Zur Bewertung des Einflusses der Umweltbedingungen und des Pflanzenbestandes auf die Se-Konzentrationen im Futter bei extensiver Bewirtschaftung wurden Se- und ergänzend S- Konzentrationen von im Mai geernteten Primäraufwüchsen zweier Jahre von je 20 Arrhenatherion elatioris-, Festuco-Cynosuretum-, Bromion racemosi- und Lolio-Cynosuretum- sowie drei Polygono-Trisetion-Beständen mit unterschiedlichen Standorteigenschaften ermittelt; darüber hinaus wurde die jahreszeitliche Dynamik untersucht. Um die Effizienz abgestufter Se-Gaben unter variierenden Bedingungen zu bewerten, wurden an drei unterschiedlichen Standorten Freilandexperimente mit den Faktoren Se-Applikation (= 0, 4, 12 g Se ha-1 als Na2SeO4-Lösung), Ca-Gabe (= 0, 40 dt CaO ha-1 als CaCO3), N-Düngung (= 0, 80 kg N ha-1 als Kalk-ammonsalpeter) und Aufwuchs (= Primär-, Folgeaufwuchs) durchgeführt. Als systemadäquate Applikationswege für extensiv organisierte Weidesysteme wurden Se-Gaben im Zusammenhang mit Nachsaaten und der Gärfutterbereitung untersucht. Die Eignung von Se-Zusätzen zum Saatgut wurde in Experimenten mit den Faktoren Se-Gabe (= 0, 4, 12, 36 g Se ha-1, bezogen auf 20 kg Saatgut ha-1), Wasserspannung (= pF 0, pF 3,0, pF 3,6) und Licht (= Grünfilter, Dunkelheit) getestet und die Resultate durch einen Gefäßversuch abgesichert. Um die mögliche Beeinträchtigung der Epiphyten - gemessen an ihren Stoffwechselprodukten - und Veränderungen der Se-Form infolge anaerober Umweltbedingungen zu erfassen, wurden in einem mehrfaktoriellen Ansatz Laborsilagen mit den Varianten Na2SeO4-Zusatz (= 0, 75, 150, 300, 1200 µg Se kg-1 TS), Vorwelkegrade (= 30, 40 % TS) und Hauptbestandsbildner (= Festuca arundinacea, Lolium perenne) getestet. Se wurde mit der AAS-Hydrid-Technik nach mikrowellenunterstütztem Hochdruckaufschluss, S und C über die Elementaranalyse nach Hochtemperaturverbrennung bestimmt. Die Ergebnisse werden wie folgt zusammengefasst:
1. Der Se-Status der Aufwüchse war zu 99 % als defizitär zu bezeichnen. Lolio-Cynosuretum-Aufwüchse wiesen überdurchschnittlich häufig Konzentrationen <
50 µg Se kg-1 TS auf. Auf staunässe- bzw. grundwasserbeeinflussten Böden lagen mehrfach Konzentrationen >
50 µg Se kg-1 TS vor. Die Se-Gehalte im Boden waren positiv mit dem Gehalt organischer Substanz korreliert. Durch das generell niedrige Niveau der Se-Konzentrationen im Pflanzenmaterial waren Beziehungen zu den Merkmalen pH-Wert, Se-, C- oder S-Gehalt der Böden nicht zu belegen. Die S-Konzentrationen sowie N/S-Quotienten zeigten, dass S-Gaben bezogen auf Pflanzenbestand und Weidetier unter den Bedingungen in der Regel nicht notwendig sind.
2. Im Zeitreihenexperiment konnten zunehmende Se-Konzentrationen mit fortschreitender Vegetationsperiode nachgewiesen werden. Die niedrigsten Se-Konzentrationen ergaben sich im futterbaulich wichtigen Monat Mai.
3. Durch Na2SeO4-Applikation auf Grünlandbestände wurden bereits mit 4 g Se ha-1 stets Konzentrationen >
100 µg Se kg-1 TS erreicht. Die Ca-Gabe führte trotz Anhebung des pH-Wertes von pH 5,0 auf pH 6,0 bzw. von pH 5,5 auf pH 6,5 nur in wenigen Fällen zu einer erhöhten Se-Aufnahme. Ca- und N-Gaben wirkten sich nur in Beständen mit Se-Applikation auf die Se-Konzentration aus. Zwischen den Standorten bestanden Unterschiede in der Effizienz der Se-Gaben; auf dem Standort mit dem höchsten Gehalt an organischer Substanz wurden die geringsten Steigerungen der Se-Konzentration festgestellt. Gemessen an den jeweils zum Primäraufwuchs und Folgeaufwuchs applizierten Se-Mengen wurden 1 - 23 % bzw. 5 -13 % im Erntegut nachgewiesen.
4. Die Na2SeO4-Zugabe zu Saatgut in einer Dosierung entsprechend 4 g Se ha-1 beeinträchtigte die Keimung von Lolium perenne nicht. Die Keimfähigkeit blieb überwiegend auch noch bei der 16fachen Dosis unverändert hoch. Die Se-Behandlung von Saatgut führte zu keinen Ertragseinbußen.
5. Durch Anreicherung des Siliergutes mit Na2SeO4 wurden ausreichende Se-Konzentrationen in den Konserven sichergestellt. Gasförmige Se-Verluste während der Fermentation traten offenbar nur begrenzt auf. Selenat wird während des Fermentationsprozesses anscheinend vollständig in höhermolekulare Verbindungen, vermutlich organischer Art, überführt. Auch bei hohen Se-Gaben wurden gärbiologisch einwandfreie Silagen erzeugt.
Da die Se-Konzentrationen in Grünlandaufwüchsen nahezu flächendeckend inadäquat sind, müssen systemkompatible Methoden der Supplementierung zur Anwendung kommen. In Verbindung mit regelmäßiger Nachsaat eignet sich Saatgut als Transportmedium für Se-Gaben. Da die Gärfutterbereitung extensiver Grünlandsysteme Additive zur Hemmung von Clostridien erfordert, bietet sich hier die Kombination mit Se-Zusätzen an.
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