Ziel der vorliegenden Arbeit war es den Therapieerfolg und die Stabilität einer kieferorthopädischen Behandlung eines frontal offenen Bisses mit Overbite zu untersuchen.
Anhand der prätherapeutischen Modelle, Fernröntgenseitenbilder und Orthopanto-mogramme wurden aus dem Gesamtpatientengut der Poliklinik für Kieferorthopädie der Justus-Liebig-Universität Giessen alle Patienten mit frontal offenem Biss mit Overbite ausgewählt. Die Einschlusskriterien umfassten (1) Angle Klasse II:1 Malokklusion, (2) vollständiger Durchbruch aller bleibenden Incisivi, (3) frontal offener Biss mit Overbite von mindestens 1mm bei allen Frontzähnen, (4) Modelle und Fernröntgenseitenbilder mit eindeutig identifizierbarem offenem Biss mit Overbite, (5) keine Nichtanlagen, Retentionen, traumatische Zahnverluste, Extraktionen oder prothetische Versorgungen im Frontzahnbereich und (6) keine kieferorthopädische Vorbehandlung. Insgesamt 30 Patienten (12 Mädchen, 18 Jungen) erfüllten alle Einschlusskriterien und es lagen vollständige Untersuchungsunterlagen von den Zeitpunkten vor kieferorthopädischer Behandlung, nach aktiver Behandlung und nach Ende der Retentionsperiode vor. Das Durchschnittsalter der Patienten vor Behandlungsbeginn lag bei 11 Jahren.
Die Modelle und Fernröntgenseitenbilder der Untersuchungszeitpunkte vor kieferorthopädischer Behandlung, nach aktiver Behandlung und nach Ende der Retentionsperiode wurden analysiert um die sagittale und vertikale dentoskelettale Morphologie der Patienten sowie die Veränderungen während und nach kieferorthopädischer Behandlung zu erfassen. Daten bezüglich möglicher prätherapeutisch vorhandener Habits (z.B. frontales Zungenpressen, atypisches Schluckmuster, habituelle Mundatmung) wurden der Patientenakte entnommen.
Da keine geschlechtsspezifischen Unterschiede festgestellt werden konnten, wurden die Geschlechter für die Auswertung zusammengefasst.
87% der Klasse II:1 Patienten mit frontal offenem Biss mit Overbite wiesen vor Behandlung ein oder mehrere Habits auf. Die häufigsten Habits waren ein atypisches Schluckmuster (37%) oder ein atypisches Schluckmuster in Kombination mit einer habituellen Mundatmung (27%).
Ein Interinzisalkontakt konnte bei 70% der Patienten nach kieferorthopädischer Behandlung und 63,3% der Patienten nach Ende der Retentionsperiode festgestellt werden. Das beste Ergebnis hinsichtlich der Erzielung des Frontzahnkontaktes (100%) zeigten die Patienten ohne Habits. Bei den Patienten mit Habits lag die Erfolgsrate hingegen nur bei 65,4% nach Behandlung und 57,7% nach Ende der Retentionsperiode.
Ein vertikales Wachstumsmuster erwies sich in der vorliegenden Studie als unabhängig vom Misserfolg hinsichtlich der Etablierung eines Interinzisalkontaktes, denn während in der Erfolgsgruppe bei fünf Patienten eine Zunahme des Mandibularbasiswinkels (ML/NSL) auftrat, war dies in des Misserfolgsgruppe bei keinem Patienten der Fall.
Schlussfolgernd kann somit festgestellt werden, dass ein frontal offener Biss mit Overbite ein Indikator für vorliegende Habits ist und als solches einen prognostischen Faktor für die Erzielung und die Stabilität des Interinzisalkontaktes darstellen könnte. Die erfolgreiche Etablierung eines Interinzisalkontaktes scheint weitestgehend funktions- und nicht wachstumsbedingt zu sein.
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