In der vorliegenden Arbeit wird der Frage nachgegangen, wie sich das von dem deutschen Psychiater Emil Kraepelin (1856-1926) am Ende des 19. Jahrhunderts neu formulierte Konzept psychiatrischer Erkrankungen unmittelbar in der Zeit danach in der Fachwelt durchgesetzt hat.
Als Beispiel wurde die Dementia praecox (entspricht weitgehend der heutigen Schizophrenie) als ein Aspekt seiner neuen Klassifikation herausgegriffen. Als Haupquelle der Untersuchung dienten die Jahrgänge von 1893 bis 1912 der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie, die das publizistische Organ des Deutschen Vereins für Psychiatrie darstellte.
In der aktuellen Literatur fehlt eine genaue Rekonstruktion der Rezeptionsgeschichte von Kraepelins Klassifikation, es finden sich jedoch zwei Hauptthesen zur Entwicklung seiner Nosologie.
Die erste besagt, dass Kraepelins Konzept eine kontinuierliche Weiterentwicklung von Ideen darstellt, die bereits vor Beginn seiner empirischen Forschung formuliert waren. Auf der Basis dieser vorformulierten Annahmen bezüglich der Krankheitsentität enstand ein selektiver Blickauf die Patienten. Die zweite These postuliert die Entstehung der Klassifikation aufgrund von Kraepelins Beobachtungen und ihre sofortige Akzeptanz durch die Fachwelt, geknüpft an bestimmte Veröffentlichungen von Kraepelin.
Es konnte nachgewiesen werden, dass Kraepelins Nosologie sich analog der Weiterentwicklung seiner Ideen nur allmählich und gegen anfangs erheblichen Widerstand durchsetzte. Zu Beginn des betrachteten Zeitraums wird seine Klassifikation als Ganzes kritisiert und der Name Dementia praecox an sich abgelehnt. Später wird über sie wie über andere etablierte Krankheiten diskutiert, d.h Symptome zusammengetragen und verglichen und Statistiken aufgestellt. Des Weiteren werden die Diskussionsbemerkungen nach zur Dementia praecox gehaltenen Vorträgen im Lauf der Zeit weniger kritisch, und am Ende überwiegen zustimmende Meinungen. Drittens konnte Kraepelins Konzept so erfolgreich werden, weil häufig nur Teilaspekte seiner Nosologie (häufigdie schon lange diskutierte Katatonie) negativ beurteilt wurden, andere Aspekte inhaltlich nicht kritisiert wurden, und oft keine eigene schlüssigere Einteilung vorgelegt wurde.
Anhand der eben beschriebenen Ergebnisse, lässt sich eine allmähliche Verbreitung von Kraepelins Klassifikation nachvollziehen.
Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen