Vor dem klinischen Hintergrund des OAB-Syndroms trugen in den letzten Jahren wichtige Erkenntnisse über die Existenz eines nichtneuronalen cholinergen Systems im Urothel zunehmend zum Verständnis von Mechanismen der Detrusorüberaktivität bei. Orale muskarinrezeptorenspezifische Anticholinergika werden nach aktuellen Leitlinien zur Therapie der Detrusorüberaktivität eingesetzt. Neuere Erkenntnisse zeigen, dass diese Pharmaka auch bei ausbleibender parasympathischer Aktivität eine Reduktion des imperativen Harndrangs und eine verlängerte Phase der Harnspeicherung bewirken. Eine Erklärung liefert das Modell eines nichtneuronalen cholinergen Systems im Urothel, wobei ACh aus urothelialen und suburothelialen Strukturen synthetisiert und freigesetzt wird. Diese Erkenntnisse führten zu der Annahme einer epithelioneuronalen Kommunikation, deren Folge unter pathologischen Bedingungen imperativer Harndrang und ein gesteigerter Miktionsreflex sein könnte. In der vorliegenden Arbeit wurde die Expression der muskarinischen Rezeptoren M1R, M2R und M3R in Afferenzen der Harnblase von Mäusen untersucht. Perikarya von Harnblasenafferenzen wurden in Kryoschnitten der Spinalganglien L6 und S1 durch ein zuvor durchgeführtes retrogrades Neurotracing identifiziert. Die Expression des M2R wurde mittels Immunhistochemie untersucht. Die Expression des M1R und M3R wurde durch eine Kombination von laserassistierten Mikrodissektionen und anschließender RT-PCR analysiert. 35,2% aller Harnblasenafferenzen zeigten eine Expression des M2R. Es zeigte sich kein signifikanter Größenunterschied der Perikarya von M2R-exprimierenden und M2R-nicht-exprimierenden Zellen. In Harnblasenafferenzen wurde die Expression des M3R, jedoch nicht des M1R nachgewiesen. In Ergänzung an diese Arbeit wurde in der gemeinsam veröffentlichten Studie von Nandigama et al. (2010) die Expression des M4R, jedoch nicht des M5R gefunden. Grundsätzlich zeigen diese Ergebnisse, dass die Vermittlung sensorischer Informationen aus dem Urothel und Suburothel cholinerger Kontrolle unterliegt, wobei insbesondere die stark antwortenden Mukosa-Mechanorezeptoren direkt über einen Agonismus am M3R erregt werden könnten. Auf Ebene der Signaltransduktion wird deutlich, dass die Einbeziehung des Gq/11-gekoppelten M3R und der Gi/o-gekoppelten M2R und M4R Mechanismen der Exzitation und der Inhibition umfasst. Inwiefern die exprimierten mAChRs den 6 funktionellen Afferenzen zuzuordnen sind und in welchem Kontext sie bei der Entstehung und Modulation von sensorischen Informationen aus dem Urothel stehen, bleibt Gegenstand aktueller Forschung. Um dies zu beantworten wäre die simultane Darstellung aller Parameter, insbesondere die Entwicklung weiterer subtypenspezifischer mAChR-Antikörper notwendig.
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