Goldenen Bulle, des Sachsen- und des Schwa- seinen Bänden und andere Quellen sind wir benspiegels bieten eine Fülle von Material, das über Mittel und Wege seiner Erwerbungen von der historischen Forschung noch lange vielfach unterrichtet. So griff er z.B. kräftig zu, nicht ausgeschöpft sein dürfte. H. C. v. als der Frankfurter Büchersammler Zacharias Senckenberg kam es nicht auf eine Schau- Conrad von Uffenbach (1683–1734) sich zur sammlung an, sondern auf eine Arbeits- und Auflösung seiner gewaltigen Bibliothek ent- Forschungsbibliothek. Dennoch sind seinem schloss und als der Nachlass des Lütticher Sammeleifer einige herausragende Kostbarkei- Staatsmanns und Gelehrten Guillaume- ten ins Netz gegangen, wie z. B. die beiden äl- Paschal Baron de Crassier (1662–1751) unter testen vollständigen Gießener Handschriften, den Hammer kam; aus der Bibliothek des geschrieben im 9. Jahrhundert, die eine auf der Straßburger Juristen Johannes Schilter Reichenau (Hs 79, enthält den römischen His- (1632–1705) kaufte er fast alle Handschriften, toriker Iustinus), die andere in dem nordfranzö- nach heutiger Zählung etwa 90 Katalognum- sischen Kloster St. Bertin (Hs 688, enthält den mern. Sein Erbe war sein Sohn Renatus Carl mittelalterlichen Historiker Paulus Diaconus);8 (1751–1800). Dieser war ebenfalls Jurist, zu- beide erwarb Senckenberg vom Kloster Wein- letzt in Gießen, zog sich aber früh ins Privatle- garten. – Mehrere mittelalterliche Rechtshand- ben zurück und vermachte die Bibliothek, zu schriften weisen Bilderschmuck auf. Die älteste deren Vermehrung er nicht mehr viel beige- (Hs 944, 13. Jh.)9 entstammt dem Studienbe- tragen hatte, tes-tamentarisch der Universität trieb an der Juristenfakultät in Bologna. Dort Gießen. Es war der größte Zuwachs, den die wurden die wichtigsten Texte serienmäßig Universitätsbib-liothek je auf einmal erhalten handschriftlich vervielfältigt und illuminiert, so- hat; allein die Handschriftensammlung wuchs zusagen Vorläufer der heutigen Lehrbuch- auf mehr als das Dreifache und hat seither in sammlungen. Eine solche Handschrift des der Rechtsgeschichte ihren wichtigsten Codex Iustinianus mit Kommentar liegt hier Schwerpunkt; nach der Anzahl der mittelal- vor. Trotz intensiver Benutzung durch mehrere terlichen Rechtshandschriften wird Gießen Jahrhunderte, die an umfangreichen Randnoti- 58 bader 17.05.2005 9:32 Uhr Seite 59 Abb. 2: Konrad von Sachsen, Predigten und andere Schriften. Handschrift 847 (aus Butzbach), geschrieben im Raum Mainz um 1455, mit Tintenfraß im fortgeschrittenen Stadium. Für die Restaurierung sind mehrere Tausend Euro zu veranschlagen zen und abgegriffenen Blatträndern ablesbar die mittelalterlichen deutschsprachigen Hand- ist, hat sie überdauert. Eine Zeitlang gehörte sie schriften.12 Drei Editionen aus diesem Bereich der Augsburger Familie Peutinger; ob der (aus Hs 104, 996 und NF 607) sind zzt. in Vor- berühmte Humanist Conrad Peutinger (1465– bereitung. Zu dieser Gruppe gehört das ein- 1547) selbst sie aus Bologna mitbrachte, muss deutige Spitzenstück unter Senckenbergs offen bleiben. – Eine im 15. Jh. vermutlich in Handschriften, ein unscheinbares kleinformati- München zusammengestellte Sammelhand- ges Bändchen mit dem Epos „Iwein” des Hart- schrift (Hs 996) enthält rechtshistorisch interes- mann von Aue, geschrieben in der ersten Hälf- sante Bilder mit den Kurfürsten und dem Kaiser te des 13. Jahrhunderts vielleicht noch zu Leb- sowie von Münchener Handwerksberufen.10 zeiten des Dichters (Hs 97) (Abb. 4).13 Hinzuge- Besonders prunkvolle Initialen, unter reichli- fügt sei noch, dass auch mittelalterliche Hand- cher Verwendung von Gold, bietet eine Hand- schriften in französischer (Hss 93, 94, 945) und schrift der „Moralia” des Papsts Gregor des spanischer (Hs 1081) Sprache vorliegen. Hand- Großen, die im 15. Jahrhundert in einem schrift 1081 ist, wie die kunsthistorische For- Skriptorium der Diözese Eichstätt entstand (Hs schung aus den Illustrationen geschlossen hat, 683) (Abb. 3).11 im frühen 14. Jahrhundert in Toledo entstan- Die nicht erst heute wohl am stärksten gefrag- den und enthält den „Fuero Juzgo”, eine Über- te Gruppe unter den Senckenbergischen und setzung des im 7. Jahrhundert kodifizierten überhaupt den Gießener Handschriften bilden Westgotenrechts (Abb. 5).14 59 bader 17.05.2005 9:32 Uhr Seite 60 Abb. 3: Gregor der Große, Moralia. Handschrift aus der Mitte des 15. Jh. aus dem Bistum Eichstätt Selbstverständlich ist die Handschriftensamm- Quellen für literatur- und wissenschaftsge- lung auch nach 1800 weiter gewachsen. Die schichtliche Forschungen viel gefragt sind. Als wichtigste Gruppe der seitherigen Zugänge bil- Beispiele nennen wir die 1900 erworbenen den die Briefe des 19. Jahrhunderts, die als Nachlässe zweier Gelehrter, die miteinander 60 bader 17.05.2005 9:32 Uhr Seite 61 Abb. 4: Hartmann von Aue, Iwein, V. 497–548. Handschrift des frühen 13. Jh., f. 10/11 befreundet waren und als Philologen Bedeu- zu vergessen Schriftstellerinnen wie Thekla von tendes geleistet haben. Der Germanist und Gumpert und Luise Dittmar, die in den letzten Gießener Professor Karl Weigand (1804– Jahren in den Focus der Forschung gerückt 1878)15 war Nachfolger Jacob Grimms bei der sind. Herausgabe des Deutschen Wörterbuchs; ein Noch umfangreicher und wohl auch noch eigenhändiges Manuskript Grimms zum Wör- wertvoller ist der Nachlass des deutsch-balti- terbuch ist denn auch ein Glanzstück unter sei- schen Naturwissenschaftlers Karl Ernst von nen Papieren (Hs 48 d – 19,24) (Abb. 6), Baer (1792–1876), der 1919 von den Erben während die Briefe von Grimm an ihn leider seines Schülers Ludwig Stieda der UB überge- nicht in die UB gelangt sind. Der andere ist der ben wurde. Es ist kein Ruhmesblatt der UB, vielseitige Lorenz Diefenbach (1806–1883),16 dass dieser Schatz lange Zeit unbeachtet blieb der u.a. Pfarrer und Bibliothekar in Laubach und sogar als verschollen galt und erst 1970 und Stadtbibliothekar in Frankfurt war, dane- „wiederentdeckt” wurde, als der damalige ben auch einen Platz in der Entstehungsge- Bibliotheksdirektor Hermann Schüling mit fi- schichte der wissenschaftlichen Romanistik nanzieller Unterstützung der Thyssen-Stiftung hat. Vor allem als Redakteur einer belletristi- die Katalogisierung der Autographen und schen Frankfurter Zeitschrift korrespondierte er Nachlässe des 19. Jahrhunderts energisch an- mit vielen Dichtern, Schriftstellern und Philolo- packte. Baer, der vorwiegend in Königsberg gen wie z. B. Jacob Grimm, August Hofmann und St. Petersburg wirkte, ist vor allem als von Fallersleben und Ludwig Bechstein, nicht Entdecker des Säugetiereis bekannt, leistete 61 bader 17.05.2005 9:33 Uhr Seite 62 Abb. 5: Fuero Juzgo. Handschrift des 14. Jahrhunderts aus Toledo, f. 20 v. Die Bilder zeigen 1) einen Westgotenkö- nig, 2) eine Gruppe mit einem König und drei Bischöfen in einem Architekturrahmen und 3) eine Initiale mit einem Drachen aber auch im Bereich der Geographie, Ökolo- kum und Russland im 19. Jahrhundert. Unter gie u.a. Bedeutendes und verkörpert exem- den Tausenden von Briefen an ihn finden sich plarisch die wissenschaftlich-kulturellen Be- Berühmtheiten wie Alexander von Humboldt, ziehungen zwischen Deutschland, dem Balti- Karl Gustav Carus und Christian Gottfried 62 bader 17.05.2005 9:33 Uhr Seite 63 Abb. 6: Jacob Grimm, Manuskript zum „Deutschen Wörterbuch”, im Nachlass Karl Weigand Nees von Esenbeck. Der heutige estnische Einen weiteren Schub brachte die Autogra- Staat betrachtet ihn als einen seiner größten phensammlung, die Gustav Bock (gest. 1938, Söhne, und estnischen Wissenschaftlern ist ein Bruder des Gießener Schriftstellers Alfred auch das gedruckte Findbuch zum Nachlass17 Bock) zum Gedenken an seinen im 1. Weltkrieg zu verdanken. gefallenen Sohn der Universität schenkte (Hs 63 bader 17.05.2005 9:33 Uhr Seite 64 Abb. 7: Franz Liszt, Réminiscences de Don Juan (Phantasie über Mozarts Don Giovanni), Fassung für zwei Klaviere. Autograph des Komponisten NF 167). Die meisten Schreiben (z.T. nur Visi- gerichtet. Zu den Glanzstücken zählen ein um- tenkarten mit handschriftlichen Zusätzen) sind fangreiches Notenautograph von Franz Liszt aufgrund von Bocks gesellschaftlichen Bezie- (NF 167–173) (Abb. 7) und Briefe von Theodor hungen im wilhelminischen Berlin an ihn selbst Fontane, Max Liebermann (der Bock portrai- 64 bader 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 65 tierte), Robert Schumann und Mathilde Wesen- inkunabeln. Der Grund, warum die Bibliothe- donk; last not least darf die UB seither ein Bil- kare des 19. Jahrhunderts die Grenze so weit lett von Goethe ihr Eigen nennen. gezogen hatten, war vermutlich der Wunsch, Die jüngste herausragende Schenkung ist zwei die Lutherdrucke einzubeziehen. Die UB besitzt Gießener Bürgerinnen zu verdanken, die 1982 nicht weniger als 225 Schriften von Luther aus anlässlich des Universitätsjubiläums 45 Schrei- dieser Zeit, dazu zahlreiche Druckschriften an- ben an ihren Vorfahren Alexander Naumann derer Reformatoren wie Melanchthon, Bugen- (1837–1922, Professor für Chemie in Gießen) hagen u.a., was sicher mit der ursprünglich be- übergaben, darunter Briefe der Nobelpreisträ- tont lutherischen Prägung der Universität zu ger Röntgen, Walter Nernst und William Ram- tun hat. Aus der Postinkunabelzeit seien zwei say. Autographen dieses Kalibers (wozu man überragende Einzelstücke genannt. Das eine ist auch die auf dem Antiquariatsmarkt reichlich die Erstausgabe von Nicolaus Copernicus‘ angebotenen Stücke Justus von Liebigs rech- Hauptwerk „De revolutionibus orbium coelesti- nen kann) liegen heutzutage, wenn sie zum um” von 1543 (Rara 1083), dessen epochale Kauf angeboten werden, normalerweise Bedeutung keiner weiteren Worte bedarf. außerhalb der finanziellen Reichweite der UB; Während dieses Buch, abgesehen von den gra- die vorhandenen etwa ein Dutzend Liebig-Au- phischen Darstellungen, äußerlich ganz tographen dürften schon vor 1918 in die schlicht daherkommt, war das andere von Gießener Sammlung gelangt sein. vornherein als Prunkstück gedacht. Es handelt Eine Prunkhandschrift aus der Zeit um 1000 sich um die Erstausgabe des Versromans passt nach allem bisher Gesagten überhaupt „Theuerdank” von Kaiser Maximilian I. nicht nach Gießen. Aber diese Handschrift (Hs (1517)21. Der kaiserliche Autor und Auftragge- 660) bildet tatsächlich neben dem „Iwein” den ber zog für den verschwenderischen Buch- Höhepunkt der Gießener Sammlung.18 Es han- schmuck mehrere der besten Künstler der Zeit delt sich um ein Evangeliar, dessen kostbare heran und ließ in einer besonders aufwändigen Buchmalerei in sieben ganzseitigen Bildern gip- Fraktur-Schrift drucken, einer damals gerade felt, auf denen die vier Evangelisten, Kreuzi- neu entwickelten Schriftart. Der Charakter gung, Maiestas Domini und der Bibelüberset- eines erlesenen Buchkunstwerks wurde da- zer Hieronymus dargestellt sind. Die kunsthis- durch verstärkt, dass ein kleiner Teil der Aufla- torische Forschung weist es der Kölner ottoni- ge auf Pergament gedruckt wurde. Ein solches schen Malschule zu; das Fehlen jeglicher Kunde Luxus-Pergament-Exemplar gelangte 1767 als über seinen Weg von dort nach Gießen (wo es Dublette der Hofbibliothek Darmstadt an die wohl schon vor 1771 aufbewahrt wurde) und Universität Gießen. Ebenfalls als Geschenk des seine völlig isolierte Stellung als großartiges Landesherrn erhielt die UB ein weiteres üppig Einzelstück in der Gießener Sammlung machen illustriertes Prachtwerk, den „Hortus Eystetten- nicht zuletzt seine Faszination aus. sis” (1613) (Rara 423), einen großformatigen Als 1944 das prächtige Jugendstilgebäude der Pflanzenatlas der Gärten des Bischofs von Eich- UB in Schutt und Asche sank, war nur wenig stätt. Der eine seiner beiden Autoren, Ludwig ausgelagert und entging so der Vernichtung: Jungermann (1572–1653), war damals Profes- die Handschriften, Inkunabeln und Papyri (von sor in Gießen und Gründer des Gießener Bota- denen hier nicht die Rede sein soll, da sie in vie- nischen Gartens. ler Hinsicht eine ganz andersartige Materie dar- Von den vielen Schenkungen wertvoller Einzel- stellen), dazu einige wenige Teil- und Spezial- stücke oder ganzer Bibliotheken, deren sich die bestände wie z. B. die großformatigen Tafel- UB im 19. und 20. Jahrhundert bis in die werke, die Merian-Topographien und die juris- 1930er Jahre erfreuen durfte, hat der 2. Welt- tischen Folio-Formate.19 Zur Inkunabelsamm- krieg sehr wenig übriggelassen. Die bedeu- lung20 gehörten kurioser- und glücklicherweise tendsten Stifter und Mäzene sind in einer In- die Drucke nicht nur bis 1500, sondern bis schrift festgehalten, die aus dem Jugendstilbau etwa 1540, also auch die etwa 1800 sog. Post- in den Neubau von 1959 und von da in das jet- 65 bader 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 66 zige Gebäude übernommen worden ist. Eine massenhaften Schäden durch übersäuertes Ausnahme darf nicht unerwähnt bleiben: Die und brüchiges Papier bei Büchern zwischen der Bibliothek des Gymnasiums Wetzlar22 über- Mitte des 19. und der Mitte des 20. Jahrhun- stand im Untergeschoss der UB den Bomben- derts sind in den letzten Jahren und Jahrzehn- hagel und bildet heute in vielen Gebieten das ten ins Bewusstsein einer breiten Öffentlichkeit Rückgrat des Altbestands. Diese Gymnasial- gedrungen. In Gießen ist dieses Problem zwar bibliothek geht auf das 1695 gegründete Gym- nicht so großflächig zu beobachten wie in an- nasium der Wetzlarer Jesuiten zurück, das deren Bibliotheken, in denen die Bücher dieses 1809 mit der zehn Jahre zuvor gegründeten lu- Zeitraums weniger stark durch den 2. Welt- therischen Oberschule zum (später so genann- krieg dezimiert worden sind; es ist trotzdem ten) Königlich Preußischen Gymnasium verei- auch hier ein Massenproblem. Die UB Gießen, nigt wurde. Nach dem 1. Weltkrieg geriet die deren Aufgabe (wie eingangs gesagt) in der Schule in unruhiges Fahrwasser, und als sie Versorgung der Lehrenden und Lernenden mit 1939 ihr Gebäude – die heutige Kestnerschule wissenschaftlicher Gebrauchsliteratur und dar- – für die Wehrmacht räumen musste, übergab über hinaus mit elektronischen Ressourcen be- sie ihre altehrwürdige Bibliothek der Universität steht, ist angesichts der gravierenden und all- Gießen. Literatur von und für Jesuiten, alte gegenwärtigen Schäden hoffnungslos überfor- Schulbücher (im weitesten Sinn) und juristische dert, vor allem – aber nicht nur – finanziell; Literatur aus dem Umkreis des Reichskammer- denn sie besitzt als einzige der hessischen Uni- gerichts bilden hier die Schwerpunkte. versitätsbliotheken keine Restaurierungswerk- Die größte und wertvollste Bücherschenkung statt, die wenigstens punktuell und mit fach- seit 1945 war die Bibliothek des Hamburger Ju- männischem Rat helfen könnte. Sanierungen risten und Universitätsprofessors Herbert Krü- müssen vielmehr bei freien Restauratoren in ger (1905–1989), die seine Tochter Gabriele Auftrag gegeben werden, wo bei einem zu ver- Krüger gemäß seinem Willen der Universität anschlagenden Stundenlohn von zzt. 45 € die Gießen übergab. Unter den etwa 15 000 Bän- Kosten schnell in den vierstelligen Bereich klet- den befinden sich mehrere hundert (vorwie- tern können. Verfilmung und Digitalisierung, gend zum Staatsrecht) aus der Zeit vor 1800. d.h. Überführung in Sekundärmedien, sind Wenigstens noch erwähnt seien drei Sammel- Auswege, die die UB in vielen Fällen schon be- schwerpunkte, die vor allem den Aktivitäten schritten hat; u.a. sind bereits alle mittelalterli- Hermann Schülings zu verdanken sind und chen Handschriften verfilmt worden, so dass im überregionales Interesse beanspruchen kön- Allgemeinen nicht mehr die Originale strapa- nen:23 die Schulprogramme, die Gesangbücher ziert werden müssen, wenn Reproduktionen und die Trivialliteratur des 19. Jahrhunderts, bestellt werden. Angesichts dieser Notlage und deren Grundstock die Restbestände der Gieße- leerer Kassen bei den öffentlichen Geldgebern ner Leihbibliothek Ottmann bilden. versucht die UB Gießen, private Sponsoren für Abschließend sei noch einmal auf die Schatten- die Finanzierung von Restaurierungen zu ge- seite der geschilderten Schätze eingegangen: winnen. Viele deutsche Bibliotheken sind die Bestandsschäden. Was oben über Schäden schon in dieser Richtung tätig geworden, z. T. an den Butzbacher Büchern gesagt wurde, gilt mit großen Erfolgen; beispielsweise sei auf die ähnlich für die anderen Bestände an Hand- Erhaltung der durch Tintenfraß bedrohten schriften und alten Drucken. Ein weiterer ver- Bach-Handschriften in der Staatsbibliothek Ber- breiteter Schaden ist Schimmel, der nicht nur lin verwiesen. Die hessischen Bibliotheken ha- wegen der aufwändigen Maßnahmen zu sei- ben 2004 eine gemeinsame Initiative gestartet, ner Sanierung Sorgen bereitet, sondern auch in deren Mittelpunkt eine gemeinsame Ausstel- wegen der Gefahren für die Gesundheit der lung gefährdeter Objekte stand24 und dank Personen, die mit befallenen Bänden hantie- derer bisher zwei Gießener Handschriften re- ren. Schimmelbände werden deshalb einge- stauriert werden konnten. Die UB Gießen wird packt und für die Benutzung gesperrt. – Die 2005 ihre Bemühungen fortsetzen. Es sei hier 66 bader 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 67 einmal verdeutlicht, worum es konkret bei die- 16 Vgl. B. Bader, Jacob Grimm und Lorenz Diefenbach im sen Restaurierungen geht. Es geht nicht um Briefwechsel, Gießen 1985 (Berichte und Arbeiten aus der UB Gießen. 40.) Schönheitsreparaturen, nicht um einen beein- 17 E. Tammiksaar (nach Vorarbeiten von V. Kaavere), Find- druckenden „Vorher-Nachher”-Effekt, nicht buch zum Nachlaß Karl Ernst von Baer (1792–1876), darum, schäbig aussehende alte Bücher so Gießen 1999 (Berichte und Arbeiten aus der UB und aufzumöbeln, dass sie „wie neu” oder „echt dem Universitätsarchiv Gießen. 50.). Vgl. außerdem E.Tammiksaar, Der „Humboldt des Nordens”, in: Spiegel antik” aussehen, und nur bedingt darum, ver- der Forschung 17 (2000), Nr. 2, S. 14–21 [populärwis- lorene oder beschädigte Bestandteile so zu re- senschaftlicher Überblick über den Nachlass]; K. E. v. konstruieren, wie sie ursprünglich (vermutlich) Baer, Materialien zur Kenntniss des unvergänglichen Boden-Eises in Sibirien, unveröffentlichtes Typoskript von aussahen. Die Ziele lassen sich vielmehr so um- 1843 und erste Dauerfrostbodenkunde, hrsg. von Lo- reißen: die noch erhaltene historische Substanz renz King, Gießen 2001 (Berichte und Arbeiten aus der sichern; das Fortschreiten der Schäden und das UB und dem Universitätsarchiv Gießen. 