Das Ziel der vorliegenden Studie war es die Versorgungsqualität aller Klasse II:1 Patienten, die im Zeitraum von 1986 bis 2014 in der Poliklinik für Kieferorthopädie des Zentrums für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde der Justus-Liebig-Universität Gießen mit der Herbst- und unmittelbar danach mit einer Multibracket-Apparatur behandelt wurden, zu beurteilen. Die PAR-Punktwert-Reduzierung (RICHMOND et al. 1992 a, 1992b) und die Ergebniskategorien nach AHLGREN (1988) dienten als Hauptzielparameter. Zusätzlich wurden die okklusalen Variablen, das Auftreten von Rezessionen, das Bestehen von Habits und Funktionsstörungen zu Behandlungsbeginn sowie der Einfluss der skelettalen Reife und der Ausprägungsgrad der Distalokklusion auf die Versorgungsqualität als Nebenzielparameter definiert. Es wurde das Ergebnis der aktiven Behandlung als auch das der entsprechenden Kurzzeitstabilität berücksichtigt.Folgende Einschlusskriterien wurden formuliert: Angle-Klasse II:1 bei Behandlungsbeginn Herbst-Multibracket-Behandlung Aktive Behandlung bis maximal Ende 2014 Optional: größer gleich 24 monatige NachbeobachtungsphaseDas Patientengut umfasste 508 Patienten zu Behandlungsbeginn (T1). Nach erfolgter Herbst-Multibracket-Behandlung (T2: 24,2 ± 7,8 Monate) standen jedoch lediglich Modelle von 490 Patienten zur Auswertung bereit. Diese Zahl reduzierte sich erneut im Hinblick auf die Auswertung der Kurzzeitstabilität, da nur 232 Patienten eine mindestens 24 monatige Retentionsphase (T3: 32,6 ± 15,8 Monate) durchlaufen hatten. Hinsichtlich der Versorgungsqualität wurden folgende Ergebnisse festgestellt: Der anfängliche PAR-Wert konnte im Mittel von 32,4 ± 8,8 Punkten auf 8,0 ± 4,5 Punkte reduziert werden und blieb auch zu T3 weitestgehend stabil (8,8 ± 5,1 Punkte). Die subjektive Beurteilung der Versorgungsqualität zu T3 mit der Methode nach AHLGREN (1988) stufte 16,8% als ausgezeichnetes, 34,9% als gutes, 44,0% als akzeptables, 2,2% als inakzeptables und 2,2% als nicht beurteilbares Behandlungsergebnis ein. Der anfängliche Overjet konnte im Mittel von 7,1 ± 2,4 mm (rechts) bzw. 7,0 ± 2,3 mm (links) auf 2,0 ± 0,9 mm (beidseitig) reduziert werden und stieg auf 2,6 ± 0,9 mm (rechts) bzw. 2,7 ± 0,9 mm (links) an (T3). Der Overbite konnte von durchschnittlich 4,0 ± 2,0 mm (rechts) bzw. 4,1 ± 1,9 mm (links) auf 1,5 ± 0,9 mm (beidseitig) reduziert werden und stieg zu T3 auf 2,0 ± 1,2 mm (beidseitig) an. Zu T1 lag sowohl im Molaren- als auch im Eckzahnbereich durchschnittlich eine Distalokklusion von einer ¾ Prämolarenbreite vor. Durch die Herbst-Multibracket-Behandlung konnte mehrheitlich eine neutrale oder überkorrigierte Molarenverzahnung erzielt werden, die auch zu T3 stabil blieb. Im Eckzahnbereich stellte sich sowohl zu T2 als auch zu T3 eine leichte Distalokklusion von ¼ Prämolarenbreite ein. Es konnte kein Zusammenhang zwischen der skelettalen Reife und der PAR-Wert-Reduktion (T2: r=0,057; T3: r=0,031) und kein (T2: r=0,154) bzw. lediglich ein leichter Zusammenhang zwischen dem Ausprägungsgrad der Malokklusion und der PAR-Wert-Reduktion (T3: r=0,23) festgestellt werden. Zu T1 wiesen 13,6% der Patienten Rezessionen auf. Dieser Anteil stieg auf 43,1% zu T3. Zu T3 zeigten insgesamt 5,2% der untersuchten Zähne Rezessionen. Darunter waren am häufigsten die unteren Inzisivi betroffen (2,1%). Zu T1 wiesen 79,3% der untersuchten Patienten mindestens ein Habit bzw. eine Dysfunktion auf. Hierbei traten die Mundatmung (17,3%), das atypische Schluckmuster (14,9%) und das Bestehen eines Lutschhabits (12,4%) unter den Patienten mit Habit respektive Dysfunktion am häufigsten auf. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die kombinierte Herbst-Multibracket-Behandlung eine effektive Behandlungsmethode für die Angle-Klasse II:1 Dysgnathie darstellt, die zudem unabhängig von der skelettalen Reife und weitestgehend unabhängig vom Ausprägungsgrad der Distalokklusion ist.
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