Durch die demographische Entwicklung und die stetigen Fortschritte in der Medizin werden immer mehr ältere Personen und Hochrisikopatienten operiert. Daraus resul-tieren im Rahmen des fortgeschrittenen Alters mit erhöhter Anzahl an extrakardialen Begleiterkrankungen erhöhte Komplikationsraten. Hieraus ergab sich die Forderung nach einer suffizienten Risikostratifizierung, um auch den immer häufiger vorkom-menden Hochrisikopatienten zu evaluieren. Der EuroScore als Risikostratifizierungs-system dient der Einschätzung des individuellen Risikoprofils für Patienten, denen ein operativer Eingriff bevorsteht. Das Ziel der vorliegenden Studie war ein direkter Vergleich zwischen vorausgesagter erwarteter Gesamtmortalität des EuroScore-Systems mit der ausgewerteten beobach-teten Mortalität der Gießener-Studie. Dabei wurden auch die einzelnen Mortalitätsra-ten in den vorgegebenen drei Risikogruppen des EuroScores durch Vergleiche und Beurteilungen berücksichtigt. Zudem wurden die definierten Risikofaktoren des EuroScores übernommen und zusammen mit den Ausgangsdaten des Gießener Pati-entenkollektivs erfasst und untersucht. Dabei war eine weitere Zielsetzung, durch statistische Verfahren signifikante Risikofaktoren zu ermitteln, die einen Zusammen-hang zwischen koronarer Bypass-Operation und postoperativer 30-Tage-Mortalität aufzeigten. Grundlage der retrospektiven Arbeit war die Analyse eines Gesamtkollektivs von 866 Herzpatienten, die sich im Zeitraum von Januar 2003 bis Dezember 2004 am Universitätsklinikum Gießen einer aortokoronaren Bypass-Operation unterzogen.Die Summe der Score-Punkte der Risikofaktoren ergab die endgültige Gesamtpunkt-zahl und damit auch das postoperative Mortalitätsrisiko durch die Einstufung des Patienten in die drei vorgegebenen Risikogruppen (Tabelle 4). Die Gesamtpunktzahl entsprach beim EuroScore-System der erwarteten Mortalitätsrate, so dass hier ein direkter Vergleich zwischen erwarteter und beobachteter Mortalität erlaubt war. Der EuroScore gab eine Gesamtmortalität von 5,3% vor. Dagegen zeigte sich in der vor-liegenden Studie eine Gesamtmortalität von 2,9 %. Die beobachtete Gesamtmortali-tät lag damit um 49 % unter der von EuroScore vorausgesagten erwarteten Mortali-tät. Das EuroScore-Modell ließ einen stetigen Anstieg der Mortalitätsraten in seinen drei Risikogruppen erwarten. Dieses bestätigten auch die ausgewerteten Ergebnisse, jedoch lagen die Mortalitätsraten in allen drei Risikogruppen der vorliegenden Gie-ßener-Studie unter der Mortalität des EuroScores. Das EuroScore-System prognostizierte in allen Risikogruppen Mortalitätsraten mit gruppensteigendem Risiko. In der niedrigsten Risikogruppe der Gießener-Studie wurden jedoch keine Todesfälle verzeichnet. Von den insgesamt 25 Todesfällen be-fanden sich 0/298 (0 %) in der niedrigsten Gruppe (EuroScore: 0,56 % - 1,1 %), 6/304 (2,0 %) in der mittleren (EuroScore: 2,62 % - 3,51 %) und 19/264 (7,2 %) (Eu-roScore: 10,25 % - 12,16 %) Verstorbene in der höchsten Risikogruppe. Die statistischen Ergebnisse zeigten, dass die Mortalitätsraten in allen drei Risiko-gruppen und damit die Gesamtmortalität vom EuroScore-System insgesamt zu hoch eingeschätzt wurde. Die Mortalität nahm, wie im EuroScore vorgegeben, mit anstei-gendem Risikoscore von 0 % bis 7,2 % zu.Betrachtet man die Risikofaktoren aus dem EuroScore-System, so waren die meisten eindeutig definiert und dadurch gut retrospektiv erhebbar. Die statistische univariate Analyse der vorliegenden Studie extrahierte insgesamt 14 Risikofaktoren, die mit der postoperativen Mortalität korrelierten. Diese Faktoren wurden der binären logisti-schen Regressionsanalyse zugeführt, um signifikante Prädiktoren der postoperativen 30-Tage-Mortalität zu erheben. Die binäre logistische Regressionsanalyse ermittelte drei Prädiktoren der Mortalität: den präoperativen intraaortalen Ballonpumpenein-satz, das weibliche Geschlecht und das Patientenalter = 70 Jahre. Die präoperative intraaortale Ballonpumpe wird überwiegend bei Hochrisikopatienten eingesetzt. Daraus resultierte vermutlich die in der vorliegenden Studie nachge-wiesene erhöhte postoperative Mortalität. Der Vergleich mit unterschiedlichen Studien ergab, dass in der Tat ein höheres ope-ratives Risiko beim weiblichen Geschlecht und auch bei älteren Patienten bestand. Dabei war die Ursache des geschlechtsspezifischen weiblichen Risikofaktors insge-samt noch ungeklärt. Es wurden verschiedene Gründe wie unterschiedlicher Körper-bau/Körperoberfläche, Koronarmorphologie, hormonelle Regulationsmechanismen und eine zu späte Zuweisung im weiter entwickelten Krankheitsstadium als mögliche Ursache diskutiert. Dagegen wurde bei älteren Patienten auf die arteriosklerotisch bedingten Komorbiditäten verwiesen.
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