51) [Veröffentli- chung aus dem Nachlass] Entstehen neuer Schäden verhindern oder ver- 18 Vgl. zuletzt: Europas Mitte um 1000 (Ausstellungskata- langsamen; das Objekt (wieder) für qualifizier- log), Stuttgart 2000, S. 57 f. Abbildungen auch in: Vaubel te Benutzer benutzbar machen. Dafür kann S. 5–16 und Taf. 1; Ein Schatz S. 64; 375 Jahre S. 302. 19 es im Einzelfall genügen, das Objekt in eine Ausführlicher dazu Handbuch S. 278, 1.11 und 12.20 Kataloge von H. Schüling, Gießen 1966 (Inkunabeln) Kassette oder Mappe zu legen, um seine lo- (Berichte und Arbeiten aus der UB und dem Universitäts- sen Teile zusammenzuhalten. Dahinter steht archiv Gießen. 8) und 1967 (Postinkunabeln) (Berichte letztlich die Aufgabe der UB, ihrer Verantwor- und Arbeiten aus der UB und dem Universitätsarchiv Gießen. 10) tung gegenüber den ihr anvertrauten Schätzen 21 Vgl. Ein Schatz S. 68. auch für künftige Generationen gerecht zu 22 Ein Gesamtüberblick über die Geschichte der Gym- werden. nasialbibliothek fehlt. Zu einem Aspekt (Beziehungen zum Reichskammergericht) vgl. I. Scheuermann, „Wetz- larische Beiträge zu einer pragmatischen allgemeinen Anmerkungen Rechtsgelehrsamkeit”, in: Staat, Gesellschaft, Wirt- 1 Zum jüngsten Überblick über die Handschriften und schaft, hrsg. von W. Speitkamp, Marburg 1994, S. alten Drucke siehe Bader (1984). Vgl. ferner: Handbuch; 229–244. 23 Ein Schatz; Zerrissen (siehe Literaturverzeichnis); die Vgl. Handbuch S. 283. 24 Website www.uni-giessen.de/ub/. Begleitbuch: Zerrissen. Grundsätzliche Fragen der 2 Die maßgebliche Darstellung zur Butzbacher Frater- Restaurierung erörtert Ulrike Hähner ebd. S. 15–21. herrenbibliothek, der auch die obigen Ausführungen verpflichtet sind, ist die ausführliche Einleitung in Otts Literatur Katalog; vgl. außerdem Bayerer. Bader, Bernd: Die Handschriften, Inkunabeln und Rara; 3 Abbildung: Bayerer S. 63; B. Bischoff / V. Brown, Ad- in: Festschrift zur offiziellen Übergabe der neuen Univer- denda to Codices Latini Antiquiores, Mediaeval Studies sitätsbibliothek Gießen 1984 (Berichte und Arbeiten aus 47, 1985, S. 329 Pl. VI b. der Universitätsbibliothek Gießen. 37), S. 195–205. 4 Reiches Abbildungsmaterial bei Ott und Bayerer. Bayerer, Wolfgang Georg: Libri capituli ecclesiae Sancti 5 Vgl. Ott S. 67–70, 100, Tafel 1 und 2. Marci, in: Wetterauer Geschichtsblätter 24, 1975, S. 6 Vgl. Ott S. 140. 57–91. 7 J. V. Adrian, Catalogus codicum manuscriptorum bi- Handbuch der historischen Buchbestände in Deutsch- bliothecae academicae Gissensis, Frankfurt a.M. 1840. land, Bd. 5. Hildesheim 1992, S. 576–587. 8 B. Bischoff, Katalog der festländischen Handschriften Ott, Joachim: Die Handschriften des ehemaligen Frater- des 9. Jahrhunderts, Teil 1, Wiesbaden 1998, Nr. 1390 herrenstifts St. Markus zu Butzbach, Teil 2. Gießen 2004 und 1391. (Berichte und Arbeiten aus der Universitätsbibliothek 9 Vgl. Vaubel S. 28–37 und Taf. 3 und 4; Ein Schatz S. 65. und dem Universitätsarchiv Gießen. 52.) 10 Der Schwabenspiegel, übertr. in heutiges Deutsch mit Ein Schatz, wird er mit Augen gesehen? Kostbare Hand- Illustrationen aus alten Handschriften, von H. R. Der- schriften und Drucke in hessischen Bibliotheken. Frank- schka, München 2002, Abb. 82 und 85. furt a.M. 1995, S. 61–70. 11 Vaubel S. 67–71 und Taf. 9. Vaubel, Hermann Otto: Die Miniaturenhandschriften der 12 Ein Katalog dieser Handschriften wird von Ulrich Seel- Gießener Universitätsbibliothek und der Gräfl. Solmsi- bach vorbereitet. schen Bibliothek zu Laubach. Gießen 1926. 13 Faksimile: Hartmann von Aue, Iwein, Handschrift B, Zerrissen – zernagt – zerfallen, Bestandsschäden in Bi- Köln 1964. Eine Abbildung: 375 Jahre S. 303. bliotheken, hessische Bibliotheken suchen Buchpaten. 14 Vaubel S. 54–62 und Taf. 7. Frankfurt a.M. 2004, S. 70–79. 15 Vgl. J. Wagner, Der Wörtersammler, Karl Weigand 375 Jahre Universität Gießen (Ausstellungskatalog). (1804–1878) und seine Zeit, Florstadt 2004. Gießen 1982, S. 301–305. 67 bader 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 68 68 glaser_henze 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 69 H. S. Robert Glaser, Manfred Henze Metschnikow, Phagozyten und Gießen Einleitung Gießen konnte 2004 mit Stolz auf seine ehe- malige Studentin Wangari Maathai aus Kenia blicken, die in diesem Jahr mit dem Friedens- nobelpreis gewürdigt und die 1992 hier mit der Ehrendoktorwürde des Fachbereichs Veterinär- medizin bedacht wurde. Kaum bekannt ist, dass ein ehemaliger Student an der Universität Gießen schon lange vorher auch einen Nobelpreis bekommen hat. 1865 machte Elias Metschnikow★ als kaum 20jähri- ger Zoologiestudent an der Universität Gießen eine Beobachtung, die ihn viele Jahre lang fes- selte und 1883 zu seiner „Phagozytentheorie” führte, für die er 1908 den Nobelpreis für Me- dizin erhielt. Es lohnt sich, diese Geschichte nachzuvollziehen. Früher Werdegang Metschnikows Metschnikow wurde am 16. Mai 1845 auf dem Abb. 1: Metschnikow als Gymnasiast Landgut Panassowka bei Charkow in der Ukrai- ne (Russland) geboren. Sein Vater, Gutsbesitzer hatte er eine russische Fassung von Darwins und früher hoher Offizier unter dem damaligen „Origin of Species” erworben und auf seiner Zaren Nikolaus I., hatte einen großen Teil seines Rückreise verschlungen. Er wurde danach ein Vermögens verspielt. Unter dem Einfluss seiner überzeugter Darwinist, und die Evolution wur- Mutter zeichnete sich Elias frühzeitig durch de so ein Leitfaden seines Forschungslebens. In starken Wissensdurst und Leseeifer aus. Schon Charkow absolvierte er an der Universität das im Alter von 16 Jahren verfasste er eine kriti- normale vierjährige Studium in zwei Jahren und sche Besprechung eines geologischen Lehrbu- begab sich im Sommer 1864 als dann 19-Jähri- ches. Nach seinem Abitur (Abb. 1) reiste der ger zum zweiten Mal nach Deutschland, dies- 17-Jährige nach Würzburg, um dort unter dem mal zur Meeresstation Helgoland, wo ihn der Histologen Rudolph Albert von Koelliker Botaniker Ferdinand Cohn auf den Gießener (1817–1905) zu studieren. Er fand aber die Zoologieprofessor Rudolf Leuckart (1822– Universität im Sommer geschlossen vor, kehrte 1898; Abb. 2a) aufmerksam machte und ihm deshalb bald nach Charkow zurück, um an der empfahl, bei diesem in Gießen zu arbeiten. physikalisch-mathematischen Fakultät Natur- Dort wurde zudem gerade die 39. Versamm- wissenschaften zu studieren. In Würzburg lung Deutscher Naturforscher und Ärzte von Leuckart vorbereitet. In Gießen lernte Metsch- ★ ursprünglich: Ilja Ilič Mečnikov nikow Leuckart kennen, der ähnliche Interes- 69 glaser_henze 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 70 a b c Abb. 2a–c: Porträts von den Gießener Zoologie-Professoren a Rudolf Leuckart (1850 bis 1886), b Carl Vogt (1845 bis 1850) und c J. W. Spengel (1887 bis 1921) sen an wirbellosen Tieren (Evertebraten) hatte „Metschnikow, ein junger Russe, der hier mit vielem wie er selbst. Die begeisterte Beteiligung des Erfolg Studien über niedere Seetiere betreibt, die Fauna von Neapel sehr gut kennt und manches Schö- 19-jährigen an der Tagung in Gießen mit meh- ne und Neue schon gefunden hat, wird die kleinen reren Kurzreferaten kann als sein Einstieg in die Waisen, die ich in einigen Gläsern zurücklasse unter internationale wissenschaftliche Gemeinschaft seine väterliche Obhut nehmen” (Zeiss, 1932). angesehen werden. Leuckart erlaubte dem Kandidaten Metschni- In Gießen kow dann während seiner Abwesenheit in den Metschnikow immatrikulierte sich an der Uni- Ferien im eigenen Laboratorium zu arbeiten. versität Gießen am 23. November 1864 und Leuckart war in Gießen seit 1846 Nachfolger war eingeschriebener Student bis zum Som- des bekannten, lebenslang politisch sehr akti- mersemester 1865, wie aus den Personal-Be- ven Demokraten Carl Vogt (1817–1895; Abb. stands-Listen von 1864 und 1865 ersichtlich ist. 2b), der seinen Ruhm später als Professor und Unter anderen Studenten, die wie er als Aus- Rektor der neu gegründeten Universität in länder eingetragen waren, kamen solche aus Genf erwerben sollte (Judel, 2004). Vogt, des- Preußen, Sachsen, Nassau und Frankfurt – das sen biologische Werke Metschnikow schon damals als Freie Reichsstadt nicht zum Groß- kannte, besuchte als Student zusammen mit herzogtum Hessen gehörte – auch ein Student Georg Büchner Vorlesungen des Professors der aus Nordamerika (Pennsylvania). Metschnikows Anatomie Johann Bernhard Wilbrand (1779– Wohnadressen in Gießen waren im Winterse- 1846). Die Abstammung des Menschen und mester bei Kaufmann Heinrich Wallach, Markt- seine Verwandtschaft mit Affen war damals vor platz 8, und im Sommersemester (nach Ostern) Erscheinen der „Origin of Species” ein Thema bei Bahnmeister Jakob Schellhaas, Bahnhof- der Vorlesungen sowohl von Wilbrand, der im straße 93, 2. Stock (Brake, Stadtarchiv Gießen, Studentenmund „Äffken” genannt wurde, als persönliche Mitteilung). Die erste Wohnung be- auch von Vogt („Affen-Vogt”) (Ankel, 1957). fand sich nahe der heutigen Haupthaltestelle Wilbrand wurde in Büchners Werk „Woyzeck” für Stadtbusse im Gebäude der seit 1650 exis- als Spottfigur verewigt. Vogt war waschechter tierenden Engel-Apotheke. Die ursprünglichen Gießener und in der zweiten Generation – Wohnhäuser stehen nicht mehr. nach seinem Vater – von 1847 bis 1849 Profes- Das Zoologische Institut Leuckarts war im Ana- sor an der Universität und zwar als erster Pro- tomiegebäude, Bahnhofstraße 84 (Ecke Lie- fessor für Zoologie. Vogt schreibt von der bigstraße, damals Universitätsstraße), schräg Meeresstation in Neapel aus in der Kölnischen gegenüber des heutigen Mathematikums und Zeitung vom 4. 12. 1865: des Liebig-Museums – auf dem Grund der 70 glaser_henze 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 71 Abb. 3: Alte Anatomie der Universität, in der sich das Zoologische Institut befand, welches 1944 dem Bombenhagel zum Opfer fiel. Hier machte Metschnikow die Beobachtung der „Fresszellen“ als erste Grundlage zur Phagozyten- theorie. Links ist das Gebäude des heutigen Mathematikums erkennbar neuen Hauptpost untergebracht. Über die bis Ende 1866 hatte der 21-Jährige 26 Veröffent- zu den Gleisen führende Verlängerung der Lie- lichungen verfasst, die ersten – seit 1862 – bigstraße, die nicht mehr existiert, erreichte zunächst in russischer Sprache, die folgenden man den nahen und kleinen Durchgangs- Arbeiten dann auf Deutsch. Viele von den 21 bahnhof, der 1852 in Betrieb genommen wor- Publikationen der Jahre 1865 bis 1866 resul- den war (Abb. 3). tierten ohne Zweifel aus seinen Arbeiten am Zoologischen Institut in Gießen (bis zum Ende seines Lebens sollte er 241 Publikationen ver- Tätigkeit als Doktorand fasst haben [Zeiss, 1932]). Metschnikow hat sich mit der Untersuchung verschiedener Evertebraten befasst, unter an- Leuckart und Metschnikow derem mit Anneliden, Hemipteren, Nemato- den, Planarien und Rotatorien. Die Entwicklung Leuckart war von der Begeisterung des jungen und Fortpflanzung wirbelloser Tiere war wis- Metschnikow für seine Forschungsarbeiten be- senschaftlicher Schwerpunkt des jungen For- eindruckt und schlug vor, die Beobachtung des schers. Unter anderem entdeckte er am Nema- Generationswechsels bei hermaphroditischen toden Ascaris nigrovenosa die Heterogonie, Nematoden zunächst besser zu untermauern. den Wechsel zwischen sexueller und asexueller Auch stellte er in Aussicht, eine gemeinsame Fortpflanzung, bei der von zwittrigen parasiti- Publikation zu verfassen. So hatte es Metschni- schen Tieren getrenntgeschlechtliche freileben- kow jedenfalls später in Erinnerung. Metschni- de Nachkommen erzeugt werden (Metschni- kow war deshalb sehr betroffen, als er nach in- kow, 1865). tensiver Laborarbeit während der Sommerse- Die bahnbrechende Entdeckung des wohl mesterferien bei einem Besuch in Heidelberg kaum 20-jährigen Studenten betraf jedoch die 1865 in der Universitätsbibliothek eine Veröf- intrazelluläre Verdauung durch „Fresszellen”. fentlichung Leuckarts als Alleinautor über seine Sie geschah eher zufällig bei der mikroskopi- eigenen Entdeckungen vorfand – allerdings mit schen Untersuchung eines freilebenden Platt- Erwähnung seines Namens in einer Fußnote wurms, der Europäischen Landplanarie (Geo- der Publikation (Leuckart, 1865). Nach sei- desmus bilineatus Nob.; Metschnikow, 1866a) ner Rückkehr nach Gießen konfrontierte er und sollte später Grundlage seiner „Phago- Leuckart damit, der jedoch seinen Fragen aus- zytentheorie” werden. wich. Im Gespräch mit dem Zoologen Carl 71 glaser_henze 17.05.2005 9:29 Uhr Seite 72 Claus (1835–1899), Professor in Marburg, spä- eines Mandarinenbaumes, der experimentell in ter Wien, den er gut kannte, erfuhr er, dass einen Seestern eingestochen wurde, wurde als man so ein Verhalten von Leuckart gewohnt sei Fremdkörper von Fresszellen erkannt und um- und dass Metschnikow als Ausländer diese Ge- geben. In der auf diese Beobachtung folgen- schichte ruhig enthüllen könne. Metschnikow den Nacht konnte Metschnikow kaum schla- bezog Stellung im Archiv des Physiologen Emil fen, und er deutete das Gesehene als einen du Bois-Reymond (1818–1896) (Metschnikow, Kampf dieses Tieres gegen einen Fremdkörper 1866b). Die Geschichte ist dort aus der Sicht (Eindringling). Es entstand der Gedanke, dass, Metschnikows geschildert. wie bei Evertebraten beobachtet, im Körper Lange später schrieb der renommierte Parasito- von Wirbeltieren, also auch des Menschen, ein loge Geheimrat Friedrich Fülleborn aus Ham- ähnlicher Vorgang gegen Krankheitserreger als burg am 6. Mai 1931 an Heinz Zeiss (Zeiss, Fremdkörper stattfinden könnte. Er legte diese 1932, S. 121): Überlegungen schriftlich nieder und besprach den Entwurf bald darauf mit seinem alten „Nach Durchsicht der von Ihnen genannten Literatur Freund und Kollegen Carl Claus, nunmehr in über die Beteiligung Metschnikows an der Entdeckung der Heterogenie bei Rhabdonema hat sich meine vor- Wien und Autor eines Zoologielehrbuches. handene Ansicht, daß ihm, und nicht Leuckart diese Metschnikow sagte Claus, dass ihm ein besse- wichtige Entdeckung zukommt, nur befestigt”. res Wort für Fresszelle fehle, vielleicht auf grie- chisch, und Claus schlug die Bezeichnung Pha- Leuckart war ein einflussreicher Zoologe gozyt für Fresszelle vor. Im Jahr 1883 erschien (Ankel, 1957) und erlebte nicht mehr den vol- die ausgearbeitete Phagozytentheorie Metsch- len Erfolg Metschnikows und der Phagozyten- nikows im Biologischen Zentralblatt (Metschni- theorie. Erwähnenswert ist, dass Metschnikow kow, 1883), die, streng genommen, so von eine freundschaftliche Beziehung zu Leuckarts Claus benannt worden war. Die Theorie rief so- Nachfolger auf dem Lehrstuhl für Zoologie in fort Gegner auf den Plan, weil sie für Wirbel- Gießen, Johann Wilhelm Spengel (1852–1921; tiere und belebte Keime nicht genügend belegt Abb. 2c, 4) hatte, wie aus dem Briefwechsel sei. von 1905 ersichtlich ist (Zeiss, 1932, S. 174). Metschnikow zeigte experimentell die Richtig- keit seiner Theorie – auch die Aufnahme und Die Phagozytentheorie Vernichtung von Krankheitserregern, unter an- derem am Kaninchen –, musste sich aber den- Die erste Stufe in der Entwicklung der Phago- noch jahrelang gegen Einwände zur Wehr set- zytentheorie von Metschnikow war dessen Be- zen. Nach etwa zwei Jahrzehnten konnte er obachtung von Fresszellen und der intrazel- letztendlich auch Robert Koch (1843–1910) lulären Verdauung bei dem freilebenden Platt- überzeugen. Andererseits stimmten ihm Rudolf wurm Geodesmus bilineatus Nob. im Jahre Virchow (1821–1902), bereits damals in Messi- 1865 in Gießen (Metschnikow, 1866a). In den na 1882, 1887 auch Pasteur in Paris zu. Dieser folgenden Jahren, hauptsächlich während sei- richtete ihm aus Anerkennung großzügige ner Besuche der Meeresstation „Anton Dohrn“ Räumlichkeiten in dem neu erbauten Pasteur- in Neapel, konnte er dieses auch bei einer Fülle Institut ein und besuchte danach sogar im anderer Evertebraten bestätigen. Er entwickel- hohen Alter Metschnikows Vorlesungen. Die te seine Theorie in einer zweiten Forschungs- lange Auseinandersetzung mit Koch endete phase weiter, nachdem er Gießen verlassen mit Freundschaft, die darin gipfelte, dass Met- hatte und an der Universität von Odessa als Or- schnikow sich gegenüber J. W. Spengel dafür dinarius lange Jahre tätig gewesen war. Bei aussprach, Robert Koch für den Nobelpreis für einem Aufenthalt in Messina im Jahre 1882 Medizin 1905 vorzuschlagen (Zeiss, 1932, konnte er an Seesternen beobachten, wie Kar- S.174; Abb. 4). Metschnikow wurde seinerseits minpartikel von Zellen amöbenähnlich umhüllt für die Phagozytentheorie im Jahr 1908 mit und verschlungen wurden. Auch der Dorn dem Nobelpreis für Medizin oder Physiologie 72 glaser_henze 17.05.2005 9:24 Uhr Seite 73 bedacht, den er sich mit Paul Ehr- lich (1854–1915) teilte. Heute ist die Rolle der Phagozyten in der Re- aktion auf Krankheitserreger, Bak- terien, Viren usw. sowie auch Krebszellen und bei Autoimmun- krankheiten ein allgemein akzep- tiertes Grundlagenwissen. Es ist ein aktuelles Forschungsgebiet in der Immunologie und Molekular- biologie, bei dem Metschnikows Pionierleistung anerkannt wird ohne Einschränkung (siehe Blan- der and Medzhitov, 2004). Fazit In Metschnikows Phagozytentheo- rie ging es darum, dass Phago- zyten auch lebende, aktive Krank- heitserreger aufnehmen und nicht nur die abgestorbenen des Kör- pers entsorgen. Dem stellte die Mehrheit der Wissenschaftler in der Auseinandersetzung mit Met- schnikow die humorale Theorie entgegen, wonach nach heutigem Verständnis Antikörper einen Schutz gegen solche Fremdkörper bewirken. Sie lehnten dazu die Phagozytose ab. Empirisch lagen in der Tat die erfolgreichen Imp- fungen Edward Jenners gegen die Pocken vor. Metschnikow suchte Abb. 4: Brief Metschnikows an den Gießener Zoologen Spengel zu sei- hingegen beide Aspekte (Phago- nem Votum für den Nobelpreis 1905 an Robert Koch zytose und Antikörperwirkung) zu einer gemeinsamen Theorie zu vereinigen, und modernen Embryologie. Nach schwierigen Jah- gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde es ren in der Ukraine zur Zeit der Ermordung des ziemlich klar, dass beide Seiten recht hatten Zaren Alexanders I. (1881) in Russland und Un- (Zeiss, 1932, S. 52 ff). ruhen auch in den Universitäten besuchte er Metschnikow wurden ca. 80 Ehrungen aus 1886 den greisen Louis Pasteur in Paris. 