Das bovine Ovarialzystensyndrom : Versuch einer in vivo Klassifizierung in Verbindung mit einer Langzeitstudie zur Überprüfung verschiedener Diagnostik- und Therapiemethoden
Für die vorliegende Feldstudie standen 337 Kühe mit Ovarialzystensyndrom aus 78 Betrieben zur Verfügung. Bei allen Probanden wurdeneben den klassischen klinischen Parametern anläßlich der Erstvorstellung der periphere Progesterongehalt in Vollmilch semiquantitativdurch EIA gemessen und retrospektiv in der Magermilch durch EIA quantifiziert. Bei 61 Probanden wurden zudem die Zysten per vaginampunktiert und in der aspirierten Zystenflüssigkeit (ZF) Progesteron (P4), Östradiol-17ß (E2) und Testosteron (T) quantitativ durch RIAanalysiert. Keine oder nur minimale Korrelationen bestanden zwischen dem in Magermilch gemessenen P4 -Gehalt und den in der ZFgemessenen Steroidhormonkonzen-trationen (P4 in lacte vs P4 ZF: r = 0,085p>0,05; P4 in lacte vs E2 ZF: r = -0,199, p>0,05; P4 in lacte vsT ZF: r = -0,192, p >0,05). Dagegen erwiesen sich die zwischen den Steroiden in der ZF bestehenden Abhängigkeiten als mittelgradig bissehr stark korreliert (P4 vs E2: r = -0,456, p<0,001; P4 vs T: r = -0,426, p<0,001; E2 vs T: 0,849, p<0,001).
Weiterhin konnten die Hormonanalysenwerte von 72 Originärzysten fünf deutlich voneinander differenzierbaren Hormonmustern zugeordnetwerden: P4 -dominierte Zysten (61,1 %), E2 -dominierte Zysten (15,3 %), E2/P4 -intermediäre Zysten (19, 4 %), T -dominierte Zysten (1,4%) sowie Zysten mit Steroidhormonmangel (2,8 %).
Bei 13 Kühen mit polyzystisch bilateralem Ovarialzystensyndrom bestand zwischen den 26 korrespondierenden Zysten des linken und desrechten Ovars mit r = 0,042 (p>0,05) für P4 in der ZF keine Korrelation, dagegen mit r = 0,411 (p>0,05) für E2 und r = 0,569 (p<0,05) für Teine mittlere Korrelation.
Die geringen bis mittleren Korrelationskoeffizienten zwischen den Steroidhormonkonzentrationen von 8 prätherapeutischen Originärzystenund 10 posttherapeutisch gebildeten Rezidivzysten betrugen für P4 (r = 0,321, p>0,05), für E2 (r = 0,295, p>0,05) und für T (r = 0,507p>0,05).
Die post mortem gewonnene Hohlraumflüssigkeit von 15 Corpora lutea cavernosa wurde mit der ZF von 6 extrem P4 -dominierten undinfolgedessen als Luteinzysten eingestuften Ovarialzysten hinsichtlich des Steroidhormongehaltes verglichen. Das Verhältnis der mittlerenKonzentrationen der Follikel-Lutein-Zysten gegenüber den kavernösen Gelbkörpern betrug dabei für P4 2015,84 x 1,81 vs 1781,06 x 1,93ng/ml (p>0,05), für E2 0,10 x 3,63 vs 0,04 x 1,95 ng/ml (p<0,05) und für T 0,12 x 2,12 vs 0,35 x 2,05 ng/ml Flüssigkeit (x G $ SF!1), (p<0,01).Daraus wird ersichtlich, daß es in vivo endokrinologisch nicht möglich ist, teilluteinisierte Follikel-Theka-Zysten von Follikel-Lutein-Zystenoder von Corpora lutea cavernosa zu differenzieren.
Zur Überprüfung verschiedener Therapieverfahren wurde das Probandenkollektiv der Kühe mit OZS wie folgt unterteilt. In Gruppe I (n = 61)mit den Sektionen A und B wurden die Ovarialzysten intravaginal punktiert und die Zystenflüssigkeit zur Hormonanalyse aspiriert. Kühe derSektion A (n = 54) ohne Lutealgewebe (P4 < 5,0 ng/ml Milch) erhielten GnRH (20 µg Buserelin), während die Probanden der Sektion B (n= 7) mit Lutealgewebe (P4 > 5,0 ng/ml) PGF2a (750 µg Tiaprost) appliziert bekamen. Bei den Kühen der Gruppe II (n = 266) mit denSektionen A und B blieben die Ovarialzysten dagegen unberührt. Zusätzlich wurden jedoch während der 30tägigen Versuchsperiode in 2bis 3tägigen Intervallen Milchproben für eine retrospektiv vorgenommene quantitative P4 -Analyse in Magermilch gesammelt. Die Kühe derSektion C ohne Lutealgewebe (n = 244) erhielten nach einem Randomisierungsplan hCG (5000 I.E. hCG, n = 47), GnRH (20 µg Buserelin,n = 52), PRID (PRID®, n = 50), ein Homöopathicum (4 ml Nymphosal®, n = 48) oder Placebo (5 ml physiologische NaCl-Lösung, n = 47)während den Probanden der Sektion D mit Lutealgewebe (n = 22) entweder PGF2a (750 µg Tiaprost, n = 8) oder Placebo (5 mlphysiologische NaCl-Lösung, n = 14) verabreicht wurde.
Während sich die anhand der P4 -Profile und des klinischen Verlaufs berechneten Zyklusrestitutionsraten (ZRR) für hCG mit 95,8 %, fürGnRH mit 90,4 %, für PRID mit 96,0 %, für das Homöopathicum mit 47,9 % und für Placebo mit 59,6 % signifikant unterschieden (p<0,001), waren die Abweichungen der ZRR für PGF2a mit 87,5 % sowie für Placebo mit 100 % nicht signifikant (p >0,05). Die Graviditätsrate nach Erstbesamung (GREB) betrug für hCG 42,6 %, für GnRH 36,5 %, für GnRH mit Zystenpunktion 50,0 %, für PRID42,0 %, für das Homöopathicum 18,8 % und für Placebo 21,3 % (p <0,001). Dagegen waren die Unterschiede der GREB für PGF2a mit62,5 %, für PGF2a mit Zystenpunktion mit 71,4 %, sowie für Placebo mit 35,7 % nicht signifikant (p >0,05).
Die Gesamtgraviditätsrate (GGR) betrug in den Sektionen A und C für hCG 66,0 %, für GnRH 73,1 %, für GnRH mit Zystenpunktion 72,2%, für PRID 72,0 %, für das Homöopathicum 37,5 % und für Placebo 46,8 % (p <0,001). In den Sektionen B und D unterschied sichdemgegenüber die GGR für PGF2a mit 87,5 %, für PGF2a mit Zystenpunktion mit 85,7 % sowie für Placebo/Kontrolle mit 64,3 % nichtsignifikant (p >0,05).
Aus den vergleichenden Therapieververfahren ging die weitgehende Gleichwertigkeit der endokrin aktiven Therapeutica hCG, GnRH undPRID respektive PGF2a ebenso wie deren Überlegenheit gegenüber dem verwendeten Homöopathicum oder Placebo hervor. DieErfolgsunterschiede waren allerdings geringer als landläufig vermutet ausfallen, was auf den relativ hohen Anteil zyklusbegleitender undselbstheilender Zysten zurückzuführen war. In keiner der Sektionen A - D konnte bei den postpartalen Diagnoseintervallenkategorien <50Tage, 50 - 100 Tage sowie >100 Tage eine temporäre Abhängigkeit der GGR nachgewiesen werden.
Eine Therapieauswahl für das OZS nach luteotropen oder luteolytischen Aspekten erscheint unter Praxisbedingungen nur bedingtanwendbar. Zum einen regulierte sich der Zyklus bei allen Kühen mit OZS und nachgewiesenem Lutealgewebe nach einerPlacebo-applikation von selbst, zum anderen bestand zwischen dem Progesterongehalt in lacte und dem in der Zystenflüssigkeit keineKorrelation. Folglich fehlt auch die Grundlage für eine spezifische endokrinologische Klassifikation des bovinen Ovarialzystensyndroms viaperipherer Progesteronanalyse.
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