Günter Elsässer hat, 1907 geboren, seine Ausbildung zum Arzt und Wissenschaftler in einer Zeit absolviert, in der nationalsozialistische Vorstellungen das gesellschaftliche und soziale Leben dominiert haben. Das hat dazu geführt, dass nicht mehr der einzelne Patient, sondern das Wohl des Volkskörpers in den Mittelpunkt des ärztlichen Handelns gestellt wurde. So war man bestrebt, durch rassenhygienische Maßnahmen das Auftreten von Erbkrankheiten zu verhindern. Zu nennen ist insbesondere die Zwangssterilisation, der tausende von Menschen, die an einer mutmaßlich genetischen Erkrankung litten, zum Opfer fielen. Die eugenische Programmatik fand in der Euthanasie , der systematischen Krankentötung, ihren traurigen Höhepunkt. Der verbreiteten Ideologie folgend beschäftigte sich auch Elsässer vordringlich mit genetischen Fragestellungen. Die psychiatrische Erbforschung wurde zu seinem Hauptarbeitsgebiet. Daneben war er als ärztlicher Beisitzer im Erbgesundheitsgericht tätig. Während seinem militärärztlichen Einsatz entwickelte er ein Verfahren zur Behandlung der psychogenen Reaktionen unter Soldaten mittels schmerzhafter elektrischer Stromstöße. Auch hier stand weniger der einzelne Patient als das Wohl der Gemeinschaft, nämlich der Kampfkraft der eigenen Truppen, im Vordergrund jedes therapeutischen Handelns.Nach 1945 fand in Elsässers beruflichen Tätigkeiten eine Umorientierung statt. Sein vorrangiges Interesse galt nun der Psychotherapie und der Frage, wie schicksalhafte und konfliktbesessene Erfahrungen des einzelnen Menschen den Verlauf von Krankheiten beeinflussen oder gar selbst Krankheiten auslösen können. Er war sogar 1958 an der Gründung eines Lehrinstituts für Psychotherapie beteiligt und leitete die Einrichtung bis 1969 als erster Vorsitzender.Dieser deutliche Gegensatz wurde in der vorliegenden Arbeit untersucht und bewertet. An mehreren Stellen wird deutlich, dass Elsässer seine Biographie retrospektiv unterschiedlich beurteilt. So lässt er 1977 den Eindruck entstehen, er habe sich seit jeher vorrangig für psychotherapeutische Fragestellungen interessiert und einen entsprechenden Therapieansatz verfolgt. Nach der Analyse seiner Biographie ist nachvollziehbar, dass Elsässer im Rückblick ein schuldhaftes Verhalten im eigenen Handeln wahrgenommen hat und durch eine Umdeutung der eignen Lebensgeschichte versucht hat, dies zu verschleiern.
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