28 zwanzig Ländern zuteil (Zeiss,1932, S. 94 ff), Jahre bis zu seinem Tode am 16. Mai 1916 soll- darunter Ehrendoktorate von Cambridge und te Metschnikow im Pasteur-Institut zufrieden St. Petersburg und Ehrenmitgliedschaften der und hochgeschätzt als „Chef de Service” und Royal Society und der New York Academy of später „Sous-directeur scientifique” wirken. Science. Schon mit 22 Jahren erhielt er den Die Urne mit seiner Asche ist in der Bibliothek von-Baer-Preis mit einer persönlichen Einla- des Instituts aufbewahrt. dung Karl Ernst von Baers (1792–1876) zum Nach Metschnikows Tode wurden Labore, ein Gespräch mit diesem ehrwürdigen Gründer der Museum in Moskau, eine Straße in dem Vorort 73 glaser_henze 17.05.2005 9:24 Uhr Seite 74 Judel, Günther Klaus (2004): Der Liebigschüler Carl Vogt als Wissenschaftler, Philosoph und Politiker. Gießener Universitätsblätter 37, 51–64 Leuckart, Rudolf (1865): Helminthologische Experimen- taluntersuchungen – 4. Reihe, Nachr. Ges. Wiss. Göttin- gen u. d. G. A. Nr. 8, 1865, 219–232 Metschnikow, Elias (1865): Über die Entwicklung von As- caris nigrovenosa, Arch. Anat. Phys. Wiss. Med., 1865, 409–420 Metschnikow, Elias (1866a): Über Geodesmus bilineatus Nob. (Fasciola terrestris), eine Europäische Landplanarie, Mélanges biol. tirés Bull. Acad. imp. sci. St.-Pétersbg, 5, 1866 pp. 544–565 Metschnikow, Elias (1866b): Zur Geschichte der Lehre von der Entwicklung der Nematoden (Schreiben an Herrn Prof. E. du Bois-Reymond), Arch. Anat. Phys. Wiss. Med., 1866 Seite 144 Metschnikow, Elias (1883): Untersuchungen über die Mesodermalen Phagozyten einiger Wirbeltiere, Biol. Zbl. 3, Heft 18, 1883 560–565 Personal-Bestand der Großherzoglich Hessischen Lude- wigs-Universität Giessen, Sommer-Semester, von Micha- elis 1864 bis Ostern 1865, Giessen, Brühlsche Univer- sitäts-Buch- und Steindruckerei, 1864 Personal-Bestand der Großherzoglich Hessischen Lude- wigs-Universität Giessen, Sommer-Semester, von Ostern bis Michaelis 1865, Giessen, Brühlsche Universitäts- Buch- und Steindruckerei, 1865 Abb. 5: Metschnikow im Jahre der Verleihung seines Zeiss, Heinz: Elias Metschnikow. Leben und Werk. Jena, Nobelpreises, 1908 Gustav-Fischer, 1932 [Übersetzt und bearbeitet nach der von der Frau Olga Metschnikowa geschriebenen Biogra- phie, dem Quellenmaterial des Moskauer Metschnikow- von Paris, wo er mit seiner Frau wohnte, und Museums und eigenen Nachforschungen] schließlich sogar die Universität von Odessa ihm zu Ehren benannt. Im Jahre 1901 ging Danksagung. Zu besonderem Dank für Informationen dann der erste Nobelpreis für Medizin oder sind wir folgenden Personen verpflichtet: Dr. Ludwig Physiologie an den Kollegen und guten Freund Brake, Stadtarchiv Gießen, Dr. Eva-Maria Felschow, Uni- Emil von Behring (1854–1917) in Marburg für versitätsbibliothek der Justus-Liebig-Universität Gießen,Dipl.-Bibl./Dipl.-Biol. Albrecht Günther, Fachbibliothek seine Serumtherapie zum Schutz gegen Diph- Medizin der Justus-Liebig-Universität Gießen, Prof. Dr. therie. 1908 erhielt Elias Metschnikow (Abb. 5) Heinrich Sprankel, Justus-Liebig-Universität Gießen zusammen mit Paul Ehrlich diesen höchsten Preis der Wissenschaft als Anerkennung für seine Arbeiten über die Immunität. Abbildungsnachweise In der Entwicklung der Phagozytentheorie und ihres Vaters Elias Metschnikow spielte also das Abb. 1 aus: Wiktor Aleksejewitsch Frolow: Ilja Iljitsch Zoologische Institut der Universität Gießen eine Metschnikow, Leipzig 1984, Bild Nr. 4 Abb. 2a aus: Wiktor Aleksejewitsch Frolow: Ilja Iljitsch entscheidende historische, bisher nicht genü- Metschnikow, Leipzig 1984, Bild Nr. 7 gend anerkannte Rolle. Abb. 2b aus: Bildarchiv Institut für Geschichte der Medi- zin, Gießen Abb. 2c aus: Ludwigs-Universität. Justus-Liebig-Hoch- Literatur schule 1607–1957. Festschrift zur 350-Jahr-Feier, Gießen 1957, S. 336 Ankel, Wulf Emmo (1957): Zur Geschichte der wissen- Abb. 3 aus: Bildarchiv Institut für Geschichte der Medi- schaftlichen Biologie in Gießen. Ludwigs-Universität – zin, Gießen Justus-Liebig-Hochschule 1607–1957, Festschrift zur Abb. 4 aus: Heinz Zeiss: Elias Metschnikow. Leben und 350-Jahr-Feier Gießen 1957, 308–340 Werk, Jena 1932, Tafel V Blander, J. Magarian and Ruslan Medzhitov (2004): Re- Abb. 5 aus: Geschichte der Mikroskopie. Leben und gulation of Phagosome Maturation by Signals from Toll- Werk großer Forscher, hrsg. von H. Freund und A. Berg, Like Receptors, Science Vol. 304, 1014–1024 Band II, Frankfurt/M. 1964, S. 240 74 mossig 17.05.2005 9:25 Uhr Seite 75 Ivo Mossig Das Image der Stadt Gießen aus Sicht der Studierenden und seine Bedeutung bei der Wahl des Studienortes Vor dem Hintergrund knapper Finanzmittel wird präsentiert werden, in der das Image der Stadt im Wettbewerb der Universitäten die Attraktivität Gießen aus studentischer Sicht differenziert er- und Anziehungskraft einer Hochschule ein zu- hoben wurde. Dabei stellen die Studierenden nehmend wichtiger Gradmesser. Eine funktionie- Gießen gar kein so schlechtes Zeugnis aus und rende Hochschule ist zudem ein wichtiger Wirt- im Vergleich zu früheren Jahren konnte sich das schaftsfaktor in ihrer Region. So hat Behrens Image der Stadt Gießen nach Meinung der Stu- (2004) präzise die Folgen für den Einzelhandel in dierenden verbessern (Mossig 2003). Gießen erläutert, die mit einem Rückgang der Studierendenzahlen verbunden wären. Methodik Das Institut für Geographie an der Justus-Liebig- Universität führt regelmäßig Befragungen unter Die Befragung zu den Motiven der Studienort- den Studierenden durch, um herauszufinden, wahl in Gießen und Marburg wurde im Som- weshalb sie sich für den Studienort Gießen ent- mersemester 2004 in ausgewählten Lehrveran- schieden haben (Böcher 2004, Mossig 2000, staltungen des Grundstudiums durchgeführt. Giese 1986). Insgesamt liegen für eine Vielzahl Sie konzentrierte sich auf fünf Studienfächer von Hochschulstandorten solche Studien vor, die bzw. Fachbereiche, die in Gießen und Marburg sich mit den Motiven der Studienortwahl befassen vertreten sind: Rechtswissenschaften, Wirt- (u.a. Muske 1975, Nutz 1991, Eichholz/Schulz schaftswissenschaften, Medizin, Germanistik 2000, Leib 2002). Die Untersuchungen belegen, und Mathematik. Insgesamt wurden 1330 Stu- dass neben persönlichen Motiven vor allem studi- dentinnen und Studenten befragt: 662 in enortbezogene Aspekte die Entscheidung beein- Gießen und 668 in Marburg (Böcher 2004). Die flussen. Hochschulbezogene Aspekte wie die Stu- Befragung zur Imageanalyse erfolgte im Som- diendauer oder die Qualität und Vielfalt des An- mersemester 2003 an der Justus-Liebig-Univer- gebots in Forschung und Lehre werden von vielen sität Gießen. Insgesamt wurden 326 Studentin- Studierenden nachrangig bewertet. Die Hoch- nen und Studenten aller Fachbereiche befragt. schule selbst hat kaum Möglichkeiten, die außer- Beiden Untersuchungen lag ein standardisier- hochschulischen Aspekte wie die Attraktivität des ter Fragebogen zugrunde. Der Fragebogen zur Studienortes zu beeinflussen. Trotzdem ist sie in Imageanalyse war so aufgebaut, dass die zen- hohem Maße vom Image ihrer Stadt abhängig. Es tralen Fragen identisch zu einer entsprechen- besteht also eine enge Wechselwirkung zwischen den Untersuchung von Giese/Harsche (1991) Hochschule und Hochschulregion. formuliert waren. Dadurch lassen sich die Ver- In diesem Beitrag sollen zunächst neueste Er- änderungen in der Wahrnehmung der Studie- gebnisse einer repräsentativen Umfrage unter renden bezüglich ihrer Studienstadt gegenüber Gießener und Marburger Studentinnen und Stu- dem Meinungsbild ihrer Kommilitonen aus denten zur Wahl ihrer Universität präsentiert dem Jahr 1990 exakt feststellen (Mossig 2003). werden. Es zeigt sich, dass die Philipps-Univer- sität Marburg im Gegensatz zur Justus-Liebig- Motive für die Wahl des Studienortes Universität in Gießen erheblich von der Attrakti- Gießen im Vergleich zu Marburg vität ihres Studienortes profitiert. Von dieser Pro- blemlage ausgehend sollen die Ergebnisse einer Zur Bestimmung der Motive bei der Wahl des weiteren Umfrage aus dem Jahr 2003 in Gießen jeweiligen Studienortes sind die unfreiwillig 75 mossig 17.05.2005 9:25 Uhr Seite 76 Abb. 1: Motive für die Wahl des Studienortes Gießen und Marburg 2004 (In Klammern die entsprechende Rang- platzierung in Marburg) 76 mossig 17.05.2005 9:25 Uhr Seite 77 von der ZVS nach Gießen und Marburg ge- Marburg 39,0%) und „Freizeitmöglichkeiten“ schickten Studentinnen und Studenten nicht (Gießen 14,3%, Marburg 24,7%) sind von berücksichtigt worden. Die auf eigenen den Marburgern signifikant um mehr als 10%- Wunsch in Gießen und Marburg Studierenden Punkte häufiger genannt worden. Insbesonde- sollten anhand einer Skala von 1 (sehr wichti- re die 21,8%-Punkte Unterschied bezüglich ges Motiv) bis 5 (völlig unwichtiges Motiv) be- des Motivs „Größe der Stadt“ sind bemerkens- werten, wie ausschlaggebend verschiedene wert, denn von der tatsächlichen Größe her ge- vorgegebene Aspekte bei ihrer Studienortwahl sehen sind Gießen und Marburg als durchaus gewesen sind. Abbildung 1 zeigt die Ergebnis- gleichwertig anzusehen. Insgesamt zeigt sich, se für Gießen und Marburg, sortiert nach der dass sich die Studierenden in Marburg häufiger Häufigkeit der Nennungen für den Standort an Merkmalen des regionalen Umfeldes orien- Gießen. Zur besseren Darstellung sind die pro- tiert haben, als ihre Kommilitonen in Gießen. zentualen Anteile der Kategorien „sehr wich- Offenbar besitzt die Stadt Gießen im Vergleich tig“ und „wichtig“ zusammengefasst. zu Marburg bei Studierwilligen ein schlechteres Nach wie vor ist die „Nähe zum Heimatort“ der Image und kann deshalb weniger Studentin- mit Abstand wichtigste Grund für ein Studium nen und Studenten außerhalb der eigenen Hei- in Gießen. 63,0% der befragten Studentinnen matregion anziehen. Es stellt sich daher die und Studenten stuften dieses Motiv als sehr Frage nach den Vorstellungsbildern, die die wichtig bzw. wichtig ein. Es folgen die Motive Studierenden von ihrem Studienort Gießen „Zulassungsvoraussetzungen“ (49,5%), „Finan- haben. Wie im folgenden Abschnitt zu sehen zieller Aufwand für ein Studium in Gießen“ sein wird, ist das Image der Stadt Gießen bes- (45,8%), „Vielfalt, Qualität des Lehrangebots“ ser als die zuvor präsentierten Resultate vermu- (43,8%) sowie „Geographische Lage der Stadt“ ten lassen und hat sich zudem gegenüber der (41,1%). Alle weiteren Motive wurden lediglich Untersuchung aus dem Jahr 1990 verbessert. von einem Drittel und weniger als wichtig oder sehr wichtig bezeichnet. Am Ende der Rangfol- Das Image der Stadt Gießen ge steht die „Attraktivität der Stadt Gießen“. aus studentischer Sicht Nur für 9,9% der Studierenden in Gießen ist dies ein wichtiges bzw. sehr wichtiges Motiv Vor dem Hintergrund der Komplexität und den für das Studium an der Justus-Liebig-Univer- vielfältigen Assoziationsmöglichkeiten bezüg- sität gewesen (vgl. Abb. 1). lich des Images einer Stadt wurden verschiede- Im Gegensatz dazu ist für die Hälfte (50,3%) ne Methoden verwendet, um sich den Vor- der Studentinnen und Studenten in Marburg stellungsbildern anzunähern, die die Studieren- die „Attraktivität der Stadt“ sehr wichtig/wichtig den der Justus-Liebig-Universität von der Stadt gewesen, als sie sich für die Einschreibung an Gießen entwickelt haben. Jede dieser Metho- der Philipps-Universität entschieden haben. Es den hat bestimmte Vorteile, aber auch jeweils ist damit das am häufigsten genannte Motiv, spezifische Nachteile, so dass die Einzelergeb- gefolgt von den beiden wichtigsten Motiven in nisse in wechselseitiger Ergänzung zu verste- Gießen, die „Nähe zum Heimatort“ (44,4%) hen sind. Sich nur auf ein Verfahren zur Be- und die„Zulassungsvoraussetzungen“ (43,0%). stimmung des Images der Stadt Gießen aus Offensichtlich übt die Stadt Marburg eine nicht studentischer Sicht zu konzentrieren, würde zu zu vernachlässigende Anziehungskraft auf Stu- kurz greifen. dierende aus, für die nicht die „Nähe zum Hei- matort“ das überragende Motiv ist. So liegt der Gießen im Vergleich Anteil derjenigen, die eine andere Region ken- mit einer „idealen“ Universitätsstadt nenlernen wollten, in Marburg bei 37,1% (Platz 7) gegenüber 18,4% in Gießen (Platz 18). Als erstes Verfahren der Imageanalyse erfolgt die Auch die beiden studienortbezogenen Aspekte Auswertung von zwei miteinander verknüpften „Größe der Stadt“ (Gießen 17,2% gegenüber Fragen. Zunächst wurden die Studierenden ge- 77 mossig 17.05.2005 9:25 Uhr Seite 78 Abb. 2: Bewertung von Merkmalen der Stadt Gießen im Vergleich zu einer „idealen“ Universitätsstadt 2003 im Ver- gleich zur Erhebung 1990 78 mossig 17.05.2005 9:25 Uhr Seite 79 fragt, wie wichtig ihrer Meinung nach bestimm- oberen Abschnitt der Graphik, wo die beson- te städtische Merkmale und Eigenschaften für ders wichtigen Kriterien aufgeführt sind, liegen eine „ideale“ Universitätsstadt sind, um daraus die meisten Werte von 2003 über der 1990er ein Eigenschaftsprofil einer „idealen“ Univer- Kurve. Insgesamt hat sich das Image der Stadt sitätsstadt“ zu entwickeln. In einem zweiten Gießen aus studentischer Sicht verbessert. Ge- Schritt sollten die Studentinnen und Studenten rade das wichtigste Merkmal des Wohnungs- nun bewerten, inwieweit diese Merkmale und Ei- angebots hat eine enorme Steigerung um genschaften auf die Stadt Gießen zutreffen. So +35,6%-Punkte, von 18,5% (1990) auf nun- lässt sich ein Merkmalsprofil der Stadt Gießen ab- mehr 54,1% (2003), erfahren. Erhebliche Zu- leiten und dem einer „idealen“ Universitätsstadt gewinne konnten auch bezüglich der inner- gegenüberstellen. Für die einzelnen Merkmals- städtischen Verkehrsverhältnisse (+14,1%- ausprägungen wird sichtbar, wie weit Gießen Punkte) erzielt werden, immerhin der dritt- vom Idealbild einer Universitätsstadt abweicht wichtigste Faktor. Im mittleren und unteren Be- oder der Idealvorstellung bereits entspricht. Auch reich der Abbildung 2 werden jedoch auch zum der direkte Vergleich zur Untersuchung aus dem Teil erhebliche Imageverluste offenbar. Dies be- Jahr 1990 ist möglich (vgl. Abb. 2). trifft die Bewertungen, Gießen habe eine Die wichtigsten Merkmale und Eigenschaften „Landschaftlich schöne Umgebung“, ein „Viel- einer „idealen“ Universitätsstadt sind demnach seitiges Freizeitangebot“ sowie die Aspekte ein „Gutes und preiswertes Wohnangebot“ „Zentrale Lage der Universität“ und „Hohes (97,2%), eine „Gute überregionale Verkehrs- Ansehen der Universität“. anbindung“ (92,9%), „Gute innerstädtische Das bisher dargelegte Bild der Stadt Gießen ist Verkehrsverhältnisse“ (92,5%), „Gute Neben- jedoch nicht gleichermaßen bei allen Studen- verdienstmöglichkeiten“ (90,4%) und ein tinnen und Studenten ausgebildet. Differen- „Vielseitiges Freizeitangebot“ (90,1%). ziert man die Aussagen nach der Herkunft der Offensichtlich dominieren als Kriterium für eine Studierenden, so offenbaren sich einige Bewer- „ideale“ Universitätsstadt Eigenschaften, wel- tungsunterschiede. Zu diesem Zweck wurden che die ökonomischen Bedingungen, die Le- die Einschätzungen derjenigen Studentinnen bensqualität oder die Freizeitgestaltung betref- und Studenten, deren Heimatort außerhalb fen. Die Aspekte einer Stadt, die unmittelbar Hessens liegt, gesondert ausgezählt. Das Mei- mit dem Studium selbst verknüpft sind, wie die nungsbild dieser Teilgruppe kann als Fremd- zentrale Lage der Universität oder das Ansehen image bezeichnet werden. Studierende mit der Universität, werden im Vergleich dazu einem Heimatort in Mittelhessen oder dem zu nachrangig bewertet. Insbesondere die Tatsa- Gießen benachbarten Wetteraukreis bilden che, dass über 20% der Studierenden dem An- demgegenüber das Eigenimage. Die Analyse sehen der Hochschule keine Bedeutung bei- zeigt eine deutlich positivere Bewertung der messen, wenn sie eine „ideale“ Universitäts- Studierenden, die aus der Umgebung Gießens stadt charakterisieren sollen, ist erstaunlich. stammen. Das Eigenimage der Stadt Gießen ist Aus der dünnen Linie lässt sich ablesen, in wel- also erheblich besser als das Fremdimage. Ins- chen Merkmalen Gießen annähernd der Ideal- besondere die Merkmale, die von den Studie- vorstellung entspricht und in welchen Bereichen renden für eine Universitätsstadt als besonders Defizite bestehen. Bis auf das Merkmal „Gute wichtig eingestuft worden sind, schneiden Einkaufsmöglichkeiten“, das um rund 13%- beim Eigenimage deutlich besser ab (vgl. Mos- Punkte die Idealvorstellung verfehlt, weichen sig 2003, S. 8). die wichtigen Merkmale um 20%-Punkte und mehr von einer „idealen“ Universitätsstadt ab. Prägende Sachverhalte in Gießen Für die Stadt Gießen ist erfreulich, dass im Ver- gleich zu den Ergebnissen von 1990 (gestri- Um einen weiteren Einblick in die Vorstellungs- chelte Linie) bestimmte Merkmale häufiger als bilder der Studierenden an der Justus-Liebig-Uni- zutreffend genannt wurden. Insbesondere im versität bezüglich ihres Studienortes Gießen zu 79 mossig 17.05.2005 9:25 Uhr Seite 80 Abb. 3: Sachverhalte und Merkmale, die von den Studierenden der Justus-Liebig-Universität als prägend für die Stadt Gießen angesehen werden 1990 und 2003 erhalten, wurden sie befragt, welche Einrichtun- reits 1990 festgestellt, sehen viele der befrag- gen sie in Gießen als prägend ansehen. Das Er- ten Studenten immer noch den Garnisons- gebnis sowie die Veränderungen der Nennungen stadtcharakter und die problematischen Ver- gegenüber 1990 ist in Abbildung 3 dargestellt. kehrsverhältnisse als besonders auffällige Er- Diese Darstellungsform offenbart, dass die Stadt scheinungen in der Stadt Gießen an. Gießen in den letzten 13 Jahren zum Teil erhebli- Demgegenüber werden „Parkanlagen“, „Volks- che Imageverbesserungen erreichen konnte. feste“ oder „Schöne Wohnviertel“ lediglich von Die vorhandenen Studentenkneipen sind das einer Minderheit als kennzeichnende Kompo- Merkmal mit den meisten Nennungen. Immer- nenten empfunden, „Historische Bauten“, „Se- hin 85,2% der befragten Studentinnen und henswerte Architektur“, „Touristische Attrak- Studenten kreuzten an, dass Studentenknei- tionen“ oder gar ein „Reizvolles Stadtbild“ so- pen prägend für Gießen sind. Jedoch folgen gar nur von weniger als 10% der Befragten. mit den Merkmalen „Überfüllte Parkplätze“ Betrachtet man die Entwicklungsdynamik, so (82,4%), „Kasernen, Militärische Anlagen“ wird deutlich, dass die problembehafteten Be- (73,6%) und „Verstopfte Straßen“ (65,7%) drei reiche seit 1990 deutliche Rückgänge erfahren eindeutig negativ besetzte Bereiche. Wie be- haben, während positiv besetzte Merkmale Zu- 80 mossig 17.05.2005 9:20 Uhr Seite 81 Abb. 4: Klischeehafte Kennzeichnung der Stadt Gießen 1990 und 2003 gewinne im Meinungsbild der Studierenden er- nach einzelnen Merkmalen, sondern setzt um- reichen konnten. Die wichtigsten Veränderun- fassender an, indem stereotype Begriffe und gen im einzelnen: stark vereinfachende Klischees abgefragt wer- den. Solche klischeehaften Kennzeichen wur- Fahrradwege (+35,9%-Punkte) den zum Teil von der Stadt Gießen selbst ent- Theater, Museen, Galerien (+17,3%-Punkte) wickelt und werbewirksam eingesetzt („Kultur- Studentenkneipen (+11,9%-Punkte) stadt an der Lahn“, „Universitätsstadt Gießen“ Kasernen, oder die „Einkaufsmetropole Mittelhessens“) Militärische Anlagen (–12,0%-Punkte) (vgl. Abb. 4). Landschaftlich Die Gießener Studentinnen und Studenten set- reizvolle Umgebung (–14,1%-Punkte) zen ihre eigene Tätigkeit des Studierens in eine Verstopfte Straßen (–15,0%-Punkte) enge Beziehung zu ihrem Studienort. 