Der Biomarkt ist mit einem Umsatzanteil von rund vier Prozent bislang noch ein kleines Segment im deutschen Lebensmittelmarkt - allerdings eines mit großem Nachfrage- und Wachstumspotential. Um das Angebot an den Kundenbedürfnissen ausrichten und das Wachstumspotential ausschöpfen zu können, ist es für alle Akteure auf dem Biomarkt wichtig, die Determinanten der Nachfrage nach Biolebensmitteln zu kennen und das Verhalten der Biokäufer einschätzen zu können. Doch in der wissenschaftlichen Literatur gibt es hierzu noch kaum Informationen. Der erste Teil der vorliegenden Dissertation (Teil A - Nachfrageanalysen) untersucht deshalb das Verhalten der Verbraucher am Biomarkt und insbesondere ihre Preis- und Ausgabensensibilität. Es wird erörtert, welche Faktoren die Nachfrage nach Biolebensmitteln beeinflussen, wie sensibel Biokäufer auf Veränderungen von Preisen und Einkommen reagieren, ob es Unterschiede in der Preissensibilität zwischen verschiedenen Waren- und Konsumentengruppen gibt und inwiefern sich das Kaufverhalten im Zuge der dynamischen Marktentwicklung in den letzten Jahren verändert hat.Ein hohes Maß an Produktdifferenzierung kennzeichnet viele Märkte der Agrar- und Ernährungswirtschaft, ebenso ein zunehmender Wettbewerb unter dem Einfluss von Globalisierung und Liberalisierung der Agrarmärkte. Umso wichtiger wird es für Unternehmen, ihre Marktanteile auf gesättigten Märkten zu sichern und die Unternehmensumsätze durch differenzierte und innovative Produktkonzepte zu stabilisieren. Produktdifferenzierung, Produktkennzeichnung und Innovationen sind Gegenstand des zweiten Teils der Dissertation (Teil B - Preisanalysen). Ein zentraler Punkt ist es, herauszufinden, wie hoch die von Biolebensmitteln erzielten Preisaufschläge im Vergleich zu anderen Produktkennzeichnungen sind. Darüber hinaus werden der Nutzen von Produktkennzeichnungen für Verbraucher und Anreize für Unternehmen zur Teilnahme an Qualitätssicherungs- und Labellingprogrammen diskutiert. Die kumulative Dissertation umfasst neun englisch- und deutschsprachige Artikel. Sie gliedert sich in die zwei oben vorgestellten Teile der Nachfrage- und Preisanalysen. Im Rahmen der Nachfrageanalysen werden sowohl die Nachfrage nach einzelnen Warengruppen als auch der gesamte Lebensmittelwarenkorb der Haushalte in Deutschland analysiert, wobei jeweils zwischen konventionellen und Bioprodukten unterschieden wird. Als Datengrundlage dienen zwei Haushaltspanels der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) für EAN-kodierte und frische Lebensmittel. Die Datenbasis ist in ihrer Größe und ihrem Informationsgehalt einzigartig, da sie Einkäufe von mehr als 20 000 Haushalten über den Zeitraum von 2004 bis 2008 abbildet. Vergleichende Schätzungen von Einzelgleichungen und Nachfragesystemen (darunter AIDS und LES) liefern detaillierte Ergebnisse zu Eigenpreis-, Kreuzpreis- und Ausgabenelastizitäten. Dabei werden auch wichtige, für die jeweilige Warengruppe relevante Besonderheiten in Bezug auf die Schätzmethodik identifiziert und in den Modellspezifikationen berücksichtigt. Speziell für die Nachfrageanalyse bei Bioprodukten haben sich hier die Berücksichtigung von Gewohnheitsverhalten, die Korrektur um Verzerrungen durch Nullbeobachtungen, die Beachtung der Heterogenität von Produkten und Haushalten sowie die explizite Modellierung von Preis- und Ausgabenendogenität als zentrale Aspekte mit bedeutsamen Einfluss auf die Höhe der ermittelten Elastizitäten herauskristallisiert.Die Ergebnisse unterstreichen: Preise, Einkommen und Gewohnheitsverhalten sind zentrale Determinanten der Nachfrage nach Biolebensmitteln. Soziodemografische Merkmale der Haushalte leisten nur einen vergleichsweise geringen Erklärungsbeitrag. Die Stärke der Einflussgrößen auf die Nachfrage wird mittels Elastizitäten quantifiziert. Die Ausgabenelastizitäten für Biolebensmittel sind in der Regel größer als Eins. Während bisherige Arbeiten aus den USA zu dem Ergebnis kamen, dass die Nachfrage nach Bioprodukten deutlich preiselastischer ist als die Nachfrage nach konventionellen Lebensmitteln, zeichnen die hier vorgestellten Analysen ein differenzierteres Bild. In Warengruppen, in denen Biolebensmittel nur einen geringen Marktanteil auf sich vereinen und Nischenprodukte darstellen, reagieren auch die deutschen Verbraucher sehr preissensibel. In Warengruppen wie Milch oder Frischgemüse, in denen sich Bioprodukte bereits etabliert haben, liegt die Preiselastizität der Nachfrage nach der Biovariante dagegen im unelastischen Bereich und nähert sich der