Diese qualitativ-empirische Lehrerstudie ist explorativ-interpretativ ausgerichtet und lässt sich aufgrund ihrer fachdidaktischen Schwerpunktsetzung (Literatur im fremdsprachlichen Englischunterricht aus Sicht der Lehrenden) an der Schnittstelle zwischen Lehrerkognitionsforschung, Fach- und Literaturdidaktik verorten. Am Beispiel Südtiroler Englischlehrender aus unterschiedlichen schulstrukturellen Handlungskontexten wird erforscht, welche Argumente aus Sicht der Lehrenden für bzw. gegen die Beschäftigung mit Literatur im fremdsprachlichen Englischunterricht sprechen, mit welchen individuellen und kontextuellen Einflussfaktoren die Sicht- und Erfahrungsweisen der befragten Lehrenden zusammenhängen und in welchem Verhältnis sie zu gängigen literaturdidaktischen Konzepten stehen. Die subjektiven Sicht- und Erfahrungsweisen der Lehrenden werden in einem mehrstufigen Verfahren mittels Einstiegsfragebogen (N = 60) und themenzentrierten Leitfadeninterviews (N = 39) erhoben. Die Datenauswertung (Analyse und Interpretation) erfolgt anhand qualitativer Inhaltsanalyse mit Fokus auf das Herausarbeiten fallübergreifender, thematischer Dimensionen und Zusammenhangsmuster. Dabei wird die Lehrerperspektive fortlaufend mit aktuellen fach- und literaturdidaktischen Konzepten korreliert. Ein Drei-Schichten-Modell aus Kontextfaktoren, individuellen (lehrerbezogenen) Einflussfaktoren und teacher cognitions (Einstellungen, Überzeugungen, Wissen), entwickelt in Anlehnung an Simon Borgs Rahmenkonzept Language Teacher Cognition Research (2015), dient als konzeptueller Rahmen und Matrix für die Datenanalyse und Interpretation, welche sich in drei Teile gliedert: (1) Die Erfahrungen mit und die Auffassungen von fremdsprachlichem Literaturunterricht (Kap. 5), (2) die aus Lehrersicht rekonstruierten Vorstellungen zur Textauswahl, den Vermittlungsmethoden sowie den damit verbundenen Einstellungen zu Lehrerrolle und -kompetenzen (Kap. 6). Schließlich werden (3) ausgewählte individuelle und kontextbezogene Einflussfaktoren der Genese und Veränderbarkeit erörtert, die auf die Lehrersicht- und Erfahrungsweisen einwirken (Kap. 7). Eine systematisierende Zusammenschau der empirischen Erkenntnisse (Kap. 8) verweist darauf, dass die befragten Englischlehrenden durchaus der Ansicht sind, dass Literatur ihren Platz im kommunikativen, sprachlich-diskursiv ausgerichteten Englischunterricht habe und dass sie einen Bildungswert sowie eine formative Funktion im humanistischen Sinne besitze. Letztendlich geht es aber aus Lehrerperspektive weniger um den Aspekt der prinzipiellen Machbarkeit, sondern um die Frage der Sinnhaftigkeit und Umsetzbarkeit im eigenen schulspezifischen Handlungskontext. Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der Studie, dass die befragten Englischlehrenden insgesamt auf keinen geteilten Bezugs- und Orientierungsrahmen zurückgreifen können, der die Integration von Literatur in den Englischunterricht legitimiert. So erklärt sich auch die große Bandbreite heterogener Auffassungen, was überhaupt unter "Literatur" zu verstehen sei, was ihre Funktion im Fremdsprachenunterricht sein könnte und wie sie zu unterrichten sei. Vor diesem Hintergrund wird das Andenken eines gemeinsamen curricularen und fachdidaktischen Bezugsrahmens für die Integration von (Fremd-)Sprache und Literatur angeregt und eine Modellierung (literatur-)didaktischer Kompetenzen auf Lehrerseite vorgeschlagen.
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