Labyrinthaufgaben werden seit Beginn des zwanzigsten Jahrhundert zur Untersuchung von Prozessen spatialer Informationsverarbeitungsowohl im Animal- wie auch im Humanbereich verwendet. Dabei werden sie nicht nur in einer Vielzahl unterschiedlicher Realisierungen,sondern auch im Kontext verschiedener Fragestellungen wie beispielsweise der allgemeinen oder differentiellen Psychologie, derNeuropsychologie oder auch der Psychiatrie eingesetzt. Beim Lösen von Labyrinthaufgaben wird nicht allein eine bestimmte kognitiveFunktion beansprucht, sondern zahlreiche Subfunktionen, deren Zusammenspiel als entscheidend für eine erfolgreiche Aufgabenlösungbetrachtet wird. Bei Labyrinthaufgaben mit vollständig sichtbarem Wegsystem wird insbesondere eine Koordination zwischen eherperzeptiven und eher aktionalen Subprozessen als entscheidend für eine erfolgreiche Aufgabenlösung angesehen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist in drei experimentellen Untersuchungen mit gesunden Personen auf der Basis von Verhaltensmessungenwährend der Labyrinthlösung, Einblick in die bei der Aufgabenbearbeitung eingesetzten kognitiven Subprozesse und ihr Zusammenspiel inAbhängigkeit von Merkmalen der Aufgabe zu gewinnen. In der ersten Untersuchung werden verschiedene Merkmale der präsentiertenLabyrinthe wie Zahl und Form von Sackgassen variiert. Die Wirkung dieser Manipulationen auf verschiedene Aspekte des Verhaltens, wiedie Qualität der Lösung, die Präzision der Bewegung und den Zeitbedarf der Bearbeitung, wird analysiert. In der zweiten Untersuchungwerden Reizkomplexität und Bewegungsschwierigkeit variiert. Hier interessiert besonders die Relation zwischen Prozessen derStimulusanalyse und der Bewegungssteuerung, da als das Hauptmerkmal von Labyrinthaufgaben mit vollständig sichtbarem Wegsystemdie Umsetzung der Ergebnisse visueller Reizverarbeitung in Bewegungen angesehen werden kann. In einem dritten Experiment wird dieAllokation von Aufmerksamkeitsressourcen auf die zur Lösung notwendigen Arbeitsgedächtnisprozesse und die Kontrolle vonBewegungen untersucht.
Manipulationen der Labyrinthstruktur, mit denen Stimulusanalyse- und Entscheidungsprozesse beeinflußt werden sollten, wirkten sich dabeiunterschiedlich auf einzelne Aspekte des Verhaltens aus. So scheinen Stimulusanalyseprozesse, wenn die Instruktion präziserBewegungen betont wird, vornehmlich in Bewegungspausen abzulaufen. Dagegen finden Entscheidungsprozesse während des Ablaufesvon Bewegungen statt. Hinweise auf eine Konkurrenz stimulus- und responsebezogener kognitiver Prozesse um limitierte Ressourcen,etwa der Aufmerksamkeit oder der Speicherkapazität des Arbeitsgedächtnisses, während des Ablaufes der Bearbeitung, ließen sich nichtbeobachten. Jedoch wurde entsprechend den aktuellen Anforderungen der Aufgabe an die Bewegungsschwierigkeit von eher paralleler zuserieller Verarbeitung gewechselt. Erschien die Bewegungspräzision weniger wichtig, liefen Stimulusanalyseprozesse zunehmend auchwährend der Bewegungen ab. Dies legt nahe, daß die Zuteilung von limitierten Ressourcen zu den unterschiedlichen Bereichen kognitiverVerarbeitung schon unmittelbar nach Präsentation der Labyrinthe auf der Basis von Vorerfahrungen erfolgt. Die Ergebnisse legen nahe,daß das Verhalten gesunder Personen bei der Bearbeitung von Labyrinthen durch eine hohe Adaptivität gekennzeichnet ist, wobei sichkaum Unterschiede zwischen den Geschlechtern nachweisen ließen.
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