88,9% Zusammen mit der im Vergleich zu 1990 etwas der Befragten sahen die klischeehafte Kenn- entspannter wahrgenommenen Parkplatzsitu- zeichnung Gießens als „Universitätsstadt“ als ation (–4,2%-Punkte) stellt sich der damals do- zutreffend an. Mit sehr deutlichem Abstand minante Eindruck einer Garnisonsstadt mit und mit einem Zuspruch von weniger als der problematischen Verkehrsverhältnissen (Giese/ Hälfte der Befragten folgen die Klischees „Pro- Harsche 1991) heute deutlich abgeschwächter vinzstadt“ (48,3%) und „Militär- bzw. Garni- dar. Insbesondere der Ausbau der Fahrradwege sonsstadt“ (44,7%). Erst dann folgen die Kenn- hat offensichtlich dazu beigetragen. zeichnungen mit den beiden wichtigen Funk- tionen Gießens als „Einkaufsstadt“ (35,7%) Klischeehafte Kennzeichnung und „Verwaltungsstadt“ (32,0%). der Stadt Gießen Der Vergleich zu den Ergebnissen von 1990 of- fenbart eine starke Fokussierung der Studieren- Das dritte Verfahren zur Erfassung der Vorstel- den auf ihren eigenen Tätigkeitsbereich, denn lungsbilder der Gießener Studentinnen und das Klischee „Universitätsstadt“ konnte als ein- Studenten von ihrer Stadt fragt nun nicht mehr zige Kennzeichnung in nennenswertem Umfang 81 mossig 17.05.2005 9:20 Uhr Seite 82 (+12,4%-Punkte) zulegen. Hervorzuheben ist wirkt. Jedem dieser Merkmale konnten immer- der Rückgang um –21,6% bezüglich des Kli- hin jeweils über 2/3 der Befragten zustimmen. schees, Gießen sei eine „Militär- bzw. Garni- Lässt man die unentschlossenen „weder-noch“- sonsstadt“. Deutlicher als zuvor bei der Analyse Antworten außer Acht, so vertraten bei diesen prägender Sachverhalte macht sich der Rückzug Merkmalen jeweils weniger als 10% der Stu- von Bundeswehr und US-Armee bemerkbar. dierenden die gegenteilige Auffassung. Neben der sehr negativen Beurteilung der Äußerlich- Eigenschaftsprofil der Stadt Gießen keiten erhält die Stadt Gießen von den Studie- renden insgesamt ein großes Kompliment: Sie Als viertes und letztes Verfahren wurde ein Ei- wird von der überwiegenden Zahl der Studie- genschaftsprofil der Stadt Gießen aus Sicht der renden als studentenfreundlich empfunden. Studierenden angefertigt. Zu diesem Zweck wur- Der wichtigste Unterschied im Vergleich zur Um- den den Befragten gegensätzliche Begriffspaare frage aus dem Jahr 1990 (vgl. Giese/Harsche vorgelegt. Sie sollten bei jedem Begriffspaar an- 1991) stellt der rapide Anstieg des Urteils dar, kreuzen, welcher der beiden vorgegebenen Be- dass Gießen studentenfreundlich und nicht stu- griffe ihrer Meinung nach am ehesten auf dentenfeindlich sei. 1990 haben lediglich 47% Gießen zutrifft. Im Zuge der Auswertung wurden der Studierenden dies so empfunden, während die einzelnen Begriffspaare als erstes so sortiert, 2003 bereits 72% Gießen als studentenfreundli- dass auf der linken Seite stets der Begriff steht, che Stadt gesehen haben. Dies entspricht einem den die Mehrheit der befragten Studentinnen Anstieg um +25%-Punkten. Gleichzeitig ist der und Studenten für zutreffender erachtet. Danach Anteil, der eine Studentenfeindlichkeit wahr- wurden die Begriffspaare in eine Reihenfolge nimmt, um –13%-Punkte von 22% auf 9% ge- nach der größten Zustimmung gebracht, begin- sunken. Offensichtlich hat sich das Image nend mit dem Begriff, der von den meisten Stu- Gießens als Studentenstadt verbessert. An zwei- dierenden als zutreffend angekreuzt wurde (vgl. ter und dritter Stelle der Begriffe mit den größten Abb. 5). So stehen im oberen Abschnitt diejeni- Zuwächsen stehen mit mehr als +10%-Punkten gen Begriffspaare, bei denen die Studierenden in die ebenfalls positiv besetzten Eigenschaften, überwiegender Mehrheit eine eindeutige Beur- dass Gießen „tolerant“ (+14%-Punkte) sowie teilung vorgenommen haben. Diese Begriffe sind „aufgeschlossen“ (+11%-Punkte) sei. Jedoch also für Gießen besonders kennzeichnend. Je muss als negative Entwicklung auch der Anstieg weiter man in der Abbildung nach unten ge- des Merkmals „stagnierend“ um +10%-Punk- langt, desto geteilter sind die Meinungen bezüg- te gegenüber 1990 bemerkt werden. Das lich der gegensätzlichen Begriffspaare. Begriffspaar „stagnierend-aufstrebend“ wurde Aus Abbildung 5 geht hervor, dass Gießen aus 1990 von den Studierenden noch gleichwertig Sicht der Studierenden beurteilt. Jetzt überwiegen die Meinungen, dass – eher überschaubar (83%) die Entwicklung Gießens stagniere. als unübersichtlich (8%), Besondere Aufmerksamkeit ist den Begriffspaa- – eher studentenfreundlich (72%) ren zu schenken, bei denen sich das Meinungs- als studentenfeindlich (9%), bild von der einen Seite zur anderen verlagert – eher hässlich (71%) als schön (9%), hat. Galt Gießen 1990 noch als eher spießig – eher kleinstädtisch (70%) denn als tolerant, so empfindet die Mehrheit nun als großstädtisch (8%) sowie umgekehrt Gießen als eher tolerant und nicht als – eher nüchtern (68%) spießig. Insgesamt konnten sechs solcher Verän- als idyllisch und verträumt (8%) ist. derungen über die 13 Jahre festgestellt werden. Gießen wird demnach jetzt als Zusammenfassend ergibt sich das Bild von Gießen als einer überschaubaren, kleinstädti- – eher tolerant und nicht wie zuvor eher spießig, schen und studentenfreundlichen Stadt, die – eher stagnierend und nicht wie zuvor rein äußerlich jedoch hässlich und nüchtern eher aufstrebend, 82 mossig 17.05.2005 9:21 Uhr Seite 83 Abb. 5: Eigenschaftsprofil der Stadt Gießen aus studentischer Sicht 2003 – eher ungefährlich und nicht wie zuvor – eher preiswert und nicht wie zuvor eher gefährlich, eher teuer sowie – eher zwanglos und nicht wie zuvor – eher traditionslos und nicht wie zuvor eher konventionell, eher traditionsverbunden empfunden. 83 mossig 17.05.2005 9:21 Uhr Seite 84 Tab. 1. Zufriedenheit der Studierenden in Gießen und Marburg mit ihrem Studienort 2004 Gießen Marburg Insgesamt Freiwillig Entgegen Insgesamt Freiwillig Entgegen in Gießen dem eigenen in Marburg dem eigenen Studierende Wunsch (ZVS) Studierende Wunsch (ZVS) sehr zufrieden 14,7 % 15,8 % 8,3 % 25,4 % 27,6 % 7,0 % zufrieden 51,9 % 53,7 % 41,7 % 49,2 % 48,8 % 52,1 % teils/teils 29,6 % 26,9 % 44,8 % 22,1 % 21,3 % 28,2 % unzufrieden 2,9 % 2,9 % 3,1 % 2,4 % 1,7 % 8,5 % völlig unzufrieden 0,9 % 0,7 % 2,1 % 0,9 % 0,5 % 4,2 % Es überwiegen die Verschiebungen des Mei- wird Gießen als deutlich unattraktiver wahrge- nungsbildes zu den positiv besetzten Begriffen, nommen als nach einigen Semestern Studium, ein weiterer Hinweis auf ein verbessertes Image wenn man die Stadt besser kennengelernt hat. der Stadt Gießen aus studentischer Sicht. Je- Gießen besitzt ein schlechtes Fremdimage und doch sollte nicht übersehen werden, dass das wird deshalb von Studienanfängern, die nicht Eigenschaftsprofil trotz der aufgezeigten posi- aus der Umgebung kommen, im Vergleich zu tiven Entwicklungen auch einige problemati- Marburg eher gemieden. Dass Gießen jedoch als sche Vorstellungsbilder von der Stadt Gießen Studienort deutlich besser ist als sein Ruf, zeigt widerspiegelt. Insbesondere das äußere Er- die hohe Zufriedenheit der Studierenden mit scheinungsbild wird aus Sicht der Studierenden ihrem Studienort (vgl. Tab. 1). sehr kritisch beurteilt. Insgesamt 2/3 der Gießener Studenten (66,6%) sind mit ihrem Studienort sehr zufrieden Fazit (14,7%) oder zufrieden (51,9%). Demgegenü- ber ist nur ein kleiner Anteil unzufrieden (2,9%) Die Justus-Liebig-Universität und die Stadt oder gar sehr unzufrieden (0,9%). Selbst dieje- Gießen stehen in enger Wechselbeziehung zu- nigen, die gegen ihren Wunsch nach Gießen einander. Die vergleichende Untersuchung zu gekommen sind, äußern sich nicht erheblich den Motiven der Studienortwahl mit der Phi- unzufriedener (5,2%). Der Vergleich mit Mar- lipps-Universität in Marburg hat gezeigt, dass burg zeigt, dass der Anteil der sehr zufriedenen ein als attraktiv empfundener Studienort eine Studierenden gegenüber Gießen höher ist. Der nicht zu vernachlässigende Anziehungskraft Unterschied fällt aber erheblich geringer aus, als ausübt. Gießen hat gegenüber Marburg dies- man nach den Ergebnissen zur Bedeutung der bezüglich einen deutlichen Nachteil. Die Ima- Attraktivität der Stadt bei der Studienortwahl geanalyse der Stadt Gießen zeigt jedoch, dass (in Marburg wichtigstes Motiv, in Gießen das Gießen von den Studierenden als gar nicht so Unwichtigste) vorab hätte befürchten können. schlecht bewertet wurde. Im Vergleich zur Un- Auch die von der ZVS entgegen ihrem Wunsch tersuchung aus dem Jahr 1990 konnten sogar nach Marburg geschickten Studierenden konn- einige Imageverbesserungen festgestellt wer- ten sich seltener mit dem Studienort anfreun- den. Insbesondere ist hervorzuheben, dass den und äußerten einen höheren Grad der Un- Gießen von seinen Studenten als sehr studen- zufriedenheit als die Gießener „ZVS-Studentin- tenfreundlich angesehen wird. Auch die deutli- nen und -Studenten“. che Betonung der Studentenkneipen als prä- gendes Merkmal runden das wahrgenommene Literatur Bild der Studentenstadt ab. Böcher, H. (2004): Die Wahl des Studienortes unter be- So offenbart sich ein kurzfristig wohl kaum lös- sonderer Berücksichtigung des Internetauftritts der Uni- versitäten als Entscheidungskriterium am Beispiel der bares Problem der Justus-Liebig-Universität und beiden Universitäten Gießen und Marburg. Unveröffent- der Stadt Gießen: Im Vorfeld der Studienortwahl lichte Diplomarbeit. Gießen. 84 mossig 17.05.2005 9:21 Uhr Seite 85 Behrens, W. (2004): Stadt, Studierende und ein Szenario. Mossig, I. (2000): Gründe und Motive bei der Wahl des In: Gießener Universitätsblätter, Heft 37, S. 57–64. Studienortes Gießen unter besonderer Berücksichtigung Eichholz, W., Schulz, A. (2000): Informationssuchstrate- der Informationsmöglichkeiten im Internet. Studien zur gien und Hochschulwahlmotive bei der Entscheidung für Wirtschaftsgeographie. Gießen. Studienfächer und Hochschulorte – Ergebnisse einer Be- Mossig , I. (2003): Das Image der Stadt Gießen aus Sicht fragung der Studienanfänger der Hochschule Wismar im der Studierenden an der Justus-Liebig-Universität 2003 WS 2000/2001. Wismar. im Vergleich zu 1990. Studien zur Wirtschaftsgeogra- Giese, E. (1986): Anziehungskraft und Wettbewerbs- phie. Gießen. fähigkeit der Justus-Liebig-Universität Gießen. In: Gieße- Muske, G. (1975): Motive für die Wahl des Studienortes ner Universitätsblätter 2/1986, S. 53–76. München. Ein entscheidungstheoretischer Ansatz zur Er- Giese, E., Harsche, M. (1991): Das Image der Stadt klärung räumlicher Mobilität angewandt auf ein Beispiel Gießen aus studentischer Sicht. Studien zur Wirtschafts- aus dem Bereich der Bildungswanderung. Münchener geographie. Gießen. Geographische Hefte 38. Kallmünz/Regensburg. Leib, J. (2002): Gründe für die Wahl des Studienorts Mar- Nutz, M. (1991): Räumliche Mobilität der Studierenden burg und des Studienfachs Geographie. Ergebnisse einer und Struktur des Hochschulwesens in der Bundesrepublik Repräsentativbefragung im Sommersemester 2001. In: Deutschland. Eine Analyse des Entscheidungsverhaltens Marburger Geographische Gesellschaft (Hrsg.): Jahrbuch bei der Studienortwahl und der Einzugsgebiete der Univer- 2001, S. 105–125. sitäten. In: Kölner Geographische Arbeiten, Heft 54. Köln. 85 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 12 gjgjjjjjg Petzinger_bauerfeind 17.05.2005 9:21 Uhr Seite 87 Ernst Petzinger, Rolf Bauerfeind “Emerging Infectious Diseases“ – Jahresthema und Symposium des Graduiertenkollegs „Molekulare Veterinärmedizin“ Am 16. Juli 2004 veranstaltete das Graduier- unterstützt. Seit 2004 unterrichtet das GKMV tenkolleg „Molekulare Veterinärmedizin“ zusätzlich auch fünf Studenten aus Polen, Un- (GKMV) der Justus-Liebig-Universität Gießen garn, Mazedonien, Kenia und Frankreich, die an ein Symposium mit dem Titel „Emerging Infec- dem neu eingerichteten, gemeinsamen Ph.D.- tious Diseases“, das freundlicherweise auch Studiengang der Fachbereiche Veterinär- und durch die Gießener Hochschulgesellschaft ge- Humanmedizin teilnehmen. Seit Oktober 2004 fördert wurde. Das Symposium, zu dem nam- werden wiederum für 3 Jahre 20 Doktoranden hafte Forscher aus Deutschland und der in Form eines zusätzlichen Ausbildungs- und Schweiz als Referenten gewonnen werden Qualifizierungsprogrammes bei der Anfertigung konnten, war nach dem erfolgreichen Kon- ihrer Dissertation von den im Kolleg arbeitenden gress „PCR-Methoden und Anwendungen“ im Hochschullehrern betreut. Jahr 2000 bereits die zweite wissenschaftliche Das GKMV ist interdisziplinär angelegt und wird Fachtagung, die von KollegiatInnen erdacht, gegenwärtig von 17 Arbeitsgruppen an 11 Insti- organisiert und durchgeführt wurde. Offenbar tuten der Fachbereiche 08, 09 und 10 getragen. hatte sich das Kolleg erneut einer sehr attrakti- Im Mittelpunkt des Forschungsprogrammes ven Fragestellung angenommen, denn trotz stehen die molekularen Mechanismen, die Funk- schönen Wetters fanden sich ca. 180 Gäste ein, tionen von Körperzellen bei physiologischen und um mit Fachleuten neueste wissenschaftliche pathologischen Prozessen in Tieren steuern. Zur Erkenntnisse über SARS, AIDS, Tuberkulose Bearbeitung der Fragestellungen wird ein breites und andere Infektionskrankheiten zu diskutie- Spektrum an modernen Methoden der Zell- und ren. Die Organisation des Symposiums sowie Molekularbiologie, der Biochemie sowie der die Anfertigung einer schriftlichen Jahresarbeit Organ- und Tierphysiologie eingesetzt. Themati- über die Tagungsthemen sind Bestandteil des sche Schwerpunkte sind Blockes „Öffentlichkeitsarbeit und verständli- – die Interaktionen zwischen Infektionserre- che Wissenschaft”, welcher zum Ausbildungs- gern (Salmonellen, EHEC-Bakterien, Pestivi- programm im Graduiertenkolleg gehört. ren, Kokzidien) und ihren Wirten bei der Krankheitsentstehung und Infektabwehr Das Graduiertenkolleg (vier Arbeitsgruppen), „Molekulare Veterinärmedizin” – die Struktur, Funktion und Regulation zel- lulärer Membrankanäle und -transporter Das GKMV ist eines der gegenwärtig zehn Gra- (fünf Arbeitsgruppen), duiertenkollegs, die an der Justus-Liebig-Univer- – die intra- und interzelluläre Signaltransduk- sität Gießen angesiedelt sind oder von Wissen- tion und ihre Bedeutung für Störungen im schaftlern dieser Universität mitgetragen wer- Reproduktionsgeschehen (Rinder, Pferde, den. Es wurde 1998 mit Mitteln der Deutschen Hunde, Schistosomen), für die Genese von Forschungsgemeinschaft und des Landes Hes- Fieber und für die Tumorabwehr (acht Ar- sen eingerichtet und hat sich mittlerweile zu beitsgruppen). einem Zentrum der strukturierten Doktoranden- Das Studienprogramm steht unter dem Motto ausbildung am Fachbereich Veterinärmedizin „Promotion im Team“. Dazu werden die Promo- entwickelt. Bisher zum Jahr 2004 hat das Kolleg venden in jeder Förderperiode in eine aktive, das 34 Promotionen mit Sach- und Personalmitteln Studienprogramm gemeinsam absolvierende 87 Petzinger_bauerfeind 17.05.2005 9:21 Uhr Seite 88 Gruppe von KollegiatInnen eingebunden, die gen Förderperioden (1998–2001 und 2001– sich wöchentlich trifft. Das Studienprogramm 2004) in vorbildlicher Weise gelöst. So organi- selbst besteht aus forschungsorientierten Lehr- sierten die KollegiatInnen der ersten Periode veranstaltungen mit projektbezogenen oder einen vielbeachteten Kongress über „PCR-Me- fachübergreifenden Inhalten in Form von Me- thoden und Anwendungen”, der am 12./13. thodenpraktika, Workshops, Seminaren, Vorträ- Oktober 2000 im Philosophikum II stattfand. Mit gen, Kolloquien und berufskundlichen Exkursio- diesem Kongress im Zusammenhang stand die nen zu Industrieunternehmen und Bundes- Veröffentlichung des Tagungsbandes (ISBN 3- instituten. Im Mittelpunkt des Programmes ste- 934229-71-9) und der Gemeinschaftsarbeit hen die theoretische und praktische Ausbildung „Transgene Tiere und Pflanzen – Techniken & in Molekular- und Zellbiologie sowie molekulare Anwendungen, Ethik & Risiken, Rechtliche Aspekte der Virologie, Pathologie und Para- Grundlagen” (ISBN 3-935713-23-1). Die Kolle- sitologie. Hinzu kommen Kurse in statisti- giatInnen der zweiten Förderperiode machten schen Auswertungsverfahren, Versuchstierkun- unter dem Eindruck von BSE-, Geflügelpest- und de, Bioinformatik, Pharmakokinetik und zum Milzbrandausbrüchen die Biologie von seuchen- Gentechnikrecht. Die Veranstaltungen vermit- haft auftretenden Krankheitserregern zu ihrem teln Wissensinhalte, die erheblich über den Stoff Thema. Die Ergebnisse ihrer Recherchen fassten der Grundstudiengänge in den beteiligten Fach- sie zu dem Buch „Milzbrand, Pest, Pocken. Be- bereichen hinausgehen, insbesondere vertiefte drohung durch alte und neue Krankheitserre- Methoden- und Fachkenntnisse sowie experi- ger” zusammen, das seit Juli 2004 im Buchhan- mentelle Fähigkeiten. Der Umfang des Lehran- del erhältlich ist (VVB Laufersweiler Verlag, Wet- gebotes bedeutet eine zeitliche Belastung jedes