Ziel der Studie war die Erfassung der Prävalenzraten der häufigsten Traumafolgestörungen wie Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), Depression und Angststörungen in Folge von invasiver Beatmung, um mögliche Risiko- und Schutzfaktoren (Resilienz) zu bestimmen. Methoden: In einer prospektiven Kohortenstudie wurden insgesamt 41 ehemalige Patienten der medizinischen Klinik der Uniklinik Gießen befragt, die während ihrer Behandlung mindes-tens 24h invasiv beatmungspflichtig waren. Frühestens drei Monate nach Entlassung wurde ein telefonisches Interview durchgeführt. Verwendete Fragebögen waren die Impact of Event Scale (IES), Primary Care PTSD Screen (PC-PTSD), die Kurzform des Patient Health Questi-onnaire (PHQ), die Resilienzskala (RS-11) sowie ein Case Report Form (CRF) zur Erfassung soziodemographischer Daten, Erinnerungen an die Beatmungssituation und weitere kritische Lebensereignisse als mögliche Risikofaktoren .Ergebnisse: 41 % der Patienten zeigten eine Belastung mit PTBS-assoziierten Symptomen, allerdings waren diese nur leicht bis mäßig ausgeprägt. Das Vollbild einer PTBS konnte nicht nachgewiesen werden. Nur zwei Teilnehmer zeigten Hinweise auf das Vorliegen einer Angst-störung. Der überwiegende Teil der Studienteilnehmer litt unter einer milden (17,07 %) bis leichten Depression (58,54 %), in 19,51 % der Fälle zeigten sich Hinweise auf eine mittelgra-dige und in 4,88 % auf eine schwere Depression.Als potentielle Risikofaktoren für Depressionen nach der Beatmungssituation erwiesen sich folgende Zusammenhänge und Unterschiede: Die Menge der Erinnerungen an die Beatmung (r=0,420; p=0,006), weibliches Geschlecht (Mdiff= -6,290; T= -2,782, df= 37,41; p= 0,008) und die Dauer der Beatmung (Mdiff= -7,832; T= -3,403; df=24,386; p=0,002). Mit dem Auftreten von Angststörungen war keiner der untersuchten Risikofaktoren assoziiert. Als potenzielle Risikofaktoren für PTBS-assoziierte Symptome nach der Beatmung erwiesen sich die Anzahl der Erinnerungen an die Beatmung (r=0,371; p=0,017) und die Dauer der Beatmung (Mdiff= -8,670; T=-2,918; df= 17,382; p= 0,009). Ebenso waren Frauen stärker belastet bei der IES-Skala Vermeidung (Mdiff= -3,833; T= -2,251; df= 21,463; p= 0,035). Bei höherer Resilienz war eine signifikant geringere Depressivität zu verzeichnen (Mdiff=-7,87; T=-3,612; df=33,834; p= 0,001), es zeigte sich jedoch kein Zusammenhang von Resilienzfaktoren mit Angststörungen oder PTBS-assoziierten Symptomen. Als weitere potenzielle Risikofaktoren ergeben sich keine störungsassoziierten Zusammenhänge mit Alter oder der Anzahl weiterer kritischer Lebenser-eignisse.Schlussfolgerung: Nach invasiver Beatmung sind bei den betroffenen Patienten psychische Beeinträchtigungen zu finden, insbesondere depressive Symptome sind häufig. Obgleich die Beatmungssituation das Potenzial hat als medizinisch induziertes Trauma erlebt zu werden, lässt die insgesamt geringe psychische Belastung der Patienten mit Symptomen aus dem post-traumatischen Formenkreis eine gute intensivmedizinische Versorgung und Bewältigung vermuten. Aufgrund des Risikos und der festgestellten depressiven Symptomhäufung erschei-nen psychoedukative Maßnahmen während oder im Anschluss an die Behandlung auf einer Intensivstation sowie die Zuführung zu einer frühzeitigen Intervention bei Hinweisen auf psychische Belastung sinnvoll.
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