Aviäre Chlamydiose (Psittakose / Ornithose) : retrospektive Analyse einer Seuche mit zoonotischem Potential von der ersten Beschreibung bis in die Gegenwart

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In der vorliegenden Arbeit werden die Geschichte der Entdeckung von Chlamydia psittaci, die Infektion und die von diesem Erreger ausgelösten Krankheitsformen bei Vögeln (Aves), die Häufigkeit und die Wege der Übertragung auf den Menschen sowie verschiedene Möglichkeiten der Diagnose und Bekämpfung vom Beginn der Erforschung vor etwa 130 Jahren bis zur Gegenwart beschrieben und analysiert.Die aviäre Chlamydiose gehörte noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu den gefürchteten Tierseuchen, die immer wieder beim Vogel und auch beim Men-schen zu schweren Erkrankungen und Todesfällen führte. Da als Quelle und Überträger des Infektionserregers Chlamydia psittaci zunächst alleinig Papageien vermutet wurden, entstand 1893 in der wissenschaftlichen Literatur der Begriff Psittakose . Mit der Erkenntnis, dass auch andere Vogelarten als Ausgangspunkt und Überträger auftreten, entstand zusätzlich die Bezeichnung Ornithose , die jedoch sowohl bei Vögeln als auch beim Menschen als deutlich harmloser eingestuft wurde. Zur Bekämpfung beider Erreger führten die Behörden der Vereinigten Staaten von Amerika sowie Deutschlands Mitte der 1930-er Jahre schließlich ein erstes Gesetz zur Bekämpfung der Papageienkrankheit ein. Die wichtigsten Maßgaben darin waren eine vollständige Importsperre sowie eine breit angelegte Tötung aller Papageien.1970 erließ Deutschland, unter Berücksichtigung neuester wissenschaftlicher Erkenntnisse, die Verordnung zum Schutz gegen die Psittakose und Ornithose . Darin wurden eine Anzeigepflicht für die Psittakose und eine Meldepflicht für die Ornithose mit entsprechenden Handlungsanweisungen bei einem Seuchenausbruch oder bei gegebenem Seuchenverdacht festgelegt. In anderen europäischen Ländern bestand hingegen nie eine Anzeige- oder Meldepflicht.Die Erregeridentifizierung gestaltete sich lange Zeit aufgrund der spezifischen Biologie der Chlamydien sehr schwierig. Die Übertragbarkeit des immer noch unbekannten Erregers wurde erstmals durch BEDSON et al. (1930) bewiesen. Die Autoren verabreichten Papageienvögeln Filtrate des Darminhaltes toter Vögel und konnten so die Erkrankung reproduzieren. Des Weiteren trugen sie durch Studien an embryonierten Hühnereiern zur Aufklärung des einzigartigen Replikationszyklus der Chlamydien bei. In vivo konnten in Abstrichen und post mortem mittels Abklatschpräparaten mit verschiedenen Färbemethoden (Giemsa, MACCHIAVELLO, STAMP, GIMÉNEZ, Ziehl-Neelsen) intrazelluläre Einschlüsse erkannt und mit dem Krankheitsbild der Chlamydiose assoziiert werden. Die Einführung des Elektronenmikroskops ermöglichte es schließlich, den biphasischen Entwicklungszyklus aus metabolisch inaktiven, jedoch infektiösen Elementarkörperchen (EB), Intermediärkörperchen (IB) und teilungsfähigen Retikularkörperchen (RB) morphologisch zu erfassen und vollständig zu verstehen. Zur Therapie erkrankter Vögel und Menschen wurden entsprechend der Möglichkeiten vor ca. 100 Jahren Präparate eingesetzt, deren Wirkung gering, deren Nebenwirkungen aber teilweise erheblich waren. Durch die Entwicklung der Tetrazykline Mitte des 20. Jahrhunderts und deren generelle Verfügbarkeit wurde schließlich sowohl für Menschen als auch Tiere eine wirksame Therapie der Chlamydiose möglich. Dadurch sank die Sterblichkeit der Menschen von ca. 30% auf unter 1%. Auch die Behandlung erkrankter Psittaziden und der Vögel anderer Arten erwies sich als sehr erfolgreich. Tetrazykline sind auch heute noch neben den Chinolonen