Zwei Tatbestände bilden die Grundlage für den Themenkomplex von Kaffeeplantage undBiodiversität: 1.Die Entwicklung der internationalen Kaffeewirtschaft ist in den letzen Jahren geprägt durch zähes Ringen um Fortbestand. Während die Kosten des Kaffeeanbaus auf hohem Niveau blieben, haben die Erlöse aus dem Kaffeeverkauf infolge von Überproduktion den niedrigsten Stand seit 30 Jahren erreicht. 2.Obwohl die indische Regierung einen National Biodiversity Strategy and Action Plan mit umfangreichen Schutzmaßnahmen ausgearbeitet hat und sich zahlreiche NGOs für die Bewahrung der Naturschätze einsetzen, konnte das Artensterben in den West Ghats bislang nicht aufgehalten werden. Der Schutz der Artenvielfalt in den Bergregionen Keralas gilt aber als besonders wichtig, weil es sich hier um eines der 12 Megabiodiversitätszentren der Erde mit einem noch nicht vollständig erfassten Genreservoir handelt. Angesichts dieser Situation stellt sich die Frage, wie sich ökonomische Bedürfnisse der Kaffeepflanzer mit Erfordernissen des Habitat- und Artenschutzes vereinbaren lassen. Am Beispiel des Brahmagiri B Estate im traditionellen Kaffee-Anbaugebiet Nord-Wynaad wird versucht, den vermeintlichen Widerspruch von Kaffeeplantage als i.d.R. extrem artenreduzierter Landnutzungsform einerseits und Biodiversität als Kennzeichen natürlicher Ökosysteme andererseits aufzulösen.
Bei der untersuchten Plantage handelt sich nicht um eine extrem artenreduzierte Monokultur im klassischen Sinn der Definition des Plantagenbegriffes, jedoch auch nicht um unberührte Natur. Da mehrere Verkaufsprodukte kultiviert werden, kann das System als Polykultur bezeichnet werden. Die Kreisläufe der Natur werden in dieser Landnutzungsform durch Methoden des Ecofarming (Gründünger, root-pumping, integrierter Pflanzenschutz) in weiten Teilen nachgeahmt, günstige Interaktionen zwischen verschiedenen Arten werden zum ökologischen und ökonomischen Nutzen des Betriebes kanalisiert und teure systemfremde inputs (synthetischer Dünger, Pestizide) eingespart. Obwohl auf den Einsatz chemischer Hilfsstoffe verzichtet wird, sind die Kaffee-Erträge im Untersuchungsgebiet seit mehreren Jahrzehnten auf hohem Niveau stabil geblieben, was für die ökologische sowie ökonomische Nachhaltigkeit der Landnutzungsform spricht. Der Betrieb weist neben der Vielfalt der Anbauprodukte (Agrodiversität) ein hohes Maß an natürlicher Biodiversität auf. Im Gegensatz zu den meisten Kaffeepflanzungen der Region, wachsen auf Brahmagiri zahlreiche Baumarten, die für den Plantagenbetrieb keinen direkten Marktwert besitzen, jedoch für die ökologischen Abläufe des Humanökosystems wichtige Funktionen erfüllen (z.B. als Bodenverbesserer) und für die auf dem Gelände lebenden Adivasis von großer Bedeutung sind als Rohstoffquelle sowie Teil ihrer sozio-kulturellen Identität. Auf Brahmagiri wurde ein Kompromiß gefunden zwischen ökologisch befriedigender Vielfalt des Schirmes und gleichzeitig ausreichend hohem Anteil an Wertholzarten als krisensichere Kapitalanlagen .
Die Analyse der ökologischen und sozio-ökonomischen Ressourcenpotentiale ergibt, daß die tatsächliche Nutzungskapazität der Plantage derzeit nicht voll ausgeschöpft wird. Hier könnten durch Maßnahmen der vertikalen und horizontalen Diversifizierung (Weiterverarbeitung und alternative Anbauprodukte) Verbesserungen erzielt werden. Die Argumente für die Bewahrung der Artenvielfalt reichen weit über ökologische hinaus zu sozialen, kulturellen, ästhetischen und philosophisch-religiösen Gründen. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen zudem, daß für sich Unternehmen auch ökonomisch lohnt, die Naturschätze zu bewahren. Konkretisiert wird dieser Ansatz anhand eines Öko-Agro-Tourismus-Modells als Strategieempfehlung für die Zukunft der Plantage, das die Sicherung und Verbesserung des Untersuchungsgebietes als Lebens- und Wirtschaftsraum sowie die Bewahrung der Biologischen Vielfalt zum Ziel hat. Dabei würde die produktiv gestaltete Vielfalt des derzeitigen Systems bewusst einbezogen, erweitert und zu Zwecken des Naturerlebnisses sowie der Umweltbewusstseinsbildung eingesetzt. Dem Touristen, der gleichzeitig Verbraucher landwirtschaftlicher Produkte wäre, käme hier eine besondere Rolle als Regulator für die Erzeugerqualität zu.
Die aussichtslose wirtschaftliche Lage vieler Kaffeepflanzer in Nord-Wynaad könnte zur Triebfeder für Nutzungsänderungen ihrer Plantagen als Orte des Öko-Agro-Tourismus und eine Umorientierung hin zu mehr Biodiversität werden. Kaffeeplantagen als Polykultursysteme mit einem hohen Maß an Agro- und natürlicher Bioiversität könnten ein Verbundsystem von Biotopen für viele Arten bilden, denn sie nehmen flächenmäßig neben Waldplantagen und Schutzgebieten den größten Raum in der Region Nord-Wynaad ein. Ein so entstehendes Biodiversitätsverbundsystem könnte der Zerstörung bzw. weitgehenden Fragmentierung natürlicher Lebensräume als einer der Hauptursachen des Rückgangs von Artenvielfalt entgegenwirken.
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