Schockraumindikation nach Unfallhergang in Korrelation zur Verletzungsschwere und korrekten Anwendung durch den Rettungsdienst
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https://doi.org/10.22029/jlupub-21379Abstract
Einleitung: Die Patienten, die in Deutschland aufgrund der sechs Unfallhergangs-Kriterien (GoR B) der S3-Leitlinie „Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung“ der DGU von 2016 in den Schockraum (SR) eingewiesen werden, scheinen in der klinischen Realität oft nicht schwerverletzt zu sein. Die Schockraumindikation nach Unfallhergang steht in Verdacht, für eine bedeutende Übertriage verantwortlich zu sein. Material/Methoden: In dieser Arbeit wird daher untersucht, ob die Unfallhergangs-Kriterien (GoR B) effizient Schwerverletzte identifizieren und eine konsekutive SR-Indikation und -behandlung legitimieren. Darüber hinaus wird untersucht, ob die Unfallhergangs-Kriterien vom Rettungsdienst korrekt angewendet werden. Die retrospektive Datenauswertung umfasst alle Patienten (N= 694), die in den Jahren 2018 und 2019 aufgrund der Unfallhergangs-Kriterien in den SR des überregionalen Level 1 TraumaZentrums UKGM, Standort Gießen eingeliefert wurden. Die Daten wurden anhand der präklinischen und klinischen Dokumentation erhoben und die Verletzungsschwere jedes einzelnen Patienten mittels Abbreviated Injury Scale (AIS), Maximum Abbreviated Injury Scale (MAIS), Injury Severity Score (ISS) und New Injury Severity Score (NISS) bestimmt. Die statistische Analyse erfolgte mittels SPSS und die statistische Signifikanz wurde mit p <0,05 definiert. Ergebnisse: In dem großen Patientenkollektiv (N= 694) zeigt sich eine niedrige durchschnittliche Verletzungsschwere (MAIS: 1,5, ISS: 4,2, NISS: 5,7). Lediglich 42 Patienten (6,1%) der 694 sind schwerverletzt (ISS ≥16). Auffällig ist ein statistisch signifikanter (p <0,001) Zusammenhang zwischen zunehmendem Patientenalter und der Verletzungsschwere. Die retrospektive klinische Reevaluierung der SR-Indikation nach Unfallhergang zeigt, dass 532 (76,7%) der 694 Patienten korrekt nach den Unfallhergangs-Kriterien der S3-Leitlinie durch den Rettungsdienst in den SR eingewiesen wurden. Deren durchschnittliche Verletzungsschwere (MAIS-Mittelwert: 1,3, ISS-Mittelwert: 3,4, NISS-Mittelwert: 4,6) ist niedriger als die des Gesamtkollektivs. Lediglich 17 Patienten (3,2%) dieser Gruppe sind schwerverletzt. 162 Patienten (23,3%) der 694 wurden nicht korrekt nach den Unfallhergangs-Kriterien eingewiesen (MAIS-Mittelwert: 1,9, ISS-Mittelwert: 7,0, NISS-Mittelwert: 9,5). 25 Patienten (15,4%) dieser Gruppe waren schwerverletzt. Die Patienten, die nicht korrekt nach den Unfallhergangs-Kriterien (GoR B) der S3-Leitlinie von 2016 in den Schockraum eingewiesen wurden, sind signifikant schwerer verletzt (p <0,001) als die korrekt Eingewiesenen. Auch die Anzahl der Schwerverletzten (ISS ≥16) in der Gruppe der nicht korrekt nach den Unfallhergangs-Kriterien (GoR B) der S3-Leitlinie von 2016 in den Schockraum eingewiesenen Patienten ist signifikant höher (p <0,001) als in der Gruppe der korrekt eingewiesenen Patienten. Schlussfolgerungen: Die Daten legen nahe, dass die Unfallhergangs-Kriterien (GoR B) der S3-Leitlinie von 2016, insbesondere und paradoxerweise dann, wenn korrekt durch den Rettungsdienst angewendet, kaum geeignet sind, Schwerverletzte zu identifizieren. Eine unreflektiert wortgetreue, d.h. eine die präklinische Kondition des Patienten unberücksichtigt lassende Anwendung der Unfallhergangs-Kriterien führt in den allermeisten Fällen zu einer nachgerade medizinisch nicht erforderlichen und nicht sinnvollen Schockraumaktivierung. Daher sollte die präklinisch isolierte Anwendung der Unfallhergangs-Kriterien keine Schockraumindikation und -behandlung mehr rechtfertigen, denn Schockraumaktivierungen binden viele personelle und apparative Ressourcen und stören die klinische Routine. Die Unfallhergangs-Kriterien (GoR B) sollten vielmehr in den nächsten „S3-Leitlinien Polytrauma/Schwerverletzten-Behandlung“ neu bewertet werden. Noch nicht definierte, scheinbar präklinisch medizinisch-intuitiv für eine Schockraumindikation utilisierte Kriterien, wie beispielsweise ein „Treppensturz mit einem Alter >64 Jahre“, scheinen Schwerverletzte effektiv identifizieren zu können. Kombinationen aus Unfallhergang/-mechanismus, dem wichtigen Faktor Patientenalter und (patho-) physiologischen/medikamentösen Begleitfaktoren könnten als potenziell neue Schockraumaktivierungskriterien zur Identifizierung schwerverletzter Patienten dienen. Dies sollte Gegenstand weiterführender Studien sein.Link to publications or other datasets
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