Ziel dieser Arbeit war es, die bislang nur geringen Kenntnisse der Embryogenese von Nematoden zu erweitern, Gemeinsamkeiten und Unterschiede sowie die Kontrolle von embryologischen Prozessen bei verschiedenen Spezies aufzuklären und ihre Eignung als phylogenetische Marker zu überprüfen.Es wurden verschiedene Aspekte der Embryonalentwicklung von verwandtschaftlich unterschiedlich weit von C. elegans entfernten Nematodenspezies in Abhängigkeit von ihrer phylogenetischen Positionierung untersucht. Dabei wurden sowohl freilebenden als auch parasitäre Spezies verwendet. Basis für die phylogenetische Positionierung bildeten die auf molekularen Daten beruhenden Arbeiten von Blaxter et al. (1998) und De Ley &
Blaxter (2002).Mittels DIC, DNA-Anfärbung, Narkotisierung, indirekter Immunfluoreszenz, Zellablation und Zellelimination wurde die frühe Embryogenese der verschiedenen Spezies untersucht. Schwerpunkte bildeten dabei die Morphologie, die Fortpflanzungsweise, die Reduktionsteilung, die Eiaktivierung, die Etablierung der Gründerzellen, das Verhalten der frühen Keimbahn, die Ausbildung und Kontrolle der Raumachsen, die frühe räumliche Musterbildung, die Herkunft der E-Zelle und die Einwanderung des Darmvorläufers, die Darmzelldifferenzierung, die Etablierung der bilateralen Symmetrie und die Regulationsfähigkeit. Es wurden dreidimensionale Computerrekonstruktionen früher Embryonen von C. elegans, D. coronatus, A. nanus und "Plectus mekong" unter Aufschlüsselung der einzelnen Zelllinien angefertigt.Anhand voneinander abweichender Eiaktivierung, Reduktionsteilung und Etablierung der anterior-posterior Achse konnte für die beiden parthenogenetischen Spezies D. coronatus und "P. mekong" eine verschiedene Anpassung an ihre Fortpflanzungsweise nachgewiesen werden.Bei D. coronatus wurden individuelle Variationen der frühen räumlichen Musterbildung und ihre Entstehungsweise beobachtet und aufgeklärt. Experimentell konnte die Kontrolle der Etablierung der anterior-posterior Achse und der dorso-ventralen Achse nachgewiesen werden.Aufgrund der in dieser Arbeit gefundenen embryologischen Gemeinsamkeiten (z. B. die frühe Keimbahn-Soma-Trennung) der Plectiden mit den Secernentea, nicht aber mit den Adenophorea, konnte die von Blaxter et al. (1998) vorgeschlagene Neupositionierung der traditionell als Adenophorea betrachteten Plectiden in die Nähe von secernentischen Spezies unterstützt werden.Durch die Untersuchungen an Plectiden und den Vergleich mit Spezies der Secernentea sowie Adenophora konnten embryologische Besonderheiten der Plectiden wie die frühe Etablierung der bilateralen Symmetrie und die Gastrulation mit nur einer Darmvorläuferzelle herausgefunden werden, die die frühe Trennung der Plectiden von anderen Secernentea nahelegen.Wegen der Gleichartigkeit dieser embryologischen Besonderheiten bei Plectiden, Chromadorida und Monhysterida erfolgte ihre Zusammenfassung in der PCM-Gruppe. Diese Ergebnisse widersprechen der traditionellen Sichtweise der phylogenetischen Positionierung von Plectiden, sind aber in Einklang mit den Schlussfolgerungen, die aus molekularen Daten gezogen werden.Durch die vergleichende Untersuchung von T. lirellus und Tylocephalus auriculatus mit anderen Plectiden konnte T. lirellus als Rhabditide idendifiziert und so die Abgrenzung der Plectiden gegenüber den Rhabditida vorgenommen werden.Die Untersuchung von N. dubius, N. brasiliensis, H. spumosa, T. spiralis und T. muris zeigte, dass die frühe Embryogenese von parasitären Spezies denselben Prinzipien wie die der nah mit ihnen verwandten freilebenden Spezies folgt.Bei T. spiralis und T. muris als verwandtschaftlich sehr weit von C. elegans entfernte Spezies konnten dementsprechend gravierende Unterschiede in der Etablierung der somatischen Gründerzellen und der frühen räumlichen Musterbildung zu C. elegans nachgewiesen werden. Bei T. spiralis konnte die unter Nematoden bis jetzt nur einmal in dieser Form nachgewiesene Bildung eines großen Blastocoels gezeigt werden.Aufgrund der Ergebnisse dieser Arbeit wurden Modifikationen des von Blaxter et al. (1998) erarbeiteten, phylogenetischen Stammbaums vorgeschlagen und begründet. Diese Änderungen beinhalten die Zusammenfassung von Plectiden mit Chromadorida und Monhysterida in einer neuen Clade 3 und den Tausch der alten Clade I mit Clade II. Die Gesamtzahl erhöht sich dadurch von fünf auf sechs Claden.Durch die Ergebnisse dieser Arbeit konnte gezeigt werden, dass embryologische Vorgänge zur Bestimmung phylogenetischer Verwandtschaftsbeziehungen geeignet sind und mit ihrer Hilfe Widersprüche hinsichtlich der Positionierung von Nematodenspezies aufgeklärt werden können. Ihre Erforschung als ergänzende Methode zur Morphologie und Molekularbiologie liefert Daten einer Qualität, die mit anderen Mitteln nicht erfassbare Details ans Licht bringen.
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