Hintergrund und Zielsetzung: Pathophysiologische Vorgänge auf hormonaler, neuronaler und immunologischer Ebene tragen zur Entstehung und Aufrechterhaltung depressiver Erkrankungen bei. Häufig wird von einem pro-inflammatorischen Zustand und einer Beeinträchtigung der HPA-Achse bei depressiven Patienten berichtet. Dennoch sind die Ergebnisse diesbezüglich teilweise kontrovers. Ziel dieser Arbeit war es, das Zytokinprofil von peripheren Blutmononukleären Zellen (PBMZ) depressiver Patienten zu charakterisieren und deren Zusammenhang mit psychischer Belastung und neuroendokrin-immunregulatorischen Parametern im Kontext einer psychosomatischen Komplexbehandlung zu untersuchen. Methodik: Es wurde bei 73 Patienten mit mittelgradig depressiver Episode oder rezidivierender depressiver Störung vor und nach psychosomatischer Komplexbehandlung eine morgendliche Blutabnahme durchgeführt. Zusätzlich wurde die psychische Belastung anhand der Selbstbeurteilungs-Fragebögen SF-12, PSQ, STAI und HADS erhoben. Aus dem gewonnenen Serum wurden die Konzentrationen von Cortisol, BDNF, SLURP-1, Leptin und CRP ermittelt. Die Bestimmung der Zytokine erfolgte aus den Überständen zuvor stimulierter PBMZ. Die Stichprobe wurde mit einer Median-split-Methode anhand von TNF-alpha in zwei Gruppen unterteilt. Ergebnisse: Es zeigte sich zu Beginn der Therapie eine signifikant höhere Produktion von IL-1beta, IL-2, IL-4, IL-6, IL-10, IL-17-A, Eotaxin, IFN-gamma und TNF-alpha, sowie höhere Konzentrationen von CRP und Cortisol bei Patienten mit hoher TNF-alpha-Produktion. Die beiden Gruppen unterschieden sich nicht hinsichtlich soziodemographischer Daten und der psychischen Belastung. In beiden Gruppen konnten positive Korrelationen zwischen pro- und anti-inflammatorischen Zytokinen beobachtet werden. Nach erfolgter Komplextherapie ließ sich bei allen Patienten eine signifikante Abnahme der psychischen Belastung feststellen. In der Gruppe mit hoher TNF-alpha-Produktion zeigte sich ein signifikanter Abfall pro- und anti-inflammatorischer Zytokine und des Cortisol-Spiegels, während BDNF anstieg. Weiterhin zeigte sich ein tendenzieller Anstieg von SLURP-1. Im Gegensatz dazu nahmen die Zytokin-Produktion und tendenziell die Leptin-Spiegel in der Vergleichsgruppe zu. Bei Gegenüberstellung der Therapie-Erfolge beider Gruppen zeigte sich nach Adjustierung potenzieller Confounder, dass Patienten mit initial höherer TNF-alpha-Produktion signifikant niedrigere HADS-Depressionswerte sowie einen höheren Score der PSQ-Subskala Freude aufwiesen. In Regressionsanalysen konnte zudem gezeigt werden, dass höhere Zytokin-Ausgangskonzentrationen mit einem besseren Therapie-Outcome der psychosomatischen Komplexbehandlung assoziiert waren. Schlussfolgerung: Die Daten zeigen, dass bei depressiven Patienten eine höhere Produktion eines pro-inflammatorischen Indikatorzytokins mit der erhöhten Produktion einer breiten Palette von Zytokinen assoziiert ist, was für das Vorliegen eines generalisierten inflammatorischen Status bei Patienten mit depressiver Erkrankung sprechen könnte. Zudem konnte innerhalb einer Stichprobe von depressiven Patienten im Vergleich von Patienten mit hoher und niedriger TNF-alpha-Produktion durch PBMZ zu Beginn der Behandlung gezeigt werden, dass das Zytokinprofil sich im Rahmen einer psychosomatischen Behandlung divergent verändert. Eine initial höhere Zytokinproduktion und Abnahme der Zytokine über den Zeitraum der Therapie waren dabei assoziiert mit einem besseren Therapie-Outcome. Gleichzeitig konnte ein gruppenabhängiger Anstieg von BDNF-, SLURP-1- und Leptin- Konzentrationen bei gleichzeitiger Abnahme der psychischen Belastung beobachtet werden, was auf eine Normalisierung neuroendokriner Prozesse hindeutet. Insgesamt sprechen die beobachteten Ergebnisse beider Gruppen für das Vorliegen unterschiedlicher Subtypen der Depression im Sinne inflammatorischer Phänotypen mit wechselseitigem Einfluss auf hormonaler und neuronaler Ebene. Die Unterscheidung in Subtypen mit verschiedenen Immunprofilen könnte zu individuell abgestimmten Konzepten in der Behandlung der Depression führen und ein engmaschiges Monitoring durch neuroendokrin-immunregulatorische Parameter erlauben.
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