Der Fragebogen zur Lebensqualität von Ärztinnen und Ärzten (Reimer & Jurkat), den 142 substanzabhängige Ärztinnen und Ärzte während ihrer Suchttherapie in den Oberbergkliniken ausgefüllt haben, beinhaltet Variablen, die als Prädiktoren für Suchtverhalten bzw. Suchtgefahr mit zum Teil hochsignifikanten Ergebnissen eingesetzt werden können. Dabei ist die Lebensqualität der substanzabhängigen Ärzte in den Bereichen Gesundheit und Lebenszufriedenheit im Vergleich zu nicht-süchtigen noch weitaus stärker reduziert als in den Bereichen Arbeitszufriedenheit und Berufswahl. Nur wenige sind außerordentlich zufrieden mit ihrem Leben, während die meisten noch große Unzufriedenheit äußern. Völlig unreflektiert mit beruflicher Identifikation dominiert die Arbeitszufriedenheit vor der Lebenszufriedenheit. Diese Zusammenhanglosigkeit führt in die Isolation, Unruhe und Sucht, und ihre Partnerschaft leidet nicht nur berufsbedingt, sondern auch aufgrund insuffizienten, introvertierten Suchtverhaltens bei unterdurchschnittlicher Scheidungsrate unter Disharmonie, Zeitmangel und fehlenden Interaktionsfähigkeiten sowie körperlicher und emotionaler Distanz und Fremde. Ausgebrannt schließt sich der Teufelskreis der Sucht, der die eigene Person und das Privatleben eigendynamisch zerstört. Da diese Krise eigenmächtig kaum bewältigt werden kann, ergeben sich hieraus präventive Überlegungen hinsichtlich eines frühzeitigen, berufsbegleitenden Stresscopings in Form multidimensionaler Psychohygiene, die das Wohlbefinden durch Erlernen von Psychoexploration und Bahnen eines beispielhaften Lebensweges neben der Einstellungsfrage zu Beruf und Freizeit sichert. Das neue Lebensbewusstsein der süchtigen Ärzte sollte Moral jeder ärztlich konformen Lebens- und Berufseinstellung sein, das mit dem Ziel »back to basics« die hohen Ideale zeitnah anpasst und die Selbstwahrnehmung, Psychodynamik und Distanzfähigkeit entgegen der selbst maskierenden beruflichen Wiedererkennung fördert. Dies erfordert nicht nur Suchtakzeptanz, sondern auch einen völlig divergenten Denkansatz.Vulnerable Persönlichkeiten scheinen in der Medizin ein Kernproblem bei der Stressbewältigung darzustellen, womit die Sekundärprophylaxe ärztlicher Fehleinschätzung sehr bedeutend wird. Anstatt infolge einer auf Erfolg, Ehrgeiz, Vereinnahmung und altruistischer Selbstaufopferung basierenden, zwanghaften, begrenzt erfüllenden Berufung überarbeitet zu resignieren und sich zermürbenden Restgefühlen einer einst idealistischen Berufung bewusst zu werden, schaffen sich die süchtigen Ärzte nunmehr zeitliche Freiräume für positive Gefühle und Ideen, die zu einer persönlichen Entwicklung, ausgeglichenen Lebensweise, einem neuen beruflichen Enthusiasmus und einer verbesserten Attraktivität des Arztberufes beitragen.
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