Aspekte der Sozialisation zum Arzt : eine empirische Studie über Auswirkungen der praktischen Makroanatomie auf Medizinstudierende und deren Einstellung zu Sterben und Tod
Seit einigen Jahren wird verstärkt untersucht, wie das Verhältnis zwischen Arzt/Ärztin und PatientIn verbessert werden kann und welchen Einfluss die Studienbedingungen auf die spätere Arbeitsweise von Ärzten/Ärztinnen haben. In dieser Dissertation wird der Stellenwert der makroskopischen Anatomie für die Sozialisation zum Arzt / zur Ärztin behandelt, also der Lehrveranstaltung, in der die Studierenden eine Leiche präparieren. Insbesondere in den angloamerikanischen Ländern sind hierzu bereits Studien vorgestellt worden, deren Ergebnisse allerdings nicht eindeutig sind. Teilweise herrschen diametral entgegengesetzte Meinungen darüber, ob und falls ja, welche Auswirkungen die makroskopische Anatomie auf die Studierenden hat. In einigen Veröffentlichungen wird sie als Initiationsritus bezeichnet, in anderen als bedeutungslos eingestuft.
Anhand einer empirischen Studie wird untersucht, ob sich messbare Veränderungen der Todesfurcht und der Einstellung zu Tod und Leichen nach Absolvierung der makroskopischen Anatomie nachweisen lassen. Hierzu wurde auf das 'Fragebogeninventar zur mehrdimensionalen Erfassung des Erlebens gegenüber Tod und Sterben' (FIMEST) zurückgegriffen und zusätzlich ein eigener Fragebogen entwickelt. Gleichzeitig wurde ein Persönlichkeitstest erhoben ('Selbstkonzeptinventar', SKI).
Zunächst wird ein Überblick über die historische Entwicklung der makroskopischen Anatomie geboten. Die jeweilige Praxis von den prähistorischen Anfängen bis heute wird in Zusammenhang gesetzt mit den soziologischen Gegebenheiten bezüglich des Umgangs mit Sterben und Tod. Es folgt eine Darstellung der bisherigen Forschungen, die die moderne Makroanatomie und ihre möglichen Auswirkungen auf die Teilnehmenden behandeln, ebenso ein Überblick über den aktuellen Diskurs der Kritik an der durchgeführten Lehre der Makroanatomie. Der insbesondere für Ärzte und Ärztinnen oft schwierige Umgang mit dem Thema Tod wird in einem eigenen Kapitel behandelt.
Um die Makroanatomie in den Prozess der Sozialisation zum Arzt / zur Ärztin wertend einordnen zu können, werden die soziologischen und medizinsoziologischen Theorien von T. Parsons und R. Merton vorgestellt und mit Aspekten des Arztberufes vernetzt. Das medizinische System und die Genese der Professionalisierung stehen hierbei im Mittelpunkt.
Der dritte Teil des theoretischen Hintergrundes, in den die empirische Studie eingebettet ist, ist die Betrachtung der Todesfurcht, die in der Studie als Indikator fungiert, ihre unterschiedlichen Aspekte und ihre Messung.
Die Beschreibung der Methodik der Studie beginnt mit der faktorenanalytischen Entstehung und Validierung des neu erstellten Fragebogens ('Fragebogen Makroanatomie', FBM). Der FBM wird nachfolgend weiter vorgestellt ebenso wie die standardisierten Messinstrumente FIMEST und SKI. Die Erhebung erfolgte in einer Längsschnittstudie mit zwei Messpunkten, diese lagen vor und nach Teilnahme an dem Kurs Makroanatomie. Anhand der statistischen Auswertungen (t-Test, Regressionsanalyse) werden folgende Ergebnisse dargestellt: mit Hilfe des eigenen Messinstrumentes FBM, das speziell auf die konkrete Situation im Kurs Makroanatomie eingeht und praktische Umgangsweisen mit Sterben und Tod behandelt, lassen sich statistisch signifikante Unterschiede feststellen. Hingegen detektiert der theoretisch-intellektuell angelegte FIMEST keine signifikante Beeinflussung der Einstellung zu Sterben und Tod durch die makroskopische Anatomie. Auch die Persönlichkeitsstruktur ist nicht verändert.
Die gefundenen Ergebnisse werden eingehend unter Berücksichtigung sozioökonomischer Merkmale diskutiert. Hierbei werden insbesondere die vor der Teilnahme am Kurs Makroanatomie gemachten Erfahrungen mit dem medizinischen System hervorgehoben.
Die gesellschaftliche Komponente der Sozialisation zum Arzt, die Konsequenzen der Verdrängung der Themen Sterben und Tod in der Öffentlichkeit und soziologische Theorien werden herangezogen, um die Ergebnisse der durchgeführten Studie zu diskutieren und analysieren.
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