tenberg, ISBN 3-89687-663-5). Aus der Arbeit Doktoranden mit zusätzlich 300–400 Unter- an dieser Gemeinschaftspublikation wurde dann richtsstunden während der Promotion. auch die Idee geboren, ein Symposium über neue und neu auftretende Infektionskrankhei- Öffentlichkeitsarbeit als Ausbildungsinhalt ten (im Englischen ”Emerging Infectious Disea- ses”) zu veranstalten. Die Vermittlung von modernen Forschungser- gebnissen an wissenschaftliche Laien oder „Emerging Infectious Diseases – auch an Wissenschaftler anderer Disziplinen Symposium über aktuelle Bedrohungen wird angesichts des rasanten Erkenntnis- durch Krankheitserreger” fortschritts und der zunehmenden Spezialisie- rung zur immer größeren Herausforderung. Das Symposium fand am 16. Juli 2004 im Hör- Um den KollegiatInnen Impulse für die Ent- saal des Institutes für Veterinär-Physiologie der wicklung der eigenen kommunikativen Fähig- JLU Gießen statt. Schon Monate im Voraus war keiten zu geben sowie ihr eigenverantwortli- es mit leuchtend roten Plakaten an den Univer- ches Handeln zu fördern, wurde zusätzlich ein sitäten in Gießen und Marburg sowie durch Block Öffentlichkeitsarbeit in das Studienpro- Anzeigen in mehreren Fachzeitschriften an- gramm des GKMV aufgenommen. Dieser ent- gekündigt worden. Eigens für das Symposium hält neben einem Rhetorikkurs auch die Aufga- wurde auch eine Internet-Homepage einge- be, gemeinsam ein aktuelles Thema der Wis- richtet, über welche die Anmeldungen bequem senschaft und Forschung auszuwählen und es zu bewerkstelligen waren. Dank mehrerer 1 der Öffentlichkeit in einer verständlichen Form Sponsoren konnten die Tagungsgebühren ge- näher zu bringen. Ein ebenso wichtiger Auftrag 1 Das Graduiertenkolleg „Molekulare Veterinärmedizin” ist es, eine wissenschaftliche Fachtagung in dankt den Sponsoren seines Symposiums: Aventis Phar- weitgehend eigener Regie zu planen und ma GmbH, Bayer HealthCare AG, Deutsche Veterinär- durchzuführen. medizinische Gesellschaft e.V., Gießener Hochschulge- sellschaft e.V., Intervet Deutschland, Lehmanns Buch- Diese Aufgaben zur Öffentlichkeitsarbeit wur- handlung Gießen, Verein der Freunde und Förderer der den von den KollegiatInnen der beiden bisheri- Veterinärmedizin an der JLU Gießen e.V. 88 Petzinger_bauerfeind 17.05.2005 9:12 Uhr Seite 89 ring gehalten werden, was neben der Attrakti- zine für den Menschen in näherer Zukunft sehr vität des Programmes dazu beigetragen haben unwahrscheinlich, so dass der Zecken- mag, dass trotz des schönen Sommerwetters prophylaxe als Schutzmaßnahme gegen diese ca. 180 Personen an der Tagung teilnahmen. vielgesichtige, oftmals zu spät erkannte und Mit großem Interesse verfolgten sie die Aus- dann schwer behandelbare Infektion die größ- führungen der Referenten über die gefährli- te Bedeutung zukommt. chen Infektionskrankheiten, die gegenwärtig Frau Dr. Sabine Rüsch-Gerdes aus dem NRZ im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses und für Mykobakterien in Borstel stellte ihre Erfah- der Gesundheitsfürsorge stehen. rungen mit der Tuberkulose, die sie in ihrer Ei- Im Eröffnungsvortrag von Prof. Dr. Jörg Hacker, genschaft als wissenschaftliche Beraterin der Vizepräsident der Deutschen Forschungsge- WHO bei Reisen in den ärmsten Ländern die- meinschaft und Leiter des Instituts für Moleku- ser Welt gewonnen hat, in den Mittelpunkt lare Infektionsbiologie der Universität Würz- ihres Vortrages. Dort rafft die Tuberkulose, oft- burg, ging es um die Genomanalyse pathoge- mals in Verbindung mit HIV als Wegbereiter, ner Bakterien mit Hilfe moderner PCR-gestützter noch immer täglich Tausende von Menschen Methoden. Bis heute sind über 150 bakterielle dahin. Weltweit erkrankten zwischen 1990 und fast 600 virale Genome aufgeklärt. Hier- und 2000 ca. 100 Millionen Menschen an die- durch wurden viele funktionell wichtige Gene ser Infektionskrankheit. Dabei ist die global auf so genannten Pathogenitätsinseln entdeckt, ansteigende Zahl der so genannten multire- was ein neues Verständnis der Entstehung von sistenten Mykobakterienstämme besonders Infektionskrankheiten ermöglicht hat. Im Beson- beunruhigend. deren erläuterte Prof. Hacker die Bedeutung Welches hohe gesundheitliche Risikopotential von Adhäsion und Biofilmbildung für die durch den bakteriellen Krankheitserregern mit mul- bestimmte Staphylokokkenstämme verursachte tipler Antibiotikaresistenz innewohnt, wurde Pneumonie bei Beatmungspatienten und der von Prof. Dr. Wolfgang Witte vom Robert- Sepsis bei katheterisierten Menschen. Koch-Institut in Wernigerode auch am Beispiel Prof. Dr. Helge Karch vom Konsiliarlabor für der multiresistenten Staphylococcus-aureus- das Hämolytisch-Urämische Syndrom (HUS) Stämme (MRSA) deutlich gemacht. Ihnen ist der Universität Münster stellte aktuelle epide- mit einem Antibiotikum kaum noch beizukom- miologische Daten aus dem weltweit größten men. Europaweit ist der Anteil von MRSA- untersuchten Kollektiv von HUS-Patienten Stämmen an allen S.-aureus-Isolaten in human- vor. Mit einem überregionalen Informations- medizinischen Kliniken auf über 20% angestie- netz wurde die Erfassung und Auswertung gen. Ausnahmen stellen Länder wie Dänemark, neuer, durch enterohämorrhagische Escheri- Finnland oder auch die Niederlande dar. Offen- chia coli (EHEC) hervorgerufene Erkrankun- sichtlich spielt das Hygiene- und Patientenma- gen erleichtert und die Ortung von Infektions- nagement für die Entstehung und Verbreitung quellen verbessert. bzw. Reduktion dieses Problems eine wesentli- Frau Prof. Dr. Bettina Wilske, Leiterin des che Rolle. Nationalen Referenzzentrums (NRZ) für Borreli- Prof. Dr. Christoph Scholtissek, einer der en am Max-von-Pettenkofer-Institut in Mün- Wegbereiter der Influenzaforschung in Gießen, chen gab interessante Einblicke in die komple- bezeichnete eine neue Influenza-Pandemie als xe Biologie von Borrelia burgdorferi sensu lato, „statistisch überfällig”. Die genetische Analyse dem Erreger der Lyme-Borreliose. Diese Krank- aller bisher bekannten humanpathogenen heit ist in Europa derzeit die häufigste, durch Grippeviren ergab, dass die gefährlichsten Arthropoden übertragene Krankheit und wird Stämme in Südostasien entstanden sind und zunehmend häufiger auch bei Hunden diagno- danach ihre Verbreitung weltweit gefunden stiziert. Besonderheiten des Erregers (u.a. re- haben (z.B. Hongkong-Grippe, Spanische Grip- gulierte Expression von Antigenen, Antigen- pe). Die derzeitig in Asien grassierende Geflü- variabilität) machen die Entwicklung einer Vak- gelpest sei für die Gesundheit des Menschen 89 Petzinger_bauerfeind 17.05.2005 9:12 Uhr Seite 90 solange nicht bedenklich, wie der ursächliche damaligen Behringwerken nach Marburg und Grippevirus-Stamm die Artgrenze zu Säugetie- verursachte eine tödliche Krankheit bei mehre- ren und insbesondere zum Menschen nicht ren Angestellten. Dieses Ereignis gab dem Virus dauerhaft überspringe. Dabei gelte das seinen späteren Namen „Marburg-Virus”. Schwein als epidemiologisch besonders proble- Ebola-Viren und die sog. Marburg-like-viruses matische Wirtsspezies, da es bei dieser Tierart sind in Zentralafrika heimisch und verursachen immer wieder zu Doppelinfektionen mit dort immer wieder verlustreiche Epidemien aviären und humanen Influenzaviren komme, unter der Bevölkerung. Beide Virustypen verur- was zum Vermischen der Virusgenome (Reas- sachen hochgradig ansteckende und meist sortierung) und eventuell zur Entstehung neuer tödlich verlaufende Erkrankungen, weshalb sie humanpathogener, ggf. sogar pandemieauslö- entsprechend gefürchtet sind. Das natürliche sender Virusvarianten führen kann. Virusreservoir der beiden Erregergruppen ist bis Dr. Volker Thiel vom Kantonsspital in St. Gal- heute unbekannt. len berichtete über das „Severe Acute Respira- Dr. Martin Groschup vom Friedrich-Loeffler- tory Syndrome” (SARS), eine Viruskrankheit, Institut (Bundesforschungsanstalt für Tierge- die erstmals im November 2002 in China auf- sundheit) mit Sitz auf der Insel Riems präsen- trat und weltweit für Schlagzeilen sorgte. An tierte neueste Forschungsergebnisse zur Bovi- der Sequenzierung des Erregers, dem zur Fami- nen Spongiformen Enzephalopathie (BSE). lie der Coronaviren gehörenden SARS-Virus, Die auf infektiösen Proteinen – so genannten war er maßgeblich beteiligt. Obwohl die SARS- Prionen – beruhende tödliche Erkrankung der Epidemie rasch eingedämmt werden konnte, Rinder geht in Europa in Folge der strengen hat sie dennoch weltweit enorme Forschungs- Kontrollmaßnahmen deutlich zurück. Nach anstrengungen zur Entwicklung einer Vakzine wie vor unklar ist ihre Verbindung mit der seit bzw. antiviraler Hemmstoffe ausgelöst. Dr. langem bekannten Traber-Krankheit (Scrapie) Thiel stellte auch erste Ergebnisse mit neuarti- der Schafe. BSE wurde erstmals 1985 in Eng- gen Replikase-Hemmstoffen vor, mit denen er land beobachtet und gilt heute auch als Ursa- die Virusvermehrung in Zellkulturen bereits er- che einer neuen Variante der tödlich verlau- folgreich inhibieren konnte. Das Reservoir des fenden Creutzfeld-Jakob-Krankheit des Men- SARS-Virus vermutet man in bestimmten asiati- schen, an der bisher 104 Patienten verstor- schen Schleichkatzenarten. ben sind. Durch experimentelle Infektion mit Mit dem Human Immunodeficiency Virus dem BSE-Erreger lassen sich spongiforme (HIV) und der Krankheit AIDS befasste sich Enzephalopathien auch bei verschiedenen Prof. Dr. Gerhard Hunsmann vom Deut- anderen Tierarten auslösen. Bei einigen Spe- schen Primatenzentrum in Göttingen. Er zies, z.B. Hund und Schwein, gelang das aber machte deutlich, dass HIV und AIDS trotz der bisher nicht. Entwicklung neuer Medikamente noch nichts Gäste wie Organisatoren des Symposiums freu- von ihrer tödlichen Bedrohung eingebüßt ten sich über den reibungslosen Ablauf der Ver- haben. Die AIDS-Pandemie verlaufe ganz im anstaltung, zu der auch eine formelle Be- Gegensatz zu manch öffentlichem Eindruck grüßung der Referenten am Vorabend im Lie- nach wie vor dramatisch und habe weltweit big-Museum sowie die Verköstigung aller Teil- bisher 40 Millionen Menschen erfasst. Allein nehmer während der Tagungspausen gehört im Jahr 2003 führte sie zu ca. 6 Millionen hatten. Sicher war die Veranstaltung für alle Neuansteckungen und tötet derzeit jährlich beteiligten KollegiatInnen und Betreuer auch 3 Millionen Menschen. hinsichtlich der Organisation sehr lehrreich. Die Frau PD Dr. Elke Mühlberger, Institut für Vi- durchweg sehr guten Resonanzen der Teilneh- rologie der Philipps-Universität Marburg, gab mer und die freundliche Berichterstattung in einen Überblick über hämorrhagische-Fieber- den Gießener Zeitungen waren ein schöner Viren. Mit importierten Rhesus-Affen kam Lohn für die Mühen während der Vorbereitun- 1967 ein bis dahin unbekanntes Virus zu den gen. 90 Petzinger_bauerfeind 17.05.2005 9:12 Uhr Seite 91 Die dritte Förderperiode des GKMV Gruppe von KollegiatInnen wurde in das Kolleg (2001–2007) aufgenommen und hat ihr Forschungs- und Studiumprogramm begonnen. Auch sie wird Im Sommer 2004, zum Ende der zweiten För- sich dem Auftrag zur Öffentlichkeitsarbeit stel- derperiode, unterzogen die Gutachter der DFG len und versuchen, an die Leistungen ihrer Vor- das GKMV erneut einer Evaluation und kamen gänger anzuknüpfen. Ergebnisse dieser Arbeit erfreulicherweise zu einem positiven Ergebnis. sind im Frühjahr/Sommer 2007 zu erwarten. So bewilligte die DFG dem GKMV erneut Wer sich für weitere Details des GKMV interes- 15 Graduiertenstipendien, eine auf zwei Jahre siert, sei herzlich eingeladen, die Internetseite befristete BAT-IIa-Stelle und Sachmittel in Höhe des GKMV zu besuchen (www.vetmed.uni- von ca. 100 000 €/Jahr. So konnte das GKMV giessen.de/grad-kolleg/homepage.html) oder am 1. Oktober 2004 in seine dritte und letzte direkt mit den beiden Sprechern Kontakt auf- dreijährige Förderperiode starten. Eine neue zunehmen. 91 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 12 gjgjjjjjg spendengala 17.05.2005 9:16 Uhr Seite 93 Ausverkaufte Kongresshalle am 25. Februar 2005 – Hochschulgesellschaft als Mitveranstalter Stargast unserer Spendengala Katja Riemann: „Und passen Sie gut auf Ihre Kinder auf“ Die Geschichte des dreijährigen Leander beweg- aus tiefstem Herzen. Und danke, dass wir uns te die Menschen. Seine Mutter Dido Smeets er- hier immer geborgen fühlen durften.“ Die herz- zählte den knapp 400 Gästen der Wohltätig- liche Umarmung der Beiden unterstrich die be- keitsgala zu Gunsten des Gießener Kinderherz- wegenden Worte, die vom Publikum mit viel Ap- transplantationszentrums in der Kongresshalle plaus bedacht wurden. von Verzweiflung und Hoffnung, von Vertrauen, Das Geld des Ehepaares Dido und Peter Smeets Geborgenheit und Glück. „Leander versucht im sowie die Einzelspende in Höhe von 15 000 Euro, Moment den höchsten Legoturm Frankfurts zu die Alfred Wieder von der Aktiengesellschaft Wie- bauen.“ Ihn dabei zu beobachten sei „jeden Tag der aus Seefeld am Starnberger See mit seinem ein Wunder“. Mitarbeiter Stefan Altmann überreichte, sind wei- Leander litt an einem schweren Herzfehler. Vor tere finanzielle Mosaiksteinchen. Mit dem Erlös elf Monaten wurde ihm im Kinderherzzentrum aus Eintrittsgeldern (knapp 16 000 Euro) der Be- an der Lahn mit einer Transplantation das Leben nefizveranstaltung, zu der das hessische Ministe- gerettet. „Das Wort ,Danke’ sagt nicht genug rium für Wissenschaft und Kunst, die Stadt aus“, so Dido Smeets. Gießen und die Gießener Hochschulgesellschaft Sie überreichte dem Leiter des Zentrums, Profes- eingeladen hatten, sind die Initiatoren dem Bau sor Dietmar Schranz, auf der Bühne einen Spen- des ersten deutschen Kinderherztransplantations- denscheck in Höhe von 7000 Euro. „Es kommt zentrums ein Stück näher gekommen. Abb. 1: Katja Riemann, die bekannte Schauspielerin und Unicef-Botschafterin, präsentierte sich als talentierte Jazz- Sängerin (Quelle: Möller) 93 spendengala 17.05.2005 9:16 Uhr Seite 94 Die Gießener und die Fördergemeinschaft spielerin und engagierte Unicef-Botschafterin Deutsche Kinderherzzentren haben auf ihrem präsentierte sich als talentierte Jazz-Sängerin. Mal gemeinsamen Weg im Wissenschaftsministeri- frech, mal lebhaft, mal traurig oder mit einem um mit Staatssekretär Professor Joachim-Felix Schuss Erotik in der Stimme, sang sie über Leonhard einen „Menschen gefunden, der sich „Schatten“, „Bad Boys“ und interpretierte den beispiellos für das Kinderherzzentrum ein- Song „What a difference a day makes“ auf ihre setzt“, so Sylvia Paul, Geschäftsführerin der ganz eigene Art. Am Ende ihres umjubelten Auf- Fördergemeinschaft. Und Leonhard gab das tritts rief sie dem Publikum zu: „Gehen Sie nach Lob zurück. „Sie widmen sich seit einem drei- Hause, lieben Sie Ihre Frau, Ihren Mann und, vor viertel Jahr einer guten Sache, die Exzellenzför- allem, passen Sie gut auf Ihre Kinder auf.“ derung bedeutet.“ Den Künstlern des Abends, Sichtlich gut aufgelegt waren die Teilnehmer der die auf einen Großteil ihrer Gagen verzichtet sportlichen Talkrunde. Die drei Fußball-Weltmeis- haben, dankte Leonhard auch im Namen des ter Andreas Brehme, Uwe Bein und, allen voran, Schirmherrn der Gala, Ministerpräsident Ro- Horst Eckel, Mitglied der legendären Elf, die 1954 land Koch. Das Programm, das die Veranstalter „Das Wunder von Bern“ möglich machte, plau- dank der Unterstützung zahlreicher Sponsoren derten ungezwungen mit Moderator Heygen, – Medienpartner waren der Hessische Rund- Staatssekretär Leonhard und dem Präsidenten funk und der Gießener Anzeiger – für die der Gießener Hochschulgesellschaft, Dr. Wolf- knapp 400 Gäste „angerührt“ (Leonhard) hat- gang Maaß. ten, war eine bunte Mischung aus Musik, Sport „Ich bin stolz darauf, wenn ich helfen kann“, und Unterhaltung. Durch den Abend führte sagte Brehme. Und Bein, selbst Vater dreier Kin- der Fernsehmoderator Heinz Günter Heygen. der, nickte zustimmend, als auch er nach der Mo- Höhepunkt des Abends war der Auftritt des tivation für seinen Auftritt gefragt wurde. Und „Katja-Riemann-Oktetts“. Die bekannte Schau- Horst Eckel, der nach eigenen Angaben gerade Abb. 2: Die Teilnehmer der sportlichen Talkrunde: von links Joachim Felix Leonhard, Andreas Brehme, Dr. Wolfgang Maaß, Uwe Bein, Horst Eckel und Moderator Heinz Günter Heygen (Quelle: Möller) 94 spendengala 17.05.2005 9:16 Uhr Seite 95 mal „knapp über 50 Jahre“ alt ist, „hilft immer, wenn es um kranke Kinder geht“. Die drei Fußballer signierten am Ende ihres Auftrittes noch Bälle, die zugunsten des Kinderherztransplanta- tionszentrums verkauft wur- den. Aber auch zwei Gießener hatten sich in den Dienst der guten Sache gestellt. Die mehrfachen Weltmeister in den Lateinamerikanischen Tänzen, Franco Formica und Oksana Nikiforova, begeis- terten das Publikum einmal mehr mit einer hervorragen- den Tanzshow. Von einer geradezu an- steckenden Lebensfreude zeigte sich der junge, blin- Abb. 3: Blick in das Publikum der Benefizveranstaltung (Quelle: Möller) de Liedermacher Robert Lütteke. „Ich habe ein Lied für das Zentrum geschrieben“, kündigte „...Dank Hakan und Klaus gibt es für sie (die er an, in dem der Zuhörer in einer Liedzeile Kinder) ein Morgen ...“. hörte: „...kranken Kinderherzen helfen wir (in Mit dem ersten deutschen Kinderherztrans- Gießen) sehr gern ...