Intrakranielle Blutungen bei Säuglingen in El Salvador : Einfluss traditioneller Praktiken und Versäumnisse der westlichen Medizin
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Zusammenfassung
Intrakranielle Blutungen sind eine schwere Erkrankung mit oft irreparablen lebenslangen Folgeschäden. Prävention ist hierbei besonders wichtig, insbesondere bei Kindern. Die vorliegende retrospektive Fall-Kontrollstudie wurde am staatlichen Kinderkrankenhaus Benjamin Bloom in San Salvador und dem Hospital San Juan de Dios in San Miguel, El Salvador durchgeführt. Sie untersucht den Zusammenhang zwischen dem Auftreten von intrakraniellen Blutungen und der Anwendung traditioneller Praktiken (sobadas) bei Säuglingen in El Salvador in dem Zeitraum von Januar 1999 bis Juli 2001. Anlass zu der Untersuchung war die in der Öffentlichkeit zunehmende Verurteilung traditioneller Heiler durch Ärzteschaft und Presse bei bislang fehlendem Nachweis eines ursächlichen Zusammenhangs.Grundannahme (Hypothese) der Studie ist, dass sobadas bei Säuglingen mit intrakraniellen Blutungen (Fallgruppe) häufiger vorkommen müssten als bei Säuglingen ohne diese Erkrankung (Kontrollgruppe). Die Fallgruppe besteht aus 20 Säuglingen älter als 29 Tage, die im genannten Zeitraum mit der Diagnose einer intrakraniellen Blutung stationär behandelt wurden und die zusätzlich eine Durchfallerkrankung in der aktuellen Krankengeschichte aufwiesen. Die Durchfallerkrankung ist insofern bedeutsam, als dass sie über Dehydratation zu einer eingesunkenen Fontanelle führt. Diese ist ausschlaggebend für die Durchführung der verdächtigten Praktiken. Die Kontrollgruppe besteht aus 38 Säuglingen, die wegen einer Durchfallerkrankung hospitalisiert waren. Matchingkriterien waren Alter, Geschlecht und Jahr des Krankenhausaufenthaltes. In beiden Gruppen wurden Anwendung und Art von sobadas, wichtige Laborparameter, Geburtsumstände, Krankheitsfolgen und diverse andere Faktoren mittels Aktenstudium und Befragung der betroffenen Familien erhoben. Da die öffentliche Diskussion um dieses Thema eine zuverlässige Datenerhebung erschwerte, wurden die Daten bezüglich sobadas mittels Triangulation validiert. Die Ergebnisse zeigen eine ähnliche Verteilung der sobadas in beiden Gruppen (Fallgruppe 45%, Kontrollgruppe 55.3%, p=0.582). Insbesondere zeigen die mutmaßlich traumatischen Praktiken an der Fontanelle saugen (Fallgruppe 10 %, Kontrollgruppe 23.7%, p=0.296) und an den Füßen aufhängen und auf die Fußsohlen schlagen (Fallgruppe 0%, Kontrollgruppe 13.2%, p=0.151) keine Häufung in der Fallgruppe. Damit lässt sich die Annahme (Hypothese), dass traditionelle Praktiken intrakranielle Blutungen verursachten, nicht bestätigen. In den durchgeführten Laboruntersuchungen fällt jedoch ein signifikant erhöhtes Vorkommen massiver Gerinnungsstörungen in der Fallgruppe gegenüber der Kontrollgruppe auf (PT >30 sec bei 70% vs. 7.0%, p<0.001; PTT>80 sec bei 55% vs. 0%, p<0.001; Thrombozyten stets > 30000/mm³). Die Art der Gerinnungsstörungen wurde labortechnisch nicht weiter untersucht. Die Ursachen der intrakraniellen Blutungen lassen sich retrospektiv nicht endgültig klären. Den Studienergebnissen zufolge sind sobadas nicht dafür verantwortlich wobei die geringe Studiengröße berücksichtigt werden sollte. Der Einfluss von sobadas im Einzelfall bleibt ungeklärt und Gegenstand theoretischer Diskussion. Die Ergebnisse zeigen jedoch, dass Gerinnungsstörungen von bislang unterschätzter Bedeutung sind. Alter, Geschlecht, Stillverhalten und das Fehlen einer routinemäßigen Vitamin K-Prophylaxe beim Neugeborenen legen den Verdacht nahe, dass es sich bei einem Teil der Blutungen um späte Vitamin K-Mangelblutungen handelt.Verknüpfung zu Publikationen oder weiteren Datensätzen
Beschreibung
Anmerkungen
Erstpublikation in
Giessen : VVB Laufersweiler 2006
