Die juvenile Retinoschisis ist eine X-chromosomal rezessiv vererbte Augenkrankheit mit einer sich früh manifestierenden makulären Dysfunktion, welche klinisch durch eine Spaltung der Netzhaut hervorgerufen wird. Bezeichnenderweise für die Krankheit ist, dass in der Regel nur Männer betroffen sind. Im frühen Stadium der Krankheit besteht die Makula typischerweise aus kleinen radial in der Perifovea angeordneten Mikrozysten bzw. Falten. Die zystischen Strukturen können sehr groß werden, die innere Lamina der Retina löst sich ab (Schisis) und sklerotische Abhebungen können entstehen, in die es einbluten kann, was in dieser Untersuchung bei einem Patienten der Fall war. Konduktorinnen können leichte ERG-Veränderungen zeigen, aber ansonsten unauffällig bleiben, was auch in dieser Studie bestätigt wurde. Bei den Untersuchungen mit OCT, ERG oder in Fundusbildern zeigten die Konduktorinnen keinerlei Auffälligkeiten. Deshalb sind für die sichere Diagnose eines Konduktorinnenstatus die molekulargenetischen Untersuchungen wesentlich. Das Ziel dieser Studie war, die RS1-Genotypen im Patientengut der Abteilung für Kinderophthalmologie, Strabismologie und Ophthalmogenetik der Universität Regensburg festzustellen und mit den retrospektiv ausgewerteten phänotypischen Merkmalen der Patienten zu korrelieren. Es wurden 16 Familien und 6 Einzelpatienten (gesamt 43 Individuen) mit dem Verdacht einer XLRS in einem Zeitraum von ca. 10 Jahren mittels SSCP, Restriktionsverdau und Sequenzierungen molekulargenetisch untersucht und deren Phänotypen ausgewertet. 22 Patienten waren männliche Mutationsträger und 9 obligate Konduktorinnen, die über einen Mutationsnachweis molekulargenetisch identifiziert wurden. Das für die X-gebundene juvenile Retinoschisis verantwortliche Gen ist das RS1-Gen mit seinen 6 Exons. RS1 ist ein peripheres Membranprotein und enthält eine hoch konservierte Discoidindomäne. Nach molekulargenetischer Untersuchung konnten in dieser Studie die meisten Missense-Mutationen des RS1-Gens in den Exons gefunden werden, die für diese Discoidindomäne kodieren. Die Mutationen der Untersuchung wurden in den Exons 4, 5 und 6 verifiziert, davon 63,6% in Exon 6. Bei zwei Indexfällen wurde ein Polymorphismus diagnostiziert, wobei es sich um eine isokodierende Mutation im Exon 5 handelte.Bei den betroffenen Patienten wurden 11 verschiedene Mutationen durch eine auffällige SSCP und eine Sequenzierung identifiziert und gegebenenfalls durch Gegenstrangsequenzierung und Restriktionsschnittstellenanalyse verfiziert. Die SSCP-Untersuchung zeigte in vorliegender Studie eine Sensitivität von 75%. Von den gefundenen Mutationen waren 10 Missense-Mutationen und eine Deletionsmutation. Diese wurde in dieser Studie erstmalig identifiziert und zwar p.R213fsX24 (c.636delC) im Exon 6 bei Patient 584.01. Die Sequenzveränderung führte zu einer Verschiebung des Leserasters und einem Verlust von 12 C-terminalen Aminosäurepositionen, die den völligen Verlust des Genprodukts nach sich zog. Bei den 10 anderen Punktmutationen (siehe Tab.: 15 und 16) war der Phänotyp individuell sehr unterschiedlich. Die Verwandtschaftsfrage aufgrund örtlicher Wohnnähe bestimmter Patienten, die dieselbe Mutation hatten, konnte mit Hilfe von Mikrosatellitenmarkern widerlegt werden.Die klinischen und elektrophysiologischen Befunde der Patienten mit XLRS wurden retrospektiv ausgewertet. Als charakteristische Befunde fanden sich eine Hyperopie (im Mittel +2,3±3,1dpt), ein reduzierter Visus (im Mittel 0,24±0,2), immer pathologische Veränderungen der Makula und eine reduzierte b- Wellen Amplitude im ERG. Komplikationen waren Visusminderungen bei 100% der Patienten, Glaskörperveränderungen mit Trübung in 33,3% der Fälle, Glaskörperblutungen in 5% der Patienten und spontane Netzhautablösungen in 72,2% der Augen. Die Fundusuntersuchungen zeigten bei den Patienten zwar ganz typische Ergebnisse, jedoch waren die Fundusveränderungen stark unterschiedlich in ihrer Ausprägung. Außerdem zeigten sich auch intrafamiliär große Variationen im Krankheitsverlauf. Alle Patienten zeigten eine Visusverschlechterung, welche jedoch nicht in einer direkten Abhängigkeit zum Alter der Patienten stand. Es konnte gezeigt werden, dass der Phänotyp bei XLRS eine große Variabilität sowohl inter- als auch intrafamiliär mit gleicher Mutation präsentiert und dass keine eindeutige Genotyp-Phänotyp-Korrelation bewiesen werden kann.
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