die therapeutischen Mittel der Wahl. Allerdings können Tetrazykline und Chinolone nur dann wirksam sein, wenn sich die Chlamydien in der Vermehrungsphase befinden.Bislang konnte kein wirksamer Impfstoff zur Verhütung der Chlamydiose beim Vogel und beim Menschen sowie zur Unterbindung der Erregerausscheidung entwickelt werden. Experimentelle Studien mit DNA-Vakzinen bieten bisher beim Hausgeflügel zumindest einen teilweisen aber nur kurzfristigen Schutz vor fatalen Verlaufsformen und verkürzen geringfügig die Phase der Erregerausscheidung. Weitere Studien sind daher nötig, um die Sicherheit und Wirk-samkeit dieser Vakzinen zu verifizieren und zu verbessern.Die Diagnostik klinisch manifester und subklinischer Verlaufsformen in vivo sowie post mortem war wegen des komplexen Entwicklungszyklus von Chlamydia psittaci sehr schwierig und aufwändig. Mit der Etablierung molekularbio-logischer Methoden konnte die Erregeridentifizierung wesentlich erleichtert, präzisiert und beschleunigt werden. In den letzten Jahren wurden verschiedene PCR- und Microarray-Verfahren entwickelt, die eine sehr genaue Charakterisierung der Chlamydien ermöglichen. Aufgrund dieser fundamentalen Erkenntnisse wurde auch die Taxonomie der Chlamydien 2011 überarbeitet, so dass in der Familie Chlamydiaceae nur noch ein Genus Chlamydia mit sechs Serotypen und neun Genotypen vertreten ist.Mit ihrer stringenten Bekämpfungsstrategie seit 1969 bildete die Bundesrepublik Deutschland in Europa eine Ausnahme. In den anderen EU-Mitgliedstaaten und in Nordamerika wird die Zahl der Chlamydiosen zwar registriert, es existiert aber im Allgemeinen keine Anzeige- oder Meldepflicht und auch staatlich geförderte und kontrollierte Bekämpfungsmaßnahmen finden nicht statt. Daher wurde die deutsche Psittakose-Verordnung, die im Seuchenfall auch eine Keulung der Tiere vorsieht, in Fachkreisen seit langem als zu weitgehend kritisiert. Ziel der Bekämpfungsmaßnahmen der Chlamydiose bis 2011 war die Elimination aller Formen der aviären Chlamydiose durch Tötung oder Behandlung erkrankter Papageien. Allen Maßnahmen zum Trotz sind jedoch die Chlamydien bis heute in der Vogelpopulation weit verbreitet. Am Beispiel der klassischen Tollwut wird vergleichend dargestellt, dass eine Eradikation des Tollwutvirus grundsätzlich möglich ist. Aber schon bei der Fledermaustollwut greifen die für die Wildtiertollwut etablierten Bekämpfungsstrategien nicht. Der komplexe Entwicklungszyklus, die hohe Resistenz gegenüber Umwelteinflüssen und Desinfektionsmitteln, das breite Wirtsspektrum sowie das Vorkommen latenter Infektionen machen eine vollständige Tilgung der Chlamydien quasi unmöglich. Sinnvoller sind daher ein verbessertes Hygienemanagement, inklusive Quarantäne zugekaufter Vögel und fachgerechte Desinfektion kontaminierter Bereiche, regelmäßiges Monitoring des Erregers in größeren Vogelbeständen und vor allem eine geeignete Therapie erkrankter Vögel und Menschen mit wirksamen Medikamenten wie Tetrazyklinen oder Chinolonen. Da heutzutage eine schnelle und zuverlässige Diagnose und erfolgreiche Therapie der aviären Chlamydiose den früheren Schrecken nahm, haben auch massive seuchenrechtliche Maßnahmen ihre Berechtigung verloren. Daher wurde folgerichtig im November 2011 die Anzeigepflicht für die Psittakose in eine Meldepflicht umgewandelt. Die Meldepflicht soll den Behörden Auskunft über Häufigkeit und Verlaufsformen der Chlamydiose der Vögel geben. Die Chlamydiose des Menschen unterliegt weiterhin der Meldepflicht gemäß den Anforderungen des Infektionsschutzgesetzes.

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Giessen : VVB Laufersweiler

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