Hintergrund: Der Begriff der Alexithymie umschreibt Schwierigkeiten eines Individuums, Emotionen adäquat bei sich wahrzunehmen, Affektqualitäten zu differenzieren und diese sprachlich auszudrücken. Die vorliegende Arbeit versteht Alexithymie als entwicklungsbedingte, ätiologisch in den Interaktionen mit den primären Bezugspersonen begründete Funktionsweise der emotionsregulierenden Systeme, die dazu führt, dass affektive Spannungen nicht symbolisch repräsentiert und als dem Selbst zugehörige emotionale Zustände identifiziert und ausgedrückt werden können. Befunde aus der neurobiologischen Affektforschung untermauern diese Konzeptualisierung und weisen auf plausible Vermittlungswege zu den regulatorischen Systemen des Gesamtorganismus hin. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war, den dynamischen Verlauf zweier immunologischer bzw. endokrinologischer Parameter in Wechselwirkung mit Änderungen von Qualität und Intensität affektiver Spannungen nachzuzeichnen und zu überprüfen, inwieweit eine Einschränkung der Fähigkeit zur Symbolisierung dieser Spannungen für die Verläufe von Relevanz sein kann. Methoden: Um eine Vergleichbarkeit zu bereits vorliegenden Befunden zu ermöglichen, wurde versucht, eine Studie zur Emotionsspezifischen Reaktivität des sekretorischen Immunglobulin A im Speichel, die als Nebenparameter zudem das Cortisol im Speichel untersuchte (Hennig, 1994), zu replizieren und dann um alexithymiespezifische Fragestellungen zu erweitern. Aus einer Population von 151 Medizinstudierenden wurden zur Bildung von hoch- und niedrigalexithymen Subgruppen die 43 Probanden mit den höchsten und niedrigsten Scores in der fragebogenbasierten Selbstbeurteilung der Alexithymieausprägungen ausgewählt und randomisiert zu einer Kontroll- und einer Experimentalgruppe zugeteilt. Den Probanden der Experimentalgruppe wurden ausgewählte Sequenzen aus Schlöndorffs Verfilmung von Günther Grass Die Blechtrommel vorgeführt, die sich in Voruntersuchungen als Induktoren der Emotion Ekel erwiesen haben. Der Kontrollgruppe wurden affektneutrale Filmszenen präsentiert. Neben Kennwerten für Ängstlichkeit und Depressivität sowie habituellen Persönlichkeitsmaßen zu Beginn des Experiments, wurden durch die Probanden nach den Filmszenen jeweils eine sprachgebundene sowie eine nonverbale Selbsteinschätzung des reizbezogenen emotionalen Erlebens durchgeführt sowie zu definierten Zeitpunkten eine Speichelprobe zur Untersuchung der sIgA- und Cortisolkonzentrationen entnommen. Die Hypothesen erwarteten 1.) eine Replizierbarkeit der Ergebnisse der Untersuchung, an die das Design der vorliegenden Studie angelehnt war (d.h. trotz einiger Modifikationen im Design ein gelingen der Ekelinduktion in der Experimentalgruppe und einen im Vergleich zur Kontrollgruppe im zeitlichen Verlauf supprimierten Anstieg des sIgA bzw. sich nicht signifikant verändernde Cortsiolkonzentrationen im Speichel), 2.) eine bei Hochalexithymen im Vergleich zu Niedrigalexithymen veränderte Einschätzung des reizbezogenen emotionalen Erlebens, sowie 3.) eine bei Hochalexithymen im Vergleich zu Niedrigalexithymen veränderte Reaktivität der biologischen Parameter auf das affektinduktive Filmmaterial. Erwartet wurden eine stärkere Suppression der sIgA-Konzentrationen sowie ein Anstieg des Cortsiol bei Alexithymen in der Experimentalgruppe. Ergebnisse: Die Ergebnisse der Untersuchung von Hennig (1994) waren nur unter Ausschluss der hochalexithymen Subgruppe replizierbar. Hochalexithyme schätzten ihr reizbezogenes emotionales Erleben weder in der Experimental- noch in der Kontrollgruppe anders ein als Niedrigalexithyme. Sie zeigten allerdings ein differentes psychobiologisches Reaktionsmuster: In der Experimentalgruppe waren die Verlaufskurven der beiden Alexithymie-Subgruppen weitgehend deckungsgleich, in der Kontrollgruppe reagierten Hochalexithymie jedoch mit einer relativen Erhöhung der Cortisol- und nur geringeren Anstiegen der sIgA-Konzentrationen. Wenn, statt einer Verwendung des Medians der vorliegenden Stichprobe, der Grenzwert für die Zuteilung zu den Alexithymiegruppen in Richtung klinischer Relevanz angehoben wurde, zeigte sich in einer zweifaktoriellen Kovarianzanalyse mit Messwiederholung für die Cortisolkonzentrationen ein signifikanter Haupteffekt der Alexithymie-Gruppenzugehörigkeit sowie eine signifikante Dreifachinteraktion Zeit x Gruppe x Alexithymie (HA/NA). Diskussion: Wenngleich die Ergebnisse in weiten Teilen zunächst nicht hypothesenkonform sind, konnten doch Unterschiede in den Mustern der psychobiologischen Reagibilität von Hoch- und Niedrigalexithymen aufgezeigt werden. Diese scheinen sich weniger in der reizspezifischen Reaktion auf emotionale Inhalte zu manifestieren als vielmehr unter Bedingungen einer affektiv unspezifischen Situation, die wenig Anhalt zur Orientierung an sozialen Bewertungskonventionen bietet, deshalb als stresshaft erlebt werden und entsprechende somatische Reaktionen nach sich ziehen könnte.
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