Angiopoietin-2 spielt eine wichtige Rolle bei der physiologischen aber auch bei der pathologischen Neubildung von Gefäßen, so z. B. während der Vaskularisierung der Netzhaut, dem weiblichen Reproduktionszyklus oder im Rahmen von Tumorwachstum. Es wird vermutet, daß Angiopoietin-2 über eine Destabilisierung der Gefäßwand entweder zu Gefäßregression oder in Gegenwart weiterer Wachstumsfaktoren zu Gefäßproliferation führt. Instabile Gefäße zeigen häufig Perizytenabfall, was einer Reduktion des Perizytenbesatzes dieser Gefäße entspricht. Innerhalb der Netzhaut ist die Abnahme der Perizytenzahl ein frühes Zeichen der diabetischen Retinopathie, einer Erkrankung, die bei Patienten mit chronischer Hyperglykämie auftritt und im Spätstadium zu deren Erblindung führen kann. Es ist bekannt, daß in diabetischen Tieren vor Perizytenabfall Angiopoietin-2 verstärkt exprimiert wird, so daß ein direkter Zusammenhang zwischen Angiopoietin-2 und der Abnahme der Perizytenzahl wahrscheinlich ist. Sowohl durch die in dieser Arbeit durchgeführte intravitreale Injektion von rekombinantem Angiopoietin-2 als auch durch die Überexpression von transgenem Angiopoietin-2 konnte im Vergleich zum Wildtyp erstmals eine signifikante Abnahme der Perizytenzahl in der Retina induziert werden. Zusätzlich wurde eine Zunahme von azellulären Kapillaren beobachtet. Weiterhin wurde die Funktion von Angiopoietin-2 während der Vaskularisierung der reifenden Netzhaut analysiert. Mittels Fluoreszenzmikroskopie und enzymatischen Netzhautdigestionen konnten pathologische Gefäßmalformationen in Angiopoietin-2 defizienten Mäusen nachgewiesen und charakterisiert werden. So ist in den Angiopoietin-2 knock out Tieren kein tiefes Kapillarbett angelegt, das oberflächliche Gefäßnetz zeigt charakteristische Malformationen und die Rückbildung des embryonalen Hyaloidsystems unterbleibt. Diese Ergebnisse zeigen deutlich, daß Angiopoietin-2 eine wichtige Rolle bei der Ausbildung eines funktionellen tiefen Kapillarbetts im Rahmen der postpartalen Vaskularisierung der Retina spielt. Weiterhin wird deutlich, dass Angiopoietin-2 in der adulten Netzhaut zu Perizytenabfall führt, was mit einer Instabilisierung der Netzhautgefäße verbunden ist und auch im diabetischen Auge beobachtet werden kann. Daher wäre die Inhibition von Angiopoietin-2 eine Möglichkeit, der diabetischen Retinopathie zu einem frühen Zeitpunkt therapeutisch entgegen zu treten.
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