Preiselastizität der Nachfrage nach der konventionellen Variante an.Zudem lassen sich Unterschiede in den berechneten Preiselastizitäten zwischen verschiedenen Käufergruppen erkennen. Das Beispiel Biomilch zeigt, dass Selten- und Gelegenheitskäufer von Biolebensmitteln deutlich stärker auf Preisänderungen reagieren als Vielkäufer. Es scheint folglich verschiedene Gruppen von Biokäufern zu geben, die sehr unterschiedlich preissensibel nachfragen: eine Gruppe von Überzeugungskäufern , die wenig auf den Preis achtet, und eine Gruppe von Wechselkäufern , die je nach Verfügbarkeit, Preis oder Verwendungszweck zwischen ökologischen und konventionellen Produkten wählt. Separate Schätzungen für einzelne Jahre belegen, dass die Preissensibilität der Konsumenten bei Bioprodukten im Zeitablauf abnimmt und die Ausgabenelastizitäten steigen. Das Verbraucherverhalten befindet sich offensichtlich im Wandel, und der Biomarkt entwickelt sich zu einem reifen Markt .Aus methodischer Sicht kristallisieren sich in den Nachfrageanalysen verschiedene Einflussgrößen auf Preis- und Ausgabenelastizitäten von Biolebensmitteln heraus. Neben der Datengrundla-ge, dem Untersuchungsland und dem Untersuchungszeitraum sind vor allem Unterschiede in der Marktstruktur und -größe, in der Erhältlichkeit und der angebotenen Produktvielfalt sowie Aspekte der Modellspezifikation von Bedeutung für die Elastizitätsschätzungen. Die Analysen offenbaren einige grundlegende Muster: Die Nichtbeachtung von gewohnheitsmäßigem Verhalten, eine fehlende Korrektur der Preise um Qualitätsaspekte sowie die Vernachlässigung der potentiellen Endogenität von Preisen und Ausgaben führen tendenziell zu einer Unterschätzung der Preiselastizität der Nachfrage. Im Rahmen der Preisanalysen werden Anreize für Unternehmen zur Teilnahme an Labelling- und Qualitätssicherungsprogrammen identifiziert und quantifiziert. Die Analysen gehen über klassische hedonische Preisanalysen hinaus, indem angebots- von nachfrageseitige Preiseinflüssen so weit wie möglich unterschieden und Einkaufsstätten spezifische Preisaufschläge ermittelt werden. Voraussetzung für Wohlstandsgewinne der Unternehmen durch Labelling ist, dass gekennzeichnete Produkte am Markt Preisaufschläge erzielen. Die Ergebnisse bestätigen, dass dies für die Mehrzahl der Produktkennzeichnungen zutrifft. Zudem offenbart ein Vergleich der Preisaufschläge verschiedener Labels eine logische, an den Grenzkosten der Programmteilnahme orientierte Reihenfolge: Am Beispiel des Käsemarktes wird gezeigt, dass das Biosiegel die höchsten Preisaufschläge erzielt, gefolgt von Markenprodukten, Auszeichnungen unabhängiger Testinstitute und geschützten geografischen Herkunftszeichen. In Super- und Verbrauchermärkten erzielen Bioprodukte höhere Preisaufschläge als in Discountern, in denen die Produkte in hohem Maße von Economies of Scale profitieren.Darüber hinaus werden Determinanten des Erfolgs von Produktinnovationen herausgearbeitet. Grundlage der Analysen bilden hier Scannerdaten des Handelspanels der Madakom GmbH, die um Produktinformationen aus anderen Datenquellen erweitert wurden. Die Analyse zeichnet sich in methodischer Hinsicht vor allem durch die simultane Schätzung von Preis-, Absatz- und Umsatzgleichungen aus, wodurch der Erfolg neuer Produkte mehrdimensional gemessen wird. Ergebnisse am Beispiel des Joghurtmarktes unterstreichen, dass vor allem ein hoher Neuheitsgrad von entscheidender Bedeutung für erfolgreiche Produkteinführungen ist. Gleichzeitig ist eine Orientierung der Produkteigenschaften wie Fettgehalt, Geschmacksrichtung und Packungsgröße an den aktuellen Verbraucherpräferenzen wichtig. Interessanterweise ist es weniger der in hedonischen Analysen oft hervorgehobene Preisaufschlag durch die Produktdifferenzierung, der Innovationen besonders erfolgreich macht. Vielmehr erweisen sich die absatzsteigernden Effekte der Innovationsdeterminanten als noch bedeutsamer für den Innovationserfolg.Die Berücksichtigung von Größeneffekten ist folglich für die Beurteilung des Erfolgs von Labelling- oder Innovationsinitiativen von großer Bedeutung. Von einer erfolgreichen Qualitätssicherungs-, Labelling- bzw. Innovationsstrategie kann nur gesprochen werden, wenn ein Preisauf-schlag in einem ausreichend großen bzw. wachsenden Marktsegment realisiert wird. Die Kombination von vergleichsweise hohen Preisaufschlägen und einem stetigen Marktwachstum unter-streicht, dass es sich beim Biomarkt auch aus Anbietersicht um einen attraktiven Markt handelt.
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