Diese Arbeit stellt eine diagnostische Untersuchung des traditionellen Schafhaltungssystems der Ireklaouen in der Provinz Ifrane im Mittleren Atlas Marokkos dar. Hauptziel dieser Studie war, mittels qualitativer (MARP Workshops) und quantitativer Kriterien (Produktivität der Herde) die verschiedenen agro-pastoralen Schafhaltungssysteme zu identifizieren und die Produktivität der Timahdit Schafe innerhalb jedes Subsystems zu bestimmen und zu vergleichen. Die Schafhaltungsformen wurden mittels eines partizipativen Ansatzes (Méthode Accélérée de Recherche Participative (MARP) im Rahmen von elf Workshops mit insgesamt 104 Tierhaltern in vier Siedlungen und Dörfern und auf sechs wöchentlichen Märkten (Azrou) identifiziert und beschrieben. Traditionelle Rechte wurden diskutiert, Ressourcenkarten, Futterkalender und Kalender zur saisonalen Mobilität erstellt.Die Ergebnisse der MARP-Untersuchungen und die Ermittlung der Herdenproduktivität zeigten, dass zum einen das auf kollektiven Weiden sesshafte System durch niedrige tierische Leistungen, Ressourcenzerstörung und schwierige Lebensbedingungen für die Hirten und ihre Familien gekennzeichnet ist. Seine Akzeptanz innerhalb der pastoralen Gemeinschaft ist gering, die Vulnerabilität der Haushalte, die es praktizieren, hoch. Zum anderen zeigten die Ergebnisse dieser Arbeit, dass sich die auf traditioneller Transhumanz beruhende Schafhaltung durch höhere Geburtsgewichte, höhere Gewichte mit einem Jahr, höhere Überlebensraten sowie niedrige Ablammintervalle auszeichnet und damit eine höhere Produktivität erzielt. Neue institutionelle Rahmenbedingungen sollten in enger partizipativer Zusammenarbeit mit allen beteiligten Akteuren erarbeitet werden. Eine gerechte, auf traditionellen Regelungen basierende Neuorganisierung der Nutzer, innerhalb derer die marginalisierten Tierhalter ihre Nutzungsrechte gesichert sehen, könnte einen Beitrag dazu leisten, dass die Schafhalter in größerem Maßstab wieder zur traditionell angepassten, saisonalen Transhumanz zurückkehren. Diese Neuorganisierung könnte die Aufgaben der traditionellen, nicht mehr aktiven Jmâa bezüglich der nachhaltigen Weidenutzung in einer den aktuellen sozioökonomischen und ökologischen Bedingungen angepassten Form wieder aufnehmen. Die höhere Produktivität bei der transhumanten Schafhaltung basiert hauptsächlich auf den kollektiven Weiden als Futtergrundlage. Daher ist die Nachhaltigkeit dieser Schafhaltung mit der angepassten Nutzung der Weiden eng verbunden. Hier könnte die oben genannte Neuorganisierung der Nutzer einen bedeutenden Beitrag leisten. Die Begrenzung der Tierzahl und der Nutzungszeit die Wiedereinführung des Agdal und die Beschränkung der Auftragsschafhaltung sind für die Nachhaltigkeit der transhumanten Schafhaltung unabdingbar. Bei den in Ackerbaugebieten sesshaften und den transhumanten Herden könnte die Produktivität durch eine bessere Integration der Ackerbauprodukte in die Fütterung, eine Optimierung der Nährstoffergänzung sowie eine Konzentration der Ablammungen auf den Winter oder Herbst (Bekri) erreicht werden. Die unter-schiedliche, aber komplementäre Spezialisierung (Masttiererzeugung, Bockmast) des transhumanten und des ackerbaulichen Schafhaltungssytems würde die unterschiedlich verfügbaren Futterressourcen und Infrastrukturen dieser beiden Schafhaltungsformen besser berücksichtigen.
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