Der Einfluss von Mortalität auf menschliche Lebensverläufe : Eine Analyse historischer Familiendaten aus Deutschland, Finnland und Kanada (17.-19. Jahrhundert) vor dem Hintergrund der Life History Theory
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Zusammenfassung
Aus verschiedenen Forschungsdisziplinen wie der historischen Demographie, der Life-History Theory und der evolutionären Psychologie gibt es Hinweise darauf, dass Mortalitätserfahrungen ein wichtiger Einflussfaktor auf menschliche Lebensverläufe sind. Darauf aufbauend wird in der vorliegenden Studie der Einfluss von frühen Mortalitätsrisiken auf Lebensverläufe (Überleben und Reproduktionsverhalten) von Männern und Frauen in historischen Populationen untersucht. Dabei stehen zwei Aspekte von Mortalitätskrisen im Fokus: 1. epidemiologische Krisen, 2. Todeskonfrontation in der Natalfamilie. In der ersten Teilstudie wurde anhand von Familienrekonstitutionen der historischen deutschen Küstenregion Krummhörn untersucht, wie sich das Überleben und das Reproduktionsverhalten von Frauen und Männern mit und ohne Mortalitätserfahrung unterscheidet. Mortalitätserfahrung wurde hier definiert als die prä- und postnatale Konfrontation mit einer hohen Pathogenbelastung in der Umwelt (Pockenepidemie). Die Ergebnisse zeigen einen deutlichen Geschlechtsunterschied bezüglich der Effekte sowohl auf das Überleben als auch auf reproduktive Parameter. Betroffene Frauen sind in ihrem späteren Überleben nicht beeinträchtigt, sie haben aber signifikant weniger Geburten. Für die betroffenen Männer ändert sich der Einfluss auf die Überlebenswahrscheinlichkeit über die Zeit: Das Mortalitätsrisiko ist in der Kindheit erhöht, aber im späteren Erwachsenenleben reduziert. Darüber hinaus reproduzieren sich Männer mit Mortalitätserfahrung früher und haben einen geringeren Anteil überlebender Nachkommen. Diese Studie unterstützt somit nicht bisherige Studien, die einen negativen Zusammenhang zwischen früher Kranheitsbelastung und späterem Überleben fanden und widerspricht damit dem Konzept des Cohort Morbidity Phenotype. Stattdessen wird argumentiert, dass aufgrund grundlegender Unterschiede in männlichen und weiblichen Lebensstrategien Männer (besonders in frühen Lebensphasen) fragiler und anfälliger gegenüber Krankheiten sind. Schlechte Lebensbedingungen könnten daher einen größeren Einfluss auf männliches Überleben und ihre Reproduktions-strategie besitzen. Die vorgefundenen Merkmale der Männer legen den Schluss nahe, dass sie aufgrund geringer Lebenserwartung eine schnelle LH-Strategie verfolgen.In der Literatur finden sich bereits zahlreiche Hinweise darauf, dass frühe stressreiche Lebensumwelten das Tempo des Lebensverlaufs beeinflussen können. Allerdings mangelt es an Informationen über Einflüsse auf männliche Lebensstrategien und darüber, ob allgemeine Umweltbedingungen, Familieneinflüsse oder individuelle Erfahrungen den größeren Einfluss haben.Anhand von drei historischen Populationen (Krummhörn, Finnland, Québec) wird in der zweiten Teilstudie untersucht, ob die Mortalitätsbelastung in der Umwelt, innerhalb der Familie oder auf Basis individueller Erfahrungen, Einfluss auf den Lebensverlauf nimmt. Im Fokus stehen hierbei die zentralen LH-Parameter Alter bei der ersten Heirat und Alter bei der ersten Geburt. Die Analysen zeigen, dass offenbar beide Geschlechter ihre LH-Strategie den herrschenden Mortalitätsbedingungen anpassen können, deutlichere Effekte gibt es allerdings bei den Männern. Dies gilt sowohl für Einflüsse auf der Populations- als auch auf Familienebene. Männer zeigen hier mit früherer Heirat und früherer Reproduktion Merkmale schneller Lebensverläufe. Damit ergänzt diese Studie bisherige Ergebnisse, welche fast ausschließlich Effekte für Frauen festgestellt haben.Darüber hinaus liefert die vorliegende Studie Belege dafür, wie wichtig Umweltfaktoren im Allgemeinen und die Familienumwelt im Speziellen für die Entwicklung bestimmter Reproduktionsstrategien sind. Individuelle Erfahrungen scheinen für LH-Entscheidungen lediglich eine untergeordnete Rolle zu spielen.Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen
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Erstpublikation in
Erschienen auch in: American Journal of Human Biology 2011, 23, 201-208