“ Und einen weiteren plantationszentrum wollen die Gießener Ärzte Song widmete der Künstler, dem im Jahr 2000 noch vielen Kindern wie Leander helfen. „Der in Gießen ein Herzschrittmacher eingesetzt Leander sieht aus wie Bill Gates. Und ich weiß, wurde, dem Team der Klinik mit Dr. Hakan dass er noch etwas Großes reißen wird“, so Akintürk und Dr. Klaus Valeske an der Spitze. Professor Schranz zu Dido Smeets. Gießener Anzeiger vom 28. Februar 2005 95 hoffmann 17.05.2005 9:02 Uhr Seite 12 gjgjjjjjg pauls 17.05.2005 9:04 Uhr Seite 97 Hartmut Pauls Modernisierung der Ausstattung des Biochemischen Praktikums für Veterinärmediziner An dem im dritten Studiensemester stattfinden- dass nach einer Modernisierung der apparati- den Biochemischen Praktikum für Veterinär- ven Ausstattung des Biochemischen Prakti- mediziner nehmen jährlich über 200 Studentin- kums diesen Ansprüchen nun weitgehend ent- nen und Studenten teil. In diesem Praktikum sprochen wird. werden – von einem Seminar begleitet – die Die seitens der Gießener Hochschulgesellschaft Grundlagen der Biochemie behandelt. bereitgestellten Mittel wurden vorwiegend Ziel ist es, den Studierenden über eigene Unter- zum Kauf von Mikroliterpipetten und Zentrifu- suchungen, z. B. zu speziellen Gegebenheiten gen verwendet. Die Ausstattung der einzelnen des Phosphatstoffwechsels, den Eigenschaften Arbeitsplätze mit Mikroliterpipetten ist sowohl und der Isolierung von Proteinen (Enzymen!) für die Durchführung quantitativer Versuche oder dem Protein-, Kohlenhydrat- und Lipidstoff- als auch aus Sicherheitsgründen zwingend not- wechsel, ein besseres Verständnis für die kom- wendig. plexen und vielfach speziesspezifischen bioche- Die Zentrifugen werden von den einzelnen mischen Regulationsprozesse zu vermitteln. Praktikumsgruppen z. B. für die Isolierung von Das Ergebnis der Versuche hängt außer vom Proteinen oder für die Probenvorbereitung ver- Geschick des Experimentators stark von den wendet. Ohne die neuen Geräte wären viele äußeren Bedingungen ab; ohne Einsatz von Versuche im Praktikum nicht durchführbar, an- modernen, sicheren Geräten sind anspruchs- dere würden wesentlich mehr Zeit beanspru- volle Experimente nicht möglich. Dank einer chen; Zeit ist aber, auch für die Studierenden, großzügigeren Förderung durch die Gießener besonders seit der Neuordnung des Studiums, Hochschulgesellschaft e.V. ist es gelungen, Mangelware. 97 pauls 17.05.2005 9:04 Uhr Seite 98 98 grabes 17.05.2005 9:05 Uhr Seite 99 Herbert Grabes Literatur, Literaturgeschichte und kulturelles Gedächtnis Welche Bedeutung haben Literatur und Litera- place in the present: it does not simply recover, turgeschichte für das kulturelle Gedächtnis? but recreates.“ Größere Veränderungen einer Dieser Frage war ein von meinem anglistischen Kultur kommen durch eine solche Variation des Kollegen Ansgar Nünning und mir organisier- Überkommenen allerdings nicht zustande, sie tes Symposium gewidmet, das im Rahmen des bedingen ein mehr oder minder bewusstes Ver- Gießener Sonderforschungsbereiches „Erinne- gessen oder Verdrängen des bis dahin Bewahr- rungskulturen“ im Sommer 2004 auf Schloss ten. Dies war sehr deutlich dem Beitrag von Rauischholzhausen stattfand. Und weil es Richard Helgerson (Santa Barbara) über die darum ging, das Problem möglichst umfassend Entstehung der neueren französischen Natio- aus verschiedenem Blickwinkel zu diskutieren, nalliteratur im Zeitalter der Renaissance zu ent- war die Besetzung sowohl interdisziplinär wie nehmen. Diese Nationalliteratur (wie auch die- international ausgerichtet. Um zu erfahren, jenige Spaniens oder Englands) entstand näm- dass nichts uns so viel zu sagen vermag über lich aus einem gewollten Bruch mit der heimi- die Mentalität, die Sehnsüchte und Ängste un- schen Dichtungstradition und ihrer Ersetzung serer Vorfahren wie die Literatur, bedarf es kei- durch diejenige des antiken Griechenlands und ner aufwändigen wissenschaftlichen Untersu- Roms sowie des neueren Italiens. Zugleich chungen, sondern nur der Lektüre. In welchem konnte man erkennen, dass das Neue zuweilen Maße die Literatur zu einem integralen Teil des nur ein anderes Altes ist, kulturelle Erneuerung kulturellen Gedächtnisses geworden ist und durch einen Wechsel des kulturellen Gedächt- wie sie dessen Inhalte und Struktur mitbe- nisses zustande kommen kann. stimmt, eröffnet sich jedoch erst dem literatur- Dass die Literatur andererseits in der Lage ist, und kulturwissenschaftlichen Blick. Und wie Personen und Ereignisse über Jahrhunderte unterschiedlich die Blickrichtung und Fokussie- nicht nur im umfassenderen kulturellen, son- rung dabei sein kann – und auch sein dern auch im jeweils aktuellen kollektiven Ge- muss –, hat dieses Symposium sehr deutlich dächtnis zu halten, dürfte nach dem Vortrag aufgewiesen. Erst in der Vielgestaltigkeit des- ”Making History Memorable: More, Shakes- sen, was auf diese Weise sichtbar wird, zeigt peare and Richard III“ von Andreas Höfele sich das große Potenzial der Beziehung zwi- (München) niemand unter den Anwesenden schen Literatur, Literaturgeschichte und kultu- noch bezweifelt haben. Obwohl aus heutiger rellem Gedächtnis. Sicht keineswegs klar ist, inwieweit es sich bei So vermochte Catherine Belsey (Cardiff) am der History of King Richard III des Thomas Beispiel der Wiederaufnahme der schottischen Morus um Geschichtsschreibung oder Mythen- Gedichte vom ”Silly Jack“ (bzw. vom Dümm- bildung handelt, sollte die Darstellung Richards ling aus dem Märchen von der Goldenen Gans) III. als Inbegriff des grausamen Schurken auf in den Erfolgsromanen über Harry Potter zu de- dem Weg über Edward Halls historiographische monstrieren, dass das kulturelle Gedächtnis Grundlegung des Tudor-Mythos zu Shakes- weithin aus einem Wiedererzählen – allerdings peare gelangen und durch dessen Historiendra- mit signifikanten Unterschieden – besteht. Dies ma bis heute erhalten und eminent wirksam sorgt für Kontinuität, aber Wiedererinnern bleiben. Daran hat auch die Website der Richard schließt auch immer ein Erschaffen mit ein, ist III Foundation, die sich redlich um eine Rehabili- nicht nur ein Zurückholen: ”Anamnesis takes tierung von ”a man wrongly accused“ bemüht 99 grabes 17.05.2005 9:05 Uhr Seite 100 und sogar eine DNA-Analyse der Knochen sei- von der so generierten Komplexität der Erinne- ner angeblichen Opfer fordert, bislang kaum rung sichtbar werden zu lassen, indem er auf etwas ändern können. Der Präsenz, die das Beispiele abhob, in denen die jeweils neueste Drama und Theater der sich in seiner ruchlosen Kultur auf eine in der Gegenwart noch präsen- Verschlagenheit selbst offenbarenden Figur te sehr viel ältere stößt, also das Phänomen der „Richard III“ bietet, ist aufgrund ihrer emotio- Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen literarisch nalen Wirkung und zumindest scheinbaren konkretisiert wird. psychologischen Wahrscheinlichkeit mit einer Aber die Literatur kann nicht nur der Komple- skeptischen Argumentation nicht leicht zu be- xität des kulturellen Gedächtnisses Ausdruck gegnen. Und dass dies nicht nur für das Drama verleihen, sie vermag auch sehr unterschiedli- und für die Personendarstellung gilt, sondern che Erinnerungskulturen in einer gemeinsamen auch für den realistischen Roman und die darin literarischen Gegenwartskultur zusammenzu- so oft beschworene Szenerie des englischen führen, indem sie einen für alle attraktiven country house, war nur der materiale Aspekt Sprachstil generiert. Den Nachweis hierfür lie- des Beitrags von Catherine Bernard (Paris). ferte Werner Sollors (Harvard), der im Einzelnen Schon der Titel ”Habitations of the Past: of darlegte, inwiefern der an der Kunstprosa Ger- Shrines and Haunted Houses“ enthielt eine An- trude Steins geschulte Sprachstil Ernest He- spielung auf den Begriff des „kulturellen Habi- mingways für Autoren mit äußerst unter- tus“, der innerhalb der Kulturtheorie des be- schiedlichem kulturellem Gedächtnis als geeig- deutenden französischen Soziologen Pierre nete Ausdrucksform zu erscheinen vermochte Bourdieu eine zentrale Bedeutung besitzt. So und wie demzufolge so etwas wie ein gemein- wurde denn auch deutlich, dass das country samer amerikanischer Prosastil des 20. Jahr- house in den Romanen des 19. Jahrhunderts hunderts entstehen konnte. Und war dies ein für nichts weniger als eine ganze Gesellschafts- Weg, durch den literarischen Diskurs den ordnung und einen verinnerlichten kulturellen Zwängen des tradierten kulturellen Gedächt- Verhaltenskodex steht, die besondere Art der nisses zu entkommen, so zeigte Tadeusz Sla- „habitation“ für einen identitätsbildenden wek (Kattowitz) einen weiteren auf, indem er „habitus“. Dies erklärt zugleich die Vorliebe das „wilde Denken“ der Dichter als Gegenmit- der neueren im Trend liegenden historischen tel gegen die ”dominating modes of cultural Romane und der Heritage Industry für diesen memory and canons of history of arts and lite- Schauplatz und demonstriert die Formierung rature” propagierte. Dass ihm dies auch gleich- des kulturellen Gedächtnisses nach den Be- sam vorbildhaft gelang, dafür sorgte sein an dürfnissen der Gegenwart. Nietzsche und Derrida orientierter, ideenreicher Dass eine retrospektive Haltung indes keines- Zugriff auf die visionäre Dichtung William wegs immer zu einem Schwelgen in Nostalgie Blakes. oder zu einer elegischen Tonlage führen muss, Die dominanten Formen des kulturellen Ge- konnte Ulrich Seeber (Stuttgart) am Beispiel der dächtnisses und der tradierte Kanon der Kunst- ”Great English High-Anti-Modernist Tradition und Literaturgeschichte sind in der Tat in den in Poetry“ zeigen, wie sie von Dichtern wie letzten Jahrzehnten ein primäres Objekt der Thomas Hardy, Edward Thomas, Philip Larkin Dekonstruktion und sogar Destruktion gewe- und Andrew Motion generiert wurde. Darin sen, weil sie auf dem Hintergrund poststruktu- mag zwar das Bewusstsein einer entfremdeten ralistischen Denkens willkürlich erschienen und Existenz in der modernen Welt zuweilen eine nach diesem Verlust an Autorität auch unnötig sehnsüchtige Suche nach einer stärker sinner- einengend. Dabei blieb ihre konstitutive Be- füllten Vergangenheit auslösen, aber eine deutung für das kulturelle Gedächtnis ebenso durchgehend unromantische, der Umgangs- außer Ansatz wie ihre Genealogie. Um so wich- sprache entlehnte Tonlage sorgt zugleich dafür, tiger erschienen die verschiedenen Beiträge zur dass es zu keiner Verklärung kommt. Todd K. Geschichte der Literaturgeschichtsschreibung Bender (Madison) vermochte ebenfalls etwas und zur Geschichte der „Literatur“ als Gegen- 100 grabes 17.05.2005 9:05 Uhr Seite 101 stand kultureller Institutionen. So informierte der Gesamtthematik behandelt wurden. Mein der Gießener Germanist Gerhard Kurz unter Gießener Kollege Ansgar Nünning gab einen dem Aspekt „Wissen und/oder Erinnern“ über systematischen Überblick über die in der Litera- die Anfänge der deutschen Literaturgeschichts- turwissenschaft verwendeten Gedächtniskon- schreibung im 18. Jahrhundert, die auch von zepte und unterschied dabei insbesondere zwi- lokalem Interesse sind, weil es der Gießener schen verschiedenen Formen, in denen die Li- Professor Christian Heinrich Schmid war, der teratur im kollektiven Gedächtnis gehalten die erste Geschichte der deutschen Literatur wird, der Darstellung des Gedächtnisses in der verfasste. Der Romanist Daniel Brewer von der Literatur, der Literatur als Medium des kollekti- University of Minnesota hinwiederum zeigte ven Gedächtnisses und der literaturwissen- am Beispiel der Kanonisierung des Frankreich- schaftlichen Betrachtung von Erinnerungskul- bilds des 19. Jahrhunderts durch den Kritiker turen. Ebenso grundsätzlicher Natur war der Charles-Augustin Sainte-Beuve, dass Epochen- Beitrag von Jürgen Schlaeger (Berlin) über die konzepte wie z. B. das der Aufklärung immer Auswirkungen der neurobiologischen Hirnfor- nachträglich konstruiert werden und zum kul- schung auf das Verständnis des kulturellen Ge- turell Imaginären der Literaturgeschichtsschrei- dächtnisses und der Funktion der Literatur. Es bung gehören. Dass es zunächst der Konzipie- gibt offenbar gute Gründe anzunehmen, dass rung und Verbreitung eines umfassenden Bil- die äußerst komplexen literarischen Strategien des von der eigenen Nationalliteratur bedurfte, den im Evolutionsprozess entwickelten Prozes- damit diese zu einem wichtigen Bestandteil des sen im Gehirn sehr viel ähnlicher sind als die kulturellen Gedächtnisses werden konnte, meisten anderen kulturell hochgeschätzten wurde von Margit Sichert (Gießen) am Beispiel Produkte geistiger Tätigkeit. Auch Vera Nün- der ersten modernen englischen Literaturge- ning (Heidelberg) bezog solche Ergebnisse der schichte von Robert Chambers aufgewiesen. neueren Hirnforschung in ihre Untersuchung Diese Literaturgeschichte war Teil eines breiten der Fiktionen des kollektiven Gedächtnisses mit Volksbildungsprogramms, und die Bemühung ein, die sich vom individuellen auf ein kollekti- des Verfassers, Bildung nicht nur als Wissens- ves Gedächtnis analog übertragen lassen. Als vermittlung, sondern auch als Gefühls- und konkrete Beispiele dienten ihr dabei das Lon- Herzensbildung erscheinen zu lassen, stand im don Monument, Robin Hood und die norman- Dienste seiner Absicht, das politisch zerrissene nische Eroberung in ihrer Bedeutung für das England über moralische Werte zu einen. Ba- englische kollektive Gedächtnis. Um die Funkti- sierend auf einem breiten historischen on der Literatur als Medium des kollektiven Ge- Überblick über die vom 16. Jahrhundert bis dächtnisses ging es sodann in dem Beitrag von heute verfassten Geschichten der englischen Astrid Erll (Gießen). An historischen breit ge- Literatur suchte ich selbst dann schließlich die streuten Beispielen, die von John Miltons Para- allgemeiner gültigen Voraussetzungen darzu- dise Lost aus der Mitte des 17. Jahrhunderts bis stellen, die für eine Verankerung der Literatur zu Julian Barnes’ A History of the World in im kulturellen Gedächtnis gegeben sein müs- 10 1/2 Chapters aus unserer Zeit reichen, wurde sen. Als unabdingbar hat sich dabei die Bildung der Einfluss literarischer Vergangenheitsdarstel- eines Kanons erwiesen, der zudem hierarchisch lung in ihren verschiedenen Spielarten auf Erin- gestuft sein muss, wenn ein Kompromiss zwi- nerungskulturen präsentiert. Ausgehend von schen den Kriterien der Qualität und Quantität der inzwischen unbestrittenen Tatsache, dass gefunden werden soll, und in Epochen und wir es spätestens seit der Romantik in westli- Gattungen gegliedert, damit er besser memo- chen Gesellschaften nicht mehr mit einem ein- rierbar wird. heitlichen kulturellen Gedächtnis, sondern Mit diesen generellen Beobachtungen ist be- einem jeweiligen Bündel von Erinnerungskultu- reits in diesem Bericht der Übergang zu den ren zu tun haben, suchte Philipp Wolf (Gießen) noch stärker theoretischen Beiträgen erreicht, das besondere ethische Potenzial des literari- in denen verschiedene systematische Aspekte schen Gedächtnisses aufzuweisen. Indem die 101 grabes 17.05.2005 9:05 Uhr Seite 102 Literatur die Komplexität einer historischen blem erwies sich dabei die Frage nach den Se- Epoche in einer persönlichen, beispielhaften lektionskriterien für das kulturelle Gedächtnis. und sinnlich erfahrbaren Weise aufscheinen Tröstlich erschien, dass es wohl nicht der statis- lässt, bietet sie den Lesern individuelle Mög- tisch ermittelte Durchschnittsgeschmack sein lichkeiten der Identifikation und ethischen Be- kann, der dabei maßgeblich ist. Schon eher urteilung. Und in anderer Richtung interdiszi- unser Sinn für das alle Erwartungen sprengen- plinär über die Literaturästhetik hinausgehend, de „Ereignis“. Wie die Teilnehmer einhellig be- setzte sich abschließend Ronald Shusterman kundeten, hat das Symposium zumindest ihre (Bordeaux) mit Arthur C. Dantos These vom hohen Erwartungen noch übertroffen. Um so Ende der Kunst und deren Konsequenzen für mehr sei der Gießener Hochschulgesellschaft die Konzeption des kulturellen Gedächtnisses dafür gedankt, dass sie finanziell mitgeholfen auseinander. Als zentrales und bleibendes Pro- hat, es zu realisieren. Haushalts- Fachkräfte reinigen Ihr Privathaus, Ihre Geschäftsräume Service und versorgen Sie bei Krankheit (Krankenkassenzulassung). Wir kommen regelmäßig oder wann immer Sie uns brauchen. Ein erfolgreiches Angebot gegen Schwarzarbeit in Privathaushalten – steuerlich absetzbar. Party-Service für Ihre Privateinladungen und Feste Catering für Firmen, Empfänge, Tagungen usw. Schloss Tagungshotel der Universität Gießen, Rauischholzhausen ab 1. Oktober 2003 Pächterin Ausrichtung von Tagungen, Seminaren und Privatfeiern. Schloss-Café für Park- und Schlossbesucher/innen sonntags geöffnet ab 13.00 Uhr Faber-Management Dienstleistungsunternehmen für Haushalt und Familie Inhaberin Elisabeth Faber, Hauswirtschaftsmeisterin Ludwigstraße 47a · 35390 Gießen · Telefon: 06 41/9 71 69 00 Fax: 06 41/9 71 69 02 · E-Mail: Faber-Management@t-online.de 102 lührmann 17.05.2005 9:06 Uhr Seite 103 Wolfgang Lührmann Die Hochschuldidaktische Weiterbildung an der Justus-Liebig-Universität Gießen Seit dem Sommersemester 1998 gibt es an der geblieben. Fachlich kommen die Kursteilnehmer JLU ein Kursangebot zur hochschuldidaktischen aus allen wissenschaftlichen Bereichen der Uni- Weiterbildung der Lehrenden. Initiiert wurde es versität. vom damaligen Vizepräsidenten der Universität, Mit diesem Angebot hat die Gießener Universität Prof. Bernd Hoffmann, und bis zum Sommerse- den Einstieg in die hochschuldidaktische Qualifi- mester 2003 von Sabine Heymann, M.A. – zierung der Lehrenden geschafft – mit ihm zunächst aus dem Medienreferat des Zentrums wurde eine lange bestehende und oftmals be- für interdisziplinäre Lehraufgaben und danach klagte Lücke geschlossen. Moderne Hochschulen aus dem Zentrum für Medien und Interaktivität sind auf eine hohe Qualifikation im Bereich der – koordiniert und organisiert. Über die Jahre hat Lehre ebenso angewiesen wie auf die hohe Qua- sich ein kleines, in seiner thematischen Orientie- lität der Forschung. Insbesondere die jungen rung und in der Beteiligung der Lehrenden aber Wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitar- erstaunlich stabiles Programm entwickelt. beiter benötigen am Beginn ihres Weges in die Das Programm bot und bietet pro Semester akademische Lehre Unterstützung und können etwa ein Dutzend Kurse zu den Themen: Vorbe- von den Erfahrungen anderer profitieren: es reitung, Durchführung und Evaluation von Se- muss nicht jeder für sich „das Rad neu erfinden“ minaren, Seminarmethoden, Lehre in den Na- und manche ungute Erfahrung lässt sich auf die- turwissenschaften, Supervision und Coaching, sem Wege auch vermeiden. Erfahrene Lehrende Powerpoint-Präsentation und andere computer- wissen um spezielle „Schwachstellen“ ihres Lehr- gestützte Präsentationen in der Lehre, E-learn- verhaltens und finden in der Hochschuldidakti- ing, Sprecherziehung und Stimmbildung, Konfe- schen Weiterbildung Möglichkeiten, sie zu behe- renz-Englisch, Zeit- und Gedächtnismanage- ben – und bei den neuen Medien und den auf sie ment, journalistisches, wissenschaftliches und gestützten Lehrformen besteht durch das Pro- kreatives Schreiben, Layout und Textverarbei- gramm für alle Interessierte die Möglichkeit, „auf tung wissenschaftlicher