Histologische Veränderungen im Hoden bei vom Klinefelter-Syndrom betroffenen, männlichen Individuen (Mensch und transgene Maus) : Untersuchung möglicher vaskulärer Umbauprozesse
Das Klinefelter-Syndrom ist eine der häufigsten chromosomalen Aneuploidien des männlichen Geschlechts, mit dem Karyotyp 47,XXY. Betroffene zeigen neben vielen Morbiditäten kardiovaskulärer, metabolischer und kognitiver Art als Hauptmerkmal einen Hypogonadismus mit gestörter Spermatogenese und Androgenmangel. Diese Arbeit befasst sich besonders mit Untersuchungen der Gefäßstruktur innerhalb des Hodens beim Klinefelter-Syndrom. Durch zusätzliche Analysen anhand des 41,XXY*-Maus-Modells, das sich für Forschungszwecke etabliert hat, konnten zudem testikuläre Veränderungen während der postnatalen Entwicklung untersucht werden. In diesem Kontext waren Untersuchungen von Nestin, einem Intermediärfilament, das vorwiegend im Nervensystem vorkommt, jedoch auch den vaskulären Leydig-Vorläuferzellen zugeordnet wurde, Hauptgegenstand dieser Arbeit. Biopsien von Männern mit Klinefelter-Syndrom zeigten eine im Gegensatz zu infertilen Vergleichs-Patienten erhöhte Zahl von Gefäßen, vornehmlich von denen mit 3 oder mehr Muskelschichten. Bei diesen größeren Gefäßen und testikulären Kapillaren konnten Nestin-exprimierende Zellen identifiziert werden. In Zusammenschau mit Vorarbeiten dürfte Nestin in den größeren Gefäßen an vaskulärem Umbau beteiligt sein und in den kleineren als Marker für Progenitor-Leydig-Zellen anzusehen sein. Ein Auftreten von Nestin in den kontraktilen Zellen des peritubulären Segmentes konnte durch Immunhistochemie ausgeschlossen werden. Durch qPCR-Untersuchungen zeigte sich ergänzend, dass die testikuläre Nestin-Expression bei Klinefelter-Patienten höher ist als bei infertilen Patienten anderer Genese und fertilen Kontrollen. In Bezug auf den zeitlichen Verlauf der Nestin-Expression in Gefäßen konnte im Maus-Hoden dargestellt werden, dass die Nestin-Lokalisation gehäuft mit dem Nachweis des Proliferationsmarkers PCNA einhergeht, wobei Nestin bei der 41,XXY*-Maus im Unterschied zu der 40,XY*-Maus postnatal länger vorhanden ist. Auf Proteinebene zeigte sich im Western Blot, dass Nestin bei den 41,XXY*-Mäusen stärker exprimiert wird. Korrelierend damit war auch die Expression des für die Markierung von Leydig-Zellen verwendbaren Enzyms Cytochrom P450scc bei 41,XXY*-Mäusen stark erhöht. Dies könnte darauf hindeuten, dass trotz verringertem Serum-Testosteron wahrscheinlich ein intratestikulär erhöhter Testosteron-Gehalt vorliegt, worauf bereits andere Studien hindeuteten. Schlussfolgernd liefert die vorliegende Dissertation erstmalig Hinweise auf die Bedeutung von Nestin beim Klinefelter-Syndrom und 41,XXY*-Maus-Modell und unterstützt die Hypothese einer vaskulär-metabolischen Ursache für die bis heute nicht vollständig aufgeklärte Infertilität bei einer Erkrankung, die oftmals noch viel zu spät diagnostiziert wird.
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