Bezüglich der Prüfungsangstgenese wird neben subjektiven Zielen, Überzeugungen und Kontrollerwartungen der Selbstwert als Einflussvariable diskutiert. So beschreibt die Selbstwerttheorie (Covington, 2009), dass Prüfungsangst entsteht, weil Personen ihren Selbstwert als bedroht wahrnehmen. Empirisch lässt sich jedoch ein eindeutiger Einfluss des Selbstwerts auf Prüfungsangst nicht zeigen, was auf die isolierte Betrachtung der Höhe des Selbstwerts zurückgeführt wird. In dieser Arbeit wird postuliert, dass nicht die Selbstwerthöhe, sondern die Selbstwertkontingenz Prüfungsangst bedingt. Selbstwertkontingenz wird definiert als Abhängigkeit des Selbstwerts von bestimmten internen oder externen Standards in selbstwertrelevanten Bereichen (Crocker &
Wolfe, 2001). Macht eine Person ihren Selbstwert abhängig von Leistung, Kompetenz oder sozialer Anerkennung, sollte sie in Prüfungssituationen ihren Selbstwert als bedroht wahrnehmen, d.h. Prüfungsangst erleben, da durch eine Prüfung nicht nur Leistung, sondern subjektiv der mit der Leistung verknüpfte Selbstwert beurteilt wird. Auf Grundlage des transaktionalen Prüfungsangstmodells (Lazarus, 1966) wurden für den postulierten Zusammenhang zentrale Wirk- und Schutzmechanismen untersucht.In zwei Studien wurde zunächst geprüft, ob Selbstwertkontingenz Prüfungsangst bedingt. Getestet wurde dabei in Studie 1 experimentell anhand einer studentischen Stichprobe (N = 120), ob Kontrollerwartungen diesen Zusammenhang moderieren. Studie 2 prüfte querschnittlich mittels einer Fragebogenstudie bei Schülern und Schülerinnen (N = 412), ob situative Kosten einer Prüfung sowie die situative persönliche Bedeutsamkeit den Zusammenhang zwischen Selbstwertkontingenz und Prüfungsangst mediieren. Als zentrales Ergebnis dieser Studien zeigt sich, dass in beiden Stichproben Selbstwertkontingenz situative Prüfungsangst bedingt. Studie 2 zeigte zusätzlich, dass dieser Zusammenhang mediiert wird über die mit der Prüfung assoziierten Kosten und die subjektive Bedeutsamkeit. Eine Moderation durch Kontrollerwartungen konnte nicht gezeigt werden. Niedrige Kontrollerwartungen bedingten jedoch über die Selbstwertkontingenz hinaus situative Prüfungsangst. In Studie 3 wurde der Zusammenhang zwischen Selbstwertkontingenz und Prüfungsangst an einer studentischen Stichprobe (N = 62) repliziert und dabei zudem experimentell geprüft, ob Self-Compassion der Entstehung von Prüfungsangst entgegenwirkt. Erwartungskonform bewirkte Self-Compassion ein Absinken situativer Prüfungsangst, während Selbstwertkontingenz das Auftreten von Prüfungsangst förderte.Die Ergebnisse dieser Arbeit verdeutlichen insgesamt, dass durch die Berücksichtigung der Selbstwertkontingenz Einfluss auf die Entstehung von Prüfungsangst genommen werden kann, was insbesondere Implikationen für den pädagogischen und therapeutischen Bereich eröffnet.
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