Texte, Konzeption und der Höhe der Zeit“ zu bleiben. Durchführung schulpraktischer Studien, Litera- Die zur Verfügung stehenden Mittel für das Pro- turrecherche u.a.m. gramm waren von Anfang an knapp bemessen Die Kurse werden zum größeren Teil von An- und sind im Laufe der Zeit entsprechend der gehörigen der Universität angeboten – sozusa- schwieriger werdenden Finanzlage der Uni- gen als institutionelle Selbsthilfe „von Lehren- versität noch einmal halbiert worden. Die Pro- den für Lehrende“ –, zum anderen Teil wird das grammorganisatoren sind dankbar, wenn wie im Programm von Freiberuflern getragen. Die Zahl Jahr 2003 die Gießener Hochschulgesellschaft der Teilnehmer und Teilnehmerinnen schwankt mit einer Spende weiter hilft. zwischen 6 und 24 pro Kurs, und der Besuch Soweit der Stand der Dinge – wie wird, wie kann wird mit einem entsprechenden „Schein“ zerti- es weitergehen? Zum einen geht es darum, dass fiziert, den die Kursleiter und der für die Lehr- das schon vorhandene Angebot gepflegt und und Studienangelegenheiten zuständige Vize- weiter entwickelt wird; Rhetorikkurse etwa und präsident unterschreiben. Die Wissenschaftli- solche, die sich mit Fragen der Beratung und der chen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter stellen Prüfung beschäftigen, würden – die Nachfragen mit etwa 85% die Mehrheit der Seminarbesu- zeigen es – ihre Teilnehmer finden. Zum anderen cher; die Professoren sind hier in der Minderheit steht das Hochschulstudium gegenwärtig in 103 lührmann 17.05.2005 9:06 Uhr Seite 104 einem tiefgehenden Veränderungsprozess. Die als bisher in die Fortbildung von Berufstätigen schon jetzt gut erkennbaren Veränderungen des eingebunden wird? akademischen Studiums durch die Modularisie- Eine Hochschuldidaktische Weiterbildung, die rung der Studiengänge und die Einführung ge- diese Fragen aufgreift und kompetent bearbei- stufter Studiengänge – also jener Veränderun- tet, könnte den begonnenen, in seiner Dimensi- gen, die unter dem Stichwort „Bologna-Pro- on in weiten Teilen noch gar nicht hinreichend zess“ gehandelt werden – dürften auf die Hoch- gesehenen und auch nur schwer überschauba- schuldidaktik nicht ohne Auswirkung bleiben. ren Prozess der Veränderung des Studiums an Oder in anderer Perspektive: die Hochschuldi- der Universität begleiten und fördern. Sie könn- daktische Weiterbildung könnte zukünftig ein te dies im Rahmen der gegenwärtig in eine neue Ort sein, an dem über zentrale didaktische Fra- Etappe tretenden Kooperation der Hochschulen gen der Lehre in den veränderten Studiengän- in der Region in der Vernetzung mit den Ange- gen nachgedacht wird. Wie lassen sich der im boten der anderen Hochschulen tun. Nicht nur, Rahmen der Module festgesetzte studentische weil das Diktat der knappen Kassen die optima- Arbeitsaufwand (Workload), die Arbeit in den le Verwendung aller Ressourcen erfordert, son- Lehrveranstaltungen und die Eigenarbeit der dern auch, weil eine solche Kooperation das Er- Studierenden systematisch aufeinander bezie- fahrungsfeld vergrößert und den Beteiligten er- hen? Welche Strukturierungshilfen für die stu- möglicht, die eigenen Fragen, Probleme und Lö- dentische Eigenarbeit können oder müssen in sungsansätze in einem größeren Zusammen- den Lehrveranstaltungen gegeben werden? Wie hang mit größeren Vergleichsmöglichkeiten zu lassen sich in Form und Anforderungsniveau sehen. Standards für die Modulprüfungen finden? Wie Aber bei allen finanziellen Schwierigkeiten, vor muss die Information und Beratung der Studie- die unsere Universität wie alle anderen Univer- renden beschaffen sein, die das Studium in den sitäten gestellt ist: auf Dauer wird eine Univer- modularisierten und gestuften Studiengängen sität, die sich mit anderen in Konkurrenz nicht erfordert? Wie lässt sich die geforderte Vermitt- zuletzt auch um die guten Studierenden befin- lung der Schlüsselkompetenzen gestalten? Wie det, nicht darum herumkommen, eine mit gestaltet sich die Orientierung der Module am hauptamtlichem Personal ausgestattete hoch- Kompetenzbegriff: ist sie überhaupt realisierbar schuldidaktische Arbeitsstelle einzurichten, die und wie weit wird sie realisiert? Wie lässt sich ganz systematisch, unter Einbeziehung weiterer eine am Lernertrag ausgerichtete Evaluierung Hochschulangehöriger und externer Fachleute des Studiums einzelner Module und des gesam- und mit hoher Professionalität Kurse anbietet, ten Studiums organisieren? Wie soll die in den durchführt und evaluiert, in denen Lehrende Lehramtsstudiengängen zukünftig mögliche und Unterrichtende – vom studentischen Tutor Form der Lernprozess- und Leistungsdokumen- bis zum erfahrenen Professor – ihr Lehr- und Un- tation durch Portfolios gestaltet werden – eine terrichtshandeln entwickeln und optimieren Form, die auch die Arbeitsbeziehung von Leh- können. Auch die Hochschuldidaktische Weiter- renden und Studierenden in gewisser Weise ver- bildung von Lehrenden kann ein Moment in der ändern würde? Wie kann und muss die akade- nötigen und angestrebten Profilbildung der mische Lehre darauf reagieren, dass sie stärker Hochschule sein. 104 doelp 17.05.2005 9:00 Uhr Seite 105 Ulrich Dölp Dissertationsauszeichnungen der Justus-Liebig-Universität Gießen im Jahr 2004 Durch die finanzielle Unterstützung der Gieße- zeption der Arbeit, die insgesamt drei Einzelun- ner Hochschulgesellschaft war es auch im Jahr tersuchungen beinhaltet. Hervorzuheben ist 2004 wieder möglich, sieben hervorragende, auch, dass Frau Dr. Krauss eine theoretisch und an der Justus-Liebig-Universität Gießen einge- methodisch außergewöhnlich sorgfältige, wis- reichte Dissertationen mit einer Summe von je senschaftlich präzise, interdisziplinäre und 500 Euro auszuzeichnen. kreative Leistung erbracht hat. Die in englischer In der Sektion Dr. iur. und Dr. rer. pol. wurde Sprache verfasste Arbeit wird dadurch auch im Herr Dr. Sandy Bernd Reichenbach (Fachbereich kulturellen Rahmen der Untersuchung einer in- 01, Rechtswissenschaft) mit seiner Dissertation ternationalen Öffentlichkeit zugänglich. „§ 1004 BGB als Grundlage von Beweis- In der Sektion Dr. rer. nat. wurde die Disserta- verboten. Zur Verwertbarkeit persönlichkeits- tion von Herrn Dr. Carsten Müller (Fachbereich rechtsbeeinträchtigender Beweismittel im Zivil- 07, Mathematik und Informatik, Physik, Geo- prozess“ ausgezeichnet. Die Arbeit wurde als graphie) „Nichtlineare Paarerzeugung im Stoß besonders interdisziplinär und somit als beson- eines relativistischen Kerns mit einem intensi- ders preiswürdig eingeschätzt, da Herr Dr. Rei- ven Laserstrahl“ ausgezeichnet. Die überragen- chenbach ein sehr bedeutsames Thema ge- de Arbeit von Herrn Dr. Müller betrifft das Ge- wählt hat und zu interessanten Ergebnissen ge- biet der Wechselwirkung von Laserlicht mit langt ist. Materie und den „nichtlinearen Bethe-Heitler- In der Sektion Dr. phil. und Dr. rer. soc. wurde Prozess“ für freie Paarproduktionen. Sie hat Frau Dr. Stefanie I. Krauss (Fachbereich 06, Psy- entscheidend zur Formulierung des Forscher- chologie und Sportwissenschaft) mit ihrer Ar- programms eines internationalen Beschleuni- beit zum Thema „Psychological Success Factors gerzentrums für Ionen- und Antiprotonen- of Small and Micro Business Owners in Sou- strahlen beigetragen. Die Ergebnisse dieser Dis- thern Africa: A Longitudinal Approach“ ausge- sertation, die bereits in sieben Publikationen in- zeichnet. Diese Dissertation als eine herausra- ternational gewürdigt wurde, wurden bereits gende Längsschnittstudie wurde als eine der als Pflichtlektüre empfohlen, da sie durchge- besten Untersuchungen der Entrepreneurship- hend die physikalischen Zusammenhänge an- forschung beurteilt. Die Arbeit hat deutlich in- schaulich darstellen. Die außergewöhnliche novativen Charakter und eine besonders große Leistung von Herrn Dr. Müller wird noch von gesellschaftspolitische Bedeutung. Frau Dr. der Tatsache unterstrichen, dass er seine mit Krauss untersuchte als eine der Ersten psycho- äußerster Sorgfalt und profunden Kenntnissen logische Einflussfaktoren von individuellem En- der Zusammenhänge durchgeführte Arbeit in gagement beim Beginn und der Fortentwick- weniger als drei Jahren anfertigte. Herr Dr. Mül- lung von unternehmerischem Handeln. Hervor- ler studierte neben Physik auch noch Mathe- zuheben ist, dass ihre Arbeit in Zimbabwe, Na- matik und schloss beide Studiengänge mit mibia und Südafrika durchgeführt wurde und „ausgezeichnet“ im Diplom ab. Darüber hin- damit die besondere Situation von Entwick- aus wird er noch dieses Jahr sein Mathema- lungsländern Berücksichtigung fand. Insbeson- tikstudium mit einer Promotion abschließen. dere überzeugten die vorgenommene theoreti- Während seines Studiums mit Auslandsaufent- sche Einordnung und die gewählte methodi- halt war er Stipendiat der Studienstiftung des sche Herangehensweise sowie die Gesamtkon- deutschen Volkes. 105 doelp 17.05.2005 9:00 Uhr Seite 106 In der Sektion Dr. agr. und Dr. oec. troph. Sektionsunabhängig wurde die Dissertation wurde Frau Dr. Elke C. Hietel (Fachbereich von Herrn Dr. Dennis Pausch (Fachbereich 04, 09, Agrarwissenschaften, Ökotrophologie und Geschichts- und Kulturwissenschaften) mit Umweltmanagement) mit ihrer Dissertation dem Thema „Biographie und Bildungskultur. „Methodik zur Erarbeitung standörtlicher und Form und Funktion von Personendarstellungen sozioökonomischer Indikatoren der Land- bei Plinius dem Jüngeren, Gellius und Sueton“ nutzungsdynamik einer peripheren Region“ ausgezeichnet. Diese Dissertation als eine sehr ausgezeichnet. Die Arbeit von Frau Dr. Hietel solide, gut durchdachte und quellennah ver- beschäftigt sich mit der Veränderung von Land- fasste Arbeit zur spätantiken Bildungskultur nutzung und versucht den Einfluss von Stan- entstand aus dem Sonderforschungsbereich dortbedingungen und sozioökonomischen 434 „Erinnerungskulturen“ und wird als stark Faktoren auf die Veränderungen zu indentifi- sachbezogen und stark im Fach verankert ge- zieren. Dazu führte sie anspruchsvolle Model- würdigt. Zudem weist sie einen hohen Grad lierungen durch, die naturwissenschaftlich ge- von Theorie und Reflexion auf. wonnene und sozioökonomische Daten zu- Ebenfalls sektionsunabhängig wurde Herr Dr. sammenführen. Die entwickelte Typologie bie- Marcus Rohnke (Fachbereich 08, Biologie, tet vielfältige Ansätze für weitere Untersuchun- Chemie und Geowissenschaften) mit seiner gen. Die Arbeit von Frau Dr. Hietel überzeugt Dissertation „Kinetische Untersuchungen an durch den multidisziplinären Ansatz, der so- der Phasengrenze zwischen Sauerstoff- wohl inhaltlich wie methodisch wissen- ionenleitern und Niedertemperatur-Sauer- schaftlich innovativ ist. stoffplasmen“ ausgezeichnet. Die Arbeit von In der Sektion Dr. med., Dr. med. dent., Dr. Herrn Dr. Rohnke befasst sich mit der Fra- med. vet., Dr. biol. hom. wurde Herr Dr. Ralph gestellung, Sauerstoff in Oxide unter Plasma- Brehm (Fachbereich 10, Veterinärmedizin) mit bedingungen einzubauen. Seine Ergebnisse seiner Dissertation „Untersuchungen zum Dif- sind ein wichtiger Beitrag zu Phasengrenzen- ferenzierungszustand somatischer Sertoli-Zel- physik, Sauerstoffplasma und Zirconiumdioxid. len bei der Genese von humanen und caninen Er setzte zur Lösung der untersuchten Proble- Hodentumoren“ ausgezeichnet. Die Arbeit be- me Kenntnisse aus der Festkörperelektroche- fasst sich mit einer sehr komplexen Fragestel- mie und der Plasmaphysik ein, wobei er ange- lung, dem Entwicklungszustand von Zellen in sichts der gewählten Fragestellung auf keiner- den Tumoren des Hodens von Mensch und lei experimentelle Vorarbeiten zurückgreifen Hund. Das Spektrum der Arbeitsmethoden ist konnte und somit Pionierarbeit leistete. Beson- ausgesprochen breit angelegt worden: mor- ders hervorzuheben ist die eigenständige und phologische, histochemische, proteinbiochemi- erfolgreiche Bewältigung einer sehr an- sche und molekulargenetische Messungen spruchsvollen experimentellen Aufgabe mit wurden vorgenommen. nicht trivial reproduzierbaren Lösungen. 106 personalnachrichten 17.05.2005 9:01 Uhr Seite 107 Personalnachrichten der Justus-Liebig-Universität Gießen Universitätsleitung Prof. Dr. rer. nat. Jürgen Mayer (Biologiedidaktik) an die Universität Bremen. Am 27. Oktober 2004 hat die Wahlversammlung auf Prof. Dr. sc. agr. P. Michael Schmitz (Agrar- und Entwick- Vorschlag des Präsidenten Prof. Dr. Jürgen Janek (Physi- lungspolitik) an die Universität Halle-Wittenberg. kalische Chemie) zum zweiten Vizepräsidenten für die Prof. Dr. phil. nat. Gudrun Schwarzer (Entwicklungspsy- Amtszeit vom 2. November 2004 bis 1. November 2006 chologie) an die Universität des Saarlandes. gewählt. Am 9. Februar 2005 hat der erweiterte Senat auf Vorschlag des Präsidenten Prof. Dr. Joachim Stiensmeier- Annahme von Rufen Pelster (Pädagogische Psychologie) zum ersten Vizepräsi- denten für die Amtszeit vom 1. April 2005 bis 31. März Prof. Dr. med. Manfred Beutel (Psychotherapiefor- 2008 gewählt. schung) an die Universität Mainz. Prof. Dr. jur. Wolfgang Kahl (Öffentliches Recht) an die Universität Bayreuth. Ablehnung von Rufen Prof. Dr. med. Frank Ulrich Müller (Molekulare Pharma- kologie) an die Universität Münster. Prof. Dr. med. Bernd Gallhofer (Psychiatrie) an die Uni- Prof. Dr. med. Harald Schmidt (Pharmakologie und Toxi- versity of Halifax (Kanada). kologie) an die Monash-University in Melbourne (Austra- Prof. Dr. rer. nat. Jürgen Janek (Physikalische Chemie) an lien). die Technische Universität Dresden. Prof. Dr. phil. Martin Seel (Philosophie, Schwerpunkt Prof. Dr. phil. Jörn Munzert (Sportwissenschaft mit den Hermeneutik und Philosophie der Geisteswissenschaf- Schwerpunkten Sportpsychologie und Bewegungswis- ten, Ästhetik, Anthropologie) an die Universität Frank- senschaft) an die Deutsche Sporthochschule Köln. furt/Main. Neubesetzungen von Universitätsprofessuren in folgenden Fachbereichen Wirtschaftswissenschaften Prof. Dr. päd. Reinhilde Stöppler, vorher Akademische Oberrätin an der Universität Dortmund. C4-Professur für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Personalmanagement: Prof. Dr. rer. pol. Rüdiger Kabst, vorher Oberassistent an Geschichts- und Kulturwissenschaften der Universität Paderborn. C4-Professur für Praktische Philosophie mit dem Schwer- C4-Professur für Volkswirtschaftslehre, insbesondere In- punkt Systematische Grundlagen der Ethik und ange- ternationale Wirtschaftsbeziehungen: wandten Ethik: Prof. Dr. rer. pol. Jürgen Meckl, vorher Hochschuldozent Prof. Dr. phil. Stefan Gosepath, vorher Vertreter einer an der Universität Konstanz. Professur an der Universität Potsdam. C4-Professur für Landesgeschichte, Spätmittelalterliche Sozial- und Kulturwissenschaften Geschichte: Prof. Dr. phil. Christine Reinle, vorher Professorin an der C4-Professur für Systematische Musikwissenschaft mit Universität Bochum. den Schwerpunkten Teilgebiete der Systematischen Mu- C3-Professur für Didaktik der Geschichte: sikwissenschaft und Musikkulturen der Gegenwart: Prof. Dr. phil. Vadim Oswalt, vorher Oberstudienrat an Prof. Dr. phil. Claudia Bullerjahn, vorher Vertreterin einer der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Professur an der Universität Hildesheim. C4-Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Sprache, Literatur, Kultur Schwerpunkt Pädagogik des Jugendalters: Prof. Dr. phil. Jutta Ecarius, vorher Akademische Rätin an C4-Professur für Didaktik der Englischen Sprache und Li- der Universität Koblenz-Landau. teratur: C3-Professur für Erziehungswissenschaft mit dem Prof. Dr. phil. Wolfgang Hallet, vorher Oberstudiendirek- Schwerpunkt Geistigbehindertenpädagogik: tor am Auguste-Viktoria-Gymnasium Trier. 107 personalnachrichten 17.05.2005 9:01 Uhr Seite 108 C3-Professur für Englische Sprachwissenschaft und Ge- Medizin schichte der englischen Sprache: Prof. Dr. phil. Magnus Huber, vorher Wissenschaftlicher C4-Professur für Cardiac Development and Remodeling: Assistent an der Universität Regensburg. Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. habil. Thomas Braun, vorher C3-Professur für Didaktik der Englischen Sprache und Li- Professor an der Universität Halle-Wittenberg. teratur: C4-Professur für Innere Medizin mit dem Schwerpunkt Prof. Dr. phil. Eva Burwitz-Melzer, vorher Hochschuldo- Rheumatologie: zentin an der Universität Gießen. Prof. Dr. med. Ulf Müller-Ladner, vorher Akademischer Rat an der Universität Regensburg. C3-Professur für Anatomie und Zellbiologie: Psychologie und Sportwissenschaft Prof. Dr. med. Ralf Middendorff, vorher Wissenschaftli-cher Mitarbeiter an der Universität Hamburg. C4-Professur für Pädagogische Psychologie: Prof. Dr. phil. Clemens Brunstein, vorher Professor an der Universität Potsdam. Zu außerplanmäßigen Professorinnen C3-Professur für Psychologische Methodenlehre: und Professoren wurden ernannt Prof. Dr. phil. Christof Schuster, vorher Ass. Professor an Privatdozent Dr. med. Georg Friedrich Bachmann, Chef- der University of Notre Dame (USA). arzt des Funktionsbereichs Diagnostische Radiologie der Kerckhoff-Klinik, Bad Nauheim, für das Fachgebiet Ra- diologie. Mathematik und Informatik, Physik, Privatdozent Dr. med. Erwin Philipp Bauer, Leitender Geographie Oberarzt an der Abteilung für Thorax- und Kardiovasku- larchirurgie der Kerckhoff-Klinik Bad Nauheim, für das C4-Professur für Didaktik der Mathematik mit dem Fachgebiet Herzchirurgie. Schwerpunkt Sekundarstufe I: Privatdozent Dr. med. Michael Gräf, Hochschuldozent Prof. Dr. phil. Rudolf Sträßer, vorher Professor an der Uni- am Zentrum für Augenheilkunde, für das Fachgebiet Au- versität Lulea (Schweden). genheilkunde. Privatdozent Dr. rer. nat. Detlev Michael Hofmann, Aka- demischer Rat am I. Physikalischen Institut, für das Fach- Biologie, Chemie und Geowissenschaften gebiet Experimentalphysik. Privatdozent Dr. rer. nat. Martin Kutrib, Akademischer C3-Professur für Genetik: Rat am Institut für Informatik, für das Fachgebiet Infor- Prof. Dr. sc. nat. Ann E. Ehrenhofer-Murray, vorher Grup- matik. penleiterin am Max-Planck-Institut für Molekulare Gene- Privatdozent Dr. med. Peter Mayser, Wissenschaftlicher tik in Berlin. Mitarbeiter an der Hautklinik, für das Fachgebiet Derma- C3-Professur für Sinnesphysiologie: tologie. Prof. Dr. rer. nat. Reinhard Lakes-Harlan, vorher Hoch- Privatdozent Dr. agr. Andreas Nebelung, Selbständiger schuldozent an der Universität Göttingen. Wissenschaftsberater und Kursleiter an der Ecole d’Hu- manité (Schweiz), für das Fachgebiet Land- und Um- weltsoziologie. Agrarwissenschaften, Ökotrophologie Privatdozent Dr. med. Jörg Neuzner, Direktor der Medizi- und Umweltmanagement nischen Klinik II des Klinikums Kassel, für das FachgebietInnere Medizin und Kardiologie. C3-Professur für Angewandte Entomologie: Privatdozent Dr. med. Sima Pavlovic, Wissenschaftlicher Prof. Dr. rer. nat. Andreas Vilcinskas, vorher Oberassis- Mitarbeiter an der Augenklinik, für das Fachgebiet Au- tent an der Universität Potsdam. genheilkunde. Privatdozent Dr. med. Michael Winking, Leiter der Abtei- lung Wirbelsäulenchirurgie des Klinikums Ibbenbüren, für das Fachgebiet Neurochirurgie. Veterinärmedizin Privatdozent Dr. med. Gernold Wozniak, Chefarzt der Klinik für Gefäßchirurgie am Knappschaftskrankenhaus C3-Professur für Hygiene der Lebensmittel tierischen Ur- Bottrop, für das Fachgebiet Experimentelle Herz- und sprungs und Verbraucherschutz: Gefäßchirurgie. Prof. Dr. med. vet. Hartmut Eisgruber, vorher Professor an der Universität München. C3-Professur für Parasitologie und parasitäre Krankhei- Emeritierungen und Pensionierungen ten: Prof. Dr. rer. nat. Christoph Grevelding, vorher Hoch- Prof. Dr. med. Klaus Altland (Humangenetik) zum 30. 