In dieser prospektiven Studie sollte neben der Fragestellung nach longitudinalen Veränderungen der Kiefergelenkfunktion bei jungen Erwachsenen im allgemeinen und einzelner gewebespezifischer Diagnosen im besonderen untersucht werden, ob Zusammenhänge zwischen den anamnestischen Beschwerden, aktiven Unterkiefergrenzbewegungen und gewebespezifischen Diagnosen bestehen.
Das Probandengut umfasste 126 Zahnmedizinstudenten (57 Frauen, 69 Männern) mit einem Durchschnittsalter von 22,6 Jahren, die während des 1. Semesters untersucht (U1) wurden. Die Nachuntersuchung (U3) erfolgte nach durchschnittlich 2,4 Jahren (n=91). Bei Probanden mit Symptomen einer Kiefergelenkfunktionsstörung (n=32) erfolgte eine zusätzliche Untersuchung (U2) ein Jahr nach U1.
Der Kiefergelenkfunktionsstatus wurde klinisch mit Hilfe der manuellen Funktionsanalyse nach Bumann und Groot Landeweer untersucht. Ein Anamnesefragebogen erfasste die anamnestischen Angaben.
Die Untersuchung lieferte folgende Ergebnisse:
1. Rund 60% des Gesamtprobandengutes und 90% der Kiefergelenkgruppe wiesen eine positive Kiefergelenkanamnese auf. Kiefergelenkgeräusche waren die häufigste anamnestische Angabe.
2. Funktionsstörungen betrafen in den meisten Fällen (rund 70%) gleichzeitig beide Kiefergelenke.
Gesamtprobandengut:
3. In Abhängigkeit vom Untersuchungszeitpunkt waren rund 34-37% der Probanden befundfrei, 15-16% wiesen subklinische und 20-24% klinische Funktionsstörungen auf.
4. Geschlechtsunterschiede betrafen ein signifikant (p<0,05) höheres Auftreten der Einzeldiagnose subklinische Funktionsstörung bei weiblichen, und des Erkrankungsgrades Normabweichung mit potentiellem Krankheitswert bei männlichen Probanden.
5. Die Einzeldiagnosen sowie der Erkrankungsgrad zeigten während der 2,4 Jahre eine deutliche, nicht vorhersehbare Fluktuation. Bei rund 56% der befundfreien, und 72% der klinisch kranken Probanden blieb der Erkrankungsgrad konstant. Am wenigsten vorhersagbar war die Veränderung des Erkrankungsgrades bei subklinisch erkrankten Probanden, die zu vergleichbaren prozentualen Anteilen einen verbesserten (35,7%), verschlechterten (28,6%) oder unveränderten Befund (35,7%) aufwiesen.
6. Die Prävalenz klinischer Funktionsstörungen nahm während der 2,4 Jahre um rund 5% zu, und die Inzidenz betrug 10%. Die Wahrscheinlichkeit der Neuerkrankung stieg mit dem Schweregrad der Funktionsstörung bei U1: 6% für befundfreie Probanden, aber rund 29% für subklinisch erkrankte Probanden.
Kiefergelenkgruppe:
7. In Abhängigkeit vom Untersuchungszeitpunkt wiesen rund 22-44% der Probanden subklinische und 48-59% klinische Funktionsstörungen auf.
8. Die Einzeldiagnosen sowie der Erkrankungsgrad zeigten zwischen U1, U2 und U3 eine deutliche, nicht vorhersehbare Fluktuation. 62-77% der Probanden mit klinischen Funktionsstörungen behielten ihren Erkrankungsgrad bei. Am wenigsten vorhersagbar war die Veränderung des Erkrankungsgrades bei subklinisch erkrankten Probanden: während zwischen U1 und U2 rund 27% eine klinische Funktionsstörung entwickelten, war dies zwischen U2 und U3 bei 75% der Fall. Insgesamt veränderte sich die Häufigkeit klinischer Funktionsstörungen über die 2,4 Jahren nicht.
Zusammenhänge:
9. Anamnestische Knack- und/oder Reibegeräusche wurden signifikant häufiger von Probanden mit Normabweichungen mit potentiellem Krankheitswert (p<0,01) und mit klinischen Funktionsstörungen (p<0,001) angegeben.
10. Eine signifikante (p<0,05) Grenzwertüberschreitung der Mediotrusion ließ sich bei Probanden mit Normabweichungen ohne wesentlichen Krankheitswert und mit subklinischen Funktionsstörungen feststellen. Hingegen fanden sich signifikante (p<0,05) Unterschreitungen der Normbereiche der Abduktion und der Mediotrusion bei Probanden mit Normabweichungen mit potentiellem Krankheitswert und mit klinischen Funktionsstörungen.
Schlussfolgernd lässt sich feststellen, dass Kiefergelenkfunktionsstörungen bei jungen Erwachsenen ein häufiger Befund sind: rund 35-40% der Probanden hatten subklinische oder klinische Funktionsstörungen. Die Prävalenz klinischer Funktionsstörungen nahm während der 2,4 Jahre um rund 5% zu, und die Inzidenz betrug rund 10% für das Gesamtprobandengut bzw. rund 30% für Probanden mit subklinischem Erkrankungsgrad. Sowohl aus forensischen als auch aus therapeutischen Gründen erscheint es somit sinnvoll, bei jungen Erwachsenen vor Beginn einer kieferorthopädischen Behandlung und/oder anderer umfassender zahnärztlicher Maßnahmen ein systematisches Kiefergelenkscreening durchzuführen.
Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen