Psychosoziale Faktoren der Neurodermitis im Erwachsenenalter : Eine Fall-Kontroll-Studie zu Partnerschaft, Bindung, Alexithymie sowie psychischer Belastung
Hintergrund: Neurodermitis ist eine chronische Hauterkrankung mit steigender Inzidenz und Prävalenz. Das Wissen über die psychischen Belastungen und psychosomatischen Faktoren ist essentiell für eine erfolgreiche Therapie im Sinne eines psychodermatologischen Ansatzes. Ziele: Die Studie erhebt psychische Belastungsfaktoren (Angst, Depression, Suizidgedanken), zeigt Zusammenhänge zwischen Neurodermitis und Alexithymie auf und untersucht deren Einfluss auf die hautspezifische Lebensqualität der Betroffenen. Des Weiteren untersucht sie Bindungseigenschaften und Partnerschaftszufriedenheiten erwachsener Neurodermitiker. Design: Fall-Kontroll-Studie. Studienrahmen: Es wurden Fragebögen an Studienteilnehmer aus dem klinischen sowie nicht-klinischen Sektor ausgeteilt. Die Daten wurden zwischen 2006 und 2007 entweder per Postzusendung oder im direkten Kontakt erhoben. Teilnehmer: 62 erwachsene Neurodermitiker wurden mit 62 hautgesunden Probanden bezüglich Geschlecht, Alter und Vorhandensein einer Partnerschaft gematched (Paarbildung). Messmethoden: Es wurden bereits etablierte Fragebögen zur Erhebung von Angst und Depressivität (HADS-D), Suizidalität (Fragenkatalogs zur Abschätzung der Suizidalität nach Pöldinger), Alexithymie (TAS-20), Bindungseinstellungen (AAS), Partnerschaftszufriedenheit (PFB), hautspezifischer Lebensqualität (DLQI) sowie dermatologischer Symptomschwere (PO-SCORAD) eingesetzt. Die Gruppe der Neurodermitiker wurde mit der Kontrollgruppe bezüglich der genannten Variablen statistisch verglichen. Ergebnisse: Neurodermitiker wiesen signifikant höhere Scores in allen drei Variablen der psychischen Belastung auf (Suizidgedanken, Angst, Depression). Es fanden sich hohe Korrelationen zwischen der Symptomschwere und den Belastungswerten. 16.1% der Neurodermitiker gaben an, unter sich aufdrängenden Suizidgedanken zu leiden (Kontrollgruppe 1.6%, OR = 11.7 (95%KI = 1.5-94.7)). Die Prävalenz für hochalexithyme Merkmale lag in der Gruppe der Neurodermitiker bei 22.6% (Kontrolle 4.8%, Chi2 = 8.32, p = 0.02). Schwierigkeiten bei der Identifizierung von Gefühlen (TAS-20 Skala 1) sowie Schwere der Neurodermitis waren bedeutsame Prädiktoren für die Beeinträchtigung der hautspezifischen Lebensqualität. In der Gruppe der untersuchten Neurodermitiker konnte ein signifikanter Zusammenhang zwischen Bindungseigenschaften (AAS) und der Beeinträchtigung der hautspezifischen Lebensqualität (DLQI) sowie der Symptomstärke (PO-SCORAD) gefunden werden. Die Partnerschaftszufriedenheit hingegen war im Vergleich zur Kontrollgruppe nicht reduziert. Hohe Partnerschaftszufriedenheit und sichere Bindungseigenschaften standen dabei in einem signifikanten Zusammenhang. Einschränkungen: Im Rahmen dieser Studie wurden nicht-repräsentative Stichproben untersucht. Schlussfolgerung: Suizidalität, Angstgefühle und Depressivität scheinen relevante, psychische Belastungsfaktoren bei Neurodermitikern zu sein und sollten möglicherweise verstärkt in Klinik und Forschung berücksichtigt werden. Ebenso ergaben sich Hinweise auf eine erhöhte Prävalenz bei Neurodermitikern für hochalexithyme Persönlichkeitseigenschaften, welche assoziiert sein können mit anderen psychosomatischen Erkrankungen. Sowohl die Krankheitsschwere als auch die Beeinträchtigung der hautspezifischen Lebensqualität stehen bei Neurodermitikern im Zusammenhang mit unsicheren Bindungseinstellungen. Die weitere Erforschung von spezifischen Bindungsmustern bei Neurodermitikern könnte somit zur Verbesserung der spezifischen Behandlungsziele (Symptomreduktion und Verbesserung der Lebensqualität) beitragen. Die Ergebnisse der Studie geben Hinweise, dass eine psychosomatische Perspektive auf Neurodermitis bedeutsam und nötig sein könnte. Spezifische psychotherapeutische Interventionen und Behandlungskonzepte könnten die Neurodermitisbehandlung sinnvoll ergänzen. Allerdings besteht weiterhin ein Bedarf an Untersuchungen, um eine breitere Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse über psychosoziale Faktoren bei Neurodermitis zu erlangen.
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