Entscheidungsverhalten bei komplexen Problemen: Die Sortenwahl bei Winterweizen

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Neue Weizensorten sind aufgrund von Zuchtfortschritten im Durchschnitt leistungsfähiger als ältere Sorten. Trotzdem bauen die Landwirte überwiegend ältere Sorten an. Da nur marginale Preisunterschiede zwischen neuen und alten Sorten vorliegen und Produktivität sowie ökologische Ziele durch den Anbau älterer Sorten negativ beeinflusst werden, bietet die Produktionstheorie keine hinreichenden Erklärungen für dieses Phänomen. In dieser Arbeit wird zum ersten Mal das Entscheidungsverhalten von Landwirten unter Berücksichtigung der von Herbert A. Simon begründeten Theorie der begrenzten Rationalität erforscht.Deutsche Landwirte bauen auf etwa 3 Mio. Hektar Winterweizen an. Für den Anbau können sie aus einer Vielzahl von Weizensorten wählen, deren Erträge innerhalb gleicher Produktionssysteme erheblich variieren. Je besser eine Sorte an ein Produktionssystem angepasst ist, desto effizienter können die Produktionsfaktoren, wie z. B. Land und Pflanzenschutzmittel, genutzt werden. Die Sortenwahl ist folglich aus ökologischer und ökonomischer Sicht ein relevantes Entscheidungsproblem.Als theoretische Grundlage dieser Arbeit dient das Konzept der ökologischen Rationalität aus der Theoriedomäne der begrenzten Rationalität. Ein zentraler Baustein dieser Theorie sind heuristische Entscheidungsverfahren, die zur Lösung von schlecht strukturierten Inferenzentscheidungen eingesetzt werden. Die Sortenwahl stellt aufgrund der Wechselwirkungen zwischen Weizenpflanzen, Produktionsverfahren und Standort, der Vielzahl von Alternativen mit vielen Attributen sowie des großen Einflusses der nicht exakt prognostizierbaren Jahreswitterung ein solches Entscheidungsproblem dar. Das bedeutet, Landwirte müssen Inferenzen über die Eignung von Sorten für spezifische Produktionssysteme bilden. Dabei können sie auf unterschiedliche Informationsquellen zurückgreifen, die sich unter anderem in der Aktualität unterscheiden. Zur zielführenden Nutzung dieser Quellen bedarf es unterschiedlichen Wissens, das in der Entscheidungsforschung auch als mentale Modelle bezeichnet wird.In der vorliegenden Arbeit werden das Entscheidungsverhalten der Landwirte und die Ursachen des verzögerten Anbaus neuer Weizensorten mit zwei empirischen Studien untersucht. Die Expertenbefragung mit 33 Teilnehmern führt zu zwei zentralen Erkenntnissen: Es werden primär Informationsquellen als geeignet eingestuft, in denen die Informationen zu Sorten erst einige Jahre nach ihrer Zulassung aufgeführt werden, wodurch der verzögerte Anbau neuer Sorten teilweise erklärt werden kann. Zudem wird deutlich, dass in der Expertengruppe intra- und interpersonelle Unterschiede in den Vorstellungen über die Ertragsrelevanz einzelner Sorteneigenschaften bestehen. Dies belegt, dass innerhalb der Expertengruppe keine einheitlichen mentalen Modelle über die Interaktion zwischen Produktionssystem, Sorteneigenschaften und Ertrag vorliegen.Das Verhalten bei konkreten Entscheidungen wird anhand eines anreizkompatiblen, computerbasierten Laborexperiments mit 188 Teilnehmern erforscht. Hierbei wird erstmalig die Anwendung von Entscheidungsverfahren von realen Entscheidungsträgern (Landwirten) bei der Auswahl realer Alternativen (reale Sorten) in realistischen Entscheidungssituationen (reale Produktionssysteme) mit Hilfe einer Information-Display-Matrix beobachtet. Die Ergebnisse zeigen, dass die Landwirte am häufigsten die heuristischen Prinzipien Reduktion der einbezogenen Sorteneigenschaften und nicht-kompensatorische Merkmalsbeurteilungen anwenden. Zudem wird mit den Sortennamen eine Schlüsselinformation am stärksten berücksichtigt. Dies zeigt, dass die Landwirte vornehmlich versuchen, auf eigene Erfahrungen zurückzugreifen. Die Nutzung eigener Erfahrungen bedingt, dass neue Sorten nicht berücksichtigt werden können und erklärt den verzögerten Anbau neuer Sorten. Die Einbeziehung von Anbau-, Resistenzeigenschaften und einzelnen Ertragskomponenten schwankt in Abhängigkeit von der Ausgestaltung der Produktionssysteme. Die Berücksichtigung dieser Eigenschaften variiert interpersonell, was die großen Unterschiede in den subjektiven Einschätzungen über die Ertragsrelevanz einzelner Sorteneigenschaften aufzeigt. Die Probanden passen den Entscheidungsaufwand nicht an die ökonomische Tragweite, jedoch in Abhängigkeit verschiedener Produktionssysteme an. Zudem wird kein Zusammenhang zwischen Entscheidungsaufwand und Entscheidungserfolg festgestellt. Auch einfache Entscheidungsverfahren führen zu guten Ergebnissen. Diese Beobachtungen unterstützen die Annahmen der Theorie der begrenzten Rationalität bzw. der ökologischen Rationalität.Die aus den Ergebnissen abgeleiteten Implikationen adressieren Landwirte, Zuchtunternehmen sowie die pflanzenbauliche Beratung und Forschung. Durch die Umsetzung der vorgeschlagenen Maßnahmen können Landwirte darin unterstützt werden, erfolgreichere Entscheidungen bei der Sortenwahl zu treffen und somit die Potenziale pflanzenzüchterischer Innovationen zu nutzen.

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