In dieser Studie wurden Patientendaten aus der Abteilung für Kinderradiologie des Universitätsklinikums Gießen aus den Jahren 1997-2003 und 2009-2010 betrachtet und verglichen, mit dem Ziel, eine Wertigkeit in der Diagnostik des SHT im Kindesalter festzulegen. Es sollten folgende Fragen beantwortet werden:1. Mit welchen bildgebenden Verfahren lässt sich ein Schädel-Hirn-Trauma im Kindesalter am besten diagnostizieren?2. Welche Voruntersuchungen werden zur radiologischen Diagnostik des Schädel-Hirn-Traumas benötigt und eingesetzt, bevor die Patienten in der Radiologie vorstellig werden und welches Vorwissen ist erforderlich um eine adäquate Diagnostik zu leisten?3. Sind die Informationen der überweisenden Institutionen ausreichend um die adäquaten bildgebenden Methoden für die jeweiligen Patienten zu bestimmen?4. Lässt sich ein unnötiger Einsatz strahlenbelastender Maßnahmen erkennen und zeigt sich gegebenenfalls die Ursache hierfür?5. Inwieweit ist die diagnostische Vorgehensweise in der Kinderradiologie Gießen an den Richtlinien der AWMF orientiert?6. Ist im Vergleich zwischen den beiden Gruppen eine Dynamik im Untersuchungshergang und den daraus folgenden Therapiemaßnahmen erkennbar? Es handelt sich um eine retrospektive, statistisch-epidemiologische Studie. Dieses Design wurde gewählt, um rückblickend eine mögliche Entwicklung in der Diagnostik des SHT im Kindesalter am Standort Gießen aufzuzeigen. Es wurden zwei Gruppen von Patienten zwischen 0 und 18 Jahren in den Zeiträumen von 1997 bis 2003 und von 2009 bis 2010 einander gegenübergestellt. In der ersten Gruppe betrug die Anzahl der Patienten 452, in der zweiten Gruppe 364 Kinder. Die epidemiologischen und klinischen Daten wurden mithilfe des Informationssystem MEDOS (MEDOS, Langenselbold) aus Arztbriefen extrahiert. Informationen wurden gewonnen bezüglich: Geschlecht, Alter, Unfallursache, Vorerkrankungen, Anamnese, radiologischer Diagnostik und Diagnose laut Akte. Diese Daten wurden mit EXCEL (Microsoft, 2010) in Tabellenform gebracht und verschlüsselt. Zur statistischen Auswertung wurden die verschlüsselten Daten mit dem Programm SPSS (IBM SPSS Statistics 20, 2011) bearbeitet. Korrelationen wurden mit dem chi²-Test nach Pearson (Signifikanzniveau p < 0,05) geprüft.Wichtig bei der Diagnostik bei Kindern mit traumatischer Einwirkung auf den Kopf ist, zu erkennen in welchem Fall eine schwerwiegende und therapiebedürftige Diagnose vorliegt und in welchen Fällen eine Diagnostik mit dem Einsatz ionisierender Strahlung eine unnötige Belastung für den Patienten darstellt. Die AWMF Leitlinien von 2011 raten beim Vorliegen einzelner Befunde, wie dem einer Amnesie oder eines Krampfanfalls, zur Durchführung einer CT-Untersuchung. In dieser Studie zeigte sich, dass das Vorliegen dieser Befunde alleine nicht zwingend für eine schwerwiegende Verletzung spricht und somit die Indikation für eine Strahlenexposition hierdurch nicht zwangsläufig gegeben ist. Die Computertomographie sollte nur in den Fällen eingesetzt werden, wenn die Kombination aus Unfallhergang, Bewusstseinszustand und neurologischem Status des Kindes auf eine schwerwiegende Verletzung hindeutet.Hinsichtlich der Diagnostik lässt sich zwar ein Rückgang an CT-Untersuchungen allgemein feststellen, jedoch wurde auch in der zweiten Gruppe die Diagnostik oft unnötigerweise voll ausgeschöpft. Ein restriktiverer Umgang mit CT-Untersuchungen bei unauffälliger Anamnese und Untersuchung führt nicht zwangsläufig zum Übersehen schwerer Verletzungen. Als Ursache für diese Überdiagnostik lässt sich zum einen die häufig mangelhafte Dokumentation von Voruntersuchern festmachen. Bei unzureichender Erfahrung, unter Zeitdruck, im Nachtdienst und auch unter Drängen der Eltern eines Patienten kann die CT als Absicherungsmaßnahme dienen, um keinen schwerwiegenden Befund zu übersehen. Zum anderen verführt striktes Befolgen der Leitlinien der AWMF von 2011 zu großzügiger Anwendung einer Maßnahme, welche mit dem erheblichen Risiko einhergeht, durch ionisierende Strahlung eine Schädigung auszulösen. Somit soll diese Studie ein Überdenken des bisher verfolgten Vorgehens beim SHT im Kindesalter und eine kritische Betrachtung der Leitlinien anregen.
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