Das Fertigarzneimittel Blutegel wird in den letzten Jahren in Deutschland wieder vermehrt benötigt, der jährliche Bedarf liegt derzeit bei etwa 500.000 Egeln. Dies betrifft die Arten Hirudo medicinalis, Hirudo verbana und Hirudo orientalis. Als Alternative zur bisher überwiegend praktizierten Verwendung von Blutegeln aus Wildfängen wird eine Versorgung aus Vermehrungsbetrieben angestrebt, was eine intensive Haltung bedingt. Sowohl der Tierschutz als auch die Wirtschaftlichkeit verlangen eine verlustarme Aufzucht. Das Lebensumfeld der Blutegel in solchen Betrieben wird hauptsächlich durch die Qualität des Haltungswassers bestimmt. Durch den Eintrag von Stoffwechselprodukten und Blut, dem Futtermittel für Blutegel, verändern sich chemische Wasserzusammensetzung und mikrobiologische Situation in ihrem Umfeld regelmäßig negativ für die Blutegel. Eine besondere Schwierigkeit resultiert aus den großen zeitlichen Abständen zwischen den Fütterungen. Bisher gab es keine systematischen Untersuchungen zum Einfluss intensiver Haltung auf die Blutegelgesundheit.Für die vorgelegte Arbeit wurden zwei Haltungsanlagen mit sechs technisch unterschiedlichen Wasserbehandlungssystemen konstruiert, in der Biebertaler Blutegelzucht GmbH (bbez) aufgebaut und deren Eignung für die Blutegelhaltung untersucht. Auch wurde eine Analyse des bisher praktizierten Haltungsverfahrens durchgeführt, um Schwachstellen zu identifizieren. Eine Pilotanlage arbeitete mit fünf zirkulierenden Wasserbehandlungssystemen: je ein kleiner und großer biologischer Filter, durch Eichenextraktzugabe leicht saures Haltungswasser, Ozonisierung des zirkulierenden Wassers sowie eine kombinierte Hochfrequenz- und ultraviolette Lichtbestrahlung wurden eingesetzt. Die beiden Biofilter-Anlagen verhielten sich mikrobiologisch sehr ähnlich, in beiden stiegen die Abundanzen der kultivierbaren Bakterien nach der Fütterung kaum an. Auf etwas niedrigerem Niveau ähnlich war der Konzentrationsverlauf in der Eichenextrakt-Anlage. In den Anlagen mit der Ozonisierung sowie der Hochfrequenz- und UV-Bestrahlung sanken hingegen nach der Fütterung die Abundanzen der kultivierbaren Bakterien und verblieben auf dem niedrigeren Niveau. Die Zellzahlen hingegen verblieben bis zum Versuchsende auf einem leicht erhöhten Niveau, ein Beleg für Veränderungen in der Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaft. In den Versuch einbezogen wurde eine Fütterung der Blutegel mit Blut. Die Konzentration der Stickstoffabbauprodukte erschien, insbesondere kurz nach der Fütterung, kurzzeitig jedoch zu hoch für ein gesundes Umfeld für Blutegel. Die Haltung der Blutegel im leicht sauren Milieu schien ihrer Gesundheit förderlich zu sein.Zur tiefergehenden Untersuchung der Hinweise aus der Pilotanlage wurden in einer Haupt-Versuchsanlage drei Wasserbehandlungssysteme über einen Zeitraum von 15 Monaten eingesetzt. Drei Versuchsdurchgänge mit zwei Fütterungen lieferten Daten. Untersucht wurden zwei Anlagen mit leicht saurem Haltungswasser, eine Ansäuerung erfolgte mittels Eichenextrakt, eine zweite mittels Kohlendioxid in Umkehrosmosewasser, jeweils kombiniert mit einem biologischen Kanisterfilter. Eine dritte Anlage behandelte zirkulierendes Trinkwasser in einem Kanister- und einem Schwimmsandfilter. Verfahrenstechnische Mängel konnten in den beiden ersten Versuchsdurchgängen behoben werden. Die drei Systeme waren nach einer Anlaufzeit in der Lage, Ammonium und Nitrit zu oxidieren. Unmittelbar nach der Fütterung stiegen in allen Anlagen die Konzentrationen beider Stickstoffverbindungen drastisch, um dann nach kurzer Zeit wieder abzufallen. Die Nitratkonzentration stieg in allen Anlagen nach der Fütterung kontinuierlich und über einige Wochen an, fiel dann aber auch wieder ab, hier vollzogen sich An- und Abstieg über einen deutlich längeren Zeitraum. Kriterium zur Beurteilung der Leistung der Systeme waren in allen Versuchen die Anzahl der überlebenden Egel sowie ihr Wachstum.Untersuchungen zeigten Effekte auf die Mikrobiologie im Haltungswasser. Die Blutfütterung führte in allen Anlagen zu erhöhter Konzentration wasserassoziierter Bakterien, die im dritten Durchgang erkennbar schwächer ausfiel. Die Verschiebungen in der Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaften wurden genauer untersucht. Flavobacterium spp. war nach der Blutfütterung in der Anlage mit Eichenextraktzugabe nicht mehr nachweisbar, wogegen dessen Konzentration in den beiden anderen Anlagen leicht anstieg. Chryseobacterium spp. war in den Anlagen mit Eichenextrakt und mit dem Schwimmsandfilter nach der Fütterung in nur leicht erhöhter Konzentration nachweisbar, in dem angesäuerten Umkehrosmosewasser mit deutlich höherer Konzentration. Die Blutfütterung veränderte die Zusammensetzung der Bakteriengemeinschaften. Bakterien der Gattungen Cupriavidus, Variovorax, Comamonas, Bosea und Brevundimonas waren nur vor der Fütterung, Bakterien der Gattungen Tahibacter, Morganella, Aeromonas, Delftia, Aminobacter, Rhizobium, Pedobacter und Agrococcus nur danach nachweisbar. Ein Zusammenhang mit den auftretenden Erkrankungen der Blutegel war zu vermuten. Ein positiver Effekt leicht sauren Haltungswassers auf die Egel ließ sich in der Haupt-Versuchsanlage nicht bestätigen. Erkennbar war, dass die Kombination aus veränderter mikrobiologischer und chemischer Situation im Haltungswasser, verbunden mit häufigen Störungen der Blutegel, in der Verdauungsphase negativen Einfluss auf den Aufzuchterfolg hat. Die Bedeutung der chemischen Faktoren alleine wurde hingegen bisher überbewertet. Haltungssysteme mit zirkulierendem Wasser bieten hingegen mehrere Vorteile. Neben der Dämpfung physikalischer und chemischer Änderungen und der Minimierung von Störungen der Tiere, sparen sie Ressourcen und können hygienisierende Technik integrieren. Angefütterte Schwimmsandfilter sind für die Blutegelaufzucht vorteilhaft. Wesentliche Erkenntnisse aus dieser Arbeit wurden in der bbez erfolgreich umgesetzt.
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