Zentrale These der Arbeit ist, dass Klassiker und Bestseller der Kinder- und Jugendliteratur im Wesentlichen ihren Erfolg generieren, weil sie auf der Symbolebene Inhalte verarbeiten, die sich auf evolutionspsychologische Prinzipien rekurrieren lassen. Ihre Langlebigkeit und ihren zum Teil hohen universellen Verbreitungsgrad verdanken sie daher bewusst oder unwissentlich herbeigeführt entscheidend der Nutzung von evolutionär verankerten Topoi nicht nur in ihrer zentralen Histoire (Story/Plot), sondern auch in ihren detaillierten Handlungen und Geschehnissen, in ihrer Figurenkonstellation und -zeichnung und in ihren Räumen.Da die Arbeit zwei methodologische Untersuchungsansätze zusammenbringt, den literaturwissenschaftlich-hermeneutischen mit dem evolutionspsychologischen, bestand die Notwendigkeit, sich vor dem textanalytischen Teil dem Gegenstand zu nähern. Im Einzelnen wird zu Beginn Fragen über literarischen Erfolg nachgegangen, wie Bestseller und Klassiker nach dem heutigen Forschungsstand zu definieren sind, und welche Rolle das Handlungssystem für den literarischen Erfolg eines Textes spielt. Dabei werden die zentralen konstituierenden Faktoren zwischen Theorie und Praxis aufgezeigt und erläutert. Es konnte u.a. auf bisher unveröffentlichte Marktdaten zurückgegriffen werden, die z.T. fest etablierte Vorstellungen der Literaturwissenschaft in Frage stellen. Am Ende dieses ersten Abschnitts steht dann die Auswahl und Begründung der analysierten Primärliteratur. Das sich anschließende Kapitel über die evolutionäre Psychologie führt komprimiert in die Eckpfeiler dieses Ansatzes ein: Replikation als treibende evolutive Kraft, Entwicklung des Homo sapiens und seine neurologische Ausstattung, natürliche Selektion, Spezialisierung und Geschlechterunterschiede, sexuelle Selektion und Partnerstrategien, elterliche Fürsorge und Familienselektion und soziale Gemeinschaften mit den Unterbereichen Sprache, reziproker Altruismus sowie Gewalt und Aggression. Das vierte Kapitel Kunst, Literatur und Evolution schafft dann den Brückenschlag zwischen den theoretischen Vorüberlegungen zum literari-schen Handlungs- und Symbolsystem sowie zu den evolutionspsychologischen Grundlagen einerseits und den drei darauf folgenden Textanalyseblöcken Märchen , Klassiker und Bestseller der Kinder- und Jugendliteratur andererseits. Dem Märchen-Kapitel vorangestellt sind allgemeine, besonders in der Kinder- und Jugendliteratur immer wiederkehrende übergreifende inhaltliche Aspekte wie die Bedeutung bestimmter Zahlen, die physische wie charakterliche Darstellung der Protagonisten sowie die Relevanz des Happy Ends einer Geschichte.An jeden der selegierten Texte wurde die Fragestellung gelegt, welche ultimaten Erkenntnisse transportiert oder welche ultimaten Bedürfnisse befriedigt werden und auf welche anthropologischen Grundmuster sich der Plot und dessen detaillierte Umsetzung beziehen. Als Raster diente die Evolutionspsychologie, die sich als integrative Disziplin unter anderem der Erkenntnisse der Archäologie, Paläontologie, Genetik, Neurologie, Endokrinologie, Psychologie, Ethologie und Soziologie bedient. Im Gegensatz zu der Individualpsychologie interessieren nicht spezielle lebensgeschichtliche, sondern ausschließlich universelle, ultimate Ursachen, die einen Großteil der Menschen betreffen oder betreffen könnten, (nahezu) unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit und unabhängig von ihrem kulturellen Umfeld. Bei den kürzeren der untersuchten Texte wurden alle handlungstreibenden zentralen Aspekte betrachtet, bei den umfangreichen Roman-Beispielen fand zugunsten eines größeren Detaillie-rungsgrads eine Konzentration auf einen oder zwei Aspekte statt. Die ausgewählten Texte zei-gen ein breites Repertoire urmenschlicher Verhaltensmuster: Leben und Überleben in bekannten und unbekannten Umwelten, familiäre Konstellationen, Geschwister- und Eltern-Kind-Konflikte, Abgrenzung und Aggression innerhalb einer Gruppe sowie gegen Fremde, soziale Hierarchien mit dem Aushandeln von Machtpositionen, reziproker Altruismus und das Erkennen und Bestrafen von Betrügern und Trittbrettfahrern einer Gesellschaft sowie Partnerselektionsstrategien.Untersuchte Texte: Gebrüder Grimm: Aschenputtel, Der Froschkönig, Hänsel und GretelHans Christian Andersen: Das hässliche junge EntleinWilhelm Hauff: Das kalte HerzJanosch: Oh, wie schön ist PanamaAntoine de Saint-Exupéry: Der Kleine PrinzJoanne K. Rowling: Harry Potter - SerieStephenie Meyer: Bis(s) Serie
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