Entwicklung der reflexiv-analytischen Praxis von angehenden Geographielehrkräften in der zweiten Phase der Lehrkräftebildung – eine qualitative Längsschnittuntersuchung

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2024

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Reflexion und Analyse gelten als zentrale Elemente von Lehrkräfteprofessionalität (VON AUFSCHNAITER 2023) und gewinnen insbesondere in der zweiten Phase der Lehrkräftebildung zunehmend an Bedeutung (HAGEMANN 2023). Eine Schlüsselrolle wird hierbei der Unterrichtsnachbesprechung (UNB) zugeschrieben. So bietet die UNB angehenden Lehrkräften einen Rahmen, um vertieft, lösungsorientiert und theoriebezogen über Fachunterricht sowie die individuelle Lehrpraxis nachzudenken. Im Sinne einer Wachstumskompetenz genutzt, ermöglicht die UNB dem „reflective practitioner“ (SCHÖN 1983) folglich, die eigene Weiterentwicklung gezielt zu steuern. Aus geographiedidaktischer Sicht ist hierfür, insbesondere aufgrund der Vielperspektivität des Faches (DICKEL 2023), eine differenzierte reflexiv-analytische Praxis erforderlich.
Empirische Studien zeigen eine Diskrepanz zwischen den normativ gesetzten Qualitätsansprüchen und der tatsächlichen Umsetzung reflexiv-analytischer Praxen (vgl. REINTJES, BELLENBERG 2017). Während für die erste Phase der Lehrkräftebildung qualitative Unterschiede in den fachbezogenen Praxen beschrieben sind (vgl. KILIMANN, KRÜGER, WINTER 2020), liegen für die zweite Phase bislang nur mittelbar Erkenntnisse vor. So wird zunächst die Lernwirksamkeit der zweiten Phase betont (HOF, HENNEMANN 2013). Daneben deuten Geographiefachleitende heterogene Entwicklungsverläufe bei angehenden Geographielehrkräften an (FISCHER 2021). Trotz dieser ersten Befunde gilt die zweite Phase bislang eher als weißer Fleck auf der Forschungslandkarte. An diese Forschungslücke knüpft die vorliegende Studie an.
Im Rahmen der explorativen Studie werden Erkenntnisse über den Ist-Zustand reflexiv-analytischer Praxen in UNB generiert. Dabei wird das Ziel verfolgt, intra- und interindividuelle Entwicklungstendenzen hinsichtlich zentraler Themen sowie reflexiv-analytischer Prozesse im zeitlichen Verlauf der zweiten Phase zu rekonstruieren. Hierzu untersucht die Studie audiographierte UNB von sieben angehenden Geographielehrkräften zu drei Erhebungszeitpunkten. Das authentische Datenmaterial wird mittels qualitativer Inhaltsanalyse nach KUCKARTZ (2018) kategorien- und fallbasiert ausgewertet und anschließend längsschnittlich verglichen. Insgesamt wird somit ein innovatives methodisches Vorgehen umgesetzt, das vertikale und horizontale Analyserichtungen miteinander verbindet (DREIER, LEUTHOLD-WERGIN, LÜDEMANN 2018).
Die Ergebnisse zeigen eine erwartungsgemäße Heterogenität reflexiv-analytischer Praxen auf thematischer und prozessbezogener Ebene. Während einige Aspekte fallübergreifend thematisiert werden (z. B. Strukturelemente des Unterrichts, Lehrkraftverhalten, Beteiligung), zeigen sich individuelle Schwerpunkte u. a. in Bezug auf die Fachinhalte. Weiterhin zeigt sich eine ausgeprägte Praxisorientierung mit einem Fokus auf Handlungen (statt eines „Blicks nach Innen“; KORTHAGEN, VASALOS 2005). Fallübergreifende Veränderungen zeigen sich hinsichtlich einer Lösungsorientierung (z. B. konkret-immersive Einzelhandlungen), einer Fokussierung auf die praktische Unterrichtsumsetzung (z. B. Angemessenheitsfragen), einer Blickerweiterung auf Lernende (z. B. spezifischere Beobachtungen) und einer Verlagerung auf die Außenwelt (z. B. Material). Diese Veränderungen variieren jedoch in ihrer Ausprägung zwischen den Fällen. Daran anschließend lassen sich reduziertere von elaborierteren Praxen unterscheiden.
Insgesamt vollzieht sich die Entwicklung der reflexiv-analytischen Praxis intraindividuell und zugleich mit interindividuellen Anteilen und findet in sich überlagernden Spannungsfeldern statt – zwischen Fach und Generik, Breite und Tiefe, Lernen und Leisten. Die explorativen Erkenntnisse bieten wertvolle Anregungen für die Gestaltung der Geographielehrkräftebildung und zur Weiterentwicklung von UNB, insbesondere hinsichtlich der Zielklärung und des Fachbezugs. Praxisnahe Implikationen, u. a. zur Nutzung von Tools so-wie der Ausgestaltung von Fachseminaren, stellen empirisch gestützte Empfehlungen für die Weiterentwicklung der Lehrkräftebildung dar. Die weiterführenden Forschungsimpulse (z. B. Interventionsstudien, geographiedidaktische Sekundärauswertungen) können anschlussfähige geographiedidaktische Forschung vertiefend anregen.

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