Das reguläre Farbensehen wird als Trichromasie bezeichnet. Dies bedeutet, dass in drei unterschiedlichen Zapfentypen Photopigmente für kurz-, mittel- und langwelliges Licht funktionstüchtig sind und dadurch das Farbensehen ermöglichen. Als Dichromasie wird eine Form der angeborenen Farbenblindheit bezeichnet, bei welcher zwei der drei Zapfentypen funktionieren. Die Betroffenen können nicht alle Farbempfindungen differenzieren, man unterscheidet die Protanopie/Protanomalie, die Deuteranopsie/Deuteranomalie und die Tritanopie/Tritanomalie. Bei der Blauzapfenmonochromasie (BCM) funktionieren nur noch die kurzwelligen Blauzapfen und die Stäbchen. Die BCM wird deshalb auch als inkomplette Achromatopsie bezeichnet.Bei der kompletten, kongenitalen Achromatopsie besteht aufgrund genetischer Defekte, welche autosomal-rezessiv vererbt werden, keine Wahrnehmung durch die Zapfen. Die Stäbchen sind die einzigen Photorezeptoren, die bei Patienten mit kompletter Achromatopsie ordnungsgemäß arbeiten. Ursächliche Mutationen sind bisher in sechs Genen beschrieben worden: CNGA3-Gen, CNG3B-Gen, GNAT2-Gen, PDE6C-Gen, PDE6H Gen und im ATF6-Gen. Mit diesen sechs Genen konnten lediglich etwa 80% der Achromatopsiepatienten beschrieben werden. Ziel dieser Dissertation war es in einer konsanguinen Familie mit drei Betroffenen die an einer kongenitalen Achromatopsie litten die ursächliche Mutation zu identifizieren. Die bis dahin bekannten Genorte für die Achromatopsie waren für die Familie durch Kopplungsanalysen ausgeschlossen worden.Die drei Betroffenen waren im Vorfeld mit dem Affymetrix Gene Chip® Human Mapping 10K Array Xba 142 typisiert worden, woraus sich eine Assoziation mit einem Genort auf Chromosom 2q23.2-24.3 ergab. Zur weiteren Eingrenzung des Kandidatenlocus wurde eine parametrische Kopplungsanalyse mittels Short Sequence Repeat (SSR) Markern durchgeführt, die auf den angrenzenden chromosomalen Bereich 2q31.1-2q33.3 ausgedehnt wurde. In der parametrischen Kopplunganalyse konnte keine weitere Eingrenzung des Kanditenlocus durchgeführt werden.Daher wurde in frei verfügbaren Gendatenbanken nach potentiellen Kandidatengenen im Bereich von Chromosom 2q31.1-2q33.3 gesucht, die retinal exprimiert werden. Insgesamt waren 148 Gene in dem Bereich lokalisiert, wovon 14 retinal exprimiert waren. Drei Kandidatengene (C2orf69, PDE6D, MPP4) wurden als potentielle Kandidatengene durch Sequenzierung untersucht und ausgeschlossen. Zur Untersuchung des Kandidatenbereiches wurde eine Exomsequenzierung des Patienten 508.08 als schnellste technisch verfügbare Methode durchgeführt. Diese erbrachten den homozygoten Nachweis der c.1148delC Mutation im CNGB3-Gen. Die Mutation wurde bei der betroffenen Cousine 2ten Grades 508.16 ebenfalls homozygot nachgewiesen. Die betroffene Mutter 508.05 des Patienten 508.08 war hingegen heterozygot für die Mutation. Durch diesen Bruch in der Verwandtschaftslinie erklären sich die Ergebnisse der Kopplungsuntersuchungen, die von einer gemeinsamen ursächlichen genetischen Veränderung bei allen drei Patienten ausgegegangen waren. Im weiteren Verlauf musste nun die genetische Ursache für die Achromatopsie der Betroffenen 508.05 identifiziert werden. Nach einer Exomsequenzierung der DNA der Betroffenen 508.05 wurden die Daten mit den WES Daten des Betroffenen 508.08 gegen abgeglichen und auf gemeinsame Sequenzveränderungen überprüft. Der Abgleich der identifizierten Sequenzveränderungen zwischen den Betroffenen 508.05 und 508.08 ergab mögliche ursächliche Mutationen in 7 Genen die retinal exprimiert wurden. In die nähere Auswahl kamen Mutationen im OR2M3-Gen welche ein Start- und Stopcodon betrafen und Mutationen im CTBP2-Gen. Letzlich hielt aber nur die Kombination im CTBP2-Gen einer Segregationsanalyse und einer funktionellen Bewertung stand. Es zeigten sich 2 Mutationen in Form von Leserasterverschiebungen. Aufgrund der Lokalisation in den Ribbonsynapsen der Photorezeptoren und Bipolarzellen kann das CTBP2-Gen als geeignetes Kandidatengen betrachtet werden. Da CTBP2 in Zapfen und Stäbchen der humanen Retina exprimiert ist bleibt zu klären, in welchem funktionellen Zusammenhang das CTBP2-Gen mit der im Vordergrund stehenden Fehlfunktion der Zapfen steht und in wieweit die Stäbchenfunktion von den vorliegenden Mutationen beeinflusst wird.
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