Die Differentialdiagnose akuter psychiatrischer Syndrome ist häufig schwierig und die Berücksichtigung bzw. der Ausschluss einer substanzinduzierten Störung oft notwendig. Ein routinemäßiges Drogenscreening in psychiatrischen Akutsituationen ist bezüglich zusätzlicher Informationen im Hinblick auf Behandlungsnotwendigkeit und -modalität sowie die damit assoziierte Kosteneffizienz umstritten. Praktikabilität und Effizienz eines konsekutiven Drogenscreenings nach Aufnahme in einer psychiatrischen Versorgungs-klinik wurden in der vorliegenden Untersuchung anhand von Patientendaten während des Zeitraumes eines Jahres analysiert.In der klinischen Routine sollte bei allen Patienten, die während eines Jahres akut in ein großes psychiatrisches Krankenhaus aufgenommen wurden, nach informiertem Einverständnis ein Screening auf THC, Kokain, Amphetamine, Ecstasy und Opioide im Urin (bis maximal einen Tag nach Aufnahme) durchgeführt werden. Eine qualitative Bestimmung (positiv/negativ) erfolgte durch Enzymimmunoassays mit hoher Sensitivität und Spezifität (Fremdlabor). Von N=2491 aufgenommenen Fällen (N=1817 Patienten) konnten bei 79% der Fälle (89% der Patienten) interpretierbare Screenings auf illegale Drogen erhalten werden. Bezogen auf die illegalen Drogen Kokain, Amphetamine, THC und MDMA waren 20,5% der fallbezogenen Drogenscreenings (19,3% der Patienten) mindestens einmal positiv (THC 17%, Kokain 5%, Amphetamine 2%, MDMA 1%; Pat. 70% männlich, im Mittel 33 Jahre alt, 80% Hauptdiagnose einer Abhängigkeitserkrankung [SUD]). 21,7% der Patienten mit positivem Drogenbefund wären allein aufgrund der Anamneseangaben nicht gefunden worden. Patienten mit Diskrepanz (Fehlende Angaben und positives Screening) waren häufiger Frauen (>50%) mit höherem sozio-ökonomischem Status und waren jünger als Patienten mit negativem Screeningbefund. In den Diagnosegruppen ICD-10 F2-F4 (Schizophrenie, affektive und Angststörungen) waren fehlende Hinweise auf einen Drogenkonsum signifikant häufiger (65-80%) als bei den Gruppen F1-SUD und F6-Persönlichkeitsstörungen. Bei Patienten mit SUD und positivem Screening für illegale Drogen, aber fehlenden Anamnesehinweisen, lag die Verweildauer im Mittel 7,6 Tage höher als bei Patienten mit adäquaten Angaben. Mit verschiedenen Annahmen konnte eine Kosteneffizienz für das Routinescreening abgeleitet werden (Nutzen>Kosten).Die Praktikabilität eines routinemäßigen Screenings zum Nachweis illegaler Drogen im Urin bei Aufnahme jedes Patienten in einem psychiatrischen Krankenhaus wurde weitgehend gezeigt. Standardisierte Anamneseinstrumente (Fragebogen, Interview) werden empfohlen, um fehlende Angaben bei aktuellem Konsum auch von Drogen zu reduzieren. Vor allem bei Patienten mit SUD könnten die frühzeitige Erkennung der gesamten Problematik des Drogenkonsums, einschließlich sogenannter illegaler Drogen, und insbesondere die therapeutische Berücksichtigung einer Diskrepanz zwischen Angaben und objektiven Tests (Motivational Interview) zu einer Verbesserung und auch Verkürzung der Behandlung führen. Die breite Anwendung eines preisgünstigen Screeningverfahrens für illegale Drogen ist daher bei allen Einschränkungen zu empfehlen.
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