9. schuldozent an der Universität Düsseldorf. 2004. C3-Professur für Veterinär-Anatomie, -Histologie und Prof. Dr. phil. Peter Andraschke (Musikgeschichte) zum -Embryologie: 31. 3. 2005. Prof. Dr. med. vet. Sabine Kölle, vorher Wissenschaftli- Prof. Dr. rer. nat. Rainer Askani (Organische Chemie) zum che Assistentin an der Universität München. 30. 9. 2004. 108 personalnachrichten 17.05.2005 9:01 Uhr Seite 109 Prof. Dr. phil. Lothar Bredella (Didaktik der Englischen Prof. Dr. phil. Günter Köppe (Sportwissenschaft mit dem und Amerikanischen Literatur) zum 30. 9. 2004. Schwerpunkt Sportdidaktik unter besonderer Berück- Prof. Dr. phil. Axel von Criegern (Kunstpädagogik) zum sichtigung der Primarstufe) zum 30. 9. 2004. 30. 9. 2004. Prof. Dr. med. dent. Hans Jürgen Pancherz (Kieferor- Prof. Dr. agr. Vladimir Dzapo (Schweine- und Kleintier- thopädie) zum 31. 3. 2005. zucht) zum 31. 3. 2005. Prof. Dr. phil. Siegfried Quandt (Didaktik der Geschich- Prof. Dr. rer. nat. Dr. h.c. Rolf Emmermann (Mineralogie te/Fachjournalistik) zum 30. 9. 2004. und Petrologie) zum 31. 3. 2005. Prof. Dr. rer. nat. Erhard Salzborn (Angewandte Schwer- Prof. Dr. rer. nat. Christian Fenske (Mathematik) zum 30. ionenatomphysik) zum 31. 3. 2005. 9. 2004. Prof. Dr. rer. nat. Erhard Schulte (Zoologie) zum 31. 3. Prof. Dr. rer. nat. Helmut Gebelein (Didaktik der Chemie) 2005. zum 31. 3. 2005. Prof. Dr. med. Wolf-Bernhard Schill (Dermatologie und Prof. Dr. phil. Dr. h.c. Herbert Grabes (Neuere Englische Andrologie) zum 31. 3. 2005. und Amerikanische Literatur) zum 30. 9. 2004. Prof. Dr. phil. Michael W. Schwander (Erziehungswissen- Prof. Dr. theol. Dr. rer. soc. Reimer Gronemeyer (Bil- schaft mit dem Schwerpunkt Pädagogik des Primar- und dungssoziologie) zum 30. 9. 2004. Sekundarbereichs) zum 31. 3. 2005. Prof. Dr. rer. nat. Udo Haack (Mineralogie) zum 31. 3. Prof. Dr. rer. nat. Volker Seifert (Geographie) zum 31. 3. 2005. 2005. Prof. Dr. rer. nat. Hans E. Hummel (Biologischer und bio- Prof. Dr. phil. Dieter Vaitl (Klinische und Physiologische technischer Pflanzenschutz) zum 30. 9. 2004. Psychologie) zum 31. 3. 2005. Prof. Dr. med. vet. Erhard Kaleta (Geflügelkrankheiten Prof. Dr. phil. Otmar Werle (Didaktik der Geographie) und Hygiene der Geflügelhaltung) zum 31. 3. 2005. zum 31. 3. 2005. 109 biografie 17.05.2005 9:01 Uhr Seite 110 Biographische Notizen Dr. phil. Bernd Bader, geb. 1945 in Honau (Kreis Reutlin- Visiting Scholar Berkeley, 1986–1987. Referate auf Einla- gen), Studium der Klassischen Philologie und Geschichte dung Johannesburg/Bophuthatswana, Teneriffa, Berlin, in Tübingen und Gießen. 1970 Promotion in Tübingen Dar-es-Salaam, Ithaka, N. Y. (Cornell University), u. a. mit einer Arbeit zur Überlieferungsgeschichte des Plau- Beirat Gorilla Foundation, Mitglied New York Academy tus, DAAD-Stipendiat in Rom, London und Leeds. of Science, International Society of Primatology, Explorer 1971–1974 Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Thesau- Club (Fellow). Ausstellung „Malereien von Menschenaf- rus Linguae Latinae in München, anschließend Biblio- fen – Wurzeln der Kunst?“, Frankfurt 1978. theksreferendar an der Landesbibliothek Stuttgart und in Publikationen in Science und Nature. Forschungsinteres- Köln. Assistent am Institut für Klassische Altertumskun- sen: Thermalökologie und Funktion des Dritten Auges de der Universität Kiel; seit 1977 an der Universitäts- und der Zirbeldrüse von Nachtechsen, Venomologie, bibliothek Gießen, zzt. mit den Ressorts Sondersamm- Herpetologie, Primatologie, Zoogeographie, Wissen- lungen (Handschriften, Nachlässe, Inkunabeln, Rara, schaftsgeschichte. Karten), Sacherschließung, Fachreferate Klassisches Al- tertum und Allgemeines. Prof. Dr. Herbert Grabes, geb. 1936 in Krefeld; Studium Veröffentlichungen zur Klassischen Philologie, zum Bib- der Philosophie, Anglistik und Germanistik in Köln; seit liothekswesen und zu den Sondersammlungen der UB. 1970 Professor für Neuere englische und amerikanische Literatur an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Prof. Dr. Rolf Bauerfeind, geb. 1959 in Iserlohn. Schule Arbeitsschwerpunkte: Literaturtheorie; englische Litera- und Abitur in Erding. 1980–1986 Studium der Tiermedi- tur des 16. und 17. Jahrhunderts; amerikanische Litera- zin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, tur des 20. Jahrhunderts. 1986 Tierärztliche Approbation. 1989 Promotion zum Dr. Buchveröffentlichungen: Der Begriff des a priori in Nico- med. vet. am Institut für Medizinische Mikrobiologie, In- lai Hartmanns Erkenntnismetaphysik und Ontologie, fektions- und Seuchenmedizin der Ludwig-Maximilians- Köln 1963; Speculum, Mirror und Looking-Glass. Konti- Universität München bei Prof. Dr. Dr. h. c. mult. Anton nuität und Originalität der Spiegelmetapher in den Buch- Mayr. 1989–1990 Wissenschaftlicher Angestellter bei titeln des Mittelalters und der englischen Literatur des Prof. Dr. Otto Haferkamp am Institut für Rechtsmedizin 13.–17. Jahrhunderts, Tübingen 1974 (engl.: The Muta- und Pathologie, Abt. Pathologie, Universität Ulm. ble Glass. Mirror-imagery in titles and texts of the Midd- 1990–2000 Wissenschaftlicher Angestellter bei Prof. Dr. le Ages and the English Renaissance, Cambridge 1982); Dr. habil. Georg Baljer am Institut für Hygiene und Infek- Erfundene Biographien. Vladimir Nabokovs englische tionskrankheiten der Tiere der Justus-Liebig-Universität Romane, Tübingen 1975 (engl.: Fictitious Biographies, Gießen; dort 1999 Habilitation für das Fachgebiet Infek- Vladimir Nabokov’s English Novels, The Hague 1977); tionskrankheiten und Hygiene der Tiere. 2000 Ernennun- Fiktion – Imitation – Ästhetik. Was ist Literatur? Tübin- gen zum Privatdozenten und Fachtierarzt für Mikrobiolo- gen 1981; Das englische Pamphlet I. Politische und reli- gie. Ende 2000 Berufung auf die C3-Professur für Tier- giöse Polemik am Beginn der Neuzeit (1521–1640), Tü- seuchenbekämpfung und Zoonosen im Fachbereich Ve- bingen 1990; Das amerikanische Drama des 20. Jahr- terinärmedizin der JLU Gießen. Seit 2001 Co-Sprecher im hunderts, Stuttgart 1998; Einführung in die Literatur und Graduiertenkolleg 455 „Molekulare Veterinärmedizin“ Kunst der Moderne und Postmoderne. Die Ästhetik des der JLU Gießen. Seit 2004 Vorsitzender der Fachgruppe Fremden, Tübingen: Narr/Francke (UTB), 2004. „Bakteriologie und Mykologie“ der Deutschen Veterinär- medizinischen Gesellschaft e.V. Dr. Manfred Henze, geb. 1943 in Buenos Aires. 1965 bis Aktuelle Forschungsschwerpunkte: Nachweisverfahren 1970 Studium der Biologie in Gießen. Promotion zum Dr. für bakterielle Zoonoseerreger bei Menschen und Tieren. rer. nat. am Genetischen Institut in Gießen (bei Prof. Dr. Immunogene Antigene bei Salmonella enterica, Clostri- F. Anders) über Pteridine aus Genotypen lebendgebären- dium perfringens und Coxiella bumetii, Epidemiologie der Zahnkarpfen (Xiphophorini, Pisces). und Immunprophylaxe E.-coli-bedingter Krankheiten bei 1970 bis 1980 wissenschaftlicher Angestellter am Gene- Schweinen, Desinfektionsverfahren für Böden und Fahr- tischen Institut der Justus-Liebig-Universität Gießen, ab zeuge. 86 Fachpublikationen, 61 Vorträge. 1980 Akademischer Rat und später Oberrat ebenda. Seit 1989 im Vorstand der Gesellschaft für Genetik e.V. Prof. Horst Stephan Robert Glaser, Ph.D. in Zoologie, Uni- versity of California, Berkeley, 1960. Postdoctoral Stipen- Dr. rer. nat. Kerstin Kreutz, 1982 bis 1988 Studium der diat, National Institutes of Health in Berkeley, 1960. Gast- Anthropologie und Zoologie an der Georg-August-Uni- dozenturen Riverside, Berkeley, San Francisco, Nairobi, versität Göttingen. Nach Abschluss der Diplomarbeit San Diego. Professor der Biologie in Gießen seit 1974. 1989 am Anthropologischen Institut der Georg-August- 110 biografie 17.05.2005 9:01 Uhr Seite 111 Universität Göttingen als wissenschaftliche Mitarbeiterin geberin und wissenschaftliche Mitarbeiterin der Soem- in der Arbeitsgruppe Paläopathologie am Zentrum Ana- merring-Edition bei der Akademie der Wissenschaften tomie der Universität Göttingen tätig. 1996 Promotion in und der Literatur in Mainz tätig. Verschiedene Publikati- den Fächern Anthropologie, Humanmedizin und Zoolo- onen zur Geschichte der Anthropologie und der Hirnfor- gie an der Justus-Liebig-Universität Gießen. Von 1989 bis schung im 18. und 19. Jh., zu den Anfängen des wiss. 1994 mit der Erstellung und Ausarbeitung des Daten- Rassismus, zur Geschichte der Physiognomik und der Kra- bankprojektes „Paläodemographie“ (DFG [Schu 396/6]) nioskopie sowie deren literarischer Rezeption. Seit 2000 am Zentrum Anatomie der Universität Göttingen be- am Institut für Geschichte der Medizin an der Justus-Lie- schäftigt. Forschungsaufenthalte in Italien und Jordani- big-Universität Gießen Betreuung des Projekts: Die medi- en. 1997–1998 Mitarbeiterin am Institut für angewand- zinische Fakultät der Universität Gießen 1933–1945. Vor- te Forensische Medizin und angewandte Forensische An- bereitung einer Ausstellung anlässlich der 400-Jahr-Feier thropologie in Remagen, 1998–2003 wissenschaftliche der Universität im Jahr 2007. Assistentin am Anthropologischen Institut der Justus-Lie- Letzte Publikationen (Auswahl): „… als gesunder Mensch big-Universität Gießen. Seit 2003 Lehrbeauftragte der kam ich nach Gießen, krank kam ich wieder nach Universität Gießen für das Fach „Forensische Anthropo- Hause …“. Die Durchsetzung des eugenischen Pro- logie“. Im selben Jahr Gründung und Leitung des Insti- gramms der Nationalsozialisten in Gießen – Psychiatri- tuts für Forensische Anthropologie in Wettenberg; seit sche Universitätsklinik und das Institut für Erb- und Ras- 2005 zusätzlich Beteiligung am Aufbau eines Studien- senpflege 1933–1945. In: Psychiatrie in Gießen – Facet- ganges Anthropologie am Institut für Biologie und Che- ten ihrer Geschichte zwischen Fürsorge und Ausgren- mie der Universität Hildesheim als wissenschaftliche Mit- zung, Forschung und Heilung. Hrsg. von U. George et al. arbeiterin. (= Historische Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsver- Wissenschaftliche Schwerpunkte sind Paläopathologie, bandes Hessen, Quellen und Studien, Bd. 9), 2003, S. Paläodemographie sowie Prähistorische und Forensische 199–249. Die Militarisierung der Medizin an der Univer- Anthropologie. Mitgliedschaften: Anthropologische Ge- sität Gießen und ihre Beziehungen zu den Sanitätsin- sellschaft, Palaeopathology Association, American Asso- spektionen von Heer und Luftwaffe im Zweiten Welt- ciation of Physical Anthropologists, Deutsche Gesell- krieg. In: Mitteilungen des Oberhessischen Geschichts- schaft für Rechtsmedizin, International Academy of vereins Gießen NF 89 (2004), S. 95–188 (zusammen mit Legal Medicine, Forensic Anthropology Society Europe. A. Neumann). Dr. Wolfgang Lührmann, Studium für das Lehramt an Prof. Dr. Ernst Petzinger, 1968–1969 Studium der Biolo- Gymnasien mit den Fächern Deutsch und Sozialkunde gie an der Johann-Wolfgang-von-Goethe-Universität in sowie Studium der Soziologie, Erziehungswissenschaft Frankfurt/M., 1969–1974 Studium der Veterinärmedizin und Politikwissenschaft (M. A.); Studienabschluss 1976. an der Justus-Liebig-Universität in Gießen. 1975 Promo- Während des Studiums Arbeit als studentischer Tutor und tion zum Dr. med. vet. 1983 Habilitation für das Fachge- studentische Hilfskraft im Zentrum für Lehrerausbildung biet Pharmakologie und Toxikologie, Fachtierarzt für Phar- der JLU. Von 1977 bis 1998 Wissenschaftlicher Mitarbei- makologie und Toxikologie. 1986–1987 Heisenberg-Sti- ter im Zentrum für interdisziplinäre Lehraufgaben Referat pendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Wissen- Studienberatung/Büro für Studienberatung. Promotion schaftler am Max-Planck-Institut für Physiologie in Dort- 2001 über Fragen der Beratung in der Hochschule. Seit mund. 1987–1988 Professor am Institut für Toxikologie 1998 Referent für Schulpraktische Studien im Zentrum der Medizinischen Fakultät der Johannes-Gutenberg-Uni- für interdisziplinäre Lehraufgaben und Geschäftsführer versität in Mainz (Direktor: Prof. Dr. Franz Oesch), seit der Gemeinsamen Kommission Lehramtsstudiengänge. 1988 Professor und Direktor des Instituts für Pharmakolo- gie und Toxikologie des Fachbereichs Veterinärmedizin der Dr. rer. nat. Ivo Mossig, geb. 1969 in Köln. Studium der Justus-Liebig-Universität in Gießen; 1995–1996 Dekan Fächer Mathematik und Geographie an der Justus-Liebig- des Fachbereichs Veterinärmedizin. 1992–2002 Mitglied Universität in Gießen. 1. Staatsexamen für das Lehramt des Graduiertenkollegs „Molekularbiologie und Pharma- an Gymnasien 1995. Promotion an der JLU im Fach Wirt- kologie“, seit 1998 Sprecher des Graduiertenkollegs „Mo- schaftsgeographie im Jahr 2000. Die Dissertation wurde lekulare Veterinärmedizin“. Mitglied mehrerer nationaler u. a. vom Verband der Geographen an Deutschen Hoch- und internationaler Gesellschaften. Mitherausgeber des schulen (VGDH) mit dem Dissertationspreis 1999/2000 Journal of Veterinary Pharmacology and Therapeutics sowie mit dem Edwin-von-Böventer-Preis der Gesellschaft sowie Referent mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften. für Regionalforschung (Deutschsprachige Gruppe der Re- gional Science Association) ausgezeichnet. Seit 2001 Prof. Dr. Dietmar Rieger, geb. 1942 in Ludwigshafen am Wiss. Assistent am Institut für Geographie. Rhein. Studium der Romanistik, Germanistik und Philoso- Forschungsschwerpunkte: Allgemeine Wirtschaftsgeo- phie in Heidelberg. Wissenschaftlicher Assistent in Hei- graphie, Standort- und Gründungsforschung, Vernetzte delberg und Freiburg. Promotion 1969 (Heidelberg), Ha- Produktionssysteme und Produktionscluster, Angewand- bilitation 1974 (Freiburg). Seit 1975 Professor (C4) für Ro- te Geostatistik. manische Literaturwissenschaft an der JLU Gießen. Gast- Kontakt: ivo.mossig@geogr.uni-giessen.de, professor Madison 1990. Rufablehnungen 1980 (Lausan- www.uni-giessen.de/mossig ne), 1991 (Freiburg und Tübingen). Mitherausgeber der „Romanistischen Zeitschrift für Literaturgeschichte/Ca- Dr. phil. Sigrid Oehler-Klein, Studium der Germanistik, So- hiers d’Histoire des Littératures Romanes“. Fachgutachter zialwissenschaften und Philosophie, bis 1999 als Heraus- der DFG (1996–2004). Europa- und SCTS-Beauftragter 111 biografie 17.05.2005 9:01 Uhr Seite 112 des Fachbereichs. Direktoriumsmitglied des „Gießener Zellen“, Disputation 1999. 1998–1999 „Arzt im Prakti- Graduiertenzentrums Kulturwissenschaften“. Mitglied kum“ am Institut für Pathologie der Universitätsklinik des GKs „Klassizismus und Romantik“ und „Transnatio- Bergmannsheil in Bochum (Prof. Dr. K.-M. Müller) und nale Medienereignisse“. Teilprojektleiter und Stellvertre- am Westfälischen Zentrum für Psychiatrie Bochum, Uni- tender Sprecher im SFB „Erinnerungskulturen“ versitätsklinik (Prof. Dr. Dr. T. Payk). In Bochum For- Forschungsschwerpunkte: Französische und italienische schungsarbeiten über Lungenveränderungen bei Eisen- Literatur der Neuzeit, Mediävistik, Okzitanistik; u. a. Auf- schweißern (Histologie, Histochemie, Rasterelektronen- klärung, mittelalterliche Lyrik, das französische Chanson, mikroskopie und energiedispersive Röntgenmikroanaly- Mythen- und Stoffgeschichte (Jeanne d’Arc, Don Juan), se) sowie über morphologische Befunde nach Exhumie- Literatur der Gewalt, Opernlibretti, imaginäre Bibliothe- rungen. ken, Literatur und soziale Realität, Literatur der Résis- Ab 1. 1. 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut tance und der Resistenza, romanistische Fachgeschichte, für Rechtsmedizin in Gießen (Prof. Dr. G. Weiler), seit Au- Intertextualität. gust 2003 Facharzt für Rechtsmedizin. Zahlreiche Buchpublikationen (zuletzt u. a.: Imaginäre Wissenschaftliche Schwerpunkte: Identifikation anhand Bibliotheken. Bücherwelten in der Literatur, München von geringem und schlecht erhaltenem (Spuren-)Materi- 2002 – Von der Minne zum Kommerz. Eine Geschichte al (Single Cell Picking, mtDNA), Heteroplasmien der des französischen Chansons bis zum Ausgang des 19. mtDNA in verschiedenen Organen, forensisch-osteologi- Jahrhunderts, Tübingen 2005) und Aufsätze. sche Themen (Verletzungen an Knochenfunden, Liege- Nähere Informationen: http://www.uni-giessen.de/ zeitschätzung) und spezielle toxikologische Fragestellun- romanistik/frank/professorrieger.html gen (z. B. Ethanolverluste durch Flambieren). 2002 zu- sammen mit Dr. Kerstin Kreutz erstes deutschsprachiges Dr. med. Marcel Verhoff, geb. 1970 in Gießen. Studium Lehrbuch über „Forensische Anthropologie“. Mitglied- der Humanmedizin in Gießen, drittes Staatsexamen schaften: Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin, Be- 1998. Promotion am Physiologischen Institut der Univer- rufsverband Deutscher Rechtsmediziner, International sität Gießen bei Herrn Prof. Dr. E. Heerd über das Thema Academy of Legal Medicine, Forensic Anthropology So- „Moorbäder vermehren die epidermalen Langerhans- ciety Europe. 112