Die Bedeutung einer forensisch-anthropologischen Schätzung des Sterbealters humaner Überreste lässt sich nach wie vor aus der Zielsetzung ableiten, unbekannte Tote erfolgreich zu identifizieren. Unter den menschlichen Überresten spielen Zähne einer herausragende Rolle, da sie als härteste Biosubstanz des Menschen umweltbedingten Degradierungsprozessen lange widerstehen und daher auch nach Jahrzehnten noch gut erhalten geborgen werden können. Ziel dieser Studie war es, aus dem Repertoire der odontologischen Verfahren die verbreitete und als Goldstandard geltende Transluzenz-Methode nach Lamendin hinsichtlich ihrer Reliabilität und Validität systematisch zu untersuchen und weiterzuentwickeln. Die Ergebnisse der Teilstudien haben weitgehend die aus Erfahrung begründeten Erwartungen bestätigt: 1. Die original von Lamendin publizierten Schätzerfolge waren auch in dieser Stichprobe nur bedingt reproduzierbar. Dabei war nicht so sehr maßgeblich, dass bei Verwendung eines multiplen linearen Regressionsmodells der an dieser Stichprobe kalkulierte Schätzfehler zwischen 6,48-6,72 Jahren lag. Vielmehr ließen sich statistisch belegbare Unsicherheiten bei der Erfassung der Lamendinschen Parameter nachweisen. Die eingeschränkte Messwiederholbarkeit und Messsicherheit der von Lamendin beschriebenen Altersparameter war dabei vom Erfahrungsgrad der Untersucher weitgehend unabhängig und ergab sich in erster Linie aus der begrenzten und unzuverlässigen Erfassbarkeit der Messstrecken mit der vorgeschlagenen Leuchttischmethode. Aufgrund der vergleichsweise kleinen absoluten Messdistanzen ergaben sich hierdurch wesentliche Auswirkungen auf das Altersschätzergebnis 2. Durch die Weiterentwicklung des Verfahrens zu einer digitalen Bildmethode mithilfe einer softwareunterstützten Erfassung der transluzenten Zahnwurzelbereiche (Luminanz) konnte die Reliabilität i.S. der Untersucherunabhängigkeit und Wiederholbarkeit der Messung deutlich gesteigert werden. Die dabei angewandten Formeln sind kameraspezifisch! Dies bedeutet, dass bei Verwendung anderer Kameratypen neue Formeln, basierend auf altersbekannten Proben im Vorfeld erarbeitet werden müssen. Ist diese Kalibrierung einmal abgeschlossen, verfügt der Untersucher über eine einfache, schnelle und preiswerte Methode. 3. Die Schätzergebnisse zum Sterbealter blieben trotz des nachweisbaren Zugewinns an Messreliabilität, unabhängig der unterschiedlich verwendeten biometrischen Methoden hinter den Erwartungen auf einen relevanten Zugewinn zurück. Auch die theoretisch gut begründbare Anpassung des Regressionsansatzes oder die alternative, im Kern informationsreduzierende Anwendung eines logistischen oder kanonischen Klassifikationsmodells führte zu keiner entscheidenden Verbesserung der Schätzgüte. Dies bedeutet dennoch nicht, dass die Verfahren im forensischen Kontext von zweifelhaftem Nutzen sind. Vielmehr wird man aufgrund der neuen Fakten argumentieren können, dass auch durch Garantie eines verlässlicheren und reproduzierbaren und weitgehend untersucherunabhängigen Verfahrens eine allein auf Transluzenz basierende Altersschätzungen nur eine ungefähre Schätzung des Sterbealters garantieren kann. Zusammenfassend lässt sich aus den Ergebnissen schließen, dass sowohl die digital erfasste Luminanz als auch die lichtoptische Transluzenz anderen als nur altersbedingten Prozessen und Einflussfaktoren unterliegt.Berücksichtigt man diese methodenimmanten Grenzen der Methoden, so kann das hier vorgestellte, auf einer digitalen Erfassung der Zahnwurzeltransluzenz basierende neue Verfahren insbesondere vor dem Hintergrund seiner hohen Reproduzierbarkeit das Repertoire der Altersschätzmethoden sinnvoll ergänzen.
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