Oper ist nicht nur musikalisches Theater, sondern ein kulturelles Phänomen, das ein utopisches Potential für Literatur und Ästhetik birgt. Dies herauszuarbeiten ist das Anliegen der Studie, die nach den Bedingungen, Ausprägungen und Funktionen für die Rezeption der Oper als Modell fragt. Sie schließt methodisch an die Forschung zum Musikalischen an, erweitert deren Prämisse der auf der Idee der absoluten Musik basierenden Opposition von Musik und Sprache jedoch um Elemente des Musiktheatralen, bei denen Musik und Sprache eine neue Einheit bilden und der visuellen Präsenz eine wichtige Rolle zukommt. Durch die Auswertung des opernästhetischen und theoretischen Diskurses werden Kategorien synthetisiert, die als Basis für die Analyse literarischer und poetologischer Texte dient. Analysiert werden Texte u.a. von Herder, Schiller, Goethe, F. Schlegel, Novalis und E.T.A. Hoffmann, in denen die Oper nicht oder nicht nur ein Motiv darstellt, sondern in unterschiedlicher Weise das ästhetische Potential dieser Kunstform entfaltet und innovativ genutzt wird.
Herder schlägt in seiner ästhetisch-anthropologisch ausgerichteten Skizze Über die Oper die Oper als Prototyp ästhetischer Modelle vor. Sie synthetisiert quasi als Gesamtkunstwerk die drei künstlerisch relevanten Sinne in idealer Weise (Gesicht, Gehör, Gefühl) sowie im Tanz - das Konzept der belebten Statue (Pygmalion). Schiller greift in den Räubern auf die Wirkungsästhetik der Barockoper zurück, während er in seinem Chordrama Die Braut von Messina bereits auf autonomieästhetische Entwürfe im Umkreis der Oper abzielt. F. Schlegel und Novalis funktionalisieren in ihren philosophischen Fragmenten nicht nur die Musik als ein poetologisches Modell, sondern auch die Oper. In den philosophischen Systemen von A. W. Schlegel, Schelling und Schopenhauer nimmt die Bedeutung der Oper im Vergleich zur Instrumentalmusik zwar ab, doch finden sich auch dort noch einige signifikante Stellen, die der Oper vor allem als Gesamtkunstwerk, aber auch als musikalisch-autonomes Kunstwerk eine besondere Stellung zuweist. Im Erzählwerk von Joseph Eichendorff und Jean Paul läßt sich die Konzeption von epischen Szenen mit Musik auf das Modell der Oper zurückführen, die durch die selbstreflexive Betonung ihrer Künstlichkeit und Kulissenhaftigkeit die Illusion übersteigern oder durchbrechen, während Ludwig Tieck die Oper als Modell der Grenzüberschreitung funktionalisiert.
Einen Sonderfall stellen Goethe und E.T.A. Hoffmann dar, die nicht nur in ihren literarischen Werken vielfältige Bezüge zur Oper herstellen, sondern auch musiktheaterpraktisch tätig waren, Libretti schrieben, eng mit Komponisten zusammen arbeiteten und im Fall von Hoffmann selbst Opern komponierten. In Dramen (Egmont, Faust), kunsttheoretischen Schriften (Über Wahrheit und Wahrscheinlichkeit der Kunstwerke, Anmerkungen zu Rameaus Neffe; Der Dichter und der Komponist, Der vollkommene Maschinist), in Erzählungen (Ritter Gluck, Don Juan) und vor allem in zwei Märchen, Das Märchen von Goethe und Der goldene Topf von E.T.A. Hoffmann, tritt die Oper als ästhetisches Ideal und Strukturmodell zu Tage.
Durch die Ergebnisse der Studie wird die in der Forschung lange vernachlässigte ästhetische und theaterpraktische Nähe der Literatur zur Oper deutlich, es wird die Bedeutung der Oper als Kulturphänomen auch nach dem Paradigmenwechsel zur Idee der absoluten Musik unterstrichen und es werden einige neue Aspekte der analysierten Texte erschlossen.
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